2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Indonesien traditionelle Heilmethoden

Jamuverkäuferin auf einem traditionellen Markt in Yogyakarta. Jamu, vielerorts in Indonesien die wichtigste traditionelle Medizin, wird nach jahrhundertealten Rezepten hergestellt. © Hops Bornemann, CC-BY-NC-ND 3.0

Indonesien: Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit sind kulturell geprägt und die Entscheidung für bestimmte Therapien ist ein komplexer Prozess. Die Psychologin Nicole Weydmann erforscht Gesundheitskonzepte und -strategien im Spannungsfeld von traditioneller und westlicher Medizin anhand der Erfahrungen zahlreicher Frauen in Zentraljava

Der Gebrauch traditioneller Medizin und überlieferter Behandlungsmethoden ist in Indonesien weit verbreitet. Das Kräutergetränk Jamu zum Beispiel ist für viele Bewohner des Archipels Bestandteil sowohl der Vorsorge als auch der akuten Behandlung von Krankheiten. Auffallend sind auch die zahlreichen Angebote verschiedener Arten von Heilmassagen und die für Fremde zunächst seltsam klingenden Symptome und Krankheitsbilder.

Indonesien Traditionelle Heilmethoden

Buchcover “Healing is not just Dealing with your Body” © regiospectra Verlag

Grund genug, sich als an Indonesien und seinen kulturellen Ausprägungen Interessierter, aber der Psychologie fachfremder Leser, mit der jüngsten Publikation von Nicole Weydmann zu beschäftigen. Das Buch Healing is not just Dealing with your Body verspricht tiefer gehende ethno-medizinische Einblicke in den auch in Deutschland aktuellen Diskurs zu Gesundheit und dem Umgang mit dem eigenen Körper.

Der Untertitel “A Reflexive Grounded Theory Study Exploring Women’s Concepts and Approaches Underlying the Use of Traditional and Complementary Medicine in Indonesia” deutet bereits an, dass es sich um einen komplexen Sachverhalt handelt, und in der Tat ist das Buch ja auch die Veröffentlichung der Dissertation im Fach Psychologie.

Persönliche Erfahrung und methodische Feinstarbeit

Über sechs Kapitel wird das Forschungsthema systematisch und methodisch aufbereitet. Schnell wird klar, dass die Mischung und Aufarbeitung der beiden an sich schon zutiefst methodik-freudigen Disziplinen Psychologie und Ethnologie mit ihren jeweils eigenen Terminologien den Sachverhalt leider auch zunehmend abstrakter werden lassen. Einige Titel der Unterkapitel mögen dies veranschaulichen: Fundamental Theoretical and Experiential Assumptions and Knowledge Guiding Research; Collecting Data: Positioning Myself and Acting in the Field, Interacting with Data; ‘Doing Being Western’: In-group and Out-group Negotiations in the Context of Research Interviews.

Nun muss man bei einer Doktorarbeit natürlich die theoretischen Grundlagen vorab besprechen. Die Autorin legt dar, dass Krankheit ein Konzept ist, das, je nach Kultur, unterschiedliche Ausprägungen hat und dass es althergebrachte ‚traditionelle’ und konträr dazu neue ‚moderne’, ‚chemische’ Behandlungen von Krankheiten gibt. Sie zeigt, dass Menschen sich aus verschiedenen Motiven und Motivationen mehr der einen oder der anderen Behandlungsweise zuwenden oder auch nacheinander erst der einen und dann der anderen.

Einen weiteren großen Bereich der Grundlagen nimmt die theoretische und methodische Erörterung der Situation in der Feldforschung ein. Bedingt durch das Thema und der damit großen menschlichen Nähe ist die Forschung zugleich auch eine sehr persönliche Erfahrung für die Autorin gewesen, was man im Text manches Mal zu spüren glaubt, was letztendlich aber dann doch immer von einem Vorhang aus Theorie ‚verschleiert’ wird.

Wie erzählt man Gesundheit?

Von Beginn des Buches an, wird dem Leser ein “narrative approach” angekündigt. Möglicherweise beruht mein Verständnis dieser Ankündigung auf einem sprachlichen Missverständnis. Denn eine persönliche Schilderung der Ereignisse ist auch im zweiten Teil nicht zu erwarten. Die mündlichen Zeugnisse und Interview-Ausschnitte in sich sind wenig lebhaft und haben keinen ‚erzählenden’ Charakter. Die Auswertung der Interviews folgt den theoretisch-methodischen Vorgaben, und erfüllt damit die wissenschaftliche Zielsetzung.

Somit bleiben Erwartungen auf anschauliche Aufarbeitungen und kulturelle Einbettung der Begriffe wie zum Beispiel masuk angin [wörtlich ‚in den Wind eintreten’, d.h. sich erkälten, d.R.], kerok [eine auch in anderen Ländern Asiens verbreitete Massageform, bei der mit speziellen Werkzeugen oder auch Löffeln/Münzen die Haut geschabt wird, d.R.], ‚pijit’ [Massage, d.R.] und ‚jamu’ [aus Heilkräutern und Wurzeln hergestellte Medizin, d.R.] unerfüllt.

Indonesien Traditionelle Heilmethoden

Ein Café auf der Insel Java, das Jamu als Getränk anbietet. Viele Menschen glauben an die Kräfte des Naturheilmittels Jamu und trinken es regelmäßig. © Nicole Weydmann

Dennoch wird es, je weiter man im Text voranschreitet, zunehmend faszinierender, zu lesen, wie schwierig erfassbar und beschreibbar so scheinbar einfache Entscheidungen des alltäglichen Lebens sein können wie z. B. sich bei einem bestimmten Körpergefühl für eine Tablette oder eine Massage als Therapie zu entscheiden.

Dabei diskutiert die Autorin Fragen wie: Welche Klassifikationen und Bewertungssysteme werden angewendet? Welche Motive und Motivationen sind ausschlaggebend? Auch der Aspekt des Kulturwandels und der steigende Einfluss der so genannten westlichen Medizin findet sich in den Aussagen der Informantinnen und den Analysen der Autorin wieder.

Die männliche Sphäre wirkt etwas stiefmütterlich behandelt, da ausschließlich Frauen befragt werden. Man gewinnt den Eindruck, Männer würden die traditionelle Medizin nur zur Potenzsteigerung nutzen; so wird es zumindest aus Sicht der Frauen und damit als ein gängiges und schlüssiges, ‚weibliches’ Narrativ dargestellt.

Für viele interessant, für wenige zugänglich

Der regiospectra-Verlag gibt für gewöhnlich sowohl wissenschaftliche, politische und touristische Bücher als auch Sprachlehrwerke zu Afrika und Asien heraus. Dennoch war ein derartig spezialisiertes Fachbuch für den Rezensenten etwas überraschend im Vergleich zu dem sonst üblichen Verlagssortiment.

Als Fachfremdem erschließen sich ihm aufgrund des streng wissenschaftlichen Aufbaus und der komplizierten Terminologie nur einige Bereiche des Themas. Indonesienwissenschaftler*innen können sich anhand des Buches eher die psychologische Sichtweise erschließen als kulturwissenschaftlich einen Einstieg zu finden.

Um sich dem Thema pijit, kerok und jamu anzunähern, ist das Buch somit zunächst nicht geeignet. Diese Einschätzung soll in keiner Weise die wissenschaftliche Leistung von Nicole Weydmann in Frage stellen, sondern der Eingrenzung des potentiellen Leserkreises dienen.

Es hätte dem Buch sicherlich gut getan, es für einen breiteres Publikum etwas aufzubereiten. Der Themenbereich ‚traditionelle Medizin’ spricht einen weiten Leserkreis an, vor allem, weil die ‚Kräutermedizin’ der indonesischen Inseln bisher kaum Beachtung in den Kreisen der Naturheil-Fans in Europa gefunden hat. Allerdings hätte eine solche populärwissenschaftliche Darstellung des Untersuchungsgegenstandes natürlich genau die Stärken des Werkes vermindert, die Herausarbeitung der Details und die eingehende und tiefe Beschäftigung mit den Frauen und ihrem Verhältnis zu Gesundheit und Krankheit.

Rezension zu: Nicole Weydmann: ‘Healing is not just Dealing with your Body’. A Reflexive Grounded Theory Study Exploring Women’s Concepts and Approaches Underlying the Use of Traditional and Complementary Medicine in Indonesia. Berlin: regiospectra Verlag 2019, 437 S.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Kambodscha: Curran Hendry unterstützt mit der NGO Angka Changrit die Verbreitung der Grillenzucht im Land. Im Interview erklärt er, wie Grillen-Produkte die Ernährungssicherheit der Bevölkerung stärken und Einkommensmöglichkeiten für ländliche Familien schaffen können.

In Kambodscha hat das Essen von Insekten eine lange Tradition. Wie beliebt sind sie heute?

Das Essen von Insekten ist in Kambodscha über alle sozialen und Einkommens-Grenzen hinweg sehr beliebt. Es ist interessant und erfreulich, dass mit der Entomophagie (dem Verzehr von Insekten) kein gesellschaftliches Stigma verbunden ist.

Wer kann sie sich leisten?

Jeder kann sich gebratene Insekten leisten. In die Schlangen vor den Verkaufsständen reihen sich ebenso teure Range Rover wie Moped-Taxifahrer, die sich für den Abend diese leckeren Snacks holen.

In welcher Form werden sie gegessen und zu welchem Anlass?

In Kambodscha kann man beobachten, wie nachmittags mobile Verkaufsstände an Straßenecken und auf Märkten aufgestellt werden, um gebratene Insekten zu verkaufen. Angeboten werden Grillen, Heuschrecken, Käfer, Seidenraupen, Vogelspinnen, Wasserwanzen und viele andere.

Sie werden in kleinen Portionen angeboten, die in Dosen – etwa in Größe von Kondensmilch-Dosen – abgemessen werden. Kleine Grillen mit süßem Chili-Limetten-Geschmack sind für umgerechnet 0,45 bis 0,60 Euro pro Dose zu haben. Eine Dose Riesengrillen kostet etwa 1,40 Euro.

Auch in den Food Courts der beiden großen internationalen Einkaufszentren in Phnom Penh werden Grillen und Seidenraupen verkauft. In einigen der teuersten Nachtclubs der Stadt gelten Riesengrillen als Delikatesse und werden dort für umgerechnet bis zu 14 Euro angeboten.

Kurz, man knabbert hier Insekten, wie man in westlichen Ländern Kartoffelchips, Pommes Frites oder Salzgebäck als einen abendlichen Snack genießt.

2013 erklärte die Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen, essbare Insekten könnten dazu beitragen, den Nahrungsbedarf für eine wachsenden Weltbevölkerung zu sichern. Kann Protein auf Insektenbasis die Ernährung der ländlichen kambodschanischen Bevölkerung nachhaltig verbessern und Unterernährung reduzieren?

Essbare Insekten sind unglaublich nährstoffreich und gesund. Man kann sie sich als die perfekten Protein-Vitamin-Nuggets der Natur vorstellen. Aus entwicklungspolitischer Sicht bieten sie sowohl als direkte Nahrungsergänzung sowie als Einkommensmöglichkeit Vorteile. Außerdem ist die Insektenzucht sehr nachhaltig und umweltfreundlich.

Die Grillenzucht eignet sich für die Bekämpfung von Armut und Unterernährung deshalb besonders, weil die Züchter*innen die Grillen nicht selbst essen müssen, sondern sie verkaufen und sich von dem Erlös andere lebensnotwendige Dinge kaufen können. Es ist nur eine Frage von Zeit und Ressourcen, ländlich lebende, arme Familie zu erreichen und ihnen die Aufzucht von Grillen zu vermitteln.

Inwieweit sind sich Kambodschaner*innen des besonderen Nährwerts von Grillen und anderen Insekten bewusst bzw. wie könnte man Bewusstsein dafür schaffen?

In Kambodscha essen die Menschen Insekten, weil sie den Geschmack und die Konsistenz lieben. Die ernährungsphysiologischen Vorteile spielen dabei keine Rolle. Um sie darüber aufzuklären, kann man den Weg über die sozialen Medien gehen, um über die gesundheitlichen Vorzüge vom Verzehr von Insekten zu informieren.

Wie viele Familienbetriebe gibt es in Kambodscha, die von der Grillenzucht und dem Insektenfang leben und wie groß ist die Produktion? Verkaufen sie die Insekten auf dem Inlandsmarkt oder gibt es auch Export?

Grillenzucht ist recht weit gefasster Begriff. Manche Familien stellen ein paar 1×2 Meter große Pferche neben ihren Häusern auf, andere haben zehn 2×5 Meter große Gehege. Beides kann man als Grillenfarm bezeichnen. Einige Familien verdienen den Großteil ihres Einkommens mit Grillenzucht, für andere ist es eine relativ leicht umzusetzende, zusätzliche Einkommensquelle.

Außerdem gibt es landesweit Tausende von Menschen, die Wildinsekten fangen; dafür werden Netze in offene Felder gestellt und nachts mit Licht angestrahlt. Letztlich gibt es also Zehntausende von Kambodschaner*innen, die Insekten züchten oder fangen. Aus westlicher Perspektive sind selbst die kommerziellen Farmen recht klein. Ein größerer Betrieb liefert rund 1000 Kilo Grillen monatlich, aber die Mehrheit produziert eher um die 200 Kilo pro Monat.

Die lokal gezüchteten Grillen werden alle im Land verzehrt, während die vielen Wildinsekten wie Riesengrillen, Taranteln usw. auch an das benachbarte Thailand und Vietnam verkauft werden.

Wie züchtet man Grillen und wie werden sie verarbeitet?

Die Grillenzucht ist ausgesprochen einfach. Die Grillen leben ihren gesamten natürlichen Lebenszyklus in eigens dafür errichteten Pferchen. Nachdem die Weibchen Eier gelegt haben, werden sie eingesammelt und in spezielle Schalen gelegt. Nach sieben bis zehn Tagen schlüpfen die jungen Grillen. In der Wachstumsphase kann man sie mit so ziemlich allem füttern. Sechs bis acht Wochen später beginnt der Zyklus wieder von vorn.

Die Verarbeitung kann auf verschiedene Weise durchgeführt werden. In kommerziellen Anlagen stellt man die Grillen in einem Gefrierschrank, wo sie sofort in eine Art Schlaf fallen; dann werden sie gefroren. In den ländlichen Gebieten werden sie in warmem Salzwasser eingeschläfert.

Welche Herausforderungen gibt es für die Familienbetriebe, um die Aufzucht als Unternehmen zu etablieren?

Die größte Herausforderung ist das nötige Wissen, wie man mit der Aufzucht überhaupt beginnt, welche Futtermittel verwendet und welche hygienischen Ansprüche erfüllt werden sollten. Zudem haben Grillen bei Raumtemperatur nur eine relativ kurze Haltbarkeit. Das kann beim Verkauf Schwierigkeiten bereiten. Die Insekten werden über Zwischenhändler verkauft, die zunächst einen bestimmten Preis, beispielsweise 9000 Riel pro Kilo (etwa 2 Euro), versprechen.

Wenn sie zum vereinbarten Erntetermin erscheinen, behaupten sie, dass der Preis umständehalber gesunken sei und nun – zum Beispiel – nur noch bei nur 6000 Riel pro Kilo (rund 1,35 Euro) liegt. Das ist ein verbreitetes Problem für Kleinbäuer*innen in unterschiedlichen landwirtschaftlichen Bereichen.

Du arbeitest für die Organisation Angka Changrit in Phnom Penh. Welche Ziele verfolgt ihr und welche Aktivitäten setzt Ihr um?

Unsere Nichtregierungsorganisation will in erster Linie ländliche und benachteiligte Insektenfarmer*innen und die, die es werden wollen, erreichen. Wir vermitteln ihnen Wissen und das nötige Werkzeug, damit sie Insekten von hoher Qualität und Gesundheitsstandard züchten können, um so ihren Lebensunterhalt zu verbessern.

Zurzeit arbeiten wir mit über 300 Grillenzüchter*innen. Wir bieten Schulungen zu ‚best practices’ der Branche, etwa was die Errichtung von Pferchen, die Hygienemaßnahmen, das Futter und die Verarbeitungsweise angeht. Wir kaufen die Grillen dieser Züchter*innen zu über dem Marktpreis liegenden Preisen und verarbeiten sie zu verschiedenen Produkten wie Grillenmehl oder geröstete und aromatisierte Grillen-Snacks, die wir über unser Sozialunternehmen vertreiben.

Wir konzentrieren uns weniger auf Kampagnen über den Nährwert von Insekten, da die Menschen sie bereits täglich essen. Aber wir gehen oft auf lokale Food Festivals und bieten dort essbare Insekten an.

Außerdem bauen wir gerade einen Verband kambodschanischer Insektenzüchter*innen auf. Ziel ist es, sich mit Fragen der Grillen-Aufzucht und best practice zu befassen, Wissen zu vermitteln und die Unsicherheit im Hinblick auf die Verkaufspreise anzugehen. Wenn es ein landesweites Unterstützungsnetzwerk gibt, können Kleinbäuer*innen einen besseren und faireren Zugang zu den Märkten bekommen.

Wie steht die kambodschanische Regierung zur Grillenzucht als Einkommensmöglichkeit für Kleinbäuer*innen? Gibt es festgelegte Qualitätsstandards und Maßnahmen, um die kommerzielle Grillenzucht zu etablieren und auszubauen?

Die Regierung unterstützt grundsätzlich Initiativen kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Noch gibt es keine Maßnahmen zur Förderung der Grillenzucht, wie sie etwa kürzlich in Thailand erlassen wurden, aber wir setzen uns weiter dafür ein. Was Qualitätsstandards angeht, überlässt man das am besten den einzelnen Züchter*innen. Wer sich in Zukunft für Export-Standards qualifizieren will, kann seinen Betrieb entsprechend aufrüsten.

Wie sieht es mit den ökologischen Folgen der Grillenzucht aus, insbesondere im Vergleich zur konventionellen Viehzucht?

Grillen benötigen im Vergleich zur traditionellen Tierhaltung fast kein Land, Wasser oder Futter. Sie produzieren auch rund 80 Mal weniger Methan als Rinder. Grillenzucht ist also von Natur aus umweltfreundlich und nachhaltig. Je mehr Menschen im Westen dazu übergehen würden, Insekten in ihre Ernährung aufzunehmen, desto besser wäre die Welt.

Im Vergleich zu Hühnern, die unter unmenschlichen Bedingungen in Legebatterien gehalten werden, weisen Grillen ein ähnliches Verhältnis der Energieumwandlung auf. Aus einem begrenzten Blickwinkel könnte man also sagen, wenn weltweit nur kommerziell gezüchtete Batteriehühner gegessen würden, würde das die gleiche Menge an Nahrung (Energie) erfordern wie für Grillen. Das berücksichtigt natürlich nicht die ökologischen und moralischen Aspekte des ökologischen Landbaus. Das Verhältnis der Effizienz der Futtermittel für Grillen ist nur einer der vielen Vorteile. Und da das ganze Tier essbar ist, entsteht kein Abfall.

Welche Chancen und Risiken siehst Du für kambodschanische Kleinbäuer*innen, wenn der globale Insektenverzehr zunimmt und sich die kommerzielle Vermarktung essbarer Insekten zu einem lukrativeren Geschäft entwickelt?

Für kambodschanische Grillenzüchter*innen würden sich viel mehr Möglichkeiten ergeben. Es ist wie mit dem Kaffee. Nicht jeder Kaffee ist gleich. Jedes Anbaugebiet hat Vorzüge und eigene Geschmacksnoten. Sollte sich ein multinationales Unternehmen entschließen, weltweit führend in der Herstellung von Grillen-Snacks zu werden, gäbe es unterschiedliche Produkte, die wie die köstlichen Kaffeesorten kleiner Anbieter aus Äthiopien, Kenia, Kolumbien, Brasilien, oder Sumatra (Indonesien) von Liebhabern nachgefragt würden. In Kambodscha besteht ja bereits eine Nachfrage nach Grillenprodukten, so dass eine Verschiebung zu verstärkter globaler Nachfrage den lokalen Anbietern zugute käme.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Philippinen: Veränderungen der Ökosysteme resultieren in globalen Pandemien und bedrohen indigene Gruppen in ihrer Lebensweise, Gesundheit und Ernährungssicherheit. Strategien der Umweltgerechtigkeit müssen lokal durchgesetzt werden. Die NGO Daluhay unterstützt die indigenen Egongot dabei.

Das Ziel, den Lebensfluss (Daloy ng Buhay in Tagalog) der Ökosysteme aufrechtzuerhalten und im Sinne der Umweltgerechtigkeit faire und gesunde Lebensverhältnisse zu schaffen, hat sich auch die NGO Daluhay in der kleinen Küstenstadt Baler der Provinz Aurora auf der Insel Luzon gesetzt. Daluhay geht es um die Vernetzung der Ökosysteme und die Integration der Menschen darin. Bewahrt man Nachhaltigkeit und schützt die traditionelle Nutzung von Ökosystemen durch Indigene Gruppen, können globale Umwelt- und Klimaveränderungen abgemildert werden. Daluhay arbeitet mit der Indigenen Gemeinschaft der Egongot zusammen und verhilft ihnen, Umweltgerechtigkeit für sich und ihr Land durchzusetzen. Daluhays Ansätze sind: Ethnoökologie (Menschen als Teil des Ökosystems) und Ökosystemik (Wandel für Ökologische Nachhhaltigkeit) und Ökologische Gesundheit.

Die Beeinträchtigung Ökologischer Gesundheit

Der Wissenschaftszweig der Ökologischen Gesundheit (Ecohealth) verwebt Ökologie und menschliches Wohlbefinden. Entwickelt wurde dieser transdisziplinäre Ansatz an der John Hopkins Bloomberg School of Public Health, USA, und wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannt. Ein Zweig von Ecohealth betrachtet einen ökosystembasierten Ansatz zur Gesundheit, das bedeutet unter anderem das Übertragen von Pandemie-auslösenden Krankheitserregern von wilden Tieren auf den Menschen.

Daluhays Schwerpunkt liegt auf dem komplementären gesundheitsbasierten Ansatz zu Ökosystemen. Die NGO setzt sich für eine Verbesserung der Umweltzustände der Philippinen ein. Denn es ist die Konsequenz des Eindringens der Menschen in die letzten wilden Naturgebiete der Erde, die mit dem Auftauchen von SARS und H7N9 in China in Verbindung gebracht wurden und nun auch für den Ausbruch von COVID-19 verantwortlich zu sein scheinen. Dies hat direkte Auswirkungen auf die lokale Situation der Ernährungssicherheit während der Gemeinschaftsquarantäne im März und April 2020, zum Zeitpunkt als dieser Artikel verfasst wird.

Das Vorsorgeprinzip tritt mehr denn je als wesentliche Basis für soziales Wohlbefinden und Ökologische Gesundheit in den Vordergrund. Um die Ideen von Ökosystemik in die Realität umzusetzen, unterstützt Daluhay die Indigene Bevölkerung, wie hier die Egongot von Dipaculao, in ihrer nachhaltigen Entwicklung zum Schutz ihrer Ökosysteme durch Kapazitätsbildung, Bildung ihrer Autonomie und Selbstbestimmung. Das Wissen und die Bräuche der Indigenen Gemeinschaft wie beispielsweise der Pflanzenheilkunde und nachhaltige Ernährungssicherheit ist ein wahrer Informationsschatz.

Globales Refugium für Biodiversität im Sierra Madre Gebirge

Das Land mit der höchsten biologischen Vielfalt der Welt beherbergt im Sierra Madre Biosphärenkorridor den letzten zusammenhängenden Primärwald der Philippinen. Etwa 400.000 Hektar Fläche erstrecken sich über zehn Provinzen. Der Korridor ist Heimat von über 400 verschiedenen wilden Arten und somit von globaler Bedeutung für ein breites Spektrum von endemischen Pflanzen und Tieren. Daluhay arbeitet in der Provinz Aurora mit den landwirtschaftlich aktiven Egongot und den in früheren Zeiten nomadischen Dumagat, welche beide zertifizierte Landtitel in mehreren Provinzen besitzen.

Ihre Lebensweise ist stark naturabhängig, so spielt Wanderfeldbau, teils mit Brandrodung durchgeführt, eine große Rolle. Doch haben die Egongot bewusst angefangen, sich anstatt Brandrodung umweltverträglicheren und klimafreundlicheren Praktiken zuzuwenden, schützen ihre Altwälder und wandeln alte Brandrodungsgebiete in Gärten und Farmen um.

Wenn Modernisierung krank macht

Kulturelle Angleichung, Modernisierung und die Migration Außenstehender haben in vielen Regionen, in denen Egongot leben, Spuren hinterlassen. Die Egongot und Dumagat müssen nun mit Tourismus und Außenstehenden konkurrieren und gegen illegalen Holzraubbau für Hotelbau und Wilderei von Wildtieren ankämpfen. Zu Sesshaftigkeit gezwungen aufgrund von Gemeindeordnungen, und um Zugang zum nationalen Gesundheits- und Bildungswesen zu erlangen, erleben die marginalisierten Gruppen Verschlechterungen ihrer Gesundheitszustände. Sie leiden vermehrt unter erhöhter Morbidität und Mortalität, dazu gehören häufigere Infektionen der Lungenwege, Magen-Darm Erkrankungen und andere infektiöse Erkrankungen.

Wo ehemals die umherziehenden und semi-sesshaften Gemeinschaften traditionell aus sauberen Gebirgsbächen tranken, teilen sie sich nun oft eine Wasserpumpe oder einen flachen Brunnen, der in der Trockenzeit austrocknet. Verunreinigungen aus der Umgebung durch nicht vorhandene Sanitär- und medizinische Einrichtungen, das Halten von Tieren in nächster Nähe und angelockte, Krankheiten übertragende Nagetiere sind verantwortlich für eine erhöhte Infektionsrate mit viralen und bakteriellen Pathogenen als auch Darmwürmern.

Ernährungs(un)sicherheit

Marine Fischerei ist für die meisten Küstengemeinschaften weltweit ausschlaggebend für die Ernährungssicherheit, insbesondere in Südostasien. Fisch ist ein schwer ersetzbarer Teil der Proteinversorgung der philippinischen Bevölkerung und stellt in etwa die Hälfte der tierischen Proteinaufnahme dar, der Anteil in Küstenregionen ist höher. Industrielle und illegale Überfischung und zerstörerische Fangpraktiken vermindern die Ökologische Gesundheit der ärmeren Bevölkerung, mit direkten Konsequenzen für ihre Lebensqualität.

Fischereiabhängige indigene Gruppen sind nicht nur durch illegale Übernutzung ihrer Ressourcen durch andere Faktoren wie unstetem Einkommen, Landbesitz, Schulden und finanziellem Kapital, Bildung und zusätzlich unter saisonalen und extremen Klimaereignissen unverhältnismäßig stark betroffen. Des Weiteren ist der Zugang zu oder finanzieller Rückhalt für Gesundheitsfürsorge und medizinische Unterstützung kaum vorhanden.

Die Mitte März 2020 in Kraft getretene Gemeinschaftsquarantäne aufgrund der COVID-19-Pandemie beispielsweise sorgte durch die unvorhergesehenen wirtschaftlichen Restriktionen und Transporteinschränkungen schon in den ersten zwei Wochen für eine Nahrungsmittelknappheit bei der ärmeren Bevölkerung in der Gemeinde Baler. Das philippinische Bayanihan-Prinzip (im Geist der Gemeinschaft füreinander zu handeln) behob die angehende Nahrungsmittelknappheit bisher nur im kleinen Maße durch örtliche Spendenaufrufe.

Die Auswirkungen von Mangelernährung zeigen sich insbesondere bei Kindern. Ihre Gesundheitszustände werden auch als Untersuchungsfaktor für den sozialökonomischen Status der Haushalte genutzt. Die so genannte Protein-Energie-Mangelernährung ist eine der vier Hauptmangelerkrankungen auf den Philippinen. Sie ist Ursache für Untergewicht, Wachstumshemmung und hohe Sterberaten bei Säuglingen und Kindern. Trotz nationaler Pläne hat sich die Situation nicht verbessert.

Gegen die Probleme der Mangelernährung beispielsweise haben große Industrien ihre Lebensmittel mit Zusatzstoffen wie Vitaminen und Mineralstoffen versetzt. Sie ignorieren jedoch ihre eigenen, Gesundheits- und Umwelt- zerstörenden Prozesse und reduzieren das Problem im Zuge der Gewinnmaximierung auf eine ungesunde Ernährungsweise. Ein ausgeglichener Ecohealth-Ansatz ist nötig um dem Problem der Ernährungssicherheit und verbundener Mangelernährung entgegenzuwirken, mehr als eine rein medizinische Versorgung.

Ganzheitliche Strategien für nachhaltige ökologische Gesundheit

Ein vorsorgendes Management der natürlichen Ressourcen durch einen ganzheitlichen Ecohealth-Ansatz ist ein sinnvoller Weg vorwärts. Angewandt auf einen globalen Maßstab wird dies auch mit der Vorbeugung und Limitierung von epidemischen Ausbrüchen und deren Konsequenzen verbunden sein. Strategien der Umweltgerechtigkeit müssen jedoch lokal durchgesetzt werden, und sollten auf Landbesitzrecht, angepasste, moderne Landnutzungspläne und durch Angleichung von und mit nationalem und internationalem Recht basieren.

Terrestrische und Meeresschutzgebiete vermehrt unter dem Management lokaler und indigener Gruppen erhalten weltweit Zuspruch und Unterstützung durch den Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und die Biodiversitätskonvention, welche die Aichi-Ziele vereinbart und strategisch für weltweiten Artenschutz einsteht. Die Philippinen schützen das Indigene kulturelle Erbe durch das Gesetz über das Recht für Indigene Völker, welches ein Jahrzehnt vor der Deklaration über die Rechte der Indigenen Völker der Vereinten Nationen im Jahr 2007 in Kraft trat. Dieses philippinische Gesetz befähigt Indigene Gruppen legalen Anspruch auf ihre Stammdomänen zu erheben. Mit Hilfe der Nationalen Kommission der Indigenen Völker werden Besitzansprüche, Landtitel und Besitzzertifikate erteilt, um den Zugang zu Stammesdomänen zu regeln.

In der Gemeinde Dipaculao gibt es sieben Niederlassungen der Egongot, welche das Projekt Indigene und Gemeinschafts-basierte Naturschutzgebiete (ICCA) im Jahre 2015 gemeinsam mit Daluhay initiierten um Unterstützung für die Verwaltung ihres Landes zu erhalten. Gemeinsam wurde basierend auf traditionellem Management ein Landnutzungsplan entworfen. Dieser optimiert die Verflechtung von Ernährungssicherung, ökologischen Nachhaltigkeitszielen und Kultur.

In der Praxis mangelt es jedoch an rechtlicher Durchsetzungsfähigkeit aufgrund von geringem politischem und finanziellem Kapital. Daluhay fungiert als NGO in der Vermittler-Rolle zwischen diesen Räumen, ermittelt Synergien und vervollständigt Prinzipien und Verbindungen zwischen indigener, traditioneller philippinischer als auch nationaler und internationaler Nachhaltigkeitskonzepte.

Naturschutzgebiete und lokale Wirtschaft in indigener Hand

Die Ethnie der Egongot rund um die Gemeinde Dipaculao erhielt im Jahr 2003 das Zertifikat über ihre Stammdomäne. Der Anteil in Dipaculao ist mit 15.900 Hektar Teil einer größeren Domäne, welche sich über 139.000 Hektar über zwei weitere Provinzen, Quirino und Nueva Vizcaya, erstreckt.

Im ICCA-Projekt wurden erstmals im Jahr 2016 Bestandsaufnahmen der Wald- und Meeresressourcen gemeinsam mit den Egongot durchgeführt. Die Indigenen kombinierten ihr traditionelles Wissen mit internationalen Methoden und Standards und konnten die Pläne schlussendlich mit nationalem und lokalem philippinischem Recht harmonisieren.

Die erzeugte faktische und objektive Datengrundlage identifizierte Möglichkeiten zur Verbesserung, angepasst an die Bedürfnisse der jeweiligen Niederlassung. Mittels Geoinformationssystemen wurden die Bestände endemischer und schützenswerter Pflanzen- und Tierarten in den Regenwäldern rund um Dipaculao beziffert.

Auch die Zerstörung durch illegale Holzfällerei, Holzkohleproduktion, Brandrodung und Wildtierjagd wurde dokumentiert. Die Bestandsaufnahme in der Küsten- und Meeresregion offenbarte einen Fischrückgang, da Fischer aus anderen Gemeinden, Provinzen und gar anderen Ländern sich gesetzeswidrig in den Gewässern aufhalten und nicht nachhaltige Fanggeräte nutzen.

Durch die finale formelle Deklaration ihrer gemeinschaftsbasierten Naturschutzgebiete und -pläne in Dipaculao im Februar 2019 können nun gekennzeichnete Jagdgebiete, Farmland und Fischereigebiete genau abgegrenzt und in Zukunft besser verwaltet und verteidigt werden, sowie Wassereinzugsgebiete und wichtige Habitate für global bedrohte Tiere potenziell geschützt werden. Zusätzlich sind die Egongot nun unter der Dipaculao Egongot Tribal Association als Sozialunternehmer rechtlich anerkannt.

Motiviert durch den gemeinsamen Erfolg, wurden mit Daluhays Unterstützung nicht nur wie anfangs vorgesehen in einer, sondern in sieben verschiedenen Niederlassungen biodiversitätsfreundliche, sozialunternehmerische und ernährungssichernde Initiativen und Entwicklungspläne ins Leben gerufen.

Ein Planet, eine Zukunft

Der Fall der Egongot und ihr Wille, für soziale Umweltgerechtigkeit zu kämpfen, ist weltweit kein Einzelfall. Während die Menschheit mit sozialer Distanzierung und einer globalen Pandemie ringt, bietet eben dieses globale Innehalten eine Gelegenheit, um auf die Wurzel des Problems zu blicken. Seit Langem haben indigene Gruppen Bedenken über Ressourcenübernutzung und die Ausbrüche von Pandemien ausgedrückt und auf die unersetzliche Wichtigkeit der Rolle der Ökosysteme verwiesen. Nun ist die Zeit für Anerkennung dieser Werte gekommen – und ein gemeinsamer Weg der Lösungsfindung als Weltgemeinschaft.

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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Südostasien/Kambodscha: Insbesondere auf dem Land stellt Wasserversorgung für viele Menschen eine tägliche Herausforderung dar. Aufgrund von gesellschaftlichen Rollenbildern und Pflichten betrifft dies Frauen am meisten.

Zunehmender Wasserverbrauch setzt die Menschen unter Druck

Weltweit haben über zwei Milliarden Menschen keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser. 160 Millionen dieser Menschen leben in Ost- und Südostasien (Stand: 2017). Obwohl Südostasien in den letzten 20 Jahren große Fortschritte bei der Wasserversorgung der Bevölkerung gemacht hat, liegt die Sterberate aufgrund von unzureichender Wasserhygiene je 100.000 Haushalten immer noch zwischen 0,1 in Singapur und 13,9 in Laos. Ländliche Regionen sind generell schlechter versorgt als Städte. Aufgrund der schlechten Datenlage zur Wasserversorgung gibt es jedoch nur wenige länderspezifische, detaillierte Angaben in der Region.

Dabei ist Wasser ein international und explizit auch von den ASEAN-Staaten anerkanntes Menschenrecht. Der UN-Sozialausschuss sowie der UN-Frauenrechtsausschuss haben wiederholt auf den unzureichenden Zugang zu Wasser von Frauen im ländlichen Raum Südostasiens hingewiesen und den Staaten dazu Empfehlungen ausgesprochen. So hat der UN-Sozialausschuss Vietnam aufgefordert, mehr Mittel für die Bereitstellung von Trinkwasser insbesondere in ländlichen Regionen bereitzustellen und darauf zu achten, dass die Kosten für die Bevölkerung erschwinglich sind.

Gegenüber den Philippinen hat der UN-Frauenrechtsausschuss seine Besorgnis darüber ausgedrückt, dass Frauen in ländlichen Regionen als Folge von Diskriminierungen überdurchschnittlich von Wasserunsicherheit betroffen sind. Ähnlich kritisiert der Ausschuss auch Osttimor dafür, dass Frauen im ländlichen Raum zum Teil überhaupt keinen Zugang zu sauberem Wasser haben.

Frauen sind für Wasserversorgung zuständig

In Südostasien sind vor allem Frauen für die Haushaltsarbeit und die Wasserversorgung ihrer Haushalte zuständig. Es ist Teil der unentgeltlichen Fürsorgearbeit, die gemäß der gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen von ihnen erwartet wird. So verbringen Frauen in Kambodscha im Durchschnitt 12,5 Prozent ihrer Zeit mit unbezahlter Haushaltsarbeit, Männer nur 1.3 Prozent. In Laos ist das Verhältnis 10,4 zu 2,5 Prozent. Die Asia Foundation berichtet, dass Frauen in den ärmsten Staaten des asiatisch-pazifischen Raums täglich bis zu sechs Stunden allein zum Wasserholen aufbringen müssen. Sie legen dabei Entfernungen bis zu sechs Kilometern zurück.

Frauen nutzen Wasser im Haushalt am intensivsten, da es für fast alle Haushaltstätigkeiten benötigt wird. Dies gilt in besonderem Maße für indigene Frauen, die darüber hinaus eine spirituelle Beziehung zu Wasser haben. Sie sind sogar für die Auswahl von Trinkwasser aus natürlichen Wasservorkommen zuständig und lernen dazu von Kindheit an, die Qualität von Wasser zu unterscheiden.

Obwohl die südostasiatischen Staaten in den letzten 20 Jahren die Wasserversorgung ihrer Bevölkerung insgesamt verbessert haben, gibt es lokal auch gegenläufige Entwicklungen. Zum einen hat sich der Wasserverbrauch erhöht, so dass inzwischen fast alle Länder Südostasiens unter Wasserstress leiden, das heißt mehr Wasser entnehmen als den natürlichen Vorkommen wieder zugeführt wird. Bevölkerungsdruck, Klimaveränderungen und bewässerungsintensive Agrarwirtschaft werden diesen Stress weiter erhöhen.

Dies wirkt sich unmittelbar auf die Wasserversorgung der Haushalte aus sowie auf die kleinbäuerliche Landwirtschaft. Frauen sind davon in doppelter Hinsicht betroffen, da 60 Prozent von ihnen in Südostasien in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion arbeiten. Aber nur 10 Prozent von ihnen gehört das Land, das sie bearbeiten. Sie profitieren daher nicht von Regierungsprogrammen, mit denen zum Beispiel die Einführung neuer, dürreresistenter Sorten gefördert werden.

Großprojekte graben den Menschen das Wasser ab

Große Investitionsprojekte in ländlichen Regionen führen häufig dazu, dass Menschen ihren Zugang zu Wasser verlieren. Die Staaten verletzen ihre menschenrechtlichen Pflicht, den Zugang zu Wasser zu respektieren und vor Eingriffen Dritter zu schützen. Stattdessen werden Menschen von ihrem Land und ihrem Zugang zu Wasser vertrieben.

Frauen tragen die Hauptlast von Vertreibungen und Umsiedlungen, da diese sie unter anderem von ihren Wasserressourcen trennt. Sie müssen einen zeitlichen und körperlichen Mehraufwand in Kauf nehmen, um ihre Familien weiterhin ausreichend mit Wasser zu versorgen. Außerdem leisten sie die zusätzliche Sorgearbeit, wenn Kinder und andere Haushaltsangehörige durch verschmutztes Wasser krank werden. Darüber hinaus sind sie öfter häuslicher Gewalt ausgesetzt.

Vertreibungen sind da häufig der Fall, wo Großprojekte umgesetzt werden sollen. Zum Beispiel Bergbau-Aktivitäten, Landgrabbing (für Plantagen) und die Errichtung von Staudämmen.

Das Beispiel Kambodscha

Als im Februar 2010 plötzlich Bulldozer und bewaffnete Soldaten in das kleine Dorf Pis in der kambodschanischen Provinz Kampong Speu einrückten, wussten die dort ansässigen Bauern und Bäuerinnen nicht, wie ihnen geschah. Erst am Tag ihrer Vertreibung wurden sie darüber informiert, dass eine große Zuckerrohrplantage samt Zuckerfabrik auf ihren Ländereien (und denen von 14 anderen Dörfern) entstehen sollte, um Zucker primär für den EU-Markt zu produzieren.

Auch 10 Jahre nach der Vertreibung und dem Verlust ihrer Reisfelder, Gärten und Gemeindewälder leben viele der Dorfbewohner*innen noch immer in bitterer Armut in einem Umsiedlungsgebiet am Rande der Plantage. Neben Nahrungsmittelknappheit und fehlender Einkommensquellen ist vor allem auch der Zugang zu Wasser ein großes Problem. Es sind keine natürlichen Wasserquellen vorhanden, der Boden ist steinig und karg. Zwar wurden einige Brunnen gebohrt, doch auch sie führen kaum Wasser. In ihrer Not legten sich einige Vertriebene Regenteiche an, aber zum Trinken ist das dort gesammelte Wasser nicht geeignet.

Teures Wasser bringt neue Probleme

Die einzige größere Wasserquelle in der Umgebung des Dorfes Neu-Pis ist ein mitten in der Zuckerrohrplantage gelegenes Wasserreservoir. Aufgrund mangelnder Transportmöglichkeiten sind die meisten Dorfbewohner*innen auf die lokalen Wasserhändler angewiesen, die das Wasser mit Trucks in das Dorf bringen und dort verkaufen. Je nach Familiengröße zahlen die Haushalte dafür bis zu 50 Euro im Monat für Nutz- und Trinkwasser – eine immense Summe in einem Land mit Pro-Kopf-Einkommen von monatlich rund 100 Euro. Und selbst das gelieferte Wasser ist oft verschmutzt. Vor allem in der Regenzeit fließen Düngemittel und Pestizide von der Plantage in das Reservoir. Die Menschen im Dorf erkranken dadurch häufig an Durchfall und Hautausschlägen.

Die Frauen im Dorf leiden besonders unter dieser Situation, da sie für Wasser- und Nahrungsmittelversorgung sowie Pflege der Kranken zuständig sind. Viele Frauen im Dorf mussten wiederholt auf Mikrokredite zurückgreifen, um für Wasser, Nahrungsmittel und Medikamente überhaupt bezahlen zu können. Ihnen droht zusätzlich zur Wasserknappheit nun auch noch die Schuldenfalle.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

In Indonesien gehört die Alternativmedizin Jamu zum Alltag. Jamu wird aus Pflanzen hergestellt und hat eine jahrhundertealte Tradition. An seiner Beliebtheit hat auch die Verbreitung der Schulmedizin nichts geändert.

Ein Jamu– Café in Yogyakarta: Hier ist der Ort für das tägliche Jamu- Getränk zweier Einheimischer. Der Ort an dem Mädchen die Bestellung der Familie abholen. Und zugleich der Ort, an dem Touristen die traditionelle indonesische Medizin Jamu erkunden können. Jamu bringt Menschen zusammen. Es ist nicht nur gesundheitsfördernde Nahrung, sondern auch kulturelle Praxis.

Jamu ist ein Teil der indonesischen Identität. Im Gesundheits- und Beauty-Bereich findet es sowohl innere als auch äußere Anwendung. Die zahlreichen Arten von Jamu erstrecken sich von Puder, Pillen und Kapseln bis hin zu Salben, Tinkturen und vor allem Getränken. Insbesondere auf Java stellen Jamu-Getränke einen wichtigen Bestandteil des kulturellen Lebens dar. Dennoch ist diese Art der Medizin im Gegensatz zur traditionellen chinesischen Medizin im Westen weitestgehend unbekannt. Was verbirgt sich hinter Jamu? Wann und wie entwickelte sich die Medizin und welche Rolle spielt sie in der heutigen Zeit?

Indonesien ist mit seinen rund 17.000 Inseln und mehr als 500 Sprachen Heimat für knapp 273 Millionen Menschen (Stand 2020). Die kulturelle Vielfalt des Landes zeigt sich bereits im Nationalmotto ‚Einheit in Vielfalt‘. Jede Region pflegt bis heute intensiv eigene Bräuche und Traditionen. Das traditionell auf Pflanzenbasis hergestellte Jamu ist landesweit bekannt und wohl nahezu jede*r Indonesier*in hat es wenigstens einmal im Leben konsumiert. Meist erfolgt dies in Form eines Suds oder Pulvers, welches aufgebrüht und danach getrunken wird. Die Grundzutaten sind hier meist verschiedene Knollen von Pflanzen, welche zur Familie der Ingwergewächse gehören, aber auch verschiedene in Südostasien vorkommende Gewürze wie zum Beispiel Zimt, Muskat oder auch Nelken.

Der Präsident trinkt täglich Jamu

Schätzungen zufolge konsumieren 50 – 75 Prozent aller Indonesier*innen regelmäßig Jamu– sei es zur Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten. Prominentestes Beispiel und bekennender Jamu-Konsument ist der indonesische Präsident Joko ‚Jokowi‘ Widodo. Dieser zieht nach eigener Aussage traditionelle Medizin der industriell hergestellten vor und trinkt täglich ein Glas Jamu, um sich vor Krankheiten zu schützen und zu stärken. Für sein Rezept verwendet er eine Mischung aus verschiedenen Kurkuma-Arten sowie Ingwer. Diese werden in Scheiben geschnitten oder zerstoßen und mit heißem Wasser aufgekocht. Anschließend wird der so entstehende Sud heiß getrunken. Dies ist nur eine der vielen verschiedenen Arten von Jamu und ihren Anwendungsbereichen, die sich über die Zeit entwickelt haben. Traditionell wurden die verschiedenen Jamu-Rezepte innerhalb der Familie mündlich von Mutter zu Tochter weitergegeben.

Besonderer Popularität erfreut sich Jamu vor allem auf der Insel Java, wo wohl auch der Ursprung dieser Medizin liegt. Erste Belege für die Anwendung von Pflanzen zu medizinischen Zwecken lassen sich bereits in Reliefs des berühmten Borobudur-Tempels aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. finden. Die Abbildungen zeigen die Vermengung von Pflanzen und diversen weiteren Zutaten zu einer Mischung für die weibliche Gesundheit und Schönheit. Des Weiteren werden Massagen abgebildet, welche vor allem in China, Japan und Indien eine weit verbreitete Technik zur Förderung von Heilungsprozessen darstellen. Diese Praktiken verbreiteten sich über die Handelsrouten innerhalb Asiens.

Blinder Fleck im Auge der westlichen Alternativmedizin

Trotz der weiten Bekanntheit im asiatischen Raum wurde Jamu in der westlichen Welt erst im 17. Jahrhundert durch den deutschen Botaniker Georgius Everhardus Rumphius in dessen Mammutwerk Herbarium Amboinense dokumentiert (Neubauer, Ian Lloyd (2012): Jamu: Why Isn’t Indonesia’s Ancient System of Herbal Healing Better Known?).

In Indonesien selbst kam der Stein zur Anerkennung von Jamu als Medizin um 1940 ins Rollen. Auslöser hierfür war ein Kongress der indonesischen Ärzt*innenkammer und eine zeitgleich stattfindende Messe über traditionelle indonesische Heilmittel. Gegen Ende des Kongresses wurde ein Antrag zu dem genaueren Untersuchen der traditionellen Medizin und deren Anwendung gestellt.

Während der Zeit der japanischen Besatzung 1942 bis 1945 wurde die traditionelle Medizin durch die japanische Regierung gefördert. Außerdem erfuhr sie eine weitere Steigerung des Bekanntheitsgrads zur Zeit des indonesischen Unabhängigkeitskriegs. Nachdem im August 1945 die indonesische Unabhängigkeit durch Sukarno ausgerufen wurde, waren importierte Medikamente nur schwer zu bekommen. So verschrieben Ärzt*innen ihren Patient*innen traditionelle Heilmittel.

Jamu im indonesischen Alltag

Im heutigen Indonesien sind Jamu– Anwendungen weit bekannt und werden von vielen konsumiert. Doch es scheiden sich die Geister, wenn es um eine Meinung zur traditionellen Medizin geht. Von Abweisung und Unglaubwürdigkeit, über Belächeln bis hin zur festen Überzeugung von der Wirkung, sind alle Meinungen vertreten. Eine exakte Definition, worum es sich bei Jamu eigentlich genau handelt, können selbst Indonesier*innen nicht eindeutig geben. Jede*r kennt es und kann sich etwas darunter vorstellen, doch variieren die verschiedenen Erklärungen ebenso wie auch die verschiedenen Formen und Anwendungen.

Teils werden Jamu als Medizin genutzt, wie zum Beispiel die Sude zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten, teils aber auch als Kosmetik, wie etwa die verschiedenen Pasten und Masken für Haut und Haar. In Java findet die traditionelle Medizin bis heute regelmäßige Anwendung. Kinder und ältere Menschen trinken sie zur Stärkung und zum Schutz vor Krankheiten. Frauen verwenden sie für weichere Haut oder auch glänzendes Haar. Bei Männern sind vor allem die Sorten zur Steigerung der sexuellen Potenz und Libido beliebt. So erfreut sich etwa das Getränk ‚Jamu Laki-Laki‘, was so viel bedeutet wie ‚Medizin des Mannes‘, großer Nachfrage.

Bei vielen Menschen aus dem Westen herrscht jedoch Misstrauen gegenüber der traditionellen Medizin und deren Verwendung. Oftmals betreffen die Bedenken die Hygiene und Wirkungsweise der Produkte. Die Medizin wird meist auf Straßenmärkten oder von den Ibu Jamu gendong, Frauen mit Körben voller Jamu-Flaschen auf dem Rücken, verkauft. Hier gibt es keine ‚Garantie’ für die Hygiene und Qualität der Zutaten sowie deren Verarbeitung. Meist wird Jamu aus größeren Produktionen mit maschineller Fertigung deshalb mehr Vertrauen entgegengebracht als denen der Straßenhändler. Um Bedenken bezüglich der Wirkungsweise zu klären, fördert die indonesische Regierung klinische Studien und Forschungszentren. Vielfach lässt sich die Wirkweise der Medizin nicht genau belegen.

Von Handarbeit zur Fließbandproduktion

Im Laufe der Zeit hat sich das indonesische staatliche Gesundheitssystem viel verändert. Die westliche Schulmedizin gewinnt zunehmend an Popularität. Zugleich beschränkt sich die Herstellung von Jamu nicht mehr nur auf die kleine Produktion in Handarbeit, sondern wandelt sich immer mehr zur industriellen Produktion in modernen Fabriken. Traditionell wurde Jamu zweimal täglich von den Ibu Jamu gendong auf den Straßen verkauft, früh am Morgen, wenn die Bewohner*innen zur Arbeit gehen und am späten Nachmittag, wenn sie wieder auf dem Heimweg sind. Heute trifft man die Verkäufer*innen seltener an.

Auch das Internet und Social Media haben viele Neuerungen mit sich gebracht: so werden heutzutage die verschiedenen Jamu Sorten nicht nur in Drogerien und Supermärkten, sondern auch per Social Media und in Onlineshops beworben, angeboten und vertrieben. Die meisten dieser Shops verschicken ihre Ware nur innerhalb Indonesiens, einige wenige jedoch auch ins Ausland. Wie sich dieser noch junge Trend weiter entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass Indonesien seine Traditionen erhalten und fördern will. Seit mehreren Jahren werden auf Java internationale Sommerkurse zum Thema Jamu organisiert und es laufen Bemühungen um die Anerkennung der traditionellen Medizin als UNESCO Weltkulturerbe.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Thailand: Insekten werden als nachhaltige und gehaltvolle Nahrung der Zukunft gepriesen. Am Beispiel von Thailand zeigt sich jedoch, dass diese Versprechungen angesichts sozialer Ungleichheit und nicht-nachhaltiger Praktiken irreführend sind.

Es hat sich herumgesprochen: Insekten sind die Nahrung der Zukunft. Das sagen zumindest die UN-Welternährungsorganisation FAO, einige Wissenschaftler*innen, Geschäftsleute und andere Begeisterte, gefolgt von unzähligen Medienberichten. In den Mühlen westlicher Staatsorgane sind essbare Insekten bisher durch alle Raster gefallen. Das ändert sich: Institutionen wie die EU passen ihre Regularien an, um Entomophagie – so der eurozentrische Fachbegriff für den Verzehr von Insekten – offiziell und in großem Maßstab zu ermöglichen.

Ein wachsender Markt

Die erste Weltkonferenz fand in den Niederlanden statt, die zweite in China, die dritte soll in Kanada sein. Inzwischen kann man von einer globalen Bewegung sprechen, aus der ein neuer, wachsender Wirtschaftssektor hervorgeht. Seit einigen Jahren schießen Insektenfirmen wie Pilze aus dem Boden. Noch handelt es sich um eine ausgesprochene Nische, aber manche Marktforschungsinstitute schätzen den Umsatz des Sektors für 2023 auf über 1 Milliarde US-Dollar, 2030 sollen es bereits 8 Milliarden sein. Konzerne wie Nestlé, Cargill und PepsiCo halten ein Auge auf den wachsenden Markt. Auch die Bill and Melinda Gates Stiftung hat sich an der Finanzierung von Pionierunternehmen beteiligt.

Thailand als ‚exotisches‘ Vorbild

Das Zentrum des neuen Entopreneurship liegt im Westen, während hier gleichzeitig das Insekten-Nahrungstabu am ausgeprägtesten ist. Das wiederum ist menschheitsgeschichtlich betrachtet die eigentliche Ausnahme: Aristoteles liebte Zikaden, Maikäfersuppe aß man in Mitteleuropa gar bis ins 20. Jahrhundert, und auch heute genießt man in vielen Kulturen Heuschrecken, Käferlarven oder andere Insekten.

Die Forscherin Julieta Ramos-Elorduy hat ermittelt, dass bei über 3.000 Ethnien in 130 zumeist tropischen Ländern Insekten gegessen werden. Im neuen Entomophagie-Diskurs verweist man daher gern auf den Globalen Süden – vor allem Thailand gilt als Vorbild. Wie viele Länder Südostasiens hat es eine lange, sich transformierende aber immer noch lebendige Kultur des Insektenessens.

Warum aber interessiert sich der Westen, nach Jahrhunderten kolonialistisch ausagierter ‚Insektenfresser‘-Diskriminierung und wissenschaftlichem Desinteresse plötzlich so für den Verzehr von Insekten?

Insekten als Lösung

Das Credo lautet: Die kleinen Proteinbomben leisten einen wesentlichen Beitrag zur Lösung gewaltiger Probleme – Welthunger, Fleischkonsum, Klimawandel. Das klingt zunächst einleuchtend: Insekten setzen Biomasse schneller und effizienter in hochwertige Nährstoffe um als konventionelles Vieh. Da sie wechselwarm sind, verbrauchen sie bei gleichzeitig niedrigerem CO2-Ausstoß deutlich weniger Wasser, Land und Futter. Grillen, heißt es, setzen Futter doppelt so effizient in Körpermasse um wie Hühner und zwölfmal so gut wie Rinder. Daher, so die These, könnten sie konventionelles Fleisch auf nachhaltige Weise ersetzen. Ein Löwenanteil der globalen Treibhausgase werden nämlich von der Nutztierhaltung verursacht.

Insektenkonsum wird sogar demokratisches Potential zugesprochen, welches den Armen und Marginalisierten zugute käme. Also heißt es, mit Hilfe von Sechsbeinern ließe sich ‚die Welt retten‘. Größte Hürde sei, dass wir im Westen (noch) keine Lust auf Maden und Grillen haben. Das wollen die bereits über 200 Insektenfirmen ändern. „Wir repräsentieren eine wachsende Ernährungsrevolution […] für unsere Kinder und den Planeten“, heißt es etwa auf der Website von US-Insektensnackanbieter Chapul. Dieses “Insektenlösungsnarrativ” ist jedoch ein Trugschluss. Und zwar nicht, weil Entomophagie eklig, ungesund oder primitiv wäre.

Mehr als eine kalkulierbare Proteinquelle

Die bisher gut 2000 als essbar identifizierten Arten von Insekten sind keine homogene Masse von ‚Proteinlieferanten‘. Sie sind unglaublich vielfältig – und besitzen je nach Spezies, Futter, Entwicklungsstadium, Zubereitungsweise usw. ganz unterschiedliche Nährwerte und geschmackliche Eigenschaften. Dasselbe gilt für die ökologischen Auswirkungen. So ist die in Südostasien besonders beliebte Riesenwasserwanze ein Karnivore und ihr Verzehr damit sicher nicht so nachhaltig wie das undifferenzierte Framing von essbaren Insekten suggeriert.

Außerdem sind technische Machbarkeiten nur das eine und sollten nicht über wirtschaftliche, soziale, politische Aspekte hinwegtäuschen. Besonders klar wird das beim Thema Welthunger. Die ersten zwei Sätze eines vielzitierter FAO-Report von 2013 lauten: „Es gilt als unstrittig, dass die Erde bis 2050 neun Milliarden Menschen beherbergen wird. Um sie versorgen zu können, muss sich die aktuelle Nahrungsproduktion fast verdoppeln.“ Die folgenden 200 Seiten zu essbaren Insekten unterschlagen, dass eigentlich genug Nahrung für alle da ist.

Zu dieser Einschätzung kommt selbst eine andere UN-Institution, das Welternährungsprogramm, das die weltweite Zahl der Hungernden auf 821 Millionen schätzt. „Über 90 Prozent von ihnen sind schlicht zu arm, um genug Nahrung zu kaufen“, erläutert Eric Holt Giménez, Agrarökonom und Geschäftsführer der NGO Food First. An solchen strukturellen Ungleichheiten können auch Insekten, so lecker und vielversprechend sie ernährungsphysiologisch sein mögen, nichts ändern. Ein genauerer Blick nach Thailand verdeutlicht das.

Thailand – Schattenseiten eines wachsenden Marktes

Während viele Insekteness-Traditionen auf dem Land aussterben, entsteht ein neues, immer weiter wachsendes Entomophagie-Business, Thailand ist hier Vorreiter. Die hippe Bangkoker Jugend verspeist – ähnlich wie einst ihre Großeltern – wieder Heuschrecken & Co. Nur werden sie nunmehr als Fast Food zubereitet – und sind deutlich teurer als Fleisch. Nicht alle können sich das leisten, wie die folgende Aussage eines Bangkoker Bauarbeiters im Interview mit dem Autor belegt::

Viele üblicherweise wild gesammelte Arten sind in landwirtschaftlich intensiv genutzten Gegenden Thailands selten geworden. Das führt im Zusammenspiel mit der vor allem in den Städten steigenden Nachfrage zu immer höheren Preisen, die viele Menschen nicht zahlen können. Der lukrative Insektenmarkt bietet zwar neue Einnahmequellen und hat einigen armen Leuten Aufstiegsmöglichkeiten eröffnet – zunächst. Im Zuge von Wachstum und Professionalisierung setzt sich jedoch zunehmend eine kleine Zahl von Profiteuren deutlich ab, darunter millionenschwere Geschäftsleute. Auf der anderen Seite stehen die vielen ungelernten Arbeiter*innen, welche die Tiere waschen, verarbeiten, zubereiten und verkaufen. Viele von ihnen sind Frauen, Kinder sowie Migrant*innen und verdienen als Tagelöhner*innen teilweise gerade ein Drittel des Mindestlohns.

Zudem exportieren arme Länder wie Laos und Kambodscha hochwertige und auch vor Ort geschätzte Insekten in die urbanen Zentren Thailands. Immerhin schafft das Insektenbusiness prekäre Jobs – besser als nichts, finden viele. Eine ältere Frau im ländlichen Nordosten Thailands jedoch sagt im Interview mit dem Autor:

20.000 Grillenfarmen

Könnte die Zucht ein Weg sein, wenigstens das ökologische Potential essbarer Insekten zu entfalten? Thailand ist auch in diesem Bereich globaler Pionier. Es gibt nach Schätzungen der Universität Khon Kaen und des Landwirtschaftsministeriums etwa 20.000 Grillenfarmen, allesamt in den letzten gut zwei Jahrzehnten entstanden. Die dort produzierten Tiere sind zwar deutlich günstiger als wild gesammelte Insekten, aber immer noch teurer als Fleisch. Höchster Kostenfaktor ist das Futter. Es wird industriell gefertigt und muss proteinreich sein, wenn die Grillen für den Verkauf schnell und unproblematisch gedeihen sollen. Daher enthält es neben importiertem Soja auch Fischmehl – ein ökologisch hochproblematischer Zusatz.

Eine 2017 veröffentlichte Messung des ökologischen Fußabdrucks thailändischer Grillenfarmen ergab dennoch, dass dieser etwas kleiner ist als der konventioneller Hühnerzuchten. Der Unterschied sei zwar gering, könne jedoch durch eine Intensivierung erhöht werden. Das wiederum aber, schreibt das internationale Forscherinnenteam, „könnte Kleinbäuer*innen marginalisieren und weniger sozio-ökonomische Vorteile aufweisen, da größere Zuchtanlagen viel mehr Startkapital erfordern“. Dass Insektenfarmen kein Allheilmittel sind, zeigte auch 2015 die Studie Crickets Are Not a Free Lunch. Die Nachhaltigkeitswerte der dabei analysierten Grillenzuchten waren nicht besser als die von Hühnerfarmen.

Grillenmehl für den Weltmarkt

Hinzu kommt, dass die Grillen nicht nur vor Ort verzehrt, sondern zunehmend auch – wohl recht energieaufwendig – zu Mehl verarbeitet und anschließend durch die halbe Welt transportiert werden. Immer mehr westliche Firmen bestellen ihre insektoiden Zutaten in Thailand. Das Landwirtschaftsministerium hat eigens eine Delegation der EU empfangen, um Grillenmehl-Handelsbeziehungen aufzubauen. Der Import lohnt sich für viele Firmen wegen der niedrigeren Lohnkosten: Im Vergleich zu kanadischem ist Grillenmehl aus Thailand bis zu dreimal so günstig. Im Westen landet es dann – in oft verschwindend geringem Anteil – beispielsweise in Energieriegeln. Die zumeist von Menschen gegessen werden, die eher mit Übergewicht zu kämpfen haben als mit Proteinmangel. Da es sich zumeist nicht um Hauptmahlzeiten, sondern um zusätzliche Snacks handelt, ersetzen sie in der Praxis also überhaupt kein Fleisch.

Was sagt einem all das über Insekten als ‚Nahrung der Zukunft‘?

Was als Lösung gilt, entpuppt sich eher als Teil des Problems. Werden von billiger Kinderhand entflügelte Heuschrecken oder Energieriegel mit importiertem thailändischem Fischmehlboost-Grillenmehl als Pionierprodukte einer Ernährungsrevolution propagiert, zeigt das: Der Fehler steckt im System. Im Entomophagie-Diskurs heißt es zwar, dass vermeintlich nachhaltige Insekten-Nahrungsmittel für alle erschwinglich werden, sobald ihre Produktion ausreichend automatisiert und hochgefahren ist. Dabei ist es aber nicht unwahrscheinlich, dass es in Bezug auf Zugang, Nachhaltigkeit, Tierwohl, Medikamenteneinsatz usw. weiter zu ähnlichen Widersprüchen kommt wie in der bestehenden Massentierhaltung. An den tieferen Ursachen von Welthunger und ökologischer Krise kann eine neue Ware nichts ändern, sie sogar verschärfen. Wenn Insekten primär produziert werden, um Profit zu generieren, helfen sie weder ‚dem Planeten‘ noch hungernden Menschen.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Indonesien: Reis ist in weiten Teilen des Inselreiches nicht nur Nahrung, sondern auch Kulturgut. Das war nicht immer so, wie alte Tempel-Reliefs beweisen. Der Siegeszug von Reis ist eng verknüpft mit dem Aufstieg Javas als regionalem Machtzentrum.

Für die Mehrheit der indonesischen Bevölkerung, insbesondere für die Bewohner*innen der Inseln Java und Sulawesi, ist Reis Grundnahrungsmittel. Die Gewohnheit, dreimal am Tag Reis zu essen, ist ein entscheidender Teil des täglichen Lebens. Die Massenproduktion von Reis ist notwendig, um mehr als 158 Millionen Menschen auf Java und Sulawesi zu ernähren. Heute zählen die Provinzen auf Java und Südsulawesi zu den größten Reisquellen Indonesiens.

Historisch-religiöse Bezüge des Reiskonsums

Traditionell ist Reis für viele Menschen in Indonesien nicht nur wichtig, um das Grundbedürfnis nach Nahrung zu decken, sondern auch eine kulturell heilige Pflanze. Reis wird mit höchstem Respekt behandelt, weil er als göttliche Pflanze angesehen wird. Obwohl die meisten indonesischen Bevölkerungsgruppen heutzutage dem muslimischen Glauben angehören, wird eine der ältesten überlieferten Praktiken der Göttinnen-Verehrung aus der hinduistisch-buddhistischen Periode nach wie vor gepflegt: der Reiskult in Gestalt von Dewi Sri oder der Göttin Shri.

Der Weg der Göttin Shri von Indien nach Indonesien

Der Ursprung der Göttin Shri lässt sich nach Indien zurückverfolgen. Auf dem Subkontinent ist die Göttin Shri Lakshmi die Gemahlin des Gottes Vishnu, der den Menschen Glück, Reichtum und Wohlstand bringt. Der Prozess der Hinduisierung um das 5. Jahrhundert brachte die Menschen auf dem indonesischen Archipel in Kontakt mit Shri Lakshmi. Im Laufe der Zeit wurde sie in den lokalen Glauben aufgenommen, wo ihre Bilder mit dem traditionellen Reisgeist verschmolzen. Nach und nach wurde sie mit Reis in Verbindung gebracht und vom Volk als Patronin der Landwirtschaft und Fruchtbarkeit anerkannt.

Eine Statue von Shri, die im Penataran-Tempel auf Ostjava gefunden wurde, zeigt sie mit einem ‚Reisohr‘, das die Unterscheidung zwischen Shri Lakshmi als indischer Göttin des Reichtums und Wohlstands und Dewi Sri, der indigenen Personifizierung von Reis und Fruchtbarkeit, markiert. Später wurde sie mit dem Geist der Ahnen in Verbindung gebracht. Die posthume Verehrung von Königin Gayatri Rajapatni von Majapahit ist ein Beispiel dafür, wie die verstorbene Königin sowohl als chtonische (d.h. der göttlichen Unterwelt angehörig; die Übersetzer) Mutterfigur als auch als Dewi Sri angebetet wurde.

Die wachsende Verehrung der Reisgöttin

Die wachsende Verehrung von Dewi Sri fiel zusammen mit der Veränderung der Ernährungsgewohnheiten und dem Aufstieg der javanischen Staaten als herausragende Macht auf dem indonesischen Archipel. Basierend auf Basrelief-Darstellungen am Borobudur-Tempel (8.-9. Jahrhundert) war Sago – weiße Stärkekügelchen aus der Sagopalme – damals eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel auf Java. Mit der Verlagerung des gesellschaftlichen Schwerpunkts auf Reis begann Sago an Popularität zu verlieren, da Reis von den Herrschenden als profitabler angesehen wurde. Mehrere alte javanische Quellen berichten, dass die indigenen Könige Zuschüsse an die Bevölkerung vergaben, um die Umwandlung von Wald in Feuchtreisfelder zu unterstützen.

Inschriften aus dem 9. Jahrhundert zeigen, wie Reis nicht nur als Nahrungsquelle für die Menschen, sondern auch als Marktware und landwirtschaftliches Steuersystem diente. Um das 10. Jahrhundert war Reis als eines der wichtigsten lokalen Agrarprodukte aus dem Hinterland Javas in den asiatischen Überseehandel gelangt. Die vom Staat und dem Überseehandel geförderte Massenproduktion von Reis trug dazu bei, Projekte der Nationsbildung, etwa den Bau von gewaltigen Tempeln wie Borobudur und Prambanan, zu unterstützen. Der Höhepunkt des Wohlstands ist während der Majapahit-Ära zu verorten, als der Strom der Reisproduktion durch das Flusssystem Ostjavas zu den Hafenstädten an der Nordküste geleitet wurde, wodurch Handelsnetze entstanden, die sich von Malakka bis zu den ‚Gewürzinseln’ (Molukken) ausdehnten.

Die Verehrung von Dewi Sri auf Südsulwavesi

Die Verehrung von Dewi Sri verbreitete sich über Java hinaus bis nach Südsulawesi, wo sich die indische Religion als weniger einflussreich erwiesen hat. Das Volk der Bugis in Südsulawesi verehrt eine Gottheit namens Sangiang Serri. Sangiyan-Sarri wird im Buginesisch-Holländischen Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert als „Godheid van paddies V.d. ook wel de padie zelve“ definiert. La Galigo – eine Sammlung vorislamischer Geschichten über die Erschaffung der Welt und der erste Teil der Geschichte der Ahnen der Bugis in Sulawesi – stellt sie als Göttin dar, die bei der Niederkunft verstarb und in verschiedene Reissorten verwandelt wurde.

Besondere La-Galigo-Manuskripte mit den Titeln Galigona Meong Mpaloe Karellae und Rilekkeqna Sangiaserri sind ihrer Entstehungsgeschichte gewidmet. In der agrarisch geprägten Gesellschaft werden diese Manuskripte während der Erntezeremonie oder vor dem Betreten des Feldes zur Aussaat der ersten Saat (tudang noreng) gesungen. Die in diesen Manuskripten festgehaltenen Geschichten konservieren auch die Erinnerung an die veränderten Ernährungsgewohnheiten, die sich auf der Halbinsel Südsulawesi mit der Massenproduktion von Reis und dem Wiederaufleben des Handels vollzogen. Sangiang Serri soll eine Region namens Luwu verlassen haben und diese zur Strafe unfruchtbar gemacht haben, weil die Bewohner respektlos mit Tieren und Pflanzen umgegangen seien. Damit übereinstimmend ist die Bevölkerung von Nord-Luwu dafür bekannt, dass sie trotz der landesweiten Beliebtheit von Reis bis heute Sago als Hauptnahrungsmittel isst.

Reis als Währung

Neueren historischen und archäologischen Forschungen zufolge verbreitete sich der Reisanbau in Südsulawesi um das 13. Jahrhundert. Dieses Phänomen verlief parallel zur zunehmenden Verfügbarkeit von importierten Handelsgütern wie indischen Textilien, chinesischer Keramik oder anderen Arten von Waren aus Südostasien, die in Südsulawesi gefunden wurden. Vor dem Hintergrund einer mehr oder weniger ähnlichen Situation wie im alten Java spielte Reis für die Menschen in Südsulawesi eine wichtige Rolle als Währung, um ihn mit diesen importierten Waren zu tauschen. Es wird angenommen, dass Sangiang Serri eine lokale Version von Dewi Sri ist, die durch Handelsbeziehungen entstanden ist, die mit der Zunahme des Reisanbaus in Südsulawesi zusammenfallen.

Sogar nach der Islamisierung, die Anfang des 17. Jahrhunderts die gesamte Halbinsel massiv erfasste, bleibt die Verehrung von Sangiang Serri für die Menschen in Südsulawesi prominent. Im 17. Jahrhundert stellte ein Bericht während einer holländischen Militärexpedition in Südsulawesi fest, dass das Volk der Buginesen es in Kriegszeiten vermeidet, Reisfelder abzubrennen, da sie den Zorn von Sangiang Serri fürchten.

Die Geschichte von Reis als Grundnahrungsmittel für die Menschen auf Java und Südsulawesi erzählt uns von einer Reise, die Jahrhunderte dauert und an deren Verlauf viele Akteure beteiligt waren. Reis ist mehr als nur eine Nahrungsquelle für die lokale Bevölkerung. Die vom Reis abhängige indonesische Gesellschaft zeigt unerschütterliche Loyalität und bleibt weiterhin ihrer Göttin treu. Doch während der Reiskonsum in der heutigen Zeit unvermindert anhält, gibt es neue Herausforderungen im Zusammenhang mit Klimawandel, Landknappheit und Diabetes für die künftige landwirtschaftliche Entwicklung Indonesiens.

Übersetzung aus dem Englischen von: Anna Grimminger

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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Singapur: Indische Migrant*innen legen großen Wert auf authentische indische Gerichte. Diese Leidenschaft können sie in Singapur nur begrenzt ausleben. Für ihren Artikel interviewte unsere Autorin indische Migrant*innen zu ihrem Ernährungsverhalten.

Bereits bei der Gründung Singapurs als britischer Militär- und Handelsposten im Jahr 1819 durch Stamford Raffles wurde die Bevölkerungsstruktur durch Migrant*innen gebildet. Sie kamen überwiegend aus China, Malaysia und Indien. Die meisten von ihnen blieben für immer. Heute leben ihre Nachfahren in Singapur, als Singapur-Inder*innen, Singapur-Malai*innen oder Singapur-Chines*innen.

Die indische Kultur im Inselstaat

Um die Ernährungsakkulturation südindischer Migrant*innen in Singapur zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Geschichte und Kultur der indischen Population des Inselstaates. Im Jahr 1821 bildeten Inder*innen 2.8 Prozent der singapurischen Bevölkerung, im Jahr 2019 waren es 9 Prozent. Aufgrund der wirtschaftlichen Kontakte zwischen Singapur und Indien, haben 82 Prozent der Singapur-Inder*innen südindische Wurzeln. Singapur-Inder*innen gehören mit 59 Prozent überwiegend dem Hinduismus an. Es existieren 25 Hindu-Tempel im Stadtstaat Singapur.

In Little India, dem indischen Viertel Singapurs, lebten in früheren Zeiten überwiegend indische Migrant*innen aus Tamil Nadu. Aufgrund des ‚CMIO-Modells‘, einer Bevölkerungspolitik, die Chines*innen, Malay*innen, Inder*innen und Andere als zwar unterschiedlich aber gleichberechtigt erkennt, wohnen Inder*innen heutzutage über ganz Singapur verteilt. Dennoch gilt Little India als Bewahrungsort der indischen Kultur und ist reich an indischer Architektur, Kultur und Geschichte. Hier feiert die indische Bevölkerung ihre Festivals. Indische Arbeiter*innen verbringen in Little India ihre Wochenenden gemeinsam. Am Tekka Markt, dem größten indischen Markt, verkaufen Händler*innen frische Lebensmittel, wie Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch, aber auch typische indische Gewürze.

Das Shopping-Center Mustafa bietet rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche ein umfassendes Angebot an indischen Lebensmitteln, Musik, Spielen, Kleidung und anderen indischen Waren.

Essen als Symbol für eine multikulturelle Gesellschaft

Für die indische Bevölkerung bildet Essen ein wichtiges Kulturgut. Es gilt als Teil der Religion, der Kaste und der eigenen Identität. Ähnlich der indischen Bevölkerung pflegt auch die Bevölkerung Singapurs eine enge Beziehung zum Essen. Oft wird das Essen als Nationales Symbol beschrieben. Auch bei offiziellen Feierlichkeiten des Landes wird Essen häufig als Symbol für die Multikulturalität des Landes benutzt, indem zum Beispiel indische Curries, malaiische Satays und chinesische Nudeln serviert werden. Auch an touristischen Plätzen wie dem Restaurant des bekannten Singapore Zoo werden Speisen aller drei Kulturen angeboten. Ebenso ist in den für Singapur typischen foodcourts stets Essen aus allen drei Kulturen zu finden.

Singapur – ein kulinarisches Paradies für indische Migrant*innen?

Wie ernähren sich indische Migrant*innen, die heute in das Land kommen, um dort zu arbeiten? Haben Singapur-Inder*innen eine Basis für indische Migrant*innen geschaffen, die Ernährung wie im Herkunftsland ermöglicht und damit die Eingewöhnung ein Stück weit erleichtert? Die folgenden Interviews mit indischen Migrant*innen ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen und zeigen, welche Haltung südindische Migrant*innen gegenüber dem Essen in Singapur annehmen und wie weit es ihnen hilft, sich heimisch zu fühlen. Die Interviews wurden mit Frauen und Männern aus Südindien geführt, die allein in Singapur leben, um zu arbeiten oder die als Ehefrau ihre arbeitenden Männer begleiten. Alle Interviewpartner*innen zählen zur indischen Mittelschicht, wobei sie nach eigenen Angaben zu verschiedenen Kasten gehören. Alle beschreiben sich als Hinduist*innen. Im Folgenden sind Originalzitate von Interviewpartner*innen aufgelistet. Einige Personen kommen dabei mehrfach zu Wort.

Hast du dein Ernährungsverhalten nach deinem Umzug von Indien nach Singapur verändert und wenn ja, welche konkreten Veränderungen waren es?

„Zum ersten Mal habe ich Nudeln versucht (zum Frühstück), Cornflakes und Haferflocken. Ja, mein Frühstück hat sich komplett verändert. Ich bedaure dies wirklich.” (R.A.)

“Da sind viele Veränderungen im Vergleich zu indischem Frühstück. Hier essen wir nur Brot und Cerealien. Aber in Indien aßen wir indisches Frühstück.” (U.R.)

“Nicht wie zu Hause. Frühstück bestand dort normalerweise aus Chapati, Idli oder Dosas. Aber hier tendieren wir dazu, nur schnell ein Toast zu essen …” (A.N.)

“Ich denke, was sich verändert hat, ist dass wir eine Menge anderer Zutaten aus anderen Küchen verwenden.” (V.I.)

“Normalerweise koche ich indisches Essen zu Hause. Ich denke an das Essen meiner Mutter, aber ich versuche es niemals zu kochen, da ich nicht weiß wie.“ (R.A.)

“…ich habe vielleicht 50-mal nicht-vegetarisches Essen gegessen.” (N.A)

“…es endete damit, dass ich zu McDonalds gehe … fast wöchentlich. Wir gehen zu McDonalds oder irgendeinem anderen Fast Food Restaurant.” (A.N.)

“Ich versuche es (zu kochen). Anfangs war es nicht gut. Ich habe es nicht gegessen. Ich habe es einfach weggeworfen. Aber nach einiger Zeit habe ich es gelernt, aber ich koche nicht so gut, wie meine Mutter (…) Wenn ich die Auswahl hätte, nur chinesisches Essen zu essen, würde ich nur so viel essen, dass ich damit überlebe.” (S.A.)

“Ich koche genauso wie zu Hause, ich esse das gleiche Gemüse und was auch immer ich zu Hause gekocht habe. Mit der Ausnahme, dass das sogenannte western food in unser Leben getreten ist.” (A.N.)

„Wir haben unsere Ernährung definitiv etwas umgestellt gegenüber dem, was wir in Indien gegessen haben. Das gleiche Essen, die gleichen Gerichte, wir haben alles nur ein bisschen verändert, um es gesünder zu machen.” (V.A.)

„Als ich bemerkte, dass ich die Chance dazu habe, habe ich Fleisch probiert…nur so aus Neugierde.” (C.H.)

„Hier essen wir wahrscheinlich wesentlich gesundheitsbewusster.” (S.A.)

“Wir lieben italienisches Essen. Meine Kinder könnten von italienischem Essen überleben. Ich denke manchmal, meine Kinder waren in ihrem vorherigen Leben Italiener” (N.A.)

“Wir haben begonnen, Tacos zu Hause zuzubereiten, meine Tochter hatte einen Kochkurs in der Schule und hat dies dort gelernt.” (S.A.)

“Die Ernährung änderte sich, nachdem ich hierher kam, lernte ich chinesisches Essen zu essen.” (J.U.)

Welche Faktoren haben deine Ernährungsakkulturation im Wesentlichen beeinflusst?

Auf die Frage, was die Ernährungsanpassung beeinflusst, haben sich verschiedene Antwortcluster gezeigt. Für machen Interviewpartner*innen hatte es mit Vertrauen in das Essensangebot in Singapur zu tun. Für andere war das Thema Gesundheit zentral. Des Weiteren waren Heimweh, Identität und Geschmacksvorlieben Faktoren, die in den Interviews genannt wurden. Auch Zeit, Geld und Verfügbarkeit hatten einen Einfluss auf das Ernährungsverhalten der interviewten Migrant*innen. Und schließlich wurde die eigene Mutter als Gate-Keeperin für die Ernährungsgewohnheiten der migrierten Personen genannt.

Unterstützt die Anwesenheit der indischen Kultur und insbesondere der indischen Nahrungsangebote die Ernährungsakkulturation der südindischen Migranten in Singapur?

Obwohl Singapurer*innen wie auch Inder*innen eine sehr enge Bindung und Leidenschaft zum Essen haben, konnten die meisten der befragten Migrant*innen diese Leidenschaft in Singapur nicht ausleben.

Der Einfluss ist nicht so stark, wie man anhand der in Singapur anwesenden indischen Kultur vermuten könnte. Heimweh, die kulturelle Identifikation mit indischem Essen, verfügbare Zeit für Nahrungszubereitung, – beschaffung oder – verzehr, Gesundheitsaspekte, sowie die Verfügbarkeit der Zutaten, das Vertrauen in das angebotene Essen, aber auch die Familienkonstellation in Form anwesender Kinder oder Großeltern beeinflussten das Ernährungsverhalten der südindischen Migrant*innen vorrangig. Ein besonders großer Einfluss geht von den in Indien lebenden Müttern der Migrant*innen aus. In fast allen Fällen nehmen sie auf verschiedene Weise die Position des „gate-keepers from the background“ ein.

Der Einfluss der indischen Kultur in Singapur machte sich überwiegend erst bemerkbar, als den Migrant*innen ausreichend Zeit und Geld zur Verfügung stand, um diese Angebote zu nutzen und wenn sie bereits einige Jahre im Land lebten und ausreichend Gelegenheit hatten, das Angebot zu erkunden.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Thailand, Myanmar, Indonesien: Auf thailändischen Fischerbooten fristen tausende Migrant*innen in internationalen Gewässern ein Dasein als rechtlose Arbeiter*innen. Die beeindruckende Dokumentation ‚Slavery at Sea’ zeigt, wie die Industrie immer wieder Gesetze umgeht.

Die „harten Wahrheiten über die Schattenseite Asiens“ aufdecken und „die Not der Entrechteten und Vertriebenen“ zu beleuchten, dieses Ziel hat sich der Film Slavery at Sea gesetzt. Die Doku ist Teil der Investigativ-Serie Undercover Asia des staatseigenen Senders Channel NewsAsia CNA aus Singapur. Slavery at Sea zeigt die verheerenden Bedingungen, unter denen Männer auf thailändischen Fischerbooten leben und arbeiten. Episodenhaft erzählt der Film von Menschen in Thailand, Myanmar und Indonesien, die am Beginn einer langen Lieferkette stehen.

Fehlende Perspektiven bringen Menschen im Süden Myanmars dazu, sich auf der Suche nach Arbeit vermeintlichen Vermittler*innen anzuvertrauen, die jedoch für ein System des Menschenhandels agieren. Die Arbeitssuchenden werden über die Grenze nach Thailand geschmuggelt, wo sie auf Fischerbooten oft monatelang schuften – ohne an Land zu gehen. Sie sind körperlicher Gewalt, Hunger und unhygienischen Bedingungen ausgesetzt. Obendrein behalten die Kapitäne der Boote ihren Lohn und ihre Dokumente ein. Durch die kontinuierlich hohe Nachfrage nach billigen Meeresfrüchten fahren die Boote immer weiter hinaus und kommen erst nach vielen Wochen in vertrautes Terrain zurück. Oft bleibt nur die Flucht während der Fahrt. Tausende Menschen hat es so auf entfernte indonesische Inseln verschlagen. Von dort kommen sie nur schwer wieder weg, da sie keine Dokumente und kein Geld für die weite Reise haben.

Detektivarbeit im Dienste der Menschenrechte

Die Dokumentation begleitet Aktivist*innen dreier Organisationen, die sich für die verschleppten Fischer und ihre Familien einsetzen. Zum einen ist da Patima Tungpuchayakul, Mitbegründerin von Labor protection network LPN in Mahachai Muangtong Village in Thailand. Sie reist nach Indonesien, um mehr über die Gestrandeten herauszufinden und Möglichkeiten für ihre Rückkehr zu schaffen.

In der thailändischen Grenzstadt Ranong, in der sich einer der wichtigsten Häfen des Landes befindet, macht das Fishers‘ Rights Network Arbeiter*innen in der Branche auf ihre Rechte aufmerksam, die durch die Schuldknechtschaft im Arbeitsverhältnis ohnehin stark eingeschränkt sind. Auf der anderen Seite der Grenze, in der burmesischen Hafenstadt Kawthaung, arbeitet der Geschäftsführer des Migrant Worker Education Centre, Moe Wai. Er hat selbst viele Jahre auf thailändischen Booten gearbeitet und unterstützt jetzt Familien bei der Bewältigung von bürokratischen Hürden. Zum Beispiel hilft er ihnen dabei, Kompensationszahlungen der thailändischen Regierung für ermordete Fischer zu bekommen.

Die Zuschauer*innen erfahren so viel über die Arbeitsweise der Aktivist*innen. Ihr Arbeitsalltag ist geprägt von zeitintensiven Recherchen: auf dem Laptop und Smartphone, aber auch vor Ort. Drei Tage braucht Patima von LPN in die indonesische Provinz der Molukken, wo sie gestrandete Fischer vermutet. Die Dokumentation profitiert von diesem Blickwinkel, weil sie damit die Herausforderungen offen legt, vor denen die lokalen Aktivist*innen stehen.

Denn die Kriminalität zieht sich durch das ganze perfide System. Nicht selten sind es Familienangehörige oder Nachbar*innen, die ihre Mitmenschen täuschen und an Menschenhändler*innen verraten. Einmal über der Grenze verliert sich die Spur der Menschen auf den thailändischen Booten. Diese steuern ferne Gewässer an, wo den Verschleppten gefälschte Papiere verpasst werden. Sogar die Namen und Farben der Boote werden über Nacht geändert, sodass sie sich der thailändischen Rechtsprechung entziehen.

So kommt es, dass Männer, die eine riskante Flucht von den Booten überleben, Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt auf entlegenen Inseln stranden. Für Aung Naing beispielsweise, einen verschollenen Fischer aus Myanmar, dessen Schicksal im Film erzählt wird, sind das rund 6000 Kilometer. Die Reporter*innen begleiten Patimas schwierige Suche nach dem Vermissten.

Und was machen die Regierungen?

2014 verhängt Indonesien ein einjähriges Moratorium für ausländische Fischerboote in indonesischen Gewässern, lässt Kapitäne verhaften und illegale Fischerboote zerstören. Von internationaler Seite vergrößert sich der Druck auf die thailändische Regierung. 2015 verwarnt die EU das Land offiziell, weil es sich nicht ausreichend in den Kampf gegen illegale Fischerei einbringt. Thailand ratifiziert daraufhin zwei Abkommen der International Labour Organisation ILO: die Forced Labour Convention und die Work in Fishing Convention.

Was hat sich dadurch geändert? Der thailändische Arbeitsminister lässt im Film verlauten, dass es nach dem Erlass der neuen Gesetze kein Problem mehr mit Zwangsarbeit gebe. Wie die Zuschauer*innen vermuten können, ist dem nicht so. Die Strategien verlagern sich lediglich – wie die weiteren Interviews mit betrogenen Fischern, einem Vertreter des thailändischen Industrieverbands und einem Kapitän belegen. Die Reporter*innen verarbeiten dabei gekonnt die Widersprüche zwischen der Industrieperspektive und der erlebten Realität der Fischer, indem sie die Aussagen der Interviewten abwechselnd nacheinander präsentieren.

Lokale Perspektiven auf globale Problematik

Die Wurzeln der Probleme sind die weit reichende Überfischung als Folge der unstillbaren Nachfrage und der Fakt, dass nur wenige thailändische Arbeitskräfte auf den Booten arbeiten möchten. Diese globalen Dimensionen und die Seite der Konsument*innen kommen hier nur am Rande zur Sprache. Vielleicht braucht es aber auch in diesem Fall keine detaillierte Betrachtung der gesamten Lieferkette.

Der Schwerpunkt liegt auf den Erlebnissen der Betroffenen, die im internationalen Diskurs um mehr Nachhaltigkeit in Lieferketten oft als eine homogene Gruppe der verwundbaren Wanderarbeiter*innen dargestellt und wahrgenommen werden. Diese Dokumentation öffnet den Blick auf Nuancen – auch für diejenigen, die bereits mit der Thematik vertraut sind. Verglichen mit anderen Dokumentationen zu diesem Thema kommen hier, abgesehen von einem Vertreter der ILO, lokale Expert*innen zu Wort. Das macht die Reportage umso authentischer.

Zugleich stellt der Film den zyklischen Charakter der Migration und die radikalen Eingriffe in das Leben der Betroffenen dar. So ist eine Rückkehr nach Hause nicht unbedingt mit der Lösung aller Probleme verbunden. Die Perspektivlosigkeit lässt die zurückgekehrten Männer wiederum Teil anderer ausbeuterischen Lieferketten werden.

Rezension zu: Slavery at Sea, Channel NewsAsia, 47 Minuten, 2020

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Südostasien/China: Staudämme in China stören den natürlichen Wasserfluss des Mekong und riskieren damit die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Die chinesische Regierung scheint bislang nicht bereit, durch Zusammenarbeit zu einer Verbesserung der Situation beizutragen.

Während Teile Thailands, Kambodschas, Laos und Südvietnams im vergangenen Jahr eine verheerende Dürre erlebten, hielt China reichlich Wasser am oberen Mekong von den flussabwärts gelegenen Gemeinden zurück, was die Ernten und Fischbestände vernichtete und eine der größten Wasserstraßen der Welt in die Knie zwang. So war der Flusspegel bis zu fünf Meter tiefer als er unter natürlichen Bedingungen hätte sein sollen, während in den flussaufwärts gelegenen Gebieten Chinas von April bis November überdurchschnittliche Niederschlagsmengen verzeichnet wurden.

Im Juli erreichte der Fluss in Nordthailand seinen niedrigsten Wasserstand seit einem Jahrhundert während im November der kambodschanische Tonle Sap-See, der dem Land in einem normalen Jahr bis zu 500.000 Tonnen Fisch liefert, einer Krise ausgesetzt war, da sein einzigartiger jährlicher Überschwemmungszyklus unterbrochen wurde.

Langzeitstudie zeigt Zusammenhänge zwischen Dürre und Dämmen

Seit Jahrtausenden nährt der natürliche Überschwemmungszyklus des Mekong fruchtbare Fischerei- und Landwirtschaftsgebiete und schafft letztendlich das Mekong-Delta, die wichtigste Agrarregion Vietnams, in der 20 Millionen Menschen leben. Staudämme am Lancang, wie der Fluss in China genannt wird, und neue, in Bau befindliche Staudämme am Mekong und seinen Nebenflüssen in Laos haben diesen Kreislauf vollständig unterbrochen, während der jährliche Monsun aufgrund des Klimawandels unregelmäßig geworden ist.

So lauten die Ergebnisse eines Berichts von Eyes on Earth, einem Forschungsunternehmen mit Sitz in Asheville, North Carolina. Seine Autoren Alan Basist und Claude Williams analysierten von 1992 bis 2019 Satellitenbilder des Lancang und tägliche Daten von einem Messgerät am Mekong in Nordthailand, um die Auswirkungen der vorgelagerten Staudämme in China auf den Wasserfluss zu messen.

Die chinesische Regierung hat die Schlussfolgerungen des Berichts kategorisch zurückgewiesen, während sie sagte, der Lancang befinde sich in einer eigenen Dürre.

Die Forscher schreiben, dass sie „die Wassermenge, die natürlicherweise fließen würde, im Vergleich zur Messung am Chiang Saen-Messgerät [in Thailand] berechnet haben“. Für die fraglichen 28 Jahre stellten sie fest, dass in Chiang Saen eine kumulative Flusshöhe von 126,4 Metern (414,8 Fuß) fehlte.

Die Auswirkungen des chinesischen Systems von Kaskadendämmen am Mekong, der 60 Millionen Menschen in Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam versorgt, sind seit 2012 besonders ausgeprägt. In diesem Jahr wurde der Nuozhadu-Damm fertiggestellt und weitere sechs Dämme wurden auf chinesischem Territorium seither gebaut, so dass sich die Gesamtzahl auf elf erhöht hat.

Als China diese Dämme in Betrieb nahm, startete es ein Wassermanagementsystem, mit dem es während der Regenzeit Wasser in Stauseen speichert und dann während der Trockenzeit Wasser abgibt, um seine Wasserkraftturbinen anzutreiben.

Im Allgemeinen hat dieses System funktioniert. Obwohl der Wasserfluss nicht dem entspricht, der ohne die vorhandenen Dämme natürlich gegeben wäre, sind die Fischgründe und landwirtschaftlichen Flächen des unteren Mekong-Beckens relativ gesund geblieben und haben das Leben der Landwirte, Fischer und ihrer Familien in der Region aufrecht erhalten.

Wie oben erwähnt, waren die Auswirkungen dieses Managementsystems im vergangenen Jahr jedoch besonders ausgeprägt.

Störung eines komplexen ökologischen Fluss-Systems

Im selben Jahr waren die Menschen in Nordthailand überrascht, dass das normalerweise dunkelbraune Wasser des Mekong blau wurde, da stromaufwärts gelegene Dämme immer mehr Sedimente zurückhielten. Brian Eyler, Programmdirektor für Südostasien am Stimson Center in Washington DC und Autor des Buches Last Days of the Mighty Mekong aus dem Jahr 2019, äußerte in einer E-Mail, dass dies für stromabwärts gelegene Gemeinden verheerend war. „Während der traditionellen Monsunzeit 2019, in der aufgrund eines El Niño-Wettermusters keine Monsun-Regenfälle erzeugt wurden“, so Eyler, „wirkte sich Chinas beispiellose Wassereinschränkung unbestreitbar auf Thailands nordöstliche Bewässerungsprojekte, den Tonle Sap-See und das Mekong-Delta aus und verringerte die Lebensgrundlagen von dutzenden Millionen Menschen, die dort leben.“

„Das komplexe System ökologischer Prozesse des Mekong funktioniert am besten, wenn der Fluss in der Monsunzeit anschwillt und die Trockenzeit den Fluss auf extreme Tiefststände senkt“, fügte er hinzu. „Überschwemmungen werden nicht als Gefahren angesehen, vielmehr werden sie von den meisten entlang der Flussufer begrüßt. Wenn Chinas Einschränkungen während der Monsunzeit Überschwemmungen beschneiden und das Niveau des Flusses während der Trockenzeit erhöhen, kann die Kraft des Mekong aufgehoben werden.“

Im Februar kündigte China an, mehr Wasser aus seinen Dämmen freizusetzen, angeblich um seinen Nachbarn am unteren Flusslauf zu helfen. Gleichzeitig erklärte China, es leide an einer Dürre entlang des Lancang, obwohl die oben genannten Satellitendaten etwas anderes zeigten.

Nach Einschätzung der Wissenschaftler Alan Basist und Claude Williams hatte diese Maßnahme nur eine begrenzte Wirkung: „Die Ergebnisse zeigen, dass die Einschränkung des Wasserflusses durch die Dämme zwar Ende 2019 und Anfang 2020 sicherlich abnahm, der Abfluss aus dem oberen Becken jedoch immer noch nicht den natürlichen Wasserfluss in dieser Zeit abbilde.“

Vietnamesische Medien berichteten, dass die Freisetzung zu gering war, um überhaupt das Mekong-Delta zu erreichen, das einer eigenen historischen Dürre ausgesetzt ist, zusammen mit einem Rekord-Salzeinbruch, der teilweise auf einen Mangel an stromabwärts fließenden Sedimenten aufgrund der Dämme zurückzuführen ist.

Anrainerstaaten sollten stärker zusammenarbeiten

Marc Goichot, Leiter für Süßwasser im asiatisch-pazifischen Raum beim WWF, ist der Ansicht, dass der Aspekt der Rechenschaftspflicht für dieses Problem leicht gelöst werden kann. „Wer falsch oder wer richtig liegt, lässt sich klären. Wenn China Recht hat und nichts falsch macht, dann stellt es Daten zur Verfügung“, so Goichot. „Wenn wir keine Daten bekommen, dann ist die Sache strittig.“

Die Mekong River Commission (MRC), eine zwischenstaatliche Organisation, die mit den Regierungen von Vietnam, Kambodscha, Laos und Thailand zusammenarbeitet, überwacht den Wasser- und Sedimentfluss des Mekong, verfügt jedoch über keine Überwachungsstationen in China. Laut Goichot hat sich China lediglich bereit erklärt, der MRC, der es als beobachtendes Mitglied angehört, nur teilweise Daten zu den Wasserständen und keine Daten zu den Sedimenten mitzuteilen.

„China mag anderer Meinung sein, aber der Weg in die Zukunft besteht darin, Informationen auszutauschen.“, so Goichot. Wenn wir Echtzeitdaten oberhalb und unterhalb der Dämme hätten und Daten über den Betrieb der Dämme austauschen würden, wie wir es in vielen anderen Teilen der Welt tun, wüssten wir, was los ist.“

Der englische Originalartikel erschien in MONGABAY, News & Inspiration from Nature’s Frontline, 30. April 2020 und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Malaysia: Permakultur ist eine Anbau- und Lebensweise, die sich nach dem Kreislauf der Natur richtet. Unsere Autorin erzählt von ihrem Selbstversuch sich mit Gemüseanbau auf dem eigenen Hof der konventionellen Lebensmittelproduktion zu entziehen.

Chalin Food Forest ist ein acht Hektar großes Gelände in Jelebu, Negeri Sembilan, etwa anderthalb Autostunden von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur entfernt. Der Aufbau des Gehöfts begann im Jahr 2015. Ziel war es für die daran Beteiligten, die familiär eng miteinander verbunden sind, ein autarkes Gehöft zu schaffen. Die Idee dazu entstand aus unserem Drang heraus, uns von der völligen Abhängigkeit des komplexen Netzes aus Nahrungsmitteln, Wasser und Energie, das insbesondere in Großstädten besteht, zu befreien. Wir wollten von einem akzeptierenden zu einem aktiven Entscheidungsmodus für die Grundbedürfnisse unseres Alltags übergehen.

Abkehr von einem ungesunden System

Bevor wir Chalin Food Forest gründeten, waren wir als vierköpfige Familie in der Stadt auf Supermärkte und Lebensmittelgeschäfte angewiesen, um uns mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Wir wurden aufgerüttelt, als wir uns über die verschiedenen Chemikalien informierten, die für den Anbau von Pflanzen verwendet wurden, und über die unmenschlichen Praktiken, die in modernen Geflügel- und Milchviehbetrieben angewendet werden. Mit dem Wissen um die schädlichen Auswirkungen der gegenwärtigen konventionellen Ernährungspraktiken – sowohl für uns als Individuen als auch für die Erde und all ihre Bewohner – haben wir uns entschieden eine bessere und gesündere Alternative leben zu wollen.

Wir hatten zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnisse und Erfahrungen in der Lebensmittelproduktion. Daher wandten wir uns zunächst gekauften Bio-Lebensmitteln zu, die in Malaysia teuer und nicht leicht zu finden sind. Wir haben daraufhin mit urbanem Gärtnern in unserem Betonhaus begonnen, haben Blattgemüse und Buntbarsche (Tilapia) in unserem Teich gezogen, verschiedene Methoden der Kompostierung ausprobiert und festgestellt, dass wir viel mehr tun können, wenn wir Land haben, auf dem wir arbeiten können. Malaysia ist mit viel Land gesegnet, das je nach finanzieller Situation erschwinglich ist. Wir machten uns also auf die Suche nach einem Grundstück, um unser Ziel des eigenen Anbaus von Nahrungsmitteln in die Praxis umzusetzen und wurden fündig. Unseren Hof nannten wir Chalin Food Forest.

Sorge für die Erde, Sorge für die Menschen, Sorge für die Zukunft

Wir wurden von einem engen Freund in die so genannte Permakultur – oder permanente Landwirtschaft – eingeführt. Nachdem wir das Konzept sowohl theoretisch als auch praktisch gelernt hatten, entschieden wir uns, es als Grundlage für unsere Landgestaltung zu verwenden. Für alles was wir auf der Farm konstruieren, anbauen und aufziehen, haben wir viele Beobachtungen sowie Versuche und Irrtümer gemacht. Frei nach der Devise von Masanabu Fukuoka, einem Mitbegründer der Permakultur: Die Natur aufmerksam beobachten, statt gedankenlos zu arbeiten. Wir haben viele Beispiele aus ähnlichen Regionen auf der ganzen Welt studiert und einige davon umgesetzt. Zum Beispiel haben wir einige Arten aus dem subtropischen Australien ausgewählt, um sie auf der Farm zu pflanzen. Diese Arten sind ziemlich gut gewachsen. Andererseits hielten die mobilen Zäune für unsere Hühner nur zwei Monate. Die Wildschweine, die unsere Farm besuchten, rannten sie direkt nieder.

Wenn wir begreifen, wie man mit der Natur und nicht gegen sie arbeitet, erkennen wir ein kluges und langlebiges Konzept, das Geld, Energie und Zeit spart und dennoch Überfluss produziert. Viele Leute argumentierten, dass dieser Ansatz zeitaufwändig ist und zu spät und – wenn überhaupt – nur wenig Gewinn bringt. Ich würde zustimmen. Aber darum ging es uns nicht. Die Permakultur konzentriert sich auf drei ethische Regeln: Sorge für die Erde, Sorge für die Menschen und Sorge für die Zukunft. Es wird niemals einen echten Gewinner im Streit zwischen Qualität und Quantität geben, da diese auf unterschiedlichen Ebenen liegen. Darüber hinaus sind die versteckten Kosten der gegenwärtigen landwirtschaftlichen Produktionsweise zu hoch, um sie zu ignorieren und nicht stattdessen nach besseren Praktiken zum Wohle aller Lebewesen zu streben.

Wie produzieren wir nahrhafte Lebensmittel?

Wir haben uns auf drei Hauptfaktoren konzentriert, die uns dabei helfen, auf dem Land zu produzieren. Diese Faktoren sind Wasser, Boden und Artenauswahl. Wasser ist die Basis für alle Lebensformen. Wir bemühen uns, Wasserquellen für unsere Farm zu identifizieren, damit wir besonders während der Dürreperiode genug zur Verfügung haben. Unser Standort hat den niedrigsten durchschnittlichen Jahresniederschlag im Land. Unsere Hauptquelle ist Quellwasser von einem nahen gelegenen Hügel, zwei Kilometer von der Farm entfernt.

Das Quellwasser wird zu einem Lagertank geleitet und durch die Schwerkraft auf der Farm verteilt. Wir sammeln auch Regenwasser über unsere Dächer und lagern es für Notfälle in einem 30.000 Liter Tank. Wir haben mehrere Teiche für Fische angelegt, die nährstoffreiches Wasser liefern. Deshalb eignet sich dieses Wasser hervorragend für unsere Baumschule und die Bewässerung von Gemüse und Bäumen.

Die Permakultur legt Wert auf eine kontinuierliche Bodenanreicherung mit verschiedenen Methoden. Der Boden wird als das Medium verstanden, das die biologische Grundlage bildet und die letztendlich zum Gedeihen der Pflanzen beiträgt. Deshalb ist es unerlässlich, dass wir das Bodenbiom – das Ökosystem im Erdreich – um jeden Preis schützen.

Wir vermeiden die Verwendung schädlicher Chemikalien und reichern den Boden an, indem wir unseren eigenen hausgemachten Kompost hinzufügen. Diese spezielle Kompostierung erfordert drei Hauptkomponenten – Grasschnitt und Blätter von der Farm, und Kuh- oder Ziegenmist von nahe gelegenen Höfen. Wir helfen damit auch den Kuh- und Ziegenfarmern, die Abfälle von ihren Höfen zu beseitigen, die sonst nur in nahe gelegene Bäche abfließen. Wir minimieren zudem Bodenstörungen, indem wir auf schwere Maschinen verzichten, um den Boden luftdurchlässig zu halten. Wenn wir das Bodenleben gedeihen lassen, profitieren die Pflanzen auf natürlichem Weg von einer besseren Nährstoffaufnahme, was zu einem gesünderen, nährstoffreichen Ertrag führt. Wir verzichten auf Pestizide und Insektizide. Dafür werden wir beschenkt mit einer Vielzahl von bestäubenden und räuberischen Insekten wie zum Beispiel Gottesanbeterin, Wespen, Marienkäfer, Spinnen, aber auch Vögeln.

Anbau von heimischen Arten

Obwohl es wünschenswert ist, alles anzupflanzen, was im Supermarkt gekauft werden kann, werden diese Waren oft von weither eingeflogen. Darüber hinaus handelt es sich in den meisten Fällen um Gemüse, das in einem anderen Klima als in Malaysias Tropen angebaut wird. Infolgedessen wird viel Energie aufgewendet, um die Pflanzen vor starker Sonne oder starkem Regen und häufigem Schädlingsbefall zu schützen.

Wie wir in unserem Klima und in unserer Umgebung beobachtet haben, hat der lokale Salat – in der malaiischen Sprache Ulam genannt – kaum Probleme mit Wetter, Boden und Umwelt beim Wachsen und Gedeihen. Er ist weniger anfällig für Schädlingsbefall und enthält viel mehr Nährstoffe als importierte einjährige Pflanzen.

Wenn wir all diese Vorteile berücksichtigen, ist es effizienter, ähnliche Arten zu pflanzen, die mit minimalem Aufwand des Menschen gedeihen und Ertrag bringen, anstatt sich die Mühe zu machen, Gemüse nach Marktstandard zu produzieren. Gleichwohl haben wir auch mit dem Anbau verschiedener lokaler Gemüsesorten experimentiert und aufgezeichnet, welche in unserem Boden am besten gedeihen.

Tierfutter aus eigener Produktion

Chalin Food Forest sorgt für saubere und nahrhafte Nährstoffe für die Tiere und Pflanzen und baut beispielsweise Napiergras – auch Elefantengras genannt – für die Ziegen an. Dies ist eine der ersten Pflanzen, die wir nach unseren großen Erdarbeiten auf dem Land gepflanzt haben. Mit ihren weichen Stielen vermehrt, pflanzten wir es entlang des kleinen Baches durch unser Grundstück fließt und es ist seitdem gewachsen. So gut wir können versuchen wir, unser eigenes Futter für Hühner und Enten zu produzieren, indem wir Bananen, Papayas und lokale Zuckeräpfel pflanzen, die in der Umgebung leicht zu ziehen sind.

Wir füllen ein Fass mit übrig gebliebenen Früchten an jedem unserer Hühnergehege, in denen schwarze Soldatenfliegen nisten können. Diese Fliegen produzieren proteinreiche Larven und werden zur Delikatesse für unsere Hühner, sobald sie nach Erreichen der Reife aus dem Fass kommen. Obwohl der Kompost, den wir herstellen, hauptsächlich für unseren Kulturgarten und die Obstbäume bestimmt ist, dient er auch als Quelle von Insekten und Mikroorganismen, für die sich immer die Hühner und Enten interessieren!

Da wir auf dem Hof noch keine stetige Versorgung mit Früchten eingerichtet haben, wird der größte Teil des Geflügelfutters durch Fermentation von Kokosraspeln hergestellt, die auf großen Märkten in der Stadt zur Gewinnung von Kokosmilch ausgepresst wurden. Normalerweise bekommen wir zwei oder drei Säcke mit Kokosraspeln bei einem Wochenendbesuch auf dem Markt. Die zerkleinerten Kokosnüsse werden zuerst mit einer Mikroben-Lösung gemischt, bevor sie in ein Fass gepackt und dicht verschlossen werden, damit die Fermentierung stattfinden kann. Nach zwei bis drei Tagen ist die Fermentierung abgeschlossen und die Kokosraspel können an unsere Tiere verfüttert werden.

Wir haben auch eine Wurmfarm, auf der wir Wurmsaft für unseren Garten und die Baumschulpflanzen sammeln. Die Blumenerde unserer Baumschule wird aus dem Sand unseres Baches, hausgemachtem Kompost und dem Kot aus dem Wurmbehälter hergestellt. Sie ist sehr fein und voller Nährstoffe und nützlicher Mikroorganismen. Auf dem Hof gibt es mehrere Areale, auf denen sich die Tiere frei bewegen können, damit sie ihre natürlichen Bedürfnisse in der Natur leben können. Wenn sie sich frei bewegen, können die Hühner und Enten an Unkraut und anderen fruchtbaren Sträuchern und Insekten knabbern. Die Nachahmung der Komplexität des mächtigen Waldes, Begleitpflanzung, die Diversifizierung der Pflanzen und das Vorhandensein dynamischer Akkumulatorpflanzen sind einige der vielen Praktiken auf dem Gelände, um den Bedarf an Pflanzen zu decken und das natürliche Abwehrsystem der Pflanze zu stärken.

Künftige Herausforderungen

Obwohl der Hof derzeit im Minimalbetrieb operiert, konnte Chalin Food Forest uns zu Zeiten seiner Produktionsspitze mit Fleisch, Eiern, Obst und Gemüse versorgen. Darüber hinaus konnten wir Gemüse und Bananen vermarkten und Einführungs- und Fortgeschrittenen-Programme zur Selbstversorgung durchzuführen. Im Moment leben wir wieder in der Stadt, da wir noch kein festes Einkommen haben, um unsere Familie und den Bauernhof zu finanzieren. Obwohl es uns schwer fällt, sehen wir darin eine Gelegenheit, über die Praktiken auf dem Hof und seinen Erhalt in der Zukunft nachzudenken.

Zum Beispiel überlegen wir, dass wir vielleicht genauso gut Kaninchen züchten könnten, wenn wir weiterhin Futter für die Hühner beschaffen müssen, da diese Pflanzenfresser sind und sich kräftig vermehren. Während unseres Aufenthalts in der Stadt hoffen wir, unser Netzwerk zu erweitern, um die Vermarktung unserer Produkte in Zukunft zu vereinfachen. Wir versuchen auch, so viel Kapital wie möglich für weitere Ergänzungen des Gehöfts zu sammeln. Chalin Food Forest ist eine großartige Abenteuer- und Lernerfahrung für uns alle und wir können es kaum erwarten, wieder voll auf der Farm zu sein.

Aus dem Englischen übersetzt von: Jörg Schwieger

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Südostasien: Der größte Teil der weltweiten Kokosnussproduktion entfällt auf Indonesien und die Philippinen. Doch während die Palmölindustrie mittels großzügiger staatlicher Subventionen expandiert, haben Kokosnussbäuer*innen Mühe, sich anzupassen. Sie sagen, dass sie von der Regierung ähnliche Unterstützung wie Palmölunternehmen erhalten müssten, um zu überleben.

Lucio Tena, 64, baut seit mehr als vier Jahrzehnten Kokosnüsse auf seiner 20 Hektar großen Farm in General Nakar an der Ostküste der philippinischen Insel Luzon an. Doch die Situation, in der sich Bäuer*innen wie er heute befinden, ist die schlimmste, die er in seinem Leben erlebt hat.

„Der Preis ist derzeit extrem niedrig“, so Tena im November im Eingangsbereich des Drei-Zimmer-Holzhauses, das er sich mit seiner Frau teilt. „Das Einkommen reicht nicht aus, um unsere täglichen Bedürfnisse zu decken.“

Tena ist damit nicht allein. Kokosnussbäuer*innen quer durch Südostasien stehen vor ernsthaften Herausforderungen, vor allem aufgrund der niedrigen Preise. Eine Tonne Kokosnussöl, das am meisten produzierte Kokosnussnebenprodukt, wurde im November letzten Jahres für 836 Dollar pro Tonne verkauft, für weniger als halb so viel wie zwei Jahre zuvor.

In General Nakar bedeutet das weniger als 15 philippinische Pesos (30 US-Cent) für ein Kilogramm Kopra, den getrockneten Kern der Kokosnuss, aus dem Kokosnussöl hergestellt wird – oder 7 Pesos für eine ganze Nuss – für die Tena seine Kokosnüsse verkauft hat.

„Viele Menschen auf den Philippinen sind vom Kokosnussanbau als Lebensgrundlage abhängig“, sagt er. „Wir alle hoffen auf eine bessere Zukunft, um uns aus der Armut zu befreien“.

Kleinbäuer*innen leiden unter Niedrigpreisen

Es gibt mehr als 3,5 Millionen kleinbäuerliche Kokosnussbäuer*innen wie Tena auf den Philippinen, dem weltweit größten Exportland von Kokosnüssen, und weitere 4 Millionen in Indonesien, welches an zweiter Stelle steht. Auf diese beiden Länder entfallen fast 60 % der weltweiten Kokosnussproduktion nach Landfläche. Wie in der übrigen Welt werden auch diese Kokosnussfarmen fast ausschließlich von Kleinbäuer*innen bewirtschaftet.

In beiden Ländern haben die Bäuer*innen aufgrund niedriger Preise, mangelnder Unterstützung durch die Regierungen und der Konkurrenz durch ein anderes Produkt, nämlich Palmöl, mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Dieses Speiseöl wurde von den Regierungen in Indonesien, Malaysia – die zusammen für den Großteil der weltweiten Palmölproduktion verantwortlich sind – und zunehmend auch von den Philippinen stark gefördert und subventioniert. Palmöl hat die südostasiatischen Märkte überschwemmt und aufgrund seines niedrigeren Preises das Kokosöl, das traditionelle Produkt, in sämtlichen Küchen der Region ersetzt.

„Einige Kokosnussbäuer*innen lassen die Kokosnüsse einfach auf ihrem Land wachsen, anstatt sie zu verarbeiten“, so Jun Pascua, Direktor von Pambansang Katipunan ng Makabayang Mambubukid (Nationale Bäuer*innen Bewegung), einer philippinischen Vereinigung, die die Bäuer*innen vertritt. Andere, so fügt er hinzu, verkaufen ihr Land an Ölpalmenanbauer*innen, da das Land die heimische Produktion von Palmöl ausweiten möchte.

Von der Kokosnuss zum Palmöl

Die Situation auf den Philippinen ist heute vergleichbar mit der Situation in Indonesien vor einigen Jahrzehnten. Heute ist Palmöl in Indonesien ein wichtiger Motor der nationalen Wirtschaft, da es nicht nur ein Hauptexportartikel ist, sondern auch das wichtigste Speiseöl und aufgrund steigender Biokraftstoff-Mandate zunehmend Teil des nationalen Kraftstoffmixes für den Verkehrssektor ist. Aber noch vor nicht allzu langer Zeit stand Kokosnussöl im Mittelpunkt.

„Von den 1970er bis zu den 1980er Jahren konsumierten die meisten Menschen in Indonesien Kokosnussöl als Speiseöl“, erklärt Amrizal Idroes, Gründer der Indonesischen Vereinigung der Hersteller von Kokosnussprodukten (IACPM) und seit fast drei Jahrzehnten in der Kokosnussindustrie tätig.

Kolonialgeschichte, die sich bis heute fortschreibt

Kokosnussöl wird seit langem in Süd- und Südostasien als Speiseöl verwendet. Der Kokosnussbaum (Cocos nucifera), der seit Jahrhunderten sowohl im philippinischen als auch im indonesischen Archipel angebaut wird, produziert nicht nur Öl, sondern auch Milch, Wasser, Zucker und eine Vielzahl anderer Produkte, die fast ausschließlich lokal konsumiert wurden. Darüber hinaus wuchsen die Kokospalmen neben anderen tropischen Nutzpflanzen wie Bananen, Maniok, Kaffee und Kakao, die Teil einer Landschaft mit gemischter Nutzung waren.

Das begann sich zu ändern, als die afrikanische Ölpalme (Elaeis guineensis), die von niederländischen Kolonialist*innen mitgebracht wurde, in den 1970er Jahren an Verbreitung zunahm. Innerhalb von Jahrzehnten entwickelte sich Palmöl vom Nischenprodukt zum Exportschlager Indonesiens und überholte rasch die Kokosnuss. Dies war aus mehreren Gründen erwünscht: wegen seiner industrieller Effizienz, seiner massiven Erträge, seiner geschmacksfreien Eigenschaft, seines leichten Transports und der einfachen Verarbeitbarkeit. Heute ist es das am meisten konsumierte Nahrungsmittelöl der Welt.

„Kokosnussöl ist im Vergleich zum Speiseöl aus Palmen weniger wettbewerbsfähig“, sagt Amrizal. „Als die Regierung begann, Palmöl zu fördern, wählten die Menschen es als das billigere Öl.“

Dieser Prozess könnte sich auf den Philippinen wiederholen. Seit 2010 hat Palmöl, das aus Indonesien oder Malaysia importiert wurde, nach Angaben der United Coconut Association of the Philippines das Kokosnussöl als meistverkauftes Öl in den meisten Lebensmittelgeschäften überholt. Wie in Indonesien ist der Hauptgrund dafür der niedrige Preis – oft halb so hoch wie der des Kokosnussöls.

Bedenken zur Nachhaltigkeit

Im Gegensatz zur Kokosnuss, deren Anbau von Kleinbäuer*innen dominiert wird, werden etwa 60% der Ölpalmen auf großflächigen Plantagen von Unternehmen wie KLK, Sime Darby, Golden Agri-Resources und Wilmar International angebaut. Diese riesigen, typischerweise monokulturellen, industriellen Ölpalmenplantagen haben die Regenwälder in Südostasien ersetzt, mit einer massiven Verarbeitungs- und Transportinfrastruktur, die von Unternehmen und Regierungen zur Unterstützung der Industrie errichtet wurde.

„Palmen sind eine sehr industrialisierte Kulturpflanze“, erklärt Vincent Johnson, Direktor des International Coconut Genetic Resources Network (CoGent). „Es gibt eine Art Glauben, dass die Ölpalme viel profitabler ist als Kokosnüsse. Kokosnussplantagen wurden sogar zugunsten der Ölpalme abgeholzt“.

Johnson könnte über Riau, eine indonesische Provinz auf der Insel Sumatra, gesprochen haben. Heute ist Riau eine der wichtigsten Palmöl produzierenden Regionen des Landes. Aber in den 1970er Jahren war es das Zentrum der Kokosnussproduktion auf der Insel, sagt Amrizal. Nach und nach wurde ein Großteil des ehemaligen Kokosnusslandes in Anbaufläche für Ölpalmen umgewandelt.

„Die Bäuer*innen sind realistisch“, sagt Amrizal. „Wenn sie sich ihre Nachbar*innen ansehen, sehen sie, dass Palmöl besser ist, also ändern sie den Anbau. Das ist es, was in Riau geschah.“

Dasselbe geschieht heute auf der südphilippinischen Insel Mindanao, wo die Regierung den Ausbau der Palmölindustrie fördert.

Hoffnung auf Nachfrage nach Alternativen

Johnson und andere sehen jedoch Hoffnung in der wachsenden Nachfrage nach hochwertigen Kokosnussprodukten in Nordamerika und Europa. Die Nachfrage nach nativem Kokosnussöl, Bio-Kokoswasser und Kokosnusscreme ist aufgrund von Gesundheits- und Nachhaltigkeitsgesichtspunkten gestiegen. Dies hat zu einigen kleinen Projekten zur Förderung des nachhaltigen Anbaus von Kokosnüssen geführt.

Eines dieser Projekte wird von der deutschen Entwicklungshilfeorganisation GIZ in Partnerschaft mit der Rainforest Alliance, einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in New York, und dem Agrobusiness-Riesen Cargill geleitet.

„Wir haben eine hohe Nachfrage nach einer nachhaltigen, zertifizierten Kokosnussöl-Lieferkette festgestellt“, erklärt Vivien Nacion, Projektmanagerin bei Cargill Philippines. „Die Kund*innen wollen sicherstellen, dass die Rückverfolgbarkeit des Produkts, das sie kaufen, von Farmen stammt, die die Umwelt nicht schädigen.

Eine der Herausforderungen, vor denen Cargill stand, war, dass es nicht in der Lage war, nachhaltig zertifizierte Kokosnüsse zu beschaffen, obwohl die Nachfrage stieg. Ein tieferer Blick in die Versorgungskette ergab eine ähnliche Situation wie bei Tena in General Nakar: begrenzte Kapazität, niedrige Preise und fehlende Infrastruktur.

„Die Kokosnuss wurde durch Vernachlässigung angebaut“, so Ivan Idrovo, ein in den Philippinen ansässiger Landwirtschaftsberater, der mit der GIZ an diesem Projekt arbeitete. „Die Bäuer*innen kümmerten sich nicht um die Bäume. Sie ernteten, aber brachten kaum Dünger aus. Sie kennen den Kokosnussbaum und wissen, wie man die Kokosnüsse pflückt, aber alles andere wurde falsch gemacht“.

Das Projekt ist seit 2016 sowohl in Indonesien als auch auf den Philippinen in Betrieb und hat 1.531 Bäuer*innen zertifiziert, die von höheren Einkommen und höherer Produktivität berichten. Die Nachfrage nach hochwertigen Kokosnussprodukten aus dem Westen ist zwar bedeutsam, macht aber derzeit nur einen winzigen Bruchteil der Kokosnussproduktion in den beiden Ländern aus (vgl. zum Problem der Vermarktung und Zertifizierung von indonesischem Kokosblütenzucker auch den Artikel Indonesischer Zucker als globales Handelsgut auf suedostasien.net).

Zertifizierung allein hilft nicht

„Bisher ist die Marktakzeptanz von Rainforest Alliance-zertifiziertem Kokosnussöl begrenzt“, sagt Christiane Hornikel, Programm-Managerin für Nüsse und Fruchtsäfte bei Rainforest Alliance. „Wir haben noch kein Rainforest-Alliance-Label für Kokosnussöl für Endverbraucher*innen auf der Verpackung, aber die Produzenten können ihre [Kokosnuss] als zertifiziert verkaufen“.

In General Nakar ist die Idee der Herstellung von nativem Kokosnussöl, Bio-Kokosmilch oder Kokosnusswasser für Bäuer*innen, die keinen Zugang zu grundlegender Kühltechnik und Verarbeitungsanlagen haben, unvorstellbar.

„Wir sind als Produzent*innen beschränkt“, sagt Pascua, Vertreter der Bäuer*innen. „Die Technologie könnte genutzt werden, um die Kokosnussbäuer*innen zu stärken.“ Pascuas Organisation hat um die Unterstützung der philippinischen Regierung und insbesondere der philippinischen Kokosnussbehörde (PCA) gekämpft. Bisher, sagt er, haben sie wenig bekommen. Pascua erklärt, er sei besorgt über die Schritte des PCA zur Ausweitung der Palmölproduktion im Inland.

Agrar-Riesen werden staatlich gefördert – Kleinbäuer*innen nicht

„Anstatt kleine Bäuer*innen zu unterstützen, entscheidet sich das PCA dafür, Agrarunternehmen in der Palmölindustrie, insbesondere auf Mindanao, zu finanzieren“, so Pascua. Er glaubt, der Grund dafür sei, dass die Regierung Palmöl für lukrativer als Kokosnüsse hält. „Im Gegensatz zu kleinen Kokosnussbäuer*innen sehen sie mehr Gewinnpotenzial in Agrarunternehmen mit Tausenden von Hektar“.

In Indonesien besteht eine ähnliche Herausforderung. Die Palmölindustrie, die zumeist von großen Plantagenbesitzer*innen und Konzernen kontrolliert wird, erhält reichlich staatliche Unterstützung in Form von Subventionen, wissenschaftlicher Forschung und sogar Lobbyarbeit, um die Exportmärkte offen zu halten. Die Regierung unterstützt aktiv die Finanzierung der Palmölforschung durch die Nationale Forschungs- und Innovationsbehörde (BRIN) und den milliardenschweren Indonesischen Ölpalmenplantagenfonds (BPDP-KS) – eine Einrichtung, von der kleine Ölpalmenbäuer*innen sagen, sie subventioniere ungerechtfertigterweise große Biokraftstoffproduzenten.

Unterdessen bekommt die Kokosnussindustrie trotz ihrer Größe nur wenig. Amrizal und IACPM sagen, dass sie es gerne sähen, wenn Kokosnüsse auch nur einen Bruchteil der Unterstützung wie Palmöl bekämen.

„Die Regierung räumt dem Palmöl mehr Priorität ein als der Kokosnuss“, beklagt Amrizal. „Die Kleinbäuer*innen sind sehr schwach, so dass sie mehr auf die Unterstützung der Regierung angewiesen sind. Wenn die Regierung sich langfristig nicht um die Kleinbäuer*innen kümmert, bedeutet das, dass wir die Kleinbäuer*innen langsam töten werden“.

Dieser Artikel wurde durch einen Zuschuss des Pulitzer-Zentrums unterstützt.

Der englische Originalartikel erschien am 30. März 2020 auf dem Umweltportal Mongabay unter dem Titel Coconut farmers in Southeast Asia struggle as palm oil muscles in on them und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

Übersetzung aus dem Englischen von: Kathrin Spenna.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Indonesien: Agroforstwirtschaft wird in Westtimor durch Landnutzungsänderungen und der Land-Stadt-Migration junger Menschen zunehmend bedroht. Die Ernährungssicherheit der Agroforstgemeinden gerät dadurch in Gefahr.

Mamar – hinter dem klangvollen Namen verbirgt sich ein altes und bis heute wirksames landwirtschaftliches und kulturelles System. Das Mamar-System im Dorf Ponain wurde Ende des 18. Jahrhunderts errichtet, als das Königreich Koroh noch existierte, bevor es 1945 zusammen mit anderen lokalen Königreichen des Archipels in die Republik Indonesien eingegliedert wurde. Bis 1968, als ein neues Gesetz über die Dorfverwaltung in Indonesien verabschiedet wurde, umfasste das Königreich Koroh drei Dörfer im Großraum Ponain. Bis in die 1990er Jahre war das Mamar-System die Haupteinnahmequelle der Dorfbewohner*innen.

Ein Mamar-Gebiet kann in seinem Zentrum Wasser speichern, das sich aus lokalen Wasserquellen und Regenfällen speist. Darüber hinaus bietet die vielfältigere Auswahl an Anbaupflanzen den Landwirt*innen im Laufe des Jahres diversere Einkommensquellen, wodurch ihr Saisonkalender abwechslungsreicher wird.

Forschungen haben gezeigt, dass ein gut verwaltetes Mamar-System bei Ernährungssicherheit und Anpassung an den Klimawandel besser abschneidet als Monokulturen. Dies gilt insbesondere auf der Insel Timor, wo sich die Trockenzeit aufgrund des Klimawandels verlängert hat.

Das Drei-Zonen-System des Mamar

Mamar besteht aus drei Zonen, die durch soziokulturellen Glauben festgelegt sind. Die erste Zone wird Aibaun (Kern) genannt – eine heilige Zone, die weder betreten noch für kommerzielle Aktivitäten benutzt werden darf. Über Wasserquellen dient sie zur Bewässerung der äußeren Zonen. Die Kulturpflanzen, die in dieser 0,5 bis ein Hektar großen Zone wachsen werden nur für kulturelle Zeremonien geerntet.

Die zweite Zone, Kopa (Pufferzone), ist für die rentablen Hauptkulturen vorgesehen, wie Kokosnuss, Areka-Nuss und Banane. Frühere Forschungen weisen darauf hin, dass diese sieben bis 20 Hektar große Zone aufgrund ihrer hohen Bodenfruchtbarkeit und Wasserableitung das größte Potenzial für die Landwirtschaft hat. Die letzte Zone, Tanaman Semusim (Entwicklungszone, wörtlich Zone der einjährigen Pflanzen) wird für den Anbau von saisonalen Feldfrüchten und Tierfutterpflanzen sowie als Vieh-Weidefläche genutzt.

Die Bewohner*innen von Ponain praktizieren semi-Pastoralismus. Im Gegensatz zu anderen Viehhaltungssystemen, bei denen Kühe oder Ziegen zusammen gehalten werden, ziehen sie täglich zum Füttern ihrer Kühe und Ziegen mit ihnen herum. Außerdem halten sie das Vieh davon ab Gartenbauerzeugnisse zu fressen. Die dritte Zone bietet auch Platz für die Weißkopfmimose (Lamtoro), das wichtigste Viehfutter im Dorf Ponain.

Gegenwärtig sind die Bewohner*innen von Ponain mit zwei Dilemmata konfrontiert: Zum einen gibt es die Veränderung der Landnutzung hin zur Profitoptimierung und die gleichzeitige Verkleinerung der Schutzgebiete von Mamar. Zum anderen bedroht die Landflucht von jungen Menschen in Zukunft die Verfügbarkeit von Arbeitskräften für die Landwirtschaft.

Verlust eines nachhaltigen Landnutzungssystems

Die hohe Nachfrage nach Erzeugnissen des Pflanzenanbaus Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre veranlasste die Einheimischen, einen Teil der geschützten Mamar-Zone umzuwandeln und dort Gartenbau zu betreiben. Infolgedessen hat Mamar seinen traditionellen Wert verloren. Obwohl die Dorfbewohner*innen den Umweltnutzen des Mamar-Systems kennen, wie z.B. als Wasserquellen für den Wasser-Gartenbau, sind sie nicht am Mamar-System interessiert. Sie betrachten Mamar nicht als finanziell ausreichende Lebensgrundlage.

Durch die Abholzung der Mamar-Gebiete, vor allem in der ersten und zweiten Zone, wird es direkte Auswirkungen auf die Wasserverfügbarkeit geben. Wasserquellen werden weniger werden und schließlich ganz verschwinden. Das Fehlen von Wasserquellen wird in der Zukunft enorme Folgen für die Gartenbau-Aktivitäten im Dorf Ponain haben, da diese Aktivitäten stark von der Wasserverfügbarkeit abhängen. Es besteht das Dilemma, entweder die Mamar-Systeme beizubehalten oder sie in ein Vollkultursystem umzuwandeln. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach Gartenbauprodukten in Kupang, der Hauptstadt von Ost-Nusa Tenggara.

Die Umwandlung von geschütztem Mamar-Gebiet in produktive Fläche wird nicht mehr reguliert, da das traditionelle Recht seine Wirkmacht im Angesicht von rechtlich-rationaler und religiöser Autorität verloren hat. Das Einholen von Genehmigungen für die Landumwandlung gilt heutzutage als einfach im Vergleich zu den 1900er Jahren. Damals musste die Wiederbepflanzung mit Sachleistungen garantiert werden. Dieses Phänomen hat die Mamar-Fläche schrumpfen lassen und dazu geführt, dass Mamar als nachhaltiges Landmanagementsystem für die Zukunft verloren gegangen ist.

Alarmierend ist, dass Produktivität und Einkommensbildung langfristig sinken werden. Die Tatsache, dass Landwirte chemische Düngemittel verwenden, hat Umweltauswirkungen. Diese Umweltauswirkungen werden auch in der Zukunft zunehmen – insbesondere bei Gartenbau und Viehzucht. In letzter Zeit wird ‚grüne Wissensverbreitung’ von Kirchen betrieben. Dies scheint unzureichend zu sein, da Verhaltensänderungen Zeit und reale Demonstrationsfelder benötigen.

Land-Stadt-Migration

Neben Landnutzungsänderungen, die sich auf die lokale Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel auswirken könnten, spielt Migration eine Rolle. Die lokale Ernährungssicherheit steht da auf dem Spiel, wo junge Menschen nicht mehr an agroforstwirtschaftlichen Aktivitäten interessiert sind. Auf nationaler Ebene sieht sich Indonesien mit einem Bevölkerungswachstum von 1,07 Prozent konfrontiert. Gleichzeitig wird die Landflucht voraussichtlich zunehmen. Bis 2025 werden 68 Prozent der Gesamtbevölkerung in den Städten leben. Die landwirtschaftliche Produktivität muss bis 2025 um 60 Prozent gesteigert werden, um Hunger in Indonesien zu verhindern.

Auch in Westtimor gibt es Landflucht. Viele junge Dorfbewohner*innen emigrierten auf der Suche nach höherer Bildung oder besseren Arbeitsplätzen in städtische Gebieten wie Kupang. Die Auswanderung kann als eine Strategie zur Sicherung des Lebensunterhalts der Jugendlichen verstanden werden, da es an Mitteln und Unterstützung durch eine transformative Struktur innerhalb des Dorfes mangelt.

Ein Mangel an Ressourcen hat auch in Ponain zu einer Land-Stadt-Migration von Jugendlichen geführt. Beispielsweise fehlende Hochschuleinrichtungen in Ponain, da es nur ein einziges Gymnasium und keine Universitäten gibt. Jugendliche, die ihre Ausbildung fortsetzen möchten, müssen das Dorf verlassen. In Kupang gibt es die nächstgelegenen Ausbildungsmöglichkeiten. Die Tatsache, dass die meisten Dorfbewohner*innen der Glaubensgemeinschaft der Adventist*innen angehören, schränkt die Auswanderungsmöglichkeiten auf megapolitische Gebiete wie Bandung und Medan ein. Dort wird eine höhere Ausbildung speziell für Adventist*innen in Indonesien angeboten.

‚Schnelles Geld’ ist wichtiger als Erhalt von Land und Landwirtschaft

Städtische Arbeitgeber*innen zahlen oft einen regionalen Mindestlohn und verlangen keinen anspruchsvollen Bildungsabschluss. Deshalb gilt die Arbeit in städtischen Gebieten als ‚besser’ im Vergleich zum Leben auf dem Dorf. Diese Situation ist für Jugendliche aus Ponain zweckmäßig, da die meisten von ihnen die Hochschulreife besitzen. Darüber hinaus ist Auswanderung aufgrund der gewachsenen sozialen Vernetzung im ländlich-urbanen Kontext der Insel Timor in letzter Zeit immer üblicher geworden.

Außerdem gibt es Vorurteile, dass die Landwirtschaft keine ‚richtige’ Einkommen schaffende Tätigkeit sei, da lokale Landwirt*innen von Subsistenzwirtschaft leben und die städtischen Arbeitsplätze mehr Geld bieten würden. Das Durchschnittsalter der Bäuer*innen im Dorf Ponain liegt bei 50 bis 60 Jahren. Entsprechend ist die Landwirtschaft gefährdet. Die Jugendlichen in Ponain sind sich dem bewusst und entscheiden sich trotzdem, aus dem Dorf wegzuziehen.

Dieser Mangel an Humankapital in quantitativer und qualitativer Hinsicht wird in naher Zukunft zu einer Vulnerabilität des Dorfes Ponain führen. Es wird nicht genügend menschliche Arbeitskräfte geben, um Mamar als Existenzgrundlage zu erhalten.

Traditionelles Recht wiederbeleben?

Gibt es einen Ausweg aus diesen beiden Dilemmata? In diesem Abschnitt wird die Möglichkeit erörtert, das traditionelle Recht im Dorf Ponain wiederzubeleben. Traditionelles Recht könnte künftige Abholzung verhindern und das Bewusstsein der Jugendlichen für den Erhalt des Mamar-Systems stärken.

Da die rechtlich-rationale Autorität (Dorfverwaltung) in Ponain traditionelle Gesetze ausschließt, werden Heiratszeremonien und das System der Landnutzungsänderungen immer einfacher. Früher verlangte das traditionelle Gesetz von den jungen Brautleuten, 50 Bäume im Mamar-Gebiet zu pflanzen. In anderen Fällen wurden Sicherheiten für die Änderung der Landnutzung verlangt.

Das traditionelle Recht beinhaltete auch eine nachhaltige landwirtschaftliche Praxis, bezog die Jugendlichen in einen spezifischen Saisonkalender ein und förderte das, was wir heute als FPIC (free, prior, inform, consent – zu Deutsch freie, vorherige und informierte Zustimmung) kennen. Diese Praktiken unter traditionellem Recht erwiesen sich damals als wirksam.

Der Prozess der Anerkennung der Multifunktionalität von Mamar könnte durch die zwei stärksten Autoritäten im Dorf unterstützt werden, nämlich die rechtlich-rationale Autorität der Dorfverwaltung und die religiöse Autorität der Kirche. Zusammen könnten beide die wichtigsten Akteure beim Schutz des Mamar-Systems und seiner Wasserquellen sein. Die Autorität der Dorfverwaltung könnte durch positives Recht und auf Grund ihrer Entwicklungsagenda für die Gemeinde nützliche Ressourcen mobilisieren. So könnten sowohl die formellen als auch die informellen lokalen Eliten zur Rettung von Mamar zusammengebracht werden.

Mit konkreten Ideen zur Erhaltung des Mamar-Systems könnten fortgesetzt Einkommen schaffende Aktivitäten für die Dorfbewohner*innen ermöglicht werden. Auf der anderen Seite können die Kirchen mit ihrem besonderen Einfluss auf die Dorfbewohner*innen ‚grünes Wissen’ fördern und verbreiten. Als konkrete Maßnahme könnten die Kirchen damit beginnen, Demonstrationsflächen einzurichten.

Aus kritischer Sicht kann die Wiederbelebung des traditionellen Rechts für die Dorfverwaltung und die Kirchen verunsichernd sein, da es ihren Status quo herausfordert. Die Dorfverwaltung als auch die Kirchen sind die Haupteinflussnehmenden im Dorf. Daher erfordert die Stärkung der traditionellen Autorität im Dorf den Willen der Verwaltung und der Kirchen, um die lokale Machtstruktur im Interesse der Nachhaltigkeit von Mamar ausgewogen zu gestalten. So oder so müssen die Dorfverwaltung und die Kirchen Pläne zur Mitigation entwickeln, um Mamar vor aggressiven Veränderungen der Landnutzung und dem Mangel an Jugendlichen im System zu bewahren.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Indonesien: Der Palmölboom passiert nicht nur einfach, er wird gemacht. Das Zusammenspiel von Staat und Kapitalinteressen analysiert das Buch „Der Palmölboom in Indonesien“. Seine These: Ausgerechnet die Dezentralisierung nach dem Rücktritt Suhartos hat die Verbreitung von Palmöl begünstigt

Wer sich mit Essen und Südostasien auseinandersetzt, kommt am Thema Palmöl nicht vorbei. Durch die Politisierung dieses Öls weiß jetzt fast jede*r, dass es in unzähligen Lebensmitteln verarbeitet ist und zum Beispiel für die Produktion von Fertiggerichten wie Eis, Pizza oder Kuchen eine dominante Stellung eingenommen hat. Trotz der großen Aufmerksamkeit, die Palmöl aufgrund der damit assoziierten Zerstörung der Regenwälder in Indonesien genießt, gibt es nur wenige deutschsprachige Bücher, die sich genauer mit dieser Industrie auseinandersetzen. Der Palmölboom in Indonesien von Alina Brad füllt daher eine Lücke.

Der Untertitel des Buchs beschreibt zutreffend seinen Fokus: die politische Ökonomie einer umkämpften Ressource. Brad analysiert den Palmölboom im Kontext der historischen und politisch-ökonomischen Entwicklung Indonesiens: als Folge sowohl der langen Herrschaft Suhartos als auch der Dezentralisierung nach seinem Rücktritt 1998. Damit stellt sie den Entwicklungsdiskurs des Mainstreams in Frage, der den Boom als Ergebnis der biologischen Eigenschaften der Ölpalme (‚ertragreich’) und einer globalen Nachfrage (‚bestimmt das Angebot’) erzählt. In diesem Buch wird deutlich: der Palmölboom ist ein politisches Projekt, das machtpolitisch eng mit Militär, Kapital und Staat in Indonesien zusammenhängt.

Machtstrukturen bestimmen den Umgang mit der Natur

Die Autorin kommt aus der regulationstheoretischen Schule von Uli Brand, Christoph Görg und Marcus Wissen, die mit der Theorie der „gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ arbeiten. Diese geht von einem dialektischen Vermittlungszusammenhang zwischen Gesellschaft und Natur aus, der maßgeblich von gesellschaftlichen und ökonomischen Machtstrukturen bestimmt wird. Staatliche Regulation findet als Ergebnis von Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen statt, die sich in verschiedenen Institutionen verdichten.

Aus dieser Perspektive zeigt Brad die Entstehung der Palmölindustrie in der Zeit der Neuen Ordnung [Suharto-Diktatur 1965 – 1998]. Große Konglomerate, die unter Suharto mächtig geworden sind, dominieren den Palmölsektor bis heute. Hinzu kommen große malaysische Unternehmen wie Wilmar, sowie eine rege Beteiligung ausländischer Banken und internationaler Finanzinstitutionen wie der Weltbank. Mit der Schaffung eines globalen Marktes für Agrotreibstoffe entstand eine regelrechte Goldgräberstimmung, die die Expansion vorantrieb. So führte der Rücktritt Suhartos 1998 nicht zum Ende sondern zur Intensivierung des ‚extraktivistischen Entwicklungsmodels’.

Verflechtungen von Staat und Kapital

Der Boom findet nicht einfach statt, sondern er wird gemacht. An verschiedenen Stellen im Buch wird deutlich, dass die Kräfteverhältnisse im Staatsapparat zugunsten des Kapitals ausfallen. Ob bei der gezielten Zurückdrängung des traditionell verwendeten Kokosöls (vgl. Artikel Die Kokospalme – eine aussterbende Art? auf suedostasien.net) oder beim staatlich subventionierten Ausbau der Agrotreibstoffindustrie – Palmöl wird als Entwicklungsmodell gefördert. Besonderes Augenmerk legt das Buch aber auf diese Verflechtungen zwischen Staat und Kapitalinteressen bei der Gestaltung der territorialen Expansion der Industrie. Brad verwendet hier den Begriff der „Territorialisierung“ und meint damit die räumlichen Strategien, die von staatlichen Institutionen entwickelt werden, um Naturressourcen und Menschen zu kontrollieren und zu regulieren. Wenn also mehr Plantagen angelegt werden, dann ist das nicht nur eine Vergrößerung von Fläche, sondern diese Plantagen werden mit Hilfe von Eigentums- und Zugangsrechten, Landgesetzen, Raumplanungen und Umweltverordnungen durchgesetzt.

Die palmölverknüpfte Territorialisierung hat dabei zwei Momente, die in Zusammenspiel zu einer spezifischen, räumlichen Ausprägung der „Verdichtung von Kräfteverhältnissen“ führen. Zum einen kontrolliert der Staat seit der holländischen Kolonialzeit zentral die Land- und vor allem Waldressourcen. Auch heute noch hat der Staat das Sagen über 70% des Grund und Bodens in Indonesien. Zum anderen kam es im Zuge von reformasi [politische ‚Öffnung’ nach Ende der Diktaturzeit] zu einer Dezentralisierung der Lizenzvergabe an die bupati, die Vorsteher der jeweiligen Regierungsbezirke, was diese nutzten, um lukrative Deals mit Palmölunternehmen einzugehen. Eine Stärke des Buches ist die genaue Analyse der landrelevanten Gesetze sowie der Widersprüche zwischen verschiedenen Verwaltungsinstitutionen und -einheiten.

Fallbeispiel: Batin Sembilan in Jambi

Als Fallbeispiel für diese Territorialisierung dient die ethnische Gruppe der Batin Sembilan in Jambi auf Sumatra. Während der Suharto-Zeit hat ein Plantagenunternehmen des Militärs das traditionelle Land [Adat-Land] dieser indigenen Gruppe für die Palmölproduktion enteignet. Zwar konnten die Batin Sembilan nach 1998 die Rückgabe ihres Territoriums fordern. Doch mit der Liberalisierung des Sektors übernahm der transnationale Konzern Wilmar die Plantage und nutzte seinen Einfluss auf die lokale Regierung auf der Landkreis-Ebene, um die Gruppe zu spalten. Der Konflikt eskalierte, als die paramilitärische BRIMOB eingesetzt wurde, um Bauern aus dem Gebiet zu vertreiben. Danach verkaufte Wilmar die Plantage erneut, um sein Image beim Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) des WWF nicht zu gefährden. Die Landnahme wird nun von anderen – nicht zertifizierten – Firmen weiterbetrieben.

Eine gute Einführung auf wissenschaftlichem Niveau

Zusammen mit dem Buch Umkämpfte Natur: Politische Ökologie der Palmöl- und Agrarstreibstoffproduktion in Südostasien von Melanie Pichler ist Der Palmölboom in Indonesien eine der besten deutschsprachigen Einführungen zum Thema Palmöl. Das Buch ist das Ergebnis einer Doktorarbeit, die auf Forschung in Indonesien, vor allem in Jambi, beruht. Das Niveau ist entsprechend hoch. Wer eine anspruchsvolle und sozialkritische Analyse bekommen möchte, ist hier genau richtig. Dazu kommt, dass das Buch als open source- Veröffentlichung zum Herunterladen bereitsteht, auch kapitelweise.

Wer sich für eine theoretische Diskussion von Natur und Raum interessiert, dem sei Kapitel 2 besonders empfohlen. Wer die geschichtliche und rechtliche Entwicklung der Landgesetzgebung nachlesen möchte, kann Kapitel 3 dazu nehmen. Sonst kann man aber auch direkt das Kapitel zur Politischen Ökologie des indonesischen Palmölbooms herunterladen, das die Verflechtung zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung bei der Territorialisierung der Palmölproduktion analysiert.

Rezension zu: Alina Brad. Der Palmölboom in Indonesien. transcript Verlag, 2019, 206 Seiten.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Südostasien: Vielen Menschen fehlt es noch immer am sicheren Zugang zu Lebensmitteln – ganz besonders Frauen und Kindern. Das Buch „Ensuring a Square Meal“ beleuchtet, welche Rolle Frauen für eine ausreichende Ernährung ihrer Familien spielen können – innerhalb sowie auch außerhalb der Familie.

Kürzlich wurde der Welternährungsbericht 2020 der Vereinten Nationen veröffentlicht. Eine der Hauptbotschaften ist: Die Zahl unterernährter Menschen steigt weiter an, vor allem in Asien. Die Gründe dafür sind vielfältig: Konflikte, extreme Klimasituationen, Wirtschaftskrisen. Durch die COVID-19-Pandemie, so der Bericht, drohe die Zahl der Hungernden weiter anzusteigen.

Lebensmittelkrisen gab es bereits in den Jahren 2008/2009 und 2012 – ausgelöst durch steigende Preise. Schon diese Krisen verschärften die Disparität zwischen Regionen in Südostasien, die vom schnellen wirtschaftlichen Wachstum der frühen 2000er Jahre profitierten, und jenen, auf die sich diese positiven Impulse nicht übertrugen. Obwohl einige Regierungen Mechanismen für Ernährungssicherung und nachhaltige Landwirtschaft etabliert haben, so bleibt doch die Gefahr von stark ansteigenden Preisen in einer unsicheren globalen Wirtschaftslage bestehen – auch darauf verweist der aktuelle Welternährungsbericht.

Frauen in den Fokus rücken

Aufgrund dieser Erkenntnis veranstaltete das Institute of Southeast Asian Studies (ISEAS) in Singapur bereits 2011 eine Konferenz, die sich mit der Rolle von Frauen für eine sichere Ernährung beschäftigte. Das Kompendium Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia ist eine Sammlung der Beiträge dieser Konferenz. Herausgegeben wurde das Buch von Theresa W. Devasahayam, die zu dieser Zeit in der Geschlechterforschung des ISEAS arbeitete und die Ungleichheit von Frauen im öffentlichen und privaten Raum untersuchte.

Im einleitenden Kapitel beschreibt die Herausgeberin, warum es notwendig ist, Ernährungssicherung in Südostasien aus Perspektive der Geschlechterforschung zu betrachten und richtet damit den Fokus auf ein bisher kaum erforschtes Gebiet. Dabei identifiziert Devasahayam ein wichtiges Paradox: Zusammen mit Kindern sind Frauen am meisten gefährdet, nicht genügend Nahrung zu erhalten. Gleichzeitig tragen sie aber signifikant zur Ernährung ihrer Familien sowie zur wirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Entwicklung bei.

Überfälliger Perspektivenwechsel

In Südostasien leisten Frauen ungefähr 50 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit, wobei Devasahayam mit einer höheren Dunkelziffer rechnet, da die Arbeit von Frauen häufig als ‚Zuarbeit’ angesehen und deswegen nicht statistisch erfasst werde. Die Arbeit der Frauen sei zudem nicht nur bedeutend für die Produktion von Lebensmitteln sondern auch für deren Handel. Ihr Einkommen ermächtige Frauen dazu, Entscheidungen auf Haushaltsebene zu treffen, wie zum Beispiel zu Bildungsinvestitionen für die Kinder oder auch um lokale Wirtschaftsnetzwerke wie zum Beispiel Handelskooperativen zu fördern. Fallstudien zeigen außerdem, dass Frauen ihr Einkommen eher zum Wohlergehen der gesamten Familie einsetzen als Männer.

Warum haben Frauen trotzdem keinen sicheren Zugang Lebensmitteln? Als Gründe führt Devasahayam die allgemeine Lebensmittelknappheit an, den Mangel an Kaufkraft und die Zugangsbeschränkungen zu fruchtbarem Land. Diese Ressourcenprobleme haben auch Männer in Entwicklungsländern, für Frauen kommen jedoch strukturelle, politische, kulturelle und soziale Faktoren erschwerend hinzu. Beispielsweise seien häufig nur Männer die Zielgruppe von technischen Weiterbildungen und Wissenstransfer in der landwirtschaftlichen Entwicklung.

Die Beiträge des Buches arbeiten diese erschwerenden Faktoren heraus und verdeutlichen sie anhand von Fallbeispielen und wissenschaftlicher Literatur. Die Autor*innen stellen grundlegende Fragen zur Chancengleichheit auf Landbesitz, zu den Zugangskriterien zu landwirtschaftlichen Ressourcen und Services, zur Möglichkeit der wirtschaftlichen Organisation und Teilnahme an Programmen, zur Evaluierung von Gesetzgebungen und eben zu der Rolle, die Frauen in der Ernährungssicherung auf allen Ebenen spielen. Diese Leitfragen werden nicht nur im Hinblick auf die strukturelle Dichotomie zwischen Männern und Frauen analysiert sondern auch im Kontext der Sphären privat und öffentlich sowie der Annahme, dass es Überlappungen beider gibt.

Frauen ermächtigen und Ernährung sichern – Fallbeispiele

Das zweite Kapitel gibt einen Überblick über Definitionen, Annahmen und Bereiche, die die Ernährungssicherung beeinflussen. Die weiteren Artikel widmen sich überwiegend konkreten Beispielen aus Indonesien, Vietnam, Malaysia und den Philippen. Dabei werden verschiedene Lebensrealitäten betrachtet, wie zum Beispiel der Einfluss von Palmölplantagen auf Landrechte in Indonesien oder der Fakt, dass sich in Vietnam Maßnahmen zur Ernährungssicherung durch Reisanbau häufig ausschließlich an Männer richten, obwohl Männer und Frauen die Entscheidungen zur Produktion von Reis gemeinsam treffen.

Eine weitere Studie aus Vietnam zeigt, dass es dem Wohlergehen der Familie und ganz besonders der Ernährung der Kinder dient, wenn die Frauen gestärkt werden. Erforderlich sei dafür, dass Frauen die Möglichkeit haben, außerhalb des eigenen Haushalts zu arbeiten, um etwas dazuzuverdienen.

Ein anderes Beispiel aus Indonesien beschäftigt sich mit Frauen, die in Singapur arbeiten und dadurch indirekten Einfluss auf die landwirtschaftliche Entwicklung haben. Zwar betrachten die Frauen selbst die landwirtschaftliche Arbeit als wenig lukrativ und arbeiten deshalb für ein festes Einkommen im Ausland. Durch das Geld, das sie aber nach Hause schicken, tragen sie jedoch maßgeblich zur Ernährungssicherung und den landwirtschaftlichen Aktivitäten ihrer Familien bei.

Wissenschaftlich fundiert, doch leider nicht aktuell

Die Beiträge in den zehn Kapiteln dokumentieren wissenschaftlich fundiert den aktiven und großen Anteil, den Frauen an der Sicherung der Ernährung für ihre Familie und ganzer Dörfer haben. Gleichzeitig arbeiten die Beiträge auch heraus, an welchen Stellen Frauen strukturell benachteiligt werden, was wiederum dazu führt, dass ihnen die Werkzeuge fehlen, Lebensmittel zu produzieren, zu handeln und sich zu vernetzen.

Erwähnt sollte auch werden, dass die Beiträge des Buches vor inzwischen neun Jahren entstanden sind. Auch wenn der überwiegende Teil der Erkenntnisse vermutlich weiterhin relevant ist, wäre es wünschenswert, in dem Buch auch aktuellere Entwicklungen und Lebensrealitäten zu finden.

Trotzdem kann das Buch als deutlicher Appell an Entscheidungsträger*innen in Regierungen oder Projekten der Entwicklungszusammenarbeit gelesen werden, Frauen zu fördern und es ihnen zu ermöglichen, die Versorgung mit Lebensmitteln für ihre Familien sicherzustellen. Das würde einiges zur Armutsreduzierung beitragen.

Trotz der sozialwissenschaftlichen Natur des Buches ist es anschaulich und gut lesbar geschrieben. Das macht es nicht nur für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen im entwicklungspolitischen und politikgestaltenden Bereich zu einer spannenden und erkenntnisreichen Lektüre. Gleichzeitig zeigen die Ausführungen wieder einmal, wie signifikant und dennoch unterbeleuchtet die Rolle von Frauen in allen Entwicklungsbereichen eines Landes oder einer Region ist – und wie diese gleichzeitig durch die patriarchale Dichotomie unterminiert wird.

Rezension zu: Theresa W Devasahayam (Hg). Ensuring a Square Meal: Women and Food Security in Southeast Asia. World Scientific, 2018, 264 Seiten.

Dieser Artikel erschien zunächst in der südostasien Ausgabe 3|2020 – #SOAToo. Sexualisierte Gewalt und feministische Gegenwehr in Südostasien und ist Teil der südostasien – Sonderausgabe Buchmesse

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Indonesien: Ist Ernährungssicherheit ohne den Sicherheitsapparat möglich? Die wachsende Rolle des Militärs im Agrarsektor und der damit einhergehende Einfluss bis auf Dorfebene geben Anlass zu fragen, wer wirklich von den Maßnahmen der Regierung zur Bewältigung der Nahrungsmittelkrise profitiert.

Die Gefahr einer Nahrungsmittelkrise aufgrund der COVID-19-Pandemie hat bei der indonesischen Regierung, der Zivilgesellschaft und den Medien große Aufmerksamkeit erregt. Ein Teil der Reaktionen ist Besorgnis erregend. Ein kürzlich in der Zeitung Koran Tempo erschienener Artikel trägt zum Beispiel den Titel „Die Gefahr einer Hungersnot mitten in der Pandemie“. In dem Artikel wird berichtet, dass die Regierung das (durch die voraussichtliche Dürre im späteren Verlauf des Jahres hervorgerufene) Risiko einer Hungersnot mindert, indem sie die landwirtschaftliche Produktion aufrechterhält und überschüssige Nahrungsmittel in Gebiete mit Mangel umverteilt. Beide Punkte stehen im Zusammenhang mit der Sorge der Regierung um die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und weniger mit den dringlicheren Herausforderungen um Ernährungssicherheit: wie Menschen Zugang zu Nahrungsmitteln und Nährwertqualität erhalten. Der Fokus der Regierung auf der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln ist auch Ursprung des indonesischen Agro-Nationalismus.

Der Bedeutungsgewinn des Ag(g)ro-Nationalismus

Indonesiens Agro-Nationalismus hat in den vergangenen zehn Jahren an Bedeutung gewonnen. Im Mittelpunkt der agro-nationalistischen Agenda der Regierung steht das Ziel, die Produktion einheimischer Nahrungsmittel zur nationalen Selbstversorgung zu erreichen. Dies hat dazu geführt, dass die Regierung Land für die landwirtschaftliche Produktion bewahrt und erschlossen, eine Anti-Lebensmittelimport-Agenda gefördert, die Zentralisierung des Agrarsektors reguliert und die agrarische Identität Indonesiens in Politik und Propaganda betont hat. Zur Unterstützung dieser Maßnahmen hat die Regierung den Agrarsektor mit immer höheren Subventionen unterstützt.

Agro-Nationalismus ist auch „ag(g)ro“ wegen seiner aggressiven Züge. Politiker*innen und prominente Kommentator*innen werfen der „Mafia“ vor, den indonesischen Agrarsektor durch kriminelle Machenschaften zu untergraben. Die Regierung sieht auch, dass Indonesien mehr landwirtschaftliche Entwicklung benötigt, um langfristige Produktionsdefizite zu beheben und im internationalen Agrarhandel besser konkurrieren zu können.

Um solche Probleme zu überwinden, hat Präsident Jokowi es der Armee und anderen Institutionen ermöglicht, sich stärker im Agrarsektor zu engagieren. Diese Akteure sollen die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln für die Nation sichern und den Agrarsektor entwickeln. Allerdings ist die Frage der Verfügbarkeit der am wenigsten wichtige Aspekt im Hinblick auf Ernährungssicherheit, auf den Indonesien sich konzentrieren sollte, insbesondere während der Pandemie.

Nahrungsmittelversorgung für die Ärmsten ist gefährdet

Vor einem Vierteljahrhundert listete die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) Indonesien als eines von 80 Ländern, die von Nahrungsmittelknappheit betroffen sind. Heute ist dies jedoch nicht mehr der Fall. Nach Schätzungen der FAO gehörte Indonesien im Jahr 2018 zu den weltweit führenden Produktionsländern für zahlreiche Grundnahrungsmittel. Im selben Jahr lag Indonesien nach Angaben der Weltbank auf Rang 18 der größten Nahrungsmittelimporteure der Welt gemessen am Wert. Heutzutage verfügt Indonesien über ein reichhaltiges Nahrungsmittelangebot, unabhängig davon, ob es im eigenen Land produziert oder aus dem Ausland importiert wurde. Wie jahrzehntelange Forschung gezeigt hat, ist das Hauptproblem der Ernährungssicherheit vielmehr, wie die armen Bevölkerungsschichten Zugang zu gesunden Nahrungsmitteln erhalten.

Indonesiens Entscheidungsträger*innen und Beamt*innen haben die Frage weitgehend vernachlässigt, wie die Pandemie den Zugang der Armen zu Nahrung beeinflussen und die bestehenden Probleme der Ernährungssicherheit verschärfen wird. Die gut gemeinte Sorge um die Ernährungssicherheit der Menschen verschleiert wohl die Tatsache, dass Politiker*innen und Beamt*innen, die happige Summen für ihre Ämter bezahlt haben, Entscheidungen für den Agrarsektor treffen. Wir untersuchen nur sehr wenig, wer wirklich von den jüngsten Maßnahmen der Regierung im Hinblick auf die Ernährungssicherheit Indonesiens profitiert. Dieser Mangel an Fokus erklärt sich vielleicht daraus, wer tatsächlich begünstigt wird.

Agro-Nationalismus und die Sicherheitsinstitutionen

Die Sicherheitsinstitutionen Indonesiens profitieren vom Agro-Nationalismus. In der Demokratie-Ära engagiert sich die Armee im Agrarsektor, seit 2011 eine Weisung von Präsident Susilo Bambang Yudhyono erging, auf Bedrohungen des Klimawandels zu reagieren, die die Ernährungssicherheit gefährden. Während der späten Yudhoyono-Präsidentschaft begann die Armee, sich stärker an Aktivitäten zu beteiligen, die vom Landwirtschaftsministerium im Rahmen einer breiter angelegten Entwicklungskampagne namens „Armee betritt das Dorf“ organisiert wurden. Dies erinnert an ein ähnliches Programm aus der Suharto Ära. Seither hat die Armee eine immer bedeutendere Rolle im Landwirtschaftssektor übernommen.

Im Jahr 2014 setzte Präsident Jokowi [Joko Widodo] als Ziel, innerhalb von drei Jahren nationale Ernährungsautarkie zu erreichen. Er forderte die beteiligten Regierungsinstitutionen auf, sich auf die Armee zu stützen, um dieses Ziel zu erreichen. Die Armee hat ihre Rolle im Agrarsektor ohne klare gesetzliche Grundlage ausgeweitet und gibt vor, dass sie die landwirtschaftliche Produktion der Bäuer*innen unterstützt und den Bedürftigen beisteht. In den letzten fünf Jahren haben das Landwirtschaftsministerium und die Nationale Logistikbehörde (Bulog), die für die Lebensmittelbeschaffung, den Transport und die Lagerung der Regierung verantwortlich ist), viele Kooperationsvereinbarungen und Absichtserklärungen mit der Armee unterzeichnet, um die nationale Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Diese Vereinbarungen haben den Soldat*innen zahlreiche Fotogelegenheiten geboten, um sich mit Bäuer*innen in den Schlamm zu stellen.

Militärs kontrollieren – und kassieren

Abgesehen von Propaganda haben solche Abkommen der Armee ein stärkeres Engagement mit den Eliten in den Dorfgemeinschaften ermöglicht. So hat die Armee zusammen mit der Polizei etwa die Aufgabe, die Lieferketten zu kontrollieren. Dies betrifft insbesondere subventionierten chemischen Dünger, der an Dorfkioske geliefert wird, die von relativ wohlhabenden Dorfbewohner*innen betrieben werden, um die Verteilung zum staatlich regulierten Preis zu gewährleisten.

Diese Kontrollen ermöglichen es den niederrangigen Militärangehörigen, von den Dorfbewohner*innen, die im Zentrum der lokalen Versorgungsketten stehen, Geld zu kassieren, um Lagerbestandslisten zu genehmigen, Anfragen der Regierung nach Infrastruktur- und Maschinenunterstützung zu bewilligen, ihnen Schutz zu bieten und natürlich um Verstöße gegen die Vorschriften nicht zu melden. Die erweiterte Rolle der Armee im Agrarsektor hat auch dazu geführt, dass niederrangige Militärs auf Dorfebene (Babinsa) Daten anfordern und landwirtschaftliche Beratung anbieten anstelle von Beratern aus den lokalen Landwirtschaftsbehörden, die seit 2009 immer mehr ausgegrenzt werden.

Das Landwirtschaftsministerium selbst hat eine stärker auf das Militär ausgerichtete Haltung in seinem Bereich eingenommen. Seit Oktober 2019 leitet Syahrul Yasin Limpo das Landwirtschaftsministerium. Der ehemalige Gouverneur von Südsulawesi ist seit langem von der Armee fasziniert und hat eine Vorliebe für Fliegeruniformen und Tarnkleidung. Mit der Übernahme dieses Amtes hat Limpo die bestehenden landwirtschaftlichen Unterstützungsbüros der Unterdistrikte, von wo aus die landwirtschaftlichen Berater*innen arbeiten, in Strategische Landwirtschaftliche Technische Kommandoeinheiten oder KOSTRATANI umbenannt und ihre Rolle „optimiert“. Die Abkürzung KOSTRATANI ähnelt KOSTRAD, dem strategischen Reservekommando der indonesischen Armee. Die beiden Begriffe werden sogar manchmal auf der Website des Landwirtschaftsministeriums verwechselt.

Die Rolle dieser Unterstützungsbüros ist weiterhin die des Monitorings und der Erhebung von Agrarstatistiken, der Durchführung von Schulungen und der Bereitstellung von Dienstleistungen auf der Ebene der Unterdistrikte, um „die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln zur Deckung des Bedarfs von 267 Millionen Indonesier*innen zu gewährleisten“. Das optimierte KOSTRATANI soll „Echtzeit“-Berichte über die lokalen landwirtschaftlichen Bedingungen an die landwirtschaftlichen Unterstützungsbüros auf Provinzebene und landesweit weiterleiten.

Auf nationaler Ebene soll ein „Agricultural War Room“, der im Februar 2020 eingerichtet wurde, diese Berichte von der lokalen Ebene zusammenstellen, um die Entscheidungsfindung von Minister Limpo zu unterstützen. Bei der Einweihung des „Agricultural War Room“ behauptete Limpo sogar, dass seine Überwachungsbefugnisse denen des Pentagons ähnlich seien. Aber die Prahlerei des Ministeriums hört nicht bei der Echtzeit-Überwachung auf. Das Landwirtschaftsministerium behauptet auch, kürzlich ein auf Eukalyptus basierendes Heilmittel gegen COVID-19 entdeckt zu haben! Wenn wir der Propaganda des Ministeriums Glauben schenken würden, gäbe es in der Tat nichts, was es nicht tun könnte.

Video zum „Agriculture War Room” des Landwirtschaftsministeriums (Indonesisch):

Fehlendes Zollsystem für Agrarimporte führt zu Korruption

Das Landwirtschaftsministerium scheint unfähig, sein bestechungsanfälliges Empfehlungssystem für Agrareinfuhren durch ein Zollsystem zu ersetzen. Die Einführung eines Zollsystems anstelle eines Quotensystems würde möglicherweise die Gelegenheiten für Korruption verringern. Private Importeure, die Waren ins Land bringen, müssten nicht länger Angestellte des Landwirtschaftsministeriums für Empfehlungsschreiben bestechen. Eine solche ordnungspolitische Reform wird seit langem von hochrangigen Politikern wie Rizal Ramli gefordert, aber von der Regierung Jokowi nicht umgesetzt. Stattdessen ist das Quotensystem in den letzten fünf Jahren wegen des Agro-Nationalismus für Beamt*innen, die auf Nebeneinkünfte aus sind, noch wertvoller geworden.

Die Förderung einer protektionistischen Agenda für die nationale Lebensmittelautarkie durch die Regierung führt zu Gelegenheiten für höhere Beträge, um Importempfehlungsschreiben des Ministeriums zu erhalten, sowie zu regulatorischen Besonderheiten, die Möglichkeiten für Bestechungsgelder schaffen. Während führende Regierungsmitglieder Gruppen von Beamt*innen innerhalb des Landwirtschaftsministeriums, des Handelsministeriums und von Bulog vage beschuldigt haben, Teil einer korrupten „Lebensmittelmafia“ zu sein, gibt es nie konkrete Anschuldigungen darüber, wer Mitglieder dieser Lebensmittelmafia sind. Nur durch Fälle der Kommission zur Beseitigung von Korruption, wie dem berühmten Rindfleischskandal der Partei für Gerechtigkeit und Wohlstand (PKS) im Jahr 2013, sowie in neueren Bestechungsfällen in Bezug auf Knoblauch und Düngemittel, an denen Politiker*innen der Indonesischen Demokratischen Partei des Kampfes (PDIP) und der Golkar-Partei beteiligt waren, kommen Einzelheiten darüber ans Licht, wie die Korruption im Agrarsektor funktioniert.

Die fingierte Lebensmittelmafia

Politiker*innen stellen häufig unspezifische Behauptungen auf. Sie beschuldigen Agrarhändler*innen und kleine Zwischenhändler*innen in Dörfern, Teil der Lebensmittelmafia zu sein. Diese undifferenzierten Anschuldigungen können dazu dienen, potenziell jede*n, der auf den Agrarmärkten tätig ist, als Teil der „Mafia“ zu stigmatisieren. Eine solche Stigmatisierung schafft eine Grundlage dafür, dass die Regierung gegen bestimmte Händler*innen vorgeht, die sie als problematisch erachtet, um die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln für die Nation besser zu gewährleisten.

Nur selten verbinden Medienberichte tatsächliche Akte der Nötigung – ein zentrales Merkmal von Mafiaorganisationen – in landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten mit der so genannten Mafia. Stattdessen wird der Begriff Mafia von Politiker*innen und in den Massenmedien häufiger verwendet, um Gruppen zu bezeichnen, die Profit machen.

Der englische Originalartikel erschien am 4. Juni 2020 auf new mandala – dem online Magazin der Australian National University zu Südostasien – unter dem Titel Indonesia’s agro nationalism in the pandemic und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet und auf zwei Teile geteilt (hier geht’s zu Teil II).

Übersetzung aus dem Englischen: Anna Grimminger

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Das ist der zweite Teil des Artikels „Agro-Nationalismus in Zeiten der Pandemie“ (hier geht’s zu Teil I).

Indonesien: Die Regierung will nach eigenen Angaben eine Ernährungskrise verhindern. Doch nicht etwa Kleinbäuer*innen und städtische Bedürftige profitieren von ihren Maßnahmen, sondern Militärs und zivile Beamte

Die Vorstellung, dass Lebensmittelhändler während der Pandemie Profit erwirtschaften, hat den Politiker*innen mehr Anlass gegeben, um die Ausweitung der Rolle des Staates auf dem Lebensmittelmarkt zu rechtfertigen. Der für die Nationale Logistikbehörde (Bulog) zuständige Minister für staatseigene Unternehmen, Erick Thohir, warnte kürzlich: „Es gibt die Mafia in allen Unternehmen, mit denen wir zu tun haben. Es ist in Ordnung, Profit zu machen, aber zerstören Sie nicht das Einkommen der Bauern. Staatseigene Unternehmen dürfen nicht ausgetrickst werden… Die Bauern dürfen nicht geopfert werden. Das Volk muss zu einem guten Preis kaufen… Sicherlich, Pak Buwas [gemeint ist Budi Waseso, Chef von Bulog und ehemaliger Polizei-General] und ich wollen, dass die Reis-Mafia aufwacht“.

Anfang Mai dieses Jahres deutete Präsident Jokowi an, dass die Regierung bereit sei, weitere Maßnahmen zur Kontrolle der Preisspitzen bei Zucker und roten Schalotten zu ergreifen. „Ich bitte um Kontrollen vor Ort, damit alles kontrolliert werden kann und die Öffentlichkeit ihre Kaufkraft steigern kann“, sagte er. Wie kann die Regierung mehr Kontrolle ausüben?

Gesetze im Agrarsektor

Die Regierung hat ein neues Gesetz erlassen, das ihr eine bedeutendere Rolle im Agrarsektor einräumt. Das neue indonesische Gesetz über nachhaltigen landwirtschaftlichen Anbau (22/2019) wurde in den Medien kritisiert. Bei der Kritik ging es um Artikel, in denen Kleinbauern dafür kriminalisiert werden, dass sie der Regierung nicht über die Entdeckung von einzigartigem Saatgut berichten. Weniger kommentiert wurde ein anderer Aspekt des neuen Gesetzes. Er besteht darin, dass die Zentralregierung mehr Autorität bei der Planung der nationalen Nahrungsmittelproduktion bekommt.

Ein früheres Gesetz über nachhaltigen landwirtschaftlichen Anbau aus der Suharto- Ära (12/1992) ist hinsichtlich der Rolle der Regierung in der Landwirtschaft weniger spezifisch. Es stammt aus einer Zeit, als der Agrarsektor noch stärker zentralisiert war. Ein wichtiger Aspekt des Gesetzes von 1992 ist, dass Artikel 64 die Regierung verpflichtet, den „nationalen strategischen landwirtschaftlichen Anbau“ durch den Aufkauf von Ernteüberschüssen zu schützen. Dies steht im Einklang mit Jokowis Wunsch nach mehr Preiskontrolle.

Bulogs Rolle auf dem Lebensmittelmarkt

In Übereinstimmung mit Artikel 64 und als Reaktion auf den Rückgang der Lebensmitteleinfuhren aufgrund der Pandemie gibt die Regierung Bulog die Möglichkeit, eine größere Rolle auf dem heimischen Lebensmittelmarkt zu übernehmen. Seit seiner Umwandlung von einer Regierungsbehörde in ein Staatsunternehmen unter dem Präsidenten im Jahr 2003 konzentriert sich Bulogs Rolle im Beschaffungswesen auf den Import von billigem Reis aus dem Ausland für Wohlfahrtsprogramme.

Vor kurzem jedoch hat das Handelsministerium den garantierten Kaufpreis von Bulog für ungeschälten Reis zum ersten Mal seit fünf Jahren erhöht. Gleichzeitig wurden Kredite von Bulog umstrukturiert, um finanziellen Druck zu lindern. Die neuen Ankaufspreise der Regierung sind etwas niedriger als die Preise, die von Reishändlern geboten werden, die mir derzeit bekannt sind, aber sie sind gewiss deutlich wettbewerbsfähiger.

Eine erläuternde Regelung für das neue Gesetz über nachhaltigen landwirtschaftlichen Anbau, die „Überschussernten“ definiert, liegt noch nicht vor. Jedoch gibt es Präzedenzfälle, die darauf hindeuten, dass die Armee möglicherweise mit dem Transport von Ernten beauftragt wird, die die Regierung gekauft hat.

Lokale Armeeeinheiten haben Bulog bei Bedarf zuvor logistische Unterstützung gegeben. Beispielsweise ‚ermutigten’ Soldaten Anfang 2018 in Süd-Sulawesi kontroverserweise Bäuer*innen, ihren ungeschälten Reis nicht an ihre regulären Reishändler*innen zu verkaufen, sondern an Bulog. Dabei lag der Kaufpreis der Regierung deutlich unter dem Marktpreis.

Als das Land 2018 die Selbstversorgung mit Reis sicherstellte, begann Bulog damit, Lagerhäuser der Luftwaffe zur Lagerung von überschüssigem Reis zu nutzen. Außerdem haben die Beamt*innen von Bulog auf nationaler, provinzieller und Regimentsebene oft einen militärischen oder polizeilichen Hintergrund und verfügen über Netzwerke, auf die zur Unterstützung der Lebensmittellogistik zurückgegriffen werden kann, was wohl kostengünstiger ist als der Einsatz privater Firmen. Wie könnte Bulog während einer länger andauernden Pandemie Nahrungsmittel auf sicherere Weise transportieren als durch den Einsatz der Armee, um Defizite bei der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln zwischen den Provinzen zu beheben?

Landumwandlung während der Pandemie

Während der Pandemie ergeben sich durch die Landumwandlung mehr Möglichkeiten für die Armee, Einnahmen aus der Landwirtschaft zu erzielen. Präsident Jokowi hat als Reaktion auf die Pandemie die Umwandlung riesiger Landflächen für die landwirtschaftliche Produktion angeordnet. Ein kontroverses und heftig kritisiertes Programm zur Umwandlung von etwa einer Million Hektar überwiegendem Torfland in Reisfelder in Zentral-Kalimantan wird vom Landwirtschaftsministerium und dem Ministerium für staatliche Unternehmen zügig vorangetrieben.

Wie andere Beobachter*innen bemerkt haben, erinnert dieses Projekt an das gescheiterte Mega-Reisprojekt der späten Suharto-Ära. Dieses Projekt versuchte ebenfalls, eine Million Hektar Land in Kalimantan für die Reisproduktion umzuwandeln (vgl. dazu den Artikel Neuer Reis-Plan – alte Fehler? auf suedostasien.net). In den letzten fünf Jahren hat die Armee in Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsministerium in Süd-Sumatra, Sulawesi, Kalimantan und Papua eine umfassende Landumwandlung für die Landwirtschaft vollzogen. Es scheint keinen Grund zu geben, warum die Regierung diese Vereinbarung mit der Armee zur raschen Landumwandlung im Namen der Unterstützung der Nahrungsmittelverfügbarkeit während der Pandemie nicht fortsetzen sollte.

Video: „‚Verbesserung’ der Lebensmittelsicherheit durch das Militär auf Tausenden Hektar von Feldern“:

Während der gut gemeinten Diskussion über das Risiko einer Nahrungsmittelkrise im Zusammenhang mit der Frage, ob in Teilen Indonesiens die Nahrung ausgehen kann und sich durch die Reaktion des Staates auf die Pandemie mehr Möglichkeiten für Profitmacherei eröffnen, findet auf dem Land ein einigermaßen geregelter Ablauf des täglichen Lebens statt. In einem Dorf auf Ostjava, in dem ich seit mehreren Jahren Feldforschung betreibe, ist die Reaktion auf die Pandemie – wie überall sonst auch – gemischt. Viele zeigen ein gewisses Maß an Vorsicht.

Andere haben hingegen nicht viel Zeit für die Aufregung über eine Krankheit, die in der Paranoia der Menschen stärker präsent zu sein scheint als in ihren Körpern. Die Sorgen über das unmittelbare Problem von Schädlingsausbrüchen, die Ernten vernichten, die wiederum ihr Einkommen und ihre Fähigkeit, Nahrung zu erhalten, beeinflussen, ist ein wesentlich wichtigerer Gesprächsstoff als COVID-19. Einige mir bekannte Bauern stellen Fotos von sich selbst bei der Arbeit in soziale Medien mit witzigen Kommentaren ein, z.B. über die Befürchtung, dass ihre Frau sie eher für lethargisch hält, als über die Befürchtung, dass das Virus sie lethargisch macht.

Lokale Perspektive auf Ernährungssicherheit und Pandemie

Der Zyklus der täglich stattfindenden Märkte des Unterdistrikts besteht weiterhin. Die Lieferung von Bulog-Reis für die Armen-Programme erfolgt immer noch – basierend auf persönlichen Beziehungen, die der Besitzer der Speditionsfirma zu einigen Beamt*innen unterhält. In anderen Unterdistrikten erfolgen die Bulog-Lieferungen jedoch wie üblich unregelmäßig. Dorfbewohner*innen berichten, dass die staatlich subventionierte Düngemittelverteilung immer noch so korrupt ist wie eh und je.

Einige, aber nicht alle Dorfbeamt*innen nutzen den kommunalen Überwachungsapparat zur Überwachung von COVID-19. Der/die mäßig respektierte Dorfsoldat*in scheint aktiver nach Informationen zu fragen. Der/die landwirtschaftliche Berater*in des Unterdistrikts, der/die Rat anbieten soll, verbringt immer noch mehr Zeit mit der Vermarktung von Saatgut und Pestiziden zur Stützung des eigenen Einkommens als mit Gesprächen mit Bäuer*innen. Niemand, den ich dort kenne, hat von KOSTRATANI gehört.

2020 kehrten aufgrund von Warnungen der Regierung weniger Menschen als üblich aus Jakarta und Surabaya zum Fastenbrechen (Idul Fitri) ins Dorf zurück. Dennoch ziehen Zwischenhändler*innen aus kleineren Städten und aus nahe gelegenen Unterbezirken zwischen den Dörfern umher. Sie wollen den Bäuer*innen Geld für Betriebsmittel leihen und die Ernten vorab aufkaufen. Als ich 2015 eine lange Reihe von Feldforschungen gemacht habe, rechtfertigten die Zwischenhändler*innen das Drücken der Kaufpreise für ihre Ernten gegenüber Bäuer*innen mit billigen ausländischen Getreideimporten. Diese Argumentation zeigte mir die agro-nationalistischen Überzeugungen einiger Landwirt*innen. Sie meinten, der Staat müsse mehr für ihren Schutz tun. Dieses Gefühl setzt sich in der Pandemie fort.

Gefahr durch die Krise

Halbherzige Lockdowns in ländliche Gemeinden mit sporadischer und inkonsistenter Überwachung setzten viele Haushalte dem Risiko aus, sich mit COVID-19 zu infizieren. Kleinbäuerliche und landlose Haushalte, die auf die Geldwirtschaft angewiesen sind, können sich nicht in ihren Häusern isolieren und haben sicherlich keinen Zugang zu Bulogs neuer Pandemie-Initiative „ipangan“ (Nahrungsmittellieferung nach Hause), die für die Mittelschicht in ausgewählten Städten angeboten wird.

Häufig haben Kleinbäuer*innen und landlose Bäuer*innen unerkannte gesundheitliche Komplikationen durch den häufigen Einsatz von unregulierten Pestiziden und Insektiziden zur Bekämpfung von Schädlingsausbrüchen. Zusammen mit dem starken Konsum von Energy-Drinks, Kaffee und Zigaretten sind dies Faktoren, die die potenzielle Gefahr eines COVID-19-Ausbruchs in solchen Gemeinden noch verstärken.

Eine Krise tritt in kurzer Zeit auf und erschüttert Leben. Ein Elternteil aus einem kleinbäuerlichen Haushalt, der wegen nicht diagnostiziertem COVID-19 plötzlich stirbt, ist eine Krise. Ein solches Ereignis gefährdet die Fähigkeit eines ganzen Haushalts, Zugang zu Nahrung zu behalten. Die Regierung kann nicht dazu beitragen, die Nahrungsmittelkrise eines Haushalts zu lösen, indem sie die Sicherheitsinstitutionen in die Lage versetzt, sich an den landwirtschaftlichen Versorgungsketten zu beteiligen, und auch nicht mit einer stärkeren regulatorischen Kontrolle.

Das seit langem populär gewordene Thema der Nahrungsmittelverfügbarkeit hat seine Wurzeln im Streben nach nationaler Nahrungsmittelselbstversorgung. Es hat den Agro-Nationalismus Indonesiens angeheizt. Während der Pandemie werden die Akteure, die bereits vom indonesischen Agro-Nationalismus profitieren, noch mehr davon profitieren, da die Regierung dem, was den Agro-Nationalismus ermöglicht, Priorität einräumt.

Der englische Originalartikel erschien am 4. Juni 2020 auf new mandala – dem online Magazin der Australian National University zu Südostasien – unter dem Titel Indonesia’s agro nationalism in the pandemic und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet und auf zwei Teile geteilt.</em

Übersetzung aus dem Englischen: Anna Grimminger

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Myanmar: Insekten als Nahrungsmittel haben in Myanmar Tradition. Bisher werden sie vor allem in der Natur gesammelt. Die steigende Nachfrage lässt die natürliche Insektenpopulation schrumpfen. Insektenzucht wäre eine nachhaltige Möglichkeit, den Insektenkonsum zu decken.

Insekten sind schmackhaft, nahrhaft und inzwischen auch in Europa in aller Munde. Sie sind kein arme Leute Essen, wie manch einer vermuten mag, sondern beliebt quer durch alle sozialen Schichten. Wer Insekten isst, wie sie gefangen und zubereitet werden und warum Insekten in Myanmar populär sind und weiterhin an Beliebtheit gewinnen, wird hier nachgegangen.

Spätestens seit 2018 die Novel Food Verordnung der Europäischen Union in Kraft trat und Insekten somit offiziell auch in Europa zu den (neuartigen) Lebensmitteln zählen, sind viele Europäer*innen neugierig mal eine Portion Grillen-Pasta oder Insektenmüsli zu probieren, um mitreden zu können oder auf einer Party die Gäste mit kleinen Insekten-Snacks herauszufordern. In weiten Teilen Südostasiens hingegen lehnt man sich da entspannt zurück, denn dort gibt es eine lange Tradition des Speiseinsektenkonsums als selbstverständlichen Teil der Nahrungskultur.

Insekten aus der Natur

Im ländlichen Raum Myanmars werden Insekten in der Natur gesammelt und als Teil einer normalen Mahlzeit oder auch als Snack zubereitet und gegessen. Die Frage, ob bei jungen Leuten Insekten eher als rückständig eingestuft würden und vorrangig in der älteren Generation beliebt seien, wurde von den Interviewpartnern*innen in Kengtung, im Osten Myanmars an der Grenze zu Thailand, verneint. Vielmehrberichteten sie, dass Kinder und Jugendlichen niemals eine Insektenmahlzeit verschmähen würden und dass Insekten oft zum Lieblingsessen zählen.

Die beste Saison für Insekten ist die Regenzeit, wenn es heiß und feucht ist. Je nach Jahreszeit kommen Riesengrillen, Bambusbohrerlarven oder Wasserkäfer auf den Tisch. Die Kleinbäuer*innen wissen genau, welche Insekten sie zu welcher Zeit des Jahres finden können. Aber auch im urbanen Raum lässt sich mit Essinsekten gutes Geld machen. Somit findet man auf Märkten zur Saison bergeweise Riesengrillen, die entweder direkt mit Salz und Öl in der Pfanne angebraten oder für die Zubereitung zu Hause gekauft werden. Außerdem gibt es auf den Märkten Hornissen/Wespenlarven (meist gemischt), Zikaden, Wasserkäfer, verschiedene kleine Grillenarten, Larven von roten Palmrüsselkäfern, Seidenraupenpuppen und andere Delikatessen zu kaufen.

Es ist auch kein ungewöhnliches Bild, sondern eher Teil des aufflammenden Trends in den Bars junge Menschen eine Portion Riesengrillen zu ihrem Bier essen zu sehen. Diese hochwertigen Proteinquellen sind aber keineswegs erschwinglicher als Fleisch oder Fisch, sondern eher hochpreisig. Auch im einen oder anderen vor allem chinesischen Restaurant, werden Insekten angeboten. Sie werden meist mit Salz und Öl, zum Teil auch mit anderen Gewürzen, angebraten und heiß serviert.

Verarbeitete Produkte gibt es bisher keine. Die Konsument*innen, die Insekten essen, erklärten, dass das ganze Insekt den sensorischen Reiz ausmache und es ohne knusprigen Körper im Mund nur das halbe kulinarische Vergnügen sei. Bisher stammen fast alle Insekten aus der Natur und werden mit verschiedenen Techniken gesammelt. Sie werden von Pflanzen abgesammelt. In Bambusstämme werden ca. fünf cm große Löcher gehackt, um die Larven der Bambusbohrer zu erreichen oder große Lichtfallen werden mit Wasserbecken aufgestellt, um Riesengrillen anzulocken. Produzierte Insekten sind fast ausschließlich aus Thailand oder China importiert. Aber inzwischen gibt es auch zwei Hände voll Pioniere, die meist kleine Grillenarten züchten und Eier aus Thailand beziehen.

“Ich esse keine Insekten, ich esse nur Riesengrillen” – wer sind die Insektenkonsument*innen?

“Ich esse keine Insekten, ich esse nur Riesengrillen” war ein häufig gehörter Satz während der Grundlagenforschungsreise eines Insektenprojektes in Zentralmyanmar. Er verweist auf die Tatsache, dass die prominenteste ethnische Gruppe im Land, die Bamar (69 Prozent der Bevölkerung), traditionell nur wenig Insekten isst und vor allem dem aktuellen Riesengrillen-Trend folgt. Diese Grillenart ist ungefähr daumengroß und nur in freier Wildbahn zu finden, da sie sich nicht für die Produktion eignet. Sie erfreut sich höchster Beliebtheit im gesamten Land und man könnte meinen, dass sie dabei ist, sich den Status des nationalen Ess-Insektes zu erwerben.

Die größte Vielfalt an konsumierten Essinsekten gibt es in den bergigeren Regionen des Landes und den Grenzregionen zu Thailand und China. An der Küste hingegen – wo es Proteinquellen aus dem Meer im Überfluss gibt – werden weniger Insekten gegessen. Aber auch dort finden sich Riesengrillen oder Larven des roten Palmrüsselkäfers auf den Märkten.

Das Essinsekt erweist sich auf den ersten Blick als verbindendes Nahrungsmittel zwischen verschiedenen sozialen Schichten. Wer allerdings keinen Zugang zu gesammelten Insekten aus der Natur hat, braucht das nötige Kleingeld. Eine Portion geröstete Riesengrillen (50 Stück) am Straßenstand kostet umgerechnet 4,40 Euro, eine Portion Seidenraupen (50-70 Stück) mit Knoblauch und Kräutern angemacht kostet im Onlinehandel umgerechnet 2,90 Euro.

Zum einen spielt die ethnische Herkunft eine Rolle für das Insektenschlemmen. Als Beispiel dafür ist in der Grenzregion die ethnische Gruppe der Pa-O besonders bekannt für ihre Liebe zu Essinsekten. Zum anderen entscheidet auch die Religionszugehörigkeit darüber, ob Insekten auf die Teller kommen oder nicht. Unter Muslimen und Hindus gelten Insekten als unreine Nahrungsmittel und werden meist abgelehnt. Die Anhänger*innen des buddhistischen Glaubens hingegen lehnen nur die Massentötung von Tieren inklusive Insekten ab, da sie als schlecht für das Karma gilt. Somit ist es nicht überall einfach, die Insektenproduktion als nachhaltige Alternative zum Sammeln anzupreisen.

Wertschöpfungsketten und Insektenmärkte

Viele der befragten Händler*innen, die im Insektensektor arbeiten, sind Frauen, die vorher Gemüse oder andere landwirtschaftliche Produkte vermarktet haben oder diese weiterhin parallel vermarkten. Insekten sind zwar die sehr viel lukrativere Einkommensquelle, aber je nach Art nur ein saisonales Produkt. Auf dem Markt der Hauptstadt des Shan Staates, Taunggyi, dem der Ruf des Essinsektenstaates Myanmars vorauseilt, gibt es auch als konserviert angepriesene Insekten. Diese sind meist einfach gebraten und in Plastikgläser verpackt worden. Die Haltbarkeit und Nahrungsmittelsicherheit sind bei diesem Verfahren allerdings fragwürdig.

Die Wertschöpfungsketten im Insektensektor sind teilweise kurz und auf die lokalen Märkte beschränkt, für einige Insekten verlaufen sie aber auch quer durchs Land oder über Ländergrenzen hinweg. Insbesondere für Riesengrillen existieren Groß- und Zwischenhandel. Aber auch die chinesischen Händler*innen in Rangun beziehen Seidenraupen aus China, die Händler*innen in der Grenzregion zu Thailand Ware aus der Grenzstadt Tachileik oder naheliegenden Städten in Thailand.

Die Händler*innen sind meistens Familienunternehmen, in denen jedes Familienmitglied seine Rolle hat. Ein Großhändler aus Mandalay verbringt oft den Oktober und November in Shwegu, im Kachinstaat und in Katha in der Sagaing-Region, von wo er seine Riesengrillen in großen Mengen bezieht. Dort friert er die Vorräte bei Verwandten in großen Gefriertruhen ein und lässt sich diese immer in Kühlboxen auf Eis nach Mandalay liefern, so dass die Konsument*innen sie für frisch gesammelt halten. Während er und sein Sohn vor Ort dafür sorgen, dass ausreichend Grillen gefangen und eingefroren werden, betreibt seine Frau das Business in Mandalay und versorgt die kleinen Händlerinnen täglich mit Grillen für ihre Straßenstände.

Der Druck auf Insektenpopulationen steigt durch urbanen Konsum

Die Händler*innen und Insektensammler*innen beklagten, dass die Verfügbarkeit der Insekten zurückginge und sie immer weiter reisen müssten, um in der Wildnis an ausreichend Insekten zu kommen. So berichtete einer der wichtigsten Großhändler von Riesengrillen aus Mandalay, dass er vor zehn Jahren in der Gegend um Mandalay und aus dem 1,5 Stunden entfernten Pyin Oo Lwin ausreichend Insekten fangen konnte. Inzwischen müsse er aber 7-8 Stunden in den Norden von Myanmar reisen, um überhaupt Insekten zu finden und der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Die Insektenpopulationen stehen unter Druck und schrumpfen durch den steigenden urbanen Konsum und fehlende Kontrollen des Sammelns. Insbesondere die Weibchen vieler Insektenarten, die Eier im Bauch tragen, erzielen höhere Preise und gelten als besonders schmackhaft. Diese Praktiken aber dezimieren die Insektenpopulationen noch mehr.

Fehlende politische Unterstützung

Die Produktion von essbaren Insekten eine interessante und nachhaltige Möglichkeit, den Insektenkonsum der Bevölkerung zu decken. Bisher aber fehlt vielen burmesischen Kleinbäuer*innen oder Kleinunternehmer*innen die Vorstellung davon, dass Insekten sich produzieren lassen, und gleichzeitig eilt den Insekten aus der Natur der Ruf voraus, von höherer Qualität zu sein.

Während in Thailand die Regierung durch den Aufbau von Trainingszentren und Trainingsreihen mit Produzent*innen und Konsument*innen Wissen über Essinsekten näher gebracht hat oder junge Unternehmer*innen sich über YouTube und andere soziale Medien das nötige Wissen zugelegt haben, hängen interessierte burmesische Kleinbäuer*innen und Unternehmer*innen noch in der Warteschleife. “Uns fehlt das Wissen und Kapital, um Insekten zu produzieren” äußerte ein interessierter Bauer aus Knegtung während einer Diskussionsrunde. Die Sorge, dass es keinen Markt gäbe, gibt es hingegen nicht.

Bisher gibt es kaum Unterstützung von Regierung oder Beratungsdiensten, da auch hier das Potenzial von Insekten in der Ernährung und als Einkommensquelle eher unbekannt ist. Das ProciNut-Projekt des deutschen Landwirtschaftsministeriums am Zentrum für Entwicklungsforschung versucht, die Idee und Vorzüge sowie Techniken der Produktion lokaler und typischer Insekten zu verbreiten und auf Policy-Ebene Bewusstseinsbildung zu betreiben. Auch im Bereich Verarbeitung gibt es viel ungenutztes Potenzial. In der burmesischen Küche ist es üblich, als Würze Garnelenpulver auf fast jedes Essen zu streuen. Dies könnte auch durch Grillenmehl oder andere Insektenmehle ergänzt werden.

Eine Plastikbox und Gemüseabfälle – so einfach ist die Insektenproduktion

Die Insektenproduktion kann relativ simpel sein. Für einige Insektenarten genügen Plastikboxen, Gemüseabfälle und etwas proteinreiche Nahrung für die Elterngeneration sowie ein Medium für die Eiablage. Wer aber die beliebte und schmackhafte Riesengrille produzieren möchte, muss auf Fortschritte in der Forschung warten. Momentan ist ihr Lebenszyklus zu lang und die natürlichen Lebensbedingungen sind schwer nachzubilden, um eine wirtschaftliche Produktion zu erzielen.

Die Feldforschung, auf der dieser Artikel basiert, wurde vom deutschen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) auf der Grundlage des Beschlusses des Parlaments der Bundesrepublik Deutschland finanziell unterstützt.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Timor-Leste – Traditionelle einheimische Lebensmittel sind in Timor-Leste in Vergessenheit geraten. Dabei ist traditionelle Nahrung gesund, ökologisch und Teil der Identität, und kann zur Ernährungssicherheit beitragen.

Osttimor, oder Timor-Leste, ist ein abgelegenes Land in Südostasien. Auf eine fast 500 Jahre dauernde Kolonisation durch Portugal folgten 24 Jahre brutaler militärischer Besetzung durch Indonesien. Nicht zuletzt dank der weltweiten solidarischen Unterstützung wurde Timor-Leste am 20. Mai 2002 eine unabhängige Nation. Doch die junge Nation war schwer gezeichnet: rund 180.000 Menschen waren an den Folgen des Krieges gestorben und etwa 80 Prozent der Infrastruktur des Landes wurden beim Rückzug Indonesiens 1999 zerstört.

Mit einheimischen und natürlichen Nahrungsmitteln konnten sich viele Menschen während der indonesischen Besatzungszeit ernähren. Die Mitglieder der Guerilla Falintil und die vielen Osttimores*innen, die diese in den Bergen unterstützten, litten Hungern und Unterernährung. Die lokalen Nahrungsmittel halfen ihnen dabei zu überleben, auch wenn das Wissen über die Zubereitung teilweise verloren gegangen war und die falsche Zubereitung auch für einige mit Vergiftungen einhergingen.

Essen heute

Der Botschafter der Europäischen Union in Timor-Leste, Andrew Jacobs, erklärte, dass „viele Kinder nicht das nahrhafte Essen und die Gesundheitsfürsorge erhalten, die sie brauchen“. Dies schadet nicht nur den Kindern selbst, sondern hat auch negative Auswirkungen auf die Gesellschaft“ (Antonio Sampaio 2020, Timorese government starts research on food and nutrition in the country, Antonio Sampaio (Lusa), 3 June, retrieved 18 June 2020).

Unter den ASEAN-Staaten (Verband Südostasiatischer Nationen Anm. d. Red.) haben Kinder in Timor-Leste unter fünf Jahren das höchste Risiko für Unterernährung. Laut Generaldirektion des Staates sind 46 Prozent der Kinder unter fünf Jahren fehlentwickelt (Stunting), 24 Prozent der Kinder sind stark untergewichtig (Wasting). Die Häufigkeit von Übergewicht beträgt 6 Prozent [1].

Dies ist darauf zurückzuführen, dass ihre Ernährung nicht über genug Nährstoffe verfügt. Ebenso ist Ernährungsunsicherheit ein Faktor, der die Gesundheit von Kindern und vieler erwachsener Menschen in Timor beeinträchtigt.

Im indigenen Australien, in Tonga und anderen Pazifikinseln sorgen einheimische und lokale Nahrungsmittel für eine gesunde Ernährung. Auch Timor-Leste sollte im Kampf gegen die hohe Unterernährung auf einheimische Lebensmittel als Nahrung zurückgreifen. Leider hat die Globalisierung negative Auswirkungen auf die Ernährung im Land. „Viele Menschen neigen heute dazu, die lokalen Nahrungsmitteln links liegen zu lassen. Sie kommen nicht mehr auf den Teller und sind somit den Kindern fremd“, erklärt meine Avo (Großmutter) Joana Guterres.

Avo Joana Guterres stammt aus Venilale bei Baucau. Sie ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Im Kreise einiger Nichten und Neffen war es faszinierend ihre Geschichten über unsere Nahrungsmittel und über das, was sie in Kriegszeiten gegessen haben, zu hören.

Essen während des Kriegs

Sie erklärte: „Es gab vier lebenswichtige Nahrungsmittel, die mich und meine Familie während des Krieges gerettet haben. Es sind gesunde, essbare Wildpflanzen. Wir hatten kein Geld, um Lebensmittel zu kaufen. Ich war dankbar, sie zu haben, um so meine Kinder und mich ernähren zu können.“

Mit traurigem Gesichtsausdruck erzählt sie von ihren Erfahrungen während des Krieges: „Während des Widerstandskampfes [Besatzung durch Indonesien 1975-1999, Anm. d. Red.] haben viele Menschen, darunter Ältere, Jugendliche und Kinder, nicht überlebt, weil sie nicht genug zu essen hatten. Wir aber aßen Maek (Knolle), Lehe (Bohnenart), Kali’i, Uhi (Süßkartoffeln), Koto-moruk (wilde, giftige Bohne) und einige andere Lebensmittel, um uns zu retten.

Maek, Uhi, Kali’i, Koto-moruk, Fehuk (Art von Kartoffel), Aifarina (Kassava) sind wilde Pflanzen. Viele Menschen wussten nicht, dass man sie essen kann. Auch einige osttimoresische Kämpfer begannen damit sie zu essen, weil es im Wald nicht genug Nahrung für sie gab. Sie erkannten, dass diese Pflanzen essbar waren und als Überlebensnahrung verwendet werden konnten. Sie betonte auch, dass, wenn Lebensmittel von Affen und anderen Tieren gegessen werden, es bedeutet, dass diese Lebensmittel für uns auch genießbar sind. Hungrig, wie wir waren, sahen wir wie diese Tiere sich davon ernähren. So haben wir die Pflanzen auch probiert.

Zum Beispiel Maek!

Maek war eine dieser Pflanzen, die die Menschen aßen, um zu überleben. Während des Krieges aßen Avo Joana und ihre Familie ausschließlich Maek und einige andere der „unbekannten Nahrungsmittel“, wie zum Beispiel Lehe und Kali’i.

Maek heißt in der Mediki-Sprache Bau. Es gibt zwei Arten von Maek: die essbare und die wilde Maek. Die essbare Maek wird saisonal im Garten angebaut. Sie hat einen helleren Stiel mit weißen und grünen Schattierungen. Die verzehrbare Knolle wird gesammelt und gegessen. Gekocht hat sie einen Geschmack ähnlich dem von Yamswurzeln. Die wilde Maek wächst überall im Wald, außer in sehr feuchten Gebieten. Sie hat einen anderen Stängel als die essbare, und sie kann Juckreiz im Mund verursachen, wenn sie nicht richtig gekocht wird. Maek wird in der Trockenzeit gepflanzt; im August oder September, nachdem der Reis geerntet wurde. Zu reifen beginnt sie, wenn im November die Wolkenbrüche einsetzen. Die Maek wird gekocht und geröstet und von den Bäuer*innen als Frühstücksnahrung verwendet“.

So sagt Avo Joana: „Maek hat immer eine wichtige Rolle bei unserer Zeremonie zur Reisernte gespielt. Es wurde zusammen mit Kali’i, Lehe und Uhi gekocht und den Teilnehmenden serviert. In Tetum [der lokalen Nationalsprache von Timor-Leste, Anm. d. Red.] wird die Zeremonie „Serimonia de Sama Hare“ genannt. Heute kommen nur noch wenige Menschen zur Zeremonie, leider wird sie zu einem verlorenen Brauch“.

Nicht nur Avo Joana Guterres weiß von der Bedeutung unserer lokalen Nahrung zu berichten. Der Guerilla-Kommandeur Santinho Mali-Lait ernannte
Mandioca é o pão do Maubere“ zum Brot der osttimoresischen Nationalist*innen [„Maubere“ steht für die einfache, ländliche Bevölkerung, Anm. d. Red.]. Dies spiegelt wider, wie die Guerillas und Widerstandsnetze mit indigener Nahrung überlebten. Und das muss wiederbelebt werden. Nur einige wenige dieser Nahrungsmittel werden noch immer gegessen, andere sind vergessen und durch importierte Nahrungsmittel ersetzt worden. Leider sind viele Osttimores*innen in dem Glauben aufgewachsen, dass nur arme Menschen Wildpflanzen essen.

Wiederbelebung der osttimoresischen Küche

Inzwischen erfahren die lokale Küche und Wildpflanzen eine Aufwertung durch eine noch kleine Bewegung im städtischen Zentrum von Dili. Einige wenige Cafés und Restaurants servieren in der Hauptstadt Gerichte, die auf lokalen Zutaten basieren und mit Wildpflanzen gekocht werden. Das Agora Food Studio und Restaurant bietet Schulungen an und begleitet junge Menschen beim Kochen und Servieren von nachhaltigem und gesundem timoresischem Essen. Das Restaurant Dilicious Timor, das dem jungen timoresischen Chefkoch Cesar Gaio gehört, bietet köstliches Essen von Timor-Leste an, zubereitet mit lokalen Zutaten. Damit trägt es zur Stärkung der einheimischen Landwirtschaft bei.

Junge, innovative Menschen, darunter junge Köch*innen, führen die neue Ernährungsbewegung an. Mit ihr hat die Wiederbelebung der osttimoresischen Küche begonnen. Statt in Dosen und Plastik verpackte Fertiggerichte zu essen, plädieren sie dafür, sich „bio“ zu ernähren und „das zu essen, was man anbaut“.

Adi Carvalho arbeitet in einem von Cardno durchgeführten und von USAID finanzierten Landwirtschaftsprojekt. Neben seiner Arbeit betreibt der junge Bauer auch seinen eigenen Gemüsegarten. Er postet regelmäßig auf Facebook die von ihm angebauten Lebensmittel. Den lokalen Bäuer*innen zeigt er, wie sich die heimischen Zutaten auf innovative Weise für Mahlzeiten, Snacks, Säfte und Desserts verarbeiten lassen. Dieser junge Landwirt liebt es, Menschen zum Verzehr von biologisch angebauter Nahrung zu ermutigen und stellt attraktive Mahlzeiten ins Internet, um die Menschen für seine neuen Rezepte zu begeistern. Ursprünglich wollte er nur seinen Freunden auf der Social-Media-Plattform mitteilen, was er in seinem Garten alles anbaut. Doch immer mehr Leute teilten seine Beiträge; das hat ihn inspiriert, noch mehr und regelmäßiger zu posten. Auf dem Foto präsentiert er seinen leckeren und gesunden Kuchen und Donuts aus Kürbis.

Kampf gegen die Unterernährung

Das Problem der Mangelernährung in Timor-Leste wird von vielen lokalen und internationalen NGOs, von der Regierung, insbesondere dem Gesundheitsministerium, aber auch von den lokalen Gemeinschaften selbst angegangen. Was sie essen und wie sie nahrhafte Mahlzeiten zubereiten können, um ihre Kinder gut zu ernähren, wird als ein wichtiges Thema angesehen. Wenn Kinder nicht mit ausreichend Nährstoffen versorgt werden, so hat das gravierende Folgen. Gemeinsam mit der Regierung führen NGOs und Ernährungsprogramme, die in den lokalen Gemeinschaften angesiedelt sind, durch. Die Programme, die auf lokale Nahrungsmittel setzten, sind die vielversprechendsten. All diese Beiträge haben bedeutende Veränderungen in den Gemeinden bewirkt. Jedes Jahr sinkt die Rate der Unterernährung um 1 bis 2 Prozent. Einige der Programme haben Ernährungslücken geschlossen und einige Gemeinden haben bereits die Ernährungsgewohnheiten ihrer Kinder verbessert.

Asosiasaun Halibur Inovador (AHI), Vereinigung von Innovator*innen, ist ein von der Regierung finanziertes Programm, das mit Gemeinden in ländlichen Gebieten zusammenarbeitet. Mit lokalen Nahrungsmitteln soll die Mangelernährung in Haushalten bekämpft werden. Dazu schulen die jungen Innovativen Gemeinden und wenden sich auch direkt an die Kinder mit der Botschaft: wertschätzt unsere einheimische Lebensmittel. Das Wissen um lokale Zutaten und Wildpflanzen ist in der Gesellschaft fast verloren gegangen.

„Vergesst nicht die alten Sorten, denn sie sind eure Wurzeln und eure Identität“

Es ist von entscheidender Bedeutung, die einheimische Sorten wiederzubeleben und ihre Geschichten für die jüngere Generation zu dokumentiert. Sie sind die wertvollen Lebensmittel unserer Vorfahren. Viele Menschen in Timor-Leste haben sich von ihnen abgewandt. Es fehlt ihnen an Informationen über den Nährwert dieser Nahrungsmittel. Stattdessen griffen sie zu billigen importierten Lebensmittel. Das hat zu einer ungesunden Ernährung geführt. Gesundes Essen zu fördern ist das Hauptziel von Ernährungsprogrammen.

Aus der einstigen Notnahrung im Krieg und zu Hungerzeiten werden heute innovative Gerichte zubereitet. Zwar gelten wilde Bohnen und Knollen als Nahrung in Notzeiten, doch in der traditionellen Ernährung der Timores*innen waren sie einst weit verbreitet.

Video: Erzählungen über Lebensmittel, die Timor-Leste definieren:

Anstatt importierte Lebensmittel von geringem Nährwert zu essen, ist es besser, aus der Vergangenheit zu lernen und den Kindern beizubringen, wie sie sich gesund ernähren können. Eine neue Ernährungsbewegung ist für unsere Nation zukunftsweisend.

Als Mitglied der jüngeren Generation fühle ich mich für die Bewahrung von traditioneller Nahrung verantwortlich. Wir sollten sie regelmäßig als Mahlzeit auf den Tisch bringen, sie Kindern und Gästen, die in unser Land kommen, servieren. Und nicht nur das: Lasst uns die Geschichten unserer Nahrungsmittel dokumentieren und sie für die nächsten Generationen lebendig halten.

Übersetzung aus dem Englischen von: Monika Schlicher

[1] General Directorate of State (GDS), Ministry of Health and ICF 2018, ‘Timor-Leste demographic and health survey 2016’ , Dili, Timor-Leste, and Rockville, Maryland, USA: GDS and ICF, S. 214

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Indonesien: Mit nachhaltiger Nahrungsmittelproduktion und der Verbesserung der Lage der Kleinbäuer*innen beschäftigen sich zunehmend auch islamische Initiativen. Ihre individuellen Projekte sowie politisch angelegte aktivistische Bewegungen werden hier vorgestellt und in ihre Reichweite geschildert.

In den letzten Jahren ist das Umweltbewusstsein unter islamischen Gelehrten und Organisationen in Indonesien deutlich gestiegen. Einige beginnen, eine islamische Umwelt- und Sozialethik zu artikulieren und versuchen aktiv, Probleme wie Klimawandel, Umweltverschmutzung und die zunehmend prekäre Lage von Kleinbäuer*innen anzugehen. In ihren Bemühungen haben islamische Gelehrte eine ethische Grundlage entwickelt, die auf dem Koran und den Hadithen (sunnitischen Sammlungen von Überlieferungen über Mohammed und sein Leben) basiert, um eine sozial und ökologisch nachhaltige Praxis zu unterstützen.

Viele dieser Projekte werden lokal von Individuen oder Kleingruppen angestoßen oder haben sich, sofern sie aufs ‚Große Ganze‘ abzielen, noch nicht durchgesetzt. In diesem Artikel beleuchten wir einerseits individuelle Projekte und andererseits politisch angelegte aktivistische Bewegungen, die sich der nachhaltigen Nahrungsmittelproduktion widmen.

Permakultur nach islamischen Prinzipien: Das sozial-ökologische Projekt Bumi Langit

Im Jahr 2006 gründete Iskandar Waworuntu die Permakultur-Farm Bumi Langit [deutsch: Erde und Himmel] bei Yogyakarta, wo etwa zehn Menschen leben und arbeiten. Sie produzieren Lebensmittel im Rahmen von Permakultur, fördern so die Biodiversität in der Region, und bieten Kurse für nachhaltige Landwirtschaft an. Des Weiteren unterstützt und integriert Bumi Langit Dorfbewohner*innen der Umgebung, die auf der Farm arbeiten.

Dieses sozial-ökologische Projekt ist zwar klein, erlangte aber durch die intensive Zusammenarbeit mit einer Vielzahl bekannter zivilgesellschaftlicher Organisationen, Aktivist*innenen und Universitäten nationale und internationale Bekanntheit. Gemeinsam mit (oft selbst ausgebildeten) Bäuer*innen betreibt Bumi Langit einen biologischen Erzeuger*innenmarkt. Inzwischen finden in und um Yogyakarta an mehreren Tagen pro Woche solche Märkte statt, die auch das Bewusstsein für nachhaltige und gesunde Nahrungsmittel steigern sollen.

Für Iskandar ist Bumi Langit sowohl ein Ausweg aus einem exzessiven, ignoranten und verschmutzten Leben als auch eine Gelegenheit, die islamische ethische Verpflichtung zu Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu praktizieren. Neben dem Training und dem Aufbau einer Zivilgesellschaft und der Umsetzung weiterer islamischer Konzepte ist ein Leben nach dem Gesetz Allahs ein zentrales Ziel von Bumi Langit, was für Iskandar untrennbar mit dem Konzept der Nachhaltigkeit verbunden ist.

Wachsendes Umweltbewusstsein in Sufi-Organisationen

Der kosmologisch-religiöse Ansatz von Bumi Langit zeigt Ähnlichkeiten mit denen anderer islamischer Gelehrter, die sich durch Bezugnahme auf den Koran und die Hadithen für den Umweltschutz einsetzen. Sie argumentieren, dass der Mensch in seiner einzigartigen Stellung als Khalifah (Stellvertreterschaft Allahs) den übermäßigen Verbrauch von natürlichen Ressourcen missbilligen sollte, und betrachten den Kapitalismus als die Quelle von Umweltproblemen.

Vor allem für Gruppen, die sufistisch [eine spirituelle, asketische Strömung des Islam] orientiert sind, spielt Umweltschutz eine zunehmend zentrale Rolle. Auch Teile von Nahdlatul Ulama (NU), der größten islamischen Organisation in Indonesien, die überwiegend im ländlichen Raum agiert, beziehen in zunehmendem Maße Stellung zu umweltpolitischen Fragen, welche besonders die Landbevölkerung betreffen. So machte etwa die nationale Versammlung 2017 nicht nur Fragen des gerechten Zugangs zu Land zu einem Schwerpunkt ihrer Empfehlungen und Rechtsurteile, sondern auch die des Umweltschutzes.

Seit den 1980er Jahren gibt es zunehmend viele Kyai [Gelehrte, Leiter von Pesantren, religiösen Internaten], die einen ökologischen Fokus auf ihre Arbeit legen und Umweltschutz und nachhaltige Landwirtschaft vorantreiben. So etwa Pesantren Mursidul Hadi nahe Yogyakarta, das in Zusammenarbeit mit der Bäuer*innen-Gewerkschaft SPI (der indonesischen Mitgliedsorganisation von La Via Campesina) Kurse in nachhaltiger Landwirtschaft für junge Bäuer*innen anbietet.

Interessanterweise bildet eine beträchtliche Anzahl von Pesantren die Schüler*innen nicht nur in der Durchführung von Umweltpraktiken gemäß der islamischen Theologie aus, sondern auch in der Entwicklung unternehmerischer Fähigkeiten, um die Rentabilität der Einrichtung zu erhöhen. So können Pesantren eine vermittelnde Rolle gegenüber der jeweiligen lokalen kleinbäuerlichen Gesellschaft einnehmen.

Religiöse Autoritäten und die staatliche Entwicklungsagenda

In den 2010er Jahren richtete auch die Regierung in Zusammenarbeit mit NU Dutzende von so genannten ‚Öko-Pesantren’ ein, um der Umweltzerstörung entgegenzuwirken. Im Zuge der globalen Diskurse über die Bekämpfung des Klimawandels wollten Ministerien und Kommunalverwaltungen das Bewusstsein für Umweltprobleme stärken.

Dazu wandten sie sich an lokale Kyai und nutzten deren breite Netzwerke in Pesantren sowie ihre einflussreiche Position in der Gesellschaft, um Informationen zu verbreiten und Projekte umzusetzen. Da die Verbindungen zwischen NU und Regierungsinstitutionen stark sind, arbeiteten muslimische Gelehrte mit Regierungsvertreter*innen zusammen, um eine islamische Ökotheologie zu entwickeln und Programme wie Abfallwirtschaft und ökologische Landwirtschaft umzusetzen.

Immer wieder stehen Umweltprojekte in Pesantren aber auch indirekt der nationalen Entwicklungsagenda entgegen, etwa wenn sie erneuerbare Energien und Biotreibstoffe fördern. Da die Regierung unter Joko Widodo für die javanische Wirtschaft der Zukunft vor allem auf Tourismus und die Förderung fossiler Brennstoffe setzt, ist die Unterstützung kleinbäuerlicher Existenzen demgegenüber nicht in ihrem Sinne. Die landwirtschaftliche Produktion soll nach Regierungswillen in Zukunft auf andere Inseln ausgelagert werden (vgl. dazu auch den Artikel zum Megareisprojekt auf südostasien.net). In diesen Fällen erhalten Pesantren keine staatliche Förderung und es ist oft schwer für sie, ihre Existenz aufrecht zu erhalten.

Lokale Aktivist*innen immer berichten außerdem immer wieder empört davon, dass manche Kyai mit Geldgeschenken oder anderen Vergünstigungen von Unternehmer*innen ‚gekauft‘ würden, um in ihrer Funktion als lokale religiöse Autoritäten deren Projekten zuzustimmen und die Bevölkerung zu beeinflussen.

Im Fall der Tujuh Bukit Goldmine (Tumpang Pitu) in Banyuwangi im Osten Javas etwa, die trotz massiver Proteste der Lokalbevölkerung in einem Umweltschutzgebiet genehmigt und errichtet wurde, wurden Anwohner*innen zu einem interreligiösen Gebet eingeladen, das die Goldmine buchstäblich absegnen sollte.

Hierzu hatten die Betreiber*innen Kleriker*innen aller relevanten lokalen religiösen Gruppen bewegen können. Mitglieder der lokalen Protestbewegung waren empört und äußerten den Verdacht, möglicherweise habe Bestechung eine Rolle gespielt. Die Mine gefährdet massiv die Nahrungsmittelversorgung und Lebensgrundlage lokaler Bäuer*innen und Fischer*innen, da durch den Bergbau Schlammlawinen ausgelöst werden, welche Felder überfluten, sowie giftige Abwässer ins Meer geraten, die die Lebewesen dort töten.

Kapitalismuskritischer islamischer Aktivismus

Die NU-nahe Bewegung FNKSDA (NU Front für die Souveränität über natürliche Ressourcen) ist eine Initiative junger Sufi-Aktivist*innen, die sich auch im Fall Tujuh Bukit auf die Seite lokaler Aktivist*innen stellt. Anders als die zuvor beschriebenen Initiativen setzt die Bewegung auf einen explizit politischen Kurs, indem sie mit säkularen Agrar-Aktivist*innen kooperiert sowie daran arbeitet, auf nationaler und regionaler Ebene NU-Entscheidungsträger*innen dahingehend zu beeinflussen, Stellung zugunsten der Bäuer*innen zu beziehen (vgl. dazu auch Artikel Religionsschüler gegen Agrarkapitalismus in südostasien 2/2017).

Viele der theologischen Begründungen von FNKSDA haben große Überschneidungen mit den bereits beschriebenen Gruppen, doch sind die politischen Forderungen weit reichender, da sie strukturell angelegt und expliziter antikapitalistisch formuliert sind. Es geht der Gruppe um soziale Gerechtigkeit, den Zugang zu und die Souveränität über natürliche Ressourcen, wozu wesentlich die Kontrolle über die Lebensmittelproduktion gehört. So setzen sich die jungen Aktivist*innen etwa gegen den Bau neuer Flughäfen in Yogyakarta und Cirebon und Kohlekraftwerke entlang der Nordküste Javas ein.

Am Beispiel Tujuh Bukit wiederum zeigt sich die Komplexität der Angelegenheit: unter den Investor*innen, die den Betreiber PT Merdeka Copper Gold fördern, sind nicht nur einige der größten Unternehmer Indonesiens (Edwin Soeryadjaya, Garibaldi Tohir) und einflussreiche Politiker*innen wie Sandiaga Uno, amtierender Vizegouverneur von Jakarta, vertreten. Auch eine so hochrangige NU-Figur wie Yenni Wahid saß bis 2015 im Aufsichtsrat von Merdeka Coppercold. Inzwischen trat sie – womöglich wegen des Protests gegen diese Beteiligung – zurück, während ihr Mann, Dhohir Farisi, weiter involviert ist.

Yenni ist nicht nur Politikerin, sondern auch in der Wahid-Stiftung involviert, die das geistige Erbe ihres Vaters, des humanistischen NU-Gelehrten und ehemaligen Präsidenten Indonesiens, Abdurrahman Wahid, fortführen soll. Die jungen Aktivist*innen stellen sich also mit ihrer Kritik nicht nur gegen politische, sondern auch gegen religiöse Autoritäten und unterstützen ein Modell dezentraler landwirtschaftlicher Produktion auf kleinbäuerlicher Basis. Weitere vergleichbare aktivistische Gruppen, auch in der modernistischen Organisation Muhammadiyah, gewinnen zunehmend an Einfluss.

Auf Java begrenzte Wirkung?

Die Förderung des ökologischen Bewusstseins durch islamische Massenorganisationen hat auf der Insel Java ihre größte Reichweite gefunden. Ein Hindernis für die flächendeckende Umsetzung von Umweltprojekten durch NU und Muhammadiyah ist die begrenzte Verbreitung von Wissen an deren Gruppen außerhalb Javas sowie die mangelnde Aufklärung der Religionsgelehrten auf dem Land über Klima- und Umweltveränderungen und ein wahrgenommenes Gefühl von Elitismus bei Kampagnen zum Klimawandel.

Die islamischen Umweltschutzprogramme haben in Gebieten wie Kalimantan und Sumatra nicht Fuß gefasst, obwohl diese Regionen unter dramatischen Auswirkungen der Umweltzerstörung leiden. Kalimantan ist das Zentrum der Kohleförderung und der ständig wachsenden Palmölplantagen.

Aufgrund dessen erleben viele Bewohner*innen derzeit drastische Veränderungen ihrer Lebensgrundlagen und kämpfen mit Konflikten um den Zugang zu Land, die Verteilung der Erträge aus den ausgebeuteten Ressourcen sowie mit einem erschwerten Zugang zu Nahrungsmitteln, die vielfach importiert und teuer bezahlt werden müssen. Da die Mehrheit der Bevölkerung Kalimantans muslimisch ist, gäbe es ein großes Potential für muslimische Gelehrte und Vertreter islamischer Institutionen, sich für den Erhalt der Umwelt und Nahrungsmittelsicherheit einzusetzen.

Diese Beispiele zeigen, dass Elemente des islamischen Kanons Anhaltspunkte für die Entwicklung einer Ökotheologie bieten, die Muslime zu aktivem Umweltschutz und nachhaltiger Nahrungsmittelproduktion inspiriert. Islamische sozial-ökologische Kleinprojekte erhöhen die Biodiversität und stärken die Lebensgrundlage der Landbevölkerung. Dennoch ist der „grüne Islam“ immer noch ein zahnloser Tiger, wenn es darum geht, die staatliche Entwicklungsagenda generell in Frage zu stellen. Aktivistische Bewegungen wie FNKSDA versuchen, in diesem Bereich größeren politischen Einfluss zu erlangen.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Thailand: Seit den 1990er Jahren verbreiten sich Convenience Stores in rasantem Tempo und verändern das Konsumverhalten in dem Land. Was bei den Einen für einen modernen praktischen Lifestyle steht, ist für die Anderen ein weiterer Schritt in die Prekarisierung.

Nachdem sie ihren Korb geleert hat, nimmt die Frau in Angestelltenuniform eine tragbare Registrierkasse heraus, um eine Quittung für ihren Kunden auszustellen. Sobald die späte Essenslieferung erledigt ist, kehrt die uniformierte Frau an ihren Arbeitsplatz zurück.

Die Frau in Uniform arbeitet nicht für ein Restaurant oder einen Lieferservice, sondern für einen Convenience-Store im Herzen der Stadt Bangkok. Nach Eingang einer Bestellung über die App des Geschäfts holt das Personal die ausgewählten Gerichte, wärmt sie in der Mikrowelle auf, verpackt sie und liefert sie in ein Haus, das etwa 200 Meter von ihrem Geschäft entfernt liegt.

Das Versprechen vom einfachen Leben

„Das ist sehr bequem. Ich brauche keinen Fuß aus meinem Haus zu setzen“, sagt eine Kundin, Mitte 70, die hinter der Tür ihres zentral gelegenen Hauses steht und anonym bleiben möchte. Im Umkreis von 100 m befinden sich mindestens ein Lebensmittelgeschäft, zwei Cafés und zwei weitere 7-Eleven-Verkaufsstellen.

Die Frau gehört zu den Millionen, die den jüngsten urbanen Lebensstil genießen. Abgesehen von den Essensläden am Straßenrand, die über die ganze Stadt verstreut sind, können die Städter*innen einfach zu Fuß zu einem Convenience-Store gehen, der an jeder Ecke auftaucht, um ein zum Verzehr fertiges Essen und Getränk zu bekommen.

Wer in Bangkok und anderen thailändischen Städten einen Convenience-Store betritt, findet als Kund*in fast alles, was man sich vorstellen kann. Von Fertiggerichten bis zu frisch gebrühten Getränken oder von Snacks bis zu frischen Zutaten zum Kochen, von Körperpflegeprodukten bis zu Basismedikamenten. Viele Convenience-Stores bieten auch eine Essecke an. Auch Dienstleistungen wie Kreditkarten- oder Rechnungsbezahlung, Postdienste oder Fotokopien sind in vielen Filialen zu finden.

Das Leben ist scheinbar viel einfacher geworden: Fast alle oben genannten Artikel können mit wenigen Klicks über das Smartphone an die Haustür geliefert werden. Diese Art bequemen Lebensstils ist nach dem Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie üblicher geworden, da die Thailänder*innen dazu ermutigt wurden, von zu Hause aus zu arbeiten und nur für notwendige Strecken herauszugehen. Immer mehr Menschen haben sich zunehmend auf Essenslieferungen verlassen, und zwar durch Lieferserviceunternehmen, Restaurants und Convenience-Stores.

Convenience Stores so weit das Auge reicht

Die Convenience-Store-Kultur ist für Thailand nichts Neues. 7-Eleven war die erste Convenience-Store-Kette, die 1990 in dem Land ankam. Die Kette startete langsam und feierte 1998 ihre tausendste Filiale. Als sich die Menschen an einen neuen Lebensstil zu gewöhnen begannen, wuchs die Kette drastisch und hatte 2002 die zweitausendste Filiale und 2009 dann die fünftausendste. Im Jahr 2017 wurde die Zahl der Filialen verdoppelt. Derzeit verfügt die Kette landesweit über 10.268 Filialen, von denen sich 4.556 in Bangkok und in Randgebieten befinden. Das Unternehmen rühmt sich, dass täglich rund 11,8 Millionen Kund*innen seine Filialen besuchen.

Laut Stock Exchange of Thailand (SET) ist der Nettogewinn von CP All Plc, dem Betreiber von 7-Eleven, von 16,67 Milliarden Baht (ca. 416,7 Millionen Euro) im Jahr 2016 auf 19,9 Milliarden Baht (ca. 517,5 Millionen Euro) im Jahr 2017, 20,92 Milliarden Baht (ca. 544 Millionen Euro) im Jahr 2018 und 22,34 Milliarden Baht (ca. 670 Millionen Euro) im vergangenen Jahr gestiegen. Der Nettogewinn des ersten Quartals 2020 erreichte bereits 5,6 Milliarden Baht (ca. 153 Millionen Euro).

Eine weitere Marke, Family Mart, hat landesweit 1.040 Verkaufsstellen. Bis Mitte 2009 gab es landesweit 123 Filialen von Lawson 108 Convenience-Stores, die an Gebäude, Bahnhöfe und Tankstellen angeschlossen sind. Die Marke erwartete zu expandieren und bis Ende letzten Jahres 150 Filialen zu erreichen.

Während Lawson 108 für seinen verzehrfertigen Oden (japanischer Fischkucheneintopf) und andere japanische Lebensmittel bekannt ist, ist Family Mart für seinen frisch gebrühten Kaffee und Tee und 7-Eleven für seine große Auswahl an praktischen Artikeln des täglichen Bedarfs von Lebensmitteln bis hin zu Snacks und anderen Dienstleistungen bekannt.

Vor allem allein stehende Menschen nutzen das Angebot

Betrachtet man das Wachstum der Convenience-Stores in Thailand, so ist das Rund-um-die-Uhr-Geschäft, das veraltete Mom-and-Pop-Shops (Tante-Emma-Läden) ersetzt hat, zweifellos zu einem unverzichtbaren Lebensstil geworden.

„Wenn es ein 7-Eleven-Schild gibt, weiß ich, dass ich nicht verhungern werde“, sagt eine 39-jährige Büroangestellte, die es vorzog, nur Tai genannt zu werden. Als hingebungsvolle Kundin kauft Tai normalerweise alles, von Fertiggerichten bis zu Snacks und von Desserts bis zu Kochzutaten in einer Verkaufsstelle im Erdgeschoss ihrer Wohnung.

„Wenn mir nicht einfällt, was ich essen soll, gehe ich einfach in den Laden. Sie sind sehr kreativ, wenn es um Präsentation, Abwechslung und Portionierung geht“, sagt Tai, deren Mahlzeiten oft von der vielfältigen Präsentation der Convenience-Stores inspiriert sind, die für städtische Menschen, die oft allein leben, konzipiert sind.

Tai wählt manchmal ein Set mit gegrilltem Schweinefleisch und Klebreis in Vakuumverpackung zum Frühstück, eine Packung Mango-Scheiben mit Dip oder eine gegrillte Banane als Snack am Nachmittag. Alle oben genannten Produkte könnte man leicht auf der Straße finden, aber viele von ihnen werden in einer größeren Portion verkauft oder sind noch nicht fertig zum Verzehr. Die Produkte und Erzeugnisse in diesen Convenience-Stores sind gut verpackt, hygienischer und für eine Portion gemacht.

Dank der kleinen Portion, die für eine Person bestimmt ist, kann der Preis pro Einheit von Produkten in einem Convenience-Store höher sein. Aber die auf der Straße angebotenen Produkte werden oft in einer großen Portion angeboten, die ein oder zwei Personen nicht verzehren können. Eines der beliebtesten Produkte im Convenience-Store ist die Banane. Auf dem traditionellen Markt muss man eine Hand voll Bananen kaufen, die man kaum verzehren kann. Aber in Convenience Stores kann man einfach eine Banane für den täglichen Verzehr mitnehmen, ohne zu Hause einen ganzen Haufen lagern zu müssen.

„Alles ist für eine Person bestimmt, das ist perfekt für eine Single wie mich“, sagt Tai, die bereit ist, mehr zu bezahlen, damit sie am Ende nicht für den Teil bezahlt, den sie nicht aufessen kann.

Entfremdung von Nahrungsmitteln

Wie Millionen von Stadtbewohner*innen in Bangkok verbringt Tai viele Stunden bis spät abends bei der Arbeit. Aber sie hat mehr Glück als andere, die am Stadtrand wohnen und täglich zwei bis vier Stunden zwischen Wohnung und Arbeitsplatz pendeln müssen. Lange Arbeitszeiten im Büro und im Verkehr führen dazu, dass die Einwohner*innen Bangkoks nicht kochen können und meist auf Fertiggerichte angewiesen sind, die je nach Budget und Vorliebe entweder von einer/m Straßenverkäufer*in oder einem Convenience Store kommen.

In der Vergangenheit kauften die Menschen auf Märkten frische Waren ein. Sie lernten die Jahreszeiten der Lebensmittel kennen, wenn sie sorgfältig Gemüse von den Haufen auswählten. Sie kauften frischen Fisch, der nicht als Filet verpackt war, oder Teile von Schweinen oder Rindern, die nicht gewürfelt oder in Scheiben geschnitten waren.

Tai gehört zur jüngeren Generation, die in der Stadt aufwächst und am liebsten in einem klimatisierten Markt einkauft, wo die rohen Zutaten zum Kochen für ein oder zwei Personen abgepackt werden – Gemüse wird sauber verpackt, Fleisch fein geschnitten oder Fisch filetiert. Wie die Mehrheit der Stadtbewohner*innen kennt sie die Jahreszeiten der Produkte nicht oder weiß nicht, wie sich Dürre oder Überschwemmung auf die Produkte und andere Lebensmittel auswirken würde. Abgesehen von ihrer Lieblingsfrucht, der Durian, die um den April herum erhältlich ist, gibt Tai zu, dass die Jahreszeiten der Produkte oder der Meeresfrüchte außerhalb ihres Wissens liegen.

Nanthawat Rawangnam, ein anderer Stammgast, hat einen ähnlichen Lebensstil. Der 24-Jährige, der seit seiner College-Zeit fast jeden Tag Lebensmittel, Snacks und Desserts im 7-Eleven Convenience-Store kauft, sagt: „Ich mag es nicht, in einer langen Schlange und in der heißen Sonne auf das Mittagessen zu warten. Ich bin sicher, dass [die verpackten Tiefkühlprodukte] hygienischer sind als die aus dem [frisch gekochten] Straßenverkaufswagen“.

Menschen mit niedrigem Einkommen sind die Verlierer

Es braucht jedoch mehr als nur die Hitze Bangkoks, die unzureichende Hygiene der Garküchen und die zweckentfremdete Nutzung des öffentlichen Raums durch die Street-Food-Verkäufer*innen. Das Verbot von Street Food ist ein weiterer Faktor, der dem Convenience Store zum Wachstum verholfen hat. Seit 2015 hat die Stadtverwaltung von Bangkok (BMA – Bangkok City Hall) 508 Verkaufsstellen für Street Food in der gesamten Hauptstadt verboten. Mit Unterstützung des National Council of Peace and Order (NCPO) – der 2014 an die Macht gekommenen Regierung der Putschisten – begann die BMA 2015 mit dem Verbot von Street Food, um den öffentlichen Raum von ‚illegalen Straßenverkäufen’ zurückzuerobern und um ein ‚ordentlicheres und saubereres’ Erscheinungsbild zu erreichen. Als Grund für das Verbot wurde später die Verbesserung der Lebensmittelhygiene angegeben.

Von außen betrachtet schien die Maßnahme der Öffentlichkeit zu nützen. Tatsächlich aber schadete sie den Menschen vor Ort, vor allem Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die sich ein Essen in Kaufhäusern oder Restaurants nicht leisten können. Die Behörden hätten Vorschriften einführen können, um die Nutzung des öffentlichen Raums zu begrenzen und die Lebensmittelhygiene bei Straßenverkäufer*innen zu verbessern. Es war jedoch weniger kompliziert, ein generelles Verbot von allem Street Food durchzusetzen und nur zwei Orte – Chinatown und die Khaosan Road – in den Touristengebieten übrig zu lassen, was den Einheimischen tatsächlich sehr geschadet hat.

Es ist unbestreitbar, dass sich nach dem generellen Verbot von Street Food eine große Zahl von Städter*innen Convenience-Stores zuwendete, mit ihren Angeboten von Fertiggerichten, vom Mittag- oder Abendessen in der Mikrowelle über Desserts und Gebäck bis hin zu frisch gebrühtem Kaffee.

Thee M. arbeitete früher in der Gegend von Ploenchit, einem der Geschäftsbezirke der Stadt. Der Büroangestellte, Mitte 40, erzählt davon, wie einfach es war, Frühstück oder einen Nachmittagssnack von einem/r der Straßenverkäufer*innen vor seinem Bürogebäude zu bekommen.Doch da es im Herzen der Stadt schwieriger geworden ist, auf der Straße etwas zu essen zu finden, werden Leute wie Thee wegen des sich ändernden urbanen Lebensstils bald ihre Vorliebe aufgeben müssen. „Das pauschale Verbot hat mir keine andere Wahl gelassen, als Essen in einem dieser Convenience-Stores zu kaufen“, sagt Thee.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Indonesien: Die Regierung des 260 Millionen Einwohner zählenden Landes sorgt sich um Ernährungssicherheit. Für ein Mega-Reisprojekt in Kalimantan sollen Torfmoore trocken gelegt werden. Eine ähnliche Praxis scheiterte in den 90er Jahren – mit fatalen Umweltfolgen

Nyoman Suryadiputra erinnert sich noch lebhaft an die Zeit, als er 1996 tief in das Herz der üppigen tropischen Torfmoorwälder in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo reiste. Dort wollte er ein ehrgeiziges Landwirtschaftsprojekt dokumentieren. Das Mega-Reisprojekt (MRP), das 1995 während der Herrschaft des ‚starken Mannes‘ Suharto ins Leben gerufen wurde, hatte ein Ausmaß wie kein anderes: eine Million Hektar Reisfelder – eine Fläche doppelt so groß wie die Insel Bali – in Torfmoorgebieten der Provinz Zentral-Kalimantan, um die Ernährungssicherheit zu erhöhen.

Eine vollständige Katastrophe

Während seiner Zeit dort hielt Suryadiputra, der heute Exekutivdirektor von Wetlands International Indonesia ist, das ehrgeizige Projekt auf einem Betamax-Camcorder fest. Was er miterlebte, war eine vollständige Katastrophe. „Die Affen rannten weg, als die Bagger anrückten“, sagt er gegenüber Mongabay. „Und es gab eine Menge Bagger, die [im Moor] versanken, weil die Böden weich waren, während die Bagger bis zu 22 Tonnen wiegen konnten“.

Er sah auch, wie tausende Kilometer von Kanälen gegraben wurden, um die Torfböden zu entwässern, und das alles ohne jegliche Umweltverträglichkeitsprüfung. „Als ich dort war, gruben die Arbeiter einen Kanal vom Westen her, während die anderen vom Osten her gruben“, berichtet Suryadiputra. „Kurz bevor diese Arbeiter sich in der Mitte trafen, sagten sie plötzlich ‚Halt‘! Es stellte sich heraus, dass es dort einen See gibt. Damals war die Satellitentechnik vielleicht noch nicht so ausgereift wie heute, also gruben sie einfach ohne einen klaren Plan.“

Die Regierung holte Bäuer*innen aus Java und Bali, um das neu gerodete Land zu kultivieren. Doch der nährstoffarme Torfboden erwies sich als zu ungeeignet für die Art von Reisanbau, wie er auf den mineralreichen Vulkanböden dieser beiden Inseln praktiziert wird. Die Regierung gab das Projekt schließlich auf und hinterließ eine ausgetrocknete Ödnis, die fast jedes Jahr in großem Umfang abbrennt.

Die Regierung möchte ein neues Megaprojekt

Jetzt möchte die Regierung von Präsident Joko Widodo ein ähnliches Megaprojekt starten, ebenfalls im Namen der Ernährungssicherheit, und kündigte vor kurzem die Rodung von 900.000 Hektar zur Anlage von Reisfeldern an – ein Schritt, vor dem Suryadiputra warnt, da sich die Geschichte damit wiederholen könnte.

Die Regierung hält das Projekt für notwendig, da Indonesien bereits die Last einer durch die COVID-19-Pandemie ausgelösten Nahrungsmittelknappheit zu spüren bekommt. Der Präsident zitierte auch eine Warnung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) vor einer drohenden globalen Nahrungsmittelkrise angesichts des Ausbruchs des Corona-Virus.

Wie schon bei MRP vor einem Vierteljahrhundert hat die Regierung wieder die Torfmoorgebiete Zentral-Kalimantans ins Auge gefasst – insbesondere im Bezirk Pulang Pisau, wo sich der größte Kanal des gescheiterten Projekts befindet. „Wir können es uns nicht leisten, den gleichen Fehler zweimal zu machen“, sagte Suryadiputra. „Deshalb ist eine umfassende Studie erforderlich. Denn wenn wir erneut scheitern, dann verschwenden wir Geld.“

Lektionen aus der Geschichte

Nazir Foead ist der Leiter der Agentur für Moorlandsanierung (BRG), die der Präsident nach den verheerenden Bränden der großen Torfmoorflächen im Jahr 2015 eingerichtet hat. Er sagt, es werde keine Wiederholung des MRP-Fiaskos geben, weil die Regierung aus ihren Fehlern gelernt habe. Viele der jetzt verantwortlichen hohen Beamt*innen seien Veteran*innen des MRP und abgeneigt, den gleichen Fehler noch einmal zu machen.

Das Wissen darüber, wie man Torfmoorgebiete nachhaltig bewirtschaftet, habe sich in den vergangenen Jahren ebenso entwickelt wie die Regierungspolitik zum Schutz von Torfmooren, fügt Nazir hinzu. Letztere wurde erst vor kurzem, nach den Bränden von 2015, ergriffen. Die Feuer wurden zum großen Teil durch die Trockenlegung von Torfsümpfen angeheizt, was diese hoch brennbar macht. Zu den Maßnahmen gehört nun die Einteilung der Torfmoorgebiete in zwei Typen: solche mit tiefen Schichten kohlenstoffreichen Torfs, die geschützt werden müssen, und solche mit flacheren Schichten, die kultiviert werden können. „Was die Politik betrifft, sind wir also besser vorbereitet“, sagt Nazir. „Das Paradigma für die Erhaltung von Torfmoorgebieten ist völlig anders als früher.“

Kritiker*innen verweisen jedoch auf besorgniserregende Anzeichen dafür, dass der neue Plan am Ende ein weiterer Misserfolg sein wird. Dazu gehört vor allem, dass er darauf angewiesen ist, dass große Gebiete von Torfmoorflächen für den Anbau gerodet werden – genau wie beim MRP.

Basuki Sumawinata, ein Boden- und Torfexperte am Institut für Landwirtschaft Bogor (IPB), sagt, es gebe keine erfolgreichen Beispiele dafür, dass Reis in großem Maßstab auf Torf angebaut werde. „In der Vergangenheit wollten wir in Süd-Sumatra 1970 ein Reisanbaugebiet eröffnen. Das ist am Ende gescheitert“, sagt er den lokalen Medien. „Und dann wollten wir 1995 eine Millionen Hektar bereitstellen. Wo auf dieser einen Million Hektar wurde der Reisanbau in Torfmoorgebieten aufrechterhalten?“

„Mit der Zerstörung des Torfs kommen die Brände“

Ein jüngeres Projekt ist das Programm Merauke Integrated Food and Energy Estate (MIFEE) in der östlichsten Region von Papua. Es wurde 2011 gestartet und zielte darauf ab, 1,2 Millionen Hektar überwiegend bewaldetes Land in die ‚künftige Kornkammer Indonesiens’ zu verwandeln. Doch die Regierung hat sich mit der Umsetzung schwer getan, vor allem wegen der Landfragen: Das geplante Areal würde sich mit Naturschutzgebieten von Primärwald und Wassereinzugsgebieten sowie den Territorien der indigenen Gruppen überschneiden.

Aktivist*innen sagen, das Projekt sei zu einer „lehrbuchmäßigen Landnahme“ geworden und widerspreche Indonesiens eigenen Verpflichtungen zum Schutz von Torfmoorgebieten, da ein Großteil des Distrikts Merauke aus Torf bestehe. Und mit der Zerstörung des Torfs kommen die Brände: 2015 wurden in Papua mehr als 11.000 Hotspots entdeckt, als Folge von absichtlich gelegten Bränden zur Rodung der Vegetation.

„Es wird befürchtet, dass die Umwandlung von Torf für die Landwirtschaft als Lösung für die Nahrungsmittelkrise dazu führt, dass der Torf austrocknet und das Torfökosystem in großem Maßstab schädigt“, sagt Rusmadya Maharudin, Leiter des Waldkampagnen-Teams von Greenpeace Indonesien, in einer Erklärung.

Im Jahr 2019 brannten Feuer auf fast 270.000 Hektar Fläche in Zentral-Kalimantan. Ein Großteil davon befand sich laut Rusmadya auf ehemaligem MRP-Gebiet, wobei der durch die Brände erzeugte Haze eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit dargestellt habe. Die Rodung von mehr Torfland für das neue Projekt werde die Brände und den Haze nur noch verstärken. Dies hat schwerwiegende Auswirkungen auf den Klimawandel, da Torfmoorgebiete zu den dichtesten Senken für Treibhausgase auf der Erde gehören. Indonesien ist bereits einer der weltweit größten Emittenten. Dabei ist der Großteil seiner Emissionen auf Landnutzungsänderungen zurückzuführen, darunter die Umwandlung von Torfmoorgebieten in Plantagen (vgl. Artikel Torfböden sind quasi reiner Treibstoff auf suedostasien.net).

Anbau auf ungeeignetem Boden

Expert*innen haben das Beharren der Regierung auf der Bepflanzung von Torfland trotz des Scheiterns des MRP und anderer Projekte in Frage gestellt. Sie weisen darauf hin, dass es für den Anbau von Reis, dem Grundnahrungsmittel in Indonesien, ungeeignet ist. „Torfmoorgebiete enthalten im Allgemeinen wenig Nährstoffe“, sagt Basuki vom ITB. „Wenn sie also für Reisfelder bewirtschaftet werden sollen, bedarf es einer gründlichen und ernsthaften Technologie mit Kosten, die wir uns nicht vorstellen können“.

Suryadiputra von Wetlands International sagt, genau dies sei mit dem MRP geschehen. In einem Pilotprojekt versuchte die Regierung auf 2.000 Quadratmetern Torfland in Sumatras Provinz Riau Reis anzubauen. Sie stellte fest, dass man zwei Tonnen Kalk hinzufügen musste, um den Säuregehalt des Bodens so weit zu senken, dass dieser für Reis geeignet war. „Ich konnte es nicht begreifen“, sagt er. „Würde der Preis für den Reis wegen der Kosten für den Kalk höher werden?“ Suryadiputra meint daher, die Regierung solle sich nicht nur auf den Reisanbau konzentrieren, sondern auch andere Arten von Nutzpflanzen diversifizieren, wie z.B. Sago, ein Grundnahrungsmittel in der östlichen Region Indonesiens.

Nazir von BRG sagt, dass seine Agentur für das aktuelle Projekt ein eigenes Pilotprojekt durchgeführt habe, bei dem Reis auf einem 80 Hektar großen Gelände im ehemaligen MRP-Gebiet gepflanzt wurde. Sie produzierten weniger als 3 Tonnen Reis pro Hektar – halb so viel wie auf Java und Bali und ähnlich wenig wie in Riau, wo ein Großteil der Fläche ebenfalls aus Torf besteht.

Dieses Mal werde die Technologie diese Bedenken ausräumen, sagt die Regierung. Nach Angaben von Landwirtschaftsminister Syahrul Yasin Limpo hat die Regierung eine spezielle Reisvariante vorbereitet, die sich für Torfbedingungen eignet. Der Generaldirektor des Ministeriums für landwirtschaftliche Infrastruktur, Sarwo Edhy, sagt, dass die Landwirte auch eine spezielle Art von Traktor verwenden könnten, der für sumpfige Torfmoorgebiete geeignet ist. Dies würde ihnen erlauben, einen Hektar Land in wenigen Stunden zu säen im Vergleich zu fünf oder sechs Tagen derzeit. Kombiniert mit der Aussicht, während der Trockenzeit Landwirtschaft betreiben zu können, mache dies Torfland zu der Zukunft der Landwirtschaft in Indonesien, sagt Sarwo. Er fügt hinzu, dass zwar die technischen Details des Plans noch geklärt werden müssten, die Beflanzung aber bereits 2020 beginnen könne.

Mangel an Bäuer*innen

Syahrul sagt, dass die erste Phase der Bepflanzung 164.000 Hektar Torfland umfassen werde, wofür das Landwirtschaftsministerium mindestens 300.000 Bäuer*innen einstellen müsse. Das wäre ein Neuntel der derzeitigen Bevölkerung Zentral-Kalimantans. Er sagt, der Mangel an Bäuer*innen sei einer der Gründe für das Scheitern des MRP; die Hälfte der fast 16.000 Bauernhaushalte, die für MRP von Java und Bali hergebracht wurden, hätten das Land verlassen und seien woanders hingezogen. Dabei wandten sich viele der illegalen Holzfällerei zu.

Diesmal, so Syahrul, werde sich das Ministerium mit der Provinzregierung abstimmen, um sich auf die benötigten Bäuer*innen vorzubereiten. Der koordinierende Wirtschaftsminister Airlangga Hartarto sagt, dass die Regierung in Kürze eine Umweltstudie durchführen und die Verfügbarkeit von Land und Arbeitskräften in einem voraussichtlich drei Wochen andauernden Prozess kartieren werde.

Suryadiputra warnt jedoch davor, den Plan angesichts des Umfangs des Projekts zu überstürzen, und fügt hinzu, dass eine detaillierte Studie mindestens ein Jahr dauern werde. „Ich rate der Regierung, eine sehr umfassende Studie über biophysikalische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte durchzuführen. Sie kann nicht nur in Teilen durchgeführt werden“, sagt er. „Wenn die Regierung lediglich nach einem Berater fragt, dann ist das sehr gefährlich.“

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

Der englische Originalartikel erschien am 19. Mai 2020 bei MONGABAY, News & Inspiration from Nature’s Frontline, und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet und auf zwei Teile aufgeteilt (hier geht es zu Teil II).

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Kambodscha: Im Grenzgebiet Prek Chrey brechen während der Corona-Pandemie die üblichen Einkommensquellen weg. Die Bewohner*innen ländlicher Gebiete stärken ihre Ernährungssicherheit, indem sie ökologischen Landbau wieder entdecken.

Die Corona-Pandemie hat sich auf verschiedene Aspekte menschlicher Sicherheit ausgewirkt. In Kambodscha, das vor allem in seinen ländlichen Gebieten immer noch als Entwicklungsland gilt, waren diese Auswirkungen erheblich. Viele Menschen verloren ihre Einkommensquellen. Ein Blick auf ein Fallbeispiel in der Gemeinde Prek Chrey im Süden der Provinz Kandal zeigt, wie ländliche Gemeinden in Kambodscha um ihre Ernährungssicherheit kämpfen.

Die Lage im Grenzgebiet Prek Chrey

Die Gemeinde Prek Chrey liegt im Süden der kambodschanischen Provinz Kandal neben der Flussgrenze zu Vietnam. Das Besondere an diesem Gebiet ist, dass es sowohl von ethnischen Khmer (Kambodschaner*innen) als auch von ethnischen Vietnames*innen bewohnt wird. Ethnische Vietnames*innen leben seit Generationen auf der kambodschanischen Seite der Grenze. Sowohl die Khmer als auch die ethnischen vietnamesischen Gemeinschaften sind weitgehend von der grenzüberschreitenden Verbindung mit Vietnam abhängig. Viele von ihnen haben ihre Arbeit auf der anderen Seite des Flusses, viele lokale Unternehmen sind auf den Import und Export von Waren angewiesen und die meisten Einheimischen kaufen ihre täglichen Lebensmittel auf dem Markt auf der vietnamesischen Seite.

Im März 2020 wurde die Grenze zwischen Kambodscha und Vietnam aufgrund der Bedrohung durch COVID-19 geschlossen, so dass die Dorfbewohner*innen nicht mehr zwischen den beiden Ländern pendeln konnten. Darüber hinaus wurden viele Unternehmen vorübergehend geschlossen, was zu wachsender Arbeitslosigkeit führte und somit die Wirtschafts- und Ernährungssicherheit in der Region bedrohte.

Ernährungssicherheit beginnt auf der Graswurzelebene

Khmer Community Development (KCD) ist eine kambodschanische Graswurzel-Nichtregierungsorganisation (NRO), die seit 2006 in der Gemeinde Prek Chrey tätig ist. Zu ihren Arbeitsbereichen gehören die Förderung von Kinderrechten (insbesondere das Recht auf Bildung), Friedenskonsolidierung zwischen Khmer und ethnischen Vietnames*innen in der Region sowie Gemeindeentwicklung und Ernährung. Als unmittelbare Reaktion auf die eskalierende Corona-Krise hat KCD beschlossen, seine Aktivitäten auf zwei Handlungsfelder zu konzentrieren: auf das Bewusstsein für Viren und Hygiene, um die Ausbreitung von Krankheiten in der Gemeinde zu verhindern, und auf die Stärkung des Bio-Gartenprojekts, das seit Jahren Teil der Aktivitäten der Organisation ist.

Um die Ernährungssicherheit in Prek Chrey zu gewährleisten und die Gemeinde widerstandsfähiger zu machen, hat KCD begonnen, Bio-Gemüsesaatgut an die Dorfbewohner*innen zu verteilen. Damit können die Dorfbewohner*innen Hausgärten anlegen beziehungsweise vorhandene Gärten verbessern, um die Produktion von eigenen Nahrungsmitteln zu sichern und zusätzliches Einkommen zu erzielen. Laut Rachany Mom, Projektleiter bei KCD, hat KCD seit Beginn der Pandemie Bio-Saatgut an mehr als 1.500 Haushalte in neun Dörfern der Gemeinde verteilt.

Hausgärten bewähren sich während der Pandemie

Da Personalbewegungen in den ersten Monaten der Corona-Krise in Kambodscha sehr begrenzt waren, hat KCD beschlossen, sich bei der Umsetzung der Hausgartenaktivitäten voll und ganz auf Außendienstmitarbeiter*innen zu verlassen. Die Außendienstmitarbeiter*innen der Organisation, die in der Gemeinde Prek Chrey wohnen, erhielten den Auftrag, an ihren Häusern Biogärten anzulegen, die als Vorbilder dienen und den Begünstigten Beratung und technische Unterstützung bieten sollen.

Ran Ren, KCD-Feldkoordinator für Projekte zur Ernährung und Gemeindeentwicklung, betont die Bedeutung dieser Praxis. „Früher hatte ich nicht viel Zeit, um in meinem Hausgarten zu arbeiten, aber ich habe versucht, mein Bestes zu geben. Während der Corona-Krise begann ich, ihm mehr Aufmerksamkeit zu schenken und versuchte, die Gartenarbeit zu fördern, indem ich nicht nur Samen gab, sondern auch ein Vorbild war. Jetzt kommen Leute aus dem Dorf zu mir nach Hause, weil ich die Samen von KCD habe. Wenn sie kommen, gebe ich ihnen nicht nur Samen, sondern zeige ihnen auch den Garten und erkläre ihnen, wie man Gemüse anbaut. Ich bin auch froh, einen Garten zu haben, weil er beim täglichen Ernährungsbedarf meiner Familie hilft.“

Diese Praxis hat sich als effektiv erwiesen. Jikhiet, Rans Nachbarin aus dem Dorf Prek Chrey, sagt, dass Ran sie, nachdem er ihr die Samen gegeben hatte, ermutigt habe, einen Hausgarten in ihrem Hinterhof anzulegen. Inzwischen habe sie damit gute Ergebnisse erzielt. Sie sagt, dass sie jetzt den täglichen Bedarf ihrer Familie mit Gemüse decken könne und sehr froh sei, dass die Lebensmittel `bio` seien. Da Jikhiet im Ruhestand ist und viel Freizeit hat, findet sie in der Gartenarbeit auch ein neues Hobby. Jikhiet wird von ihrer Nachbarin Nachbarn Phan unterstützt, die aufgrund von COVID-19 ihren Job im Casino an der Grenze verloren und ebenfalls einen Hausgarten angelegt hat. Jetzt kann sie bereits Bio-Gemüse für ihre Familie genießen. Darüber hinaus erwähnen beide Frauen, dass sie einen Teil des von ihnen angebauten Gemüses verkaufen könnten, was zum Einkommen ihrer Familien beitrage.

„Es hilft mir sehr, weil ich kein Geld ausgeben muss, um Gemüse zu kaufen. Ich kaufe nur ein bisschen Fleisch. Und manchmal verkaufe ich mein Gemüse und benutze dieses Geld, um Fleisch zu kaufen “, sagt Phan. Beide sind bestrebt, auch dann weiter im Garten zu arbeiten, wenn sich die Situation in Bezug auf das Virus verbessert. Phan erklärt, dass sie vor der Pandemie in der Küche des Casinos gearbeitet habe und ihre Kunden immer Bio-Lebensmittel bevorzugt hätten. Daher hofft sie, in Zukunft Gemüse aus ihrem Garten an das Restaurant des Casinos verkaufen zu können, um ein zusätzliches Einkommen zu erzielen.

Wiederentdeckung des ökologischen Landbaus

KCD fördert seit vielen Jahren den ökologischen Gartenbau als Teil seiner Projektaktivitäten, aber gerade jetzt, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, haben die Menschen seinen Wert wiederentdeckt. „Ich sehe, dass dies eine gute Gelegenheit ist, die Gartenaktivitäten in der Gemeinde auszuweiten und den ökologischen Landbau zu fördern“, sagt Ran. „Früher war es schwierig, Menschen zum Hausgärtnern zu ermutigen, jetzt sind sie bestrebt, dies zu tun. Die Corona-Krise war der Grund, warum die Menschen damit begonnen haben.“ Er sei besonders besorgt über viele Landwirt*innen, die immer noch chemische Pestizide und Düngemittel verwenden, und wolle in seiner Gemeinde natürliche Düngemittel wie Kompost fördern. Er sei diesbezüglich sehr optimistisch und erwähnt, dass die Menschen während der Corona-Krise mehr über die Gesundheit nachgedacht hätten, Kompost und andere natürliche Düngemittel verwendeten, ihre Fähigkeiten im ökologischen Gartenbau verbesserten und ihre Erfahrungen mit anderen teilten.

Die Menschen verließen sich nicht nur auf die Hilfe von KCD, sondern sie ergriffen auch selbst Maßnahmen, sagt Horrong Kimmoy, KCD Koordinatorin für Kinderrechte, als sie die kleine Fischfarm ihres Onkels zeigt. Seit der Grenzschließung hättenen die Menschen begonnen, nach neuen Wegen zu suchen, um ihren täglichen Ernährungsbedarf zu decken. Dies habe dazu geführt, dass sie sich mehr auf die natürliche Wirtschaft verlassen und nach neuen Wegen der Lebensmittelproduktion suchen. Ran unterstützt das und sagt, dass die Hühnerproduktion in der Gemeinde jetzt auch gestiegen sei. Die Menschen in der Gemeinde seien jetzt mehr daran interessiert, etwas über die Fisch- und Hühnerzucht zu lernen, und die neue Aufgabe der NRO bestünde nun darin, diesen Wissensbedarf zu decken.

Die Mitarbeiter*innen von KCD betonen, dass die Gartenarbeit zu Hause weitgehend der Gemeinde zugute gekommen sei. Die Vertriebskampagne für Saatgut habe jedoch nicht immer ihr Ziel erreicht. Einige Dörfer in der Gemeinde liegen in der Nähe des Flusses und werden daher während der Regenzeit, die sich langsam Kambodscha nähert, überflutet. Hong Siv, Fußballtrainer der Khmer- und vietnamesischen Fußballmannschaften von KCD, bemerkt traurig, dass einige Menschen, insbesondere diejenigen, die in den Dörfern leben, die während der Regenzeit überflutet werden, beschlossen hätten, die Samen für die nächste Landwirtschaftssaison aufzubewahren, da sie sich nicht sicher waren genug Zeit zu haben, um ihr Gemüse zu ernten. Rachany erwähnt, dass rund 74 Prozent der Menschen, die Samen von KCD erhalten haben, diese verwendet hätten. Der Rest habe beschlossen, auf das nächste Jahr zu warten. Ran erwähnt auch, dass Hausgärten hauptsächlich von Menschen angelegt worden seien, die an Orten leben, die während des Monsuns nicht überflutet werden.

Neben anderen Herausforderungen bestand auch das Problem der sozialen Distanzierung: So konnte zum Beispiel kein Workshop über natürliche Landwirtschaft organisiert werden. Statt dessen mussten die KCD-Mitarbeiter*innen die Beratung einzeln von Haus zu Haus durchführen, was zeit- und arbeitsaufwendig war. Einige Menschen, vor allem diejenigen, die zuvor nicht viel über die Organisation und ihre Aktivitäten wussten, hatten ebenfalls Vertrauensprobleme: als ihnen kostenlos Saatgutpakete angeboten wurden. Zunächst glaubten sie, dass die KCD-Mitarbeiter*innen versuchten, ihnen diese zu verkaufen.

Lernen aus der Krise

Die Corona-Pandemie ist zu einer Herausforderung für die Gemeinde Prek Chrey geworden. Die Krise hat zur Unterbrechung grenzüberschreitender Verbindungen geführt, die zahlreichen Khmer- und vietnamesischen Familien als Einkommensquelle dienten, und zur Schließung vieler Unternehmen, was zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit geführt hat. Daher waren die Ernährung und die wirtschaftliche Sicherheit in der Gemeinde weitgehend bedroht.

Gleichzeitig hat die Krise das Resilienz-Potential der Gemeinschaft in Bezug auf Ernährungssicherheit aufgezeigt. Es dauerte nur kurze Zeit, bis die Dorfbewohner*innen ihre Prioritäten überdachten und Maßnahmen ergriffen, um ihre tägliche Lebensmittelversorgung sicherzustellen. Insbesondere die Wiederentdeckung des Werts von Hausgärten und ökologischem Landbau hat sich als wirksames Mittel zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung erwiesen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Südostasien: Landgrabbing ist eine besonders dunkle Seite der Globalisierung. Konzerne aus dem Norden eignen sich immer mehr Ackerland in Ländern des Südens an. Der Film „Landraub“ zeigt die Folgen für die lokale Bevölkerung auf. Dabei kritisiert er nicht nur den Ressourcenverbrauch des Westens, sondern auch sein Entwicklungsmodell.

Ein dicht bewachsener tropischer Wald, sattes Grün und die harmonische Akustik der Stimmen von Vögeln und Insekten. Mit dieser Szene eröffnet der Film Landraub. Doch plötzlich endet die Idylle abrupt und wird ersetzt durch Bilder eines Bulldozers, der bedingungslos ein hölzernes Haus nach dem nächsten niederreißt. Einige Menschen betrachten das Treiben aus dem Hintergrund, eine Frau läuft schreiend auf ein brennendes Haus zu.

Diese Szene aus der kambodschanischen Provinz Kampong Speu steht exemplarisch für die weltweite Praxis vieler Konzerne und Agrarinvestor*innen, sich schnell möglichst viel Land anzueignen, koste es was es wolle. Landraub widmet sich den Problemen, vor denen viele Kleingrundbesitzer*innen stehen, wenn es darum geht, ihr Land zu verteidigen. Die Episoden aus Kambodscha, Sierra Leone und weiteren Ländern zeigen: Für die lokalen Bauern und Bäuerinnen ist es meist aussichtslos, ihre kleinen Stückchen Land gegen die Wirtschaftsgrößen zu verteidigen – gegen das Zusammenspiel von schwachen Regierungsstrukturen, korrupten Administrationen und dem Entwicklungsmodell westlicher Prägung.

Produzent Kurt Langbein widmete sich bereits Themen wie Medizin, Ernährung und sozialer Ungerechtigkeit. Mit Landraub spannt er einen globalen Bogen, stellt Missstände detailliert dar und löst emotionale Betroffenheit bei seinem Publikum aus – mit dem Anspruch, dass diese die eigene Lebensweise kritisch hinterfragen. Dabei lässt Langbein mehrere Seiten zu Wort kommen, sowohl Investor*innen der Konzerne und Banken als auch Politiker*innen oder Aktivist*innen, die das Landgrabbing anprangern – so wie der buddhistische Mönch Luon Sovath.

Den Vertriebenen eine Stimme geben

Mit seiner Digitalkamera dokumentiert Luon Sovath Fälle von Landraub in Kambodscha, führt Interviews mit Betroffenen und organisiert Demonstrationen. Zudem bringt seine Gemeinde Menschen, die von ihrem Land vertrieben wurden, vorübergehend in der Pagode unter. Luon Sovath will ihnen eine Stimme geben. Denn: Lokale Medien berichten viel zu wenig über sie, findet er. Kein Wunder, stehen in Kambodscha viele Medienhäuser unter starker Beobachtung der Regierung.

Im Film dokumentiert der Mönch, wie für eine neue Fabrik des Zuckerkonzerns Phnom Penh Sugar rund 1000 Familien ihre Existenzgrundlage entzogen wird. Sie wurden mit Gewalt von dem Stück Land vertrieben, das über Generationen in ihrem Familienbesitz war. Eine Frau, die mit ihren Kindern und Enkelkindern vom Reisanbau lebte, spricht aus, was viele über den Eigentümer der Fabrik denken: „Der Zucker ist süß, aber sein Herz ist bitter.“

Dass der Industriekomplex zum Firmenkonglomerat des Ex-Senators und heutigen Regierungsberaters Ly Yong Phat gehört, zeigt einmal mehr, wie eng industrielle und politische Interessen im Königreich verflochten sind. Eine Entschädigung ist in den meisten Fällen nicht vorgesehen und wird von Betroffenen aus Angst vor staatlichen Repressionen häufig auch nicht eingefordert. „Alle reden immer vom Gesetz. Aber das Recht des Stärkeren ist kein Gesetz“, mit diesem Satz fasst Luon Sovath die staatliche Willkür treffend zusammen.

Profitabel auch für europäische Unternehmen

Natürlich sind solche Vorgänge keineswegs innerkambodschanische Angelegenheiten – auch das macht die Dokumentation deutlich. So war es zum Beispiel das EU-Abkommen Everything But Arms, das der Zuckerproduktion in Kambodscha den entscheidenden Schub gab. Weil auch diverse europäische Konzerne an Firmen beteiligt sind, die Landraub praktizieren, ist das Interesse, diese Zustände zu ändern, entsprechend gering. Ganz im Gegenteil: EU-Programme fördern häufig die Unternehmen mit den größten Anbauflächen.

Die westliche Grundsatzhaltung, nach der Lebensmittel großflächig und durch intensiven Düngereinsatz angebaut werden müssen, wird auch in Indonesien gepredigt und aktiv umgesetzt. Beim täglichen Gelöbnis, einer Art ‚Morgenappell’, schwören die Mitarbeiter*innen der Hindoli-Plantage, sich stetig zu verbessern und sich für Fehlverhalten (zum Beispiel das Essen am Arbeitsplatz) zu schämen. Für John Hartmann, Leiter der Palmölplantage, die zum US-Konzern Cargill gehört, besteht in dieser Mantra-artigen Wiederholung der Unternehmensgrundsätze ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die tägliche Disziplin sei es, die eine kontinuierliche Verbesserung der Nahrungsmittel mit sich bringe. Diese Form der Indoktrination, in Kombination mit Bildern von den schier unendlichen Anbauflächen von Cargill in Indonesien, hinterlässt beim Zuschauer ein mulmiges Gefühl.

Der Zugang zu Anbauflächen spielt auch bei Wirtschaftsgipfeln zum Thema Agrarinvestitionen eine Rolle – im Film durch die Konferenz Agriculture Investment Summit in London repräsentiert. Dort beraten Vertreter*innen von Konzernen, Investmentbanken, Versicherungen und Hedgefonds über die kommenden Trends der Nahrungsmittelindustrie und Landankauf in Regionen des globalen Südens. Die Menschen, denen das Land dort gehört und die von Subsistenzwirtschaft leben, sind dabei nicht vertreten.

Kleinbäuerliche Betriebe schützen

Den Gegenentwurf zur ressourcenintensiven Agroindustrie, in der Menschenrechte immer wieder verletzt werden, legt im Film der Agrarexperte Hailu Ayara dar. Er arbeitet mit kleinbäuerlichen Betrieben in Äthiopien zusammen und zeigt auf, wie eine solche Landwirtschaft effizient und fruchtbar gestaltet werden kann. Mit Hilfe neuer Pflanztechniken oder dem Verwenden von Kompost lassen sich auch mit einfachen Mitteln Ertragssteigerungen erzielen. Die Argumentation, dass eine steigende Weltbevölkerung nur mit industrieller Landwirtschaft ausreichend ernährt werden könne, erscheint durch Beispiele wie diese vollkommen obsolet.

Es sind diese starken Charaktere, die dem Film seine implizit auffordernde, handlungsorientierte Haltung verleihen. Er beschreibt eine Welt, in der Agrarkonzerne frisches Gemüse verkaufen, das mit Charterflugzeugen in ferne Luxushotels geflogen wird. Gleichzeitig müssen die Menschen, die das Gemüse auf ihrem ehemals eigenen Land anbauen, um ihr Überleben bangen. Landraub kann als Appell verstanden werden, genau diese Zustände von Ungerechtigkeit, Hunger und Vertreibung zu hinterfragen und sich aktiv dagegen zu stellen. Ob mit der täglichen Kaufentscheidung oder einer langfristigen Aufklärungskampagne: Es liegt an uns, ob das Hab und Gut von Menschen weltweit sicher ist – oder eben nicht.

Rezension zu: Landraub. Regie: Kurt Langbein. 2015, 91 min.

Filmtrailer zur Dokumentation „Landraub“:

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Das ist der zweite Teil des Artikels „Neuer Reis-Plan – alte Fehler?“ (hier geht’s zu Teil I).

Indonesien – Während die Regierung ein Mega-Reisprojekt plant warnen verschiedene Stimmen vor damit verbundenen Umwelt- und Landproblemen. Zudem bleibt die Frage ob Kleinbäuer*innen mit eingebunden oder wie bei früheren Großprojekten weiter marginalisiert werden.

Der Leiter der Agentur für Moorlandsanierung (BRG) Nazir Foead, sagt, die Regierung werde diesmal besonders vorsichtig sein und sicherstellen, dass es sich bei den zu bewirtschaftenden Torfarealen um Gebiete handelt, die in der Vergangenheit bereits gerodet wurden und derzeit verlassen sind, einschließlich ehemaliger MRP-Gebiete. Dies erfüllt einen doppelten Zweck: So dient es dem Anbau von Feldfrüchten als auch der Sicherstellung, dass das Land während der Trockenzeit nicht wieder in Brand gerät. „Wir roden also keine Torfwälder, sondern Büsche, die früher verbrannt wurden und flachen Torf haben“.

Doch laut dem Exekutivdirektor von Wetlands International Indonesia Nyoman Suryadiputra sei dies nicht so einfach. Er merkte an, dass es sich bei Land mit einer flachen Torfschicht um ehemals tiefen Torf handeln könnte, der sich infolge der Trockenlegung gesenkt hat. Das könne es anfällig für Überschwemmungen machen. „Deshalb kann die Studie nicht nur teilweise durchgeführt werden“, sagt er. „Sie muss mindestens ein Jahr lang mit Satellitenbildern durchgeführt werden, um die Bodenbedeckung zu sehen.

Basuki Sumawinata vom Institut für Landwirtschaft Bogor (IPB) stellt in Frage, ob genügend geeignetes, bereits gerodetes Moorland zu finden ist, ohne neue Landstriche zu roden. Er sagt, die meisten Torfgebiete in Zentral-Kalimantan befänden sich in ausgewiesenen Waldgebieten und seien daher für Plantagen nicht zugänglich. „Es gibt ein weiteres Problem mit Torfmoorgebieten in Kalimantan“, sagte er. „Wie sieht der Plan für die eine Millionen Hektar des ehemaligen MRP-Gebiets aus? Sie befinden sich in Waldgebieten.“

Torfmoorgebiete (erneut) in Gefahr

Israr Albar, Leiter des Planungsdirektorats für Land- und Waldbrandmanagement im Ministerium für Umwelt und Forstwirtschaft, sagt während einer Diskussion über die Telekonferenzplattform Zoom, dass der Gouverneur von Zentral-Kalimantan die Zentralregierung darüber informiert habe, dass einige ehemalige MRP-Gebiete für verschiedene landwirtschaftliche Kulturen, darunter Reis, Zuckerrohr, Knollen und Bananen, mit einer Fläche von 300.000 Hektar vorgesehen seien.

Sunarti, Leiterin der Landwirtschaftsbehörde der Provinz, bestätigt die Größe der Fläche. Sie sagt jedoch, es sei speziell für Reis vorgesehen, und zwar im Rahmen eines von der Regierung 2017 initiierten Programms, das mehr als 660.000 Hektar umfasst. Zudem stehe bei der Zuteilung des Landes noch die Genehmigung durch die Zentralregierung aus.

Diese aber scheint laut Nazir unwahrscheinlich zu sein. Da ein Großteil des vorgeschlagenen Landes in ausgewiesene Waldgebiete falle, müsse das Umweltministerium eine Waldumwandlungsgenehmigung ausstellen, damit dort Landwirtschaft betrieben werden dürfe. „Natürlich hält der Umweltminister das Umweltgesetz und die Torfschutzverordnung aufrecht“, sagt er. „Der Vorschlag kann also möglicherweise noch nicht realisiert werden, weil er den Umweltschutzvorschriften widerspricht“.

Dimas Hartono, Direktor der Sektion Zentral-Kalimantan des Indonesischen Umweltforums (Walhi), der größten grünen NGO des Landes, sagt, es sei sehr gefährlich, die Genehmigung zu erteilen. Das fragliche Land umfasse Torfkuppeln, die als Wasserquelle für das Ökosystem ein entscheidender Teil des Torfökosystems sind. „Das vorgeschlagene Gebiet ist ein Naturschutzgebiet zwischen den torfhaltigen hydrologischen Gebieten des Kapuas-Flusses und des Kahayan-Flusses“, sagt er. „Wenn diese Torfgebiete geöffnet werden, wird es das zweite MRP werden, und die Torfmoorgebiete in Zentral-Kalimantan werden wieder zerstört werden“.

Wiederbelebung des Mega-Reis-Projektes

Der endgültige Standort für die neuen Reis-Flächen steht noch nicht vollständig fest. Die Regierung beabsichtigt aber, den Bezirk Pulang Pisau einzubeziehen. Dies basiert auf der Vorhersage hoher Niederschläge von bis zu drei Monaten innerhalb der Trockenzeit. Landwirtschaftsminister Syahrul besuchte den Bezirk am 15. Mai und vermaß ehemalige MRP-Gebiete mit einem Hubschrauber.

„Diejenigen, die optimiert werden [und mit Reis bepflanzt werden sollen], sind die ehemaligen MRP-Flächen“, sagt Syamsuddin, Leiter der Forschungsagentur für Agrartechnologie in Zentral-Kalimantan. „Um die Wahrheit zu sagen, die frühere Eröffnung [von Reisfeldern in den MRP-Gebieten] wurde im Gegensatz zu heute nicht mit ausreichender Technologie und Innovation unterstützt.“

Nazir schlägt bereits seit 2018 vor, die aufgegebenen Torfgebiete des MRP zu nutzen; bis heute hat die BRG 60.000 Hektar aufgegebene Torfgebiete kartiert, die sie für die Landwirtschaft für geeignet hält, weil sie nicht in Waldgebiete fallen und ihre Torfschicht flach ist.

Suryadiputra sagt, wenn die Regierung darauf bestehe, die ehemaligen MRP-Flächen zu kultivieren, müsse sie noch viele Fragen beantworten. „Ist die Kartierung angemessen? Nehmen wir an, das anvisierte Land liegt in flachen Torfmoorgebieten, aber auch in Überschwemmungsgebieten? Ist es an das Kanalnetz des MRP angeschlossen, das sich auf mehr als 4.500 Kilometer erstreckt? Gibt es an diesen Standorten Schwefelsäure? Wie hoch sind die Senkungsgrade dieser Torfmoorgebiete? Wer sind die Menschen, die als Landwirt*innen eingesetzt werden sollen? Verfügen sie über landwirtschaftliche Erfahrung mit Torfmoorgebieten?“

Basuki vom IPB stellt auch die Bereitschaft der Regierung in Frage. „Wenn Sie sich bis Dezember auf eine Nahrungsmittelkrise vorbereiten, welchen Monat haben wir dann jetzt? Wenn Sie 200.000 Hektar erschließen wollen, wie viel Ausrüstung brauchen Sie dafür? Tausende von Baggern müssen vorbereitet werden. Ist das möglich? Auf keinen Fall.“, meint er. „Wenn Sie also morgen hungrig sein werden und erst jetzt mit der Rodung der Felder beginnen, dann ist es unmöglich. Warum tun Sie es nicht schon lange vorher?“

Kleine Bäuer*innen, große Chancen

Aktivist*innen sehen in dem Plan der Regierung auch eine grausame Ironie. Seit Jahren verdrängt die Regierung Kleinbäuer*innen von ihrem Land zugunsten der von Unternehmen betriebenen Mega-Plantagen, insbesondere für Ölpalmen und Infrastrukturprojekte. Das hat dazu geführt, dass jedes Jahr 128.000 Hektar kleinbäuerliches Ackerland verloren gingen und zwischen 2003 und 2013 5,1 Millionen bäuerliche Haushalte gezwungen waren, andere Arten des Lebensunterhalts zu finden.

Zu Beginn des Jahres 2020 gab es in Indonesien noch 7,46 Millionen Hektar Ackerland im Vergleich zu 16,4 Millionen Hektar Palmöl-Plantagen, die im letzten Jahrzehnt eine rasche Expansion erfahren haben (vgl. Artikel Wie Staat und Kapital die Palmöl-Expansion vorantreiben auf suedostasien.net).

„Die Größe der [Ernte-]Felder nimmt also immer weiter ab“, sagt Dewi Kartika, Generalsekretärin des Agrarreformkonsortiums (KPA). „Und wir wissen, dass es die Politik der Regierung ist, Infrastrukturentwicklungen, große Investitionen und den Premium-Tourismus voranzutreiben, der auf Dörfer abzielt, die über produktives Land verfügen, einschließlich der gewöhnlichen Dörfer.“

Nahrungsmittelknappheit als Folge verfehlter Politik

Doch selbst wenn sie ihr Land verlieren, werden die Bäuer*innen von der Regierung aufgefordert, während der COVID-19-Pandemie weiter zu arbeiten, um sicherzustellen, dass Indonesien genügend Nahrungsmittel hat. Die derzeitige Nahrungsmittelknappheit ist nicht nur auf die Pandemie zurückzuführen, sagen Aktivist*innen, sondern auch auf die Politik der Regierung. Diese bevorzuge großflächige Monokultur-Plantagen, die von großen Unternehmen verwaltet werden, statt von Kleinbäuer*innen geführte Betriebe, die diversifizierte Kulturen anbauen.

„Diese Krise muss ein Weckruf für die Regierung sein, die keine Agrarreform durchgeführt hat“, sagt Dewi. „[Der Präsident] forderte die Bäuer*innen auf, während der Pandemie weiter zu ernten und hart zu arbeiten, aber es gibt viele Bäuer*innen, die in den vergangenen zwei Monaten von der Vertreibung von staatseigenem Firmenland, einschließlich der Plantagen-Unternehmen, bedroht und bei der Polizei angezeigt wurden. In Süd-Sumatra starb ein Bauer wegen eines Konflikts mit einem Plantagen-Unternehmen. Es besteht also ein Widerspruch. Bäuer*innen sind weiterhin nicht sicher“.

Dewi sagt, dass Bäuer*innen, die es geschafft haben, ihr Land zu behalten, in der Lage sind, der Nahrungsmittelknappheit zu widerstehen.“Sie können ihre Familien und ihre Nachbar*innen ernähren, sie können sogar einen Teil ihrer Ernte für die Menschen in den Städten beiseite legen“, sagt Dewi. Diejenigen, die ihr Land an Plantagen- und Bergbauunternehmen verkauft haben, laufen währenddessen Gefahr, nicht genug Nahrungsmittel zu haben.

Doch der Landbesitz in Indonesien konzentriert sich zunehmend in einer kleinen Zahl von Händen, wobei 1% der Indonesier 59% des Landes besitzen. Die Bäuer*innen haben im Durchschnitt weniger als einen halben Hektar. Um gegen diese Ungleichheit anzugehen, hat Präsident Widodo ein Landreformprogramm eingeleitet, in dessen Rahmen die Regierung Kleinbäuer*innen Titel für mehr als neun Millionen Hektar Land erteilen will.

Mangelhafte Umsetzung von Agrarreformen

Im Jahr 2018 legte die KPA der Regierung eine Karte der priorisierten Gebiete für die Landreform vor. Sie umfassen mehr als 654.000 Hektar und werden von etwa 445.000 Familien bewohnt. „Aber dies wurde von der Regierung nicht vollständig unterstützt und diese Dorfbewohner*innen sind anfällig dafür, von der Regierung und den Unternehmen kriminalisiert zu werden“, sagt Dewi.

Sie fordert die Regierung auf, ihr Versprechen einer Agrarreform durch die Umverteilung von Land einzulösen, die sowohl den Bäuer*innen als auch dem Staat helfen würde, indem für mehr Ernährungssicherheit gesorgt ist. Ohne das Agrarreformprogramm an den Plan zur Schaffung neuer Reisfelder zu binden, riskiere die Regierung, weitere Konflikte zu entfachen, indem sie Land von lokalen Bewohner*innen übernehme, das sie für unproduktiv halte, so Dewi.

„Wenn wir nicht beantworten können, wofür und für wen dieser Plan gedacht ist, werden neue Agrarkonflikte aufflammen“, sagt sie. „Leeres Land bedeutet nicht, dass sie keine Besitzer*innen haben. In Papua sind viele indigene Völker dem dortigen Food Estate-Programm zum Opfer gefallen. Es muss also sichergestellt werden, dass dieses Programm für Bäuer*innen und traditionelle Feldarbeiter*innen ist, damit diese zu den Hauptakteur*innen werden“.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

Der englische Originalartikel erschien am 19. Mai 2020 bei MONGABAY, News & Inspiration from Nature’s Frontline, und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Myanmar: Eine Gruppe Hühnerfarmer*innen in Myanmar setzt auf alternative Produktionsbedingungen und vermarktet Eier ohne den Einsatz von Antibiotika.

Seit der politischen und wirtschaftlichen Öffnung des Landes vor einigen Jahren hat die industrielle Hühnerhaltung in Myanmar zugenommen: Um die stetig wachsende Metropole Yangon haben sich in sogenannten Agricultural Production Zones (landwirtschaftliche Produktionszonen) zahlreiche Hühermast- und Legehennenbetriebe angesiedelt, um dem steigenden Bedarf an Hühnerfleisch und Eiern gerecht zu werden.

Viele dieser Betriebe halten Hühner unter Bedingungen, die europäischer industrieller Hühnerhaltung gleichen: zusammengepfercht auf einer Fläche von wenigen Quadratzentimetern drängen sich die Tiere dicht an dicht in Drahtkäfigen, ohne Möglichkeiten für ausreichend Bewegung oder arttypisches Verhalten wie Scharren oder Picken.

Unter solchen Bedingungen entstehen und verbreiten sich schnell Krankheiten, die rasch zu einer oft lang anhaltenden Verminderung der Legeleistung führen. Um dem vorzubeugen, aber auch um entstandene Krankheiten effektiv zu bekämpfen, werden in großem Maße Antibiotika eingesetzt.

Es bedarf keiner tierärztlichen Verschreibung, um an die potenten Medikamente heran zu kommen. Sie werden frei verkauft und ihr Verbrauch wird auch nicht dokumentiert. Antibiotika landen bei Anwendung am Tier auch in deren Produkten – im Fleisch, in der Milch oder in Eiern. Um Verbraucher*innen vor dem Verzehr von Antibiotika-Rückständen zu schützen, sind in Europa Regeln in Kraft, die vorschreiben, wie lange Eier nach Gebrauch von Medikamenten nicht verkauft werden dürfen – und stichprobenartig werden alle Betriebe regelmäßig geprüft. In Myanmar aber gibt es Vergleichbares nicht. Eier werden auch bei Antibiotika-Behandlung weiterhin verkauft.

Antibiotika-Resistenz wächst weltweit

Weltweit gibt es seit vielen Jahren einen rasanten Anstieg so genannter resistenter Bakterien. Diese haben Schutzmechanismen gegen die Wirkweise vieler Antibiotika ausgebildet und sind somit nicht mehr angreifbar. Infektionen bei Mensch und Tier können sich so ungehindert ausbreiten. Bislang einfach behandelbare Krankheiten können deshalb potenziell tödlich enden. Laut Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) ist Antibiotika-Resistenz heute eine der größten Bedrohungen für die globale Gesundheit, Ernährungssicherheit und Entwicklung.

Wenn ein neues Antibiotikum auf den Markt kommt, dauert es oft nicht lange, bis die ersten Resistenzen auftreten. Jeder Einsatz von Antibiotika fördert die Bildung von Resistenzen: Empfindliche Bakterien werden abgetötet – die Resistenten jedoch überleben und vermehren sich weiter. Antibiotika-resistente Erreger treten daher oft dort auf, wo viele Antibiotika eingesetzt werden, etwa in Kliniken, aber auch in der Landwirtschaft. Daher muss der Einsatz von Antibiotika weltweit strenger reguliert werden. In Europa gibt es ein institutionelles Rückgrat, das dies bewerkstelligen kann – in Ländern wie Myanmar fehlen diese regulatorischen Kapazitäten aber noch.

Neue Ideen brauchen mutige Vorreiter*innen

Die Healthy Egg Production Group (HEPG), eine Gruppe von Kleinbäuer*innen, die sich schon länger für eine Verbreitung von alternativen Haltungsformen einsetzen, hat deshalb im Jahr 2018 einen neuen Weg eingeschlagen. Sie setzen auf Eierproduktion frei von Antibiotika – ein Trend, der in vielen Ländern langsam um sich greift. So verkauft die thailändische Firma Betrago beispielsweise seit einigen Jahren in großem Stil Eier ohne den Einsatz von Antibiotika.

Die Gründung der HEPG wurde durch ein Projekt der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) mit unterstützt. Das galt vor allem für die Grundvoraussetzung des Projektes, nämlich der Etablierung eines glaubwürdigen Testsystems für Antibiotika-Rückstände im Ei.

In Myanmar werden wie erwähnt, Eier nicht routinemäßig auf Rückstände überprüft. Die Initiative war und ist somit eine nationale Vorreiterin. Das Projekt übernahm während der Anlaufphase die Kosten für die monatlichen Tests, die nun aber selbst von den Landwirt*innen getragen werden. Diese machen einen Großteil des Eipreises aus. Die Tests werden in einem staatlichen veterinärmedizinischen Labor durchgeführt: So wird sichergestellt, dass die Tests professionell und unabhängig ausgeführt werden. Die Test-Kits selbst wurden aus dem Ausland importiert, denn in Myanmar selbst gibt es diese angewandte Art von Verfahren noch nicht.

Um eine gesicherte Abnahme der Eier zu gewährleisten, vernetzte die Initiative sich mit der führenden Supermarktkette in Myanmar: die CityMart Holding betreibt in Myanmars Hauptstadt Yangon eine Großzahl an Geschäften und ist nun auch landesweit auf Expansionskurs. Dabei sind Supermärkte, wie wir sie in Europa kennen, noch gar nicht allzu lange im Land. Die erste Filiale öffnete 1996 ihre Pforten.

Die Betreiber*innen von CityMart sagten den Ankauf einer festen Anzahl von Eiern über einen Zeitraum von sechs Monaten zu und gewährleisteten damit eine gewisse finanzielle Sicherheit. Das Risiko lastete so nicht auf den Schultern der teilnehmenden Landwirt*innen. Denn ob die Eier sich auch gut verkaufen lassen würden, wusste zunächst niemand.

Unabhängige Institution prüft Produktionsstandards

Um die Neutralität der Prüfung durch eine unabhängige Institution zu gewährleisten, wurde die führende burmesische Vereinigung zur Förderung ökologisch hergestellter Lebensmittel mit ins Boot geholt. Die Myanmar Organic Agriculture Group (MOAG) zertifiziert die teilnehmenden Farmen. Landwirt*innen, die Mitglieder der HEPG werden möchten, müssen sich zu bestimmten Produktionsstandards verpflichten und ihre Eier monatlich auf Rückstände testen lassen.

Die Standards wurden in Zusammenarbeit mit der FAO ausgearbeitet. Sie orientieren sich an internationalen Zertifizierungstandards wie den ASEAN Good Animal Husbandry Practices. Doch sie berücksichtigen auch die Realität und Machbarkeit im lokalen Kontext. So ist es beispielsweise den meisten Landwirt*innen aus finanziellen Gründen nicht möglich, ihr gesamtes Grundstück einzuzäunen, oder die Kosten für eine weitläufige Umstrukturierung ihrer Gebäudekomplexe, die zur Verminderung vom Auftreten von Krankheiten bei den Tieren führen würde, zu tragen.

Der Vorsitzende der Vereinigung, U Hnin Oo, brachte seine langjährige Erfahrung mit Zertifizierungsprozessen für ökologisch angebauten Reis und Tee mit. Zertifizierte Tierprodukte gibt es aber bislang im Land nicht. Jetzt gibt es ein eigenes Gütesiegel, das erste im Land für Eier: MOAG – Raised without Antibiotics.

Grund hierfür sind zum einen mangelnde Nachfrage und fehlendes Bewusstsein für die Thematik der nachhaltigen Landwirtschaft. Zum anderen ist Myanmar eines der ärmste Länder Südostasiens und es ist ein Privileg der langsam aufkeimenden Mittelschicht, sich diese Produkte, die ja auch deutlich teurer sind, leisten zu können. Ein konventionell hergestelltes Ei kostet je nach Jahreszeit um die 80 bis 100 burmesische Kyat (MMK); die Eier der HPEG 290 pro Stück, was ungefähr 22 Eurocent entspricht.

Bei Verbraucher*innen wächst das Interesse

Doch immer mehr Menschen in Myanmar interessieren sich für die Herkunft und Produktion ihrer Lebensmittel. Seit einigen Jahren gibt es regelmäßig einen kleinen Bauernmarkt in Yangons Innenstadt, auf dem lokale Farmer*innen ihre Waren anbieten, die naturnah hergestellt werden. Und so hatte die HEPG bis zum heutigen Tag Erfolg. Ihre Eier verkaufen sich durchweg gut und die Gruppe plant, zu expandieren. Anfragen kommen vermehrt auch aus anderen Teilen des Landes. Durch einen Auftritt in einer bekannten burmesischen Radiosendung steigerte sich der Bekanntheitsgrad der Gruppe schlagartig.

Die Corona-Krise wirkt sich auch auf die HEPG aus. Es kam erst kurz zu einem rasanten Anstieg der Verkaufszahlen, als die Regierung einen zweiwöchigen Lockdown ankündigte. Danach aber mieden Menschen den Besuch von Einkaufszentren und die damit verbundenen Menschenansammlungen. Die Verkaufszahlen waren rückläufig. Langsam aber geht es wieder aufwärts.

„Wir möchten zeigen, dass andere Tierhaltungsformen möglich und rentabel sind“, sagt Dr. Hla Hla Thein, Tierärztin und Unternehmerin in Myanmar. Anfänglich begegneten ihr Kolleg*innen mit großer Skepsis und Zweifeln, ob die Idee der HEPG Erfolg haben kann. Nun aber hat sie noch weitere Ideen und denkt daran, Antibiotika freie Milch- und Fleischprodukte auf den Markt zu bringen. Sie plant auch eine eigene Futtermittelproduktion, denn oft sind bislang in gekauftem Hühnerfutter auch Antibiotika beigemischt und werden nicht offen deklariert.

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Indonesien: Der Mahakam in Kalimantan ist der zweitgrößte Fluss des Archipels. Sein Wasser und sein Ökosystem sind existenziell für Mensch und Umwelt. Der zunehmende Druck auf den Mahakam durch Wasserentnahme und Rohstoffabbau birgt die Gefahr irreparabler Zerstörung.

Der Mahakam-Fluss in Kalimantan ist eine Lebensader der Zivilisation. Hinduistische Königreiche, das Sultanat Kutai und modern Zentren wie Samarinda, heute die Hauptstadt der Provinz Ost-Kalimantan, sind Zeugen der bewegten Geschichte des Flusses. Der Fluss, der ein gemeinsames Gut der Menschen ist, änderte sich in seiner Funktion immer wieder. Er diente nicht nur den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung, sondern seit langem auch dem Transport von Waren für den globalen Markt. Der globale Markt erzeugte immer wieder unterschiedliche Nachfrage nach Gütern, die in der Region ausgebeutet werden. Ähnliches ist auch im Karstland von Sangkulirang im Norden der Provinz zu beobachten. Ist es uns möglich, die negativen Auswirkungen des Ressourcenabbaus zu vermeiden?

Der Mahakam – Lebensraum geschützter Arten und Transportweg der Industrie

Stellen wir uns vor, wir hätten eine Zeitmaschine, um uns die Geschichte des Mahakams, des zweitlängsten Flusses Indonesiens, der durch die Provinzhauptstadt Samarinda, die Landkreise Kutai Kartanegara, West- Kutai und Ober-Mahakam strömt, zu erschließen. Heute sehen wir, wie 60 bis 80 Lastschiffe mit rund 8.000 Tonnen Kohle pro Schiff den Fluss passieren. Wenn wir 30 bis 50 Jahre in die Vergangenheit reisen, sehen wir lange Holzflöße sowie mit Holz beladene Lastschiffe, die das Holz des Regenwaldes flussabwärts transportieren.

Selbst wenn wir 90 bis 120 Jahre in die Vergangenheit bis in die Kolonialzeit reisen, ist geschäftiges Treiben auf dem Fluss zu beobachten: Zwischen 1896 und 1899 wurden erste Öl- und Kohlengruben erschlossen und 1939 wurden die ersten Holzunternehmen aktiv. Das Gebiet um den Mahakam ist bereits seit mehr als einem Jahrhundert für die Bedürfnisse der ausbeutenden Industrien privatisiert worden.

Der Raum des Mahakams ist Lebensraum für rund 300 Vogelarten, 70 davon sind geschützt, und fünf sind endemisch, das heißt, sie kommen nur dort vor. Der Fluss beherbergt außerdem fast 150 Arten von Süßwasserfischen, einige davon ebenfalls endemisch. Einige Arten wandern jedes Jahr von der Flussmündung in den Oberlauf. Der Mahakam ist einer der letzten Zufluchtsorte des vom Aussterben bedrohten Flussdelphins (Orcaella brevirostris). Vor zwei Jahren gab es nur noch etwa 80 Exemplare.

Der Fluss ist Zeuge des Aufstiegs und Falls des Hindu-Reiches Kutai (350 – 400) und des Sultanats Kutai Kartanegara (1300 – 1945). Er ist seit 1565 Handelsweg und Verbreitungsweg des Islam in Ostkalimantan. Die Beziehung der Menschen zum Fluss wird jedes Jahr mit dem Erau-Fest gefeiert, bei dem sich die Menschen für die Gaben der Natur bedanken. Es wird seit dem 12. Jahrhundert gefeiert und mit dem Belimbur-Ritual beendet, für das sich die Menschen im Fluss rituell reinigen. Samarinda, am Delta des Flusses, ist seit dem 18. Jahrhundert Handelshafen und wurde 1959 Provinzhauptstadt. Die Stadt hat immer wieder Menschen angezogen, die auf der Suche nach einem besseren Leben waren. 2019 zählte die Stadt 858.080 Einwohner, was 23,5 Prozent der Einwohnerzahl der gesamten Provinz entspricht.

Privatisierung am Mahakam-Fluss

Die Aufteilung und Privatisierung des Mahakam-Gebiets geschah durch die Vergabe von Lizenzen für die Förderung von Öl, Gas, Kohle und Holz seit der Kolonialzeit. Die Flussufer wurden zu Lagerplätzen für das Holz, bevor es aus Kalimantan exportiert wurde. Die Abholzung wurde zu einer Einnahmequelle für Diktator Suharto und seine Günstlinge, bis seine Mitte der 60er Jahre begonnene Herrschaft 1998 endete.

Seit 1968 haben 17 Holzunternehmen Hunderttausende Hektar Wald am Oberlauf des Mahakam kontrolliert. Zwischen 2009 und 2013 hat das Einzugsgebiet des Mahakam aufgrund von Holzschlag, Bergbau und Umwandlung von Wald in Plantagen weitere 128.000 Hektar Naturwald verloren. 2013 waren noch 4,1 Millionen Hektar Wald übrig.

Auch nachdem Teile der Holzindustrie aufgrund des immer weniger vorhandenen Waldes Bankrott gegangen sind, geht die Privatisierung des Raumes weiter, inzwischen vor allem für Bergbau. Seit den 2000er Jahren ist immer vor und nach den lokalen Wahlen eine starke Vergabe von Bergbaulizenzen zu beobachten, da die Vergabe zu einer wichtigen Einnahmequelle für Politiker geworden ist.

Bis 2016 wurden am Mahakam 737 Konzessionen für Bergbau ausgestellt. Die sozial-ökologische Infrastruktur wurde zu Gunsten einer extraktiven Infrastruktur für Kohleförderung zurückgedrängt. Überall am Ufer des Flusses befinden sich Kohleförderanlagen und -lager. Dort wird die Kohle zwischengelagert, bevor sie über den Fluss aus Ost-Kalimantan verschifft wird. Die Umwandlung des Flusses vom gemeinsamen Lebensraum in einen privatisierten Raum betrifft vor allem die Bewohner*innen der Armenviertel Samarindas wie Karang Asem und Karang Mumus, die einen Verlust an Grünflächen, Knappheit von sauberem Trinkwasser und jährlich wiederkehrende Überflutungen erleben.

Trinkwasser als Ware

In dieser Situation wird sauberes Wasser für den Staat zu einer wichtigen Ware. Örtliche Trinkwasserunternehmen erzielten 2018 Gewinne von sieben Milliarden indonesischer Rupiah, obwohl Verbraucher*innen über mangelnde Versorgung klagten: geringer Leitungsdruck, schmutziges Wasser und bis zu drei Tage lang tote Leitungen. Was sind die Ursachen dieser Situation am Mahakam, der schon seit 45 Jahren durch Wasserunternehmen kommerzialisiert wird? Neben den Gezeiten, die sich auch in Samarinda bemerkbar machen, sind die Sedimentablagerungen, verursacht durch die extraktive Industrie, das größte Problem. Nach einer Untersuchung der Umweltbehörde von Ost-Kalimantan über den Zustand des Mahakams, die von 2009 bis 2011 durchgeführt wurde, ist der Fluss stark verschmutzt. RASI, eine Naturschutzorganisation, fand 2017 und 2018 im Wasser des Mahakam Mengen von Kadmium und Blei, die die Grenzwerte überschritten. Diese Situation zwingt die Unternehmen dazu, vermehrt Materialien wie Chlor (Calciumhypoclorit), Aluminiumsulfat, Chlorid und Kaolin zur Wasseraufbereitung und Abtötung von Bakterien zu verwenden. Einige dieser Stoffe können bei lang anhaltender Einnahme krebserregend sein.

Die Gebiete Palaran, Nord-Samarinda und Sambutan, in denen 28 Prozent der Bewohner*innen Samarindas leben, sind nicht an das Trinkwassernetz angeschlossen und haben daher noch größere Probleme. Die Wasserquellen mussten dem Kohlebergbau weichen. Bis heute sind dort 394 Gruben zurückgeblieben. Den Bewohner*innen bleiben in Folge dessen nur drei Alternativen: sie können Wasser aus alten offenen Kohlegruben holen, selbst Brunnen bauen oder Trinkwasser in Fässern kaufen. Das Wasser in den zurückgelassenen Gruben ist verschmutzt und die anderen beiden Alternativen sind kostspielig.

Die Wasserversorgung wird oft in der Regenzeit unterbrochen, wenn Samarinda überflutet wird. Vermehrte Wasserführung sowie Flächenversiegelung haben in den letzten 15 Jahren zu häufigeren Überflutungen geführt. Zwischen November 2008 und Juli 2020 kamen Überschwemmungen in fast allen Bereiche der Stadt vor und betrafen mehr als 30.000 Menschen. Fünf- bis sechsmal pro Jahr kommen größere Überflutungen vor, die die Hauptverkehrsstraßen unter Wasser setzen, wirtschaftliche Aktivitäten, einschließlich öffentlichen Nahverkehrs und Verkäufe auf Marktplätzen einschränken, und somit die Versorgung der Menschen und den Arbeitsmarkt betreffen.

Aktivismus für den Fluss

Es gibt nicht nur schlechte Nachrichten aus Samarinda. Die Bewohner*innen arbeiten aktiv daran, ihre Situation zu verbessern. Junge Menschen, die sich in einem Netzwerk gegen den Bergbau engagieren, fordern schon seit langer Zeit, den Bergbau einzustellen, damit Samarinda die Wasserkrise überwinden und die Überschwemmungen in Zukunft vermeiden kann. 2016 hat eine Gruppe Aktivist*innen die Freund*innen des Flusses ins Leben gerufen und die Fluss-Schule von Karang Mumus gegründet, die Aufklärungsarbeit leistet und Gemeinschaftsarbeit zum Schutz des Flussufers in Karang Mumus organisiert. Die Gruppe sammelt Müll vom Ufer und vor drei Jahren hat sie es geschafft, über 9.000 Bäume an den Ufern des Flusses zu pflanzen.

Etwa 300 Kilometer nördlich von Samarinda liegt der Karst von Sangkulirang-Mangkalihat mit seinen unterirdischen, mysteriösen Gewässern. „Jede unterirdische Quelle hat ihre Eigenheiten, manche strömen stark, manche bringen Süßwasser hervor, andere, die näher am Meer liegen, sind brackig“ erzählt Nasih, eine Frau aus Biduk-Biduk am Küstenabschnitt von Sangkulirang-Mangkalihat. Diese Gegend gibt Rätsel auf, die auch vom Wasserversorgungsunternehmen des Landkreises Berau, das 2004 in Biduk-Biduk eine Wasserversorgungsanlage errichtete, nicht gelöst werden konnten. Sie entnahmen Wasser aus dem klaren Labuan-See, etwa zehn Liter pro Sekunde, um damit 103 Haushalte zu versorgen. 2008 wurde die Versorgung jedoch abgebrochen, da sich herausstellte, dass nicht genug Wasser vorhanden war. Die Bevölkerung beschloss, wieder Brunnenwasser zu verwenden, obwohl es brackig war, oder entnahm es direkt aus Quellen.

Die Bedeutung des Karstsystems

Im Karstsystem gelangt Wasser durch Risse im Gestein in den Untergrund und fließt als Grundwasser durch unterirdische Flussnetze und Höhlensysteme. Das unterirdische Flusssystem fließt nicht immer gleichmäßig in alle Richtungen, weshalb es schwierig ist, Vorhersagen über den Wasserfluss zu treffen. Der Prozess der Karstbildung reduziert auf natürliche Weise die Menge an CO2 in der Atmosphäre. Der Karst ist somit ein Kohlenstoffreservoir, welches das Gleichgewicht des Kohlenstoffkreislaufs aufrechterhält. Dieser Kohlenstoffkreislauf beeinflusst den Klimawandel.

Der Karst ist auch in wirtschaftlicher Hinsicht bedeutsam für die indigenen Dayak Basap-Frauen, die seit Jahrzehnten Rattan aus dem Wald über dem Karst für die Herstellung von Rattantaschen verarbeiten. Diese Karstlandschaft, auch bekannt als „weiße Felsenberge“, ist eine hügelige Landschaft mit 147 Höhlen und Nischen, die Zeugnisse der menschlichen Zivilisation beherbergt. Sie umfasst rund 1,8 Millionen Hektar und bildet die Lebensgrundlage von mehr als 100.000 Menschen in fast 100 Dörfern in 13 Landkreisen in den Distrikten Berau und Ost-Kutai.

Im Karstgebiet gibt es 35 Höhlen mit 5.000 Jahre alten Ritzungen an den Steinwänden. Die Höhlen sind auch die Heimat von Fledermäusen und Schwalben, zwei Tierarten, die wichtig sind, um Insektenplagen einzudämmen, Samen von Pflanzen verbreiten und bestäuben. Nach Angaben der Naturschutzorganisation Nature Conservancy (2004) gibt es rund 38 Fledermausarten, die in den Karsthöhlen von Sangkulirang-Mangkalihat leben.

Die Beziehung der Menschen zu ihrer Umwelt prägen lokales Wissen und Kultur. Das Karstgestein ist reich an Quellen, die in der Sprache der Bugis „Salo Marunge“ heißen, genau wie das Reisernteritual. Nach der Ernte wird die Nachbarschaft eingeladen, um gemeinsam zu beten und Dank auszudrücken. Dann gehen die Menschen zur so genannten „Quelle des Lebens“, vorbei an dem im Quellwasser aus dem Berg Sekarat stehenden Kalksteinfelsen. Dort baden und beten die Menschen und drücken ihren Dank für die Quellen aus, ohne die es keine Reisernte gäbe.

Traditionelles Wissen und gemeinschaftliche Lösungen

Ihr Wissen erhalten die Menschen dort nicht aus der Schule, sondern aus ihrer Beziehung zur Natur. Juni, ein Fischer, ist zum Beispiel in der Lage, unterirdische Wasserspeicher im Karst zu finden. Er kann abschätzen, wo sich Quellen befinden, indem er auf Geräusche aus der Erde achtet. „Ich sehe auch die Erde, Bäume und Büsche an, um Hinweise auf Quellen zu finden. Wenn ich eine Stelle ermittelt habe, klopfe ich auf den Boden. Wenn sich der Schlag laut anhört, deutet das auf eine Süßwasserquelle hin“, sagt Juni. Wenn man bei der Suche Fehler macht, könne man jedoch auch auf brackige Quellen stoßen oder auf solche, die kaum Wasser führen.

Obwohl der Karst viel Wasser führt, ist dieses oft schwer erreichbar, da es sich tief im Boden befindet und es Mühe kostet, es aufzuspüren. Die Notwendigkeit, die Wasserquellen gemeinsam zu nutzen, erfordert gemeinschaftliche Strategien, damit alle Zugang zu sauberen Wasser haben. So macht es eine Gruppe in Teluk Sulaiman, wo die Anwohnerin Nasih seit 2012 einen Brunnen zusammen mit 17 weiteren Haushalten in der Umgebung unterhält. Sie nutzen drei Wasserpumpen und haben Rohre verlegt, die bis in die Häuser reichen. Diese Art der Gruppenversorgung ist in der Gegend weit verbreitet. Dabei besteht eine Gruppe in der Regel aus fünf bis 20 Haushalten. Dieses gemeinschaftliche System ist sehr interessant; die Mitglieder teilen sich nicht nur die Kosten, sondern legen auch gemeinschaftlich fest, wann welche Haushalte Wasser erhalten.

Wachsender Druck durch Tourismus und extraktive Industrien

Allerdings ist absehbar, dass dieses gemeinschaftliche System der Wasserversorgung bald an Grenzen stoßen wird: Die Bevölkerung wächst und ebenso nimmt der Tourismus in der Region zu. 2012 gab es etwa 18 Unterkünfte für Touristen, 2016 waren es bereits 42, 2019 schon 60. Jedes Jahr kommen im Durchschnitt acht bis neun Unterkünfte dazu. Das Fremdenverkehrsbüro von Biduk-Biduk (2019) gab bekannt, dass im Jahr 2014 13.259 Menschen die Region besucht haben; ein Anstieg von 59 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein weiterer Anstieg wird erwartet, vor allem seit Biduk-Biduk 2015 als nationales und internationales Touristenziel ausgezeichnet wurde. Diese Situation wird wahrscheinlich dazu führen, dass große Hotels gebaut und die Wasserquellen dann nicht mehr gemeinschaftlich genutzt werden können.

Das Wachstum der extraktiven Industrien wie Bergbau, Ölpalmenplantagen und Holzindustrie sowie des Massentourismus rund um das Karstgebiet Sangkulirang Mangkalihat ist alarmierend. Zwischen 2000 und 2018 haben die Landkreise Ost-Kutai und Berau 110 Lizenzen für Ölpalmenplantagen, 40 Lizenzen für Holzunternehmen, 26 Bergbaulizenzen, 16 Lizenzen für Zementunternehmen und eine für den Bau einer Zementfabrik ausgestellt.

In der Gegend ist auch die Errichtung der Sonderwirtschaftszone Maloy Batuta Trans Kalimantan (KEK MBTK) mit 557,34 Hektar Land für die nachgelagerte Rohstoffindustrie geplant. Die geplante Sonderwirtschaftszone basiert auf Regierungsverordnung Nr. 85 von 2014, die auch als Grundlage für den Abbau von Ressourcen wie Erdgas, Öl, Kohle und Holz in Kalimantan dienen soll. Der Wasserverbrauch der Sonderwirtschaftszone beläuft sich auf 420 Liter pro Sekunde, wobei ein Großteil in den Kreisen Kaliorang und Sangkulirang in Ost-Kutai, die den Oberlauf des Biduk-Biduk Karstsystems bilden, entnommen wird.

Eine gerechte Zukunft?

Um sich eine gerechtere Zukunft vorstellen zu können, muss kritisch nachgedacht werden über die urbanen Räume von Samarinda und die ländlichen Gebiete von Sangkulirang, die vielfältige Formen von Privatisierungen in verschiedenen Phasen erlebt haben. Die Neuordnungen des Raumes in Samarinda seit der Kolonialzeit haben Menschen gezwungen, wie Flüchtlinge an marginalen Orten zu leben, an denen sich die Umweltbedingungen zunehmend verschlechtern.

Die Bevölkerung musste sich an das anpassen, was die Herrschenden anordneten, damit Ressourcen für den globalen Markt abgebaut werden konnten. Dieser Modus wird jetzt auch auf die Karstregion übertragen, um so den Aufbau der Sonderwirtschaftszone voranzutreiben. Diese Art von Entwicklung ist ihrem Charakter nach räuberisch und zielt darauf ab, gemeinsame Güter zu privatisieren, weshalb sie korrigiert werden muss. Die komplexen Probleme, die sich jetzt zeigen, sollten dazu genutzt werden, um Grundlagen von Wiederaneignungsstrategien zu entwerfen. Dies sollte auf den Werten, die in Paragraph 5 des Gesetzes 7/2004 festgeschrieben sind, beruhen; nämlich, dass jeder Mensch das Recht auf ausreichend Wasser für einen gesundes, sauberes und produktives Leben hat – und das ist kein Ding der Unmöglichkeit.

Die Erfahrungen der Gruppen, die in Biduk-Biduk die Quellen gemeinschaftlich bewirtschaften und der Schule des Karang Munus-Flusses, können Inspirationen sein, um sich Gemeingüter wieder anzueignen. Dies erfordert auch eine Änderung der Sichtweise der Stadtbewohner*innen, sich ihre Zukunft vorzustellen – einschließlich einer Übergangszeit, in der darüber nachgedacht werden muss, wie das Leben gemeinsam mit dem Fluss und dem Karst gestaltet werden kann.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Timo Duile

Zum Weiterlesen:

 

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

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2 | 2020, Indonesien, Rezensionen,
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Industrielle Pillen vs. traditionelle Heilmethoden

Südostasien: Essen spielt in Diasporagemeinden oft eine wichtige Rolle. Vicky Truong schildert, wie sie durch Essen die kulturellen, generationsbedingten und sprachlichen Barrieren als Tochter südostasiatischer Migrant*innen durchbricht.

Ku Chai Kueh (Knoblauch-Schnittlauch-Kuchen)

„Ich fand meine Urgroßmutter in der Mitte des Küchenbodens.
Ihr kleiner Körper wölbte sich über eine große grüne Schüssel,
die mein Vater geerbt hat und immer noch benutzt.
Ihre Hand würde aus heißem, dampfendem, klebrigem Reisteig hervorkommen
um dann wieder darin eingetaucht zu werden.
Von der Hitze gerötete Hände
schienen den Schmerz nicht zu spüren.
Ein natürlicher Instinkt, zu wissen, wie und wo man faltet
ein vertrauter Akt, dem weder Hand noch Teig etwas entgegenzusetzen hatten.
Es wurden keine Worte gesprochen als ich neben ihr hocken würde.
Hypnotisiert.
Wir würden feinfühlig die Kuehs formen,
ihre Hände führten meine,
und füllte sie mit Schnittlauch, der in ihrem Garten liebevoll angebaut worden war.
Als der Deckel von den Schalen abgehoben wurde, legten wir die Kuehs hinein,
Dampf würde bis zur Decke aufsteigen.
Sie überzog jede Kueh mit flüssigem Knoblauchgold und reichte mir eine.
Diese seidige, zähe Textur,
diese süße und salzige, scharfe Knoblauchfüllung,
schuf Momente der reinen Zufriedenheit.
Unsere glücklichen Augen würden sich treffen,
und die kulturellen, generationsbedingten und sprachlichen Barrieren zwischen uns
nicht mehr existieren“.

Für eine Person aus einer Diaspora-Familie mit Verbindungen nach China, Vietnam und Thailand, war dies eine vertraute Szene. Meine Kindheitserinnerungen bestehen darin, zu sehen, wie die Küchenbank von Zutaten beschlagnahmt wurde, wie sich alle über den Esstisch und im Wohnzimmer an den ihnen zugewiesenen Stationen ausbreiteten – jeder von uns mit einer Aufgabe betraut, um die Mahlzeit zu vollenden. Küche und Wohnzimmer verwandelten sich in ein Amalgam aus Düften, brutzelndem Öl und lebhaftem Geplauder, bis unsere harte Arbeit in kulinarischen Festen mündete. Mein Leben bestand aus vielen solcher gemeinsamen Mahlzeiten, aber in diesen Momenten ging es um mehr als nur um das Essen.

China – Vietnam – Thailand – Australien: Stationen einer Migrationsgeschichte

Für mich als Chinesisch-Australierin der ersten Generation sind verschiedene Lebensmittel, neue Kulturen, Zutaten, Kochen, Gerichte und Essgewohnheiten miteinander verflochten. Wir haben eine lange Migrationsgeschichte, und das Essen war eine Art unsere Herkunft zurückzuverfolgen und zu feiern. Um die tiefere Bedeutung zwischen Essen und Diaspora wirklich zu verstehen, muss man sie gelebt haben, denke ich. In diesem Sinne werde ich hier versuchen, darzustellen, welche Rolle das Essen in meinem Leben gespielt hat. Obwohl Worte die Kommunikation einschränken können – wie an meiner Existenz und Verbindung zu meiner Familie ersichtlich wird.

Essen war und ist ein wichtiger Teil unserer Identität, ein Überbleibsel der Kultur für eine Migrantenfamilie, die ihren Platz in der Fremde findet. Ich bin jetzt in Berlin ansässig, und mitten auf der Brücke zwischen mir und meinen Lieben liegt das Essen. Um auszudrücken, warum, müssen wir mit den Ursprüngen meiner Familie beginnen.

Meine Vorfahren sind Teochew aus der Provinz Guangdong in China. Sie waren Dorfbewohner*innen, die ihre Heimat verließen, zum einen, um dem kommunistischen Regime zu entkommen, zum anderen aus wirtschaftlichen Motiven heraus. Sie ließen sich im Ausland unweit von China nieder. Daher wurden meine beiden Elternteile als chinesisch-teochewistische Minderheiten geboren; mein Vater in Vietnam und meine Mutter in Thailand.

Mein Vater ist eines von neun Kindern und meine Mutter ist eines von vierzehn Kindern. Essen war nie eine Selbstverständlichkeit. Um mit begrenzten Mitteln hungrige Bäuche zu füllen, war es wichtig, dass alle mit anpackten, um das Überleben aller zu sichern. Von der Pflege des Gartens, über lange Arbeitszeiten, um sich Zutaten leisten zu können, bis hin zum Kochen und Putzen – alle Aufgaben rund ums Essen mussten erfüllt werden. Dies führte in der Familie zu Traditionen, um als Einheit zu funktionieren, und wurde später in Australien fortgeführt.

In Fortsetzung zu dem, was meine Vorfahren für meine Großeltern und ihre Kinder getan hatten, bauten meine Eltern auch ein neues Leben für sich selbst, ihre jeweiligen Familien und dann für die drei Kinder auf, die sie zusammen hatten. Durch anstrengende lange Arbeitstage und das Engagement für ein besseres Leben schufen meine Eltern ein sehr angenehmes Umfeld für meine Geschwister und mich, in dem wir die Welt kennen lernen konnten. Wir wurden in einer Weise erzogen, die die Traditionen unserer Vorfahren mit neu erlernten westlichen Normen verband.

Sinnesfreude und Traditionspflege

Zur Zufriedenheit meiner Eltern verbrachte ich die meiste Zeit meiner Kindheit damit, meine Großeltern bereitwillig jeden Sonntag zu besuchen und regelmäßig mit meinen Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen zu essen. Wir spielten mit den Enten und Hühnern, ohne zu wissen, dass sie eines Tages unsere Mahlzeit sein würden, und rannten in der Küche und zwischen den Beinen der Erwachsenen umher, während uns kleine Essenshäppchen gereicht wurden. Unsere Familie florierte in den asiatischen Gemeinden Melbournes und konnte viele unserer kulturellen Traditionen ausleben, die uns mit der Heimat unserer Eltern und Großeltern verbanden.

An den Küchen- und Esstischen versammelt, tauchten wir durch die Verschmelzung unserer verschiedenen Kulturen in warme Aromen und Düfte von Gewürzen ein, die unsere Sinne verlockten. Wir wechselten zwischen vier Sprachen während wir uns alle gegenseitig aufforderten, zu ‚sitzen‘. Das Essen begann, als der Älteste ‚Jia‘ (essen in Teochew) sagte, und die Essstäbchen und Löffel überkreuzten sich als das Essen in die Reisschüsseln der anderen gestapelt wurde. Dies ist repräsentativ für unsere Familie; je nach Alter servierte man das Essen den Jüngeren, den Älteren oder beiden, bevor man sich selbst bediente. Es ist ein Symbol der Rücksichtnahme, des Respekts und der Liebe.

Im Laufe der Zeit wurden diese Gelegenheiten langsam weniger. Die Zutaten, die unsere Kühlschränke füllten, die Gerichte, nach denen gefragt wurde, und die Art und Weise wie wir aßen, begannen sich zu verändern. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich Nem Chua Bò (scharf gepökeltes, fermentiertes Rindfleisch) in der Öffentlichkeit essen wollte, und meine Mutter sagte uns, dass wir das nicht tun sollten, da die Leute uns auslachen würden.

So musste ich den ganzen Weg nach Hause mit Wasser im Mund laufen, bevor ich das Zellophan – und den ‚weißen Blick’ [Anm.d.Red.: White Gaze: Ausdruck von white supremacy. Weißes Sein, Handeln, Denken und auch Essen werden aus weißer Perspektive betrachtet mit einer gleichzeitigen Abwertung allen Nicht-Weißen] abstreifen konnte, der mich von meiner stinkenden, süßen, sauren und salzigen Leckerei fernhielt. Um sich zu assimilieren, änderte sich auch langsam das Essen, das uns in unseren Lunchboxen getan wurde, um sicherzustellen, dass wir nicht wegen kultureller Unterschiede verspottet wurden.

Identitätskrise und Konflikte

In jungen Jahren war mir die Vergangenheit meiner Familie kaum bewusst. Ich bedaure es daher, dass ich nicht mehr Traditionen und kulturelle Elemente, die sie mir anerziehen wollten, in mir aufgenommen habe. Ich war mir der Not nicht bewusst, die die Familie meines Vaters als Geflüchtete, die zweimal vor kommunistischen Regimes flohen, erlitten hatte. Ich berücksichtigte nicht, dass die meiner Mutter auferlegten Geschlechterrollen sie ihrer Fähigkeit beraubt hatten, so zu gedeihen, wie sie es sich erträumt hatte. Meine Eltern haben uns vor dem Trauma bewahrt, weil sie wollten, dass wir eine Existenz führen, die zuvor nur in ihren Vorstellungen gelebt hatte. Meine Erziehung und Sozialisation schufen komplexe Trennungen zwischen mir und ihnen – und viele Konflikte. Wie alle Eltern wollten auch unsere Eltern uns die Welt schenken. Sie taten, was sie für uns für das Beste hielten, ohne die Identitätskrisen zu kennen, die die westliche Perspektive in mir auslösen würde, die ich mir zu Eigen machte und von der ich beherrscht wurde.

Trotz aller Bemühungen meiner Familie, in Australien die ‚guten Migrant*innen’ zu sein, litten wir immer noch unter vielen Formen des Rassismus. Ich begann, alles, was nicht asiatisch war, zu bewundern, während ich selbst den Rassismus verinnerlichte. Ich wollte unbedingt das Gefühl haben, zu meinen Altersgenoss*innen zu gehören. Als wir von Melbourne nach Gold Coast zogen, einer überwiegend weißen Stadt, war ich fest davon überzeugt mich von meinem ‚Asiatisch-sein‘(Asianess) zu distanzieren, um an den nationalstaatlichen Konstrukten festzuhalten, die das ‚Weiß-sein‘ als das Überlegene ansahen. Ich begann, viele Aspekte, die meine Familie und meine Rolle in ihr umgaben, in Frage zu stellen. Es gab Teile meiner Kultur, bei denen es mir leicht fiel, sie zu verlieren – erstens, wie ich mich kleidete und aussah, denn ich wusste, wenn ich mich in eine größere Mainstream-Kultur einfügen und Teil davon sein wollte, dann waren es die sichtbarsten Dinge, die ich loslassen musste.

Als ich ‚westlicher‘ wurde, stellte ich die traditionellen Familienstrukturen des Colourism, der Altershierarchie und des Geschlechts in Frage. Das Essen aus meiner Tradition war jedoch etwas, das ich nie ablehnen wollte. Die Mahlzeiten erlaubten es, die kulturellen, generationsbedingten und sprachlichen Barrieren zu durchbrechen. Trotz meiner kindlichen Wutanfälle und Teenager-Rebellion aßen wir immer zusammen. Wir aßen die von meinen Eltern liebevoll zubereiteten Gerichte, die uns vereinten – und gleichzeitig trennten. Trotz unserer Unfähigkeit, sie zu würdigen, waren unsere Essensgewohnheiten am schwersten aufzugeben, und meine Eltern sorgten unnachgiebig dafür, dass diese Überbleibsel ihrer mütterlichen Wurzeln nicht verschwinden.

Rice is Life – oder die genussvolle Zerschlagung kultureller Konstrukte

Heute wünsche ich mir nur, dass ich meinen Eltern erlaubt hätte, uns mehr als nur das Essen zu vererben. Da dies alles ist, was ich habe, werde ich nie die Macht der Küchen aus Herkunftsländern unterschätzen. Als seit über acht Jahren im Ausland lebende Australierin stammen die Gerichte, nach denen ich mich am meisten sehne, von meiner asiatischen Herkunft. Dieselben, die die Häuser meiner Familien und Restaurants füllten, die wir aufsuchten.

Es ist das ‚Komfort-Essen’, das mich für immer an die fortbestehende Entität meiner Familie binden wird. Unabhängig davon, wo ich wohne, werden Zutaten, Kochtechniken und Gerichte von großer Bedeutung sein, die kein Wort ausdrücken kann; mich einfach mit Liebe erfüllen und den einsamsten aller Tage erobern.

Es ist wirklich erstaunlich, wie Essen die Seele nährt; wie Menschen sich nach den Geschmäckern, Gerüchen und Praktiken sehnen, die sie gewohnt sind. Es ist so etwas wie eine Obsession. In meiner Familie sprachen wir über Essen, sobald wir aufwachten, während der Mahlzeiten und nach dem Essen – während wir die ganze Zeit planten, wo und wann wir die Dinge bekommen würden, die unser Verlangen stillen würden.

Hunderte von Menschen füllten diese kommunalen Einkaufszentren, und ich saß mit dem Einkaufswagen fest, während meine Eltern viele unbekannte Gesichter mit großer Zuneigung begrüßten, während sie versuchten alle benötigten Zutaten zu sammeln. Zu Hause angekommen, bereiteten meine Eltern jedes Element eines Gerichtes, das sie uns beibrachten, minutiös zu, während sie uns Geschichten aus ihrer Vergangenheit erzählten. Ich hörte ihnen aufmerksam zu in der Hoffnung, mehr über sie und mich selbst zu erfahren.

Manche Prozesse können Stunden oder sogar Tage dauern. Diese Zeitvermittler sind Momente, die ich am meisten schätze, jetzt, da Ozeane zwischen meiner Familie und mir liegen. Eine Schüssel Reis könnte die Essenz unserer Kultur einfangen, was vielleicht der Grund ist, warum mich diese einfache Zutat schon immer fasziniert hat. Nicht nur das Korn selbst, sondern auch die Fülle der Formen, die es annimmt, und sein tief verwurzelter Wert und Symbolismus in unserer Kultur. Es gibt über 40.000 Reissorten, die zu Mehl, Nudeln und Papier verarbeitet und für unzählige andere Zwecke verwendet werden können.

Von Mueh (Reisbrei) zusammen mit einer Reihe von hausgemachten eingelegten Elementen bis hin zu Ku Chai Kueh, bánh khọt, und Mango-Klebreis: Reis ist ein wesentlicher Bestandteil der meisten Mahlzeiten, die ich mit meiner Familie zubereitet und genossen habe. Aus diesem Grund habe ich mein Ernährungsprojekt Rice is Life (Reis ist Leben) genannt. Das Ziel des Projekts ist es, uns mit der Erinnerung, der Familie und dem Ort zu verbinden. Da Reis ein Korn ist, das viele Formen annehmen kann und in vielen Kulturen ein Grundnahrungsmittel ist, stellt er eine Möglichkeit dar, Individuen und Gesellschaften zu verbinden.

Einzelne Mahlzeiten sind, ähnlich wie Menschen, unvergesslich. Indem ich meine tiefe Wertschätzung für Reis mit euch teile, hoffe ich, die Sicht der Speisenden auf eine Kultur neu zu gestalten. Rice is Life ist ein Akt des Feierns von Interkulturalität und der genussvollen Zerschlagung von Konstrukten, die unsere Kulturen als minderwertig darstellen.

Darüber hinaus war Rice is Life ein Werkzeug, mit dem ich über meine Familie reflektiert und eine tiefere Verbindungen zu meinen Eltern gefördert habe. Es gibt viele Gerichte aus meiner Kindheit, deren Namen und Ursprung ich nicht kenne. Meine Online-Gespräche mit meinen Eltern und meine Besuche in Australien bestehen hauptsächlich darin, Namen von Zutaten in drei Sprachen zu entdecken, zu kochen und Rezepte zu dokumentieren.

Meine Eltern sagen oft, dass unsere Familiengeschichte für immer verloren sein wird, wenn wir dies nicht tun. Ich stimme ihnen vollkommen zu. Nicht nur, weil die Zutaten und Gerichte an eine bestimmte Person, einen bestimmten Ort, eine bestimmte Zeit und ein bestimmtes Gedächtnis gebunden sind, sondern weil es ein Werkzeug ist, das unsere Familie benutzt, um eine Verbindung zueinander herzustellen.

Essen umfasst in meiner Familie so viel mehr als nur die Ernährung. Eine gemeinsame Mahlzeit ist mehr als individuelle Zutaten und Geschmäcker – sie zelebriert unsere Resilienz, unserer Existenz, unserer Reisen und unserer kollektiven Liebe zu etwas. An einem Tisch sitzen zu können, um mit anderen Menschen Essen zu teilen, ist eine Erfahrung für alle Sinne, die Kultur und Freundschaft miteinander verbindet, Barrieren abbaut und ein gewisses Maß an Intimität mit sich bringt; ein Katalysator für Verbindung. Es hat mich gelehrt, mich um andere zu kümmern und für das, was ich habe, dankbar zu sein.

Dieser Artikel erschien am 27.1.2020 auf Englisch bei VLab Berlin, einem gemeinnützigen Unternehmen für deutsch-vietnamesischen Kulturtransfer, und wurde für die südostasien übersetzt und redaktionell bearbeitet.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

Dieser Artikel erschien erstmals in Ausgabe 2/2020 der südostasien

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