2 | 2023, Vietnam,
Autor*in:

Auf der Suche nach neuen Wegen

Vietnam, NGO, Repressionen

Windkraftfarm im Mekongdelta. Süd- und Zentralvietnam haben sowohl für Windkraft als auch für Solarenergie ein hohes Potential. © Shansov. CC BY SA

Vietnam: Das Verhältnis zwischen Staat und NGOs ist komplex und kompliziert. Unser*e Autor*in berichtet über zivilgesellschaftliches Engagement und Repressionen gegen Umweltaktivist*innen.

Ich lernte Nguy Thi Khanh im Sommer 2015 kennen. Sie war eine der Rednerinnen bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Luftqualität und Kohlekraftwerke in Vietnam. Es war ein Thema, das damals selbst unter Umweltorganisationen noch nicht viel Beachtung gefunden hatte. Drei Jahre später erhielt sie als erste Vietnamesin den Goldman-Umweltpreis für ihr Engagement für den Kohleausstieg und den Ausbau von erneuerbaren Energien. Khanh war DIE Expertin für die Energiewende. Sie wurde von nationalen Behörden, lokalen Gemeinschaften und Medien wegen ihres Wissens und ihrer geschickten Diplomatie anerkannt und geschätzt – bis zum Januar 2022.

Es ist schwer zu beschreiben, wie ich mich fühlte, als die Nachricht von ihrer Verhaftung aufgrund von angeblicher Steuerhinterziehung in Höhe von 18.000 US Dollar (10 Prozent des mit dem Goldman-Preis verbundenen Stipendiums) bekannt wurde. Die Verhaftung von Khanh und anderen führenden Persönlichkeiten von NGOs war ein deutliches Signal der vietnamesischen Regierung: Einige Umweltthemen sind nicht länger offen für öffentliche Diskussionen und Aktivismus kann – unabhängig von früheren Beiträgen und Erfolgen – zu strafrechtlicher Verfolgung führen [Nguy Thi Khanh wurde am 12. Mai 2023 vorzeitig aus der Haft entlassen. Laut der vietnamesischen Regierung ist der Anlass dafür eine Amnestiegewährung am Wiedervereinigungstag, Anm. d. Red.]

Komplexe Beziehungen zwischen Staat und Zivilgesellschaft

blume und mauer

vielleicht ist unsere blume dir im weg
du möchtest lieber häuser bauen
und dafür land rauben

vielleicht stört dich unsere blume
denn du möchtest lieber
breite straßen bauen
und zäune aus eisen

wenn nun zum beispiel unsere blume
herabgeschlagen würde
auf unserm eigenen land

wenn wir die blume sind
und du die mauer
wir aber ins innere der mauer
unsere samen gesät haben

dann werden wir gemeinsam wachsen
in der gewissheit: dass du zugrunde gehst

wir sind uns gewiss
tyrannei muss fallen überall

Wiji Thukul, Solo, 1987-88

Das Gedicht blume und mauer des indonesischen Poeten und Menschenrechtlers Wiji Thukul erschien bei regiospectra im Gedichtband graswurzellieder Wir danken dem Verlag für die Genehmigung zum Abdruck.

Internationale Beobachter*innen haben diese Ereignisse als „die Spitze des Eisbergs eines neuen Angriffs auf die Zivilgesellschaft in Vietnam“ bezeichnet (International Federation for Human Rights (FIDH), Vietnam Committee on Human Rights (VCHR)). Die klischeehafte Rhetorik zum schrumpfenden zivilgesellschaftlichen Raums wird jedoch weder der bestehenden vietnamesischen Umweltbewegung gerecht noch spiegelt sie die komplexen Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft in Vietnam ausreichend wider.

Zivilgesellschaftliche Organisationen haben sich ihre legitime Nische in einem autoritären Regime geschaffen. Der Widerstand des Staates gegen die Selbstorganisation und Selbstmobilisierung von Bürger*innen lässt sich an der anhaltenden Verzögerung bei der Schaffung eines rechtlichen Rahmens für Vereinigungsfreiheit ablesen. Das Gesetz über Vereinigungen wurde noch nicht verabschiedet, obwohl es seit Jahrzehnten diskutiert wird. Infolgedessen müssen vietnamesische Nichtregierungsorganisationen zahlreiche administrative Hürden für ihre Registrierung und ihre Aktivitäten überwinden. Das macht es nahezu unmöglich, als Initiative ohne Rechtsform zu agieren.

Die rechtliche Anerkennung ist von entscheidender Bedeutung für Organisationen, die ihre Tätigkeit durch öffentliche und ausländische Mittel absichern und sich am politischen Dialog beteiligen wollen. Sobald sie rechtlich registriert sind, treten NGOs in ein ‚System der Erlaubniserteilung’ ein, das bürokratische Verfahren zur Genehmigung von Projekten bei jeglicher Aktivität durch mehrere Instanzen erfordert, die Monate dauern. Dennoch haben vietnamesische NGOs ihre Arbeit und ihren Beitrag in der Vergangenheit erfolgreich als integralen Bestandteil der nationalen Entwicklung positioniert.

Produktive Zusammenarbeit bei bestimmten Gelegenheiten

Im Bereich des Klimawandels und der Umwelt schuf die Regierung deshalb bei bestimmten Gelegenheiten einen einladenden Raum für NGOs, um sich an der Formulierung von Strategien zu beteiligen. Die Climate Change Working Group – das aktivste NGO-Netzwerk, das sowohl internationale als auch lokale NGOs in Vietnam umfasst, die zur Klimakrise arbeiten – hat es beispielsweise geschafft, eine produktive Zusammenarbeit mit Fachministerien wie dem Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung und dem Ministerium für natürliche Ressourcen und Umwelt aufzubauen. Sie waren an der nationalen Überprüfung und Aktualisierung der National Determined Contributions [nationale Klimaziele, d.R.] sowie an der Formulierung des nationalen Anpassungsplans an den Klimawandel beteiligt.

Vietnam, NGO, Repressionen

Nguy Thi Khanh als Sprecherin bei einer Veranstaltung. © Nguy Thi Khanh; CC BY ND NC

Die Vietnam Sustainable Energy Alliance, ein Netzwerk von elf vietnamesischen und internationalen Umwelt- und Sozialorganisationen, die sich für die Förderung von erneuerbaren Energien in Vietnam einsetzen, trug bis zur Verhaftung ihrer Gründerin Khanh auch zur Überarbeitung des nationalen Energieentwicklungsplans bei – dem Eckpfeiler der Politik, die den Stromsektor des Landes (den größten Sektor für die CO2-Emissionen des Landes) prägen wird. Wenn durch kontinuierliche Lobbyarbeit auf der Grundlage von Forschungsergebnissen, Best- Practice- Lösungen, realisierbaren Alternativen und dem Aufbau von Netzwerken ein gewisses Maß an Vertrauen erreicht wird, können sich NGOs als informative Ressource in den Entscheidungsprozess einbringen. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass der verstärkte Austausch mit der Zivilgesellschaft zu einem Dialog auf Augenhöhe heranreift – stattdessen engen die jüngsten Entwicklungen den Dialog ein oder beenden ihn ganz.

Das beunruhigende Jahr 2022 endet für mich mit der Schließung von CHANGE, einer führenden gemeinnützigen Umweltorganisation mit Sitz in Ho Chi Minh Stadt. In den zehn Jahren seines Bestehens konnte CHANGE über 42 Millionen Menschen erreichen und Hunderte von Projekten und Kommunikationskampagnen organisieren, um das Bewusstsein für den Verlust der biologischen Artenvielfalt, die Klimakrise und die Umweltzerstörung zu schärfen und zum Handeln anzuregen. Ein wenig Hoffnung bleibt: Wenn sich eine Tür schließt, werden sich neue Möglichkeiten eröffnen. Unter autoritären Zwängen haben sich bereits einige ehemalige NGOs dazu entschlossen, ihren Wert und ihr Fachwissen als Sozialunternehmen anzubieten. Die Zivilgesellschaft wird in aller Stille weiterhin die Lücken füllen, in denen noch Platz ist und sich neue Wege suchen.

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Indonesien: Illegale Shrimp-Farmen auf der Inselgruppe Karimunjawa bedrohen Mangrovenwälder und Korallenriffe. Eine lokale Bewegung kämpft für den Erhalt des UNESCO- Biosphärenreservats.

Karimunjawa, ein Archipel aus 27 Inseln, liegt nördlich der indonesischen Hauptinsel Java. Aufgrund der einzigartigen Unterwasserwelt gehören die Inseln seit 2020 zum UNESCO-Biosphärenreservat Karimunjawa-Jepara-Muria. Das Inselreich bietet nationalen und internationalen Tourist*innen scheinbar den idealen tropischen Inselurlaub. Doch das Bild der perfekten Idylle ist ins Wanken geraten. Seit 2017 breiten sich auf den Inseln immer mehr illegale Garnelenfarmen aus. Was als kleines Projekt begann, hat sich innerhalb des Karimunjawa-Nationalparks auf 33 Garnelenfarmen mit 238 Teichen (Stand: März 2023) ausgeweitet.

Als Reaktion auf den stetigen Ausbau der Anlagen rief 2018 die lokale Organisation Pondok Kreatif Bunga Jabe, die Umwelt- und Klimabewegung #SAVEKARIMUNJAWA ins Leben. Ihr Ziel ist es, den weiteren Ausbau der Garnelenfarmen zu stoppen, die Farmbesitzer*innen zur Verantwortung zu ziehen und den entstandenen Schaden so gut wie möglich zu beheben.

Dramatische Folgen für Umwelt und Menschen

Auf den ersten Blick scheint der Bau der Farmen eine sinnvolle neue Einkommensquelle für die Inselbewohner*innen zu sein. Jedoch handelt es sich bei den Aquakulturen auf Karimunjawa um illegale Projekte, die keine Genehmigung für den Bau von Teichen oder die Nutzung von Meerwasser besitzen. Vorgeschriebene Umweltschutzmaßnahmen, wie beispielsweise ein geregeltes Abfall- und Abwasserbewirtschaftungssystem, werden nicht eingehalten.

Garnelenfarmen brauchen große Mengen an frischem Meerwasser und werden deshalb in Küstenregionen angelegt. Auf Karimunjawa kommt es deswegen durch das Anlegen von Teichen und meterlangen Rohren zur Degradierung von Mangrovenwäldern, wichtigen küstennahen Feuchtbiotopen und Korallenriffen. Diese Ökosysteme dienen als Schutzwälle gegen Überschwemmungen und Landerosionen, versorgen die Bevölkerung mit Trinkwasser und Nahrung und bieten seltenen und bedrohten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Für Küstenbewohner*innen sind Mangrovenwälder wichtig, um sich besser an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Die Wälder bieten Schutz vor Extremwetterereignissen und Überschwemmungen, die aufgrund des ansteigenden Meeresspiegels häufiger auftreten. Zudem leisten sie als natürliche und langfristige Kohlenstoffspeicher einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel.

Da die Farmen auf Karimunjawa keine Abwasser- und Filtersysteme besitzen, wird das chemisch verunreinigte Abwasser in die direkte Umgebung der Zuchtstationen abgeleitet. Das verschmutze Wasser besteht aus organischen und anorganischen Stoffen, die von Futterresten und Exkrementen der Garnelen sowie in der Zucht eingesetzten Medikamenten stammen. Dies führt zu einem Massensterben an Kleintieren und Pflanzen an den Küsten und ist gefährlich für Riffe, Seegras und Mangroven. Dies ist einerseits eine Umweltkatastrophe und hat andererseits enorme Auswirkungen auf das Leben der lokalen Bevölkerung.

Anwohner*innen klagen über Hautausschläge und Kleinfischer*innen müssen ihre Fischgründe ausweiten oder wechseln. Und auch der früher florierende Anbau und Handel mit Seegras, macht mittlerweile wirtschaftliche Verluste. Laut Betroffenen wird sich der Effekt langfristig auch auf den Tourismussektor auswirken. Der Tourismus auf Karimunjawa lebt von Schnorchel- und Tauchausflügen, sowie sauberen Stränden mit glasklarem Wasser. Abgestorbene Korallenriffe, eine verschwindende marine Biodiversität und chemisch verseuchtes Wasser, werden in naher Zukunft keine Urlauber*innen mehr anziehen.

Ausbreiten der Farmen mit ökonomischen Argumenten

Insbesondere Küstenbewohner*innen sind von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen. Der steigende Meeresspiegel, häufigere Extremwetterereignisse und das Verschwinden der marinen Biodiversität erschweren das Leben der Einheimischen. #SAVEKARIMUNJAWA möchte deshalb die illegalen Garnelenfarmen, die diesen Prozess beschleunigen, stoppen und zukunftsträchtigere Alternativen schaffen. Die Bewegung besteht aus Kleinfischer*innen, Seegrasfarmer*innen, Arbeiter*innen aus dem Tourismusbereich und weiteren engagierten Einheimischen. Eine solche Bewegung ist auf Karimunjawa keine Selbstverständlichkeit. Laut den Gründer*innen stieß sie vor allem zu Beginn auf Misstrauen und Unverständnis. Als #SAVEKARIMUNJAWA im Jahr 2018 versuchte, über die negativen Auswirkungen aufzuklären, wurden sie meistens nicht ernst genommen oder ihnen wurde vorgeworfen, die wirtschaftliche Entwicklung der Inseln aufzuhalten.

Insbesondere während der Corona-Pandemie verkauften oder verpachteten viele Einheimische ihr Land an Besitzer*innen der Garnelenfarmen. Den Menschen wurde für ihre Lebensverhältnisse verhältnismäßig viel Geld angeboten. Verdienstausfälle während der Pandemie führten dazu, dass diese Angebote schwer auszuschlagen waren. Zudem wussten nur wenige Menschen über die Folgen der Farmen Bescheid und wurden von den Landkäufer*innen unter Druck gesetzt. Bis heute trauen sich viele nicht, gegen die Teichwirtschaft vorzugehen.

Es hat dementsprechend viel Aufklärungsarbeit gebraucht, um Menschen für die Bewegung zu gewinnen. Sich öffentlich äußernde Mitglieder müssen mit Druck und Bestechungsversuchen rechnen. Regelmäßige Versammlungen, um sich über Neuigkeiten auszutauschen und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, sind deshalb besonders wichtig.

Sammelklage soll Farmen stoppen

Derzeit bereitet sich die Bewegung auf eine Sammelklage gegen die Garnelenfarmen vor. Die betroffenen Gruppen sammeln wichtige Beweise und dokumentieren Schäden, die durch die Zuchtanlagen entstanden sind. Ziel der Klage ist es, die Produktion der Farmen so bald wie möglich zu stoppen und Entschädigungszahlungen für die Anwohner*innen, die betroffenen Wirtschaftszweige und die verschmutzte und zerstörte Umwelt zu erlangen.

Laut den Mitgliedern der Bewegung, sollen mit den Geldern Mangrovenwälder wieder aufgeforstet werden und alternative Einkommensquellen geschaffen werden. Dies kann beispielsweise in Form von ökofreundlichem Tourismus geschehen oder in einer nachhaltigen Zucht von Garnelen in den bereits vorhandenen Teichen. Die Gründer*innen von #SAVEKARIMUNJAWA möchten damit den Schutz der Umwelt garantieren, dem Klimawandel entgegenwirken und die Einheimischen wirtschaftlich absichern.

Unterstützt wird die Bewegung von der indonesischen NGO Kawali, die den rechtlichen Prozess begleitet. Aber auch aus dem Kunstbereich kommt Zuspruch. So gestaltet die Kunstgruppe Japara Poster Syndicate Plakate und Karikaturen, die sowohl in sozialen Medien wie auch an öffentlichen Orten auf die Problematik aufmerksam machen.

Politischer Rückenwind von ‚ganz oben‘

Die Bewegung hat Höhen und Tiefen erlebt. Zwischenzeitlich schien es unmöglich, auf juristischen Weg erfolgreich gegen die Umweltzerstörung vorzugehen. Wichtige Entscheidungsträger schienen bewusst nichts mit der Problematik zu tun haben zu wollen. Dazu zählen Politiker*innen, Verantwortliche des Nationalparks oder auch die lokale Polizei. Frust und Verzweiflung begleiteten den Alltag der Aktivist*innen.

Seit März 2023 hat sich das Blatt gewendet. Ganjar Pranowo, Gouverneur von Zentraljava, forderte überraschenderweise die Regierung Jeparas auf, die illegalen Garnelenfarmen zu schließen. Laut Aktivist*innen steht dies vermutlich im Zusammenhang mit seiner Präsidentschaftskandidatur bei den Wahlen 2024. Danach sprach sich auch der amtierende Regent der Provinz Jepara, Edy Supriyanta, für eine Schließung der Farmen nach der nächsten Garnelenernte aus. Jedoch bestehen weiterhin Zweifel auf Seiten der Bewegung, da ihnen das Vertrauen in die Politik teilweise verloren gegangen ist und nur vage Angaben zum Zeitpunkt der endgültigen Schließung der Farmen mitgeteilt wurden. Dementsprechend macht die #SAVEKARIMUNJAWA Bewegung weiterhin Druck und bereitet sich auf ihre Sammelklage vor.

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Südostasien: Nithi Nesadurai, Direktor des Climate Action Network Southeast Asia, spricht im Interview über widerstreitende Interessen der südostasiatischen Verhandlungsführer bei internationalen Klimaverhandlungen – und über den schwindenden Spielraum für die Zivilgesellschaft.

südostasien: Nithi, wir könnten dich als ‚Mr. COP‘ der südostasiatischen Zivilgesellschaft bezeichnen. An wie vielen der COP (Conference of Parties) genannten Klimaverhandlungen hast du schon teilgenommen?

Nithi Nesadurai: Es ist eine Ehre, als ‚Mr. COP‘ der südostasiatischen Zivilgesellschaft bezeichnet zu werden. Vielen Dank. Tatsächlich habe ich im Vorfeld des Rio-Gipfels 1992, auf dem das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen zum Klimawandel (UNFCCC) beschlossen wurde, begonnen, mich mit Fragen des Klimawandels zu beschäftigen. Das war lange vor meiner ersten COP-Teilnahme im Jahr 2000. Zwischen 2000 und 2008 und dann wieder ab 2016 habe ich insgesamt an 16 COPs teilgenommen.

Warum nimmst du immer wieder an den COP teil?

Ich kehre aus verschiedenen Gründen immer wieder zurück: um mich mit den Verhandlungsführer*innen aus Südostasien und dem Rest der Welt über die Verhandlungen auszutauschen; um unsere Kernthemen wie Just Transition, Gerechtigkeit und faire Anteile zu fördern; um Teil der Gemeinschaften von Climate Action Network (CAN) und der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zu sein, die sich auf globale Lösungen für den Klimawandel einigen, diese verabschieden und vorantreiben; und um von unseren Kolleg*innen aus der Zivilgesellschaft, die unermüdlich an der Bewältigung der Klimakrise arbeiten, angeregt, motiviert und inspiriert zu werden.

Welche COP ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Von der COP6 ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, dass zunächst keine Einigung erzielt werden konnte. Ich erinnere mich, dass ich mich schrecklich gefühlt habe, weil die Verhandlungsführer nicht in der Lage waren, einen Konsens in der wichtigen Frage zu erzielen, wie Länder im Globalen Süden Hilfe für die Klimawandelanpassung und für Schäden bekommen. Die gute Nachricht ist, dass die COP6 schließlich erfolgreich und mit vielen positiven Ergebnissen abgeschlossen wurde.

Ich erinnere mich auch daran, dass ich von all den hektischen Aktivitäten und den Menschenmassen, die sich um mich herum bewegten, überwältigt war. Ich hatte das Glück, als Mitglied des CAN dabei zu sein, um die Verhandlungen und ihre Dynamik nachvollziehen zu können. Ich habe auch als Redakteur der täglichen CAN-Publikation ECO daran mitgewirkt, die Verhandlungen in einfacher Sprache zu präsentieren. Die Publikation wurde damals auf der COP in Papierform verteilt.

Wie haben sich die COPs und der Raum für die Zivilgesellschaft dort im Laufe der Zeit verändert?

Zunächst einmal haben sich die Sicherheitsvorkehrungen für den Zugang zum Tagungsort erheblich verschärft. In den ersten Jahren meiner Teilnahme an der Konferenz gab es natürlich viel weniger Delegierte und Beobachter*innen – bei der COP6 waren es noch 6.000, bei der COP27 im Jahr 2022 fast 50.000.

Der Raum für die Zivilgesellschaft hat sich im Laufe der Zeit verkleinert, angefangen bei der Anzahl der zur Verfügung gestellten Eintrittskarten, über die Teilnahme der Zivilgesellschaft an Plenarsitzungen bis hin zur Möglichkeit, an Kontaktgruppensitzungen teilzunehmen und sogar gedruckte Materialien wie ECO bei den COPs frei zu verteilen.

Gibt es auch Dinge die sich positiv verändert haben?

Positiv zu vermerken ist, dass die Zivilgesellschaft mit Genehmigung des UNFCCC-Sekretariats Sitzstreiks und Proteste an den Tagungsorten der COP organisieren konnte. Diese Bemühungen waren entscheidend, um Druck aufzubauen, damit die Entscheidung über den Loss & Damage Fund auf der COP27 angenommen werden konnte [Der Loss & Damage Fund soll Ländern Finanzierung für die Schäden und Verluste durch den Klimawandel bereitstellen, die sie nicht selbst verursacht haben, d.R.].

Die vielleicht größte Veränderung, die ich bei den COPs sehe, ist die explosionsartige Zunahme von Pavillons und die große Zahl paralleler Aktivitäten am Tagungsort der COPs, während die Verhandlungen laufen. Wenn ich mich richtig erinnere, konnten in den ersten Jahren der COP Nebenveranstaltungen nur außerhalb der Verhandlungszeiten organisiert werden. Dadurch wurden die Verhandlungen zum Hauptschwerpunkt der COP. Das ist jetzt anders.

Welche Möglichkeiten bietet die COP für die Zivilgesellschaft in Südostasien?

Eines der Ziele des Climate Action Network Southeast Asia (CANSEA) ist es, die Stimme der südostasiatischen Länder und der Entwicklungsländer bei den COPs zu erheben.

CANSEA erkennt die wichtige Rolle der COP als multilaterales Umweltforum an, an dem mehrere Interessengruppen und insbesondere die Zivilgesellschaft teilnehmen. Um die Verhandlungen, die von unseren Regierungsvertretern in unserem Namen geführt werden, kritisch zu überwachen und zu hinterfragen, müssen wir vor Ort sein. Die Rolle der Zivilgesellschaft besteht darin, die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen und sicherzustellen, dass die getroffenen Entscheidungen nicht zum Nachteil der Länder in Südostasien im Besonderen und der Entwicklungsländer im Allgemeinen ausfallen.

Was sind die größten Herausforderungen für die Zivilgesellschaft, die du bei den Verhandlungen erlebt hast?

Die größte Herausforderung für die Zivilgesellschaft bei den Verhandlungen ist die Anwesenheit einer großen Anzahl von Vertreter*innen von Unternehmensinteressen, insbesondere aus dem Sektor der fossilen Brennstoffe. Ihr Hauptziel ist es, sicherzustellen, dass keine strengen Beschlüsse zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen gefasst werden, und gefährliche Ablenkungsmanöver zur Eindämmung des Klimawandels anzubieten, wie zum Beispiel Kohlenstoffabscheidung und -speicherung und Ammoniak als Lösung. Ihre Teilnahme ist ein klarer Fall von Interessenkonflikt; sie sollten nicht zu den COPs zugelassen werden. Das ist inakzeptabel.

Die andere Herausforderung besteht darin, Zugang zu den Diskussionen der Kontaktgruppen zu erhalten. Es genügt, wenn ein Vorsitzender die Sitzung für „geschlossen“ erklärt, und die Vertreter*innen der Zivilgesellschaft müssen gehen. Es kam vor, dass die Aufforderung, eine Sitzung zu schließen, eingebracht wurde, als Vertreter*innen der Wirtschaft und Industrie an der Sitzung teilnahmen und die Dikussion behinderten. Daraufhin wurden auch alle Beobachter*innen aufgefordert, die Sitzung zu verlassen – nicht nur die aus der Wirtschaft, sondern auch die aus der Zivilgesellschaft.

Inwieweit siehst du eine ‚südostasiatische Identität’ oder einen ’südostasiatischen Block‘, sowohl bei den Verhandlungsführer*innen als auch bei den Beobachter*innen? Welche Rolle spielt Südostasien bei den Klimaverhandlungen?

Es ist bedauerlich, dass es unter den Verhandlungsführern bei den COPs keine südostasiatische Identität gibt, obwohl es mit dem Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) ein zwischenstaatliches Gremium und eine ASEAN-Arbeitsgruppe zum Klimawandel gibt. Infolgedessen verhandeln Länder aus Südostasien in fünf verschiedenen Blöcken – G77&China, Alliance of Small-Island States (AOSIS), Climate Vulnerable Forum (CVF), Least Developed Countries (LDC) und Like-Minded Developed Countries (LMDC). Diese Blöcke vertreten manchmal gegensätzliche Positionen. Das verhindert die Herausbildung einer starken südostasiatischen Identität und einer bedeutenden Rolle der ASEAN bei den Klimaverhandlungen.

Selbst wenn sie nicht als Block verhandeln, kann unter dem ASEAN-Schirm während der COPs eine Menge getan werden. ASEAN gibt im Vorfeld der COP eine Erklärung ab. Die ASEAN-Verhandlungsführer sollten während der COP mindestens zweimal als Kollektiv zusammenkommen, um Fragen zu erörtern, die sich aus den Verhandlungen ergeben und um unterschiedliche Positionen der ASEAN-Länder innerhalb der verschiedenen Blöcke, an denen sie beteiligt sind, in Einklang zu bringen.

Die CANSEA-Mitglieder treffen sich bei den COPs, um die Verhandlungen aus der Perspektive von Südostasien zu diskutieren und Informationen auszutauschen und sind mit den jeweiligen Verhandlungsführer*innen ihrer Länder in Kontakt. Die ASEAN-Verhandlungsführer sollten sich während der COP auch regelmäßig mit zivilgesellschaftlichen Organisationen wie CAN treffen. Da viele dieser zivilgesellschaftlichen Organisationen ein tiefes Verständnis für das breite Spektrum der zu erörternden Themen haben, können sie Beiträge liefern und den Verhandlungsführern als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Diese CSO-Vertreter können auch ihre Analysen der laufenden Verhandlungen zur Verfügung stellen und den ASEAN-Verhandlungsführern Ratschläge erteilen. Dies gilt insbesondere für Themen, bei denen die ASEAN-Verhandlungsführer aufgrund von Kapazitätsproblemen nicht vertreten sind.

Was sind deine Erwartungen und Hoffnungen für die COP28?

Für mich gibt es mehrere wichtige Punkte, auf die ich bei der COP28 achten werde. Dazu gehört die globale Bestandsaufnahme – 2023 ist das Jahr, in dem wir gemeinsam eine Bestandsaufnahme der unzureichenden Klimaziele der Weltgemeinschaft machen und uns auf ehrgeizige Entscheidungen einigen müssen, um diese Lücke zu schließen. Wichtig ist auch die Festlegung der Modalitäten für den Loss & Damage Fund und die Einleitung des Prozesses zur Einzahlung in den Fonds.

Außerdem wird die Aufnahme einer Textpassage über den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und des globalen Anpassungsziels in den endgültigen Beschlusstext eine wichtige Rolle spielen. In Verbindung mit dem Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe muss die wirksame Umsetzung des auf der COP27 vereinbarten Arbeitsprogramms für eine Just Transition sichergestellt werden. Da die Klimafinanzierung ein bereichsübergreifendes Ziel ist, sollte außerdem dem neuen kollektiven quantifizierten Ziel, das das 100-Milliarden-Dollar-Ziel bis 2025 ersetzen soll, Aufmerksamkeit geschenkt werden. [Die Industrieländer haben sich verpflichtet, 100-Milliarden-Dollar für die Eindämmung und Adaption an den Klimawandel bereit zu stellen, um ihre historische Schuld bei der Verursachung des Klimawandels gegenüber Ländern des Global Südens anzuerkennen. Bis lang wurde diese Verpflichtung nicht erreicht und es wird nach einem neuen finanziellen Ziel gesucht, d. R.]

Meine Erwartungen und Hoffnungen für die COP28 sind, dass wir in allen oben genannten Bereichen gute Ergebnisse erzielen.

In welchen weiteren Bereichen sind Südostasiens Klimaktivist*innen derzeit ‚in Bewegung‘?

Ich sehe, dass die Bewegungen von jungen Menschen, Frauen und indigenen Gruppen, die bereits aktiv sind, in Südostasien an Bedeutung gewinnen werden. Diese Gruppen – indigene Völker (IP), Frauen und Jugendliche – sind als zivilgesellschaftliche Gruppen im Rahmen des UNFCCC-COP-Prozesses anerkannt. Ich habe festgestellt, dass diese Gruppen im Laufe der Jahre immer stärker geworden sind, was ihre Zahl, ihre Präsenz, ihre Interventionen und ihre Aktivitäten angeht. Zu letzteren gehören Kundgebungen, Demonstrationen und Proteste. Auf der COP26 und der COP27 waren Redner*innen von diesen Organisationen auf dem zivilgesellschaftlichen Peoples Summit vertreten, der am Konferenzort stattfand. Diese Gipfeltreffen sollen die Dringlichkeit einer sinnvollen Bewältigung der Klimakrise verdeutlichen, die bei den COP- Verhandlungen nicht zum Ausdruck kam. Beide Gipfeltreffen waren kraftvoll und motivierend.

Übersetzung aus dem Englischen von: Julia Behrens und Janis Wicke

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Die Philippinen und Österreich verbindet eine bemerkenswerte Parallele: der Widerstand gegen Atomkraftwerke (AKW), der in beiden Ländern zur Nichtinbetriebnahme bereits fertiger Anlagen führte. Im Gegensatz zu Österreich steht Atomkraft in den Philippinen jedoch wieder auf der Agenda.

Der Widerstand gegen das AKW Zwentendorf ist eine Erfolgsgeschichte. In der österreichischen politischen Folklore heißt es, dass man als einziges Volk die Inbetriebnahme eines fertigen Atomkraftwerkes verhindert habe. Vielen Menschen in Österreich ist nicht bekannt, dass sich fast zeitgleich eine Anti-Atombewegung in den Philippinen formiert hatte, um die Inbetriebnahme des Bataan Nuclear Power Plant (BNPP) zu verhindern. In Österreich ist Atomkraft heute keine Option mehr. In den Philippinen jedoch wird das Thema wieder aktuell.

Zwentendorf und Bataan

Der 5. November 1978 nimmt einen besonderen Platz in der jüngeren Geschichte Österreichs ein. An diesem Tag entschied bei einer Volksabstimmung eine knappe Mehrheit von 50,47 Prozent gegen die Inbetriebnahme des fertig gestellten Atomkraftwerks in Zwentendorf, einem Ort mit rund 4000 Einwohner*innen etwa 40 Kilometer westlich von Wien. Die kommerzielle Nutzung der Kernenergie war somit beendet, ehe sie begonnen hatte. Bestätigt wurde das Ergebnis einige Wochen darauf durch das Atomsperrgesetz, das den Bau von Atomkraftwerken in Österreich verbot. 1999 wurde das Gesetz sogar in den Verfassungsrang gehoben.

In den Philippinen sorgten 1986 zwei Ereignisse für das Ende des Atomkraftwerkes in Bataan, noch bevor es ans Netz ging: Die ‚People Power- Revolution’, die Diktator Ferdinand Marcos zu Fall brachte, und das Reaktorunglück von Tschernobyl in der heutigen Ukraine. Eine jahrelange Widerstandsbewegung hatte das Fundament für diese Entscheidung gelegt. Wie im Kampf gegen Zwentendorf stand gegen das Bataan Nuclear Power Plant (BNPP) auf der Halbinsel Bataan etwa 100 Kilometer westlich von Manila eine heterogene Koalition aus Wissenschaftler*innen, linken Gruppen, christlichen Organisationen und vielen anderen Playern der zivilen und politischen Gesellschaft.

Ursprünge der Bewegungen

Als 1972 mit dem Bau des Atomkraftwerkes in Zwentendorf begonnen wurde, war nicht abzusehen, dass die politische Debatte um den Reaktor beinahe die ganzen 1970er Jahre dominieren würde. Die Bevölkerung war nach gut zwei Jahrzehnten des Wirtschaftsaufschwungs zufrieden. Dass dieser Aufschwung zunehmend Energie verschlang, war klar. Energie bedeutete in der Lesart der meisten Österreicher*innen Industrialisierung und Arbeitsplätze, somit Wohlstand. Dementsprechend waren es anfangs ‚nur’ Anrainer*innen und kleinere linke Splittergruppen, die zum Protest gegen den geplanten Reaktor riefen. Doch die Bewegung wuchs langsam, aber kontinuierlich, da bereits weitere AKWs geplant wurden. Politische Breite gewann man durch die Unterstützung verschiedener christlicher Gruppen und der politischen Rechten, die sich aus strategischen Gründen gegen Zwentendorf als ein Prestigeprojekt des sozialdemokratischen Kanzlers Bruno Kreisky stellten. Auch internationale Ereignisse wie das Reaktorunglück in Sellafield 1973 und die Anti-AKW-Bewegungen in anderen europäischen Ländern beeinflussten die öffentliche Meinung. So heterogen die Bewegung war, so unterschiedlich ihre Aktionsformen. Die Brennstäbe mussten 1977 mit Hubschraubern des Bundesheeres eingeflogen werden, weil Kraftwerksgegner*innen alle Zufahrtsstraßen blockierten.

In den Philippinen waren die 1970er Jahre geprägt vom Kriegsrecht, das Ferdinand Marcos am 21. September 1972 ausgerufen hatte. Der Bau des Atomkraftwerks sowie der Widerstand dagegen sind in diesem repressiven politischen Kontext zu betrachten. Bereits 1973 begann die Regierung mit den Plänen für das BNPP. 1976 wurde – dank der Mithilfe des Marcos-Vertrauten Herminio Disni – der US-amerikanische Konzern Westinghouse mit dem Bau beauftragt, obwohl der Konzern zunächst die Ausschreibung verloren hatte. All das passierte ohne Wissen der Öffentlichkeit. Als die philippinische Bevölkerung Ende der 1970er Jahre aus den ausländischen Medien vom Projekt erfuhr, hatte der Bau bereits begonnen.

Wichtigsten Anteil daran, dass die Menschen informiert wurden, hatte eine wachsende Protestbewegung, die in den betroffenen lokalen Communities ihren Anfang nahm und sich dem nationalen Widerstand gegen das Regime anschloss. Die Stärke der Bewegung lag in ihrer Heterogenität: Arbeiter*innen, Bäuer*innen, Studierende, kirchlich Engagierte, Umweltschützer*innen, Wissenschaftler*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen aus 129 Organisationen fanden sich unter dem Dach der 1981 gegründeten Nuclear Free Philippines Coalition (NFPC) ein. Dass als Standort für das Atomkraftwerk gerade Morong gewählt wurde, ließ bei ihnen die Alarmglocken schrillen: unweit davon befindet sich der Mount Natib, ein aktiver Vulkan. Auch Erdbebenlinien verlaufen in der Region. Die NFPC protestierte aber nicht nur gegen das “Monster von Morong”, wie sie das Atomkraftwerk nannte. Ihre Kampagne richtete sich auch gegen die US-amerikanischen Militärbasen in den Philippinen und gegen Atomwaffen, die dort mutmaßlich gelagert wurden.

Die Aktivitäten der NFPC umfassten Vorträge, Workshops, Radioprogramme, Publikationen und Konferenzen. Zentral war auch die Stärkung des Widerstands auf der lokalen Ebene. Im Zuge dessen wurde 1984 das Nuclear-Free Bataan Movement (NFBM) gegründet, das bis heute – mittlerweile auch im Widerstand gegen Kohlekraft – aktiv ist. Internationale Unterstützung suchte man durch den Austausch mit anderen Anti-Atombewegungen in der Asien-Pazifik-Region.

Erfolge der Anti- AKW-Bewegungen

Nachdem die Kritik in Österreich immer größere Ausmaße annahm, entschloss sich Kanzler Kreisky 1978 zur Flucht nach vorn: Siegessicher setzte er eine Volksabstimmung über die Inbetriebnahme des mittlerweile fertig gestellten Reaktors an. Am 5. November sollte entschieden werden. Die Pro- und Kontra-Lager mobilisierten vorab noch einmal alles. Wochenlang wurde agitiert, diskutiert, demonstriert. Schließlich erreichten die Gegner*innen, die der Kanzler noch im Jahr zuvor als “ein paar Lausbuben” abgekanzelt hatte, einen knappen, doch triumphalen Sieg mit 50,47 Prozent Nein-Stimmen.

Für die Atomlobby Österreichs folgten weitere Niederlagen. Noch 1978 wurde das Atomsperrgesetz ratifiziert, das die Nutzung der Kernenergie für die Energiegewinnung verbot. 1985 scheiterte ein letzter Versuch der SPÖ, dieses Gesetz wieder zu ändern. Spätestens nach Tschernobyl herrscht ein parteiübergreifender Anti-AKW-Konsens. 1999 wurde dieser auch in der Verfassung verankert. Eine andere Folge der Zwentendorf-Bewegung war das Entstehen erster ‚grüner Parteilisten‘. Seit 1986 sind die Grünen fast durchgehend im Parlament vertreten. Seit 2016 stellen sie das Staatsoberhaupt, seit 2020 sind sie in der Regierung vertreten.

Aktivist*innen in den Philippinen besiegten die ’nuclear power‘ mit ‚people power‘. Damit ist nicht nur die People Power Bewegung von 1986 gemeint, sondern auch ein dreitägiger Generalstreik in Bataan, der 1985 die gesamte Provinz lahmlegte. Aber auch andere Faktoren haben eine Inbetriebnahme des BNPP verhindert. Sicherheitspannen sorgten während des Baus immer wieder für Verzögerungen. Außerdem standen die hohen Kosten von 2,3 Milliarden US-Dollar in der Kritik, die nur mithilfe ausländischer Kredite getragen werden konnten. Die Filipin@s erbten damit nicht nur einen leer stehenden Gebäudekomplex, sondern auch Schulden.

1987 wurde eine neue Verfassung verabschiedet. Zivilgesellschaftliche Organisationen hatten im Vorfeld ihre Anliegen eingebracht. Die NFPC setzte sich klar gegen Atomwaffen im Land ein. Dass tatsächlich ein Atomwaffenverbot in der philippinischen Verfassung festgelegt wurde, verbucht sie als Erfolg für sich.

Im Gegensatz dazu war das BNPP nie ganz vom Tisch. Vor allem in Bezug auf die Energiesicherheit wurde eine Aktivierung des Atomkraftwerks auf politischer Ebene immer wieder diskutiert, die Idee aber stets verworfen. Die Anlage blieb ungenutzt. Seit dem Wahlsieg von Ferdinand Marcos Jr. 2022 steht das BNPP wieder auf der Agenda, quasi ein ‚Vermächtnis’ seines Vaters. Eine klare Ansage, ob und wann das Atomkraftwerk tatsächlich in Betrieb gehen soll, gibt es noch nicht. Auf jeden Fall bräuchte es dafür eine Finanzierung aus dem Ausland. Erste Gespräche darüber gab es mit Südkorea.

Energiewende im Hier und Jetzt

Umweltpolitisch waren die Folgen in Österreich zuerst nicht nur erfreulich: Ein Kohlekraftwerk ersetzte den durch die Nichtinbetriebnahme entgangenen Strom. Mittlerweile ist Österreich aber auch ‚kohlefrei‘. Das Gelände des AKW wurde unterschiedlichen Nutzungen zugeführt: als Ort für Konzerte, Festivals, Kongresse und Katastrophenschutzübungen. Das schönste Symbol für die Energiewende ist jedoch die 2009 auf dem Gelände errichtete Photovoltaikanlage.

Von einer Energiewende sind die Philippinen noch weit entfernt. Rund die Hälfte der Stromgewinnung erfolgt aus Kohlekraftwerken. Insgesamt erfolgt über 70 Prozent der Stromproduktion aus fossiler Energie (Gas, Öl).

In seiner ersten Rede an die Nation im Juli 2022 betonte Marcos Jr. zwar, dass Investitionen in erneuerbare Energie Priorität auf seiner Klimaagenda hätten. Umweltschützer*innen zeigen sich jedoch skeptisch, denn gleichzeitig erlaube die Regierung weiterhin den Ausbau von Kohlekraftwerken. Im Bereich der erneuerbaren Energie macht Wasserkraft, nach Geothermie, den größten Anteil aus. Doch dafür werden oft umstrittene Staudammprojekte umgesetzt. Außerdem betrachtet die Regierung Atomkraft als ‚grüne Energie‘.

Der Widerstand gegen das BNPP geht also in die nächste Generation über. Im Herbst 2022 hat die Jugendgruppe Young Bataeños for Environmental Advocacy Network (Young BEAN) in Morong eine Umfrage durchgeführt, um die Stimmung der Menschen in Bezug auf das BNPP zu erheben. Die Mehrheit sei dagegen, so ihr Fazit. Allerdings versprechen sich manche Personen auch Jobperspektiven sowie Investitionen in den Straßenbau und andere Infrastruktur. Die Jugendlichen von Young BEAN leisten weiterhin Aufklärungsarbeit im Kampf für eine saubere Zukunft, in der Atomkraft aus ihrer Sicht keinen Platz hat.

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Der vietnamesische Staat geht repressiv gegen zivilgesellschaftliche Klimabewegungen vor. Trotzdem leisten lokale Initiativen einen wichtigen Beitrag zur staatlichen Umweltpolitik.

Wie in anderen kapitalistischen Staaten gilt auch in Vietnam das Motto: „Wachstum geht vor Umweltschutz“. Jüngste Berichte des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) verdeutlichen, dass, bei einem ausbleibenden radikalen Wandel in der internationalen Klimapolitik, 70 Prozent von Vietnams Küstengebieten bis zum Ende des Jahrhunderts durch Überschwemmungen bedroht sein könnten. Diese Vorhersagen haben die Dringlichkeit einer Kursänderung in der Klima- und Wirtschaftspolitik Vietnams in den Vordergrund gerückt.

Eliten-basiertes „grünes“ Wachstum

Vietnam wolle bis 2050 klimaneutral sein, verkündete Premierminister Pham Minh Chinh. Diese und weitere verbindliche Zusagen seitens der vietnamesischen Regierung werden auf Klimakonferenzen wie der in Glasgow (COP26) sowie in politischen Erklärungen wie der National Climate Change Strategy aus dem Jahr 2011 oder zuletzt der Vereinbarung zur Just Energy Transition Partnership (JETP) schriftlich festgehalten.

Zu den ausschlaggebenden Akteuren dieser neuen, als „grünes Wachstum“ titulierten, Klima- und Wirtschaftspolitik werden Vietnams politische Eliten, ihre Partnerschaften zur EU, USA, Japan und anderen Ländern sowie zu zahlreichen Finanzinstituten und Industriebetrieben ernannt.

Dies mag nicht ganz falsch sein, wenn man sich Vietnams Gesetzeslage anschaut, die seit 2013 das Gesetz zur Vermeidung und Kontrolle von Naturkatastrophen, seit 2014 das Gesetz zum Umweltschutz, und seit 2020 das Gesetz für Umweltschutz (72/229/GH14) beinhaltet. Diese gesetzlichen Rahmenbedingungen sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Darüber hinaus zeigt die vietnamesische Regierung eine kooperative und verbindliche Haltung gegenüber internationalen Verhandlungspartnern, was ebenfalls als positiv bewertet werden kann. Die staatlichen Umweltorganisationen Vietnam Environment Administration, Vietnam Environment Protection Fund, Centre for Environmental Monitoring and Analysis (CEMA) und die seit 1988 bestehende Vietnam Association for Conservation of Nature and Environment (VACNE) sind auch Indikatoren für das wachsende Umweltbewusstsein auf staatlicher Ebene.

Entscheidender Beitrag zum Klimaschutz kommt ‚von unten‘

In der Regel wird bei solchen Prozessen, wie beispielsweise bei der Wirtschaftsreform „Đổi mới“ (= Erneuerung) im Jahr 1986, betont, dass sie allein durch politische Entscheidungsträger initiiert wurden. Dabei wird oft übersehen, dass wichtige Akteure auf lokaler Ebene – also ‚von unten‘ einen entscheidenden Beitrag leisten. Dazu gehören Vietnams strukturell komplexe Zivilgesellschaft und die von starken Repressionen betroffene Dissidentenbewegung sowie indigene Praktiken der Klimaadaption und -mitigation. Dies ist insbesondere dann wichtig hervorzuheben, wenn das Narrativ der „moralisch und gut handelnden Politiker*innen“ versucht zu verschleiern, wer die eigentlichen Vermittler*innen klima- und umweltschädlicher Praxen sind. Obwohl Vietnam lediglich für rund ein Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist und somit nicht als Hauptverursacher der globalen Klimakrise gilt, verfolgt der Ein-Parteien-Staat dennoch eine Politik, die sich auf die Akkumulation von Kapital und schnelles Wirtschaftswachstum konzentriert – auf Kosten der Umwelt und der Bevölkerung.

Die Regierung pflegt enge Beziehungen zu nationalen und internationalen Wirtschaftsmagnaten, die zusammenarbeiten, um umfangreiche Investitionsprojekte voranzutreiben. Dabei scheuen sie sich nicht, Bäuer*innen und Einwohner*innen zu vertreiben, wie es bei den umstrittenen Fällen von Dong Tam, Duong Noi und Thu Thiem geschehen ist. Darüber hinaus werden viele Industrien und Unternehmen durch ausländische Direktinvestitionen finanziert, für die es bislang kein autorisiertes Monitoring mit Einbezug der Zivilgesellschaft gibt, um Umweltverschmutzungen oder illegales Unternehmensverhalten zu überwachen. Vielmehr werden Umwelt- und Klimaaktivist*innen sowie zivilgesellschaftliche Akteure, die sich gegen umweltschädliche Praktiken aussprechen, kriminalisiert, verhaftet und zu langen Haftstrafen verurteilt.

Formen des kollektiven Handelns

Trotz staatlicher Repression gegenüber zivilgesellschaftlichen Akteur*innen entstehen politische Praxen ‚von unten‘. Diese finden zwar dezentral, also nicht gleichzeitig und formal organisiert statt, können aber dennoch als wichtige Merkmale und Formen einer vietnamesischen Umwelt- und Klimabewegung ‚von unten‘ verstanden werden. Dazu gehören (a) relativ selbst bestimmte, aber staatlich kontrollierte Umweltorganisationen und (b) unabhängige lokale sowie landesweite Protestbewegungen.

Zivilgesellschaftliche Organisationen in Vietnam müssen sich, wie auch in westlich-liberalen Demokratien, formell registrieren lassen um legal handeln zu dürfen. Sie befinden sich damit in einem rechtlich und praktisch beschränkten Handlungsspielraum. Jede lokale vietnamesische Zivilorganisation ist direkt oder indirekt der Dachorganisation Vietnam Union for Science and Technology Association (VUSTA) untergeordnet, die wiederum der Kommunistischen Partei unterstellt ist. Staatlich unabhängige Umweltorganisationen gibt es also nicht.

Es gibt aber relativ selbst bestimmte Organisationen, die zwar als unabhängige NGOs registriert sind, aber bestimmte Pflichten gegenüber den zuständigen Behörden erfüllen und eine unkritische Haltung gegenüber der Regierung beibehalten müssen. Andernfalls drohen ihnen Sanktionen, Schließungen oder bürokratische Hürden. Dennoch entstanden zahlreiche Organisationen, die sich für Nachhaltigkeit, Umweltschutz, Umweltbewusstsein und erneuerbare Energien einsetzen, wie die Studierendenorganisation RMIT Green Generation Club, Live & Learn, GreenHub Vietnam, People and Nature Reconciliation (PanNature) und Centre For Rural Eonomy Development (CRED). Was diese Organisationen gemeinsam haben, ist, dass ihre lokalen, gemeindebasierten Kampagnen, Bildungsprogramme, Forschungsprojekte und Bürgeraktionen (wie kollektives Müllsammeln) einen im konventionellen Sinne unpolitischen Charakter beibehalten, also weder die Regierung kritisieren noch zu Protesten und Demonstrationen aufrufen.

GreenID: Vorsichtige Kritik an mangelndem staatlichen Klimaschutz

Trotz der regulatorischen Anforderungen schaffen es einzelne kritische Stimmen, von den Ressourcen der Organisationen und ihrer persönlichen Autonomie als Umweltschützer*innen Gebrauch zu machen. Ein prominentes Beispiel für – obgleich vorsichtige – Kritik an mangelnden Klimaschutzmaßnahmen der Regierung war die gemeinnützige Umweltschutzorganisation GreenID. Seit 2011 setzte sich GreenID für die Förderung erneuerbarer Energien, die Reduzierung von Treibhausgasemissionen und Kohleverstromung, sowie die Verbesserung der Energieeffizienz in Vietnam ein. Ihre Praxis bestand maßgeblich aus Forschungsprojekten, Schulungen, aber auch der Teilnahme an öffentlichen politischen Debatten. Sie tat dies relativ erfolgreich, denn GreenID zählte zu jenen Organisationen, die einen tatsächlichen Einfluss auf die Umsetzung von politischen Maßnahmen insbesondere zum Kohleabbau vermerkte.

Darüber hinaus ging GreenID internationale Allianzen ein, wie die Vietnam Coalition for Climate Action (VCCA) und Vietnam Sustainable Energy Alliance und stand lange in einem dialogbereiten Verhältnis mit der Regierung. Dieses Verhältnis endete im Juni 2022. Die Behörden beschuldigten die Direktorin von GreenID, Nguy Thi Khanh der Steuerhinterziehung und verurteilten die Umweltschützerin zu zwei Jahren Haft. Der Fall sorgte zwar international für Aufsehen und Kritik, fand aber keinen Widerhall in politischem Druck. Das geht aus der jüngsten Erklärung der JETP hervor, in dem der Beitrag der Zivilgesellschaft oder eine Kritik and der Inhaftierung von Klimaaktivist*innen wie Nguy Thi Khanh nicht zur Sprache kommen.

Lokale und landesweite Protestbewegungen

Eine der ersten Umweltbewegungen war die Bauxit-Bewegung, die sich gegen den Plan der vietnamesischen Regierung stellte, große Bauxit-Vorkommen in den Provinzen Dak Nong und Lam Dong, zu erschließen. Diese Bewegung war ein informeller Zusammenschluss verschiedenster Gruppen, darunter Umweltorganisationen, Menschenrechtsgruppen und einflussreiche politische Figuren (wie Vo Nguyen Giap). Trotzdem wurden die Proteste gewaltsam unterdrückt.

Ein weiterer Meilenstein der Umweltbewegung war die Bürger*innenbewegung im Jahr 2015 gegen die Abholzung von 6700 alten Bäumen in Hanoi. Eine Kriminalisierung der Protestierenden blieb hier aus. In den vergangenen Jahren wurden mehrere kleine städtische Klimaproteste verzeichnet. Auch diese wurden staatlicherseits toleriert. Repressionen gegenüber Umweltaktivist*innen scheinen demnach eine Frage politischer Sensibilität und wirtschaftlicher Interessen zu sein, wobei Repressionen vor allem dann ins Spiel kommen, wenn Kapitalinteressen gefährdet werden.

Proteste gegen die Stahlfabrik Formosa – Beginn einer Massenbewegung

Die Protestbewegung gegen die Stahlfabrik Formosa verdeutlicht dies. Nachdem im April 2016 in der Provinz Ha Tinh massives Fischsterben bemerkt wurde, ergaben Untersuchungen, dass die taiwanesische Stahlfabrik Formosa Ha Tinh Chemikalien ins Meer abgelassen hatte und damit für die Umweltverschmutzung verantwortlich war. Der Konzern Formosa versprach zwar Kompensationszahlungen an betroffene Fischereien auszuzahlen. Die Umsetzung wurde aber seitens der Regierung intransparent gehalten. Die Fabrik wurde nicht geschlossen und die Sammelklagen der betroffenen Bürger*innen wurden von der vietnamesischen Justiz abgelehnt. Die Bürger*innenbewegung kritisierte mangelhafte Kontrollmechanismen und die staatliche Priorisierung der Industrieprojekte auf Kosten der Bewohner*innen. Massenproteste fanden nicht nur in der betroffenen Provinz statt, sondern auch in Hanoi, Ho Chi Minh Stadt und anderen Großstädten, woraufhin zentrale Figuren der Bewegung zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt wurden. Zu den Protestierenden gehörten katholische Priester, Bischöfe, Anwälte, Menschenrechts- und Demokratieaktivist*innen, Arbeiteraktivist*innen, aber auch die Umweltgruppe Green Trees.

Green Trees ist die einzige mir bekannte tatsächlich unabhängige, also nicht-registrierte und damit theoretisch illegale Gruppe. Green Trees publizierte unter anderem An Overview Of The Marine Life Disaster, ein Booklet, welches den Verlauf des Falls Formosa aus Bürgersicht dokumentiert. Die Gruppe produzierte darüber hinaus eine Kurzdokumentation mit dem Titel Don’t be Afraid, in dem zahlreiche unabhängige und kritische Umweltaktivist*innen, Intellektuelle, Aktivist*innen und Priester zur Sprache kommen. Beide Produktionen waren nur im Verborgenen möglich. Die Gruppe ist seither inaktiv. Die Gründe dafür wurden nicht offiziell bekannt gemacht.

Weder zivilgesellschaftliche Akteur*innen noch international agierende und anerkannte Netzwerke bewegen sich in Vietnam auf sicherem Boden. Das Spektrum politischer Praxis und Bewegungen ist zwar divers, übt aber unter gegebenen Bedingungen nur begrenzt Einfluss auf Gesetzesänderungen und Abmachungen auf internationaler Ebene aus. In Anbetracht historischer Konflikte bedeutet dies aber nicht, dass ihr Beitrag keinen Wert hat. Sie tragen nicht nur zum Umweltbewusstsein auf lokaler Ebene bei, sondern halten regierungs-kritische Analysen aufrecht, die andernfalls verborgen blieben. Bereits seit längerem plädieren internationale Wissenschaftler*innen für eine Klimapolitik, die auf einer Ko-Produktion von zivilgesellschaftlichen, wissenschaftlichen, staatlich-politischen und indigenen Wissensrepertoire basiert. Ohne eine Bewegung ‚von unten‘, können internationale politische Partnerschaften ‚von oben‘ kein effektives und langfristig klimaneutrales Gesellschaftsmodell schaffen.

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Kambodscha: Umweltaktivistin Sarah Rhodes spricht im Interview über ihre Vision eines plastikfreien Kambodscha und wie Politik und zivilgesellschaftliche Gruppen gemeinsam dieses Ziel verfolgen.

südostasien: Was hat Sie motiviert, sich für ein plastikfreies Südostasien einzusetzen?

Sarah Rhodes: In Südostasien liegt der Plastikmüll an den Straßenrändern. Diese Sichtbarkeit macht es einfacher, sich gegen die immense Verschmutzung einzusetzen. Zudem beeindruckte mich die Kampagne Plastic Free July, die 2011 in Westaustralien initiiert wurde. Bis dahin lebte ich sehr umweltbewusst, aber mir wurde klar, dass noch so viel mehr getan werden müsste. Das Verbrennen von (Plastik-)Müll sowie die Verwendung von Einwegplastik sind in Südostasien weit verbreitet und stellen eine Gefahr für Klima und Gesundheit dar. Mit der Arbeit von Plastic Free Southeast Asia (Plastikfreies Südostasien) gehen wir auf beide Probleme ein.

Der Grund, warum ich Plastic Free Southeast Asia „Plastic Free“ genannt habe und nicht „Let’s have a great Carbon Neutral Existence Southeast Asia“ (Lasst uns ein großes kohlenstoffneutrales Südostasien haben) ist, dass ich, als ich 2014 nach Siem Reap in Kambodscha gezogen bin, einige Gespräche über den Klimawandel führte. Dabei wurde klar, dass der Klimawandel allgegenwärtig und zugleich ‚unglaublich‘ ist. Nicht nur in Südostasien, sondern weltweit ist der Klimawandel ein so großes Thema. Für die Menschen ist es schwierig zu sehen, wie sie etwas bewirken und verändern können. Wenn wir den Klimawandel auf eine Komponente herunter brechen, bringt das die Menschen eher dazu, über die Umwelt nachzudenken.

Wie können Gemeinschaften und zivilgesellschaftliche Gruppen dabei gestärkt werden?

Das Engagement in den Communities hat den Menschen geholfen zu erkennen, dass sie nicht machtlos sind und dass sie etwas tun können. Es ist schön zu sehen, dass es jetzt viele kambodschanische Akteur*innen gibt, die sich auf lokaler Ebene gegen Müllverschmutzung und für ein Klimabewusstsein engagieren. Die Zero Waste-Diskussion und die Beteiligung der Menschen wachsen stetig und ändern. Damit ändern sich die Bewusstseinsbildung und das Empowerment von Communities.

Können Sie uns einen kurzen Überblick über die Klimabewegung in Kambodscha geben? Wer sind die Hauptakteur*innen?

In den letzten Jahren wurde der Cambodia Climate Change Summit (CCCS) vom kambodschanischen Umweltministerium ausgerichtet. Erstaunlicherweise wurden verschiedensten Akteur*innen miteinbezogen, es fanden viele Gespräche in den unterschiedlichsten Bereichen statt. Viele große internationale Unternehmen, die in Kambodscha tätig sind und auch die Regierung nahmen an den CCCS-Gesprächen teil, ebenso wie die vielen internationalen Nichtregierungsorganisationen (zum Beispiel World Wildlife Fund, WWF) und ihre lokalen Arbeitsgruppen. Darüber hinaus gibt es Einzelpersonen, die sich in der kambodschanischen Klimabewegung engagieren und Teil des Dialogs sind, ihn in die Tat umsetzen und sich gegenseitig helfen, weiter voranzukommen.

Die Tatsache, dass der Cambodia Climate Change Summit von 2014 bis 2021 stattfand, ist für mich ein großer Erfolg. Es ist ein wirklich ein großer Schritt: Von der Sensibilisierung dafür, dass die Verbrennung von Kunststoffen nicht nur eine Auswirkung auf unsere Gesundheit hat, sondern auch auf die lokale Umwelt bis hin zu der Möglichkeit, in so kurzer Zeit viele wichtige Gespräche zu führen. Das ist erstaunlich.

Wie arbeiten zivilgesellschaftliche Gruppen mit der Regierung und anderen Akteur*innen zusammen, um Klimaschutz und ökologische Nachhaltigkeit praktisch umzusetzen?

Die politische Struktur in Südostasien unterscheidet sich deutlich von der in einigen westlichen Ländern. Auch wenn es lokale, bundesstaatliche/regionale und nationale Regierungsebenen gibt, so verfügen zivilgesellschaftliche Bewegungen nicht über den politischen und finanziellen Handlungsspielraum, den sie benötigen. Ohne diesen Handlungsspielraum sind die zivilgesellschaftlichen Klimabewegungen in ihren Möglichkeiten zu größeren Aktionen eingeschränkt.

Sie würden also sagen, dass eine der größten Herausforderungen die Finanzen und Budgets sind, um wirklich etwas zu bewegen?

Aus Gesprächen, die ich mit einigen wichtigen Ansprechpartner*innen in der kambodschanischen Regierung geführt habe, geht hervor, dass es im Klimaschutzbereich Fördermöglichkeiten gibt. Das ist sehr viel versprechend. Diese Gelder müssen beantragt werden, was oft eine Schwierigkeit an sich darstellt. Es ist großartig, dass es sie gibt, aber werden sie auch in die richtigen Projekte und an die richtigen Stellen fließen? Aber es geht nicht nur um Finanzen und Budgets. Es geht auch um den Willen, Veränderungen beim Klimaschutz umzusetzen. Das ist wahrscheinlich wichtiger als die Finanzen, zumindest am Anfang.

Sehen Sie weitere kulturelle, soziale oder politische Hindernisse oder Hürden für zivilgesellschaftliche Bewegungen in Kambodscha?

Es gibt immer Hindernisse in verschiedenen Systemen und Konstellationen. Regionen wie Kambodscha sind in ungleicher Weise vom Klimawandel betroffen. Ich musste auf meiner Reise lernen, dass, wenn man die Menschen belehrt, heraus fordert oder negativ provoziert, man selten sein Ziel erreicht. Also muss man verstehen, wo die Menschen herkommen, alle potenziellen Urteile beiseite legen und mit den Leuten zusammen zu arbeiten. Mit Empowerment von Engagierten lernen wir gemeinsam, welche Schritte wir unternehmen können, um Probleme zu lösen. Wir lernen, wie wir es auf eine positive, proaktive, ergebnisorientierte Art und Weise angehen können. Es braucht ein wenig Zeit, aber mit gutem Beispiel voranzugehen ist für die Herbeiführung von Veränderungen am wirksamsten.

Was können Einzelpersonen und Gemeinschaften noch tun, um die Bemühungen der Zivilgesellschaft in Kambodscha zu unterstützen?

Zuallererst können sie sich engagieren. Es gibt eine ganze Reihe wirklich fantastischer Facebook-Gruppen (Facebook ist das wichtigste Kommunikationsmedium in Kambodscha), in denen man sich austauschen und herausfinden kann, was gerade passiert: sei es abfallfrei zu leben oder zu lernen, wie man Dinge baut, wie man seine eigenen Dinge zu Hause repariert oder Kleidung tauscht. All diese Dinge tragen weltweit dazu bei, unseren individuellen Fußabdruck zu verkleinern. Es gibt auch einige lokale Influencer, die fantastische Informationen verbreiten, wie Think Plastic oder zerowkh. Sie konzentrieren sich ebenfalls auf Plastik und präsentieren es auf Khmer – in der eigenen Muttersprache ist es einfacher, solche Veränderungen anzugehen.

Zum Thema Reisen empfehle ich den neuen Film The Last Tourist, es geht um Overtourismus, um bewusstes Handeln und darum, unseren ökologischen Fußabdruck auf Reisen zu reduzieren.

Inwieweit sind zivilgesellschaftlichen Bewegungen in Kambodscha mit anderen globalen Bewegungen vernetzt und nehmen sie an globalen Netzwerken oder globalen Aktionen wie Kampagnen oder Protesten teil?

Proteste: nein. Kampagnen: ja. Ich habe bereits erwähnt, dass der WWF Teil des Klimadiskurses ist und seit vielen Jahren die Earth Hour-Kampagnen durchführt, vor allem in Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas. Es gibt auch den World Cleanup Day, an dem 2018 über 300.000 Menschen teilgenommen haben. Es gibt also globale Kampagnen, die für eine gewisse Sichtbarkeit sorgen und viele Menschen anziehen. Menschen müssen sich ihres Konsums bewusst werden, sei es Plastik, Strom oder andere Güter. Wenn man sich dessen bewusst geworden ist, kann man nach Möglichkeiten suchen, Konsum zu reduzieren und sich an Kampagnen zu beteiligen.

Welchen Beitrag haben die zivilgesellschaftlichen Bewegungen in Kambodscha zur globalen Bewegung gegen den Klimawandel geleistet?

Ich glaube, dass wir immer mehr unternehmerische Innovationen und Neugründungen aus dem gemeinnützigen Sektor sehen werden. Ich würde mir wünschen, dass all diese Start- ups und neuen Unternehmen, Kampagnen und Programme auch ein nachhaltiges Geschäftsmodell verfolgen und nicht unbedingt eine Wohltätigkeitsorganisation oder eine gemeinnützige Einrichtung sind, nur weil sie im Umweltbereich tätig sind. Ich würde gerne mit diesen Start-ups zusammenarbeiten und Erfahrungen und Ideen austauschen.

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Kambodscha: Der Dokumentarfilm „Current Sea“ beschreibt eindrücklich und spannend, wie schwierig der Meeresschutz an der kambodschanisch-vietnamesischen Grenze ist.

Current Sea ist ein ambitionierter Dokumentarfilm des jungen Regisseurs Christopher Smith, der 2018 gedreht und zu einem großen Teil über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert wurde. Die zentrale Person in Current Sea ist der Brite Paul Ferber. Er kam 2013 nach Kambodscha, um als Tauchlehrer zu arbeiten. Schnell bemerkte er, dass sie die vielfältigen und reichen Fischbestände Kambodschas in Gefahr waren. Ganz besonders ans Herz gewachsen waren ihm die Seepferdchen, die jedoch immer weniger wurden. Auch sie sind Opfer der illegalen Fischerei, ganz besonders jener großen Fischflotten aus dem benachbarten Vietnam, die nachts vor der kambodschanischen Küste mit riesigen Grundschleppnetzen fischten. Ferber beschloss, etwas zu tun und gründete Marine Conservation Cambodia (MCC). Current Sea ist diesem Kampf für den Erhalt der Meeresflora und -fauna gewidmet.

Illegale Fischerei: Hand in Hand mit Korruption

Der zweite Protagonist des Films ist der australische Journalist Matt Blomberg. Er schrieb für die Tageszeitung Cambodia Daily in Phnom Penh und berichtete regelmäßig über illegale Fischerei, die Korruption und MCCs Aktionen dagegen. Blomberg war dabei, als Ferber an die Türen von lokalen, nationalen und internationalen Verwaltungen und Organisationen klopfte, um zu verhindern, dass der Meeresboden irgendwann zerstört und das Meer tot gefischt sein würde. Denn: Illegale Fischerei war auch in Kambodscha selbst ein Problem. Um das eigene Einkommen bei sinkenden Fisch-Beständen weiter zu sichern, übernahmen auch kambodschanische Fischer die desaströsen Methoden der vietnamesischen: immer größere, breitere und engmaschigere Netze oder auch Elektronetze, aus denen kein einziger Fisch entkommen kann.

Kampf ‚gegen die Zeit‘

Current Sea beginnt, als Ferber und MCC schon mittendrin sind in ihrem Kampf gegen leer gefischte Gewässer. Der Film bebildert somit ein Rennen ‚gegen die Zeit‘. Man sieht, wie Ferber und sein Team vietnamesische Fischer zur Rede stellen, sie verjagen oder selbst von ihnen gejagt werden, wie sie nachts am Strand Wache halten oder über die nächsten Schritte diskutieren. Dynamische Schnitte, bombastische Musik, emotionale O-Töne – für die Zuschauer*innen werden die Dringlichkeit und Schwere des Themas beinahe körperlich spürbar. Journalist Matt Blomberg beschreibt und kommentiert das Geschehen aus dem Off.

Vermeintliche ausländische Einmischung

Neben dem Kampf gegen die illegale Fischerei auf dem Wasser geht es in Current Sea auch darum, wie MCC die geschundene Welt unter Wasser wieder beleben wollen. Lokale und internationale Freiwillige gießen Betonblöcke, die unter Wasser die Schleppnetzfischerei behindern sollen und in deren Schutz sich Fische und anderen Tiere wieder ansiedeln sollen. Außerdem zählen die Freiwilligen die lokale Delphin- und Seepferdchen-Population, um auf die Gefahren der Überfischung hinzuweisen – finanziell unterstützt wurden sie zum Beispiel von der Heinrich Böll Stiftung.

Mit ihren Aktionen haben sich Ferber und sein Team vor Ort nicht beliebt gemacht – weder bei den lokalen Behörden noch bei jenen Fischern, die illegale Praktiken anwendeten. Current Sea thematisiert auch, dass es problematisch ist, wenn Weiße wie Ferber in Kambodscha ‚gegen die Behörden‘ arbeiten und über Facebook von ihrem Engagement berichten. Schon während der Dreharbeiten war die Entwicklung zu erkennen, dass regierungskritische Arbeit von Ausländer*innen seitens der Behörden immer weniger geduldet wurde.

Kambodschanische Akteur*innen bleiben leider am Rand

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich schon einige junge kambodschanische Umweltaktivist*innen MCC angeschlossen und so wurde das operative Geschäft allmählich in deren Hände übergeben. Der Film stellt zum Beispiel Rachana Thap vor. Sie kam als Studentin für ein Praktikum zu MCC, wollte zunächst nur für ihre Abschlussarbeit recherchieren. Die praktische Arbeit im Meeresschutz faszinierte sie so, dass sie blieb und schließlich die Leitung des Teams übernahm. An diesem Punkt endet der Film. Current Sea ist ein packender und bedeutungsvoller Dokumentarfilm. Leider fokussiert Regisseur Smith sich zu sehr auf Paul Ferber und lässt die kambodschanischen Mitglieder des Teams eher ‚außen vor‘. Dabei hätte man als Zuschauer*in gern mehr über sie und ihre Beweggründe und Gedanken erfahren.

Die letzten Aufnahmen des Films stammen von 2018. Seitdem ist in Kambodscha viel passiert. Die Zeitung Cambodia Daily, für die Matt Blomberg gearbeitet hat, existiert heute nicht mehr. Sie musste wegen einer vermeintlichen Steuernachzahlung in Millionenhöhe schließen. Manche behaupten, das habe mit ihrer anhaltenden Kritik der Regierung zu tun. Matt Blomberg hat das Land verlassen. Paul Ferber hat ein neues Projekt in Thailand. Das Team von MCC arbeitet weiterhin für den Meeresschutz in Kambodscha – mittlerweile mit guten Kontakten zum Umweltministerium.

Die Umweltarbeit in Kambodscha bleibt mühselig. In einem Land, das voll und ganz auf die kapitalistische Ausbeutung seiner Ressourcen setzt, werden Umweltprogramme und Klimaschutz zu oft als Hemmschuhe für die Gewinnmaximierung (meist ausländischer) Investoren gesehen. Ob sich in Kambodscha eine Umweltbewegung etablieren kann, die den Klimawandel langfristig auf die Tagesordnung der kambodschanischen Gesamtgesellschaft setzt, wird die Zukunft zeigen. Projekte wie MCC könnten dabei eine Vorbildfunktion haben.

Hier geht’s zum Trailer

Rezension zu: Current Sea. Regie und Drehbuch: Christopher Smith. 2020. 86 Minuten

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Indonesien/Europa: Konsumverhalten, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, die Corona-Pandemie und der Klimawandel sind keine einzeln zu betrachtenden Phänomene. Dies schildert die Doku „Kinipan“ eindrucksvoll am Beispiel Indonesien.

Es ist noch allzu gut in Erinnerung: das unangenehme Gefühl, einen Wattetupfer tief in ein Nasenloch eingeführt zu bekommen. Mit diesem Bild beginnt der Dokumentarfilm Kinipan. Was man seltener sieht: eine Fledermaus, die einem ähnlichen Test unterzogen wird. Mit diesen ersten Bildern deuten die indonesischen Dokumentarfilmer von Watchdoc bereits an, auf welche Reise uns der Film mitnimmt. Wir werden sozusagen ‚mit der Nase darauf gestoßen‘, welchen Einfluss unser Umgang mit unserer physischen Umwelt auf unsere eigene Lebensqualität und die der Tiere hat.

Zoonosen, Entwaldung und Naturschutz

Der Film erinnert an eine Vergangenheit mit scheinbar endlosen Tropenwäldern, an die Zeit, bevor der Mensch den Waldbestand Indonesiens um 98 Prozent dezimierte. Allein während der Herrschaft des Diktators Suharto von 1967-1998 wurden 14 Millionen Hektar Wald gerodet. Die verbleibenden Reste schrumpfen immer weiter – und somit der Lebensraum für Tiere. Das hat zur Folge, dass Menschen und Tiere auf knapper werdendem Raum leben müssen – und um diesen kämpfen.

Es geht längst nicht mehr nur um Felder, die von Tieren ‚geplündert‘ werden. Mittlerweile begünstigt der Konflikt um Lebensraum das Auftreten von Zoonosen, also von Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden. Am Anfang der Corona-Pandemie gab es, zumindest für einen kurzen Moment, Aufmerksamkeit für den Auslöser der Krankheit, an der weltweit mehr als sechs Millionen Menschen sterben würden: eine Zoonose. Doch schnell war die Gefahr, die von Zoonosen ausgeht, wieder vergessen. Kinipan bringt sie wieder in Erinnerung.

Der Film gibt auch einen Ausblick in die Zukunft, in der wahrscheinlich verschiedene Faktoren zusammenkommen werden: Krankheiten die Mensch und Tier betreffen, Ernteeinbußen durch näher rückende Tiere und durch Schädlingsbefall, wie etwa eine große Raupenart, die Bauern in Kalimantan zum ersten Mal auf Reispflanzen entdecken. Ihre bevorzugte Nahrungsquelle scheint es nicht mehr zu geben.

Doch wie es für Dokumentarfilme von Watchdoc üblich ist, zeigt der Film nicht nur die verheerenden Folgen menschlichen Handelns sondern auch verschiedene Maßnahmen, diese negativen Konsequenzen rückgängig zu machen.

Staatlicher Ansatz: Kommerzialisierung von Natur

Auf der einen Seite stellt der Film staatliche Ansätze vor, wie zum Beispiel Gebiete, die unter Schutz gestellt werden, um potentiell für Kohlenstoffzertifikate genutzt werden zu können. Ein solches Projekt ist die umstrittene Ökosystem-Restauration-Konzession Hutan Harapan auf der Insel Sumatra: Eine Gruppe vorwiegend ausländischer NGOs erwirbt eine Konzession, um Wald zu schützen. Die lokale Bevölkerung, die schon lange im Wald lebt, wird dabei aber als Störfaktor dargestellt. Wie der Film zeigt, konnte ein gerechter Umgang mit den Menschen, die im und mit dem Wald leben, bis heute nicht gefunden werden. Zu den Mittelgebern für die Konzession gehören mittlerweile auch der NABU sowie die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) des deutschen Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Die internationale Gemeinschaft sieht sich zum Handeln gezwungen. Doch Projekte, in denen sich lokale Bevölkerungsgruppen bevormundet fühlen, ihre Expertise nicht gesehen wird und in denen das an internationalen Schreibtischen erzeugte Wissen als überlegen angesehen wird, schüren die Konflikte weiter.

Um die Ernährung der Bevölkerung sicher zu stellen, plant die indonesische Regierung schon seit vielen Jahren – und verstärkt seit der Corona-Pandemie – so genannte Food Estates. Vor allem in West Papua, aber auch auf Kalimantan initiiert sie mit Hilfe des Militärs – und ohne Einbeziehung der lokalen Bäuer*innen und deren Erfahrung – riesige Monokulturen für Reis. Allein in West Papua sollen in kürzester Zeit 3,5 Millionen Hektar Reisfelder entstehen. Das sei unmöglich, meinen Menschen vor Ort, die in der Landwirtschaft tätig sind. Genau auf diesen Food Estate-Reisfeldern taucht die bereits erwähnte Riesenraupe auf. Ein wirklicher Erfolg der Food Estates, so der Film, bleibe hingegen bisher aus.

Als Ausblick in die Zukunft porträtiert der Film anhand des Dorfes Kinipan in Kalimantan den Trend, keine ‚klassischen Naturschutzprojekte‘ mehr durchzuführen sondern Restorationsprojekte von Firmen ausführen zu lassen. Wie so oft in ‚Entwicklungsprojekten‘ sind es ausländische Gelder und somit ausländische Organisationen, die vermeintlich den Wald schützen. In das Kinipan- Projekt flossen acht Millionen Euro, gezahlt von der IKI und der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Diese Gelder gehen an die Firma PT Alam Bukit 30. Mehrere NGOs besitzen Teile dieser Firma, wie zum Beispiel WWF Deutschland und die Frankfurter Zoologische Gesellschaft. Auch in diesem Projekt gibt es Konflikte mit der lokalen Bevölkerung und es wurde bisher nur wenig Wald gerettet.

Ein Blick in die Besetzung des aktuellen Parlaments, welches das umstrittene Omnibus-Gesetz [Gesetzespaket, das Regularien für Unternehmen verringert, mit dem von der Regierung erklärten Ziel, Arbeitsplätze zu schaffen und Investitionen zu fördern, d.R.] verabschiedet hat, bietet eine Erklärung für die neo-liberale Entwicklung, in der die physische Umwelt als monetärer Wert anstatt als Zuhause und Lebensgrundlage behandelt wird. 55 Prozent der Parlamentarier sind Geschäftsleute, nicht wenige von ihnen verdienen ihr Geld mit Plantagengeschäften.

Zivilgesellschaftlicher Ansatz: Menschen vor Ort als Expert*innen

Der Film stellt auch Ansätze aus der Zivilbevölkerung vor und begleitet die Umweltschützer Basuki auf Kalimantan und Feri Irawan auf Sumatra. Beide haben sich dafür entschieden, die Lokalbevölkerung als die Expert*innen zu sehen und sie dabei zu unterstützen, ihren Wald zu erhalten. Dies geschieht in kleinerem Stil und mit deutlich weniger Budget als bei großen Organisationen – aber mit größerem Erfolg. Die Botschaft des Films ist simpel: Stoppt die Konzessionsvergabe für Großprojekte und lasst die Menschen, die tagtäglich mit dem Wald zu tun haben, die Entscheidungen treffen. Denn diese Menschen haben kein Interesse daran, ihren eigenen Lebensraum zu zerstören.

Mit beeindruckender Entschleunigung führt Kinipan uns vor Augen: Weder die Corona-Pandemie noch die Entwaldung, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, der Klimawandel oder etwa unser aller Konsum sind einzeln zu betrachtende Phänomene. In einem Wechsel aus oft langsamen Bildern, Drohnen-Aufnahmen, Interviews und Infographiken erzählt uns eine freundschaftlich klingende Stimme das, was wir vielleicht alle wissen, aber oft nicht hören möchten. Es wirkt wie die Erinnerung durch einen Freund, der uns schmerzlich zeigt, wie alles mit allem zusammenhängt. Er gibt uns die Informationen, die wir für ein verantwortliches Handeln benötigen. Wie wir damit umgehen, überlässt er dennoch uns.

Rezension zu: Kinipan. Regie: Indra Jati und Dhandy Laksono, Indonesien, 2021. 158 Minuten.

Hier geht’s zum Film mit englischen Untertiteln

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Philippinen/Südostasien: Die indigenen Gemeinschaften der Sama Badjao leben am Meer und sind damit anfällig für Klimaschocks. Wiederkehrende Extremwetterereignisse gefährden ihren Lebensraum, zerstören ihre Häuser und Fischerboote. Zivilgesellschaftliche Projekte wollen die Sama Badjao schützen.

Sama Badjao (auch: Sama Bajau/Sama Dilaut) nennen sich in den Philippinen und in Booten der Sulu- und Celebes-See lebende indigene Gemeinschaften. Als eng verbundene Gruppen bewahren sie ihre Bräuche, Traditionen, Rituale und die Sinama-Sprache. Viele der Sama Badjao sind aufgrund der herausfordernden Bedingungen im Süden des Inselstaates in den 1960er Jahren – verschärfte Grenzkontrollen, ununterbrochene bewaffnete Konflikte, der allmähliche Rückgang der Fischbestände und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit – sesshaft geworden und in die Küstengebiete der zentralen und nördlichen Philippinen migriert [Uy, Z., & Neri, M. E. (1979). The Badjao Communities in Metro Cebu and Bantayan and Islands: Some Ethnographic Data and Observations. Agham-Tao, 2, S. 185–190].

Die maritime Lebensweise der Sama Badjao, in Verbindung mit ihrer Sesshaftigkeit, macht sie anfällig für Klimaschocks. Die Bevölkerung war in den letzten Jahren durch wiederkehrende Unwetter und Überschwemmungen stark gefährdet. Durch die Super-Taifune Haiyan (2012) und Rai (2021) und den Taifun Nalgae (2022) wurden Häuser und Fischerboote stark beschädigt und viele Menschen mussten evakuiert werden.

Der Nutzen von traditionellem Wissen

Die Ältesten der Sama Badjao glauben, dass Katastrophen eine Form der Bestrafung für ihre Sünden durch ihren Gott Mboh Tohan sind. Zu diesen Sünden zählen: nicht mehr an die Sama-Traditionen zu glauben und diese zu praktizieren, freizügige Kleidung zu tragen und weitere Untugenden wie Glücksspiel und Alkoholkonsum. Ein zentraler Bestandteil der Verehrung von Mboh Tohan sind Geistwesen, die in Mangroven, Meeren, Korallenriffen und weiteren Orten leben. Die Sama Badjao achten darauf, die Mangroven und Meereslebewesen nicht zu verletzen, da sie sonst verflucht oder bestraft würden, zum Beispiel mit Bauchschmerzen oder unerklärlichen Krankheiten.

Die zweiten und dritten Generationen der Sama-Gemeinschaften wenden, wenn auch nicht in dem Maße wie die Ältesten, immer noch das indigene Wissen an, indem sie die Gezeiten nach dem Mondstand vorhersagen und ihre Fischereiaktivitäten danach ausrichten. Anhand ihrer Vertrautheit mit dem Meer erkennen sie bevorstehende Wetterstörungen schon Tage vorher an der Windrichtung und -stärke, einem düsteren Himmel oder einer bedrohlichen Stille der Umgebung. Die Intensität eines bevorstehenden Taifuns lässt sich dennoch schwer vorhersagen. Außerdem haben die Vertreibung aus ihrem angestammten Seegebiet und ihre Sesshaftwerdung zu einem Verlust an traditionellem Wissen geführt, das die häufig auf ökologischen Zusammenhängen beruhte und an bestimmte Orte gebunden war. Die Wahrnehmung der Umwelt wird inzwischen auch durch Veränderungen im Zuge des Klimawandels gestört, vor allem wenn diese Veränderungen die ökologischen und kulturellen Anhaltspunkte beeinträchtigen, die in der Vergangenheit den Zeitpunkt für das Fischen und andere Rituale bestimmt haben.

Evakuierung und Wiederaufbau

Bei starken Taifunen werden die Frauen, Kinder, Älteren und Kranken der Sama als Erstes von der Küste evakuiert. Währenddessen bleiben die Männer dort und suchen Schutz in Gemeinschaftsräumen aus Beton, um auf ihre Häuser, Boote und andere persönliche Gegenstände achtzugeben. Durch den Super-Taifun Rai (2021) wurden insgesamt 140 Haushalte in der Gemeinde Sama Badjao zerstört.

Aufgrund ihrer Abschottung von der Öffentlichkeit haben die Sama Badjao in den letzten Jahrzehnten ihre Unabhängigkeit von der Regierung und externen Unterstützungsleistungen demonstriert und organisieren jeden Wiederaufbau eigenständig.

Die Sama glauben, dass sie dem Wiederaufbau ihres Elternhauses Vorrang einräumen müssen, da sonst ihre verstorbenen Ahnen unruhig werden und sie mit einer Krankheit verfluchen. Nach den Bräuchen der Sama sollten diese Häuser aus Nipa – Palmen, Bambus und Holz gebaut sein – ohne Trennwände oder Fenster. Doch der Wiederaufbau verändert traditionelle Baumaterialen: Bambus wird durch Beton, traditionelle Nipa-Palmblatt-Dächer durch verzinkte Eisenbleche ersetzt. Einige Haushalte leihen sich Geld oder verpfänden ihren Goldschmuck, um ihre Häuser sofort zu reparieren. Diejenigen, die es sich nicht leisten können, eine provisorische Unterkunft zu errichten, finden vor allem in regnerischen Nächten Zuflucht auf ihren Booten, während andere Familienmitglieder verstreut bei ihren Verwandten leben. Da der Fischfang in den Tagen nach einem Super-Taifun nicht möglich ist, konzentrieren sich die Männer auf den Bau, den Anstrich oder die Reparatur der Boote. Jugendliche, Kinder und Frauen sichern zusätzlich den Lebensunterhalt durch den Ver- oder Ankauf von defekten Teilen von Schmuck, Mobiltelefonen und anderen Geräten.

Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft

Die Widerstandsfähigkeit der Sama Badjao nach Taifunen speist sich aus ihrer maritimen Lebensweise und ihrem Gemeinschaftsgefüge. Der Fischfang wird mit der Verwandtschaft und dem gesamten Stamm geteilt. Das schafft ein fließendes System von Geben und Nehmen, Gefallen und Verpflichtungen in Zeiten der Not oder bei familiären Notfällen. Ein Beispiel dafür sind männliche Jugendliche und Kinder, die sich nachts bis 2:00 Uhr auf einem lantay aus Bambuslatten unter ihren Stelzenhäusern aufhalten. Dort warten sie auf den Fischüberschuss ihrer Verwandten, die im Meer gefischt haben. Sie verkaufen ihren Anteil auf dem Markt oder heben ihn für den Eigenbedarf ihrer Familie auf. Ein kleiner Gewinn ist schon viel wert, damit die Kinder mit Taschengeld für Mahlzeiten oder Schulbedarf zur Schule gehen können.

Ein weiterer wichtiger Ort nach einem schweren Wetterereignis ist die Goodjao-Kirche der wiedergeborenen Christen in der Gemeinde Sama Badjao. Da es in diesem Gebiet keine Gemeindehalle gibt, ist die Kirche zu einem wichtigen Gemeinschaftsort geworden, an der neben der indigenen Bevölkerung auch Gäste willkommen geheißen werden, die die Gemeinschaft regelmäßig besuchen, um Lebensmittelpakete oder Hygienesets zu verteilen.

Beteiligung an der Ressourcenverwaltung

Indigenes Wissen, wie das der Sama Badjao ist eine wichtige Informationsquelle für Veränderungen des Meeres und des maritimen Ökosystems, für die Auswirkungen des Klimawandels auf die lokalen Gemeinschaften sowie für Strategien zur Verringerung des Katastrophenrisikos und zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit. In Südostasien haben die Maßnahmen zur Rehabilitation und Erhaltung der Meere, mit denen die Folgen des Klimawandels und der Ressourcenübernutzung bekämpft werden sollen, die Fähigkeit der Sama Badjao beeinträchtigt, ihre traditionellen Methoden der Nutzung und Sammlung von Meeresressourcen weiterzuführen. Es wäre also durchaus sinnvoll, die Zukunft der Bewirtschaftung der Küstenressourcen partizipativ zu gestalten und das Wissen und die Praktiken indigener Gesellschaften wie der Sama Badjao mit einzubeziehen. [Macalandag, R. (2021). Recognition and the Mobile Indigene: Periphery and Possibility The Badjao of the Philippines. The Australian National University]

Darüber hinaus erkennen Initiativen zur Bewirtschaftung der Meeresressourcen zunehmend an, dass wirksame und lokal angemessene Maßnahmen nur durch Beteiligung an der Basisebene zustande kommen können. Dies schließt das gemeinsame Schaffen von Wissen und Praktiken ein, die traditionelles Wissen und westliche technologische Managementprinzipien miteinander verbinden.

Gemeinschafts- basiertes Engagement fördern

Um eine höhere Resilienz gegenüber Fluten und Taifunen aufzubauen, arbeiten lokale Behörden und Zivilgesellschaften Hand in Hand bei der Rehabilitation von Mangroven in den Küstengebieten. In der Küstengemeinde Bato in Leyte hat die Sama Badjao-Gemeinde zusammen mit der Edmund Rice Ministries Foundation Philippines, Inc. (ERMFPI) und der lokalen Regierungseinheit ein Projekt zur Bereicherung der biologischen Vielfalt der Mangroven in diesem Gebiet initiiert. Das Projekt Increasing biodiversity and reinforcing mangrove habitats as a natural response system to combat the effects of climate change on the Sama Bajau community (deutsch: Förderung der biologischen Vielfalt und Stärkung der Mangrovenlebensräume als natürliches Reaktionssystem zur Bekämpfung der Auswirkungen des Klimawandels auf die Gemeinschaft der Sama Bajau) soll die Beziehungen zwischen nicht- indigenen und indigenen Gemeinschaften, die an der Küste leben, stärken, indem ein integratives gemeinschaftsbasiertes Katastrophenschutzsystem eingerichtet wird.

Die Jugendorganisation der Sama Badjao wird dazu angeregt, die Partnerschaft mit ihrem Nachbardorf durch aktive Teilnahme an projektbezogenen Aktivitäten zu fördern, wie zum Beipiel Ausbau der Abfallentsorgung, Anpflanzung von Mangroven, Seminare und Schulungen zur Katastrophenvorsorge und -bewältigung sowie Lobbyarbeit zum Schutz der Mangroven. „Für uns als Jugendliche ist dies von Vorteil für unsere Zukunft. Sollten Katastrophen wie ein Taifun oder starke Böen auftreten, können die Mangroven zumindest die Auswirkungen auf uns, die an der Küste leben, verringern“, sagt Alex Yundam, Präsident der Sama Badjao Jugendorganisation. Über das Bato Municipal Environmental and Natural Ressources Office (MENRO) und die Sama Badjao Homebased Women’s Association werden Freiwillige aus der Gemeinde und zivilgesellschaftliche Organisationen dazu aufgefordert, die Küste zu säubern und Mangroven zu pflanzen. Eine Aktion zur Säuberung der Küste fand im Mai 2021 statt, gefolgt von der Pflanzung von Mangroven im September 2022 und im Februar 2023.

Dieses Programm könnte Probleme, die im Zuge der Sesshaftwerdung entstanden sind, adressieren. Maritime semi-migrierende und nomadische Gemeinschaften wie die Sama Badjao sind wichtige Partner bei Initiativen zur Ressourcenbewirtschaftung, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die maritime Ernährungssicherheit zu verstehen, zu überwachen und zu bekämpfen. Die Beteiligung der Sama Badjao nutzt der Gestaltung von Programmen, die eine langfristige nachhaltige Nutzung der Meeresressourcen gewährleisten sollen. Das aktive Einbeziehen der Sama Badjao am Mangroven-Rehabilitationsprogramm in Bato, Leyte, ist eine Möglichkeit, ihre Sichtbarkeit als Verwalter*innen der Meeresressourcen zu erhöhen.

Übersetzt aus dem Englischen von: Talia Willich, Kathrin Eitel und Mirjam Overhoff

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Südostasien: Klimawandelfolgen zeigen sich am eindrücklichsten in Aufnahmen aus betroffenen Regionen und Interviews mit den dort lebenden Menschen. Die südostasien kuratiert eine bewegende Filmauswahl.

Wer könnte lokale Geschichten über die Klimakrise besser erzählen als die Menschen, die in den betroffenen Regionen leben und sich täglich damit auseinandersetzen müssen? Cinemata gibt mit knapp 5.000 frei zugänglichen Filmen und Dokumentationen sozialen und vielfach unbeachteten Themen aus der Asien-Pazifik-Region eine Plattform. Darunter finden sich auch zahlreiche Videos zu Umwelt- und Klimathemen. Die Redaktion der südostasien hat eine Auswahl von Kurzfilmen aus der Region zusammengestellt.

Indigene Frauen schützen Wälder

Um die negativen Auswirkungen des Klimawandels abzumildern, ist es unumgänglich, Wälder zu erhalten. Dessen sind sich auch die indigenen Kuy in Kambodscha bewusst, für die der Wald seit Jahrhunderten Lebensraum und -grundlage darstellt.

Kambodscha hat eine der höchsten Abholzungsraten der Welt. Waren in den 1970er-Jahren noch 70 Prozent des Landes mit Regenwald bedeckt, sind es heute gerade noch drei Prozent. Vor allem für die ländliche, insbesondere die indigene Bevölkerung, stellt dies eine Katastrophe dar.

Der Film Forest Conservation: A Message from Indigenous Women, produziert vom Asia Indigenous Peoples Pact, zeigt die Lebensrealität der Kuy, die geprägt ist vom Kampf gegen die illegale Abholzung des Waldes. Die Kuy-Frauen übernehmen beim Schutz des Waldes die Führung. „If we lose our forest, we will die“, sagt eine im Film nicht namentlich genannte Vertreterin der Kuy . Allzu oft wird übersehen, welchen Beitrag indigene Gemeinschaften zum Schutz der Umwelt leisten, und damit die Grundlagen für den Erhalt ihres und letztlich auch unseres Lebensraums schaffen.

(Tanja Gref)

(Cambodia: Forest Conservation: A Message from Indigenous Women, 2014, Asia Indigenous Peoples Pact, Kambodscha, 16 Minuten)

Kampf gegen Bergbau

Der australische Konzern OceanaGold ist einer der größten Gold- und Kupferproduzenten der Welt. Er betreibt die Mine Didipio, die sich auf einer Fläche von 270 Quadratkilometern über die steilen, bewaldeten Hänge der Provinz Nueva Vizcaya auf der philippinischen Insel Luzon erstreckt – die Heimat der indigenen Twali-Ifugao, die sich gegen die Mine wehren.

Die Folgen des Bergbaus sind gravierend: Explosionen haben Dörfer erschüttert, die Luft verschmutzt und das Grundwasser verseucht. Als 2019 die Genehmigung von OceanaGold auslief und das Unternehmen dennoch den Betrieb fortsetzte, errichteten indigene Aktivist*innen eine Barrikade, um Lieferungen an die Mine zu stoppen.

Die von 2014 bis 2019 gedrehte eindrucksvolle Dokumentation des philippinischen Filmemachers Noni Abao zeigt, wie Menschen gegeneinander ausgespielt werden und wie die soziale Kluft in der Region vergrößert wird. Die einheimische Kultur droht ausgelöscht zu werden: „They will grab our land, honor and culture, resources and property, including our rights“ singt einer der im Film nicht namentlich genannten Aktivisten.

Nach dem Ende der Dreharbeiten wurden Dutzende der Aktivist*innen, die die Straßenblockade organisiert hatten, nach Zusammenstößen mit der Polizei und Vertreter*innen des Konzerns festgenommen.

(Tanja Gref)

(Dagami Daytoy (This is our Land), 2019 (hochgeladen auf Cinemata 2020), Nonilon Sidney Abao/Taripnong Cagayan Valley, Philippinen, 15 Minuten)

Profit vor Mensch und Biodiversität

In Stille gehüllte Aufnahmen von weit reichenden grünen Regenwäldern und dann Ölpalmenplantagen, die sich wie Narben durch sie hindurch ziehen. Menschen mit schwermütigen Gesichtern schauen in die Kamera. Dies ist der Auftakt des Kurzfilms The Secret Deal to Destroy Paradise, welcher im waldreichen Gebiet Boven Digoel in Westpapua, Indonesien, gedreht wurde. Er ist Teil der Serie Indonesia for Sale der gemeinnützigen Organisation The Gecko Project in Zusammenarbeit mit den Medien Tempo, Malaysiakini und Mongabay.

Im Zentrum stehen die undurchsichtigen Geschäfte von Unternehmen, die der indonesischen Entwaldung zugrunde liegen. Diese verschärfen Landkonflikte mit den lokalen Bevölkerungen. Der Film porträtiert die aussichtslos erscheinende Lage der indigenen Auyu. Die mit dem Landraub einhergehende Zerstörung ihrer Wälder, aber auch der plötzliche Zustrom an Geld haben tiefe Risse zwischen den ehemals friedlichen Dorfbewohner*innen geschaffen und bedrohen nun ihre Lebensweise und Zukunft.

(Kathrin Sommerfeld)

(The Secret Deal to Destroy Paradise, 2019, The Gecko Project, Indonesien/Westpapua, 16 Minuten)

Land unter

Der vom Menschen verursachte Klimawandel trifft Küstenzonen besonders hart. Der Kurzfilm Another Exodus des Filmemachers Le Nguyen, widmet sich den Konsequenzen des stetig ansteigenden Meeresspiegels in der vietnamesischen Provinz Nam Dinh. In den Bildern stechen vor allem die Aufnahmen von durch den Wasseranstieg zerfallenen Kirchen hervor. In der kurzen Spielzeit von elf Minuten kommen Bewohner*innen eines Fischerdorfes zu Wort.

Sie erzählen von den Problemen, die das vom Meer immer weiter eindringende Wasser mit sich bringt und von ihrer unausweichlichen Migration landeinwärts. Ihr Verhängnis, aber auch die Annahme der Dinge, beschreibt der katholische Fischer Nguyen Van Lang mit dem Satz: „Alle 50 bis 60 Jahre muss es einen Exodus geben“. Der ruhige, in angenehmer Einfachheit erzählte Film bietet den Betroffenen Raum, die Realität ihres Lebens im Sinne einer Momentaufnahme zu präsentieren.

(Kathrin Sommerfeld)

(Another Exodus, 2021, Le Nguyen, Vietnam, 12 Minuten)

Palmöl: Einer von vielen Landkonflikten

Der Kurzfilm Melikin erzählt die Geschichte des gleichnamigen Dorfs in Sarawak, Malaysia. Es ist eine Geschichte über Landraub und Umweltzerstörung. Seit vielen hunderten Jahren leben die indigenen Iban an diesem Ort. Sie betreiben nachhaltige Landwirtschaft und leben von Fischerei und Imkerei.

Doch im Jahr 2010 erscheinen plötzlich zwei Unternehmen auf der Bildfläche. Mit Hilfe von Korruption und systematischem Landraub soll das Land, das auch auf Grundlage der Verfassung der indigenen Bevölkerung gehört, zu Ölpalmenplantagen umgewandelt werden. Melikin zeigt den verzweifelten Kampf der lokalen Bevölkerung um ihr Land und ihr Leben. Er zeigt jedoch auch die Kraft, die entsteht, wenn sich Menschen zusammentun und gemeinsam für ihre Rechte kämpfen.

Der Film wurde von Pesticide Action Network Asia and the Pacific (PANAP) produziert, einem Netzwerk, das sich für die Beseitigung von Schäden an Mensch und Umwelt durch den Einsatz von Pestiziden und für die Förderung der ökologischen Landwirtschaft einsetzt.

(Valerie Heim)

(Melikin, 2013, Pesticide Action Network Asia and the Pacific, Malaysia, 14 Minuten)

Zerstörerischer Zement

Der Kurzfilm Mother Earth (Ibu Bumi) begleitet den 20 Jahre alten Bagus, der am Kendeng-Gebirge auf der indonesischen Insel Java lebt. Hier befindet sich eine Zementfabrik, für die im großen Stil Kalkstein abgebaut wird. Der invasive Abbau hat weit reichende Folgen für Mensch und Umwelt und hat großen Widerstand von Seiten der lokalen Bevölkerung hervorgerufen.

Auch Bagus, der mit seiner Familie von der Landwirtschaft lebt, möchte seinen Teil zum Widerstand beitragen. Gemeinsam mit seiner Punkrockband Kendeng Squad thematisiert er die Folgen, die die Zementproduktion auf das Leben vor Ort hat. Die Band greift die natürlichen Klänge der Natur sowie die Geräuschkulisse der Zementfabrik im nahen Umfeld auf. Mit seiner Musik möchte Bagus mehr junge Menschen erreichen und sie für den Widerstand gegen die Umweltzerstörung mobilisieren.

Eindrucksvolle Bilder und ruhige Momentaufnahmen machen die Dramatik der Situation für die Menschen am Kendeng-Gebirge deutlich spürbar. Der Film von Sedap Films ist in Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen NGOs und Gruppierungen entstanden.

(Valerie Heim)

(Mother Earth (Ibu Bumi), 2021, Sedap Films, Indonesien, 23 Minuten)

Künstliche Inseln für wen?

Vor der Südküste Penangs in Malaysia sollen drei künstliche Inseln entstehen. Das klingt gut für Investoren und die wohlhabende Stadtbevölkerung, schlecht hingegen für die Umwelt und die lokalen Fischereigemeinschaften. Die Aufschüttungen würden das artenreiche Meeresgebiet massiv schädigen und die Lebensgrundlagen der Fischer zerstören. Sie wehren sich vehement gegen das Vorhaben: Eine Bewegung (Penang Tolak Tambak) entsteht, die von Bevölkerung und NGOs unterstützt ihren Protest bis ins Parlament nach Kuala Lumpur trägt.

Die sachlich und ruhig erzählte Dokumentation fokussiert sich auf die Perspektive der Lokalbevölkerung und stellt hierbei den Fischer Zakaria Ismail in den Mittelpunkt. Stand Juni 2023: Das Megaprojekt soll weiterhin umgesetzt werden, auf Intervention von Premier Anwar Ibrahim aber mittlerweile um die Hälfte der Fläche reduziert.

(Raphael Göpel)

(Doa Seorang Nelayan (A Fisherman’s Prayer), 2021, Freedom Film Network, Malaysia, 15 Minuten)

Torfmoore: Gefährdete Kohlenstoffspeicher

Moore speichern gigantische Mengen an Kohlenstoff, daher sind sie besonders bedeutend für das Klima. Doch werden sie entwässert und brennen, werden sie zum Klimaproblem. Indonesien ist reich an Torfmooren, zum Beispiel im Nordwesten Sumatras, wo es eine große Biodiversität gibt.

Im Gebiet der Tripa-Torfmoore leben die Menschen von Fisch und Waldprodukten wie Harz und Rattan. Doch Palmölfirmen dringen in die Region ein, Wald wird gerodet und abgebrannt. Durch die Zerstörung ihrer Lebensräume verschwinden Tiere, Wasserquellen verschmutzen, Dürren und Überschwemmungen nehmen zu. Mehrere Dörfer fordern deshalb den Schutz des Torfmoorwaldes.

Der nicht immer geradlinig erzählte Film konzentriert sich auf die Stimmen der betroffenen Menschen. Er zeigt einerseits die Übermacht von Bürokratie und Behörden, anderseits den beharrlichen Widerstand der Menschen vor Ort. Parallel erklärt der Umweltaktivist TM. Zulfikar (YEL) in Ausschnitten die Bedeutung von Mooren. Der Fall Tripa steht exemplarisch für zahlreiche Fälle der Zerstörung von Moorgebieten, in Indonesien und anderswo auf der Welt.

(Raphael Göpel)

(Hilangnya Rawa Tripa (The Loss of the Tripa Swamp), 2022, Aceh Documentary, Indonesien, 15 Minuten)

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Südostasien: Junge Aktivist*innen erzählen im Sammelband “Klima ist für alle da” von den Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Leben. Vorgestellt werden einige inspirierende große und kleine Initiativen.

Im englischen Original heißt das 2020 veröffentlichte Buch United we are unstopable und transportiert viel deutlicher die Wucht seiner Botschaft als der deutsche Titel Klima ist für alle da. Herausgeber Akshat Rathi, promovierter Biochemiker und Klima-Journalist in London, gibt darin 60 jungen Aktivist*innen aus aller Welt eine Plattform, um ihre inspirierenden Geschichten zu teilen und eindrückliche Appelle an Politik und Gesellschaft zu richten.

Die Einleitung informiert leicht verständlich darüber, wie die Diskussion um den Klimawandel in den letzten rund 100 Jahren verlaufen ist. Die Beiträge der einzelnen Autor*innen sind nach Kontinenten unterteilt. Zwischen den einzelnen Berichten wird der Einfluss des Klimawandels auf die jeweilige Region oder das Land erklärt.

Eine globale Herausforderung

Was schnell klar wird: Der Klimawandel ist überall; alle sind betroffen, auch wenn sich die Ressourcen zur Bewältigung der Auswirkungen unterscheiden. In den persönlichen Geschichten zeigen sich die regional unterschiedlichen Facetten des Klimawandels. Aus Südostasien kommen drei Menschen zu Wort: sie leben in Myanmar, Malaysia und den Philippinen. Sie berichten von extremen Wetterereignissen, die auf den Philippinen und in Myanmar Dürren und Überflutungen hervorrufen, vom Anstieg des Meeresspiegels, wodurch zum Beispiel in Myanmar das Grundwasser versalzen wird oder von Waldbränden und Überschwemmungen in Malaysia.

Htet Myet Min Tun aus Myanmar beginnt seinen Beitrag damit, wie der Zyklon Nargis 2008 sein Land verwüstete – für ihn ein traumatisches Erlebnis. Als er in der Schule mehr über den Klimawandel lernt, fasst er den Entschluss, sich für eine stärkere öffentliche Wahrnehmung einzusetzen und später selbst in die Politik zu gehen. Der 18-Jährige macht sich viele Gedanken und legt dar, dass es in seinem von Armut und Ungleichheit geprägten Land besonders schwierig sei, ein Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen. Denn die Menschen müssten ums tägliche Überleben kämpfen, um ihre Grundrechte, um ärztliche Versorgung oder den Schulbesuch für die Kinder. Er ist überzeugt, dass genügend Wissen und Technologien vorhanden seien, um dem Klimawandel entgegenzutreten – was es wirklich brauche, seien aber Beharrlichkeit und Entschlossenheit, diese auch einzusetzen.

Liyana Yamin aus Malaysia ist in der Malaysischen Jugenddelegation, kurz MYD, aktiv. Dies sei die einzige Jugendorganisation in Malaysia, die sich für Klimapolitik engagiere. MYD organisiert Schulungen und Gespräche und informiert die Politik über den Klimawandel. Die 27-jährige Liyana hat Überschwemmungen und Waldbrände miterlebt. Sie findet es wichtig, Jugendliche an der Gestaltung von Lösungsansätzen zu beteiligen. Gleichzeitig müsse die gesamte Gesellschaft mitgenommen werden, damit die nötigen Veränderungen beispielsweise in der Landwirtschaft oder im Energie- und Verkehrssektor von allen getragen würden.

Albrecht Arthur N. Arevalo aus den Philippinen arbeitet als Jugendbetreuer mit verschiedenen NGOs, Glaubensgemeinschaften und der Regierung zusammen. Er betont, welche Folgen der Klimawandel für die Menschen hat, wie er die Wasser- und Nahrungsmittelversorgung beeinflusst und sich auf die Menschenrechte der indigenen Völker, Bauern und Fischer auswirkt. Leider wird in seinem Beitrag nicht wirklich deutlich, wie Jugendarbeit und Klimaschutz in seinem Leben zusammenhängen

Sich gemeinsam den Herausforderungen stellen

Es ist beeindruckend zu lesen, wie eloquent und fokussiert sich die teils noch sehr jungen Autor*innen – sie sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zwischen 11 und 30 Jahre alt – artikulieren, was sie bewegt, und wie entschlossen sie sind, im Kleinen und im Großen Veränderung herbeizuführen. Es zeigt das Selbstverständnis einer Generation, sich nicht den Folgen des Klimawandels zu ergeben, sondern gemeinsam aktiv zu werden. Der Wunsch nach Klimagerechtigkeit und Artenschutz schwingt in einigen Beiträgen mit. Manchmal ist es auch persönliche Betroffenheit, wie bei Htet Myet Min Tun aus Myanmar und Liyana Yamin aus Malaysia, die extreme Wetterereignisse miterlebten und sich um die Zukunft ihrer Mitmenschen sorgen.

In den Texten benennen die Aktivist*innen einige Herausforderungen, vor denen sie stehen. Durch die Berichte aus verschiedenen Teilen der Erde wird deutlich, wie unterschiedlich diese ausfallen können. Für Albrecht Arthur N. Arevalo aus den Philippinen sind zwei seiner größten Herausforderungen, Menschen von langfristigen und schwierigen Verpflichtungen zu überzeugen und der Mangel an finanziellen Ressourcen. Es sei nicht immer möglich, Freiwillige zu finden, sagt er.

Auch politische Repression erschwert es den motivierten Frauen und Männern, aktiv zu werden. Howey Ou aus der chinesischen Provinz Yunnan beispielsweise protestierte immer freitags vor dem Regierungsgebäude ihres Stadtbezirks, bis die Polizei sie festnahm und verhörte. Um ihren Protest fortzusetzen, wurde sie kreativ und startete die Aktion #PlantForSurvival, die Schüler*innen aus dem ganzen Land dazu aufruft, jeden Freitag Bäume zu pflanzen.

Viele Aktivist*innen berichten, wie schwer es sei, für ihre Überzeugung einzustehen, weil beispielsweise ihre Eltern dagegen seien oder Freund*innen äußerten, Protest würde sowieso nichts bringen. Auch von Expert*innen und Politiker*innen fühlen die jungen Menschen sich nicht ernst genommen. Ihnen werde nicht zugetraut, Klimamaßnahmen aktiv mitgestalten zu können, sagen sie.

Inspiration zum Aktiv werden – für uns alle

Das Buch vermittelt auf anschauliche und inspirierende Weise, wie der Klimawandel, die Vermüllung der Welt sowie politische und gesellschaftliche Passivität junge Menschen dazu bringt, mutig und entschlossen dazu beizutragen, dass wir und zukünftige Generationen weiter auf der Erde leben können. Schade ist allerdings, dass nur wenige konkrete Projekte vorgestellt werden. Und leider keines aus Südostasien.

Auf den ersten Blick erweckt Klima ist für alle da den Eindruck, sich eher an Jugendliche und junge Erwachsene zu richten: Die einzelnen Beiträge sind meist kurz gehalten und leicht verständlich geschrieben. Aufgelockert werden sie durch spielerische Grafiken, die Appelle an Gesellschaft und Politik enthalten, knappe Informationen zum jeweiligen Land oder anderen Bezugspunkten aus den Texten, wie zum Beispiel ein Verweis auf den Dokumentarfilm von Al Gore Eine unbequeme Wahrheit.

Das Buch lädt ein, es immer wieder zur Hand zu nehmen, ein oder zwei Beiträge zu lesen und so als Leser*in selbst jedes Mal neu Hoffnung, Inspiration und Tatendrang zu gewinnen, wenn Nachrichten und Alltag es schwer machen, nicht pessimistisch in die Zukunft unseres Planeten zu blicken. Die Energie, die Aufbruchstimmung, der Mut und die intrinsische Motivation der Protagonist*innen, in Aktion zu treten und nicht hinzunehmen, dass der Klimawandel mit schnellen Schritten voranschreitet, steckt an – während Politik und Industrie weiterhin auf die Bremse drücken, wenn es um echte Maßnahmen geht. Das Buch zeigt: Wir alle haben die Macht etwas zu verändern, zur Klimagerechtigkeit beizutragen und uns nicht hinter der Ohnmacht zu verstecken. Wie viele konkrete Initiativen künftige Bücher dieser Art vorstellen können liegt auch in unseren Händen.

Rezension zu: Hrsg. Akshat Rathi. Klima ist für alle da – Wie 60 junge Menschen uns dazu inspirieren, die Welt zu retten. 2021. Verlag Blanvalet. 320 Seiten.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 2|2023 – Klima im Wandel, Gesellschaft in Bewegung – Zivilgesellschaftliche Klimabewegungen in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Indonesiens Regierung setzt auch beim Klimaschutz auf Großinvestitionen – und auf Projekte, die häufig mit Umweltproblemen verbunden sind. Die lokale Bevölkerung bleibt dabei außen vor.

Indonesien ist mit seinen über 18.000 Inseln besonders vom Klimawandel betroffen. Gleichzeitig spielt das Land durch seine Regenwälder auch eine wichtige Rolle beim Kampf gegen den Klimawandel: Positiv, wenn diese Wälder erhalten, negativ, wenn sie abgeholzt werden. Ist sich die Bevölkerung der Klimakrise bewusst? Welche Maßnahmen ergreift die Regierung? Was machen Nichtregierungsorganisationen (NRO)? Die südostasien hat hierüber mit Puspa Dewy von Walhi (Wahana Lingkungan Hidup Indonesia, Indonesisches Umweltforum) gesprochen.

südostasien: Welchen Stellenwert hat das Thema Klimawandel für die indonesische Regierung?

Puspa Dewy: In nationalen Kreisen wird über Klimawandel häufig diskutiert, weil das auch auf internationaler Ebene ein wichtiges Thema ist. Aber alles ist unserer Ansicht nach noch zu sehr auf die Diskursebene beschränkt. Man spricht halt in großen Worten über ein großes Thema.

Was passiert auf lokaler Ebene, wie sprechen die Kommunen darüber?

Hier liegt die Herausforderung. Die Kommunalverwaltungen haben noch nicht viel Einsicht und Verständnis für die damit verbundenen Probleme. Es bedarf daher noch großer Anstrengungen, damit die Kommunen sowohl Klimawandelfolgen als auch die indonesische Klimaschutzagenda verstehen.

Warum ist das so?

Die meisten Klimaschutzinitiativen finden auf nationaler Ebene statt. Klimaschutz wird von der Exekutive dominiert. Das heißt, die indonesische Regierung ist die treibende Kraft. Vom Parlament selbst, oder von den politischen Parteien, gibt es zu wenig Initiativen. So gab es beispielsweise seitens der politischen Parteien und des Parlaments keine eigenen Initiativen zum Klimaschutzgesetz.

Welche Perspektiven hat die Zivilgesellschaft? Welche Ansichten haben die Menschen zu Klimawandel und Klimagerechtigkeit?

Es gibt viele junge Leute, die sich dafür interessieren und sich damit beschäftigen. Die Herausforderung ist, dass viele Begriffe zum Klimawandel erklärt werden müssen. Denn die Diskussion auf internationaler Ebene ist zu wissenschaftlich und zu unkonkret. In der Zivilgesellschaft werden der Klimawandel und seine Folgen schon verstanden, aber, wie gesagt, alles ist sehr national ausgerichtet. Das Thema Klimagerechtigkeit kennen nur die wenigsten. Das wird eher international diskutiert.

Welche Rolle spielen die Medien bei der Verbreitung von Informationen und im politischen Diskurs?

Die indonesischen Medien schenken der Klimakrise inzwischen mehr Aufmerksamkeit, aber eher ereignisbezogen. Wenn es zum Beispiel Katastrophen gibt, dann werden diese als Folgen des Klimawandels benannt, oder damit in Zusammenhang gebracht. Doch man sieht den Klimawandel eher als ein Naturphänomen, und nicht als ein von Menschen verursachtes Problem. Doch immer mehr Medienschaffende sehen den Klimawandel nicht nur als ‚News‘, sondern berichten umfassender. Doch die meisten Impulse kommen von zivilgesellschaftlichen Gruppen, sie machen Druck, berichten kritisch über lokale Missstände und informieren die Medien darüber.

Haben Unternehmen den Klimawandel als ein wichtiges Thema erkannt, das sich auf die Art und Weise auswirken wird, wie sie wirtschaften?

Tatsächlich gibt es Unternehmen, die über das Klima sprechen. Dabei geht es aber weniger um Klimapolitik oder die Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels, sondern vielmehr um Marketing und Werbezwecke. Auch in der internationalen Zusammenarbeit liegt ein Schwerpunkt auf der Förderung von Unternehmen bei Klimaschutzprojekten. Hierbei wird kein Fokus auf betroffene Gemeinden oder Gruppen gelegt. Es sind meistens Projekte wie Wiederaufforstung oder für Energie, jedoch oft ohne Mittel für betroffene Gemeinschaften. Dabei werden die Opfer des Klimawandels auf lokaler Ebene oft nicht unterstützt. Ihre Gemeinschaftsrechte (hak adat, Gewohnheitsrechte von Gemeinschaften) werden nicht berücksichtigt.

Eines der großen Themen in Sachen Klimaschutz ist die Energiewende von fossiler Energie zu nachhaltiger Energie. Wie sehen Konzepte der Energiewende in Indonesien aus?

Dies ist ein wichtiges Thema der Regierungspolitik. Da die Politik jedoch nicht die Interessen der Bevölkerung vertritt, konzentriert sie sich immer noch auf den Wirtschaftssektor. Denn das Thema Energiewende ist nur auf der Makroebene angesiedelt, es geht um große Investitionen und technologiebasierte Lösungen, die natürlich nicht von den lokalen Gemeinschaften umgesetzt werden können und die oft nicht involviert sind. Wir halten das Energiewendekonzept der Regierung für eine Scheinlösung.

Die Denkansätze der Klimawandelagenda drehen sich darum, wie man von internationalen Geldern für Klimaschutz profitieren kann. Es geht nicht darum, die Sicherheit der Menschen an die erste Stelle zu setzen oder Lösungen für die Gesellschaft bereitzustellen und die Bedingungen für den Umwelt- und Klimaschutz zu verbessern. Das löst das Problem des Klimawandels nicht wirklich, es schafft sogar neue Probleme für die Gesellschaft und Umwelt.

Könntest du dafür konkrete Beispiele nennen?

Wenn wir auf die Nutzung fossiler Energie schauen, und wenn es darum geht, den Anteil des fossilen Energieverbrauchs zu reduzieren, dann sehen wir, dass Unternehmen die meisten fossilen Energien verbrauchen, nicht die Bevölkerung. Daher sollte sich der Druck, den Verbrauch fossiler Energie zu reduzieren sowie Energie effektiv zu nutzen, in erster Linie auf die Großverbraucher, also zunächst die Industrie, konzentrieren.

Oder schauen wir auf Geothermie. Hier werden große Projekte gestartet, ohne die lokale Bevölkerung zu konsultieren. Diejenigen, die später davon profitieren, werden nicht die dort lebenden Menschen sein, sondern Unternehmer*innen. Das sorgt für Unruhe bei der betroffenen lokalen Bevölkerung. Beispielsweise in West-Sumatra gibt es Proteste gegen ein Geothermie- Projekt in Gunung Talang. Oder auch gegen ‚regenerative Energien‘. In Zentral-Sulawesi wird zum Beispiel gegen ein Wasserkraftwerk in Poso protestiert. Bei Protesten reagieren Polizei und Konzerne oft mit brutaler Härte. Immer wieder werden Menschen verhaftet, weil sie gegen ihre Vertreibung und gegen die Zerstörung der Umwelt protestieren.

Die indonesische Regierung geht demnach auf die Interessen von Unternehmern ein und nicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung?

Offensichtlich. Ein weiteres Beispiel sind Elektroautos. Der Fokus liegt auf der Automobilindustrie, und wie man durch den Aufbau der Infrastruktur Elektroautos produzieren kann. Das Ziel der Regierung ist also nicht, die Nutzung von Autos zu reduzieren. Dadurch werden vielmehr Fahrzeuge auf die Straße gebracht, anstatt in die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs zu investieren, von der die breite Bevölkerung profitieren würde.

Kommen wir zum Nickelabbau. Er hat in Indonesien Priorität, da er für die Elektrofahrzeugindustrie wichtig ist, die mit der Klimaschutzpolitik verknüpft ist. In mehreren Regionen, beispielsweise in den Nord- Molukken und Zentral-Sulawesi, hat der Abbau von Nickel und die Weiterverarbeitung in Industrieanlagen die Lage für die Gemeinden vor Ort tatsächlich erschwert. Sie sind schon vom Klimawandel betroffen. Nun werden sie zusätzlich Opfer der Regierungspolitik, die die Wirtschaft in den Vordergrund stellt und lokale Umweltfolgen des Nickelabbaus in Kauf nimmt. Das ist auch der Fall in Süd-Sulawesi, wo es Proteste gegen eine Nickelmine des Konzerns PT Vale Indonesia gibt.

Im so genannten Gesetz zur Schaffung von Arbeitsplätzen (UU Cipta Kerja, auch bekannt als Omnibus-Gesetz) stehen vor allem die Erleichterungen für Investitionen im Vordergrund. Es steht da nichts mehr von Umweltschutz, es geht da nicht darum, lokale Gemeinschaften zu schützen. Es geht vor allem darum, Großinvestoren anzuziehen und ihnen Erleichterungen zu bieten. Das ist der Denkansatz hinter dem Gesetz.

Was muss sich in der internationalen Zusammenarbeit verändern? Sollte sie stärker den Fokus auf die lokale Bevölkerung legen, die schon jetzt unter dem Klimawandel leidet?

Ja, richtig. Bei Walhi versuchen wir, die Menschen mehr zu beteiligen und einzubeziehen. Auch von der internationalen Gemeinschaft erwarten wir mehr Unterstützung. Hierzu werden bislang nur wenige Projekte gefördert.

Wir müssen uns die Frage stellen, wie lokale Gemeinschaften dabei unterstützt werden können, sich stärker für die Themen des Klimawandels zu engagieren. Wie schaffen wir es, dass die indonesische Regierung nicht ausschließlich auf große Investitionen und Technologie setzt, sondern auch auf lokale Gemeinschaften und wissensbasierte Lösungen achtet? Also nicht ein Top-Down-Ansatz, wie es derzeit der Fall ist, sondern ein Bottom-Up-Ansatz, der auf den Ressourcen in den Gemeinschaften aufbaut.

Interview und Übersetzung aus dem Indonesischen: Hendra Pasuhuk

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Malaysia: Jugendorganisationen engagieren sich vielfältig für den Klimaschutz, klären auf und bringen sich bei Konferenzen ein. Die Klima-Krise kann auch Chancen für die Zukunft beinhalten.

Klimawandelfolgen nehmen auch in Malaysia zu. Der Bevölkerung sind die Ursachen, Herausforderungen und Konsequenzen zunehmend bewusster. Daher übernehmen mehr Malaysier*innen, insbesondere junge Menschen, persönliche Verantwortung und fordern dies auch von ihrer Regierung ein. Zu Klimabewegungen in Malaysia und der Rolle von Jugendorganisationen haben wir den Klimaaktivisten Julian Theseira befragt.

südostasien: Wie ist Malaysia vom Klimawandel betroffen?

Julian Theseira: Die durchschnittliche Lufttemperatur in Malaysia wird zum Beispiel bis zum Jahr 2050 um bis zu 1,6 Grad Celsius wärmer sein. Der städtische ‚Hitzeinsel-Effekt‘ in dicht besiedelten Gebieten wird das noch verstärken und das Risiko von Gesundheitsfolgen wie Hitzeschlag erhöhen.

Generell werden für die malaiische Halbinsel im Zeitraum 2025-2035 und in den malaysischen Bundesstaaten Sabah und Sarawak auf der Insel Borneo im Zeitraum 2045-2055 schwere Trockenperioden prognostiziert. Malaysia wird voraussichtlich auch vom Anstieg des Meeresspiegels betroffen sein. Diese und andere Auswirkungen zeigt der Bericht an das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) (Third National Communication and Second Biennial Update Report) aus dem Jahr 2018 auf.

Welche Region ist besonders betroffen?

Besonders das Klang Valley, die größte und wirtschaftlich bedeutendste Metropolregion, in der auch die Hauptstadt Kuala Lumpur liegt, ist anfällig für Klimaauswirkungen. Bis 2050 werden die jährlichen Niederschläge in der Region voraussichtlich 10,6 Prozent über dem historischen Durchschnitt liegen. Außerdem wird der durchschnittliche jährliche Abfluss im Einzugsgebiet des Klang-Flusses voraussichtlich um fünf Prozent über dem historischen Niveau liegen. Dies erhöht das Überschwemmungsrisiko in der ohnehin hochwassergefährdeten Region.

Wer ist in Malaysia in der Klimabewegung aktiv?

Seit seiner Gründung in den 1990er-Jahren engagieren sich malaysische Organisationen im Climate Action Network (CAN), dem weltweit größten Netzwerk von Klimaorganisationen. Auch die malaysische Jugend hat sich in den letzten Jahren zunehmend für den Klimaschutz engagiert. Im Jahr 2015 wurde im Vorfeld der COP 21 die Malaysian Youth Delegation (MYD), Malaysias erste jugendgeführte Klimaorganisation, gegründet, um die malaysische Jugend bei internationalen Klimaverhandlungen zu vertreten. Seitdem wurden auch andere jugendzentrierte Klimaorganisationen wie EcoKnights und Klima Action Malaysia (KAMY) gegründet.

Gibt es eine Fridays for Future-Bewegung in Malaysia?

Nein, und zwar aufgrund von gesetzlichen Einschränkungen für Streiks und Demonstrationen. Klimaaktivismus findet in anderen Formen statt.

Wo liegen stattdessen die Schwerpunkte?

Bei den Jugendorganisationen hat MYD den Fokus auf dem Aufbau von Klimakompetenzen, auf Politikforschung und auf Lobbyarbeit gegenüber politischen Entscheidungsträgern*innen und Verhandler*innen. KAMY konzentriert sich mehr auf die Interessenvertretung und Mobilisierung an der Basis. EcoKnights macht Bildungsarbeit und stärkt die Kompetenzen Jugendlicher.

Was sind die Hauptforderungen der Klimaaktivist*innen? Was möchte die Jugend?

Die malaysischen Klimaaktivist*innen fordern eine schnellere Energiewende und die Reduzierung der Abholzung, um die CO2-Emissionen Malaysias zu verringern. Die malaysische Regierung soll die Ausarbeitung eines Nationalen Anpassungsplans (National Adaptation Plan, NAP) beschleunigen. Dieser soll das Land auf die zunehmenden Klimawandelfolgen vorbereiten. Die Jugend-Klimaaktivist*innen fordern zudem die Einbeziehung des Themas Klimawandel in das Bildungssystem, zum Beispiel dessen Aufnahme in Lehrpläne. Außerdem sollte die Regierung mit Gruppen, die sich für Klimaschutz engagieren, zusammenarbeiten und sie unterstützen.

Welche Rolle spielen soziale Medien und das Internet für den Klimaaktivismus?

Soziale Medien sind sehr wichtig für die Klimabewegung. In einer UNICEF-Studie von 2020 nannten 83,6 Prozent der Befragten soziale Medien als ihre Hauptinformationsquelle zum Thema Klimawandel. Klimaorganisationen wie MYD nutzen soziale Medienplattformen zur öffentlichen Aufklärung und für Advocacy-Arbeit. Es gibt in der malaysischen Jugend auch ‚Klima-Influencer’, denen auf Social Media zahlreiche Menschen folgen.

Wie sind Aktivist*innen, Gruppen und die malaysische Klimabewegung mit anderen Bewegungen in Südostasien und anderen Teilen der Welt verbunden?

Mehrere malaysische Klimaorganisationen, darunter MYD, sind Mitglieder von CAN, dem weltweit größten Netzwerk von Klimaorganisationen. Sie koordinieren sich mit Klimaorganisationen in anderen Ländern bei Kampagnen, zum Beispiel zum Thema Klimaschäden und -verluste und bei Projekten zu Just Transition. MYD und andere Jugendorganisationen sind Mitglieder von YOUNGO, der offiziellen Jugendrepräsentanz der UNFCCC. Bei internationalen Klimakonferenzen koordiniert sich MYD mit YOUNGO und CAN. In Malaysia organisiert MYD die Lokale Jugendkonferenz (MYLCOY), um die malaysische Jugend über internationale Klimapolitik und -diplomatie zu informieren.

Wie wird in der Bevölkerung die Klimakrise wahrgenommen?

In der UNICEF-Umfrage hielten 92 Prozent der jugendlichen Befragten den Klimawandel für eine Krise. Neun von zehn der Teilnehmenden erklärten, dass sie persönlich etwas gegen den Klimawandel tun. Dabei überwogen Abfallreduzierung und Recycling. 86 Prozent einer von der Monash University Malaysia unter Erwachsenen durchgeführten Umfrage im Jahr 2022 sagten, dass die Regierung mehr Anreize für Menschen schaffen solle, die sich um die Eindämmung des Klimawandels bemühen.

Wie nehmen Malaysias Politiker*innen die Klimakrise wahr?

Für malaysische Politiker*innen hat das Thema Klima noch keine Priorität. Greenpeace Malaysia untersuchte 2022 das Abgeordnetenverhalten in der letzten Legislaturperiode von 2018 bis 2022. Nur 8,4 Prozent der parlamentarischen Anfragen betrafen Umweltthemen, einschließlich des Klimawandels.

Wird die Regierung ihre Klima-Ziele erreichen? Was könnte sie besser machen?

Malaysia könnte ehrgeiziger seine Emissionen reduzieren. Malaysias überarbeiteter Nationaler Klimabeitrag (Nationally determined contributions, NDC) betont die Reduzierung der Kohlenstoffintensität im Verhältnis zum BIP um 45 Prozent bis 2030 im Vergleich zum Niveau von 2005 [Erklärung d.R.: Die Menge an Emissionen von Kohlendioxid, die pro Einheit des Bruttoinlandsprodukt (BIP) freigesetzt wird, siehe UBA]. Doch selbst wenn Malaysia seine Kohlenstoffintensität erfolgreich reduziert, könnten Emissionen weiter ansteigen, wenn die Wirtschaft weiter wächst. Malaysia sollte daher eine absolute Verringerung seiner CO2-Emissionen anstreben. Malaysia ist immer noch auf fossile Brennstoffe wie Kohle, Gas und Öl angewiesen, um 80,96 Prozent seiner Elektrizität (2022) zu erzeugen. Durch die Transformation des Stromsektors hin zu erneuerbaren Energien könnten Emissionen verringert werden. Malaysia sollte seinen nationalen Anpassungsplan schnell finalisieren.

Konnten Sie und Ihre Organisation erfolgreich Einfluss auf die Klimapolitik der malaysischen Regierung nehmen?

MYD hatte einen gewissen Einfluss auf den aktualisierten Nationalen Beitrag (NDC) Malaysias. Einige MYD-Mitglieder, darunter auch ich, hatten einen Maßnahmenvorschlag für naturbasierten Hochwasserschutz im Klang Valley entwickelt. Der Entwurf kam in die Endrunde eines von der UNFCCC im Rahmen des Technical Examination Process on Adaptation (TEP-A) organisierten Wettbewerbs für Nachwuchspolitik. Einige Inhalte wurden dem malaysischen Umweltministerium während einer öffentlichen Konsultationssitzung mit der Zivilgesellschaft im Rahmen der Aktualisierung des malaysischen NDC mitgeteilt. In dessen Anhang werden nun die Umsetzung einer naturbasierten Infrastrukturgestaltung und die Annahme des Konzepts der grünen Stadt zur effizienten Bewältigung künftiger Klimarisiken erwähnt, was Ideen aus dem MYD-Papier aufgreift.

Was wünschen Sie sich von der Weltgemeinschaft im Umgang mit der Klimakrise? Was erwarten Sie von Deutschland?

Industrieländer tragen mehr historische Verantwortung für die Verursachung der Klimakrise, und haben mit der Nutzung fossiler Brennstoffe für Industrialisierung und Wirtschaftswachstum profitiert. Industriestaaten wie Deutschland sollten daher Finanzierung, Technologie und Fachwissen bereitstellen, um ‚Entwicklungsländern‘ wie Malaysia zu helfen, ihre Energiewende zu beschleunigen und Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Außerdem sollten sie Ressourcen bereitstellen, um ‚Entwicklungsländern‘ bei der Anpassung und beim Aufbau von Widerstandsfähigkeit gegen Klimawandelfolgen zu unterstützen.

Und was sollte Malaysia tun?

Malaysia und weitere ‚Entwicklungsländer‘ sollten die Klimakrise als Chance nutzen, um eine nachhaltigere Wirtschaft und Gesellschaft aufzubauen, in der die Menschen innerhalb der planetaren Grenzen Wohlstand genießen können. Sie sollten nicht die Fehler der Industrieländer wiederholen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Raphael Göpel

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Thailand: Nanticha Ocharoencha organisierte die ersten Klimastreiks im Land. Mittlerweile engagiert sie sich stattdessen in der Umweltbildung. Wie es dazu kam, schildert sie in diesem Beitrag.

Nanticha ‚Lynn‘ Ocharoencha schrieb für die Ausgabe 1/2020 What do we want? Climate justice! der südostasien über Klimadebatten und -demonstrationen und forderte schnellen und pragmatischen Umweltschutz in Thailand. Dann kam die Corona-Pandemie. Lynn verlagerte ihr Engagement. Was ist aus ihr geworden? Auf Anfrage der südostasien hat sie den folgenden, sehr persönlichen Erfahrungsbericht verfasst.

2019, im letzten Semester meines Studiums, organisierte ich den ersten Klimastreik in Thailand. Ich war damals 21 und Greta Thunberg etwa 16. Wie Millionen andere junge Menschen wollten wir beide die Welt retten. Wir haben es versucht.

In meiner Vorstellung war 2050 das Jahr, in dem die Hölle losbrechen würde. Die Temperaturen würden in die Höhe schießen und unsere planetaren Grenzen weit überschreiten. Die Bienen würden aussterben und das Nahrungsmittelsystem zusammenbrechen. Ich kaufte mir in einem Antiquariat das Buch The Uninhabitable Earth von David Wallace-Wells, las aber nie mehr als das erste Kapitel, weil es mir so unerträglich düster und lähmend hoffnungslos vorkam, mir so meine Zukunft vorzustellen. Ich habe immer davon geträumt, später einmal ein kleines Stück Land zu besitzen, um darauf zu zelten und zu gärtnern, aber ich habe diese Idee verworfen und stattdessen viel geweint.

„Ich habe gelernt, wie viel ich nicht wusste“

Als die Covid-19-Pandemie ausbrach, habe ich die Streiks unterbrochen und bin seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Man hört immer wieder von Künstler*innen, die für eine Weile von der Bildfläche verschwinden, eine Art Winterschlaf halten. Die einen ruhen sich aus, die anderen suchen nach Inspiration. Ich habe mich zurückgezogen, um erwachsen zu werden.

Seitdem sind etwa vier Jahre vergangen. Ich habe gelernt, wie viel ich nicht wusste. Als ich 21 war, wollte ich fossile Brennstoffe abschaffen. Rückblickend verstehe ich jedoch kaum, warum. Ich verstand sicherlich nicht das Prozedere der Gewinnung fossiler Brennstoffe oder wie sie finanziert wurden. Ich kannte die Ergebnisse des IPCC-Berichts (Sachstandsbericht des Weltklimarats), aber ich erkannte nicht die Grenzen seiner Methodologie und Extrapolationen der Datensätze. Ich wusste nur, dass wir sofort aus den fossilen Brennstoffen aussteigen und auf erneuerbare Energiequellen umsteigen müssen.

Als Aktivistin hätte ich besser informiert sein sollen. Aber was kann man von einer 21-Jährigen erwarten? Sie war leidenschaftlich, aber schließlich noch keine Wissenschaftlerin, Ingenieurin oder Politikerin. Letztendlich hatte sie sich nur im Internet über den Klimawandel informiert und wollte einfach etwas dagegen tun.

Die schnelle Welt der Erwachsenen

Innerhalb weniger Jahre habe ich viel über die Welt der Erwachsenen gelernt – und man muss sehr rasch lernen, um in einer so schnelllebigen Welt nicht den Anschluss zu verlieren. Ich habe gelernt, wie die Karriereleiter funktioniert, aber ich habe auch gelernt, dass das Leben nie nur schwarz oder weiß ist, und dass auch das Grau nie wirklich sicher ist.

Als ich – völlig unerwartet – zur Klimaaktivistin wurde, wusste ich nicht, wie die Gesetze zur Solarenergie in Thailand funktionierten. Ich wusste nicht, wie unrentabel es für gewöhnliche Menschen war, Solaranlagen auf ihren Häusern zu installieren, und was nötig wäre, um das zu ändern. Ich wusste auch nicht, wie sich der Umstieg auf Solarenergie auf Arbeitsplätze, Industrien und den Lebensunterhalt vieler Menschen auswirken würde. Ich wusste auch nicht, wem die größten Erdgasvorkommen des Landes gehörten, warum das die Politik beeinflussen würde, und was passieren kann, wenn man sich mit den falschen Leuten anlegt.

Aber als junge Menschen war es noch nie unsere Aufgabe, all dies zu wissen. Tatsächlich liegt es in unserer Natur und in unserer Macht, nicht zu wissen, uns zu wundern, das Unhinterfragte infrage zu stellen und das Unversuchte anzugehen.

Wahrscheinlich war es Naivität, die den 18-jährigen Boyan Slat glauben ließ, er könne den so genannten Großen Pazifischen Müllteppich beseitigen – also baute er einen Roboter, um genau das zu tun. Doch war es eine erfolgreiche Erfindung? Für viele Biolog*innen nicht unbedingt – es entstanden diverse Probleme, die dem Meeresleben schaden und zu weiterer Verschmutzung führen können. Jetzt jedoch weiß er Bescheid und testet weiter neue Roboter, die hoffentlich eines Tages genauer funktionieren.

Ist Kernkraft eine Lösung? Sie kann enorme Mengen an Energie erzeugen, hinterlässt aber einen Haufen radioaktiver Abfälle, von denen wir nicht wissen, was wir damit anfangen sollen. Es liegt jedoch auch in den besonderen Fähigkeiten des Menschen, uns Lösungen zu überlegen.

Die eigene Haltung immer wieder überdenken

Als Jugendliche ist es unsere Pflicht, zur Schule zu gehen – jeden Tag zu lernen, uns niemals einer Idee zu verschließen oder in einer Echokammer gefangen zu sein, die unseren Fortschritt behindert und unsere Möglichkeiten begrenzt. Im Laufe der Jahre ist das Geschichten erzählen für mich ein Mittel geworden, die Welt besser zu verstehen, Fakten zu sammeln und sie mit anderen Menschen zu teilen. Durch diese Geschichten bin ich ein Stück erwachsener geworden. Und ich werde es weiterhin, jeden Tag, indem ich mein Wissen auffrische und meine Haltung als Aktivistin und Journalistin aufs Neue überdenke.

Es ist ebenso wenig die Aufgabe der Erwachsenen, alles zu wissen. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, die Jugendlichen mit dem, was sie tun, zu unterstützen, anstatt sie zu beschimpfen und ihnen vorzuwerfen, sie wüssten es nicht besser. Ihre Aufgabe ist es, ihre Schützlinge anzuleiten und zu unterstützen und jung zu bleiben, das heißt neugierig zu bleiben, Missverständnisse zuzugeben, bereit zu sein, die eigene Meinung zu ändern, von dem zu träumen, was Erwachsene für unmöglich halten, und den Mut zu haben, es zu verwirklichen.

Es ist schon ein paar Jahre her, seit ich das letzte Mal einen Klimastreik in Thailand organisiert habe, und auch ein paar Jahre seitdem ich meinen Abschluss gemacht habe. In der thailändischen Sprache gibt es die Wörter pi und nong, um eine Person zu bezeichnen, die älter oder jünger ist – wie eine kleine Schwester oder eine große. Ich war lange Zeit eine nong und bin für viele nun eine pi geworden. Manchmal frage ich mich, ob mein jahrelanger Klimaaktivismus nicht umsonst war, als ich damit aufhörte. Ab und zu schreibt mir ein*e Schüler*in aus der Oberstufe und fragt mich, wie man zur Rettung des Planeten beitragen kann. Obwohl ich das immer noch nicht herausgefunden habe, ist es zumindest schön zu wissen, dass ich einer nong beim Erwachsenwerden helfen kann.

Übersetzung aus dem Englischen von: Lydia Bucher

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Südostasien: Gelder für Klimawandelanpassung müssen den Betroffenen zugute kommen. Werden lokale Bedürfnisse und Wissen einbezogen, gibt es gute, gemeinschafts-basierte, bezahlbare Lösungen.

Den Bedrohungen des Klimawandels wie extremen Wetterereignissen und dem Anstieg des Meeresspiegels sind die marginalisierten städtischen, ländlichen und küstennahen Gemeinden Südostasiens besonders ausgesetzt. Südostasiatische Länder sind von der Klimakrise unverhältnismäßig stark betroffen und leiden unter dem Verlust von Menschenleben, Vertreibung, wirtschaftlichem Abschwung und Ernährungsunsicherheit. Vor diesem Hintergrund benötigt Südostasien dringend Ressourcen zur Abschwächung der Auswirkungen des Klimanotstands, um Menschenleben zu retten, Lebensgrundlagen zu sichern, Armut zu lindern und die Umwelt zu schützen.

Von Seiten des Globalen Nordens eigentlich zugesagt, ist die Bereitstellung „neuer und zusätzlicher Finanzmittel durch die Industrieländer, die die vereinbarten vollen Kosten [des Klimawandels und der Dekarbonisierung], die den Entwicklungsländern entstehen, abdecken„. Die Industrieländer haben sich verpflichtet, bis 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar für die Klimafinanzierung bereitzustellen, was bis 2023 verlängert wurde, da diese Zusagen bisher nicht eingehalten werden konnten.

‚Klimahilfe‘: Vier US- Dollar pro Jahr und pro Mensch

Von 2000 bis 2019 haben die Länder Südostasiens insgesamt 56 Milliarden US-Dollar an Klimafinanzierung erhalten, was gerade mal vier US-Dollar pro Person und Jahr entspricht. Die offensichtlich unzureichende Klimafinanzierung in der Region führt zu Ungleichheiten, da Indonesien, die Philippinen und Vietnam den Großteil dieser Mittel erhalten und daraus ihre Verkehrs-, Energie- und Agrarsektoren finanzieren. Darüber hinaus werden zwar insgesamt 28,37 Milliarden US-Dollar für Klimaschutzmaßnahmen in der Region bereitgestellt, aber nur 10,42 Milliarden US-Dollar sind für Anpassungsprogramme vorgesehen, die für die Reaktion der Länder auf und die Erholung von Naturkatastrophen entscheidend sind.

Die Finanzierungslücke, die größtenteils darauf zurückzuführen ist, dass die Geldgebenden ihre Zusagen nicht einhalten, hat zu einer Finanzialisierung [Zunehmende Bedeutung der Kredit- und Kapitalmärkte auch in Sphären jenseits des Finanzsystems. d.R.] der Klimafinanzierung geführt. Dies zeigt sich in der Förderung grüner Anleihen und Garantien durch ‚Finanzierungsfazilitäten‘ [Zusagen von Regierungen oder internationalen Organisationen, in bestimmten Fällen – wie Naturkatatrophen – Finanzhilfen oder Kredite zu gewähren, d.R.], vorangetrieben von Finanzinstitutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank (WB), der Asian Development Bank (ADB, Asiatische Entwicklungsbank) und der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB, Asiatische Infrastrukturinvestmentbank), die in der Region tätig sind. Während die Unternehmen aus den Klimakrediten und ihrer Förderung falscher, marktbasierter Lösungen Profit schlagen können, werden die ‚Entwicklungsländer‘ mit zusätzlichen Schulden belastet, was zu Haushaltskürzungen für wichtige soziale Dienste und Klimainitiativen führt.

‚Grüne Anleihen‘ machen Reiche reicher

‚Grüne Anleihen‘ oder „Finanzinstrumente, die grüne Projekte finanzieren und den Anlegenden regelmäßige oder feste Einkommenszahlungen bieten„, werden zunehmend eingesetzt, um Finanzmittel für Projekte zur Bekämpfung der Auswirkungen des Klimawandels zu mobilisieren und gleichzeitig Steueranreize für Anlegende zu schaffen. In den Philippinen wurde die erste ‚grüne Anleihe‘ in Höhe von 225 Millionen US-Dollar von AP Renewables Inc. (APRI), einer Tochtergesellschaft der Aboitiz Power Corporation, für die Sanierung der Tiwi-MakBan-Geothermieanlagen im Jahr 2016 ausgegeben. Die ADB stellte ein zusätzliches Darlehen in Höhe von 37,89 Millionen US-Dollar zur Kreditverbesserung bereit.

Die Tiwi-MakBan-Anlagen waren ursprünglich öffentliches Eigentum, wurden aber privatisiert und von APRI erworben. Nun werden die Anlagen von der SM Investments Corporation (SMIC) betrieben, um die Kohlenstoffemissionen aus ihrer Geschäftstätigkeit auszugleichen. Die Anleihen förderten den Geschäftsbetrieb von APRI und SMIC – beides Unternehmen, die sich im Besitz der reichsten Familien der Philippinen befinden, mit einem Nettovermögen von 12,6 Milliarden US-Dollar bzw. 2,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022, während das Land 215 Milliarden US-Dollar an Schulden anhäufte.

Regenwaldabholzung mit Nachhaltigkeitssiegel

In Indonesien wurde die ‚grüne Anleihe‘ in Höhe von 95 Millionen US-Dollar, die für das Projekt Royal Lestari Utama, eine Initiative zur Förderung der „nachhaltigen Naturkautschukproduktion“ von Michelin und Barito Pacific, ausgegeben wurde, zur Zerstörung von fast 8.500 Hektar Waldland verwendet. Das Projekt hat zu massiver Abholzung geführt, um Platz für Kautschukplantagen zu schaffen, was mit dem Verlust der biologischen Vielfalt und der Bedrohung der Lebensgrundlagen der Menschen einhergeht. Ursprünglich hatte das Projekt erklärt, zur Wiederaufforstung beizutragen. Hinter dem Projekt steht jedoch das Ziel, die Kautschukproduktion in Indonesien effizient zu steigern, und zwar durch Michelin und seinen lokalen Partner Barito Pacific, der zu einem der größten indonesischen Mischkonzerne gehört, der schon in der Vergangenheit zu massiven Umweltzerstörungen beigetragen hat.

Fortbestehendes koloniales Erbe

Die der Klimafinanzierung zugrunde liegenden Strukturen werden nach wie vor durch ungleiche Machtverhältnisse zwischen den Staaten bestimmt, die ihre Wurzeln in der Ausbeutung durch die früheren Kolonialmächte haben. Dies lässt sich am Fortbestehen des Klimakolonialismus bzw. -imperialismus ablesen: Die „Klimakrise ist eine Erweiterung des extraktiven Modells des Kolonialismus„. Für die südostasiatischen Länder, die jahrhundertelang kolonialisiert und ausgebeutet wurden, ist die historische Verpflichtung der ehemaligen Kolonialmächte zur Klimafinanzierung von zentraler Bedeutung. Die Kolonialmächte von damals sind heute entwickelte Industrieländer, die den Klimawandel seit langem maßgeblich anfachen. Folgerichtig müssen sie zur Klimafinanzierung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen in den ‚Entwicklungsländern‘ beitragen.

Die bestehende Architektur der Klimafinanzierung zeigt die Vielfalt der Ströme aus bilateralen und multilateralen Kanälen, mit separaten Fonds und Finanzierungspools für bestimmte Programme und Länder auf. Geber*innen und Unternehmen haben ein System aufrechterhalten, das sicherstellt, dass ihre Rückstellungen für die Klimafinanzierung in ihre eigenen Volkswirtschaften zurückfließen, indem sie Kredite und marktbasierte Klimalösungen fördern. Auf diese Weise bleiben wichtige Finanzmittel für die Gemeinden, die mit den schlimmsten Folgen der Klimakrise konfrontiert sind, unerreichbar.

Da sich die negativen Auswirkungen der Klimainitiativen in den Communities verstärken, weil der zivilgesellschaftliche Raum in der Region schrumpft, sind Menschen zudem vermehrt Angriffen und Bedrohungen ihres Lebens und ihrer Rechte ausgesetzt. In Südostasien sind die Philippinen nach wie vor das tödlichste Land für Umweltschützende. 2019 wurden 43 Umweltschützer*innen, die sich vor allem gegen Umweltzerstörung wie Abholzungs-, Staudamm- und Bergbauprojekte wehrten, von bewaffneten Kräften getötet. In Vietnam wurde der Umweltanwalt Dang Dinh Bach, der sich für die Energiewende und Klimainitiativen im Land eingesetzt hat, von der Regierung zu Unrecht inhaftiert. Bis heute gehen Repressionen gegen Umweltschützer*innen weiter.

Entkolonialisierung und Demokratisierung

Die Klimagerechtigkeitsbewegung in Südostasien und im gesamten Globalen Süden fordert weiterhin die Entkolonialisierung der Klimafinanzierung, da es eine grundlegende Verschiebung von Macht und Ressourcen erfordert, um die Klimakrise wirklich anzugehen. Dies würde weltweit ‚Entwicklungsländern‘ und den betroffenen Gemeinschaften den Zugang zu einer Klimafinanzierung ermöglichen, die auf ihre eigenen Entwicklungsprioritäten und -bedürfnisse abgestimmt ist. Dekolonisierung heißt, neoliberale, marktorientierte und privatisierte Ansätze für das Klima und die Entwicklung abzulehnen, während lokale Ansätze und indigenes Wissen bei der Bewältigung des Klimawandels bevorzugt werden und die demokratische Kontrolle über Entscheidungen, Systeme und Ressourcen gefördert wird. Es besteht auch die unmittelbare Notwendigkeit, die Klimafinanzierung auf den vier Grundsätzen der Entwicklungseffizienz zu verankern: demokratische Eigenverantwortung der Länder, Ergebnisorientierung, integrative Partnerschaften sowie gegenseitige Transparenz und Rechenschaftspflicht.

Konkret zeigt sich dies in der Förderung von alternativen Energiesystemen, die Gemeinschaften selbst gehören und die sie betreiben, um die ländliche Elektrifizierung in Südostasien zu erweitern. In Myanmar haben Energiegenossenschaften und gemeindefinanzierte Systeme für erneuerbare Energien Gemeinden in den Bundesstaaten Shan, Karen und Ayeyarwady erschlossen, die noch nicht an das nationale Stromnetz angeschlossen waren. In Ost-Nusa Tenggara in Indonesien wurde ein Kleinstwasserkraftwerk von den Dörfern Lukuwingir und Waimbidi initiiert. In den Philippinen werden mithilfe von Sibol ng Agham at Teknolohiya (SIBAT), einer zivilgesellschaftlichen Organisation, die gemeindebasierte erneuerbare Energiesysteme (CBRES) unterstützt, in Zusammenarbeit mit Bürgerorganisationen und lokalen Regierungsstellen Kleinstwasserkraft- und Windkraftprojekte errichtet. Durch die Bündelung von Finanzmitteln, Ressourcen und Arbeitskräften konnten die Menschen Energiesysteme installieren, die erschwinglich sind, sich in gemeinschaftlichem Besitz befinden und folgerichtig gemeinsam gewartet werden sowie den Aufbau wirtschaftlicher und anderer Kapazitäten ermöglichen.

Menschen in den Mittelpunkt stellen

Ein alternativer Rahmen, der von sozialen Bewegungen im Globalen Süden vorangetrieben wird, ist die von Menschen getragene Klimapolitik. Dieses Konzept zielt darauf ab, den Menschen im Globalen Süden die Handlungsmacht über ihre eigene Zukunft zurückzugeben, die derzeit weitgehend von dominanten Entwicklungsparadigmen bestimmt wird, die die Interessen von Geldgeber*innen und Unternehmen fördern. „People-powered climate action“ verfolgt einen auf Rechten basierenden und auf die Menschen ausgerichteten Ansatz, der auf dem Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und jeweiligen Fähigkeiten, dem Recht auf Entwicklung und der Geschlechtergerechtigkeit beruht. Dieser Rahmen ist in der Lage, die Überschneidungen zwischen Klima- und Konfliktfragen, der Ungleichheit und der Entwicklung sowie die historische Verantwortung der Geberländer und -unternehmen bei der Bereitstellung von Entschädigungsleistungen für den Globalen Süden hervorzuheben.

Um Klimagerechtigkeit für die Bevölkerung Südostasiens und des gesamten Globalen Südens zu gewährleisten, müssen diejenigen, die am meisten für die aktuelle Klimakrise verantwortlich sind, zur Rechenschaft gezogen werden. Gleichzeitig müssen die Menschen in den Mittelpunkt von Anpassungs- und Minderungsinitiativen gestellt werden. Die Geberländer und -unternehmen müssen ihre Zusagen einhalten und sogar übertreffen. Sie müssen lokale Anstrengungen zur Bewältigung der Klimakrise zulassen und Schritte zur Entkolonialisierung des Systems unternehmen, das weiterhin die Umwelt schädigt und die Rechte der Menschen verletzt. Nur durch die Entkolonialisierung der derzeitigen Finanzstrukturen und die Lokalisierung von Klima- und Entwicklungsinitiativen kann sichergestellt werden, dass die von der Klimakrise am stärksten betroffenen Gemeinden im Mittelpunkt der Antwort auf den Klimanotstand stehen.

Übersetzung von: Lydia Bucher, Mirjam Overhoff und Raphael Göpel

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2 | 2023, Vietnam,
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Auf der Suche nach neuen Wegen

Philippinen: Wo die Landesregierung nicht ausreichend für Klimaschutz sorgt, tun Gemeinden gut daran, dies selbst in die Hand zu nehmen. Aktivistin Estrella Catarata erzählt im Interview mit der südostasien über ihr Engagement für gemeindebasierte, erneuerbare Energiesysteme.

Die Philippinen gehören zu den Ländern, die – aufgrund der schnellen Erderwärmung – am stärksten von extremen Wetterereignissen betroffen sind. Die steigende Nachfrage nach Strom in dem weitgehend von fossilen Energien abhängigen Land erschwert die Situation. Viele abgelegene Gemeinden sind bislang nicht an das Stromnetz angeschlossen, aber von zunehmender Umweltzerstörung durch große Bauvorhaben bedroht. Die Organisation SIBAT Inc. (Sibol ng Agham at Teknolohiya /Quelle der Wissenschaft und Technologie) unterstützt netzferne, abgelegene Gebiete mit Technologien für gemeindebasierte Mikrowasser-, Solar- und Windkraftanlagen. Estrella Catarata, Direktorin von SIBAT Inc. spricht über ihre Arbeit mit ländlichen und indigenen Gemeinschaften und die Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen im Hinblick auf Klimagerechtigkeit.

südostasien: Was sind die Ziele und Schwerpunkte von Sibol ng Agham at Teknolohiya (SIBAT)?

Estrella Catarata: SIBAT wurde 1985 in den Philippinen gegründet. Unser Ziel ist es, benachteiligten Gemeinschaften geeignete Technologien zur Verfügung zu stellen, die auf die Bedürfnisse der marginalisierten Gruppen zugeschnitten sind, insbesondere für Bäuerinnen, Bauern und Indigene Völker. Dabei unterstützen wir Gemeinden bei der Entwicklung und Beschaffung von Technologien, die die Umwelt nicht zerstören, sondern vielmehr die Biodiversität und die natürlichen Ressourcen in den Gemeinden erhalten und schützen. Der Grundsatz unseres Programms beruht auf der Beteiligung der Gemeinschaft bei der Umsetzung der Projekte, wobei die Gemeinschaft im Entscheidungsprozess mitbestimmt und aktiv an der Umsetzung dieser Projekte teilnimmt. SIBAT konzentriert sich auf den Transfer geeigneter Technologien für eine nachhaltige Landwirtschaft und das Community-Based Renewable Energy System (CBRES). Das CBRES-Projekt versorgt insbesondere netzferne, abgelegene Gebiete in den Philippinen mit Strom, indem es auf Mikrowasser-, Solar- und Windkraftanlagen setzt. Unsere Organisation ist bisher Partnerschaften mit verschiedenen Gemeinden eingegangen, insbesondere in der Cordillera Region sowie in den Provinzen Mindoro, Palawan und Samar.

Warum hat SIBAT einen gemeinschaftsbasierter Ansatz gewählt?

Uns ist wichtig, dass die Menschen sich der Bedürfnisse und Kapazitäten ihrer Gemeinde bewusst sind und an der Planung, Anwendung und Verwaltung der geeigneten Technologie beteiligt werden. Die Gemeinschaft darf nicht nur Empfänger*in, sondern muss vielmehr Partner*in und Teilnehmer*in sein. Auf diese Weise können sie sich aktiver für den Schutz ihrer Gemeinschaft engagieren, wenn ihnen eine geeignete Technologie vermittelt wird, die ihr tägliches Leben erleichtert. In der Tat ist eines der ersten Kriterien von SIBAT bei der Zusammenarbeit mit Partnergemeinden das Vorhandensein eigener Interessenvertretungen oder ein kollektiver Entscheidungswille der Gemeinde. Wenn es keines der beiden gibt, wird die Gemeinde immer ermutigt, zuerst eine Interessenvertretung zu gründen, bevor eine Studie für das Gebiet für ein potenzielles erneuerbares Energiesystem durchgeführt wird. Die Förderung einer kollektiven Entscheidung der Gemeinschaft stärkt nicht nur ihre Kapazitäten, sondern auch ihr Bewusstsein und das Erkennen der aktuellen Situation. Auf Grundlage der Gemeinschaftsbeteiligung wird die Umsetzung von Technologien ermöglicht, die auf die konkreten Bedürfnisse, insbesondere der Landwirte und der einheimischen Bevölkerung, eingehen.

Wie bringt SIBAT Initiativen zur Klimagerechtigkeit in die Partnergemeinden ein?

Die technische Arbeit zum Aufbau gemeindebasierter erneuerbarer Energien ist eine Möglichkeit, die Auswirkungen der Klimakrise zu mildern. Allerdings liegt der Fokus auf Zusammenarbeit und Vernetzung mit den Partnergemeinden, um die Kapazitäten der eigenen Organisationen oder Interessenvertretungen zu erhöhen. Wir halten die Aufklärungsdynamik der Organisationen aufrecht, damit sie erkennen, dass sie das Recht und die Pflicht haben, die biologische Vielfalt zu schützen. Mit der Stadt Cabugao (Provinz Apayao) hat SIBAT ein Projekt initiiert, bei dem mit den Bewohner*innen ein Mikrowasserkraftprojekt installiert wurde. Hintergrund des Projektes war die drohende Vertreibung durch den geplanten Bau von Dämmen. Die Provinzregierung rechtfertigte ihren Plan damit, dass der große Damm für erneuerbare Energien gebraucht würde.

Was wären die Folgen des Staudammbaus?

Dadurch würden die Gemeinden von Cabugao überflutet, die überwiegend von Indigenen bewohnt werden. Die indigenen Gemeinschaften und die LGU (local government unit/lokale Regierungseinheit) wehren sich gegen die existenzielle Bedrohung durch das Staudammprojekt. Bereits jetzt werden viele Gemeinden während der Regenzeiten, wenn die Dämme in Luzon Wasser ablassen, von den Fluten überschwemmt. Doch die Regierung bleibt weiterhin bei ihrem Plan, in Wasserkraft zu investieren. Wenn das Projekt verwirklicht würde, nähme die Not einfacher Leute und indigener Gruppen zu. Viele Menschen verlören ihre Heimat und fänden nirgendwo anders Unterkunft. Aus diesem Grund arbeiten SIBAT und lokale Organisationen mit Hilfe der lokalen Regierung von Cabugao zusammen, um ihre Gemeinden und ihre Wasserquellen durch eigene Mikrowasserkraftprojekte zu schützen. Die Gemeinden werden so nicht nur mit Strom versorgt, sondern schützen ihre Heimat und setzen sich aktiv für den Schutz der Artenvielfalt in ihrem Land ein.

Was bedeutet Klimagerechtigkeit für Sie?

Wenn es soziale Ungerechtigkeit gibt, gibt es auch Klima-Ungerechtigkeit. Und diese wird von Indigenen, Bäuer*innen, marginalisierten Menschen und Aktivist*innen am stärksten empfunden, erlebt und erlitten. In den Philippinen wird es ohne die Achtung der Menschenrechte durch die Regierung keine Klimagerechtigkeit geben. Menschenrechte und Klimagerechtigkeit sind untrennbar miteinander verbunden; die Menschenrechte sind inhärent und universell, und wir können Klimagerechtigkeit nicht durchsetzen, wenn unsere Menschenrechte verletzt werden. Die Menschenrechtsproblematik in den Philippinen behindert Klimaschutzmaßnahmen. Wenn Aktivist*innen versuchen Bedenken zu äußern, indem sie unser Recht auf Leben einfordern und sich kritisch mit der Politik auseinandersetzen, kann die Regierung sie leicht als Terrorist*innen abstempeln (red-taggen) und so abweichende Meinungen unterdrücken und sich der staatlichen Rechenschaftspflicht entziehen.

Hat SIBAT auch solche Erfahrungen gemacht?

Das Team von SIBAT hat red-tagging vor allem bei der Abriegelung von Gebieten während der Covid-Pandemie durch das Militär und die Polizei zu spüren bekommen [red-tagging ist eine Praxis, bei der Individuen und Organisationen beschuldigt werden, Mitglieder oder Unterstützer*innen der kommunistischen New People’s Army (NPA) zu sein, d.R.]. Unser technisches Personal, bestehend aus Ingenieur*innen, wurde regelmäßig verhört und sollte Fragen bezüglich ihrer Arbeit beantworten. Sie wurden als Staatsfeind*innen verdächtigt, da sie in entlegenen Gebieten mit den Einwohner*innen zusammenarbeiten. Ein SIBAT Mitarbeiter kündigte, weil er die Einschüchterung zu spüren bekam. Das Problem ist, wenn eine Person mit einem red-tagging Label versehen wird, kann ihr jederzeit und an jedem Ort alles passieren [Die Folgen von red-tagging können von fiktiven Anschuldigungen und daraus folgenden Schikanen, Verhaftungen, Anklagen, bis hin zu Verschleppungen und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen reichen, d.R.]. Ich kann die Schwierigkeiten verstehen, mit denen Mitarbeiter*innen in entlegenen Gebieten konfrontiert sind, wenn sie wissen, dass die staatlichen Behörden aggressiv handeln. Trotz des Drucks der nationalen Behörden und der ständigen Überwachung konnte SIBAT in diesen Jahren ihre Arbeit irgendwie fortsetzen, da es Lokalregierungen gab, die für das Programm bürgten.

Was könnten zukünftigen Schritte zum Klimaschutz für die Philippinen sein?

Auch wenn wir Gefahr laufen, mit einem red-tag versehen zu werden, müssen wir unsere Mission und Ziele zur Verteidigung der Menschenrechte und der Klimagerechtigkeit fortsetzen – trotz aller Gefahren und egal, wie schwierig die Situation im Moment ist – sonst wird es nie Klimagerechtigkeit in den Philippinen geben. Unsere technische Arbeit zum Aufbau gemeindebasierter erneuerbarer Energien mit Hilfe von Finanzmitteln und Partnerorganisationen wie Misereor oder Green Empowerment wird fortgesetzt. Mit diesem Projekt leisten wir einen Beitrag zu den Auswirkungen der Klimakrise. Aber die Arbeit von SIBAT allein reicht nicht aus. Wir alle müssen dafür Sorge tragen, die Kapazitäten von lokalen Organisationen und Interessensvertretungen zu stärken. Dazu sollten – sowohl international als auch lokal – Netzwerke aufgebaut werden, um eine Vielzahl an Menschen zu versammeln und zu organisieren, damit wir kollektiv Klimagerechtigkeit fordern können. Wir müssen so viele Gemeinschaften wie möglich erreichen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Josefine Schmidt und Mirjam Overhoff

 

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