3 | 2023, Philippinen,
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Arnis – philippinischer Kampfsport

Philippinen, Arnis, Kampfsport

Kämpfer*innen trainieren Arnis, den philippinischen Nationalsport. © cisc1970. Flickr. cc

Philippinen: Die Geschichte der Kampfkunst Arnis geht weit in die vorkoloniale Zeit zurück. Der philippinische Nationalsport wird heute auch international ausgeübt.

Sport spielt in den Philippinen eine wichtige Rolle im Leben der Menschen und hat eine vielfältige Bedeutung für die Gesellschaft. Das beginnt schon im Kindesalter mit sportlichen Spielen. Patintero [ein Fangspiel für zwei Gruppen, die Red.], Luksung Baka [eine Art Bockspringen, die Red.], Chinese Garter [ein Sprungspiel, in Deutschland bekannt als Gummi-Twist, die Red.] sind sehr verbreitet. Das beliebteste Spiel ist Langit-Lupa [ein Fangspiel für eine Gruppe, die Red.]. Auf den Philippinen nennt man diese Spiele Larong Kalye oder Straßenspiele. Hier finden Kinder eine Freizeitbeschäftigung, die sie körperlich und geistig fördert.

Die Sportarten werden von kleinen Barangays (Ortsteilen) bis zu nationalen Veranstaltungen ausgetragen. Die Organisation übernehmen sowohl Vereine als auch Gemeinden und Städte.

Noch vor der Kolonialisierung der Inseln im Pazifik waren Spiele ein Teil der sozialen Zusammenkünfte der Insulaner. Die unterschiedlichen lokalen Sprachen wurden und werden durch Sport überbrückt. Das führt zu sozialem Zusammenhalt und zur Stärkung der Gemeinschaft. Gern werden sogar Kampfsportarten wie Arnis spielerisch ausgetragen.

Von der Kriegskunst zur Kampfsportart

Die Kunst des Arnis – auch Kali oder Eskrima genannt – ist ein Teil der Künste und Traditionen der Kriegerkaste Maharlika.

Maharlika
Maharlika wurden in der vorkolonialen Ära Mitglieder der Tagalog-Krieger-Klasse genannt, die auf der Insel Luzon im Norden der heutigen Philippinen lebte. Sie hatte die gleichen Rechte und Pflichten wie die gesellschaftlich über ihnen stehenden Klasse des Adels, der Timawa, und bildete mit den unfreien Alipin als dritter Klasse das vorkoloniale feudale Gesellschaftssystem.

Diese Kriegskunst umfasst verschiedene Aspekte des Kampfes, insbesondere bewaffnete Auseinandersetzungen mit Lang- und Kurzschwertern, Messern, Speeren sowie Ringen und Schlag- und Tritttechniken. Zu den besonderen Fähigkeiten eines Arnis-Kämpfers gehört der gleichzeitige Einsatz von zwei Waffen und die Verteidigung mit Alltagsgegenständen. Die Ausbildung erfolgt in der eigenen Clan-Gemeinschaft, oft mit Hartholz- oder Rattan Stöcken, um Verletzungen zu vermeiden.

Philippinen, Arnis, Kampfsport

Dieses Bild zeigt die dreieckige Formation, die Großmeister Emeritus Leo beim Militär während des Kampfes im Dschungel verwendete © Sherry Amor Agustin

Heute ist Arnis eine der auf Waffen basierenden Kampfsportarten des Landes, die unter dem Oberbegriff Filipino Martial Arts zusammengefasst werden. Neben Nahkampf-, Greif- und Entwaffnungstechniken werden Bastons (Stöcke) aus Rattan oder Kamagong-Holz, Messer, Klingen, Speere, Bolo (Haumesser), der indonesische Dolch kris und das einschneidige Schwert kampilan aus Mindanao verwendet.

Arnis ist auch bei internationalen Wettkämpfen eine etablierte Sportart und eine Disziplin bei den Südostasienspielen. Seit 2010 ist Arnis der offizielle Nationalsport der Philippinen. Er muss an allen philippinischen Schulen gelehrt werden.

Kolonisierung und Verbot der Arnis-Kampfkunst

Aus der vorkolonialen Zeit erzählt man sich bis heute Geschichten der Kriegerin Urduja der Yuan-Dynastie. In weiteren Legenden ist die Rede von Lam-Ang und dem Sonnen- und Kriegs-Gott Apo Laki als Meistern der Kunst. Für die kolonialen Eroberer stellten die Kampfkünste der Einheimischen eine Gefahr dar, da sie deren Selbstbewusstsein stärkte. Eine blutige Auseinandersetzung wie jener, bei der Fernando Magellan 1521 durch philippinische Soldaten unter Lapu-Lapus Kommando getötet wurde, war für die Kolonialisierung ein Hindernis.

Wegen der selbstbewussten und tapferen Krieger der Inseln gelang es den Spaniern erst im Bündnis mit einheimischen Adligen, das Land zu erobern. Dies schwächte das politische Gleichgewicht im Archipel. Die Einheimischen konnten keine effektive Streitmacht gegen die Spanier aufstellen. Das Verbot der Kunst des Arnis durch die spanische Kolonialmacht im Jahr 1764 war ein Herrschaftsinstrument. Die Krieger mussten ihr Können im Geheimen praktizieren und es oft mit Folkloretänzen verbinden. So bewahrten sie ihr Wissen für die Nachwelt.

Philippinen, Arnis, Kampfsport

Arnis wird als Kampfsportart auch von Frauen ausgeübt. © Chewy Chua.Flickr.CC BY-NC-ND 2.0 Deed

Seit 1899 haben die USA mit der Übernahme der Philippinen als Kolonie von Spanien und der Befreiung von der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg die Regierung und das Militär bis zur heutigen Zeit geprägt.

Im Zweiten Weltkrieg und im Vietnamkrieg setzten die USA philippinische Soldaten ein, darunter den in Westpoint ausgebildeten späteren philippinische Präsident Fidel Ramos. Der Mythos, dass die USA gezielt Arnis-Meister angeworben hätten, ist aber nicht belegt. Die von den USA angeworbenen Soldaten aus dem Archipel waren meistens keine Arnis-Experten. Eine Ausnahme bildete der Arnis-Großmeister Leo Giron, der bereits in den zwanziger Jahren in die USA gegangen war, im zweiten Weltkrieg unter Befehl von Douglas Mc Arthur kämpfte und später in Kalifornien die philippinische Kampfkunst populär machte.

Leovigildo Giron, der Begründer des Vereins Bahala Na Giron Arnis Escrima, hatte Techniken aus dem Dschungelkrieg entwickelt, die im Zweiten Weltkrieg Verwendung fanden. Bis 1966 behielt Giron sein Wissen für sich. Der Mord an Krankenschwestern in Chicago änderte seine Meinung. Mit Kenntnissen der Selbstverteidugung hätten die Frauen möglicherweise ihr Leben retten können.

Traditionelle Ausübung oder Verwestlichung?

Traditionell wurde Arnis mit mittelalterlichen Kriegswaffen wie Schwert oder Speer ausgeübt. Nach dem Verbot durch die Spanier wurde Arnis weiterhin praktiziert, allerdings wurden die Schwerter und Speere durch Rattan Stöcke ersetzt. Heute wird die Kampfkunst Arnis mit ihren Bewegungsschemata sowie Kampf- und Verteidigungstaktiken wieder weitergegeben. Mit dem Nutzen von scharfen Klingen und Alltagsgegenständen werden Kampfkunstschüler nach einer langen Ausbildung zu Meistern. Wegen der kulturellen Zerstörung durch die spanische Kolonialherrschaft gibt es kaum Informationen über die Herkunft von Kampfkünsten wie Arnis. Archäologische Funde führten zwar zu einigen Fragmenten. Ob lediglich die Maharlika-Krieger diese Kampfkunst eingesetzt haben, oder ob sie weiter verbreitet war, darüber ist nichts bekannt.

Philippinen, Arnis, Kampfsport

Nachbildung des Talonason-Schwerts, das Leovigildo Giron im Zweiten Weltkrieg bei seinen Kämpfen im Dschungel verwendete. © Sherry Amor Agustin

Die Verwestlichung asiatischer Kampfkünste und ihre Integration in den Kampfsport führen dazu, dass mit Arnis immer häufiger Turniere im westlichen Stil abgehalten werden. Diese Turniere umfassen normalerweise freie Kämpfe und Vorführungen von Anyo (Stil). Aufgrund des hohen Verletzungsrisikos beim freien Kampf, insbesondere mit Stöcken, sind die Teilnehmer*innen heute in der Regel verpflichtet, Schutzausrüstung wie Helme, Brustpanzer, Handschuhe zu tragen. Zudem werden die Kämpfe mit speziell präparierten Stöcken ausgetragen. Auch sind manche gefährliche Techniken verboten.

Befürworter der westlichen Wettkämpfe betonen den sportlichen Charakter der asiatischen Künste und argumentieren für deren praktische Anwendbarkeit im sportlichen Kontext. Kritiker hingegen sind der Meinung, dass diese Art von Wettkämpfen dem wahren Charakter und Geist der Künste widersprächen und dass durch die stark reduzierte Anzahl und teilweise veränderten Techniken Arnis an Authentizität verliere.

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3 | 2023, Philippinen,
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Arnis – philippinischer Kampfsport

Myanmar: In den 1960 und frühen 70er Jahren war Myanmars Nationalelf führend in Südostasien. Während der Militärherrschaft erlebte der Fußball einen Niedergang. Dieser setzt sich nach dem Putsch von 2021 fort.

Der 25-jährige Ko Kaung Htet Soe vom Verein Yangon United musste sich wie viele andere Profifußballer während der Covid-19-Pandemie einen Nebenjob suchen, als Benzinverkäufer im Geschäft seiner Familie. Sein Verein ist im Besitz von U Tay Za, einem Crony aus dem Dunstkreis des Militärs. Er zahlte ihm nur einen Teil seines schon geringen Profigehalts von rund einer Million Kyat monatlich aus, weniger als 800 US-Dollar beim damaligen Wechselkurs.

Die nationale Fußballliga in Myanmar hat unter der Pandemie gelitten. Die Wirtschaftskrise, verursacht durch den Staatsstreich von 2021, als das Militär die Macht von der gewählten National League for Democracy übernahm, hat sie noch weiter zurückgeworfen.

Kaung Htet Soe bestätigt, dass die Zuschauerzahlen seit dem Putsch deutlich zurückgegangen sind. Aber das liege nicht daran, dass sein Team einem Geschäftsmann gehöre, der als enger Partner der verpönten Militärjunta bekannt sei. „Die Fans haben vielleicht nicht die Zeit, um Fußballspiele anzusehen, oder es ist ihnen zu zeitaufwändig, zu den Stadien zu fahren. Trotzdem schauen einige die Spiele online per Live-Streaming“, sagt er. „Vor weniger Zuschauern zu spielen, ist ein bisschen enttäuschend, aber so ist die aktuelle Situation und wir müssen sie akzeptieren.“

Goldenes Zeitalter der 1960er und frühen 1970er Jahre

Der Fußball in Myanmar hat eine Achterbahnfahrt erlebt, oft zeitgleich mit den politischen Turbulenzen im Lande. Das goldene Zeitalter der 1960er und frühen 1970er Jahre ging über in eine jahrzehntelange Misere, als das Land unter der brutalen Militärdiktatur von Ne Win litt.

Die Nationalmannschaft gewann Gold bei den Asienspielen 1966 und 1970 und qualifizierte sich für die Olympischen Sommerspiele 1972. Myanmar war damals die dominierende Fußballnation in der Region und gewann zwischen 1965 und 1973 beeindruckende fünf Mal in Folge die zweijährlichen Südostasienspiele.

Doch als die Wirtschaft unter Ne Wins burmesischem Weg zum Sozialismus verfiel, litt auch der Fußball. Von 1973 bis heute konnte Myanmar nur noch ein einziges Mal eine Medaille bei den Südostasienspielen gewinnen und holte Silber bei den Spielen 1993.

Ab 2011 brachten politische und wirtschaftliche Reformen einen allmählichen Aufschwung, insbesondere bei den Jugendmannschaften. Zum ersten Mal in seiner Geschichte qualifizierte sich Myanmar 2015 für die U20-Weltmeisterschaft. Die U19-Mannschaft erreichte 2014 das Halbfinale des Asien-Pokals.

Trotz dieser Fortschritte war die A-Nationalmannschaft nicht sonderlich erfolgreich. Sie schied 2018 in der ersten Gruppenphase der WM-Qualifikation aus und erlitt eine demütigende 0:9-Niederlage gegen Kuwait.

Pandemie und Putsch schwächen den Fußball erneut

Die Turbulenzen durch Covid-19 und den Militärputsch haben den ohnehin schon angeschlagenen Sport noch einmal erschüttert. Alle Spiele der inländischen Vereine wurden zwei Jahre lang während der Pandemie suspendiert und viele Klubs konnten nach Angaben des 40-jährigen Spielervermittlers U Ye Naing Win ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber ihren Spielern nicht mehr erfüllen.

„Einige Vereine boten ihren Spielern zwar eine minimale Unterstützung an, aber das reichte angesichts der Verantwortung der Spieler für ihre Familien nicht aus. Es war eine äußerst schwierige Zeit für alle Beteiligten im Fußball“, sagt er. „Daher trafen einige Spieler die schwere Entscheidung, ihre Fußballkarriere aufzugeben und andere Möglichkeiten zu suchen, um die Zeit der Pandemie zu überstehen. Sie nahmen unterschiedliche Jobs an, zum Beispiel verkauften sie Kleidung über soziale Medien oder arbeiteten als Taxifahrer.“

Der Putsch (Anfang 2021) verstärkte diese Probleme noch, da die Wirtschaft weiter abstürzte. Aus Protest weigerten sich einige Schlüsselspieler zunächst, für die Nationalmannschaft Myanmars zu spielen. Der Kader war bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 stark dezimiert. Das gipfelte in der schlimmsten Niederlage, die Myanmar je in einem Wettbewerb erlitt, einer 0:10-Niederlage gegen Japan.

Crony-Liga ohne klares Ziel

Der Eigentümer des Clubs Yangon United, U Tay Za, ist von westlichen Ländern sanktioniert worden. Ihm wird die Beteiligung an Waffenlieferungen für das Militär vorgeworfen, das sie gegen Tausende von Zivilisten eingesetzt hat. In dieser Hinsicht ist der Verein kein Einzelfall. Viele Clubs sind im Besitz von Cronies oder Wirtschaftsmagnaten, die eng mit der Politik verbunden sind. So ist der Ayeyarwady FC im Besitz von U Zaw Win Shein, dem Gründer von Ayeyar Hinthar Holdings. Ihm wird vorgeworfen, als geschäftlicher Stellvertreter der Tatmadaw zu fungieren.

Shan United, der erfolgreichste Verein in jüngster Zeit, gehört der Unternehmensgruppe Kanbawza, die wegen ihrer mutmaßlichen Verbindungen zum Militär von den USA bis 2012 mit Sanktionen belegt war. Dagon Stars United ist im Besitz des Unternehmens Dagon, das von 2009 bis 2015 ebenfalls von den USA sanktioniert wurde.

„Soweit ich weiß, wurden entsprechende Leute von aufeinander folgenden Regierungen ausgesucht, um das Management der Clubs zu beaufsichtigen“, sagt Ye Naing Win, der Spielervermittler. Anfangs haben diese Tycoons die Projekte vielleicht als Investments zum Geldverdienen gesehen. Aber sie sind wohl eher fehlgeschlagene Prestigeprojekte. „Sie merkten bald, dass die Clubs keine Gewinne abwarfen und stattdessen mehr Kosten verursachten.“

Da ihnen diese Vereine jedoch von den vom Militär gestützten Regierungen aufgezwungen wurden, haben sie wohl kaum eine andere Wahl, als den Kopf einzuziehen und weiterhin Verluste hinzunehmen als Gegenleistung für andere aussichtsreiche Geschäftsmöglichkeiten.

Auch der Fußballverband Myanmars, der die nationale Liga und die Nationalmannschaft organisiert, wird von Militär-Cronies dominiert , einschließlich des amtierenden Präsidenten Zaw Zaw, Vorsitzender der Max Myanmar Unternehmensgruppe. Der Sohn des Besitzers von Yangon United, Pyae Phyo Tay Za, der ebenfalls von den USA sanktioniert wurde, ist Vorsitzender des Sportausschusses.

Erheblicher Einfluss der Politik

Die Myanmar National League hat mittlerweile den Spielbetrieb wieder aufgenommen, doch wegen der Instabilität in weiten Teilen des Landes werden die Spiele nur in der Region Yangon ausgetragen. Im Jahr 2020, der letzten vollständigen Saison vor der Pandemie und dem Putsch, wurden Spiele im ganzen Land ausgetragen, auch in der Region Sagaing und im Shan-Staat, wo es in den letzten Jahren schwere Konflikte gab.

Nach Ansicht von Ko Si Thu Hein*, einem ehemaligen Fußball-Experten, gibt es in Yangon nicht genügend Platz für alle Mannschaften, was sich negativ auf das Training und die allgemeine Qualität der Liga auswirke. Von internationalen Fußballorganisationen habe es einige Unterstützung gegeben, aber nicht von den wechselnden Regierungen im Inland.

„Die Politik hat erhebliche Auswirkungen auf die Fußballbranche in Myanmar, da sie die Beziehungen zwischen den Klubbesitzern und der Regierung beeinflusst sowie die Möglichkeit, Gewinne zu erzielen“, sagt er.

Das Publikumsinteresse ist deutlich zurückgegangen, wahrscheinlich durch politischen Boykott und die allgemeinen Umstände. Das Militär hat seit der Machtübernahme Schwierigkeiten, genügend Strom zur Verfügung zu stellen, und die Vereine haben nur begrenzte Budgets für Generatoren. Deshalb finden die Spiele früher am Tag statt, wenn viele Fans wahrscheinlich arbeiten. Und Fans von Mannschaften, die nicht in Yangon ansässig sind, reisen auch kaum zu den Spielen in die Wirtschaftsmetropole, insbesondere da in weiten Teilen des Landes Bürgerkrieg herrscht.

Fußballfan Ko Aung Ko Min erklärt, dass er zu keinem Spiel mehr gehe, obwohl er im Sanchaung Township in Yangon lebe, und nicht einmal mehr die Liga verfolge. „Ich habe lebhafte Erinnerungen daran, wie ich als Kind mit meinem Vater Fußballspiele in Myanmar gesehen habe. Früher war das eine Quelle für Spaß, Begeisterung und Freude“, sagt er. „Jetzt interessiert es mich kaum noch. Ich kenne nicht mal mehr die Spieler.“

Ko Naing Thu aus dem Tarmwe Township stimmt dem zu. „Ich interessiere mich nur noch für Spieler, die im Ausland aktiv sind, wie Aung Thu und Than Paing. Spiele innerhalb Myanmars sind nicht mehr so attraktiv, vor allem nicht unter der Herrschaft des Militärregimes“, sagt er.

Spieler verlassen das Land

Während die Liga verkümmert, verlassen immer mehr Spieler das Land. Ye Naing Win, der Spielervermittler, hat nach eigenen Angaben allein im letzten Jahr 14 Spielern aus Myanmar geholfen, in andere Länder der Region zu wechseln, etwa nach Südkorea, Thailand, Laos oder Malaysia. Selbst in der zweiten thailändischen Liga verdienten die Spieler mindestens 10 Millionen Kyat pro Monat, zehnmal so viel wie in Myanmars erster Liga. In Myanmar seien die Gehälter auch nicht angepasst worden, als die Währung nach dem Putsch fast die Hälfte ihres Wertes verlor.

Ko Aung Kaung Mann aus Myanmar, 26 Jahre alt, spielt jetzt für den thailändischen Klub Chonburi FC, wo er 14 Millionen Kyat pro Monat verdient, mehr als das 14-fache von dem, was er beim Ayeyarwady FC verdiente. „Ich möchte jetzt nicht viel über Politik reden“, sagt er. „Auf jeden Fall sind die Spielergehälter gesunken.“ Er bedauere das sehr für seine ehemaligen Mannschaftskameraden. „Ich tue mein Bestes, um sie auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen.“

Ko Myat Kaung Khant spielte 2019 kurzzeitig für den thailändischen Verein Trat FC, musste aber aufgrund der Covid-19-Pandemie nach Myanmar zurückkehren. Jetzt verdient er weit weniger als zuvor, obwohl er einer der herausragenden Spieler von Shan United ist, dem besten Team der Liga Myanmars. „Ich würde nach Thailand zurückkehren, um dort wieder zu spielen“, sagt er, „wenn ich in nächster Zeit eine neue Gelegenheit bekomme.“

* Name geändert und aus Sicherheitsgründen pseudonymisiert.

Übersetzung aus dem Englischen von: Norbert Schnorbach

Der Artikel erschien am 24. Juli 2023 im englischen Original bei Frontier Myanmar und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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Arnis – philippinischer Kampfsport

Indonesien: Andrin Brändle ist Kenner des indonesischen Fußballs. Der Schweizer spricht über die Stadionkatastrophe von Malang im Oktober 2022, Ultras und strukturelle Gewalt in überfüllten Stadien.

südostasien: Herr Brändle, halten Sie die indonesische Liga für die gefährlichste der Welt?

Andrin Brändle: Ich bin kein Fan von pauschalisierenden Aussagen, aber es ist schon so, dass in Indonesien bei Tumulten immer wieder Menschen zu Tode kommen. Das passiert leider. Beim Spiel von Arema Malang gegen Persebaya Surabaya sind weit mehr als 100 Menschen, darunter viele Jugendliche, gestorben – nach Platzsturm und Tränengaseinsatz der Polizei. Es hat aber auch schon vor dieser Tragödie in jeder Fußballsaison Tote gegeben. Der ehemalige deutsche Torwart Lutz Pfannenstiel, der Ende der 1990er Jahre fast indonesischer Nationaltorhüter geworden wäre, sagte einmal, es würden jedes Jahr über 100 Menschen in indonesischen Stadien sterben. Das war übertrieben, aber es geht anders zu als in Europa.

Diese Vorfälle werden auch anders gewichtet. Wir sehen es daran, dass wenige Tage später schon wieder ein Qualifikationsspiel der indonesischen U17-Auswahl gegen die Vereinigten Arabischen Emirate gegeben hat. Das wäre in Europa undenkbar, wenn zum Beispiel in Deutschland drei Tage vorher so viele Leute zu Tode gekommen wären. Ich glaube nicht, dass der DFB in so einer Situation wieder gegen den Ball treten ließe.

Ein Menschenleben ist in Indonesien offensichtlich weniger wert, die Auseinandersetzung mit dem Tod im Stadion ist kein abstraktes Thema, sondern real. Hinzu kommt, dass Politik und Justiz in Indonesien nicht viel von den Fußballfans halten. Die Politiker und Funktionäre wollen sich über den Fußball in der Welt profilieren, Stichwort U20-WM 2023, der einfache Fan aber wird schnell übergangen. Es fehlen die Kapazitäten, es fehlt das Know-how, um den Todesfällen, auch Morden unter rivalisierenden Fangruppen nachzugehen, sie aufzuklären und investigativ aufzuarbeiten.

Unter welchen Umständen fand das Spiel zwischen Malang und Surabaya statt?

Das war DAS Derby im Osten Javas, der Hauptinsel. In Indonesien gibt es vier große Klubs: Persija Jakarta, Persib Bandung, Arema Malang und Persebaya Surabaya. Das Spiel hat etwas außerhalb von Malang stattgefunden, in Kepanjen. Die Anwesenden haben die erste Heimniederlage von Arema im Derby seit 23 Jahren vor eigenem Publikum erlebt. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass die immer gut gespielt haben, sondern Schiedsrichterentscheidungen wurden getroffen, um Menschenmassen im Zaum zu halten. Meine Erfahrung war: In jedem großen Spiel, das ich in Indonesien besucht habe, hat es einen Elfmeter fürs Heimteam gegeben.

Alle Beteiligten sind zufriedener, wenn sie nicht mit Tumulten rechnen müssen. Das Spiel von Malang gegen Surabaya endete 2:3, es fand unter Flutlicht statt. Der Gast hatte vergeblich versucht, die Partie auf den Nachmittag zu verlegen. Dann kommt hinzu, dass grundsätzlich mehr Tickets verkauft werden als erlaubt. Das verschärft die Situation bei Massenpaniken in Stadien, die infrastrukturell suboptimal ausgelegt sind.

Das Stadion in Kepanjen fasst nach offiziellen Angaben 38.000 Zuschauer, es sollen sich aber weit über 40.000 in der Arena aufgehalten haben. Nach der sich abzeichnenden Heimniederlage kam es zum Platzsturm. Die Polizei hat dann relativ rigoros den Innenraum freigeprügelt. Da waren teilweise brutale Szenen von Polizisten zu sehen, die Fans mit Kung-Fu-Tritten niederstreckten. Dann schoss die Polizei massiv Tränengas auf die Ränge. Die Zuschauer wollten fliehen, aber die Ausgänge waren versperrt.

In diesem Fall muss man auch relativierend sagen, dass das Gewaltpotenzial dieser Leute, die da aufs Spielfeld gestürmt sind, enorm ist. Sie haben in den meisten Fällen keine Strafverfolgung zu befürchten. Da geht es auch nicht nur darum, dem Polizisten einen Stein an den Helm zu werfen, sondern manchmal um mehr. Die Polizisten werden zum Feind auserkoren und hart attackiert. Das sind wilde Szenen, die man regelmäßig sieht. Die schlecht operierende indonesische Polizei ist schwer bewaffnet.

Sie hat scharfe Waffen, Reizgas, das in Stadien nach Fifa-Regularien grundsätzlich verboten ist. Problematisch waren auch die geschlossenen Ausgänge. Zudem gibt es in Malang etwa vier Meter hohe Zäune, die von einem gewalttätigen Randalierer problemlos überwunden werden können, aber nicht von einem Kind oder einer Frau im Tränengasdampf.

Sie haben 2019 über mehrere Monate Fans des indonesischen Erstligisten PSS Sleman begleitet, konkret die Gruppierung Brigata Curva Sud. Haben Sie damals ähnliche Szenen erlebt?

Bei Spielen von Sleman habe ich das Glück gehabt, dass es nie zu einer derartigen Situation gekommen ist. Doch ich habe andere Spiele erlebt, wo es zu Ausschreitungen kam und mehrere Menschen starben. Ich war stets als Fotograf am Spielfeld. Da ist mir bewusst geworden, wie wenig es braucht, damit ein friedliches Fußballspiel in ein totales Chaos mündet. Salopp gesagt, habe ich gedacht, naja, die Indonesier, die sind alle einen Kopf kleiner als ich, da kann ich mich auch in schwierigen Momenten zurechtfinden.

Aber ich habe da zum ersten Mal Angst gehabt. Zur schlechten Stadioninfrastruktur kommt die schlechte Koordination der Polizei hinzu – und die rohe Gewalt der Randalierer. Das ist eine krasse Mischung. Erlebt habe ich auch diese Lynchjustiz; ausgebrannte Polizeiautos hat es auch jetzt wieder gegeben. So etwas wie in Malang multipliziert die Wut auf die Obrigkeit.

Die indonesischen Fußballfans zitieren seit den 90er Jahren die italienische Ultra-Kultur und leben sie radikal aus. Was macht die Fankultur in dem Inselstaat aus?

Mit der Brigata Curva Sud haben wir den Pionier, was das Ausleben der Subkultur Ultra in Indonesien angeht, sie wurde 2011 gegründet, und das geht noch auf den Einfluss aus den 90er Jahren zurück, denn die italienische Serie A war die erste Liga, die ihre Fernsehrechte nach Indonesien verkauft hat. Die Fans von Arema nennen sich selbst Aremania und gelten als nicht weniger fanatisch als die Ultras. Die Aremania sind ein loser Zusammenschluss, da haben wir nicht diese Strukturen, wie man sie aus Ultra-Kreisen kennt. In Malang ist die Aremania bestimmend, da könnten auch Sie und ich mitmachen. Wenn der Ultra-Vorsänger in Sleman sagt „Ruhe“, dann ist auch Ruhe, und die Leute gehorchen. Die Aremania hat abertausende Vertreter, die dann im Stadion schon erpicht sind, gemeinsam zu singen oder zu tanzen, aber es gibt kein klares Subordinationsverhältnis gegenüber einem Vorsänger.

Was hat Sie eigentlich nach Indonesien gezogen?

Die italienische Prägung, die ist für Leute, die sich für Subkulturen interessieren, reizvoll. Mich interessieren die Kreativität und das unbändige Element in den Fankurven. Ich habe mich auf die Suche gemacht, weil ich das auch erleben wollte. In Indonesien bin ich fündig geworden. Die Indonesier sind Europäern gegenüber recht offen. Sie freuen sich, dass man sie besuchen kommt. Wenn ich die gleiche Reportage über den Fußball in Polen machen würde, dann würde es Jahre brauchen, bis ich überhaupt an die Leute rankomme. In Deutschland wäre es ähnlich.

Sie haben also schnell Nähe herstellen können?

Ich wollte in aller Zurückhaltung dokumentieren, ohne Sonderbehandlung. Das ist ziemlich gut angekommen. Ich war 2022 nochmals auf einer Urlaubsreise in Indonesien. Wenn Und ich ein bisschen länger geblieben wäre, hätte ich mir auch die Partie in Malang angeschaut.

Für mich ist das alles ein bisschen surreal, weil man das spezielle Umfeld schätzt mit übervollen Stadien und Flutlichtspielen, die anders sind als in Europa. Es gibt bis auf den letzten Platz gefüllte Ränge, und die Leute schreien sich die Lunge aus dem Leib, während sie auf Zäunen sitzen. Aus voyeuristischer Sicht spannend und interessant. Aber eben auch eine Gratwanderung. Einerseits sind Sie auf der Suche nach Authentizität und Versatzstücken der Ultra-Kultur, andererseits ist dieses schlummernde Gewaltpotenzial ständig vorhanden – und drängt auf Entladung.

Es hat mich daher nicht überrascht, dass diese Katastrophe passiert ist. Den Fans ist bewusst, dass sie ein gefährliches Hobby ausüben. Ein Fass, das irgendwann überlaufen musste – so kann man die Lage beschreiben. Dieses wilde Element findet sich nicht nur in der Fankultur, sondern auch im Verwaltungsapparat. Die Fifa hat den indonesischen Fußballverband abgestraft, wegen politischer Einmischung. Es gibt Korruption und Wettbetrug. Es gab auch immer wieder Liga-Umstrukturierungen.

Staatliche Institutionen haben sich wiederholt in die Machenschaften des Verbands eingemischt. Das ist ein Grundsatzproblem. Immer wieder gibt es Leute, die sich des Fußballs bemächtigen in einem Ausmaß, das in Deutschland unvorstellbar wäre. Wenn so etwas bei Ihnen passieren würde, hätte sich spätestens nach zwei Wochen ein Fanbündnis zusammengefunden, das dagegen vorgeht. Das passiert natürlich nicht in Indonesien.

Das Interview erschien zuerst am 10. Oktober 2022 in der tageszeitung und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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Myanmar/Thailand: Zwei zentrale Folgen der Netflix-Serie FightWorld konzentrieren sich auf Südostasiens Kampfkunst. Beleuchtet werden Muay Thai (Thai-Boxen) und sein weniger bekanntes Pendant Lethwei aus Myanmar.

Frank Grillo, Moderator der Netflix-Serie FightWorld, ist vor allem Schauspieler, aber er ist auch ein Fan von Kampfkünsten aller Art. In der Serie FightWorld gibt er seinem Hobby Raum und stellt Kampfkunst-Profis ins Rampenlicht. Die Folgen Thailand: Der glückliche Sohn und Myanmar: Am Scheideweg führen die Zuschauer*innen nach Südostasien.

Bei Kampfkunst geht es nicht um die Stärken und Schwächen des Gegners, sondern um die eigenen. „Wir wollen nicht einander besiegen, sondern uns selbst“ erläutert ein Hobby-Straßenkämpfer aus Bangkok in Thailand: Der glückliche Sohn. Seine Einschätzung wird von vielen anderen Befragten geteilt. Jede*r Kämpfer*in strebt danach, aus Vergangenheit und/oder Gegenwart resultierende psychische oder auch physische Schwierigkeiten zu bewältigen.

Karriere, Bildung und Gemeinschaft

Armut ist oft die treibende Kraft hinter der Entscheidung junger Menschen in Thailand und Myanmar, sich im Kampf-Ring zu testen. Außer der Möglichkeit zu einer Karriere, bietet die Mitgliedschaft in einem Klub auch Bildung und Gemeinschaft. Das Training bringe junge Menschen aus unterschiedlichen ethnischen und religiösen Hintergründen zusammen, erzählt der Gym-Besitzer Win Zin Oo aus Yangon in Myanmar: Am Scheideweg. Das ist eine wichtige Leistung in einer gespaltenen und konfliktreichen Gesellschaft. Doch sie hat ihren Preis.

Die Kamera verweilt auf einem bis zur Unkenntlichkeit geprellten Gesicht, auf gebrochenen Nasen, zerschrammten Rippen. Obwohl Artur Saladiak, ein ausländischer Teilnehmer der Lethwei Weltmeisterschaft in Yangon betont, dieser Sport sei ungefährlich und nicht brutal, erzählen die Verletzungen nach seinem Sieg eine andere Geschichte.

Mit 25 Jahren sind Kampfsportler bereits ‚alt‘

Muay Thai ist als Kunst der acht Gliedmaßen bekannt ist (Füße, Hände, Ellbogen und Knie). Lethwei gilt als Kunst der neun Gliedmaßen, weil auch Kopfstoß erlaubt ist. Außerdem tragen Lethwei-Kämpfer keine Handschuhe, nur eine dünne Schicht aus Gaze-Band. Im Gegensatz zu Muay Thai, das sehr viel Ausdauer verlangt, endet Lethwei nach fünf Runden mit einem Gleichstand. Das passiert aber nur wenn kein KO oder TKO vorher stattfindet. Deshalb fangen beide, Muay Thai und Lethwei Kämpfer, bereits sehr jung an. Im Alter von 25 Jahren ist ihre Karriere meistens schon vorbei. Inseepayong, der Protagonist der Thailand-Episode, hat im Alter von 17 Jahren schon 200 Kämpfe hinter sich.

Wer Glück hat, kann eine gewisse finanzielle Stabilität für sich selbst und seine Familie erreichen. Obwohl illegal, wird bei Muay Thai Kämpfen viel gewettet und die Einsätze werden mit den Teams mit Handzeichnen kommuniziert. Das Versprechen einer größeren Summe treibt erschöpfte Kämpfer an.

Lebende Legenden und bescheidene Meister

Erfolg bringt Ruhm gefolgt. Grillo besucht die größten Meister ihres Faches. In Thailand kennt jeder den Namen von Buakaw, der mit 240 Gewinnen eine lebende Muay Thai-Legende ist. Er ist auch Unternehmer und besitzt seine eigene Trainingshalle. Anderseits in Myanmar: Lone Chaw, der unbestrittene Champion von Lethwei bleibt seinen bescheidenen Anfängen treu und unterrichtet die nächste Generation im kleinen Familien-Gym von Win Zin Oo weiter. Obwohl, wie der Titel der Myanmar-Episode ankündigt, Lethwei gerade an einem Scheideweg steht, besteht er darauf, dass die Sportart traditionell bleiben und nicht Berühmtheit, sondern Selbstentwicklung im Vordergrund stehen solle.

Phoe Taw sieht es anders. Er stammt aus einer Mittelschichtfamilie und studierte Elektrontechnik. Seine Eltern missbilligen seine Ambition. Phoe Taw strebt nach Geld und Berühmtheit. „Ich werde wie die Ei-Puppe sein, ich werde nie fallen“ verkündet der junge Mann in Bezug auf pyit taing htaung, die Myanmar-Version des Stehaufmännchens. Sein französischer Gegner in der Weltmeisterschaft behandelt ihn zunächst herablassend. Doch kurz darauf wird er von Phoe Taw KO geschlagen. Er sei ein richtiger Star, so lautet Grillos Loblied nach dem Kampf.

Leben am Scheideweg

Es gibt Umstände, aus denen man sich nicht rauskämpfen kann. Wenn Inseepayong seinen Boxkampf verliert, treffen ihn verletzenden Worte seines Trainers hart. Doch nach einer Umarmung von Grillo konzentriert er sich schon wieder auf das nächste Match und führt seinen um die Überwindung der eigenen Grenzen fort.

In welchem Umfang das Leben von Phoe Taw an einem Scheideweg stand, verstand in der Zeit der Dreharbeiten noch niemand. Als freimütiger Kritiker des Militärputsches von 2021, der Min Aung Hlaing zu einem Cagefight herausgefordert hat, wurde er nach einem Autobombenanschlag trotz schwerer Verletzungen inhaftiert und für Anstiftung gegen die Regierung unter dem berühmten Paragraf 505 des Strafgesetzbuchs angeklagt. Phoe Taw ist nach wie vor in Haft, wie es ihm geht, darüber ist laut Medienberichten nichts bekannt. Too Too, der Titelverteidiger von Lethwei der in FightWorld auch auftaucht, wurde ebenso festgenommen. Sein gewaltsamer Tod in der Haft wurde im April 2023 verkündet.

Rezension zu FightWorld. Die Serie ist verfügbar auf Netflix.

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Arnis – philippinischer Kampfsport

Kambodscha: Im Interview berichtet der Kickbox-Meister Eh Phouthong über seine Karriere als Profi-Sportler und seine heutige Arbeit als Boxtrainer.

südostasien: In welchem Alter hast du mit Boxen angefangen?

Eh Phouthong: Als ich zehn Jahre alt war habe ich angefangen Kun Khmer [die kambodschanische Form des Kickboxens, d.R.] zu trainieren.

Wie ging es danach weiter?

Mit 18 Jahren hatte ich meinen ersten professionellen Kampf. Obwohl ich in der Provinz Koh Kong geboren wurde und dort meine ersten Jahre verbracht habe, fand dieser Kampf in der Provinz Prey Veng statt. Für diesen Kampf, den ich auch gewonnen haben, wurden mir rund fünf Dollar bezahlt.

Wie konntest du mit so wenig Geld als Profiboxer überleben?

Damals habe ich noch bei meinen Eltern in der Provinz Koh Kong gelebt und musste nicht arbeiten gehen. Nachdem ich den ersten Profi-Kampf gleich gewonnen habe, hat mein Vater für die nächsten Kämpfe bessere Konditionen ausgehandelt und ich habe mehr und mehr Geld verdient.

Was waren die größten Hindernisse auf deinem Weg?

Nach dem ersten Profi-Kampf zog ich in die Provinz Prey Veng und lebte bei meinem Onkel. Dort fühlte ich mich oft alleine. Außerdem habe ich mich so auf das Trainieren und Boxen fokussiert, dass ich nicht zur Schule gegangen bin. Bis heute geht es in meinem Leben nur ums Boxen, etwas Anderes kann ich nicht. Deswegen bin ich immer noch in diesem Business tätig.

Was war dein größter Sieg? Wann fühltest du dich am glücklichsten?

Das war nach meinem ersten Sieg in Prey Veng. Ich habe gegen einen Gegner aus Battambang [eine Hochburg des Kun Khmer, d.R.] gewonnen. Ich war so glücklich und hatte das Gefühl, nur Kun Khmer kann mich glücklich machen. Außerdem hatte ich dann auch bald das Gefühl, dass ich von dem Sport leben kann.

Hierzulande ist vor allem das Thai-Boxen bekannt. Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen Kun Khmer und Muay Thai?

Kun Khmer und Muay Thai sind sich ziemlich ähnlich. Kun Khmer hat eine ältere Tradition als Muay Thai. Aber während des Krieges [Kambodschas Bürgerkrieg, die Zeit unter den Khmer Rouge und dem anschließenden Bürgerkrieg bis 1991, d.R.] ging die Tradition im Land verloren. Zur gleichen Zeit haben die Thailänder Muay Thai gefördert und auf der ganzen Welt bekannt gemacht. Sie haben es zu ‚ihrem Sport‘ gemacht. Mittlerweile kämpfen die Khmer darum, dass der kambodschanische Ursprung des Sports anerkannt wird, weil es ein wichtiger Teil der Khmer-Kultur ist.

Im Vorfeld der Südostasien-Spiele 2023 gab es Streit zwischen Kambodscha und Thailand um die Benennung des Sports. Weil sich das Gastgeberland Kambodscha durchsetzte, hat Thailand die Kun Khmer-Wettkämpfe boykottiert. Was hältst du davon?

Ich hätte es gerne gesehen, wenn die Thais bei den Kämpfen mitgemacht hätten, weil es um den Spaß am Sport geht. Außerdem sollten auch die Besten daran teilnehmen. Wegen des Streits haben sich die Menschen über Khmer und die thailändische Kultur unterhalten. Die beiden Kulturen sind sich sehr ähnlich. Aber trotz aller Gemeinsamkeiten ist die Art, wie wir Boxen lernen und es praktizieren, doch noch eine andere.

Was muss geschehen um Kun Khmer auf internationaler Ebene mehr zu fördern?

Wir müssen von Thailand lernen und sehr viel mehr auf die sozialen Medien setzen. Außerdem müssen wir den jungen Menschen mehr Möglichkeiten geben, das Boxen als Leistungssport auszuüben.

Warum hast du nach deiner Karriere als Kämpfer eine Boxschule aufgemacht?

Ich habe die Schule gegründet, weil es keine Gegner mehr für mich gab. Ich war zu gut. Wenn mich heute ein anderer herausfordern würde, ginge ich sofort wieder in den Ring, um zu kämpfen.

Wie vielen Schülern bringst du Kun Khmer bei?

Als ich 2003 meine erste Schule in der Stadt eröffnete, hatte ich rund 20 Schüler. Mittlerweile habe ich zwei Schulen und um die 40 Schüler. Vor vier Jahren musste ich eine der Schulen in der Stadt schließen, weil es Ärger um die Landrechte gab. Ich bin deshalb aus der Stadt herausgezogen, wo ich jetzt auch wohne [Die Schule befindet sich rund eine halbe Stunde außerhalb Phnom Penhs, d.R.].

Gibt es unter deinen Schülern auch Kämpfer, die an dein Talent heranreichen?

Unter meinen 40 Schülern haben vielleicht vier oder fünf großes Talent und sie können eine erfolgreiche Zukunft haben, wenn sie sich voll auf das Boxen konzentrieren.

Wenn einer dieser Schüler kämpft, zieht es dich dann selbst wieder in den Ring?

Immer (lacht schallend!) Ja, manchmal will ich wirklich wieder zurück in den Ring und kämpfen.

Kuch Sikol hat während des Interviews aus dem Khmer ins Englische übersetzt.

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