3 | 2018, Philippinen,
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Nachtlandschaften von Ilocos. Eine Kulturgeschichte

Die Stadt Vigan nach Einbruch der Dunkelheit: Die Ilocano-Nacht im 19. Jahrhundert war eine Zeit der Interaktion zwischen der übernatürlichen und der natürlichen Dimension © lizenzfrei, Quelle: xphere

Die Stadt Vigan nach Einbruch der Dunkelheit: Die Ilocano-Nacht im 19. Jahrhundert war eine Zeit der Interaktion zwischen der übernatürlichen und der natürlichen Dimension © lizenzfrei, Quelle: xphere

Philippinen: Während mit der Nacht gewöhnlich Schlaf und Ruhe in Verbindung gebracht werden, erschließt die kulturgeschichtliche Analyse der Nacht als Landschaft kultureller Aktivitäten verschiedene Perspektiven des Lebens einer bestimmten Gesellschaft. Die folgende Untersuchung widmet sich der Nachtlandschaft im 19. Jahrhundert in der Region Ilocos.

 

Die Grundlage der Untersuchung bieten dabei die übersetzten Schriften des Ilocano-Schriftstellers Isabello de los Reyes, um die Vorstellungswelt der Ilocanos in den nördlichen Philippinen zu beschreiben – unter besonderer Berücksichtigung der übernatürlichen Wesen, ihrer Charakteristika und ihrer Interaktionen mit der Bevölkerung. Die Daten belegen auch die Auswirkungen des vom Katholizismus und den Spaniern herrührenden christlichen Glaubens auf die Vergegenwärtigung, Rekonstruktion oder Abschaffung gewisser übernatürlicher Wesen in der Vorstellungswelt der Ilocanos jener Epoche. Die Nacht wird damit nicht nur zum Kontext der Interaktion zwischen den Menschen und dem Übernatürlichen, sondern auch ein Ort der Auseinandersetzung und der sozialen Konstruktion der Vorstellungswelt in Ilocos.

In den Philippinen ist Dr. Resil B. Mojares einer der bekannten Autoren, die Kulturgeschichte in ihren Werken thematisieren. In Waiting for Mariang Makiling präsentiert Mojares [1] Details, die in historischen Quellen der philippinischen Kultur wenig Beachtung finden und das umfangreiche und vielfältige Netzwerk von Bedeutung und Machtverhältnissen zeigen, durch die diese kulturellen Artefakte, Traditionen und Vorstellungen mit einander verwoben sind. Diese Untersuchung will diesem Ansatz nacheifern, indem sie die Kulturgeschichte des unwahrscheinlichsten Aspekts der Ilocano-Gesellschaft in der Mitte und gegen Ende des 19. Jahrhunderts rekonstruiert: die Nacht [2].

Mit der Rekonstruktion der Kulturgeschichte der Nacht in Ilocos während des 19. Jahrhunderts will die Untersuchung auch dem folgen, was Tim Edensor [3] in Bezug auf die positive Betrachtung der Dunkelheit bzw. der Nacht im Allgemeinen vorschlägt. Dies wird durch die Betrachtung der Nacht als Ort für die Schaffung von Kultur und nicht nur als Zeit für Angst und Ruhe erreicht.

Die Mitte und das späte 19. Jahrhundert war eine wichtige Epoche in der Geschichte von Ilocos, weil sich in ihr nicht nur zahlreiche Ilocano-Revolten und Wanderungen der Igorot ereigneten, sondern auch die Geburt eines Ilocano, der zum Dokumentar dieser Kultur und Geschichte wurde: Isabello de los Reyes [4].

El Folklore Filipino und Historia de Ilocos: Eine Sammlung von Vorstellungen und Praktiken der Ilocano

Isabello de los Reyes wurde 1864 in Vigan geboren. Er hatte nicht das Glück, wie seine Zeitgenossen in Europa zu studieren, aber im Vergleich zu anderen ilustrados wie Pardo de Tavera, José Rizal und Paterno bezeichnet Mojares (2006; 255) [5] de los Reyes als den „unorthodoxesten“ Gelehrten seiner Zeit, da er nicht bestrebt war, die philippinische Geschichte in eine westliche Universalgeschichte einzubetten. Sein Ziel war es, ein Archiv philippinischer Kultur zu schaffen, indem er die Aufmerksamkeit und Betonung auf die Hervorhebung des multi-kulturellen Charakters der philippinischen Nation legte (Mojares 2006; 255-287).

El Folklore Filipino und Historia de Ilocos können als seine Hauptwerke erachtet werden, zumal sie 1887 jeweils eine Silber- bzw. eine Goldmedaille bei der Weltausstellung in Madrid erhielten. Und bei der Rekonstruktion der Kulturgeschichte der Nacht in Ilocos im 19. Jahrhundert sind sie die wertvollsten Quellen. Aus der 2014 übersetzten Historia de Ilocos von de los Reyes geht hervor, dass die Nacht in Ilocos in dem Moment beginnt, in dem die Sonne vollständig am Horizont versunken ist. Auf Ilocano heißt der Moment apagsuripuet oder apagsipnget, was grob als Dämmerung zu übersetzen ist. Sipnget bedeutet Dunkelheit.

Die nachfolgende Tabelle zeigt auf Grundlage von de los Reyes‘ El Folklore Filipino (1994) die übernatürlichen Wesen, ihre Charakteristika und ihre Aktivitäten während der Nacht.

Übernatürliche Wesen Charakteristika Aktivitäten in der Nacht
Katatao-an / Ilocos Sur
Sangkabagi / Ilocos Norte (35-39)
„Ein und dasselbe. Ilocanos in Ilocos Norte haben nur einen anderen Begriff für dieses Wesen.“ (35)

„Manchmal unsichtbar, erscheinen in menschlicher Gestalt oder als Riesen und benutzen eine fliegende banca.“ (35)

„Weder Geister noch Gespenster.“ (37)

„Leben unsichtbar in einigen Bäumen und man sagt, sie seien befreundet mit Geistheilern oder katalonan.“ (37)

„Baum Anitos.“ (37)

„Gehen zu einsamen Orten wie Piraten und suchen nach Kadavern.“ (35)

„Erscheinen mitten in der Nacht und durchqueren Fenster und Löcher.“ (35)

„Wecken ihre Opfer mit kaum hörbarer Stimme und veranlassen sie, in einem barangay zu sitzen, das um 1 Uhr morgens durch den Weltraum fliegt und die Erde in 30 Minuten umrundet.“ (37)

„Verbieten ihren Freunden, den Rosenkranz zu beten, zur Messe zu gehen, sich zu bekreuzigen oder ihren religiösen Pflichten als Christen nachzukommen.“ (37)

Pugot Ein Wesen, das verschiedene Gestalten annehmen kann, „manchmal die einer Katze mit glühenden Augen; gelegentlich die eines finsteren Hundes, der langsam an Größe zunimmt, oder die eines schwarzen Riesen von beängstigenden Dimensionen.“ (53)

„Haushalts Anitos.“ (53)

Anioaas „Ein unsichtbarer Schatten, der sich vom menschlichen Körper löst und das tut, was der Verstorbene zu Lebzeiten getan hat.“ (239) Gegen 8 Uhr abends kann man in die Kirche gehen und anioaas zuhören und klar ihre Schritte hören. (239)
Old vieja (Frau) Eine Frau, von der die maibangbangon oder Geistheiler ihre Inspiration beziehen. (63) Erscheint in Träumen während einer Masernepidemie und bietet Mais an; jene, die ihn annehmen, erkranken. (63)

Die folgenden Tabellen zeigen verschiedene Formen von Aberglauben in Verbindung mit Gegenständen, Himmelskörpern, übernatürlichen Wesen und Aktivitäten insbesondere zu nächtlicher Zeit (de los Reyes 1994).

Himmelskörper, nachts sichtbar
Mond / bulan – wird als Heimat von Kabunian / Bathala angesehen. (59)

Kometen – die Chinesen glauben Ilocanos, dass Kometen Hunger und Unglück ankündigen. (61)

Sternschnuppen / Layap – Ilocanos glauben, dass sie etwas mit Liebe zu tun haben.

„Die einfachen Menschen glauben, wenn sie einen Knoten ins Taschentuch machen, sobald ein layap fällt, können sie in dem Knoten den babato (wundersamen Stein der Liebe) einschließen.“ (61)

„Es gibt Zeiten in der Nacht, zu denen man das Klingen der Glocken im Himmel hören kann. Wer dem zuhört, wird lange leben.“ (125)

Tiere, Pflanzen und unbeseelte Objekte
Babato (Ilocos Norte), Ginginammul (Ilocos Sur) – kleine Steine mit wundersamen Kräften. (71) z.B.: Stein von der Banane kann nur nachts erworben werden.(71)

Wenn Hähne nachts alarmierend krähen, dann weil ein sangkabagi sie stehlen wird. (39)

„Wenn die Hähne sich bei Dämmerung in Bäumen sammeln, kräht einer. Wenn kein anderer Vogel antwortet, bedeutet das, dass der Hahn seinen Besitzer verflucht.“ (99)

„Ein Glühwürmchen ist die Lampe eines bösen Geistes.“ (101)

Menschliche Aktivitäten
Ilocanos setzen ein Kruzifix auf ihr Bett oder an die Tür ihrer Hütte, um den sangkabagi daran zu hindern, sich zu nähern. (39)

Es ist verboten, bei Dämmerung den Boden zu kehren, um nicht unsichtbare Wesen zu beleidigen, die sich durch Verursachung von Krankheit rächen können.

„Jemand, der ein Ereignis träumt, kann erwarten, dass das genaue Gegenteil davon eintrifft.“ (103)

„Es ist schlecht, nachts zu pfeifen, weil es Geister anlockt.“ (103)

„Wenn ein Junggeselle von einer Junggesellin träumt, wendet er die Kissen, sodass sie auch von ihm träumt.“ (105)

„Wer mit dem Kopf in Richtung Süden oder Osten schläft, wird krank erwachen.“(109)

„Wer in Ilocos Norte nachts pfeift, wird dünn.“ (109)

„Es ist nicht gut, kurz vor der Abenddämmerung im Fluss zu baden, weil dann noch die sangkabagis ihr Bad nehmen.“ (109)

„Wenn sich Ilocanos des Nachts an Kleidung erinnern, die sie zum Trocknen aufgehängt haben, gehen sie nicht hinaus, um sie zu holen. Stattdessen warten sie bis zum nächsten Tag, um sie erneut zu trocknen. Man glaubt daran, dass die sankagabis die Kleidung benutzen und die Nutzung verbieten, ehe die Sonnenstrahlen sie gereinigt haben. Andernfalls kann es tödliche Krankheiten nach sich ziehen.“ (111)

Die Ilocano-Nacht im 19. Jahrhundert war eine Zeit der Interaktion zwischen der übernatürlichen und der natürlichen Dimension – durch die Intervention übernatürlicher Wesen und durch die Aktivitäten von Objekten oder Tieren, die angeblich mit diesen übernatürlichen Wesen in Beziehung standen. Durch diese Interaktion bildeten sich nächtliche Praktiken und Vorstellungen der Ilocanos heraus.

Kolonialer Einfluss

Die spanischen Kolonisten bemächtigten sich des Bewußtseins der Filipin@s , indem sie die babailans und katalonans sowie die anitos, die einst Grundlage der indigenen Religion und der Erziehung und Bildung in den prä-spanischen philippinischen Gemeinschaften waren, an den Rand drängten. (Salazar 2004) . Von Belang ist hierbei der Einfluss des Katholizimus in Ilocos, welcher seit der Ankunft der Spanier und der Errichtung von Villa Fernandina (Vigan) als Hafenstadt 1572 unter Führung von Juan de Salcedo sowie der Ankunft der Augustiner 1574 in der Region Fuß fasste.

Die Einführung des Katholizismus sorgte sowohl für eine alternative Interpretation als auch für Ergänzungen des Übernatürlichen im Bewußtsein der Ilocanos. Ein Beispiel ist die Hinzufügung der sirena zum Ilocano-Konzept von litao – oder wie de los Reyes sie benennt – des anito des Wassers, des Meeres und der Flüsse (de los Reyes 1994, 45). Die sirena wurde Frau von litao und führte zu dessen Bedeutungsverlust, da man von nun an die Geschichte der sirena als Königin des Meeres, die Männer verzaubert und ertränkt, stärker betonte.

Ein weiteres Beispiel ist sangkabagi, der von seinem anito-Status her ein Wesen repräsentiert, das gegen die Kirche ist und einem Dämon ähnelt, der verzweifelt versucht, die Menschen durch Bestechung und das Anbieten übernatürlicher Kräfte vom Glauben fernzuhalten und mit dem Kruzifix als Waffe daran gehindert wird, Christen Schaden zuzufügen (de los Reyes 1994, 37) [7]. Tatsächlich wurden mit der Ankunft des Christentums die lokalen übernatürlichen Wesen neu dargestellt als Feinde der neuen Religion – wie der sangkabagi in ständigem Kampf mit dem katholischen Glauben.

Dies zeigt, dass die Bedeutungsminderung und Fehlrepräsentation der indigenen übernatürlichen Wesen Teil der Mechanismen der Kolonisierung waren unter der Herrschaft der Strategie der reduccion [8].

Durch den Sieg im Kampf gegen die übernatürlichen Wesen mittels Schriften und Fehlrepräsentationen gewannen die Spanier nach und nach die Oberhand im Einfluss auf die Gedankenwelt der Ilocanos und boten eine alternative und mächtigere übernatürliche Quelle an Stelle der indigenen Konstrukte an.

Schlussfolgerung

Während die Nächte in städtischen Zentren wie Vigan, Candon, Laoag und San Fernando durch jährliche Feste und andere von den Spaniern eingeführte, christliche oder katholische Traditionen belebt wurden, blieben die meisten Nächte in Ilocos im 19. Jahrhundert verwunschen oder teilweise regiert von alten Vorstellungen, wie denen von lokalen übernatürlichen Wesen und anderem Ilocano-Aberglauben.

Die Nacht, die allgemein mit Schlaf und Ruhe in Verbindung gebracht wird, hat sich als Zeit für viele Aktivitäten erwiesen. Diese Aktivitäten repräsentieren nicht nur die sozialen, politischen oder wirtschaftlichen Aspekte der Ilocano-Gesellschaft, sondern auch ihr Glaubenssystem und ihre Beziehung zur Umwelt.

Im Ilocos Sur des 19. Jahrhunderts ist die Nacht Ort verschiedener Konflikte insbesondere religiöser Natur, wobei die lokalen Glaubenssysteme der Ilocanos an den Rand gedrängt und angegriffen werden. Die Angriffe auf die lokalen Glaubenssysteme bescherte der christlichen Kirche mehr Macht über die Iloconos, die Rettung vor den bekämpften Wesen durch Befolgung katholischer Lehren und Riten suchten. Es ist interessant zu beobachten, dass die Nächte in Ilocos als eine Zeit sozial konstruiert waren, in der Angst herrschte, aber keine physische Bedrohung – vielmehr vorgestellte Bedrohung durch zwei Quellen des Übernatürlichen: die lokalen und die katholischen Konstrukte.

Daher ist die Nacht in Ilocos im 19. Jahrhundert Ort kultureller Produktion und des Konflikts von Vorstellungen, die bei entsprechender weiterer Aufmerksamkeit Einsichten in weitere bislang unbekannte Tatsachen der Ilocano-Kultur und ihres Erbes erbringen können. Die Nacht in den ihr gebührenden sozio-kulturellen Kontext zu stellen, eröffnet Forschungsaufgaben, die Kulturhistoriker in Zukunft beschäftigen sollten.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger

 

Quellenverweise:

  • [1] Mojares, R. (2002) Waiting for Mariang Makiling: Essays in Philippine Cultural History. Quezon City: Ateneo De Manila University Press.
  • [2] Die Ilocanos sind eine ethno-linguistische Gruppe im Tiefland der Region 1 der Philippinen, der Ilocos Region, im nördlichen Teil der Insel Luzon.
  • [3] Edensor, T. (2013) „Reconnecting with Darkness: Gloomy Landscapes, Lightless Places“ in Social and Cultural Geography, Volume 14, Issue 4. Taylor and Francis Online. Eingesehen am 1. Dezember 2015.
  • [4] Delos Reyes, I. (2014) History of Ilocos Sur, Volume 1 and 2. Peralta-Imson, M.E. (trans). Quezon City: University of the Philippines Press.
  • [5] Mojares, R. (2006) Brains of the Nation: Pedro Paterno, T.H. Pardo de Tavera, Isabelo Delos Reyes and the production of modern knowledge. Quezon City: Ateneo De Manila University.
  • [6] Salazar, Z. (2004) Kasaysayan ng Kapilipinuhan: Bagong Balangkas. Quezon City. Eingesehen am 10. August 2014.
  • [7] Delos Reyes, I. (1994) El Folk-lore Filipino. Dizon, S. and Peralta-Imson, M.E. (trans). Quezon City: University of the Philippines Press.
  • [8] Resil Mojares (2002, 87-107) in Waiting for Mariang Makiling: Essays in Philippine Cultural History, definiert reduccion nicht nur als Prozess der Reduzierung verstreuter Stammessiedlungen an einem Ort, sondern auch der Reduzierung von tradierter Kultur und Systeme zur einfacheren Verwaltung.

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Der Autor


Reidan M. Pawilen (Hauptautor) ist Dozent am Institut für Sozialwissenschaften an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der University of the Philippines Los Baños. Er studierte Sozialwissenschaften, Geschichte und Politikwissenschaften an der University of the Philippines Baguio und schloss den Masterstudiengang Geographie an der University of the Philippines Diliman ab.

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Der Autor


Ryan Alvin M. Pawilen (Co-Autor) ist Dozent am Institut für Sozialwissenschaften an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der University of the Philippines Los Baños. Er studierte Sozialwissenschaften, Ethnologie und Psychologie an der University of the Philippines Baguio und Philippine Studies mit dem Fokus auf soziokulturellen Studien auf den Philippinen an der University of the Philippines Diliman.

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3 | 2018, Philippinen,
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Nachtlandschaften von Ilocos. Eine Kulturgeschichte

Die Poster zu diesem Artikel stellte uns der indonesische Posterkünstler Alit Ambara zur Verfügung. Er schuf sie 2015, um den Opfern der Massaker von 1965 zu gedenken. Alit Ambara, den wir in der südostasien 2/2017 vorgestellt haben, ist Teil des Posterkollektivs Nobodycorp Internationale Unlimited.

Indonesien: Der so genannte Kalte Krieg führte Mitte der 60er-Jahre in Indonesien zu einem Massenmord an Linken durch Militärs, Paramilitärs und Zivilisten. Das Blutbad ebnete den Weg für die – von Washington, London und Bonn unterstützte – antikommunistische Diktatur von General Suharto. Die traumatischen Erinnerungen der Überlebenden spiegeln sich bis heute in Geschichten über gefährliche Geister und verwunschene Orte.

 

Die Jahre 1965 und 1966 sind ein dunkles Kapitel in der indonesischen Geschichte. Es war die Zeit der Massenmorde an Kommunisten und vielen Menschen, die des Kommunismus bezichtigt wurden. Die Gewalt erstreckte sich über Java, Bali, Sumatra auf weitere Teile Indonesiens und forderte schätzungsweise zwei Millionen Opfer. Diese Massenmorde spiegelten nicht nur Klassenkonflikte oder unterschiedliche politische Ideologien wider. Die Gewalt wurde auch mit dem kulturellen Argument legitimiert, dass Kommunismus die soziale Harmonie erschüttere.

Führte aber die Vernichtung der vermeintlichen Feinde zu einer harmonischeren indonesischen Gesellschaft? Keineswegs. Wie es scheint, wird das Alltagsleben auch heute noch herausgefordert und zuweilen gar bedroht durch die Geister der Opfer des damaligen Massakers.

Wie in vielen asiatischen Kulturen gibt es auch in Indonesien den Glauben, dass die Seelen der Verstorbenen nicht aus dem alltäglichen Leben verschwinden. Vielmehr werden sie zu Geistern, die in einer „anderen Welt“ leben. Doch auch, wenn sie sich in einer anderen, einer ewigen Welt befinden, bleiben sie im Kontakt mit ihren Nachfahren, um die Harmonie aufrecht zu erhalten. Bei diesem Prozess wird unterschieden zwischen der Harmonie der großen Welt (jagad besar) und jener der kleinen Welt (jagad kecil). Nur „gute“ Geister können für Harmonie sorgen, während „böse“ Geister die Harmonie stören.

„Böse Kommunisten“ = „böse Geister“

Ob die Geister der Verstorbenen gut oder schlecht sind, hängt davon ab, wie sie von der Lebenswelt in die ewige Welt übergehen, sprich: mit ihrer Todesursache, zusammen. Ein natürlicher Tod ist ein Tod nach Gottes Willen. Es ist ein guter Tod, aus dem ein guter Geist hervorgeht. Ein nicht natürlicher Tod, sei es durch einen Unfall, durch Mord oder Selbstmord, ist ein unvollkommener Tod, der zu einer teuflischen Reise in eine dunkle Welt führt. Von dort können die bösen Geister – sichtbar oder unsichtbar – lebensbedrohlich für die Menschen wirken.

Seit dem blutigen Geschehen von 1965/66 bis heute können wir beobachten, wie sich die Erinnerung an die Gewalt gegen Kommunisten bzw. als Kommunisten geltende Menschen vermischt mit komplexen Trauma-Folgen und kulturellen Weltanschauungen in Erzählungen über Geister im täglichen Leben widerspiegelt.

Dieser Artikel basiert auf Geistererzählungen von Bewohnern des Dorf Masean (Batuagung, Jembrana, Bali) und von Menschen, die am Ufer des Winongo-Flusses (Yogyakarta, Java) leben. Weitere „Geister-Erfahrungen“ stammen von der Insel Buru, wo sich das größte Lager für politische Gefangene befand. In all diesen Erzählungen ist auf vielfältige Weise das Trauma spürbar, unter dem die Gesellschaft bis heute leidet.

Der Landkreis Jembrana auf der Insel Bali war vor 1965 eine starke Basis der Kommunistischen Partei Indonesiens (PKI). Aus diesem Grund ereigneten sich dort besonders viele Morde an Menschen, die einer kommunistischen Weltanschauung verdächtigt wurden. 50 Jahre nach den Gewalttaten von 1965 und 17 Jahre nach dem Ende von Suhartos „neuer Ordnung“ (1965 – 1998), geschah in Jembrana etwas Interessantes. Im Dorf Masean (Batuagung) wurde das traditionelle Ritual ngaben durchgeführt. Bei diesem Ritual auf Bali, wo die Mehrheit der Einwohner dem hinduistischen Glauben angehören, werden Leichname verbrannt, um die Seelen der Toten von den Makeln ihrer physischen Existenz zu reinigen. So geschah es 2015 auch mit den sterblichen Überresten von einigen Opfern der Massenmorde. Die lokale Gemeinschaft entschied sich zu diesem Schritt, nachdem viele Menschen von Angst und Besorgnis umgetrieben worden waren.

Ida Bagus Kadek Suwartama, der hinduistische Priester des Dorfes, erklärt die Ursache der Ängste folgendermaßen: Die Dorfbewohner hätten seltsame Sachen erlebt, beispielsweise Leichen ohne Köpfe herumlaufen sehen. „Jedes Mal, nachdem jemand so etwas gesehen hat, gab es kurz darauf einen Selbstmord“, so Ida Bagus Kadek. Seit 1965 habe es 50 Selbstmorde in Masean gegeben, immer auf die gleiche Weise, durch Erhängen. Und nicht zu zählen seien die vielen Unfälle, die sich an den Orten der Massengräber von 1965 ereigneten.

Ida Rsi Bhujangga Waisnawa Putra Sara Shri Satya Jyoti, Dozent für Religionswissenschaft an der Hinduistischen Universität in Denpasar, begründet die Notwendigkeit zur Durchführung des ngaben so: „Die Leichen der vor Jahrzehnten verstorbenen Menschen werden, wenn sie nicht eingeäschert wurden, zu Bhuta Cuil, zu Geisterwesen, die jederzeit das Leben der Menschen stören können. Gemäß unserer Weltanschauung findet eine Art Tauziehen zwischen prakerti (physische, sichtbare Welt) und purusa (ätherische, unsichtbare Welt) statt. Wenn ein Mensch stirbt, muss die Seele – durch das ngaben-Zeremoniell – vom prakerti befreit werden – damit sie sich von dessen Anziehungskraft lösen kann.“

Die Erzählungen von den störenden Seelen der Toten, die im Dorf Masean immer wieder Unheil verursachen, zeigen, dass die Politik des Abschlachtens nicht vorbei war, als Suhartos „neue Ordnung“ die Bühne der Macht in Besitz genommen hatte. Sie setzte sich vielmehr im politischen Bewusstsein der Menschen fest. Erzählungen von den Geistern der Toten, die sich rächen wollen, wurden wieder und wieder erzählt, jüngeren Generationen überliefert und so als Bestandteil der täglichen Gespräche verewigt. In den Augen vieler „beweist“ dies fortwährend, dass Kommunisten die kosmische Harmonie stören.

Traumatische Erinnerung wird zur Geistergeschichte

Auch die Menschen am Ufer des Flusses Winongo in Yogyakarta (Java) erzählen sich Geschichten von Geistern. Diesen begegnet man bevorzugt an dunklen und ungepflegten Teilen des Flussufers. Auch diese Geschichten gehen auf die Grausamkeiten von 1965 zurück und werden bis heute von Generation zu Generation weitergegeben. In ihnen ist die Rede von seltsamen Stimmen, die mitten in der Nacht zu hören sind, von unsichtbaren Wesen, die es auf das Leben der Anwohner abgesehen haben. Es geht um verfluchte Orte, an denen Unheil geschieht. Die Erzählungen von Wesen, die in unheimlicher Gestalt erscheinen, weil sie einst Opfer eines gewaltvollen Todes geworden sind, zeigt, wie sich die damalige Gewalterfahrung bis heute als Angst ins kollektive Bewusstsein der Gesellschaft schreibt. Wie es scheint, verbirgt sich im Geschehen der Massenmorde das Kommunismusthema und Tote werden nach und nach zu Wesen, die überall herumgeistern, zu lästigen, verbrecherischen Wesen, zu Zerstörer*innen der Harmonie.

Die Erzählungen aus Bali und Java zeigen die vielschichtigen Auswirkungen der damaligen Gewalt, sie zeigen Verdrängung, Schuldgefühle und den Wunsch, zu einem normalen Leben zurückzukehren. Das Trauma versteckt sich in den Geistergeschichten und wirkt zugleich in ihnen fort. Die Gruselnarrative, die als kollektive Bedrohung für Menschen auf den Straßen von Jembrana oder am Flussufer des Winongo daher kommen, sind vielleicht auch Ausdruck der Verdrängung der Tatsache, dass Anwohner*innen beim Blutbad von 1965/66 – aktiv oder passiv – zu Mittäter*innen wurden, häufig aus Angst vor den Drohungen der Armee. So wird die Erinnerung an das grausame „Damals“ zur fortgesetzten Angst im „Jetzt“, wie es Jeffrey Alexander in seinem Buch Trauma: A Social Theory [1] beschreibt.

Auf der Insel Buru, wo sich in den 70er-Jahren das größte Lager für politische Gefangene befand, das oft auch als indonesischer Gulag bezeichnet wird, erzählen sich die Menschen andere Geschichten. Der Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer, der dieses Lager überlebte, beschreibt in seinem Buch Das Stille Lied eines Stummen, wie viele Gefangene angesichts der unerträglichen Zwangsarbeit und Willkürherrschaft der Militärs den Tod wählten, sei es dadurch, das Risiko einzugehen, bei einem Fluchtversuch erschossen zu werden, oder durch Selbstmord [2].

Verstorbene Häftlinge als Verbündete der Lebenden

Selbstmord wurde als „sichere“ Methode bevorzugt und darüber hinaus als eine, bei der Mithäftlinge nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Zum Verüben des Selbstmordes wurden stille, versteckte Orte gewählt, wie Flussufer mitten im Wald. Immer wenn ein Selbstmord geschehen war, erzählten sich die Häftlinge Geistergeschichten voll grausamer Details. Diese Geschichten kamen den Militärs zu Ohren, die die Zwangsarbeiter bewachten. Und sie glaubten schließlich daran, dass an den Orten, wo ein Selbstmord geschehen war, böse Geister ihr Unwesen trieben und dass es besser sei, sich von diesen Orten fern zu halten.

Die Geschichten wurden zahlreicher und sie wurden von den Häftlingen wieder und wieder erzählt, wodurch sie immer weiter die Runde bei den wachhabenden Militärs machten. Die Wiederholung des Gruselnarrativs wurde zum Mittel der „psychologischen Kriegsführung“ zwischen Häftlingen und Soldaten. Und so wurden diese „verfluchten Orte“ zu Freiräumen, wo sich erschöpfte oder kranke Häftlinge erholen konnten, ohne die Präsenz der Militärs befürchten zu müssen.

Für die Militärs befeuerten diese Geistergeschichten auch die Angst vor der grausamen Rache der Menschen, die sie gefoltert, verletzt oder ermordet hatten. Die Geister der toten Häftlinge waren für sie eine unsichtbare und unkontrollierbare Bedrohung. Daran, dass die Militärs das Narrativ der Häftlinge bestätigen, zeigt sich psychologisch gesehen die Angst der Täter. Die Häftlinge wiederum fühlten sich von den Geistern der Toten nicht bedroht, es waren ja ihre Leidensgefährten, die sie schützen würden und von denen sie geschützt werden würden. Sie erfanden diese Geschichten vielmehr, um zumindest zeitweise der lebensgefährlichen Zwangsarbeit zu entkommen.

Die dargestellten Geistergeschichten aus Bali, Java und Buru zeigen, dass das „Erschaffen“ von Geistern nicht losgelöst von den herrschenden Machtverhältnissen betrachtet werden kann. Denn diese bestimmen die Bedeutung der Geister. Der Massenmord an (vermeintlichen) Kommunisten hat ein Trauma nach sich gezogen, das die Zeit nicht geheilt hat. Bis heute spiegeln die Geistergeschichten, wie sie in den Beispielen aus Bali und Java erzählt werden, Verdrängung, Schuldgefühle und Angst. Und sie dienen der – im Sinne des Harmoniestrebens – fortgesetzten Vergewisserung, dass es sich bei den Toten um die Zerstörer der Harmonie gehandelt habe. Nicht so bei den Geistergeschichten der Häftlinge von Buru. Hier dienen die Gruselnarrative dem strategischen Ziel, sich der Macht der Militärs zu entziehen.

Die indonesische Zeitgeschichte ist eine „Geistergeschichte“, weil noch immer so viel dessen im Dunkeln liegt, was 1965 geschah. Es wird noch vieler Mühen bedürfen, diese Dunkelheit zu erhellen und für Gerechtigkeit zu sorgen.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller

 

Zum Weiterlesen:

  • [1] Alexander, J. C. (2013). Trauma: A Social Theory. Cambridge, Malden.
  • [2] Der Originaltitel lautet Nyanyi Sunyi Seorang Bisu, die deutsche Übersetzung erschien im Jahr 2000 im Horlemann Verlag.

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Nachtlandschaften von Ilocos. Eine Kulturgeschichte

Philippinen: Die Geister in den Horrorfilmen aus Südostasien sind nicht in erster Linie literarischen Metaphern nachempfunden, wie in vielen westlichen Verfilmungen. Sie sind vielmehr Teil einer Mythologie, die von vielen Menschen in der Region als selbstverständlich angesehen wird. Zugleich spiegelt das Genre die gesellschaftliche Realität und das, was in dieser lieber ungesagt bleibt.

 

Nach meinem Umzug von Deutschland nach Manila im Jahr 2004 war ich begierig darauf, die Filmkultur eines Landes kennenzulernen, von dem ich zu diesem Zeitpunkt so gut wie nichts wusste. In den ersten Monaten nach meinem Umzug sah ich fast jeden philippinischen Film, der in die Kinos kam, obwohl ich kein Wort Tagalog verstand. Und durch puren Zufall war der erste Film, den ich gesehen habe, Chito S. Roño´s Horrorfilm „Feng Shui“ (2004).

Ich wusste nichts über den Film, aber ich wurde mit einem unvergesslichen Kinoerlebnis belohnt. Während Furcht erregender Szenen bedeckten die Leute ihre Augen mit den Händen, sprangen von ihren Sitzen, schrieen, um Hauptdarstellerin Kris Aquino vor der Weißen Dame zu warnen, die vor ihrem Fenster schwebte. Jeder der vielen Morde im Film verursachte einen kollektiven Aufschrei, der aus einer gemeinsamen Kehle zu kommen schien. Der Filmhistoriker Tom Gunning hat den Begriff „Ästhetik der Überraschung“ (aesthetics of astonishment) für diese Art des Filmerlebnisses geprägt: die naive, unmittelbare Reaktion eines Publikums, das sich die Fähigkeit bewahrt hat, das Geschehen auf der Leinwand als real zu akzeptieren und entsprechend darauf einzusteigen.

Der Film ist nicht nur ein interessantes Beispiel für das Pastiche aus kulturellen Einflüssen, die die philippinische Kultur prägen: eine Kombination aus lokaler Tagalog-Mythologie und chinesischem Import-Aberglaube, die sich bereits im Titel „Feng Shui“, dem Namen der daoistischen Harmonielehre, niederschlägt. Die Reaktion des Publikums, das bei jeder Gruselszene buchstäblich aus seinen Sitzen sprang – obwohl die „scares“ im Vergleich zu amerikanischen Horrorfilmen dieser Zeit vergleichsweise zahm waren – sagt auch viel über die Phänomene, vor denen sich die Philippiner wirklich fürchten. So hat „Feng Shui“ zwar einige Gemeinsamkeiten mit dem westlichen Horrorfilm, unterscheidet sich aber in anderer Hinsicht auch stark von diesem.

Gruselfaktor Geisterglaube

Ich habe in den Philippinen später viel grausigere US-Horrorfilme gesehen, die nicht annähernd vergleichbare Schockreaktionen ausgelöst haben. Ganz offensichtlich hatte der Film also einen Nerv getroffen: 2004 war „Feng Shui“ einer der erfolgreichsten Filme in den Philippinen und führte zu einer Reihe weiterer Geisterfilme, unter anderem „Sukob“ (2006), „Tenement 2“ (2009), „Bulong“ (2011), alle ebenfalls von Regisseur Chito S. Roño, sowie die populäre Filmserie „Shake, Rattle and Roll“. Auch die Fortsetzung von „Feng Shui“ (2014) lockte abermals ein großes Publikum in die Kinos.

Es dauerte einige Zeit und bedurfte einer größeren Vertrautheit mit der philippinischen Kultur, bis ich zu verstehen begann, warum die vergleichsweise harmlosen Schocks und Spezialeffekte das Publikum für einen Großteil der Vorführung auf den Kanten ihrer gepolsterten Sitze hielt, wo es den Film teilweise durch die Finger betrachtete. Der Film berührte das Publikum auf eine Weise, die ich als Ausländer, der in einer weitgehend säkularen und „entzauberten“ Welt aufgewachsen war, schlicht nicht verstehen konnte: dass nämlich ein großer Teil des Publikums tatsächlich an die Geister glaubt, um die es in dem Film geht.

Und so betrachtet ist „Feng Shui“ kein Horrorfilm im westlichen Sinne, sondern ein Geisterfilm, ähnlich wie andere asiatische Produktionen vom japanischen Klassiker „Kwaidan“ (1964) bis zu den „A Chinese Ghost Story“-Filmen aus Hongkong. Die Horrorstoffe der westlichen Moderne mit Kreaturen wie dem Monster von Frankenstein, Dracula oder Zombies mögen sich ursprünglich aus traditionellen Märchen und Folklore gespeist haben, doch sie wurden erst von bürgerlichen Schriftstellern, dann von Filmregisseuren zu Chiffren für die tiefsten Ängste des modernen Menschen weiterentwickelt (vgl. auch Artikel von Baumann/Verstappen in dieser Ausgabe). Die Geister in den Horrorfilmen aus den Philippinen und anderen Ländern Südostasiens sind nicht in erster Linie literarische Metaphern, sondern Teil einer Mythologie, die von vielen Menschen in der Region immer noch als selbstverständlich angesehen wird. Dies hat wichtige Konsequenzen für das Verständnis von Geisterfilmen aus den Philippinen oder auch Thailand oder Kambodscha.

Interessanterweise enthält keines der kanonischen Bücher über das philippinische Kino ausführlichere Beiträge oder Essays über philippinische Horrorfilme, obwohl der ersten abendfüllende Spielfilm, der in den Philippinen entstand, „Aswang“ von 1933 war. Der Titel wird zwar in der Regel mit „The Vampire“ übersetzt, doch tatsächlich ist der Aswang eine Figur der philippinischen Mythologie, das eher mit den Gespenstern verwandt ist, die auch in „Feng Shui“ spuken (vgl. auch Artikel von M. Wetzlmaier in dieser Ausgabe). Die Encyclopedia of Philippine Art, die vom staatlichen Cultural Center of the Philippines herausgegeben wurde, enthält zwar in dem Band zum Kino einen kurzen Eintrag zum Horrorkino. Das ausführliche Essay über populäre Filmgenres des philippinischen Kinos bis 1960 im gleichen Band erwähnt Horrorfilme aber überhaupt nicht. Es beinhaltet jedoch einen Beitrag über Filme, die auf Märchen oder Volksmärchen basieren, sowie Fantasy-Filme wie die Filme „Dyesebel“ und „Darna“.

Mehr als Nervenkitzel und Schocks

Fast alle dieser Filme sind verloren gegangen, aber schon die Inhaltsangaben machen deutlich, dass es sich bei ihnen eher um Filmversionen traditioneller Schauergeschichten handelt, als um die fantastische, ins Grauenhafte überspitze Darstellung gesellschaftlicher Themen, die für den westlichen Horrorfilm typisch sind. Zu den besonderen Fähigkeiten des Kinos des Unheimlichen gehört seine Fähigkeit, unbequeme und marginalisierte Themen auf indirekte, metaphorische Weise anzugehen, die es erlaubt, Horrorfilme als Filme zu betrachten, die mehr tun, als Nervenkitzel und Schocks zu liefern.

Der kanadische Filmkritiker Robin Wood hat die Geschichten des amerikanischen Horrorkinos der 1970er und 80er Jahre als fiktive Rückkehr dessen beschrieben, was von der Gesellschaft erfolgreich unterdrückt wurde. Wie Freud in „Das Unbehagen in der Kultur“ geht er davon aus, dass das Funktionieren der westlichen Gesellschaft auf einer Unterdrückung unserer atavistischen Instinkte und Triebe beruht. Diese primitiven Impulse, von denen das sexuelle Verlangen am stärksten ist, werden sublimiert oder in Richtung sozial akzeptabler Aktivitäten „umgeleitet“. Diese verdrängten Impulse und Instinkte sind jedoch so mächtig, dass sie für Freud in unseren Träumen wiederkehren. Freud betrachtete diese Wiederkehr verdrängter Instinkte und Begehren mit Argwohn und als eine potenzielle Gefahr für die Zivilisation.

Robin Woods Analyse des US-Horrorkinos gibt ihm in gewisser Weise Recht, denn bei ihm ist der Horrorfilm für das Kino, was für Freud der Traum in der menschlichen Kultur ist: der Königsweg für das Unbewusste und das Unterdrückte, der dem Gehör verschafft, was gesellschaftlich tabu ist und unter den Teppich gekehrt werden soll, sich aber weigert, ganz zu verschwinden.

„Feng Shui“ ist kein billiger Horrorfilm wie die Filme, über die Wood schreibt. Er bietet für einen Film aus dem Entwicklungsland Philippinen hohe „production values“, wurde von einem etablierten Regisseur inszeniert und seine beiden Hauptdarsteller sind zwei Schauspieler, die in den Philippinen beliebte Filmstars sind: Jay Manalo und Kris Aquino (Letztere ist übrigens die Tochter des 1983 ermordeten philippinischen Bürgerrechtlers und Politikers Benigno Aquino, Jr. und der nach seiner Ermordung zur philippinischen Präsidentin gewählten Ehefrau Corazon Aquino.). Der Film wurde beim Metro Manila Film Festival eingereicht, wo er mit anderen Qualitätsfilmen konkurrierte, die die philippinische Filmindustrie für diesen Anlass produziert. Bei seiner Veröffentlichung wurde der Film als eine philippinische Version der Geisterfilme aus Japan, Südkorea und Thailand betrachtet, die zu dieser Zeit international für Aufsehen sorgten: Filme wie „The Ring“ oder „Dark Waters“ aus Japan, „The Eye“ aus Thailand oder „A Tale of Two Sisters“ aus Südkorea.

Filmische Inkarnation einer ungerechten Gesellschaft

Am Beginn des 21. Jahrhunderts waren Geister, Hexen, Spukhäuser, die Rache der Untoten zu einem der wichtigsten Sujets der Unterhaltungsindustrie eines Großteils Asiens geworden. Diese Filme basierten in der Regel auf lokalen Überlieferungen und Geistergeschichten, passten diese aber einer modernen Welt voller urbaner Entfremdung, moderner Telekommunikation und verlorener traditioneller moralischer (Familien-)Werte an. Während wir die Geister in diesen Geschichten als „Rückkehr des Verdrängten“ à la Freud beziehungsweise Wood lesen können, die die filmische Inkarnation zeitgenössischer sozialer Missstände und gesellschaftspolitischer Probleme sind, bleiben sie letztlich traditionelle Geisterfilme, die stärker der Folklore des jeweiligen Landes verpflichtet sind als der Moderne, in der sie spielen. Der gesellschaftspolitische Subtext wird zwar gestreift, aber die Geister sind letztlich solche im traditionellen Sinne: Kreaturen, die aus Rache zurückkehren, um Ungerechtigkeiten, die ihnen angetan wurden, zu vergelten, nicht um zeitgenössische Ängste und Traumata zu artikulieren.

„Feng Shui“ entspricht ganz dieser „asiatischen“ Herangehensweise an das Horrorgenre: Die „White Lady“, die unsere Protagonisten terrorisiert, ist eine gängige Trope im philippinischen Aberglauben (auf dem Balete Drive in Manila wird eine „White Lady“ regelmäßig in der Nacht von Taxi- und anderen Autofahrern gesichtet), ebenso wie der „Bagua“, der chinesische Spiegel, der im Film erst Glück, dann Unglück über die Ramirez-Familie bringt. Doch während die „White Lady“ ein etabliertes Motiv in der philippinischen Geisterkosmologie ist, ist das Umfeld, in dem sie zu spuken beginnt, ausgesprochen zeitgemäß und thematisiert tief sitzende Ängste der philippinischen Mittelschicht: die Angst vor sozialer Deklassierung, vor dem Zusammenbruch der Familie, vor einem Aufstand der Unterschicht, vor der sich der philippinische Mittelstand in Gated Communities, SUVs und klimatisierten und schwer bewachten Einkaufszentren verschanzt hat.

Ein Spiegel und seine Folgen

Dieses Thema wird gleich zu Beginn des Films eingeführt: Während des Vorspanns sehen wir eine schnell geschnittene Collage von Straßenszenen, aufgenommen in Binondo, der Chinatown von Manila. Gezeigt werden Straßenverkäufer, die ihre Waren im chaotischen Verkehr verkaufen; Obdachlose, die auf Gehwegen schlafen und kochen; Kinder, die im Müll spielen oder unter provisorischen Zelten schlafen. Kombiniert wird dies mit Aufnahmen, die die Exotik dieser Umgebung unterstreichen: farbenfrohe Schilder von Geschäften und Jeepneys (dem für die Philippinen typischen Minibus), Schaufenster voller Jesus-Skulpturen, verpackt in Zellophan. Diese Eröffnungssequenz dient sowohl als Einführung in die „fremde“ Natur des Spiegels, zeigt aber auch die Art von Urbanität, die die Mittelschicht der Philippinen lieber meidet, die sie aber in diesem Film als Spuk in ihrer komfortablen Mittelklasseexistenz heimsuchen wird.

Die ersten Szenen der Erzählung stellen die Protagonistin Joy als Mitglied einer kriselnden Mittelschicht vor. Joy Ramirez (Kris Aquino) findet den Bagua-Spiegel auf der Heimfahrt von der Arbeit im Bus. Sie fährt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit und nicht mit dem eigenen Auto – das Familienauto wird nur von ihrem Mann zum Pendeln benutzt, was auf männliche Privilegien in einer patriarchalischen Gesellschaft hinweist. Ihr Zuhause ist ein neu bezogenes Haus voller Umzugskisten in einer trostlosen und abgelegenen Subdivision voller leerer Häuser und Brachflächen. Ihre Nachbarn leben vom Verkauf von raubkopierten DVDs, die neue Freundin ihres Sohnes wächst ohne Eltern auf. Wenn Joy von der Arbeit kommt, muss sie Hausarbeiten wie Kochen und Wäschewaschen erledigen, da sie – für eine Mittelstandsfamilie auf den Philippinen etwas unplausibel – keine Haushaltshilfe hat.

Ihre Kinder mögen das neue Haus mit seinen Insekten und Eidechsen nicht. Joy hat offensichtlich Probleme mit ihrer Familie, nachdem sie mit ihrem Mann Inton (Jay Manalo) und ihren Kindern Ingrid (Julianne Gomez) und Denton (John Vladimir Manalo) in dieses neue Heim gezogen ist. Der Bagua-Spiegel ist daher willkommen, denn er wird – wie die Krämerin Aling Biring (Luz Fernandez) sagt – böse Geister vertreiben und Glück bringen. Die vielen Szenen, in denen die spirituelle Bedeutung des Spiegels diskutiert wird, zeigen deutlich, dass sich der Film auf einen Aberglauben bezieht, der nicht in erster Linie zu den Traditionen unserer Protagonist*innen gehört, sondern auf den chinesischen Einfluss auf die philippinische Folklore verweist.

In einer Szene besuchen Joy und Alice einen chinesischen Tempel, um von einem Priester (Joonee Gamboa) mehr über den Bagua zu erfahren. Denn die Methoden, mit denen der rachsüchtige Geist des Spiegels Familienmitglieder und Bekannte gleichermaßen tötet, kann nicht mit den Methoden, die der römisch-katholisch erzogenen Joy in den Sinn kommen, besänftigt werden. Eine Dose Sardinen reicht als Opfer einfach nicht aus, um die chinesische „Lotus Lady“ (ein Geist, der aus Shanghai importiert wurde, wie wir nun erfahren) zu beschwichtigen. Die pflegt einen tödlichen Groll, der weder durch christliche Gebete noch durch animistische Opfergaben beschwichtigt werden kann. Ist dies Ausdruck des philippinischen Traumas, nicht Herr über sein eigenes (nationales) Schicksal zu sein?

Zuerst scheint der Spiegel das versprochene Glück zu bringen: Sobald Joy ihn über ihre Haustür hängt, wird sie befördert und gewinnt den Hauptpreis bei einem Preisausschreiben. Doch am selben Tag erfährt Joy auch, dass die Krämerin Aling Biring an Leptospirose gestorben ist. Schnell wird klar: Wenn Joy besonders viel Glück hat, stirbt eine ihrer Bekannten, und die Todesursache steht im Zusammenhang mit dem chinesischen Sternzeichen, unter dem diese Person geboren wurde.

Die Abstiegsangst der Mittelklasse

Die meisten Menschen, die im Film sterben, gehören zur „masa“, der Unterschicht: Das zweite Opfer von Joys Erfolg ist der Tricycle-Fahrer Mang Nestor, der sie jeden Morgen zur Bushaltestelle bringt. Weitere Opfer sind ein Wachmann, der in Joys Gated Community patrouilliert, und der verwahrloste Freund ihres Sohnes, der ohne Eltern im Haus der DVD-Piraten aufwächst. Als ihre Freundin Alice von einem Betrunkenen aus ihrer Nachbarschaft getötet wird, schreit er sie an: „Du arrogante Schlampe. Nur weil du ins Ausland gehst“, bevor er sie von ihrem Balkon schubst. (Alice hat eine Arbeitserlaubnis für die USA erhalten, die viele Philippiner*innen wie einen Gewinn im Lotto herbei sehnen.)

Anspielungen auf Klasse und Klassenprivilegien sind ständige Begleiter der vielen Todesfälle in diesem Film und motivieren auch einige seiner unheimlichsten Szenen. Als der tote Wachmann wieder zum Leben erwacht und Joys Kinder jagt, ist das auch visuelle Metapher einer tief sitzenden Angst der philippinischen Mittelklasse: Was wäre, wenn sich die vielen schlecht bezahlten Dienstboten – die das Leben der philippinischen Mittel- und Oberschicht so angenehm machen – gegen sie wenden würden? Wenn die devoten und freundlichen Kinder- und Dienstmädchen, Köche, Fahrer und Wachmänner plötzlich beschließen würden, sich für ihre Ausbeutung zu rächen? Die Szenen, in denen Joy von den Geistern der Dreiradfahrer, Straßenverkäufer und Wachmännern verfolgt wird, wirken wie eine Revolution der Subproletarier, die die Mehrheit der Philippiner*innen ausmachen.

Szenen wie diese rechtfertigen es für mich, bei „Feng Shui“ von einer „Rückkehr des Verdrängten“ im Sinne Freuds zu sprechen. Klassenverhältnisse und die Ausbeutung der Unterschichten sind Themen, die in den meisten Mainstream-Filmen der Philippinen nur selten thematisiert werden. Aber unter dem Deckmantel von Geistern in einem Horrorfilm dürfen diejenigen, die normalerweise keine Rolle im philippinischen Unterhaltungskino spielen, sich zumindest symbolisch einmal wehren.

Ein Horrorfilm im „westlichen“ Sinne ist „Feng Shui“ trotzdem nicht – nicht ganz. Die Aufklärung und die westliche Moderne haben ihre eigenen Schreckensfiguren hervorgebracht, die die Geister der vorindustriellen Zeit ersetzten. Das Einzigartige an „Feng Shui“ ist, wie es die traditionellen Geister der Philippinen mit den Monstern des zeitgenössischen Horrors kreuzt. Als der tote Wachmann wieder zum Leben erwacht, erscheint er sowohl als uraltes Schreckgespenst (wie in der traditionellen Spukgeschichte) wie auch als moderner Zombie im Stil des zeitgenössischen Horrorfilms. In diesem Sinne ist „Feng Shui“ auch ein Statement über die heutigen Philippinen mit ihrer oft verwirrenden, hybriden Kombination aus Moderne und traditionellen Gebräuchen – wie ein alter Bagua-Spiegel über der Tür eines Neubaus in einer gerade hochgezogenen Eigenheimsiedlung.

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3 | 2018, Philippinen,
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Nachtlandschaften von Ilocos. Eine Kulturgeschichte

Südostasien: Der Umgang mit Geistern wird von jenen, die sich modern nennen, oft verächtlich gemacht: als angst-besetzt, als hinterwäldlerisch, als rückwärts gewandt. Dennoch bietet Animismus gegenüber Modernisierungs-Doktrinen oder Weltreligionen den Vorteil, dass er sich an der lokalen Alltagswelt der Menschen orientiert. Denn es geht dabei um Dialog statt um Indoktrination.

 

Menschen, die mit Geistern Umgang pflegen, haben es nicht leicht. Man wird für abergläubisch und rückwärts gewandt gehalten von Leuten, die an Wissenschaft, Fortschritt oder eine der so genannten Weltreligionen glauben. Wer es mit Geistern hält, so heißt es, lebt in steter Angst. Ein gütiger Gott, ein Schub Wissenschaft oder ein wenig Vernunft würde die Geistergläubigen demnach aus ihrer vermeintlichen Umnachtung rasch befreien.

Doch die Geister sind hartnäckig. Besonders in Südostasien sind sie allgegenwärtig. Im multiethnischen Laos beispielsweise hat laut Volkszählung ein knappes Drittel der Bevölkerung keine andere Religion als die der Geister. Aber auch Anhänger des Buddhismus und anderer Religionen zollen ihren Ahnen oder den unsichtbaren Bewohnern ihrer Umwelt Respekt. Kleine Häuschen mit Blumen oder Speisen, diskrete Opfergaben am Wegesrand aber auch aufwändige Rituale zeugen von der fortgesetzten Aufmerksamkeit, die ihnen gilt. Geistermedien, viele davon Frauen oder Transgender-Personen, vermitteln zwischen ihren Kunden und den Unsichtbaren, um Krankheiten zu heilen oder Unglück abzuwenden. Über hundert Jahre westlichen Einflusses vermochten daran nichts Wesentliches zu ändern. Selbst frühere Versuche, die aus der Region selbst kamen, scheiterten. Schon im 16. Jahrhundert versuchte der laotische König Photisarat, ein strenggläubiger Buddhist, die Geisterkulte zu verbieten – ohne Erfolg.

Vielleicht ist am Umgang mit Geistern, der häufig mit dem Wort Animismus bezeichnet wird, mehr dran als zählebige Verblendung und Fortschritt hemmende Tradition. Das Phänomen hält sich möglicherweise aus guten Gründen. Ohnehin bietet der Animismus keine einheitliche Erscheinung. Der Begriff ist vielmehr ein Sammelbecken für recht unterschiedliche Praktiken, die sich auf die Geister der Verstorbenen wie auf die der Umwelt beziehen, auf Beseelung von Objekten und auf die Steuerung unsichtbarer und unpersönlicher Kräfte im Ritual. Blickt man jedoch auf die Vorteile, die der Animismus in Südostasien bietet, lässt sich eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten in der Vielfalt finden – Gemeinsamkeiten, die jedoch wiederum Unterschiede hervorbringen. Ich beziehe mich vor allem auf meinen Forschungsschwerpunkt, das südostasiatische Festland, und besonders das Hochland von Laos.

Religion ohne Doktrin

Vergleicht man animistische Praktiken mit den Weltreligionen, so fällt ein Unterschied gleich ins Auge. Animisten ziehen nicht in die Welt, um zu verkünden, dass sie im Besitz der einzig wahren Lehre sind und alle anderen nichts als Götzendiener. Sie führen auch keine Kriege, weil ihr Umgang mit den Geistern von dem ihrer Nachbarn abweicht. Das macht Animisten zwar nicht zu Pazifisten. Die Manipulation von schädlichen Geistern, Flüche und Magie bieten zahlreiche Möglichkeiten, den Nachbarn zu schaden oder sich von diesen geschädigt zu fühlen. Aber um Glaubensfragen geht es bei diesen Konflikten nicht.

Christentum, Islam und Buddhismus hingegen nehmen an, dass sie für alle Menschen gelten, und zwar ausschließlich. Wer Moslem ist, kann nicht zugleich Christ sein. Wer Christ ist, verpflichtet sich zu einem bestimmten System von Ritualen und muss die anderen meiden. Animisten verstehen so etwas nicht ohne weiteres. Die Ethnologin Krisna Uk berichtet von den Jora, einer traditionell animistischen Ethnie im Hochland Kambodschas, dass sie die Lehren des Christentums zwar hochinteressant finden, aber nicht ganz einsehen, warum sie daneben nicht ihre Ahnen versorgen sollen. Gott geht für sie in Ordnung, aber nicht seine Eifersucht. Deborah Tooker ebenfalls Ethnologin, begegnete in Thailand Akha, die zum Christentum konvertierten, weil die Rituale, die ihre eigene Kosmologie ihnen auferlegte, zu teuer wurden. Wenn sie das Geld beisammen hatten, wurden sie wieder Animisten.

Animismus als Pluralismus

Der Animismus in Südostasien widerstrebt der festgelegten Doktrin. Die Rituale und Praktiken unterscheiden sich nicht nur von Gesellschaft zu Gesellschaft. Jedes Dorf führt sie ein wenig anders durch. Warum auch nicht? Die Geister gehören in der Regel zu zwei Klassen – Verstorbene und Vorfahren einerseits, Geister der Erde und des Ortes andererseits. Beide sind spezifisch. Jedes Dorf, jedes Nachbarschaft hat andere Geister. Warum, so argumentieren Südostasiaten, sollten dann die Gebräuche überall dieselben sein?

Denn die genaue Form der Rituale ergibt sich nicht zuletzt aus der Praxis. Die Bedürfnisse und den Charakter der Geister kennt man nicht von vornherein. Bei den Rmeet in Laos ist das leicht erkennbar. Wie mir die Experten für die jährlichen Dorfrituale dort erklärten, existiert der Schutzgeist eines Dorfes noch nicht, wenn es neu gegründet wird. Er entsteht erst mit dem Wachstum der Siedlung. Irgendwann erfasst eine Welle von Krankheiten das Dorf – und diese Krankheiten, das gilt es zu deuten, sind Botschaften des neu entstandenen Schutzgeistes, der ein Tieropfer fordert. Ein Mann, der die Bräuche kennt und dem Geist den nötigen Respekt abverlangen kann, wird bestimmt, die Opfer im Rahmen eines rauschenden Festes zu vollziehen. Künftig führt er diese Rituale jährlich durch. Hat das den erwünschten Effekt, entsprach das Opfer den Erfordernissen des Geistes. Lag man daneben, wird es auf andere Weise wiederholt. Mit diesem Vorgehen lernen Mensch und Geist sich im Laufe ihrer Beziehung besser kennen. Auf diese Weise entstehen Unterschiede zwischen den Dörfern.

Dieser Animismus macht solche Unterschiede erwartbar. Er basiert auf Dialog, nicht auf Indoktrination. Die Ritualisten nutzen vergangene Erfahrungen und Wissen jeder Art, um zu ermitteln, mit welcher Art von Geist sie es zu tun haben. Ihr Vorgehen ähnelt dem der Experimentatorin, die mit bekannten Prozeduren das Unbekannte erforscht. Sie stützen sich auf die Tradition, klammern sich aber nicht daran.

Dazu kommt, dass viele der animistisch orientierten Gesellschaften Südostasiens niemals Staaten gebildet haben. Politische Autorität ist ihnen nicht fremd, aber in ihren Gemeinschaften konnten sie immer wieder die Erfahrung machen, wie instabil diese sein kann. In ihrem religiösen Leben ist es nicht anders. Niemand verfügt über unhinterfragbare Autorität. Oft habe ich beobachtet, wie die Rmeet während eines Rituals lebhaft debattierten, wie es korrekt durchzuführen sei. Der Kosmos beruht nicht auf unverrückbaren Gesetzen, sondern verfestigt sich erst im Gespräch. Dieses Gespräch umfasst die menschlichen wie die nicht-menschlichen Akteure. Die Geister reden mit – mal durch den Mund von Medien, mal indem sie Krankheiten und Unglück verursachen oder verhindern.

Im Gespräch mit der Natur

Diese symmetrischen Beziehungen haben noch eine andere Folge – eine gewachsene Aufmerksamkeit für die natürliche Umwelt. Der alte Begriff Animismus erlebt in den Geisteswissenschaften gegenwärtig eine Renaissance, und das hängt nicht zuletzt mit der ökologischen Krise zusammen. Die Unterscheidung von Natur und Kultur im Denken der Neuzeit erweist sich zunehmend als Problem, als die ideologische Seite der Zerstörung der Ökologie. Der Blick auf andere Gesellschaften, die diese Trennung nie – oder zumindest in ganz anderer Weise – vorgenommen haben, verspricht deswegen Alternativen aufzuzeigen, wie Mensch und Umwelt miteinander umgehen können. In der heutigen Debatte in Disziplinen wie Ethnologie, Archäologie oder Wissenschaftssoziologie bezeichnet Animismus daher nicht einfach den Glauben an die Beseelung aller Dinge. Vielmehr umreißt er Systeme von Beziehungen, in denen nicht nur Menschen handelnde Personen sein können, sondern auch Geister, Tiere, Pflanzen, selbst Teile der Landschaft oder Gegenstände. Leben ist aus animistischer Sicht nicht allein auf das Biologische beschränkt.

Die Grenze, die das moderne Denken zwischen der Gesellschaft und ihren von Menschen gemachten Regeln einerseits und der Natur, die von unumstößlichen Gesetzen beherrscht wird, andererseits zieht, ist hier nicht von Bedeutung. Das heißt nicht, dass Animisten keine Unterschiede machen. Mit Geistern geht man anders um als mit Menschen. Aber eine umfassende Vorstellung von Kommunikation prägt die Beziehungen zwischen Menschen und Nichtmenschen. Wenn der Wald der Lebensraum der Geister ist, kann man ihn nicht nach Bedarf abholzen. So fand der Ethnologe Nikolas Århem bei den Katu an der laotisch-vietnamesischen Grenze ganze Bergwälder, die unter dem Schutz desselben Geistes stehen, der das moralische Verhalten der Dorfbewohner beaufsichtigt. Hier darf man nur mit Vorsicht fällen und jagen. Die Vorstellungen der Katu sind zwar nicht die von modernen Umweltschützern – ihr Effekt ist jedoch der gleiche.

Politisierung des Animismus

Allerdings: In dieses Verständnis des Animismus mischt sich eine gute Dosis Romantik, ein durchweg modernes Bild von guten „Naturvölkern“, die die Umwelt besser zu schützen wissen als Wissenschaftlerinnen und Wirtschaftsbosse. In seiner einfachen Version ist dieses Bild gewiss eine Verzerrung der indigenen Wirklichkeit. Aber vielleicht ist es gar nicht so fehl am Platze – gibt es doch den Indigenen der Welt ein Mittel in die Hand, mit dem sie dem Zugriff auf ihr Land und der Herabwürdigung ihrer Lebensweise etwas entgegen setzen können. Diese Politisierung des Animismus hat nichts Unauthentisches. Vielmehr regeln die Animisten mit den Beziehungen zu den Geistern und Tieren zugleich ihre Beziehungen zu Staaten und Firmen.

Doch die Idee des indigenen Umweltschützers funktioniert nicht immer. Timor Leste, der jüngste Staat Südostasiens, hat seine religiöse Identität in einer Kombination aus Katholizismus und Animismus gefunden. Deswegen gehört er zu den wenigen Ländern, die animistische Rituale staatlich fördern. Das geschieht zuvorderst zum Zweck des Umweltschutzes. Über schützenswerte Wälder und Landschaften werden rituelle Verbote verhängt, um die dort ansässigen Geister nicht zu stören. Doch wie die Ethnologin Lisa Palmer schreibt, oft blieb der erhoffte Effekt aus – die Timoresen bedienten sich weiterhin an den natürlichen Ressourcen. Vielleicht hatte die Regierung allzu sehr darauf vertraut, dass das Leben der Indigenen von „ehernen Stammesgesetzen“ beherrscht wird. Tatsächlich taten die Menschen nichts anderes als in anderen Teilen Südostasiens – sie vertrauten darauf, dass die Geister sich schon melden würden, wenn ihnen etwas nicht passt. Geister sind nicht wie Naturgesetze. Man kann mit ihnen verhandeln, und sie verhalten sich nicht immer gleich. Hier reiben sich ein modern-westliches Konzept von Umweltschutz, das auf Naturgesetzen beruht, und eine animistische Vorstellung von Achtsamkeit und Verhandlung aneinander.

Die Last der Geister

Doch der Umgang mit Geistern kann auch anstrengend werden. Animismus ist nicht billig. Zwar muss man keine Kathedralen bauen, aber bei jeder Krankheit ein Schwein oder gar einen Büffel zu opfern liegt einem ländlichen Haushalt schwer auf der Tasche. Dazu kommen die stets komplexer werdenden Regeln. Jede Verhandlung, jede Erfahrung mit den Geistern führt möglicherweise zu einem neuen rituellen Verbot. Als ich bei den Rmeet ein kleines Zimmer im Haushalt einer Familie bezog, sagte mein Gastvater mir, früher hätte ich nicht Schreibmaschine schreiben oder mich mit Mückenschutz einreiben können – der Hausgeist sei in der Vergangenheit weitaus kleinlicher gewesen als heute.

Irgendwann in der Geschichte der Rmeet muss es demnach eine Phase gegeben haben, in der sich die Tabus anhäuften, eine Zeit, in der es den Rmeet ebenso plausibel erschien, stets neue rituelle Regeln einzuführen, wie es den Modernen unvermeidlich erscheint, sich immer weiteren bürokratischen Vorschriften zu unterwerfen. Keiner erinnert sich daran, wie diese Regeln zustande gekommen sind, aber irgendwann wurden sie auch den Gewissenhaftesten zur Last. Heute sprechen die Rmeet davon, durch Reisen und Vergleiche gelernt zu haben, dass es mit weniger Verboten auch geht.

Ähnliches berichteten die Kelabit in Sarawak dem Ethnologen Matthew Amster. Die geschärfte Aufmerksamkeit der Animisten zeigt sich nicht zuletzt in stets neuen Einschränkungen. Die Umwelt ist voller Botschaften, die der Deutung bedürfen. Jeder Vogelruf kann eine Warnung der Geister sein. Unter solchen Bedingungen werden einfache und radikale Lösungen attraktiv. Die Konversion zu einer Weltreligion gehört dazu. Mit Jesus Christus glauben viele Animisten, den stärksten Geist auf ihre Seite gezogen zu haben. Dass es sich dabei nicht um eines ihrer üblichen Experimente handelt, ist manchen jedoch nicht ganz klar. Das Gespräch, durch das die Welt zustande kommt, ist damit beendet. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften, die im Animismus normal sind, sehen nun wie Abweichungen von der Wahrheit aus.

Der Buddhismus zeigt sich in mancher Hinsicht flexibler. Buddhisten in Laos wenden sich auch weiter an die Geister, gehen aber davon aus, dass die buddhistischen Praktiken ihnen dabei den Rücken stärken. So geht es den Loven im Süden des Landes. Noch vor wenigen Jahrzehnten eine ausschließlich den Geistern verpflichtete Gesellschaft, wenden sie sich zunehmend dem Buddhismus zu. Früher, erzählte mir einer ihrer Ritualexperten, wären die Geister von Vater und Mutter im Haus gewesen, und ständig hätten sie dessen Bewohner krank gemacht, wenn sie Hunger hatten. Heute hingegen gehen Vater und Mutter in den Tempel, wo die Mönche ihnen zu Essen geben – denn Geschenke an die Mönche gehen unverzüglich an die Toten. Mit dem Buddhismus haben die Loven offenbar eine für sie wirksamere Form des Animismus gefunden.

Der Druck des Staates

Doch dieser Wandel findet nicht ohne staatlichen Druck statt, und auch das kennzeichnet Südostasien. Wie andere Staaten der Region erkennt auch Laos Animismus nicht als legitime Religion an und verweigert Dörfern ohne buddhistische Tempel staatliche Auszeichnungen. Ein guter Thai, ein guter Laote ist demnach Buddhist. Die anderen müssen noch entwickelt werden. Wenn die Loven sich den Buddhismus aneignen, dann auch, um sich mit ihrer Regierung besser zu stellen.

Denn wie die Wissenschaft, wie die Weltreligionen glaubt sich der moderne Staat mit seinem Sinn für Entwicklung und Fortschritt im Besitz der Lehre, die alle glücklich macht. Wenn aber jemand, der seine Positionen nicht verhandeln kann und will, auf jemanden stößt, der unentwegt verhandelt, zieht der zweite oft den Kürzeren. So sieht sich der Animismus mit seiner Flexibilität und Offenheit konfrontiert mit Staaten, die ihn nicht mit Fortschritt vereinen wollen, mit einer Wissenschaft, die ihn für unbeweisbar hält, mit Religionen, die ihn als Aberglauben behandeln, und einer Marktlogik, die in ihm nur Verschwendung von Ressourcen sieht.

Gerade die Stärke des Animismus wandelt sich hier –aus moderner Perspektive- in eine Schwäche. Aber, wie gesagt, die Geister sind hartnäckig. In Thailand nehmen die Spenden an buddhistische Einrichtungen stetig zu – gleichzeitig florieren in den Städten Geisterverehrung und Medien. Vietnam erlebt seit Ende der sozialistischen Planwirtschaft ein rasantes Wiedererstehen von Geister- und Götterkulten, die der Staat sogar als Kulturerbe fördert. Selbst strenggläubige Muslime in Aceh oder Bima in Indonesien räumen die Existenz von Djinni ein – immerhin ist selbst im Koran von ihnen die Rede. Vielleicht kommt ihnen allen ein Kosmos, der allein den strengen Regeln von Schriftreligion und Wissenschaft gehorcht, eine Welt ohne Dialog von Mensch und Nichtmensch letztlich doch unbewohnbar vor.

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3 | 2018, Philippinen,
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Nachtlandschaften von Ilocos. Eine Kulturgeschichte

Philippinen: Die Visayas sind eine zentral gelegene und die geologisch älteste Inselgruppe der Philippinen. Hier gibt es Mythen und Sagen über die Entstehung der Inseln. Deren Bewohner – die Visaya – erzählen sich Geschichten über Götter, welche die Welt erschufen, und in ihrem Brauchtum spielen Geister, die auf der Welt neben den Menschen leben, eine große Rolle.

 

Das Glaubenssystem der Visayas unterteilt die Geister in zwei Arten: in gute und schlechte. Beide sind unsichtbar und verfügen über große Macht. Die guten Geister sind die vorkolonialen Ahnen, die sogenannten anitos. Bis heute werden sie in den täglichen Gebeten der mamaratbats angerufen. Mamaratbats sind mehrheitlich weibliche Vorbeter*innen. Um von Bathala, einem Gott, der in seiner Allwissenheit und Bedeutung dem christlichen Gott nahekommt, gehört zu werden, müssen männliche Vorbeter sich wie eine Frau kleiden und verhalten. Schlechte Geister oder Wesen sind von unterschiedlicher Größe und haben Namen, die vom Spanischen beeinflusst sind. So zum Beispiel die winzige encanto (eine Fee), deren Körperteile aus dem Boden herausragen; oder der einbeinige duende (Zwerg), der angeblich in einem Erdhügel zu Hause ist und auch nuno sa punso (abgeleitet vom Wort nonoc, das Ahne bedeutet) genannt wird; oder der Tabak rauchende Riese capre, der etwa zwei Meter groß ist und dessen Größe auf jeden einen Schatten wirft und der all jene entsetzlich erschreckt, die am balete-Baum vorbei gehen.

Universum aus sieben Schichten

Über all diesen guten und schlechten Geistern lebt der Gott Laon. Laon ist ein Visaya-Wort und bedeutet „alt“, „ewig“ und „zeitlos“. Laon lebt in der siebten Schicht, der des Himmels, genannt Langit-non. In vorkolonialer Zeit stellten sich die Gruppe der Visaya das Universum siebenschichtig vor. Die von Menschen bevölkerte Erde war in ihrer Vorstellung die vierte und somit mittlere Schicht, genannt Lupan-on, was übersetzt Erde oder Boden bedeutet.

Nach dem Visaya-Glaubenssystem hat alles in der Natur einen Geist. Die Geister leben in allem und überall. Spanische Mönche dokumentierten im 17. Jahrhundert, dass die Visaya Angst vor Bäumen, Pflanzen, Steinen, seltenen Tieren (u.a. vor dem limokon-Vogel, der ein Vorbote des Todes sein soll) und Wassergeistern in den Flüssen hatten.

Geister verlangen Respekt, so die Kultur der Visaya. Deshalb sagen Filipinos „tabi-tabi“ (Visaya) und „tabi-tabi po“ (Tagalog), wenn sie in einen Wald, auf eine Wiese oder auf ein ihnen fremdes Landstück gehen. Das Word tabi-tabi wird langsam, ruhig und respektvoll ausgesprochen und bedeutet „Entschuldigung, kann ich hereinkommen?“. So wird um Erlaubnis der anitos und aller anderen Geister gebeten, wenn der Mensch ihren Aufenthaltsort betritt. Wer eintritt, ohne um Erlaubnis zu fragen, wird von den Geistern nicht verschont. Also kommen der Zwerg duende oder die Fee encanto und fügen dem Eindringling körperliche Schmerzen und Schwäche zu.

Gute Geister und Ahnen

Der guten Geister und Ahnen muss an ihrem Todestag und am 1. und 2. November (entspricht Allerheiligen und Allerseelen im gregorianischen Kalender) gedacht werden. Sollte die Ahnenfamilie vergessen, den Namen des Ahnen während des Gebetes zu nennen oder versäumen, ihm Früchte und Essen (meist einheimische Delikatessen) anzubieten, erscheint der Ahne im Traum und erinnert daran, eine Kerze anzuzünden und das Gebet für ihn zu sagen.

Die Visaya glauben, dass die Ahnengeister die Macht haben, Menschen zu verscheuchen. Die Geister beschützen, bewachen und führen ihre Lieben in Zeiten der Not. Wenn man krank ist, erscheint der Geist und streicht einem über den Kopf, um den Schmerz zu lindern. Wenn jemand im Sterben liegt, zeigen sich die Ahnen vieler Generationen, um dessen Geist mitzunehmen.

Wenn man vom Weg abkommt, muss die Person die Kleider ausziehen und verkehrt herum tragen. Und siehe da, die verfahrene Person findet sich wieder zurecht, weil sie von den Ahnengeistern auf den richtigen Weg geführt wird.

Es heißt, Diebe seien aus verlassenen und unbewachten Häusern geflohen, weil sie schwebende Geister „ohne Füße“ im oder außerhalb des Hauses gesehen haben. Landbesitzer auf den Visayas legen gewöhnlich einen Schädel, Kleider oder sonst etwas, das einem toten Ahnen gehörte, in ihr Haus, um Eindringlinge zu verscheuchen, die es wagen, etwas aus dem Obstgarten zu stehlen.

Geisterwelt im Meer bei Samar und Masbate

Ein Mensch darf die Geisterwelt nicht betreten, es sei denn, man stirbt. Die Fischer in Samar und Masbate glauben, dass die Geister der Natur in den Wassertiefen, den sogenannten Tubignon, leben und dort nicht gestört werden dürfen. Es gibt keine sichtbare Grenze, wie weit man sich in das Meer begeben darf, weshalb die Fischer eine bestimmte Grenze festsetzen. Es spricht sich herum, dass man sich hüten solle, diese Grenze zu überschreiten.

Die spanischen Kolonialherren nannten die San-Bernardino-Strasse [1] nach dem heiligen Bernard, der dafür bekannt war, verlorene Seefahrer zu retten. Der vorkoloniale Name der Meerenge war Tagbaluran, was bedeutet, „wo Wellen auf Wellen treffen“. Die Meerenge ist zwischen Bicol und Samar und verbindet die Samar-See mit der Philippinischen See. Aufzeichnungen der Spanier berichten, dass die Galeonen und Schiffe der Kolonialmacht hier auf Grund liefen. Die Strömungen waren tückisch und während dreier Jahrhunderte verschluckte die See an diesem Ort immer wieder Segelschiffe erfahrener Seefahrer.

Erzählungen haben Fischer aus Bicol und den Visayas davor gewarnt, ihre Netze in diesem Meeresteil auszuwerfen, weil dies das Reich der Naturgeister in den Tubignon, der sechsten, aus Wasser bestehenden Schicht des Universums, verletzen würde.

Ein Artefakt, Rizal Stone genannt, wurde im Jahr 2000 in Ticao auf Masbate gefunden. Darauf waren in baybayin, einer alten philippinischen Schrift, die Wörter „Gottheit“ und „Opfergabe“ zu lesen. Neben ihm wurde noch ein kleinerer Stein gefunden. Historiker und Archäologen, welche die Steine untersuchen, denken, dass Fischer diese für Rituale benutzten, bevor sie fischen gingen. Möglich, dass die Steine anzeigten, bis wohin man fischen durfte. Weiter als bis zur angezeigten Grenze zu gehen, hätte die Wassergeister wohl gekränkt. Sie hätten sich an der Bevölkerung gerächt, Zerstörung und sogar Tod angerichtet.

Die Welt wäre in einem katastrophalen Zustand, sollten Menschen in das Götterreich eindringen. Alles in der Natur muss respektiert werden, weil die Geister genauso wie die Menschen einen Anspruch auf Leben und Raum im Universum haben. Stürme, Überschwemmungen, Erdbeben und andere Katastrophen geschehen, weil Menschen die Natur, in welcher die Geister leben, verletzen. Die Naturgeister rächen sich an Menschen, wenn sie nicht respektiert werden.

Aus dieser Sicht hat das hemmungslose Schneiden und Abholzen des nonoc und anderer seltener Baumarten, die dem alten Glauben der Visaya nach die Tempel der Geister sind, den Visayas Zerstörung gebracht, da sich hunderte Jahre später Katastrophen ereigneten, die auf den Zorn der Geister zurückzuführen sind. Im Oktober 1897 zerstörte eine Flutwelle mit kirchturmhohen Wellen Samar und tötete die Menschen in Küstennähe. Im November 2013 zerstörte Taifun Yolanda (internationaler Name: Haiyan) mit der gleichen Stärke die Inseln Samar und Leyte und kostete Schätzungen zufolge mehr als 10.000 Menschen das Leben. Solche Katastrophen werden nicht nur als Zorn der Naturgeister interpretiert, sondern auch als Strafe des christlichen Gottes.

Geisterglaube und Christentum

Die Ankunft der spanischen Kolonialherren im 16. Jahrhundert bedeutete auch, dass der vorkoloniale Geisterglaube immer mehr mit dem Christentum verwoben wurde. Die datu, die in vorkolonialer Zeit politische Anführer bei den Visaya waren, verloren zwar ihre Macht an die fremden Kolonialherren, spielten aber nach wie vor eine große Rolle in den Hierarchien der Visaya. Der männliche datu wurde nun Guinoo, Herr, genannt und mit Jesus Christus, dem religiösen Führer des Christentums, gleichgesetzt.

Der Guinoo behielt seine Macht bei den Visaya. Sie begannen, den christlichen Jesus Christus Guinoo Hesus zu nennen. Im 17. Jahrhundert betrachteten die Visaya Jesus als datu aus der vorkolonialen Zeit. Obwohl sie katholisch beteten, behielten sie den Polytheismus bei.

Sogar das spanische Wort santiguar, was „im Namen des Kreuzes“ bedeutet, wurde zu santigaman, einer Kombination aus den Wörtern santiguar und tigaman. Das Visaya-Wort tigaman bezeichnete jemanden, der die lauteste Stimme in der Gemeinschaft hatte und der deshalb die Leute um den nonoc- oder den balete-Baum zusammenrufen konnte, um dem Ritual der Geistlichen, der babaylan, beizuwohnen. Das Ritual wurde durchgeführt, um die Geister in Zeiten von Krankheit und Krieg zu besänftigen. Tigaman, wie der Jesuit Ignacio Alcina im 17. Jahrhundert dokumentierte, könnte auch das babaylan-Ritual meinen, das Gemeinschaftsritual, bei welchem die Priesterin Mittlerin zwischen der Welt der Menschen und derjenigen der Geister war.

Die babaylan, eine spirituelle Anführerin und Seherin an der Seite des datu, wurde während der spanischen Kolonialzeit von den Spaniern verfolgt und unterdrückt, in schwersten Fällen auch den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen, enthauptet oder in Stücke zerteilt. Die babaylan-Tradition blieb jedoch in etwas veränderter Form (stärkerer Fokus auf Praxis des Heilens) bis heute bestehen. Die bereits genannten mamaratbats beten nach wie vor zu den verstorbenen Vorfahren und werden als Fürsprecher*innen der Menschen angesehen, genauso wie die babaylan (vgl. auch den Artikel von Marina Wetzlmaier in dieser Ausgabe).

Die Visaya betrachten sie nach wie vor als spirituelle Anführer*innen. Mamaratbats werden als Bindeglieder zwischen den Menschen und der Geisterwelt angesehen. Zudem gelten sie als Kraftquellen in Zeiten der Not und Krise, weil sie Mittlerinnen zwischen Leben und Tod sind. Mamaratbats, die in weit abgelegenen Dörfern weit weg von der katholischen Kirche wohnen, beten den Rosenkranz, damit Sterbende friedlich ihr Schicksal empfangen können.

[1] Die Meerenge trennt die Halbinsel Bicol der Hauptinsel Luzon von der Insel Samar im Süden (Anmerkung der Übersetzerin).

Übersetzung aus dem Englischen von: Sara Dürr

 

Zum Weiterlesen:

  • Alcina, Ignacio, „History of the Bisayan People in the Philippine Islands,“ Volume I (2002), UST Printing Press: Manila.
  • Alcina, Ignacio, „History of the Bisayan People in the Philippine Islands,“ Volume II (2002), UST Printing Press: Manila.
  • Alcina, Ignacio, „History of the Bisayan People in the Philippine Islands,“ Volume III (2005), UST Printing Press: Manila.
  • Eugenio, Damiana, Philippine Folk Literature: Myths and Legends, University of the Philippines Press, 1981.
  • Melencio, Gloria Esguerra, Tradisyong Babaylan/Mamaratbat: Hugpungan ng Katutubong Kalinangan at Kristiyanismo, Masteradong Tesis, University of the Philippines-Diliman, 2013.
  • Zialcita, Demetrio Fernando, Illustrated by Roberto Feleo. The Soul Book, GCF Books, 1991.

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3 | 2018, Philippinen,
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Nachtlandschaften von Ilocos. Eine Kulturgeschichte

Indonesien: Das Kendeng-Gebirge bietet wegen seiner zahlreichen Quellen die Lebensgrundlage für Hunderttausende Menschen. Doch Zementfabriken bedrohen in der Region die Umwelt und den sozialen Frieden. In den Dörfern regt sich Protest und die Menschen besinnen sich auf alte, mystische Kräfte.

Ein drei Meter langer roter Drache windet sich energisch. Umringt wird er von neun Frauen, die auf dem Rathausplatz der Distrikthauptstadt Pati sitzen und mit getragener Stimme Gedichte über Mutter Erde vortragen. Um sie herum stehen Hunderte weitere Menschen im Kreis. Die Szenerie ist Teil einer künstlerischen Performance, mit der die Anwohner*innen Widerstand gegen Zementfabriken ausdrücken, die am nördlichen Kendeng-Gebirge derzeit geplant werden. Mit theatralischen Mitteln zeigen die Bäuer*innen, wie sie sich um den Erhalt ihres Lebensraumes bemühen. Sie drücken so nicht nur die Verzweiflung der Menschen am Fuß des Gebirges aus, sondern auch die von mythischen Wesen, die in den Kalkfelsen des Kendeng-Gebirges leben. Drachen gelten dem lokalen Glauben nach als Vertreter aller Tiere und Pflanzen am nördlichen Kendeng-Gebirge.

Das Kendeng-Gebirge ist eines von drei großen Karstgebirgen auf Java und liegt im Norden der Insel. Es erstreckt sich über mehrere tausend Quadratkilometer von Zentraljava bis nach Ostjava an die Spitze der Insel Madura. Die Charakteristik von Kalkstein, dessen Oberfläche durch Regenwasser gelöst wird, sorgt für den Verkarstungsprozess und die Entstehung von Höhlen und unterirdischen Flüssen. Deshalb ist dieses Gebirge ein für die Bevölkerung so wichtiger Ort: es sichert die Wasserversorgung für zehntausende Menschen, die an den Ausläufern der Kendeng-Berge leben.

Zement-Pläne bringen Unruhe in die Dörfer

In diesem Gebiet, in dem früher ein friedliches Miteinander herrschte, ist es sehr unruhig geworden, seit hier zwei Entwicklungsmodelle miteinander konkurrieren. Seit 2006 kämpfen Bauern, die sich für den Schutz der Umwelt einsetzen, gegen mehrere Zementkonzerne, die vor Ort Material für die Zementherstellung abbauen wollen. Vier Unternehmen haben hier Interessen angemeldet. Der Staatskonzern PT Semen Indonesia hat bereits eine Fabrik am südlichen Ende des Gebirges errichtet. Die Nationale Menschenrechtskommission hat im Gebiet um die Fabrik in Tuban Untersuchungen durchgeführt, weil 28 Menschen in der Nähe der Fabrik binnen kurzer Zeit plötzlich und unerwartet verstorben sind. Es wurde vermutet, dass die Bergbauaktivitäten und die dadurch verursachte Luftverschmutzung dafür verantwortlich waren. Weitere Unternehmen haben am nördlichen Kendeng-Gebirge Interessen angemeldet. Eines von ihnen ist PT Indocement, das im Mehrheitsbesitz der deutschen HeidelbergCement ist.

Zementherstellung braucht vor allem drei Bestandteile: Kalkstein, Ton und Eisensand. Der Kalkstein in den Karstgebirgen ist unersetzbar, weil er so gut Wasser absorbieren kann. Sein Abbau führt daher zu Wasserverlust. Hinzu kommt, dass – wie Höhlenforscher belegt haben – das System der unterirdischen Flüsse sehr weit verzweigt ist. So kann der Abbau von Karstgestein an einer Stelle des Gebirges dazu führen, dass auch weit davon entfernt Quellen versiegen. Die Sorge um das Versiegen der Quellen hat die Menschen wach gerüttelt und dazu gebracht, sich auf verschiedene Weise zur Wehr zu setzen. Es gab Massendemonstrationen, Gerichtsprozesse wurden geführt, wissenschaftliche Gutachten erstellt. Und die Menschen besannen sich eines alten Mythos: dem vom Drachen als Hüter der Berge.

Die Drachenlegende als Narrativ einer sozialen Bewegung

Das Kendeng-Gebirge ist ein sehr altes Gebirge, das viele kulturelle Schätze birgt. Die Skelette von Tieren aus der Vorzeit wurden hier ebenso entdeckt wie Tempelbauten aus dem 14. Jahrhundert. Das Gebirge – in vielen alten Schriften als ‚Insel Kendeng‘ bezeichnet – ist reich an Mythen und Legenden. Es gilt als ein Schauplatz der im Schattenspiel erzählten javanischen Adaption alter hinduistischer Epen. Auch eine wichtige Kulturstätte der islamischen Geschichte Javas ist hier zu finden: das Grab von Ki Ageng Sela, einem Vorfahren des Sultans von Mataram. Das Grab ist bis heute erhalten, es stellt eine wichtige kulturelle Stätte für die Lokalbevölkerung dar und wird von zahlreichen Pilgern besucht.

Eine wichtige Legende in der Region ist die von Angling Dharma, einem Herrscher des Königreiches Malwapati, der angeblich die Fähigkeit besaß, mit allen Tieren kommunizieren zu können. Er besaß einen Drachen als Leibwächter, der Nagaraja (Drache des Königs) hieß. Dem lokalen Glauben nach wurde Angling Dharma im Dorf Mlawat begraben. Südlich des Grabes gibt es eine Quelle mit Namen Jolotundo, von der man sich erzählt, dass der Drache des Königs hier verschwunden sei.

Bis heute erzählen sich die Menschen am Kendeng-Gebirge die Geschichte vom Drachen. Die Bäuerin und Umweltaktivistin Gunarti [1] hat die Geschichte von ihren Großeltern gehört. „Eines Tages erzählte Opa Tarno, mein Großvater, vom Kendeng-Gebirge, das sich dahinstreckt wie ein schlafender Drache“, erinnert sie sich. Die Menschen am Kendeng-Gebirge sind überzeugt davon, dass der Drache eine Art astrale Kreatur ist, der das Kendeng-Gebirge beschützt. Joko Prianto, ein Bauer und ein wichtiger Vertreter des Widerstandes gegen die Zementfabriken, hörte zum ersten Mal von seinen Nachbarn davon, dass sie über ihrem Dorf einen fliegenden Drachen gesehen haben. „Sie erzählten mir, wie sie den Drachen fliegen sahen und dass er Feuer spuckte, das wie flammende Tropfen zur Erde fiel“, so Joko. Er selbst habe auch schon einmal eine rote Wolke gesehen, die sich in Gestalt eines Drachens formte, bevor sie hinter einem Hügel am Ende des Dorfes verschwand. Weitere Vertreter der lokalen Umweltbewegung berichten ähnliche Erlebnisse, zum Beispiel Jum und Bambang, denen einmal ein großer Drachenkopf mit einer Krone erschien. Viele Menschen am Kendeng-Gebirge hatten schon direkte Begegnungen mit seinem Wächter-Drachen. „Anfangs hatte ich Angst“, so Jum, der bereits seit 2009 in der lokalen Umweltbewegung aktiv ist. „Aber dann habe ich verstanden, dass der Drache mehr ist als ein Mythos. Es gibt ihn und er sendet uns eine Botschaft.“ Diese Botschaft scheint immer mehr Menschen zu erreichen, denn es gibt immer mehr Berichte über Begegnungen mit dem Drachen, darüber wie er in Träumen erscheint und darüber, dass Menschen seine Stimme hören.

Für viele Menschen steht der Drache als Symbol für den natürlichen Wert des Kendeng-Gebirges. „Ich betrat einmal zusammen mit mehreren Menschen eine Höhle im Kendeng-Gebirge, die zum Teil mit Wasser gefüllt war“, berichtet Petra, ein Höhlenforscher. „Jeder in unserer Gruppe spürte, wie etwas Großes, Schlangenähnliches um unsere Füße schlängelte“, erinnert sich der Wissenschaftler. Seit 2009 untersucht eine Forschergruppe von verschiedenen Universitäten gemeinsam mit den Anwohner*innen die Höhlen und unterirdischen Flüsse des nördlichen Kendeng-Gebirges und verzeichnet diese in Karten. Diese Erfahrung bringt für die Anwohner*innen ein neues Verständnis der unterirdischen Flüsse, die sich dahin schlängeln wie Drachen. Das Wissen über die hydrogeologische Funktion des Gebirges wird quasi ‚verpackt‘ in Erzählungen über den Kendeng-Drachen.

Mythen als Wertevermittlung mit Hilfe von Symbolen

Bereits im 19. Jahrhundert sahen Wissenschaftler, die sich mit alten Mythen beschäftigten, diese als außerhalb des faktisch Beweisbaren an. Mit der Zeit änderte sich jedoch diese Sicht und inzwischen gelten Mythen als eine Dokumentationsform für bestimmte Informationen, die mit Hilfe einer symbolischen Sprache vermittelt werden. In seinem Erklärungsansatz zu Mythen hat der Anthropologe Claude Lévi-Strauss diese als Form der Informationsübermittlung gedeutet. Anders jedoch als die übliche sprachliche Vermittlung, die auf Worten und Sätzen basiert, kann der Mythos eher als musikalische Struktur gesehen werden. Es beginnt mit Tönen als kleinsten Teilchen, von denen sich eine Vielzahl zu einem Rhythmus vereint.

So folgen Mythen auch weniger einer ‚logischen‘ Struktur, sondern betonen vielmehr das, was zum Überbringen der hauptsächlichen Botschaft wichtig ist. Es ist nicht wichtig, dass die Erzählungen vom Drachen sehr verschieden sind. Wichtig ist die Botschaft, die ihnen innewohnt, nämlich, dass das Kendeng-Gebirge vor Zerstörung bewahrt werden muss. Erfahrungsgemäß lässt sich das lokale Wissen, das auf mystische Weise erscheint, nur schwer mit wissenschaftlichen Beweisen verbinden. Immer wieder wurde in Diskussionen zwischen Anwohnern und von der Regierung bzw. den Unternehmen geschickten Gutachtern deutlich, dass die Ansichten der Lokalbevölkerung kaum Raum bekamen. Deswegen braucht es in der Strategie der Bewegung eine Art ‚Übersetzung‘ der Symbolsprache des Drachen-Mythos.

Neues Wissen für den Erhalt des Kendeng-Gebirges

Doch auch die Zementunternehmen beziehen offenbar übernatürliche Kräfte in ihre Strategie mit ein. Sie würden Schamanen benutzen, um ihr Vorhaben voranzubringen, berichtet Umweltaktivistin Gunarti. Die PR-Teams der Zementindustrie nutzen ebenfalls Schlagwörter wie „die Natur erhalten“ oder „Wohlstand schaffen“, um ein umweltfreundliches Bild ihrer Vorhaben zu zeichnen. Es ist deshalb umso wichtiger, der Öffentlichkeit die Erfahrungen aus dem täglichen Leben der betroffenen Anwohner*innen zu vermitteln, um die Wichtigkeit des Ökosystems des Kendeng-Gebirges ins Blickfeld zu rücken. Zum Beispiel mit der Betonung des Kendeng-Drachens, der stellvertretend für die Fauna und Flora des Gebirges steht, die von Auslöschung bedroht wäre, wenn ihre Umwelt zerstört würde.

Zahlreiche Wissenschaftler*innen, die sich mit den Anwohner*innen solidarisch erklärt haben, versuchen daher, das lokale Wissen und die Symbolsprache des Drachen-Mythos in einen wissenschaftlichen Diskurs zu übersetzen – und umgekehrt. Daraus entsteht eine Art ’neues Wissen‘ innerhalb der Bewegung für den Erhalt des Kendeng-Gebirges. Dieses ’neue Wissen‘ beinhaltet die Mythen der Vorfahren als kognitive und moralische Botschaft um in der Gegenwart aktiv zu werden – für die Zukunft. „Unser Ziel als Bewegung ist es nicht nur, unsere Welt im Heute zu beschützen“, sagt die dreifache Mutter Gunarti, „sondern das, was unsere Kinder und Enkel in Zukunft zum Leben benötigen.“

[1] Gunarti vertrat die Bürgerinitiative JMPPK im Frühjahr 2017 bei einem Besuch in Deutschland, wo sie auf die drohende Umweltzerstörung durch Zementunternehmen in ihrer Heimat aufmerksam machte.

Übersetzung aus dem Indonesischen von: Anett Keller.

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3 | 2018, Philippinen,
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Nachtlandschaften von Ilocos. Eine Kulturgeschichte

Die Geistergeschichte der Pontianak, eines gewalttätigen Blut saugenden weiblichen Wesens, ist seit Langem in Südostasien bekannt. Die malaysische Regisseurin Amanda Nell Eu erzählt die Horrorgeschichte der Pontianak neu – als Geschichte der Gegenwehr gegen männliche Gewalt.

 

Die Pontianak geistert durch Geschichten, Albträume und Filme. Sie ist eine Figur aus der südostasiatischen Mythologie (vgl. Artikel von Timo Duile in dieser Ausgabe), eine bleiche Frau mit langem schwarzem Haar, roten Augen in einem blutgetränkten weißen Kleid. Ein feminines Monster, das in den Wäldern haust und dort sein Unwesen treibt – aus Rache. Rache an denen, die sie vergewaltigt und ermordet haben.

Die Pontianak ist zugleich das Paradebeispiel dessen, was die Filmwissenschaftlerin Barbara Creed als „monstrous feminine“ beschreibt. Ihre Monstrosität wurzelt in ihrer von der Gesellschaft als Gefahr konstruierten Sexualität. Eine schöne Frau, die im Horrorfilm zum Monster gemacht wird. Horrorgeschichten sind nicht real, aber dabei sagen sie viel über unsere Realität aus. Wenn man als Frau die Geschichte der Pontianak hört, hat man im Grunde zwei Möglichkeiten: entweder entwickelt man Angst vor seiner eigenen Sexualität und unterdrückt diese, um nicht zum Monster gemacht zu werden oder man hat Mitgefühl und Respekt vor einer Frau die unglaublich verletzt wurde.

Die Filmemacherin Amanda Nell Eu empfand Mitgefühl und drehte einen Film. Sie gibt die Legende der Pontianak weiter, wie das schon seit hunderten von Jahren gemacht wird. Mit dem Unterschied, dass nun auch Frauen Geschichte(n) schreiben und ihre eigenen Perspektiven einbringen. Der Filmtitel alleine spricht Bände über diesen Perspektivwechsel: „Es ist einfacher, ein Rindvieh groß zu ziehen (…)“ – der Anfang eines alten Sprichworts, das folgendermaßen weitergeht: „(…) als ein Mädchen.“

Amandas Film ist eine Coming of Age Geschichte, die von der Freundschaft zwischen zwei Mädchen handelt: Ramah und Pontianak. Der Wald ist, wo die beiden unbeschwert und frei sind: auf Bäumen klettern, Fangen spielen und Zigarette rauchend zu Discobeats tanzen. Zwischen den beiden spannt sich ein Raum auf voller Möglichkeiten, voller Zuneigung, Neugier und Sexualität. Solange die beiden unter sich sind, ist alles gut. Jedoch wird bald klar, dass dies nicht immer der Fall ist. Es ist die Rede von Internetseiten, wo man mit Narben im Bikini posieren kann. Dann liegt die sonst so lebensfrohe und mutige Pontianak plötzlich zusammengekrümmt am Boden. Ramah steht ihr zur Seite. Später streichelt sie liebevoll ihren Nacken, während Pontianak blutverschmiert den Bauch eines leblosen Männerkörpers aussaugt. Die beiden sind keine Vorzeigefrauen, sie sind Freigeister. Der Film zeigt: das Problem sind nicht sie sondern die Männer, die ihnen Gewalt antun – daher die Narben.

(Regisseurin Amanda Nell Eu ).

Amanda Nell Eu ist mit ihrem Film um die Welt gereist (u.a. auch zur Berlinale) und hat viele Nominierungen und Preise bei internationalen Filmfestivals gewonnen. Sie gibt dem Publikum damit einen liebevollen und mitreißenden Einblick in das Südostasien von Heute – aus der Sicht einer jungen Frau, die sich weigert, in Kategorien gesteckt zu werden und die kreative Wege geht, um neue Realitäten zu erschaffen.

 

Rezension zu: Amanda Nell Eu: Lagi senang jaga sekandang lembu (It’s easier to raise cattle), Malaysia 2017, 18 Min.

 

Filmtrailer: „It’s easier to raise cattle“

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