2 | 2023, Deutschland, Foto-Stories, Indonesien,
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Kendeng schützen heißt Klima schützen

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Südostasien: Junge Aktivist*innen erzählen im Sammelband “Klima ist für alle da” von den Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Leben. Vorgestellt werden einige inspirierende große und kleine Initiativen.
Im englischen Original heißt das 2020 veröffentlichte Buch United we are unstopable und transportiert viel deutlicher die Wucht seiner Botschaft als der deutsche Titel Klima ist für alle da. Herausgeber Akshat Rathi, promovierter Biochemiker und Klima-Journalist in London, gibt darin 60 jungen Aktivist*innen aus aller Welt eine Plattform, um ihre inspirierenden Geschichten zu teilen und eindrückliche Appelle an Politik und Gesellschaft zu richten.
Die Einleitung informiert leicht verständlich darüber, wie die Diskussion um den Klimawandel in den letzten rund 100 Jahren verlaufen ist. Die Beiträge der einzelnen Autor*innen sind nach Kontinenten unterteilt. Zwischen den einzelnen Berichten wird der Einfluss des Klimawandels auf die jeweilige Region oder das Land erklärt.
Was schnell klar wird: Der Klimawandel ist überall; alle sind betroffen, auch wenn sich die Ressourcen zur Bewältigung der Auswirkungen unterscheiden. In den persönlichen Geschichten zeigen sich die regional unterschiedlichen Facetten des Klimawandels. Aus Südostasien kommen drei Menschen zu Wort: sie leben in Myanmar, Malaysia und den Philippinen. Sie berichten von extremen Wetterereignissen, die auf den Philippinen und in Myanmar Dürren und Überflutungen hervorrufen, vom Anstieg des Meeresspiegels, wodurch zum Beispiel in Myanmar das Grundwasser versalzen wird oder von Waldbränden und Überschwemmungen in Malaysia.
Htet Myet Min Tun aus Myanmar beginnt seinen Beitrag damit, wie der Zyklon Nargis 2008 sein Land verwüstete – für ihn ein traumatisches Erlebnis. Als er in der Schule mehr über den Klimawandel lernt, fasst er den Entschluss, sich für eine stärkere öffentliche Wahrnehmung einzusetzen und später selbst in die Politik zu gehen. Der 18-Jährige macht sich viele Gedanken und legt dar, dass es in seinem von Armut und Ungleichheit geprägten Land besonders schwierig sei, ein Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen. Denn die Menschen müssten ums tägliche Überleben kämpfen, um ihre Grundrechte, um ärztliche Versorgung oder den Schulbesuch für die Kinder. Er ist überzeugt, dass genügend Wissen und Technologien vorhanden seien, um dem Klimawandel entgegenzutreten – was es wirklich brauche, seien aber Beharrlichkeit und Entschlossenheit, diese auch einzusetzen.
Liyana Yamin aus Malaysia ist in der Malaysischen Jugenddelegation, kurz MYD, aktiv. Dies sei die einzige Jugendorganisation in Malaysia, die sich für Klimapolitik engagiere. MYD organisiert Schulungen und Gespräche und informiert die Politik über den Klimawandel. Die 27-jährige Liyana hat Überschwemmungen und Waldbrände miterlebt. Sie findet es wichtig, Jugendliche an der Gestaltung von Lösungsansätzen zu beteiligen. Gleichzeitig müsse die gesamte Gesellschaft mitgenommen werden, damit die nötigen Veränderungen beispielsweise in der Landwirtschaft oder im Energie- und Verkehrssektor von allen getragen würden.
Albrecht Arthur N. Arevalo aus den Philippinen arbeitet als Jugendbetreuer mit verschiedenen NGOs, Glaubensgemeinschaften und der Regierung zusammen. Er betont, welche Folgen der Klimawandel für die Menschen hat, wie er die Wasser- und Nahrungsmittelversorgung beeinflusst und sich auf die Menschenrechte der indigenen Völker, Bauern und Fischer auswirkt. Leider wird in seinem Beitrag nicht wirklich deutlich, wie Jugendarbeit und Klimaschutz in seinem Leben zusammenhängen
Es ist beeindruckend zu lesen, wie eloquent und fokussiert sich die teils noch sehr jungen Autor*innen – sie sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zwischen 11 und 30 Jahre alt – artikulieren, was sie bewegt, und wie entschlossen sie sind, im Kleinen und im Großen Veränderung herbeizuführen. Es zeigt das Selbstverständnis einer Generation, sich nicht den Folgen des Klimawandels zu ergeben, sondern gemeinsam aktiv zu werden. Der Wunsch nach Klimagerechtigkeit und Artenschutz schwingt in einigen Beiträgen mit. Manchmal ist es auch persönliche Betroffenheit, wie bei Htet Myet Min Tun aus Myanmar und Liyana Yamin aus Malaysia, die extreme Wetterereignisse miterlebten und sich um die Zukunft ihrer Mitmenschen sorgen.
In den Texten benennen die Aktivist*innen einige Herausforderungen, vor denen sie stehen. Durch die Berichte aus verschiedenen Teilen der Erde wird deutlich, wie unterschiedlich diese ausfallen können. Für Albrecht Arthur N. Arevalo aus den Philippinen sind zwei seiner größten Herausforderungen, Menschen von langfristigen und schwierigen Verpflichtungen zu überzeugen und der Mangel an finanziellen Ressourcen. Es sei nicht immer möglich, Freiwillige zu finden, sagt er.
Auch politische Repression erschwert es den motivierten Frauen und Männern, aktiv zu werden. Howey Ou aus der chinesischen Provinz Yunnan beispielsweise protestierte immer freitags vor dem Regierungsgebäude ihres Stadtbezirks, bis die Polizei sie festnahm und verhörte. Um ihren Protest fortzusetzen, wurde sie kreativ und startete die Aktion #PlantForSurvival, die Schüler*innen aus dem ganzen Land dazu aufruft, jeden Freitag Bäume zu pflanzen.
Viele Aktivist*innen berichten, wie schwer es sei, für ihre Überzeugung einzustehen, weil beispielsweise ihre Eltern dagegen seien oder Freund*innen äußerten, Protest würde sowieso nichts bringen. Auch von Expert*innen und Politiker*innen fühlen die jungen Menschen sich nicht ernst genommen. Ihnen werde nicht zugetraut, Klimamaßnahmen aktiv mitgestalten zu können, sagen sie.
Das Buch vermittelt auf anschauliche und inspirierende Weise, wie der Klimawandel, die Vermüllung der Welt sowie politische und gesellschaftliche Passivität junge Menschen dazu bringt, mutig und entschlossen dazu beizutragen, dass wir und zukünftige Generationen weiter auf der Erde leben können. Schade ist allerdings, dass nur wenige konkrete Projekte vorgestellt werden. Und leider keines aus Südostasien.
Auf den ersten Blick erweckt Klima ist für alle da den Eindruck, sich eher an Jugendliche und junge Erwachsene zu richten: Die einzelnen Beiträge sind meist kurz gehalten und leicht verständlich geschrieben. Aufgelockert werden sie durch spielerische Grafiken, die Appelle an Gesellschaft und Politik enthalten, knappe Informationen zum jeweiligen Land oder anderen Bezugspunkten aus den Texten, wie zum Beispiel ein Verweis auf den Dokumentarfilm von Al Gore Eine unbequeme Wahrheit.
Das Buch lädt ein, es immer wieder zur Hand zu nehmen, ein oder zwei Beiträge zu lesen und so als Leser*in selbst jedes Mal neu Hoffnung, Inspiration und Tatendrang zu gewinnen, wenn Nachrichten und Alltag es schwer machen, nicht pessimistisch in die Zukunft unseres Planeten zu blicken. Die Energie, die Aufbruchstimmung, der Mut und die intrinsische Motivation der Protagonist*innen, in Aktion zu treten und nicht hinzunehmen, dass der Klimawandel mit schnellen Schritten voranschreitet, steckt an – während Politik und Industrie weiterhin auf die Bremse drücken, wenn es um echte Maßnahmen geht. Das Buch zeigt: Wir alle haben die Macht etwas zu verändern, zur Klimagerechtigkeit beizutragen und uns nicht hinter der Ohnmacht zu verstecken. Wie viele konkrete Initiativen künftige Bücher dieser Art vorstellen können liegt auch in unseren Händen.
Rezension zu: Hrsg. Akshat Rathi. Klima ist für alle da – Wie 60 junge Menschen uns dazu inspirieren, die Welt zu retten. 2021. Verlag Blanvalet. 320 Seiten.
Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 2|2023 – Klima im Wandel, Gesellschaft in Bewegung – Zivilgesellschaftliche Klimabewegungen in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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Indonesiens Regierung setzt auch beim Klimaschutz auf Großinvestitionen – und auf Projekte, die häufig mit Umweltproblemen verbunden sind. Die lokale Bevölkerung bleibt dabei außen vor.
Indonesien ist mit seinen über 18.000 Inseln besonders vom Klimawandel betroffen. Gleichzeitig spielt das Land durch seine Regenwälder auch eine wichtige Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel: Positiv, wenn diese Wälder erhalten, negativ, wenn sie abgeholzt werden. Ist sich die Bevölkerung der Klimakrise bewusst? Welche Maßnahmen ergreift die Regierung? Was machen Nichtregierungsorganisationen (NRO)? Die südostasien hat hierüber mit Puspa Dewy von Walhi (Wahana Lingkungan Hidup Indonesia, Indonesisches Umweltforum) gesprochen.
südostasien: Welchen Stellenwert hat das Thema Klimawandel für die indonesische Regierung?
Puspa Dewy: In nationalen Kreisen wird über Klimawandel häufig diskutiert, weil das auch auf internationaler Ebene ein wichtiges Thema ist. Aber alles ist unserer Ansicht nach noch zu sehr auf die Diskursebene beschränkt. Man spricht halt in großen Worten über ein großes Thema.
Was passiert auf lokaler Ebene, wie sprechen die Kommunen darüber?
Hier liegt die Herausforderung. Die Kommunalverwaltungen haben noch nicht viel Einsicht und Verständnis für die damit verbundenen Probleme. Es bedarf daher noch großer Anstrengungen, damit die Kommunen sowohl Klimawandelfolgen als auch die indonesische Klimaschutzagenda verstehen.
Warum ist das so?
Die meisten Klimaschutzinitiativen finden auf nationaler Ebene statt. Klimaschutz wird von der Exekutive dominiert. Das heißt, die indonesische Regierung ist die treibende Kraft. Vom Parlament selbst, oder von den politischen Parteien, gibt es zu wenig Initiativen. So gab es beispielsweise seitens der politischen Parteien und des Parlaments keine eigenen Initiativen zum Klimaschutzgesetz.
Welche Perspektiven hat die Zivilgesellschaft? Welche Ansichten haben die Menschen zu Klimawandel und Klimagerechtigkeit?
Es gibt viele junge Leute, die sich dafür interessieren und sich damit beschäftigen. Die Herausforderung ist, dass viele Begriffe zum Klimawandel erklärt werden müssen. Denn die Diskussion auf internationaler Ebene ist zu wissenschaftlich und zu unkonkret. In der Zivilgesellschaft werden der Klimawandel und seine Folgen schon verstanden, aber, wie gesagt, alles ist sehr national ausgerichtet. Das Thema Klimagerechtigkeit kennen nur die wenigsten. Das wird eher international diskutiert.
Welche Rolle spielen die Medien bei der Verbreitung von Informationen und im politischen Diskurs?
Die indonesischen Medien schenken der Klimakrise inzwischen mehr Aufmerksamkeit, aber eher ereignisbezogen. Wenn es zum Beispiel Katastrophen gibt, dann werden diese als Folgen des Klimawandels benannt, oder damit in Zusammenhang gebracht. Doch man sieht den Klimawandel eher als ein Naturphänomen, und nicht als ein von Menschen verursachtes Problem. Doch immer mehr Medienschaffende sehen den Klimawandel nicht nur als ‚News‘, sondern berichten umfassender. Doch die meisten Impulse kommen von zivilgesellschaftlichen Gruppen, sie machen Druck, berichten kritisch über lokale Missstände und informieren die Medien darüber.
Haben Unternehmen den Klimawandel als ein wichtiges Thema erkannt, das sich auf die Art und Weise auswirken wird, wie sie wirtschaften?
Tatsächlich gibt es Unternehmen, die über das Klima sprechen. Dabei geht es aber weniger um Klimapolitik oder die Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels, sondern vielmehr um Marketing und Werbezwecke. Auch in der internationalen Zusammenarbeit liegt ein Schwerpunkt auf der Förderung von Unternehmen bei Klimaschutzprojekten. Hierbei wird kein Fokus auf betroffene Gemeinden oder Gruppen gelegt. Es sind meistens Projekte wie Wiederaufforstung oder für Energie, jedoch oft ohne Mittel für betroffene Gemeinschaften. Dabei werden die Opfer des Klimawandels auf lokaler Ebene oft nicht unterstützt. Ihre Gemeinschaftsrechte (hak adat, Gewohnheitsrechte von Gemeinschaften) werden nicht berücksichtigt.
Eines der großen Themen in Sachen Klimaschutz ist die Energiewende von fossiler Energie zu nachhaltiger Energie. Wie sehen Konzepte der Energiewende in Indonesien aus?
Dies ist ein wichtiges Thema der Regierungspolitik. Da die Politik jedoch nicht die Interessen der Bevölkerung vertritt, konzentriert sie sich immer noch auf den Wirtschaftssektor. Denn das Thema Energiewende ist nur auf der Makroebene angesiedelt, es geht um große Investitionen und technologiebasierte Lösungen, die natürlich nicht von den lokalen Gemeinschaften umgesetzt werden können und die oft nicht involviert sind. Wir halten das Energiewendekonzept der Regierung für eine Scheinlösung.
Die Denkansätze der Klimawandelagenda drehen sich darum, wie man von internationalen Geldern für Klimaschutz profitieren kann. Es geht nicht darum, die Sicherheit der Menschen an die erste Stelle zu setzen oder Lösungen für die Gesellschaft bereitzustellen und die Bedingungen für den Umwelt- und Klimaschutz zu verbessern. Das löst das Problem des Klimawandels nicht wirklich, es schafft sogar neue Probleme für die Gesellschaft und Umwelt.
Könntest du dafür konkrete Beispiele nennen?
Wenn wir auf die Nutzung fossiler Energie schauen, und wenn es darum geht, den Anteil des fossilen Energieverbrauchs zu reduzieren, dann sehen wir, dass Unternehmen die meisten fossilen Energien verbrauchen, nicht die Bevölkerung. Daher sollte sich der Druck, den Verbrauch fossiler Energie zu reduzieren sowie Energie effektiv zu nutzen, in erster Linie auf die Großverbraucher, also zunächst die Industrie, konzentrieren.
Oder schauen wir auf Geothermie. Hier werden große Projekte gestartet, ohne die lokale Bevölkerung zu konsultieren. Diejenigen, die später davon profitieren, werden nicht die dort lebenden Menschen sein, sondern Unternehmer*innen. Das sorgt für Unruhe bei der betroffenen lokalen Bevölkerung. Beispielsweise in West-Sumatra gibt es Proteste gegen ein Geothermie- Projekt in Gunung Talang. Oder auch gegen ‚regenerative Energien‘. In Zentral-Sulawesi wird zum Beispiel gegen ein Wasserkraftwerk in Poso protestiert. Bei Protesten reagieren Polizei und Konzerne oft mit brutaler Härte. Immer wieder werden Menschen verhaftet, weil sie gegen ihre Vertreibung und gegen die Zerstörung der Umwelt protestieren.
Die indonesische Regierung geht demnach auf die Interessen von Unternehmern ein und nicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung?
Offensichtlich. Ein weiteres Beispiel sind Elektroautos. Der Fokus liegt auf der Automobilindustrie, und wie man durch den Aufbau der Infrastruktur Elektroautos produzieren kann. Das Ziel der Regierung ist also nicht, die Nutzung von Autos zu reduzieren. Dadurch werden vielmehr Fahrzeuge auf die Straße gebracht, anstatt in die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs zu investieren, von der die breite Bevölkerung profitieren würde.
Kommen wir zum Nickelabbau. Er hat in Indonesien Priorität, da er für die Elektrofahrzeugindustrie wichtig ist, die mit der Klimaschutzpolitik verknüpft ist. In mehreren Regionen, beispielsweise in den Nord- Molukken und Zentral-Sulawesi, hat der Abbau von Nickel und die Weiterverarbeitung in Industrieanlagen die Lage für die Gemeinden vor Ort tatsächlich erschwert. Sie sind schon vom Klimawandel betroffen. Nun werden sie zusätzlich Opfer der Regierungspolitik, die die Wirtschaft in den Vordergrund stellt und lokale Umweltfolgen des Nickelabbaus in Kauf nimmt. Das ist auch der Fall in Süd-Sulawesi, wo es Proteste gegen eine Nickelmine des Konzerns PT Vale Indonesia gibt.
Im so genannten Gesetz zur Schaffung von Arbeitsplätzen (UU Cipta Kerja, auch bekannt als Omnibus-Gesetz) stehen vor allem die Erleichterungen für Investitionen im Vordergrund. Es steht da nichts mehr von Umweltschutz, es geht da nicht darum, lokale Gemeinschaften zu schützen. Es geht vor allem darum, Großinvestoren anzuziehen und ihnen Erleichterungen zu bieten. Das ist der Denkansatz hinter dem Gesetz.
Was muss sich in der internationalen Zusammenarbeit verändern? Sollte sie stärker den Fokus auf die lokale Bevölkerung legen, die schon jetzt unter dem Klimawandel leidet?
Ja, richtig. Bei Walhi versuchen wir, die Menschen mehr zu beteiligen und einzubeziehen. Auch von der internationalen Gemeinschaft erwarten wir mehr Unterstützung. Hierzu werden bislang nur wenige Projekte gefördert.
Wir müssen uns die Frage stellen, wie lokale Gemeinschaften dabei unterstützt werden können, sich stärker für die Themen des Klimawandels zu engagieren. Wie schaffen wir es, dass die indonesische Regierung nicht ausschließlich auf große Investitionen und Technologie setzt, sondern auch auf lokale Gemeinschaften und wissensbasierte Lösungen achtet? Also nicht ein Top-Down-Ansatz, wie es derzeit der Fall ist, sondern ein Bottom-Up-Ansatz, der auf den Ressourcen in den Gemeinschaften aufbaut.
Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen: Hendra Pasuhuk

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Malaysia: Jugendorganisationen engagieren sich vielfältig für den Klimaschutz, klären auf und bringen sich bei Konferenzen ein. Die Klima-Krise kann auch Chancen für die Zukunft beinhalten.
Klimawandelfolgen nehmen auch in Malaysia zu. Der Bevölkerung sind die Ursachen, Herausforderungen und Konsequenzen zunehmend bewusster. Daher übernehmen mehr Malaysier*innen, insbesondere junge Menschen, persönliche Verantwortung und fordern dies auch von ihrer Regierung ein. Zu Klimabewegungen in Malaysia und der Rolle von Jugendorganisationen haben wir den Klimaaktivisten Julian Theseira befragt.
südostasien: Wie ist Malaysia vom Klimawandel betroffen?
Julian Theseira: Die durchschnittliche Lufttemperatur in Malaysia wird zum Beispiel bis zum Jahr 2050 um bis zu 1,6 Grad Celsius wärmer sein. Der städtische ‚Hitzeinsel-Effekt‘ in dicht besiedelten Gebieten wird das noch verstärken und das Risiko von Gesundheitsfolgen wie Hitzeschlag erhöhen.
Generell werden für die malaiische Halbinsel im Zeitraum 2025-2035 und in den malaysischen Bundesstaaten Sabah und Sarawak auf der Insel Borneo im Zeitraum 2045-2055 schwere Trockenperioden prognostiziert. Malaysia wird voraussichtlich auch vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sein. Diese und andere Auswirkungen zeigt der Bericht an das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) (Third National Communication and Second Biennial Update Report) aus dem Jahr 2018 auf.
Welche Region ist besonders betroffen?
Besonders das Klang Valley, die größte und wirtschaftlich bedeutendste Metropolregion, in der auch die Hauptstadt Kuala Lumpur liegt, ist anfällig für Klimaauswirkungen. Bis 2050 werden die jährlichen Niederschläge in der Region voraussichtlich 10,6 Prozent über dem historischen Durchschnitt liegen. Außerdem wird der durchschnittliche jährliche Abfluss im Einzugsgebiet des Klang-Flusses voraussichtlich um fünf Prozent über dem historischen Niveau liegen. Dies erhöht das Überschwemmungsrisiko in der ohnehin hochwassergefährdeten Region.
Wer ist in Malaysia in der Klimabewegung aktiv?
Seit seiner Gründung in den 1990er-Jahren engagieren sich malaysische Organisationen im Climate Action Network (CAN), dem weltweit größten Netzwerk von Klimaorganisationen. Auch die malaysische Jugend hat sich in den letzten Jahren zunehmend für den Klimaschutz engagiert. Im Jahr 2015 wurde im Vorfeld der COP 21 die Malaysian Youth Delegation (MYD), Malaysias erste jugendgeführte Klimaorganisation, gegründet, um die malaysische Jugend bei internationalen Klimaverhandlungen zu vertreten. Seitdem wurden auch andere jugendzentrierte Klimaorganisationen wie EcoKnights und Klima Action Malaysia (KAMY) gegründet.
Gibt es eine Fridays for Future-Bewegung in Malaysia?
Nein, und zwar aufgrund von gesetzlichen Einschränkungen für Streiks und Demonstrationen. Klimaaktivismus findet in anderen Formen statt.
Wo liegen stattdessen die Schwerpunkte?
Bei den Jugendorganisationen hat MYD den Fokus auf dem Aufbau von Klimakompetenzen, auf Politikforschung und auf Lobbyarbeit gegenüber politischen Entscheidungsträgern*innen und Verhandler*innen. KAMY konzentriert sich mehr auf die Interessenvertretung und Mobilisierung an der Basis. EcoKnights macht Bildungsarbeit und stärkt die Kompetenzen Jugendlicher.
Was sind die Hauptforderungen der Klimaaktivist*innen? Was möchte die Jugend?
Die malaysischen Klimaaktivist*innen fordern eine schnellere Energiewende und die Reduzierung der Abholzung, um die CO2-Emissionen Malaysias zu verringern. Die malaysische Regierung soll die Ausarbeitung eines Nationalen Anpassungsplans (National Adaptation Plan, NAP) beschleunigen. Dieser soll das Land auf die zunehmenden Klimawandelfolgen vorbereiten. Die Jugend-Klimaaktivist*innen fordern zudem die Einbeziehung des Themas Klimawandel in das Bildungssystem, zum Beispiel dessen Aufnahme in Lehrpläne. Außerdem sollte die Regierung mit Gruppen, die sich für Klimaschutz engagieren, zusammenarbeiten und sie unterstützen.
Welche Rolle spielen soziale Medien und das Internet für den Klimaaktivismus?
Soziale Medien sind sehr wichtig für die Klimabewegung. In einer UNICEF-Studie von 2020 nannten 83,6 Prozent der Befragten soziale Medien als ihre Hauptinformationsquelle zum Thema Klimawandel. Klimaorganisationen wie MYD nutzen soziale Medienplattformen zur öffentlichen Aufklärung und für Advocacy-Arbeit. Es gibt in der malaysischen Jugend auch ‚Klima-Influencer’, denen auf Social Media zahlreiche Menschen folgen.
Wie sind Aktivist*innen, Gruppen und die malaysische Klimabewegung mit anderen Bewegungen in Südostasien und anderen Teilen der Welt verbunden?
Mehrere malaysische Klimaorganisationen, darunter MYD, sind Mitglieder von CAN, dem weltweit größten Netzwerk von Klimaorganisationen. Sie koordinieren sich mit Klimaorganisationen in anderen Ländern bei Kampagnen, zum Beispiel zum Thema Klimaschäden und -verluste und bei Projekten zu Just Transition. MYD und andere Jugendorganisationen sind Mitglieder von YOUNGO, der offiziellen Jugendrepräsentanz der UNFCCC. Bei internationalen Klimakonferenzen koordiniert sich MYD mit YOUNGO und CAN. In Malaysia organisiert MYD die Lokale Jugendkonferenz (MYLCOY), um die malaysische Jugend über internationale Klimapolitik und -diplomatie zu informieren.
Wie wird in der Bevölkerung die Klimakrise wahrgenommen?
In der UNICEF-Umfrage hielten 92 Prozent der jugendlichen Befragten den Klimawandel für eine Krise. Neun von zehn der Teilnehmenden erklärten, dass sie persönlich etwas gegen den Klimawandel tun. Dabei überwogen Abfallreduzierung und Recycling. 86 Prozent einer von der Monash University Malaysia unter Erwachsenen durchgeführten Umfrage im Jahr 2022 sagten, dass die Regierung mehr Anreize für Menschen schaffen solle, die sich um die Eindämmung des Klimawandels bemühen.
Wie nehmen Malaysias Politiker*innen die Klimakrise wahr?
Für malaysische Politiker*innen hat das Thema Klima noch keine Priorität. Greenpeace Malaysia untersuchte 2022 das Abgeordnetenverhalten in der letzten Legislaturperiode von 2018 bis 2022. Nur 8,4 Prozent der parlamentarischen Anfragen betrafen Umweltthemen, einschließlich des Klimawandels.
Wird die Regierung ihre Klima-Ziele erreichen? Was könnte sie besser machen?
Malaysia könnte ehrgeiziger seine Emissionen reduzieren. Malaysias überarbeiteter Nationaler Klimabeitrag (Nationally determined contributions, NDC) betont die Reduzierung der Kohlenstoffintensität im Verhältnis zum BIP um 45 Prozent bis 2030 im Vergleich zum Niveau von 2005 [Erklärung d.R.: Die Menge an Emissionen von Kohlendioxid, die pro Einheit des Bruttoinlandsprodukt (BIP) freigesetzt wird, siehe UBA]. Doch selbst wenn Malaysia seine Kohlenstoffintensität erfolgreich reduziert, könnten Emissionen weiter ansteigen, wenn die Wirtschaft weiter wächst. Malaysia sollte daher eine absolute Verringerung seiner CO2-Emissionen anstreben. Malaysia ist immer noch auf fossile Brennstoffe wie Kohle, Gas und Öl angewiesen, um 80,96 Prozent seiner Elektrizität (2022) zu erzeugen. Durch die Transformation des Stromsektors hin zu erneuerbaren Energien könnten Emissionen verringert werden. Malaysia sollte seinen nationalen Anpassungsplan schnell finalisieren.
Konnten Sie und Ihre Organisation erfolgreich Einfluss auf die Klimapolitik der malaysischen Regierung nehmen?
MYD hatte einen gewissen Einfluss auf den aktualisierten Nationalen Beitrag (NDC) Malaysias. Einige MYD-Mitglieder, darunter auch ich, hatten einen Maßnahmenvorschlag für naturbasierten Hochwasserschutz im Klang Valley entwickelt. Der Entwurf kam in die Endrunde eines von der UNFCCC im Rahmen des Technical Examination Process on Adaptation (TEP-A) organisierten Wettbewerbs für Nachwuchspolitik. Einige Inhalte wurden dem malaysischen Umweltministerium während einer öffentlichen Konsultationssitzung mit der Zivilgesellschaft im Rahmen der Aktualisierung des malaysischen NDC mitgeteilt. In dessen Anhang werden nun die Umsetzung einer naturbasierten Infrastrukturgestaltung und die Annahme des Konzepts der grünen Stadt zur effizienten Bewältigung künftiger Klimarisiken erwähnt, was Ideen aus dem MYD-Papier aufgreift.
Was wünschen Sie sich von der Weltgemeinschaft im Umgang mit der Klimakrise? Was erwarten Sie von Deutschland?
Industrieländer tragen mehr historische Verantwortung für die Verursachung der Klimakrise, und haben mit der Nutzung fossiler Brennstoffe für Industrialisierung und Wirtschaftswachstum profitiert. Industriestaaten wie Deutschland sollten daher Finanzierung, Technologie und Fachwissen bereitstellen, um ‚Entwicklungsländern‘ wie Malaysia zu helfen, ihre Energiewende zu beschleunigen und Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Außerdem sollten sie Ressourcen bereitstellen, um ‚Entwicklungsländern‘ bei der Anpassung und beim Aufbau von Widerstandsfähigkeit gegen Klimawandelfolgen zu unterstützen.
Und was sollte Malaysia tun?
Malaysia und weitere ‚Entwicklungsländer‘ sollten die Klimakrise als Chance nutzen, um eine nachhaltigere Wirtschaft und Gesellschaft aufzubauen, in der die Menschen innerhalb der planetaren Grenzen Wohlstand genießen können. Sie sollten nicht die Fehler der Industrieländer wiederholen.
Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Raphael Göpel

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Thailand: Nanticha Ocharoencha organisierte die ersten Klimastreiks im Land. Mittlerweile engagiert sie sich stattdessen in der Umweltbildung. Wie es dazu kam, schildert sie in diesem Beitrag.
Nanticha ‚Lynn‘ Ocharoencha schrieb für die Ausgabe 1/2020 What do we want? Climate justice! der südostasien über Klimadebatten und -demonstrationen und forderte schnellen und pragmatischen Umweltschutz in Thailand. Dann kam die Corona-Pandemie. Lynn verlagerte ihr Engagement. Was ist aus ihr geworden? Auf Anfrage der südostasien hat sie den folgenden, sehr persönlichen Erfahrungsbericht verfasst.
2019, im letzten Semester meines Studiums, organisierte ich den ersten Klimastreik in Thailand. Ich war damals 21 und Greta Thunberg etwa 16. Wie Millionen andere junge Menschen wollten wir beide die Welt retten. Wir haben es versucht.
In meiner Vorstellung war 2050 das Jahr, in dem die Hölle losbrechen würde. Die Temperaturen würden in die Höhe schießen und unsere planetaren Grenzen weit überschreiten. Die Bienen würden aussterben und das Nahrungsmittelsystem zusammenbrechen. Ich kaufte mir in einem Antiquariat das Buch The Uninhabitable Earth von David Wallace-Wells, las aber nie mehr als das erste Kapitel, weil es mir so unerträglich düster und lähmend hoffnungslos vorkam, mir so meine Zukunft vorzustellen. Ich habe immer davon geträumt, später einmal ein kleines Stück Land zu besitzen, um darauf zu zelten und zu gärtnern, aber ich habe diese Idee verworfen und stattdessen viel geweint.
Als die Covid-19-Pandemie ausbrach, habe ich die Streiks unterbrochen und bin seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Man hört immer wieder von Künstler*innen, die für eine Weile von der Bildfläche verschwinden, eine Art Winterschlaf halten. Die einen ruhen sich aus, die anderen suchen nach Inspiration. Ich habe mich zurückgezogen, um erwachsen zu werden.
Seitdem sind etwa vier Jahre vergangen. Ich habe gelernt, wie viel ich nicht wusste. Als ich 21 war, wollte ich fossile Brennstoffe abschaffen. Rückblickend verstehe ich jedoch kaum, warum. Ich verstand sicherlich nicht das Prozedere der Gewinnung fossiler Brennstoffe oder wie sie finanziert wurden. Ich kannte die Ergebnisse des IPCC-Berichts (Sachstandsbericht des Weltklimarats), aber ich erkannte nicht die Grenzen seiner Methodologie und Extrapolationen der Datensätze. Ich wusste nur, dass wir sofort aus den fossilen Brennstoffen aussteigen und auf erneuerbare Energiequellen umsteigen müssen.
Als Aktivistin hätte ich besser informiert sein sollen. Aber was kann man von einer 21-Jährigen erwarten? Sie war leidenschaftlich, aber schließlich noch keine Wissenschaftlerin, Ingenieurin oder Politikerin. Letztendlich hatte sie sich nur im Internet über den Klimawandel informiert und wollte einfach etwas dagegen tun.
Innerhalb weniger Jahre habe ich viel über die Welt der Erwachsenen gelernt – und man muss sehr rasch lernen, um in einer so schnelllebigen Welt nicht den Anschluss zu verlieren. Ich habe gelernt, wie die Karriereleiter funktioniert, aber ich habe auch gelernt, dass das Leben nie nur schwarz oder weiß ist, und dass auch das Grau nie wirklich sicher ist.
Als ich – völlig unerwartet – zur Klimaaktivistin wurde, wusste ich nicht, wie die Gesetze zur Solarenergie in Thailand funktionierten. Ich wusste nicht, wie unrentabel es für gewöhnliche Menschen war, Solaranlagen auf ihren Häusern zu installieren, und was nötig wäre, um das zu ändern. Ich wusste auch nicht, wie sich der Umstieg auf Solarenergie auf Arbeitsplätze, Industrien und den Lebensunterhalt vieler Menschen auswirken würde. Ich wusste auch nicht, wem die größten Erdgasvorkommen des Landes gehörten, warum das die Politik beeinflussen würde, und was passieren kann, wenn man sich mit den falschen Leuten anlegt.
Aber als junge Menschen war es noch nie unsere Aufgabe, all dies zu wissen. Tatsächlich liegt es in unserer Natur und in unserer Macht, nicht zu wissen, uns zu wundern, das Unhinterfragte infrage zu stellen und das Unversuchte anzugehen.
Wahrscheinlich war es Naivität, die den 18-jährigen Boyan Slat glauben ließ, er könne den so genannten Großen Pazifischen Müllteppich beseitigen – also baute er einen Roboter, um genau das zu tun. Doch war es eine erfolgreiche Erfindung? Für viele Biolog*innen nicht unbedingt – es entstanden diverse Probleme, die dem Meeresleben schaden und zu weiterer Verschmutzung führen können. Jetzt jedoch weiß er Bescheid und testet weiter neue Roboter, die hoffentlich eines Tages genauer funktionieren.
Ist Kernkraft eine Lösung? Sie kann enorme Mengen an Energie erzeugen, hinterlässt aber einen Haufen radioaktiver Abfälle, von denen wir nicht wissen, was wir damit anfangen sollen. Es liegt jedoch auch in den besonderen Fähigkeiten des Menschen, uns Lösungen zu überlegen.
Als Jugendliche ist es unsere Pflicht, zur Schule zu gehen – jeden Tag zu lernen, uns niemals einer Idee zu verschließen oder in einer Echokammer gefangen zu sein, die unseren Fortschritt behindert und unsere Möglichkeiten begrenzt. Im Laufe der Jahre ist das Geschichten erzählen für mich ein Mittel geworden, die Welt besser zu verstehen, Fakten zu sammeln und sie mit anderen Menschen zu teilen. Durch diese Geschichten bin ich ein Stück erwachsener geworden. Und ich werde es weiterhin, jeden Tag, indem ich mein Wissen auffrische und meine Haltung als Aktivistin und Journalistin aufs Neue überdenke.
Es ist ebenso wenig die Aufgabe der Erwachsenen, alles zu wissen. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, die Jugendlichen mit dem, was sie tun, zu unterstützen, anstatt sie zu beschimpfen und ihnen vorzuwerfen, sie wüssten es nicht besser. Ihre Aufgabe ist es, ihre Schützlinge anzuleiten und zu unterstützen und jung zu bleiben, das heißt neugierig zu bleiben, Missverständnisse zuzugeben, bereit zu sein, die eigene Meinung zu ändern, von dem zu träumen, was Erwachsene für unmöglich halten, und den Mut zu haben, es zu verwirklichen.
Es ist schon ein paar Jahre her, seit ich das letzte Mal einen Klimastreik in Thailand organisiert habe, und auch ein paar Jahre seitdem ich meinen Abschluss gemacht habe. In der thailändischen Sprache gibt es die Wörter pi und nong, um eine Person zu bezeichnen, die älter oder jünger ist – wie eine kleine Schwester oder eine große. Ich war lange Zeit eine nong und bin für viele nun eine pi geworden. Manchmal frage ich mich, ob mein jahrelanger Klimaaktivismus nicht umsonst war, als ich damit aufhörte. Ab und zu schreibt mir ein*e Schüler*in aus der Oberstufe und fragt mich, wie man zur Rettung des Planeten beitragen kann. Obwohl ich das immer noch nicht herausgefunden habe, ist es zumindest schön zu wissen, dass ich einer nong beim Erwachsenwerden helfen kann.
Übersetzung aus dem Englischen von: Lydia Bucher

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Südostasien: Gelder für Klimawandelanpassung müssen den Betroffenen zugute kommen. Werden lokale Bedürfnisse und Wissen einbezogen, gibt es gute, gemeinschafts-basierte, bezahlbare Lösungen.
Den Bedrohungen des Klimawandels wie extremen Wetterereignissen und dem Anstieg des Meeresspiegels sind die marginalisierten städtischen, ländlichen und küstennahen Gemeinden Südostasiens besonders ausgesetzt. Südostasiatische Länder sind von der Klimakrise unverhältnismäßig stark betroffen und leiden unter dem Verlust von Menschenleben, Vertreibung, wirtschaftlichem Abschwung und Ernährungsunsicherheit. Vor diesem Hintergrund benötigt Südostasien dringend Ressourcen zur Abschwächung der Auswirkungen des Klimanotstands, um Menschenleben zu retten, Lebensgrundlagen zu sichern, Armut zu lindern und die Umwelt zu schützen.
Von Seiten des Globalen Nordens eigentlich zugesagt, ist die Bereitstellung „neuer und zusätzlicher Finanzmittel durch die Industrieländer, die die vereinbarten vollen Kosten [des Klimawandels und der Dekarbonisierung], die den Entwicklungsländern entstehen, abdecken„. Die Industrieländer haben sich verpflichtet, bis 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar für die Klimafinanzierung bereitzustellen, was bis 2023 verlängert wurde, da diese Zusagen bisher nicht eingehalten werden konnten.
Von 2000 bis 2019 haben die Länder Südostasiens insgesamt 56 Milliarden US-Dollar an Klimafinanzierung erhalten, was gerade mal vier US-Dollar pro Person und Jahr entspricht. Die offensichtlich unzureichende Klimafinanzierung in der Region führt zu Ungleichheiten, da Indonesien, die Philippinen und Vietnam den Großteil dieser Mittel erhalten und daraus ihre Verkehrs-, Energie- und Agrarsektoren finanzieren. Darüber hinaus werden zwar insgesamt 28,37 Milliarden US-Dollar für Klimaschutzmaßnahmen in der Region bereitgestellt, aber nur 10,42 Milliarden US-Dollar sind für Anpassungsprogramme vorgesehen, die für die Reaktion der Länder auf und die Erholung von Naturkatastrophen entscheidend sind.
Die Finanzierungslücke, die größtenteils darauf zurückzuführen ist, dass die Geldgebenden ihre Zusagen nicht einhalten, hat zu einer Finanzialisierung [Zunehmende Bedeutung der Kredit- und Kapitalmärkte auch in Sphären jenseits des Finanzsystems. d.R.] der Klimafinanzierung geführt. Dies zeigt sich in der Förderung grüner Anleihen und Garantien durch ‚Finanzierungsfazilitäten‘ [Zusagen von Regierungen oder internationalen Organisationen, in bestimmten Fällen – wie Naturkatatrophen – Finanzhilfen oder Kredite zu gewähren, d.R.], vorangetrieben von Finanzinstitutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank (WB), der Asian Development Bank (ADB, Asiatische Entwicklungsbank) und der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB, Asiatische Infrastrukturinvestmentbank), die in der Region tätig sind. Während die Unternehmen aus den Klimakrediten und ihrer Förderung falscher, marktbasierter Lösungen Profit schlagen können, werden die ‚Entwicklungsländer‘ mit zusätzlichen Schulden belastet, was zu Haushaltskürzungen für wichtige soziale Dienste und Klimainitiativen führt.
‚Grüne Anleihen‘ oder „Finanzinstrumente, die grüne Projekte finanzieren und den Anlegenden regelmäßige oder feste Einkommenszahlungen bieten„, werden zunehmend eingesetzt, um Finanzmittel für Projekte zur Bekämpfung der Auswirkungen des Klimawandels zu mobilisieren und gleichzeitig Steueranreize für Anlegende zu schaffen. In den Philippinen wurde die erste ‚grüne Anleihe‘ in Höhe von 225 Millionen US-Dollar von AP Renewables Inc. (APRI), einer Tochtergesellschaft der Aboitiz Power Corporation, für die Sanierung der Tiwi-MakBan-Geothermieanlagen im Jahr 2016 ausgegeben. Die ADB stellte ein zusätzliches Darlehen in Höhe von 37,89 Millionen US-Dollar zur Kreditverbesserung bereit.
Die Tiwi-MakBan-Anlagen waren ursprünglich öffentliches Eigentum, wurden aber privatisiert und von APRI erworben. Nun werden die Anlagen von der SM Investments Corporation (SMIC) betrieben, um die Kohlenstoffemissionen aus ihrer Geschäftstätigkeit auszugleichen. Die Anleihen förderten den Geschäftsbetrieb von APRI und SMIC – beides Unternehmen, die sich im Besitz der reichsten Familien der Philippinen befinden, mit einem Nettovermögen von 12,6 Milliarden US-Dollar bzw. 2,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022, während das Land 215 Milliarden US-Dollar an Schulden anhäufte.
In Indonesien wurde die ‚grüne Anleihe‘ in Höhe von 95 Millionen US-Dollar, die für das Projekt Royal Lestari Utama, eine Initiative zur Förderung der „nachhaltigen Naturkautschukproduktion“ von Michelin und Barito Pacific, ausgegeben wurde, zur Zerstörung von fast 8.500 Hektar Waldland verwendet. Das Projekt hat zu massiver Abholzung geführt, um Platz für Kautschukplantagen zu schaffen, was mit dem Verlust der biologischen Vielfalt und der Bedrohung der Lebensgrundlagen der Menschen einhergeht. Ursprünglich hatte das Projekt erklärt, zur Wiederaufforstung beizutragen. Hinter dem Projekt steht jedoch das Ziel, die Kautschukproduktion in Indonesien effizient zu steigern, und zwar durch Michelin und seinen lokalen Partner Barito Pacific, der zu einem der größten indonesischen Mischkonzerne gehört, der schon in der Vergangenheit zu massiven Umweltzerstörungen beigetragen hat.
Die der Klimafinanzierung zugrunde liegenden Strukturen werden nach wie vor durch ungleiche Machtverhältnisse zwischen den Staaten bestimmt, die ihre Wurzeln in der Ausbeutung durch die früheren Kolonialmächte haben. Dies lässt sich am Fortbestehen des Klimakolonialismus bzw. -imperialismus ablesen: Die „Klimakrise ist eine Erweiterung des extraktiven Modells des Kolonialismus„. Für die südostasiatischen Länder, die jahrhundertelang kolonialisiert und ausgebeutet wurden, ist die historische Verpflichtung der ehemaligen Kolonialmächte zur Klimafinanzierung von zentraler Bedeutung. Die Kolonialmächte von damals sind heute entwickelte Industrieländer, die den Klimawandel seit langem maßgeblich anfachen. Folgerichtig müssen sie zur Klimafinanzierung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen in den ‚Entwicklungsländern‘ beitragen.
Die bestehende Architektur der Klimafinanzierung zeigt die Vielfalt der Ströme aus bilateralen und multilateralen Kanälen, mit separaten Fonds und Finanzierungspools für bestimmte Programme und Länder auf. Geber*innen und Unternehmen haben ein System aufrechterhalten, das sicherstellt, dass ihre Rückstellungen für die Klimafinanzierung in ihre eigenen Volkswirtschaften zurückfließen, indem sie Kredite und marktbasierte Klimalösungen fördern. Auf diese Weise bleiben wichtige Finanzmittel für die Gemeinden, die mit den schlimmsten Folgen der Klimakrise konfrontiert sind, unerreichbar.
Da sich die negativen Auswirkungen der Klimainitiativen in den Communities verstärken, weil der zivilgesellschaftliche Raum in der Region schrumpft, sind Menschen zudem vermehrt Angriffen und Bedrohungen ihres Lebens und ihrer Rechte ausgesetzt. In Südostasien sind die Philippinen nach wie vor das tödlichste Land für Umweltschützende. 2019 wurden 43 Umweltschützer*innen, die sich vor allem gegen Umweltzerstörung wie Abholzungs-, Staudamm- und Bergbauprojekte wehrten, von bewaffneten Kräften getötet. In Vietnam wurde der Umweltanwalt Dang Dinh Bach, der sich für die Energiewende und Klimainitiativen im Land eingesetzt hat, von der Regierung zu Unrecht inhaftiert. Bis heute gehen Repressionen gegen Umweltschützer*innen weiter.
Die Klimagerechtigkeitsbewegung in Südostasien und im gesamten Globalen Süden fordert weiterhin die Entkolonialisierung der Klimafinanzierung, da es eine grundlegende Verschiebung von Macht und Ressourcen erfordert, um die Klimakrise wirklich anzugehen. Dies würde weltweit ‚Entwicklungsländern‘ und den betroffenen Gemeinschaften den Zugang zu einer Klimafinanzierung ermöglichen, die auf ihre eigenen Entwicklungsprioritäten und -bedürfnisse abgestimmt ist. Dekolonisierung heißt, neoliberale, marktorientierte und privatisierte Ansätze für das Klima und die Entwicklung abzulehnen, während lokale Ansätze und indigenes Wissen bei der Bewältigung des Klimawandels bevorzugt werden und die demokratische Kontrolle über Entscheidungen, Systeme und Ressourcen gefördert wird. Es besteht auch die unmittelbare Notwendigkeit, die Klimafinanzierung auf den vier Grundsätzen der Entwicklungseffizienz zu verankern: demokratische Eigenverantwortung der Länder, Ergebnisorientierung, integrative Partnerschaften sowie gegenseitige Transparenz und Rechenschaftspflicht.
Konkret zeigt sich dies in der Förderung von alternativen Energiesystemen, die Gemeinschaften selbst gehören und die sie betreiben, um die ländliche Elektrifizierung in Südostasien zu erweitern. In Myanmar haben Energiegenossenschaften und gemeindefinanzierte Systeme für erneuerbare Energien Gemeinden in den Bundesstaaten Shan, Karen und Ayeyarwady erschlossen, die noch nicht an das nationale Stromnetz angeschlossen waren. In Ost-Nusa Tenggara in Indonesien wurde ein Kleinstwasserkraftwerk von den Dörfern Lukuwingir und Waimbidi initiiert. In den Philippinen werden mithilfe von Sibol ng Agham at Teknolohiya (SIBAT), einer zivilgesellschaftlichen Organisation, die gemeindebasierte erneuerbare Energiesysteme (CBRES) unterstützt, in Zusammenarbeit mit Bürgerorganisationen und lokalen Regierungsstellen Kleinstwasserkraft- und Windkraftprojekte errichtet. Durch die Bündelung von Finanzmitteln, Ressourcen und Arbeitskräften konnten die Menschen Energiesysteme installieren, die erschwinglich sind, sich in gemeinschaftlichem Besitz befinden und folgerichtig gemeinsam gewartet werden sowie den Aufbau wirtschaftlicher und anderer Kapazitäten ermöglichen.
Ein alternativer Rahmen, der von sozialen Bewegungen im Globalen Süden vorangetrieben wird, ist die von Menschen getragene Klimapolitik. Dieses Konzept zielt darauf ab, den Menschen im Globalen Süden die Handlungsmacht über ihre eigene Zukunft zurückzugeben, die derzeit weitgehend von dominanten Entwicklungsparadigmen bestimmt wird, die die Interessen von Geldgeber*innen und Unternehmen fördern. „People-powered climate action“ verfolgt einen auf Rechten basierenden und auf die Menschen ausgerichteten Ansatz, der auf dem Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und jeweiligen Fähigkeiten, dem Recht auf Entwicklung und der Geschlechtergerechtigkeit beruht. Dieser Rahmen ist in der Lage, die Überschneidungen zwischen Klima- und Konfliktfragen, der Ungleichheit und der Entwicklung sowie die historische Verantwortung der Geberländer und -unternehmen bei der Bereitstellung von Entschädigungsleistungen für den Globalen Süden hervorzuheben.
Um Klimagerechtigkeit für die Bevölkerung Südostasiens und des gesamten Globalen Südens zu gewährleisten, müssen diejenigen, die am meisten für die aktuelle Klimakrise verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden. Gleichzeitig müssen die Menschen in den Mittelpunkt von Anpassungs- und Minderungsinitiativen gestellt werden. Die Geberländer und -unternehmen müssen ihre Zusagen einhalten und sogar übertreffen. Sie müssen lokale Anstrengungen zur Bewältigung der Klimakrise zulassen und Schritte zur Entkolonialisierung des Systems unternehmen, das weiterhin die Umwelt schädigt und die Rechte der Menschen verletzt. Nur durch die Entkolonialisierung der derzeitigen Finanzstrukturen und die Lokalisierung von Klima- und Entwicklungsinitiativen kann sichergestellt werden, dass die von der Klimakrise am stärksten betroffenen Gemeinden im Mittelpunkt der Antwort auf den Klimanotstand stehen.
Übersetzung von: Lydia Bucher, Mirjam Overhoff und Raphael Göpel

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Philippinen: Wo die Landesregierung nicht ausreichend für Klimaschutz sorgt, tun Gemeinden gut daran, dies selbst in die Hand zu nehmen. Aktivistin Estrella Catarata erzählt im Interview mit der südostasien über ihr Engagement für gemeindebasierte, erneuerbare Energiesysteme.
Die Philippinen gehören zu den Ländern, die – aufgrund der schnellen Erderwärmung – am stärksten von extremen Wetterereignissen betroffen sind. Die steigende Nachfrage nach Strom in dem weitgehend von fossilen Energien abhängigen Land erschwert die Situation. Viele abgelegene Gemeinden sind bislang nicht an das Stromnetz angeschlossen, aber von zunehmender Umweltzerstörung durch große Bauvorhaben bedroht. Die Organisation SIBAT Inc. (Sibol ng Agham at Teknolohiya /Quelle der Wissenschaft und Technologie) unterstützt netzferne, abgelegene Gebiete mit Technologien für gemeindebasierte Mikrowasser-, Solar- und Windkraftanlagen. Estrella Catarata, Direktorin von SIBAT Inc. spricht über ihre Arbeit mit ländlichen und indigenen Gemeinschaften und die Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen im Hinblick auf Klimagerechtigkeit.
südostasien: Was sind die Ziele und Schwerpunkte von Sibol ng Agham at Teknolohiya (SIBAT)?
Estrella Catarata: SIBAT wurde 1985 in den Philippinen gegründet. Unser Ziel ist es, benachteiligten Gemeinschaften geeignete Technologien zur Verfügung zu stellen, die auf die Bedürfnisse der marginalisierten Gruppen zugeschnitten sind, insbesondere für Bäuerinnen, Bauern und Indigene Völker. Dabei unterstützen wir Gemeinden bei der Entwicklung und Beschaffung von Technologien, die die Umwelt nicht zerstören, sondern vielmehr die Biodiversität und die natürlichen Ressourcen in den Gemeinden erhalten und schützen. Der Grundsatz unseres Programms beruht auf der Beteiligung der Gemeinschaft bei der Umsetzung der Projekte, wobei die Gemeinschaft im Entscheidungsprozess mitbestimmt und aktiv an der Umsetzung dieser Projekte teilnimmt. SIBAT konzentriert sich auf den Transfer geeigneter Technologien für eine nachhaltige Landwirtschaft und das Community-Based Renewable Energy System (CBRES). Das CBRES-Projekt versorgt insbesondere netzferne, abgelegene Gebiete in den Philippinen mit Strom, indem es auf Mikrowasser-, Solar- und Windkraftanlagen setzt. Unsere Organisation ist bisher Partnerschaften mit verschiedenen Gemeinden eingegangen, insbesondere in der Cordillera Region sowie in den Provinzen Mindoro, Palawan und Samar.
Warum hat SIBAT einen gemeinschaftsbasierter Ansatz gewählt?
Uns ist wichtig, dass die Menschen sich der Bedürfnisse und Kapazitäten ihrer Gemeinde bewusst sind und an der Planung, Anwendung und Verwaltung der geeigneten Technologie beteiligt werden. Die Gemeinschaft darf nicht nur Empfänger*in, sondern muss vielmehr Partner*in und Teilnehmer*in sein. Auf diese Weise können sie sich aktiver für den Schutz ihrer Gemeinschaft engagieren, wenn ihnen eine geeignete Technologie vermittelt wird, die ihr tägliches Leben erleichtert. In der Tat ist eines der ersten Kriterien von SIBAT bei der Zusammenarbeit mit Partnergemeinden das Vorhandensein eigener Interessenvertretungen oder ein kollektiver Entscheidungswille der Gemeinde. Wenn es keines der beiden gibt, wird die Gemeinde immer ermutigt, zuerst eine Interessenvertretung zu gründen, bevor eine Studie für das Gebiet für ein potenzielles erneuerbares Energiesystem durchgeführt wird. Die Förderung einer kollektiven Entscheidung der Gemeinschaft stärkt nicht nur ihre Kapazitäten, sondern auch ihr Bewusstsein und das Erkennen der aktuellen Situation. Auf Grundlage der Gemeinschaftsbeteiligung wird die Umsetzung von Technologien ermöglicht, die auf die konkreten Bedürfnisse, insbesondere der Landwirte und der einheimischen Bevölkerung, eingehen.
Wie bringt SIBAT Initiativen zur Klimagerechtigkeit in die Partnergemeinden ein?
Die technische Arbeit zum Aufbau gemeindebasierter erneuerbarer Energien ist eine Möglichkeit, die Auswirkungen der Klimakrise zu mildern. Allerdings liegt der Fokus auf Zusammenarbeit und Vernetzung mit den Partnergemeinden, um die Kapazitäten der eigenen Organisationen oder Interessenvertretungen zu erhöhen. Wir halten die Aufklärungsdynamik der Organisationen aufrecht, damit sie erkennen, dass sie das Recht und die Pflicht haben, die biologische Vielfalt zu schützen. Mit der Stadt Cabugao (Provinz Apayao) hat SIBAT ein Projekt initiiert, bei dem mit den Bewohner*innen ein Mikrowasserkraftprojekt installiert wurde. Hintergrund des Projektes war die drohende Vertreibung durch den geplanten Bau von Dämmen. Die Provinzregierung rechtfertigte ihren Plan damit, dass der große Damm für erneuerbare Energien gebraucht würde.
Was wären die Folgen des Staudammbaus?
Dadurch würden die Gemeinden von Cabugao überflutet, die überwiegend von Indigenen bewohnt werden. Die indigenen Gemeinschaften und die LGU (local government unit/lokale Regierungseinheit) wehren sich gegen die existenzielle Bedrohung durch das Staudammprojekt. Bereits jetzt werden viele Gemeinden während der Regenzeiten, wenn die Dämme in Luzon Wasser ablassen, von den Fluten überschwemmt. Doch die Regierung bleibt weiterhin bei ihrem Plan, in Wasserkraft zu investieren. Wenn das Projekt verwirklicht würde, nähme die Not einfacher Leute und indigener Gruppen zu. Viele Menschen verlören ihre Heimat und fänden nirgendwo anders Unterkunft. Aus diesem Grund arbeiten SIBAT und lokale Organisationen mit Hilfe der lokalen Regierung von Cabugao zusammen, um ihre Gemeinden und ihre Wasserquellen durch eigene Mikrowasserkraftprojekte zu schützen. Die Gemeinden werden so nicht nur mit Strom versorgt, sondern schützen ihre Heimat und setzen sich aktiv für den Schutz der Artenvielfalt in ihrem Land ein.
Was bedeutet Klimagerechtigkeit für Sie?
Wenn es soziale Ungerechtigkeit gibt, gibt es auch Klima-Ungerechtigkeit. Und diese wird von Indigenen, Bäuer*innen, marginalisierten Menschen und Aktivist*innen am stärksten empfunden, erlebt und erlitten. In den Philippinen wird es ohne die Achtung der Menschenrechte durch die Regierung keine Klimagerechtigkeit geben. Menschenrechte und Klimagerechtigkeit sind untrennbar miteinander verbunden; die Menschenrechte sind inhärent und universell, und wir können Klimagerechtigkeit nicht durchsetzen, wenn unsere Menschenrechte verletzt werden. Die Menschenrechtsproblematik in den Philippinen behindert Klimaschutzmaßnahmen. Wenn Aktivist*innen versuchen Bedenken zu äußern, indem sie unser Recht auf Leben einfordern und sich kritisch mit der Politik auseinandersetzen, kann die Regierung sie leicht als Terrorist*innen abstempeln (red-taggen) und so abweichende Meinungen unterdrücken und sich der staatlichen Rechenschaftspflicht entziehen.
Hat SIBAT auch solche Erfahrungen gemacht?
Das Team von SIBAT hat red-tagging vor allem bei der Abriegelung von Gebieten während der Covid-Pandemie durch das Militär und die Polizei zu spüren bekommen [red-tagging ist eine Praxis, bei der Individuen und Organisationen beschuldigt werden, Mitglieder oder Unterstützer*innen der kommunistischen New People’s Army (NPA) zu sein, d.R.]. Unser technisches Personal, bestehend aus Ingenieur*innen, wurde regelmäßig verhört und sollte Fragen bezüglich ihrer Arbeit beantworten. Sie wurden als Staatsfeind*innen verdächtigt, da sie in entlegenen Gebieten mit den Einwohner*innen zusammenarbeiten. Ein SIBAT Mitarbeiter kündigte, weil er die Einschüchterung zu spüren bekam. Das Problem ist, wenn eine Person mit einem red-tagging Label versehen wird, kann ihr jederzeit und an jedem Ort alles passieren [Die Folgen von red-tagging können von fiktiven Anschuldigungen und daraus folgenden Schikanen, Verhaftungen, Anklagen, bis hin zu Verschleppungen und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen reichen, d.R.]. Ich kann die Schwierigkeiten verstehen, mit denen Mitarbeiter*innen in entlegenen Gebieten konfrontiert sind, wenn sie wissen, dass die staatlichen Behörden aggressiv handeln. Trotz des Drucks der nationalen Behörden und der ständigen Überwachung konnte SIBAT in diesen Jahren ihre Arbeit irgendwie fortsetzen, da es Lokalregierungen gab, die für das Programm bürgten.
Was könnten zukünftigen Schritte zum Klimaschutz für die Philippinen sein?
Auch wenn wir Gefahr laufen, mit einem red-tag versehen zu werden, müssen wir unsere Mission und Ziele zur Verteidigung der Menschenrechte und der Klimagerechtigkeit fortsetzen – trotz aller Gefahren und egal, wie schwierig die Situation im Moment ist – sonst wird es nie Klimagerechtigkeit in den Philippinen geben. Unsere technische Arbeit zum Aufbau gemeindebasierter erneuerbarer Energien mit Hilfe von Finanzmitteln und Partnerorganisationen wie Misereor oder Green Empowerment wird fortgesetzt. Mit diesem Projekt leisten wir einen Beitrag zu den Auswirkungen der Klimakrise. Aber die Arbeit von SIBAT allein reicht nicht aus. Wir alle müssen dafür Sorge tragen, die Kapazitäten von lokalen Organisationen und Interessensvertretungen zu stärken. Dazu sollten – sowohl international als auch lokal – Netzwerke aufgebaut werden, um eine Vielzahl an Menschen zu versammeln und zu organisieren, damit wir kollektiv Klimagerechtigkeit fordern können. Wir müssen so viele Gemeinschaften wie möglich erreichen.
Übersetzung aus dem Englischen von: Josefine Schmidt und Mirjam Overhoff

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Philippinen/Deutschland: Von der philippinischen Nationalmannschaft in die deutsche Basketball-Bundesliga. Diana Ramos Dehn spricht über ihre außergewöhnliche Karriere in den 70er Jahren in einer bis dahin von Männern dominierten Sportart.
südostasien: Wie kamen Sie dazu, in den Philippinen Basketball zu spielen?
Diana Ramos Dehn: Basketball ist in den Philippinen sehr populär und verbreitet; es ist unser Nationalsport. Seine Bedeutung in der Gesellschaft ist ähnlich wie Fußball in Deutschland. Fast an jeder Ecke, in jedem Dorf, in jeder Schule, an jeder Universität, auf allen öffentlichen Plätzen sieht man Street-Basketball oder sogar ein ganzes Basketballfeld. Street-Basketball wird anders gespielt als Turnierbasketball. Das Feld ist viel kleiner und beide Mannschaften spielen nur um einen Korb. Dementsprechend sind die Regeln natürlich anders. Allerdings sind vorwiegend Männer auf den Spielplätzen zu sehen; kaum Frauen.
Als Kind habe ich mit meinen Cousins viel Street-Basketball gespielt; damals hieß es Backyard-Basketball. Ich konnte relativ gut spielen, vor allem konnte ich präzise Körbe werfen. Während der High School habe ich auch an der Schule viel Basketball gespielt, aber damals war für mich Volleyball interessanter. Außerdem gab es in der Zeit keine Liga für Basketball. Freundschaftsspiele zwischen Schulmannschaften gab es schon. Unsere Schule hatte eine Volleyball-Mannschaft, aber kein Basketballteam. Damals galt Basketball für Mädchen als nicht schicklich und war mehr oder weniger Männern und Jungen vorbehalten. Im Volleyball spielte unsere Mannschaft gegen andere Schulen bis hin zur nationalen Ebene – in der Liga PAVA (Philippine Amateur Volleyball Association). Unsere Schulmannschaft hat mehrere Male den ersten Platz gewonnen.
Was war die nächste Station als Spielerin?
Dann studierte ich an der großen und renommierten University of the Philippines (UP). Dort mussten alle Studierenden Sport-Kurse belegen. Da ich bereits gut spielen konnte und sehr interessiert an Basketball war, immatrikulierte ich mich für einen Anfängerkurs. Meine Sportlehrerin erkannte sofort, dass ich leidenschaftlich und gut spielte und schlug mich für die Universitätsmannschaft vor. Daraufhin wurde ich für einen Probetermin eingeladen, bei dem neue Spielerinnen für die kommende Saison vorgestellt und ausgewählt wurden. Ich wurde ausgesucht und sollte sofort zum nächsten Training kommen. Das Training für das UP Varsity Team dauerte zwei Stunden und fand dreimal pro Woche statt. Während der Liga-Saison trainierten wir manchmal häufiger, aber das Zusatztraining war eher zur Übung der Korb-Würfe. Die Trainingseinheiten waren körperlich anstrengend, weit mehr als in einem normalen Sportkurs. Aber das ‚richtige Spielen‘ in einer Mannschaft fand ich viel attraktiver als Backyard-Basketball mit meinen Cousins.
Außerdem spielte die Universitätsmannschaft in der Zeit in zwei Ligen, der WNCAA (Women’s National Collegiate Athletic Association) und der UAAP (University Athletic Association of the Philippines). Während meiner Karriere in der Uni-Mannschaft gewannen wir in beiden Ligen konsequent den ersten Platz. In meinem allerersten Jahr in der Uni-Mannschaft hatte ich die Ehre, zur besten Spielerin der WNCAA Liga (most valuable player) ernannt zu werden.
Zu dem gab es die Palarong Bambamsa, in denen Basketball-Mannschaften aus den ganzen Philippinen miteinander spielten. Auch hier gewannen wir fast jedes Mal den ersten Platz. Die UP Marrons, wie unser Team hieß, wurden langsam bekannt, auch in manchen Zeitungen wurde über die Frauenspiele geschrieben – allerdings nicht so viel und ausführlich wie über die Männerliga. In dieser Zeit wurde ich auch von Zeitungen und Magazinen interviewt. Ich kann mich nicht erinnern, ob unsere Spiele auch im Fernsehen ausgestrahlt wurden, aber zumindest im Radio wurden sie kurz erwähnt.
Wie ging die Basketball-Karriere dann weiter?
In meinem dritten Jahr als Basketballspielerin gründeten die Philippinen eine Frauen-Nationalmannschaft, die an Spielen zwischen den ASEAN-Staaten teilnehmen sollte. Ich wurde als Nationalspielerin ausgesucht und sogar zur Kapitänin der Mannschaft gewählt. Die ASEAN-Member Games fanden damals in Hongkong statt. Allerdings mussten alle Spielerinnen für ihren Flug nach Hongkong selbst aufkommen, während für die Männermannschaft Sponsoren zahlten. Wir waren nicht so erfolgreich, aber immerhin nicht die letzte Mannschaft in der Tabelle.
Wie wurden die Spielerinnen in der männlichen Basketball-Welt der Philippinen und in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
Basketball als Sportart für Frauen hatte einen holprigen Weg bis zur Anerkennung in der Gesellschaft. Es galt als unelegant, weil die Spielerinnen muskulöse Körper bekämen, was nicht dem philippinischen Schönheitsideal entspricht. Auch die Katholische Kirche in den Philippinen sprach sich gegen Frauenbasketball aus, weil die Spielerinnen in ihren Trikots nackte Arme und Beine zeigen. Bis heute ist Frauenbasketball gesellschaftlich nicht so gut akzeptiert wie Männerbasketball. Zur Stereotypisierung von Basketballerinnen gehört auch der Spruch, dass viele Basketballerinnen ‚Lesben‘ seien.
Im Vergleich zur Herren-Nationalmannschaft findet die Frauen-Nationalmannschaft bei lokalen Basketballfans weniger Anklang. Einheimische Spielerinnen haben auch keine nationale Liga, in der sie nach der College-Liga spielen können.
Dann kam ein Angebot aus Deutschland. Wie war das genau?
An der University of the Philippines studierte ich Volkswirtschaft. Eigentlich wollte ich das Studium abbrechen und auf Sportpädagogik umsatteln, um Sportlehrerin zu werden, Aber mein Vater war dagegen und meinte, „Als Lehrerin kannst du deine Familie nicht ernähren!“. Also beendete ich mein Volkswirtschaft-Studium.
Aber die Idee, Sportwissenschaft zu studieren, konnte ich nicht ganz aufgeben. Als ich im vierten College-Jahr war, kam über meinen Schwager, der damals in Göttingen promovierte, ein verlockendes Angebot aus Deutschland: ich könnte beim Verein Göttingen 04 und später BG74 in der ersten Frauen-Bundesliga spielen. Mein Schwager argumentierte, dass ich eine sehr gute Basketballerin sei, die Mitglied der philippinischen Nationalmannschaft und most valuable player war. Ich hatte ihm einige Zeitungsartikel über mich geschickt. Meine Bedingung war, dass ich in Deutschland ein Magister-Studium aufnehmen konnte. So kam es, dass ich Sportwissenschaft und Soziologie an der Universität Göttingen studierte und gleichzeitig Basketball in der ersten Bundesliga spielte. Ich wohnte bei meinem Manager und bekam kostenlose Verpflegung. Mein Manager stellte mir sogar ein Mofa zur Verfügung, mit dem ich zur Uni und zum Training fuhr. Das Training war sehr anstrengend, bis zu fünfmal pro Woche! Dazu kamen fast jedes Wochenende Heim- oder Auswärtsspiele! Nach zwei Jahren in der ersten Bundesliga hatte ich das Glück, ein Stipendium zu erhalten und damit meine finanzielle Abhängigkeit vom Basketball zu lösen. Ich spielte nicht mehr in der Bundesliga, sondern nur noch für die Universität Göttingen.
Was waren die Aufgaben bei Göttingen 04 und wie haben Sie die Spiele in Deutschland verglichen mit denen in den Philippinen erlebt?
Die Frauenmannschaft von Göttingen 04 holte mich ins Team als ‚forward‘ oder Korbmacherin. Im Vergleich zu anderen deutschen Spielerinnen war ich eigentlich zu klein, aber ich konnte schnell dribbeln, gut Körbe machen und relativ hoch springen. Außerdem hatte ich eine relativ hohe Quote, von außen Basketballkörbe zu erzielen. Damals gab es die Dreier-Regeln noch nicht [Wenn ein Korbwurf von außerhalb der Dreipunktlinie auf dem Spielfeld gelingt, zählt er drei Punkte statt sonst 2; d. Red.]. Hätte es sie gegeben, wäre dies noch ein Plus-Faktor für mich gewesen.
Basketball ist in Deutschland selbstverständlich anders als in den Philippinen. Das Training war intensiver und professioneller, die Spiele häufiger. In den Philippinen spielt eine Mannschaft gegen eine andere oft nur ein einziges Mal. In Deutschland gibt es das so genannte Heim- und das Auswärtsspiel. Trainiert wird häufig fünfmal pro Woche, während es in den Philippinen häufig nur dreimal pro Woche war.
Was sicherlich ganz anders war, war die Bedeutung des Basketballs für mein Leben in den Philippinen und hier in Deutschland. In den Philippinen waren die Spielerinnen gleichzeitig gute Freundinnen. Die Sporthalle war fast unser Zuhause. Nach jedem Unikurs ging ich dorthin und spielte mit den anderen Spielerinnen Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, oder wir warfen einfach Körbe. Wir gingen auch oft gemeinsam aus und sahen uns zusammen Filme an. Ich habe noch immer Kontakt mit Basketballerinnen von damals. Wenn ich die Philippinen besuche, treffen wir uns für eine ‚Reunion‘.
Im Rückblick: welche Bedeutung hat das Basketballspiel und Ihre ungewöhnliche Karriere für Ihr Leben insgesamt?
Basketball war ein guter Teil meines Lebens. Ich denke, als Gemeinschaftsspiel unterstützte es meine Fähigkeit, beruflich und ehrenamtlich in Teams zu arbeiten. Hinzu kommt das Einüben von Selbstdisziplin und Fairness sowie körperliche Fitness. Auch das Einhalten von Regeln und Grenzen ist mir bis zu einem gewissen Grad wichtig. Mein Selbstvertrauen ist in dieser Zeit meines Lebens sicherlich auch gewachsen.
Das Spiel in Deutschland ermöglichte mir ein Leben ohne Einfluss von meinen Eltern und der Großfamilie. Ich konnte eine große emotionale und finanzielle Selbständigkeit erreichen und mein Verhalten und Denken unabhängig entwickeln. Auch eine gewisse Distanz zu den Werten, Regeln und Denkweisen meiner recht konservativen Großfamilie wurde dadurch ermöglicht. Ich denke auch, dass meine politische Weiterentwicklung unabhängiger wurde.
Später habe ich sogar die ‚Kleinen‘ (Vorschulalter-Mannschaft) in Stuttgart trainiert. Meine Söhne waren auch in der Mannschaft. Hier habe ich versucht, Werte wie Zusammenhalt, Fairness, Kooperation und Diversität zu vermitteln. Beim Basketball geht es nicht zuerst um das Gewinnen, sondern um das Zusammenspiel – darum, Regeln und Grenzen zu lernen und das Beste aus jedem zu entwickeln und dabei Spaß am Sport zu haben.
Ich empfehle jedem jungen Menschen, irgendeinen Mannschaftssport zu treiben. Mannschaftssport wie ich ihn erlebt habe ist eine wunderbare Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln, Stärke und Resilienz zu gewinnen und für das Leben zu lernen.

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Indonesien: Sumbawa ist bekannt für traditionelle Pferderennen, bei denen es um viel Geld geht. Die Kinder, die die kleinen Sumbawa-Pferde reiten, gehen hohe Risiken ein. Der Fotograf Romi Perbawa kämpft für ihre Rechte und ihre Sicherheit.
„Als ich zum ersten Mal bei einem Pferderennen auf Sumbawa war, konnte ich kaum glauben, wie klein die Jockeys waren. Ich machte Bilder, viele Bilder, und dann stürzte genau vor mir ein Junge vom Pferd“, erzählt der Fotograf Romi Perbawa. „Der Junge schrie vor Schmerz, er hatte sein Schlüsselbein gebrochen, es gab keine Ambulanz vor Ort. Also brachte ich ihn mit meinem Wagen in die nächste Klinik, wo er verbunden wurde. Bis heute bin ich mit seiner Familie befreundet.“ Seit diesem Erlebnis ließ den heute 52-Jährigen das Schicksal der Kinderjockeys nicht mehr los.
Perbawa, der auf Java lebt und selbst zwei Kinder hat, fuhr immer wieder zurück auf die 700 Kilometer weiter östlich gelegene Insel Sumbawa, um die Geschichten der kleinen Jockeys zu dokumentieren. Er ging zu ihren Familien, sprach mit Eltern, deren Söhne bei Rennen verletzt worden oder sogar gestorben waren. Er wollte herausfinden, was sie dazu trieb, ihre Söhne schon im Kleinkindalter einer solchen Gefahr auszusetzen. Er traf auch Pferdebesitzer, meist hohe Beamte oder reiche Geschäftsleute – teils aber auch echte Pferdefreaks – sowie deren Mittelsmänner, Trainer und Pferdepfleger. Und er lernte vor allem eines: Es gibt keine einfache Antwort.
Dass Jungen auf Sumbawa Pferderennen reiten, hat eine lange Tradition: Die stämmigen Sumbawa-Pferde werden nur 1,2 Meter hoch – zu klein für Erwachsene. Auf diese Tradition berufen sich lokale Politiker und Organisatoren, wenn es Proteste von Menschenrechtler*innen und Kinderschutzorganisationen gegen den brutalen Sport gibt, bei dem immer wieder Kinder verstümmelt werden oder gar umkommen. Erst im August 2023 gab es wieder einen tödlichen Unfall bei einem der Rennen, bei denen es um viel Geld geht.
Sumbawa ist eine der ärmsten Regionen Indonesiens, für Reisanbau ist es dort zu trocken. Doch die Menschen sind stolz auf ihre alte Kultur. Schon im einst mächtigen Sultanat Bima spielten Pferde eine wichtige Rolle. Wer heute etwas auf seinen sozialen Status hält, muss ein Rennpferd besitzen. Tatsächlich berichten die Dorfältesten überall auf Sumbawa davon, dass es schon in ihrer Jugend Pferderennen gab und in der Jugend ihrer Eltern ebenfalls.
Allerdings handelte es sich damals eher um eine Art Initiationsritus für Jungen, die in die Pubertät kamen – viele sprechen von mindestens 12- bis 14-Jährigen. Zudem fand das Kräftemessen auf einer geraden Strecke ohne Kurven und auf weichem Untergrund statt. Die ersten Rennen in einer festen Arena veranstalteten die niederländischen Kolonialherren in den 1930er-Jahren in Bima. Auch gewettet wurde erst später – was in der streng islamischen Kultur zumindest auf dem Papier noch heute illegal ist, aber dennoch eifrig bei jedem Rennen praktiziert wird.
„Die Jockeys werden immer jünger – mittlerweile werden schon Vierjährige trainiert“, beklagt Romi Perbawa. „Je leichter die Jungen, desto schneller die Pferde, desto besser die Preisgelder, das ist die perfide Rechnung.“ Dabei kommt der Reiternachwuchs immer aus bedürftigen Familien. „Man kann es den Familien nicht übel nehmen, dass sie ihre Kinder aufs Pferd setzen – sie haben kaum andere Perspektiven, sich aus der Armut zu befreien“, erklärt Romi Perbawa. Er sagt aber auch: „Die Eltern verlassen sich vollkommen auf das Einkommen der Kinder. Die meisten suchen keine andere Arbeit mehr und nur wenige legen das Geld sinnvoll an – etwa in Landbesitz oder Tierzucht.“
Kein reicher Besitzer der bis zu 10.000 Euro teuren Pferde würde seine Söhne dem Risiko der gefährlichen Rennen aussetzen. Die Entschuldigung ist in der Regel, dass die eigenen Kinder „kein Talent“ hätten. Stattdessen ‚mieten’ sie die Jockeys an, die für jedes einzelne Rennen nach festen Sätzen bezahlt werden. Bei einem Sieg – wenn der Pferdebesitzer großzügig ist – dürfen sie vielleicht die Prämie behalten, etwa ein Moped, eine Kuh oder einen Kühlschrank.
Fotograf Perbawa versucht, mit Betroffenen und Menschenrechtler*innen eine stärkere Lobby für die Kinderjockeys aufzubauen. Unter anderem fordert er mehr Sicherheitsvorkehrungen: Die Jungen reiten barfuss und ohne Sattel, meist nur geschützt durch einen einfachen Helm. Oft ist nicht einmal eine Ambulanz vor Ort. „Es ist klar, dass man die Tradition der Pferderennen nicht verbieten lassen kann. Aber es müssen dringend ein Mindestalter für die Reiter und strengere Sicherheitsvorschriften festgelegt werden.“

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Kambodscha: Der Tonle Sap ist der größte See Südostasiens und Lebensgrundlage für unzählige Pflanzen, Tiere und Menschen. Gleichzeitig dient er zunehmend als Freizeitrevier für Tourist*innen, die Natur aktiv erleben wollen.
Kajakfahren kann Rennen, Freestyle, Flexibilitätsstile oder Wildwassertouren beinhalten. Es ist ein herausfordernder und aufregender Sport, der Geschicklichkeit, Kraft, Ausdauer und Bewusstsein erfordert. Der Tonle Sap See, größter natürlicher Süßwassersee Südostasiens und ein UNESCO-Biosphärenreservat, ist in Kambodscha einer der Orte, an denen man Sportkajak fahren kann. Der See hat eine einzigartige Hydrologie, die dazu führt, dass der Wasserstand zwischen Trocken- und Regenzeit schwankt. Dadurch entstehen unterschiedliche Lebensräume und Ökosysteme, die je nach Jahreszeit und Vorlieben von Sportbegeisterten unterschiedliche Möglichkeiten bieten.
Im Rahmen unserer persönlichen Kajakcamp-Erfahrung besuchten wir zusammen mit unserer Trainingsgruppe das schwimmende Dorf Mechrey, das auf dem Tonle Sap See liegt. Der Lebensunterhalt der Dorfgemeinschaft hängt weitgehend vom Fischfang ab. Leider sind die Fischerträge in den letzten Jahren aufgrund menschlicher Eingriffe in die natürlichen Wasserverhältnisse zurückgegangen, sodass die Dorfbewohner*innen nach alternativen Einkommensmöglichkeiten suchen müssen.
Eine davon ist der gemeindebasierte Tourismus, der den Dorfbewohner*innen die Möglichkeit bietet, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und sich über die Vielfalt des Tonle Sap, die damit verbundenen Kulturen der Gemeinden und die Herausforderungen, denen sie und das gesamte Ökosystem gegenüberstehen, auszutauschen. Zu unseren Zielen für das Camp gehörte es daher, Unterstützung und Bewusstsein für die Gemeinden zu kreieren, uns selbst herauszufordern und uns durch die überfluteten Wälder, Fischerdörfer und Ökosysteme des Flusses treiben zu lassen.
In Kambodscha ist keine formale Ausbildung oder Zertifizierung für das Kajakfahren erforderlich. Daher können Besucher*innen oft beobachten, wie Menschen während ihres Urlaubs Kajak fahren, als kleinen, aber wesentlichen Teil ihrer Reise. Kajakfahren kann auf verschiedene Weise, individuell oder als Gemeinschaftsaktivität, ausgeübt werden.
Individuell kann allein oder mit Guides auf dem Tonle Sap See Kajak gefahren werden. Dabei können Kajakfahrende die Landschaft genießen, Wildtiere beobachten und ihr eigenes Tempo bestimmen. Sie können sich auch eigene Ziele und Herausforderungen setzen, zum Beispiel eine bestimmte Strecke oder eine bestimmte Zeitspanne paddeln oder verschiedene Techniken oder Manöver ausprobieren. Das Kajakfahren kann auch als eine Form der Meditation oder Entspannung genutzt werden, indem man in ruhigen Gewässern paddelt und den Geräuschen der zwitschernden Vögel, dem Wind, der die Blätter berührt, und den Wellen des Wassers lauscht und die Gedanken mit dem Rhythmus fließen lässt.
Als Gemeinschaftsaktivität können Gruppen auf dem Tonle Sap See Kajak fahren, um gemeinsam Abenteuer zu erleben. Außerdem bietet das Kajakfahren in der Gruppe einen Raum, um den Teamgeist zu fördern und die Kommunikationsfähigkeit zu stärken. Ebenso besteht die Möglichkeit, sich einer Reisegruppe oder einer Organisation anzuschließen, die Sportkajaktouren auf dem Tonle Sap See organisiert, um neue Leute mit ähnlichen Interessen kennen zu lernen.
Laut einer Studie von Indochine Exploration, einem Reiseveranstalter, der Sportkajaktouren auf dem Tonle Sap See anbietet, gibt es mehr männliche als weibliche Reisende, die an Kajakaktivitäten teilnehmen. Die Studie ergab, dass 67 Prozent der Kund*innen des Veranstalters männlich und 33 Prozent weiblich waren. Die Studie ergab auch, dass das Durchschnittsalter der Kajakfahrenden bei 35 Jahren liegt. Die meisten von ihnen kamen aus Europa, Nordamerika und Australien. Als mögliche Gründe für das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern beim Kajakfahren auf dem Tonle Sap See nannte die Studie die mangelnde Bekanntheit und Werbung für diese Sportart unter Frauen, das Risiko der Sportart sowie kulturelle und soziale Normen, die die Wahl der Freizeitaktivitäten von Frauen beeinflussen.
In der Studie werden Strategien empfohlen, um mehr Frauen als Kundinnen anzuziehen, wie zum Beispiel das Angebot von frauenfreundlicheren Dienstleistungen und Einrichtungen, die Schaffung von mehr weiblichen Vorbildern und Ausbilder*innen und die Entwicklung von geschlechtsspezifischen Marketingkampagnen. Nach unserer Beobachtung ist die Kluft auch darauf zurückzuführen, dass Kajakfahren als Sport angesehen wird, für den man körperlich stark sein muss. Das führt zu der Annahme, dass es ein Sport für Männer ist.
Eine weitere Informationsquelle über geschlechtsspezifische Unterschiede beim Kajakfahren auf dem Tonle Sap See sind Berichte früherer Kund*innen, die über ihre Erfahrungen und ihr Feedback zu den Kajakaktivitäten berichteten. Diese brachten auch Zufriedenheit und Freude an diesem Sport zum Ausdruck. Eine Frau stellte zum Beispiel fest: „Ich hatte eine tolle Zeit beim Kajakfahren auf dem Tonle Sap See. Es war eine schöne und friedliche Art, den See zu erkunden und die Tierwelt zu beobachten. Die Guides waren freundlich und hilfsbereit.“ Sie hätten ihr auch gezeigt, wie man richtig Kajak fährt. „Ich habe mich während der gesamten Reise sicher und wohl gefühlt. Ich würde diese Aktivität allen empfehlen, die Natur und das Abenteuer lieben“, fährt sie fort.
Eine andere Teilnehmerin sagte rückblickend: „Die ganze Reise hat mir die Augen geöffnet und war eines der lehrreichsten und abenteuerlichsten Camps, die ich je erlebt habe.“ Sie fand es spannend, etwas über den großen Tonle Sap See, den Lebensunterhalt der schwimmenden Dörfer und die Herausforderungen der Ökosysteme zu erfahren. „Ich bin dankbar für das Fachwissen unseres Trainers bei der Durchführung des Programms, für den herzlichen Empfang durch die örtlichen Guides und für das Programm selbst“, ergänzt sie.
Unserer Beobachtung passen die Kajaktouren auf dem Tonle Sap See sowohl zu männlichen als auch weiblichen Teilnehmer*innen. Das Interesse am aktiven Kajakfahren hängt eher vom Charakter ab und ist für Menschen unterschiedlichen Alters, Fitnessniveaus und Hintergrunds geeignet. Kajaktouren sollen vor allem Spaß machen, lehrreich und umweltfreundlich sein. Es gibt zwar geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Teilnahme am Kajaksport auf dem Tonle Sap See. Allerdings gibt es auch Gemeinsamkeiten und Möglichkeiten für beide Geschlechter, den Sport zu genießen. Kajakfahren auf dem Tonle Sap See ist etwas für Menschen, die die Schönheit und Vielfalt des Sees und seiner Umgebung erleben wollen.
Nach unseren Erfahrungen kann man beim Kajakfahren etwas über sich selbst, die Kultur und Geschichte Kambodschas erfahren und gleichzeitig die lokalen Gemeinschaften und den Naturschutz in der Region unterstützen. Die schonende und unaufdringliche Art, natürliche Wasserwege zu erkunden, ermöglicht es den Teilnehmenden, Ökosysteme hautnah zu erleben und ein tieferes Verständnis für die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Natur zu entwickeln. Die stärkere Verbindung des Kajakfahrens mit der Natur des Tonle Sap Sees kann zu einem stärkeren Umweltbewusstsein und dem Wunsch führen, aquatische Lebensräume zu schützen.
Darüber hinaus beteiligen sich Kajakfahrende häufig an Aufräumaktionen, bei denen sie Unrat und Müll aus den Gewässern entfernen und so die Erhaltung der lokalen Ökosysteme verbessern. Die Ausübung des Kajaksports fördert auch ein verantwortungsbewusstes Verhalten in der Natur und die Einhaltung der Leave No Trace-Grundsätze (Lasse nichts zurück), wodurch die negativen Auswirkungen auf empfindliche aquatische Ökosysteme verringert werden.
Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

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Philippinen: Spitzenathlet*innen werden mit Diplomat*innen verglichen. Doch ihre Förderung durch den Staat bleibt hinter ihrem Bedarf zurück.
Philippinische Spitzenathlet*innen erzielen zwar sportliche Bestleistungen und genießen hohe gesellschaftliche Anerkennung. Sie haben jedoch große Mühen, ihren Lebensunterhalt zu sichern und die Kosten ihrer sportlichen Laufbahn zu finanzieren. Für das philippinische Institute for Nationalist Studies hat Lemuel Deinla dazu einige Beispiele zusammengestellt:
Das ernüchternde Fazit lautet: Philippinische Spitzensportler*innen erhalten vom Staat keine angemessene Unterstützung. Der philippinische Sportsektor ist – auch im Vergleich zu Nachbarländern wie beispielsweise Thailand – stark unterfinanziert.
Gleichwohl besteht sowohl bei offiziellen Stellen als auch bei den Fans großes Interesse an der Teilnahme philippinischer Spitzensportler*innen an internationalen Wettkämpfen, um Sichtbarkeit und Ansehen des Landes durch sportliche Bestleistungen zu erhöhen. „Teilnehmer*innen zu internationalen Wettkämpfen zu senden, ist gleichbedeutend zur Entsendung von Diplomaten in fremde Länder“, kommentiert Francis Pangilinan, bis 2022 philippinischer Senator und Vizepräsidentschaftskandidat der Liberal Party bei den Wahlen 2022.
Präsident Ferdinand Marcos jr., der von sich behauptet, in seiner Jugend ein Sportfan gewesen zu sein, erklärte im April 2023 bei der Verabschiedung der Sportler*innen zu den Südostasien Spielen: „Wenn es noch etwas gibt, was diese Regierung, diese Verwaltung oder ich persönlich tun kann, dann sagen Sie es mir bitte, denn wir alle drücken Ihnen die Daumen. (…) Und wir alle wollen alles tun, was wir tun können, damit ihr in euren gewählten Disziplinen so erfolgreich wie möglich seid.“
Nicht zuletzt profilieren sich die Philippinen auch als Gastgeber für internationale Sportevents. Der Basketball World Cup der FIBA (Fédération internationale de basket-ball) mit 32 beteiligten Nationalteams fand im Spätsommer 2023 hauptsächlich in Manila statt (neben Austragungsorten in Indonesien und Japan).
Für die Unterstützung und Förderung von Spitzensportler*innen und Trainer*innen sind in den Philippinen verschiedene Akteure zuständig. Die wichtigsten sind:
Das ‚Zusammenspiel‘ dieser Organisationen, die nach jeweils unterschiedlichen Regelwerken funktionieren, zeigt Dina Bernardo auf der Homepage des Sport Management Council of the Philippines in einer Grafik folgendermaßen:
Die PSC ist die zentrale Sportförderungs-Instanz von staatlicher Seite. Ein eigens für Sport zuständiges Ministerium mit Stimme im Kabinett gibt es nicht, auch wenn in jüngerer Vergangenheit dazu Gesetzesinitiativen wie die von Senator Antonio Trillanes IV bestanden. Im Dezember 2022 wurde von Präsident Marcos der ehemalige Basketball-Spieler und Sportfunktionär Richard Bachmann mit der Leitung der Kommission beauftragt. Mit einer programmatischen Erklärung zu pünktlicher Förderung reagierte Bachmann bereits auf Verzögerungen und andere Unregelmäßigkeiten bei den Unterhaltszuschüssen für Athlet*innen.
Die finanziellen Mittel für die Sportförderung der Kommission kommen über den National Sports Development Fund überwiegend aus Erträgen von zwei Staatsbetrieben: der Philippine Amusement and Gaming Corporation (PAGCOR) und dem Philippine Charity Sweepstake Office (PCSO). 2,5 Prozent der Bruttoeinnahmen von PAGCOR gehen an PSC; von PCSO kommen die Mittel mit Unterbrechungen. Ein deutlich geringerer Mittelanteil fließt aus allgemeinen Haushaltsmitteln, die ohnehin stets knapp sind. 2017 und 2018 waren es je rund 3,3 Millionen Euro; 2019 und 2020 fielen die Zuwendungen wegen der Kosten für die Südostasien Spiele und für die Vorbereitungen der Olympischen Spiele etwas höher aus.
Die Unterfinanzierung von staatlicher Seite ist offenkundig. Den Athlet*innen bleiben private Sponsoren. Diese werden teils direkt über Spendenkampagnen in den sozialen Medien angesprochen. Sie sind jedoch auch im Blick der Werbestrategien der Nationalen Sportvereinigungen (NSA). Mit unterschiedlicher Intensität und wechselndem Erfolg werben die NSA bei reichen Privatleuten und Unternehmen um Gelder. Allerdings sind nicht alle NSA in der Lage, große Unternehmen als Sponsoren zu gewinnen. Denn diese konzentrieren sich meist auf die beliebtesten Zuschauersportarten, bei denen sie ihre Marken am besten präsentieren können.
Die Misere der philippinischen Sportförderung wird durch zwei weitere Probleme verstärkt: Korruption und politische Machenschaften. Anschuldigungen wegen missbräuchlicher Mittelverwendung und Machtkämpfen zwischen den Leitungen der NSA, dem PSC und dem POC kursieren seit Jahren. Sportler*innen werden in solche Streitigkeiten verwickelt; einigen von ihnen wird die finanzielle Unterstützung entzogen oder sie werden von der Teilnahme an internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen.
Das alles hat Folgen: Bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio errangen philippinische Athlet*innen vier Medaillen und belegten damit Rang 50. Bei den Asien Spielen in Indonesien 2018 erkämpften sie 21 Medaillen und kamen auf Rang 19. [Zur Zeit des Redaktionsschlusses im September 2023 liefen die Vorbereitungen für die Asien Spiele im chinesischen Hangzhou, d.R.]. Auf dem Allzeit-Medaillenspiegel der Südostasien Spiele, die zuletzt im Mai 2023 in Phnom Penh stattfanden, belegten die Philippinen den fünften Rang.
José Cojuangco, ehemaliger Präsident des Philippinischen Olympischen Komitees und langjähriger Abgeordneter, fasst die Lage der staatlichen Sportpolitik zusammen: „Was überdacht werden muss, ist der Wert, den die Regierung dem Sport beimisst.“ Beim Sport gehe es nicht nur um Medaillengewinne, sondern er sei auch ein integraler Bestandteil der Entwicklung der Bürger*innen. „Bei jedem internationalen Wettbewerb, an dem wir teilnehmen, kritisieren so genannte ‚Experten‘ unsere Leistungen, ohne positive Vorschläge zu machen“, fährt Cojuangco fort. Sie schlügen immer nur Veränderungen vor, ohne zu sagen, welche Art von Veränderung notwendig sei. „Ich hoffe, dass wir endlich eine Entscheidung darüber treffen können, was wir mit unserem Sport machen.“

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Die Philippinen zählen zu den Ländern mit der höchsten maritimen Biodiversität weltweit. Die Übernutzung der Meere bedroht diese Vielfalt. Liegt im Tauchtourismus ein Potential für ihren Schutz?
Vier Uhr. Das Handy dudelt eine fröhliche Melodie. Am Horizont, im Osten, ist der heraufziehende Morgen zu erahnen. In der Tauchbasis verbreitet eine einsame Glühbirne an der Decke milchiges Licht. Alles liegt bereit: Neopren-Anzug, Bleigürtel, Flossen, Maske. Die Tarierweste ist bereits mit der Druckluftflasche verbunden.
Halb fünf. Knirschend schiebt sich der Bug des Auslegerboots durch den Sand. Der Boatman gibt einen letzten Stoß, springt auf und wirft den Motor an. Monad Shoal, die versunkene Insel, ist unser Ziel. Ich habe keine Ahnung, wie der Bootsführer sich orientiert, wie er den unsichtbaren Punkt auf dem dunklen Meer ansteuert. Dann springen wir ins Wasser, bald wird die orange-rote Sonne den Horizont erhellen.
Wir lassen uns auf 14 Meter sinken, auf ein kleines Unterwasser-Plateau. An der Seite geht es noch einmal über 20 Meter weiter in die Tiefe. Auf einem schmalen Absatz, der einem Unterwasser-Balkon gleicht, knien wir nieder und halten uns an dort verankerten Leinen fest. Das Wasser ist dämmrig blau-grau, hier unten gibt es kaum noch Farben. Wir blicken in die Tiefe. Und dann sind sie plötzlich da, die majestätisch-souveränen, bizarren Fuchshaie. Erst einer, dann zwei, schließlich ein Dritter tauchen sie aus der bodenlosen Tiefe auf, ihre Körper vielleicht zwei Meter lang, der schräg nach oben gerichtete obere Teil der Schwanzflosse noch einmal fast ebenso lang. An ihnen, um sie herum machen sich Putzerfische zu schaffen. Gemächlich ziehen die Haie vor uns ihre Kreise. Versunken in den Anblick vergesse ich die Zeit.
So geht es mir beim Tauchen immer wieder. Die Unterwasserwelt ist so anders als alles, was es auf dem Land gibt. Nirgendwo an Land kann ich mit einem einzigen Blick so viel buntes Leben entdecken: Korallen in den absonderlichsten Formen, elegante Nacktschnecken, Fische in grellen Farben, bizarre Krebse mit riesigen Scheren. Ich bewege mich in einem dreidimensionalen Raum, nicht eingeschränkt durch einen festen Boden unter den Füßen. Atem und Flossen bestimmen die Position. Auch über Kopf lässt sich die Korallenwelt prima beobachten.
Die Philippinen liegen im Coral Triangle, dem Weltzentrum der marinen Biodiversität. Hier findet man knapp 600 von insgesamt 800 Riffbildenden Korallen. Zum Vergleich: das australische Great Barrier Reef weist nur knapp 400 Arten auf und liegt damit auf der Biodiversitätsskala an dritter Stelle (Jürgen Freund, Hg.; Sulu-Sulawesi-Seas; Manila 2001). In den philippinischen Wassern findet man 33 Mangrovenarten, 800 Algenarten, mehr als 1.200 Arten von Rifffischen, 22 Wal- und Delfinarten. Außerdem leben hier Seekühe (Dugong) und Walhaie, die größten Fische der Welt.
Die Philippinen verfügen als Inselnation zwischen Pazifik und Südchinesischem Meer (das wegen der aggressiv vorgetragenen Gebietsansprüche von China inzwischen gern Westphilippinische See genannt wird) einschließlich der Ausschließlichen Wirtschaftszone AWZ über eine Wasserfläche von 2.200.000 km². Im Vergleich dazu macht die philippinische Landfläche gerade einmal 300.000 km² aus. Korallenriffe finden sich auf 27.000 km². Damit sollten die Voraussetzungen für eine gute Eiweißversorgung der Bevölkerung aus dem Meer gegeben sein. Allerdings stellt sich bei genauerer Betrachtung heraus, dass die Fischbestände der Philippinen an ihre Grenzen gekommen sind. Man unterscheidet bei der Fischproduktion drei Sektoren: den gemeindebasierten (municipal) Fischfang mit Booten unter drei Bruttoregistertonnen und bis zu 15 km von der Küstenlinie, den kommerziellen Fischfang mit größeren Booten abseits der Küste und die Aquakultur.
Die gesamte Fischproduktion der Philippinen in allen drei Sektoren zusammen erreichte 2010 mit rund fünf Millionen Tonnen ihren Höhepunkt. Seitdem nimmt sie kontinuierlich ab, 2021 waren es nur noch rund vier Millionen Tonnen. Interessant dabei ist, dass dieser Rückgang alle drei Sektoren betrifft. Vor allem der gemeindebasierte Fischfang stellt traditionell eine günstige Eiweißquelle für die ländliche Bevölkerung sicher. Bei einer insbesondere auf dem Land und in ärmeren Gemeinden stetig wachsenden Bevölkerung ist der Rückgang des Fischfangs jedoch nicht durch eine abnehmende Nachfrage zu erklären. Vielmehr hat die intensive Befischung die philippinischen Bestände an ihre Grenzen gebracht und sie vielerorts bereits überschritten.
In einer Situation abnehmender Fischbestände greifen Fischer*innen immer häufiger zu destruktiven Methoden. Ich kann mich an keinen einzigen Tauchgang vor der Insel Cebu erinnern, bei dem ich keine Unterwasserexplosion gehört hätte. Dynamit-Fischen ist eine Fischereimethode der Verzweiflung. Dabei werden meist aus Glasflaschen und Sprengstoff selbstgebaute Granaten im Wasser zur Explosion gebracht. Die Druckwelle zerstört die Schwimmblasen der Fische und tötet oder betäubt sie. Diese Methode ist höchst ineffizient, weil von 10 getöteten Fischen nur einer oder zwei an die Oberfläche treiben und eingesammelt werden können, der Rest sinkt zu Boden. Zugleich wird alles Meeresleben im Umkreis geschädigt oder zerstört. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 70.000 der einen Million Kleinfischer*innen in den Philippinen mit Hilfe von Sprengladungen fischen.
Weit verbreitet ist auch die Fischerei mit Zyanid, das vor allem für den Fang von Zierfischen für den Aquarienhandel eingesetzt wird. Dabei wird das Gift aus einer Spritzflasche ins Wasser gegeben. Ziel ist es, die Fische zu betäuben, damit sie eingesammelt und lebend verkauft werden können. Da aber die Dosierung im Meer kaum zu kontrollieren ist, sterben auch bei dieser Methode zahlreiche Fische, Korallen und anderes Meeresleben.
Eine besondere und besonders gefährliche Form des Tauchens zum Fischfang ist das Kompressortauchen, pa’aling genannt. Dabei springen Gruppen von Fischern ins Meer, um gemeinsam ganze Fischschwärme in riesige Netze zu treiben. Sie tauchen bis zu 40 Meter tief; mit Atemluft versorgt sie ein kleiner Plastikschlauch, der an einem rostigen Kompressor auf einem Boot hängt. Ein Boot trägt bis zu 25 Taucher, oft operieren vier Boote gemeinsam. Pa’aling ist vor allem um die Insel Palawan herum verbreitet. Es wird geduldet, weil es die noch viel schädlichere und gefährlichere muro-ami Fischerei abgelöst hat, bei der Gruppen von Kindern unter Wasser mit Steinen auf Riffe und Korallen schlagen, um Fische in die Netze zu treiben.
Eine häufige Erscheinung beim Kompressortauchen ist die Dekompressionskrankheit, bei der unter Druck im Blut gelöster Stickstoff beim schnellen Auftauchen Bläschen bildet und eine Lungenembolie auslösen kann. Sie verläuft oft tödlich. Druckkammern, die Betroffene retten könnten, stehen in den Fischereikommunen nicht zur Verfügung.
Auch das Freizeittauchen verursacht Schäden. Schlecht ausgebildete und unerfahrene Taucher, häufiger Männer als Frauen, schlagen mit ihren Flossen auf Korallen und brechen Stücke ab. Sie versuchen, Fische und Federsterne zu berühren, und lassen sich von großen Meeresschildkröten durchs Wasser ziehen. Zugleich liegt im Freizeittauchen auch eine Chance für den Erhalt der philippinischen Unterwasserwelt.
Tauchtourismus ist ein wichtiger Treiber der wirtschaftlichen Entwicklung in vielen philippinischen Regionen. Einige der besten und bekanntesten Tauchgebiete weltweit sind hier zu finden: das Tubbataha-Riff, seit 1993 UNESCO Welterbe, das Apo-Riff, Coron mit seinen bizarren Weltkriegswracks, Malapascua mit seinen Fuchshaien, Anilao, das Nacktschnecken-Paradies, Apo Island mit einer Vielzahl an Schildkröten und den behäbigen Anglerfischen. Über 300 Tauchbasen im Land gehören zum Netzwerk der bekanntesten Tauch-Zertifizierungs-Organisation Professional Association of Diving Instructors (PADI). Zahlreiche andere sind mit weiteren Organisationen verbunden.
In der Frühzeit des Tauchtourismus in den Philippinen in den 1970er und 80er Jahren waren Betreiber*innen der Tauchbasen, Tauchlehrer*innen und Guides überwiegend ausländischer Herkunft, vor allem aus Europa. Das hat sich inzwischen geändert. Auch wenn es in der Freizeit-Tauchindustrie noch immer viele Ausländer*innen gibt, ist die Mehrheit der dort Tätigen nun einheimisch.
Das Tourismusministerium misst dem Tauchtourismus große Bedeutung und ein starkes Wachstumspotenzial zu. Das Ministerium schätzt, dass etwa fünf Prozent der ausländischen Tourist*innen Freizeittaucher*innen sind. Das Einkommen aus Tauchtourismus weltweit wurde für 2022 mit knapp vier Milliarden US-Dollar angegeben. Zahlen für die Philippinen sind nicht bekannt. Man geht aber davon aus, dass Tauchtourist*innen über eine höhere Bildung und ein größeres Einkommen verfügen, mehr Nächte im Land verbringen und pro Tag mehr ausgeben als der Durchschnitt der Tourist*innen. Hinzu kommt eine stark wachsende Zahl einheimischer Taucher*innen.
In agrarisch geprägten Gesellschaften sind Konzepte von Urlaub und Freizeit einer kleinen Schicht von Grundbesitzenden und anderweitig Wohlhabenden vorbehalten. In der Ära der Call Center und des so genannte Business Process Outsourcing eröffnen sich für gebildete, Englisch sprechende junge Menschen zahlreiche Möglichkeiten, um mehr zu verdienen als sie für den unmittelbaren Lebensunterhalt brauchen. Seitdem boomt auch der lokale Tourismus, einschließlich des Tauchtourismus. Hinzu kommen die Überweisungen der philippinischen Arbeitsmigrant*innen, die zahlreichen Familien einen Lebensstil jenseits ihrer eigenen Einkommensmöglichkeiten eröffnen.
Für viele Fischereigemeinden ergeben sich daraus neue Perspektiven. Wo die Fischerei fast nichts mehr einbringt, lässt sich mit Beherbergung und Verköstigung von Tourist*innen, mit dem Verleih von Tauch- und Schnorchelausrüstung, mit Bootstouren und -verleih, Tauchunterricht und Tauchführung ein Einkommen erzielen. Dazu gehören allerdings intakte Korallenriffe.
Bisher gibt es für die Philippinen keine wirklich belastbare Berechnung des ökonomischen Werts intakter Korallenriffe. Eine Studie von 2018 schätzt den Total Economic Value eines Korallenriffs aus Fischerei, Gesundheits- und Freizeitwert auf etwa 140.000 US-Dollar pro km² und Jahr. Viele Gemeinden haben daher inzwischen Initiativen für den Schutz ihrer Riffe ergriffen, Meeresschutzgebiete ausgewiesen, eine Gruppe von Wachleuten namens Bantay Dagat mit ihrem Schutz beauftragt, und erheben Gebühren für den Zugang zu den Riffen. Feste Bojen werden angelegt, damit die Tauch- und Freizeitboote die Korallen nicht mit ihren Ankern zerstören. Tauchbasen, einheimische Nichtregierungsorganisationen, Lokalverwaltungen und Schulen engagieren sich in Umweltbildung. Apo Island, die kleine Insel vor Dumaguete auf Negros und eines der bekanntesten Tauchgebiete, hat seine Korallenriffe bereits vor dreißig Jahren unter Schutz gestellt und erhebt Gebühren von allen Besucher*innen. Hier kann man eine unvergleichlich schöne Unterwasserwelt erleben und große Seeschildkröten beim Weiden in den Seegraswiesen beobachten. Fischerei spielt kaum noch eine Rolle. Die Riffe sind dafür einfach zu kostbar.

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