3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
Autor*in:

Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Buchcover: Zana Fraillon – Wenn nachts der Ozean erzählt © CBT Verlag

Rezension zu:
Zana Fraillon: Wenn nachts der Ozean erzählt. Jugendroman (Ab 12 Jahren). Aus dem Englischen von Claudia Max. Originaltitel: The Bone Sparrow. Cbt-Verlag, 2017, 16,99 €.

Buchcover: Zana Fraillon - Wenn nachts der Ozean erzählt © CBT Verlag

Buchcover: Zana Fraillon – Wenn nachts der Ozean erzählt © CBT Verlag

„Wenn nachts der Ozean erzählt“ ist ein Jugendroman über die Freundschaft zweier ungleicher Kinder, die durch die Kraft von Geschichten den Mut aufbringen, gegen ihre Unsichtbarkeit anzukämpfen. Die australische Autorin Zana Fraillon erinnert mit ihrem Buch an die gnadenlose Flüchtlingspolitik (nicht nur) der australischen Regierung und die millionenfache Vertreibung der Rohingya.

Subhi hat keine Erinnerungen an draußen. Er wurde im Flüchtlingslager in Australien geboren, trägt nicht den Namen des Bootes oder des Lastwagens, auf dem er ankam. Im Lager leben 900 Menschen, mehr Nummern als Namen, mit 14 Paar Schuhen, in staubigen Zelten, verbringen nach der Berechnung von Subhis Schwester Queeny ein Drittel ihrer Zeit mit Schlange stehen. Alles in Subhis Welt ist begrenzt und rationiert, nicht aber seine Vorstellungskraft. Denn er braucht Geschichten, weil er keine Erinnerungen hat, keine Erinnerungen an draußen.

So erzählt seine Maá auf Subhis Drängen Geschichten, die stets mit „Hör zu“ beginnen, die meist schön und glücklich sind, die manchmal Rohingya-Geschichten sind, die seit Ewigkeiten von Müttern an ihre Kinder weitergegeben werden. Manche Geschichten jedoch sind nicht glücklich. Geschichten davon, dass man ihnen gesagt hatte, die Rohingya würden nicht existieren. Dass ihr Haus niedergebrannt wurde. Dass sie nicht in die Schule gehen durften. Dass Menschen verschwanden und starben. Dass Subhis Ba verhaftet wurde, weil er Gedichte schrieb, und nicht zurückgekommen war. Dass Maá und Queeny von Soldaten auf ein Boot getrieben wurden. Dass man sie töten wollte, falls sie nach Burma zurückkehrten.

Als seiner Máa die Hoffnung und Geschichten längst ausgegangen sind, ist es das Nachtmeer, das Subhi Geschichten erzählt – und eines nachts das Mädchen Jimmie ins Lager bringt, die jenseits des Zauns lebt und wie Subhi auf der Suche nach Geschichten ist. Während sich Subhi in den Geschichten Spuren einer Zukunft erhofft, sucht Jimmie die Vergangenheit, die verblassende Erinnerung an ihre Mutter.

Zana Fraillons Jugendroman ist vielschichtig, nie eindeutig. Durch die zweifache Erzählperspektive von Subhi und Jimmie entstehen die Lebenswelten der Kinder, die ungleicher nicht sein könnten und werden doch nicht zum Klischee. So bringt Subhi Jimmie das Lesen bei, nicht umgekehrt, und unter den Wächtern des Lagers, ebenso wie unter den Geflüchteten, gibt es Hilfsbereitschaft ebenso wie gnadenlose Gewalt. Durch ihre gemeinsame Geschichte geben sich Subhi und Jimmie Kraft und Mut, um angesichts der menschenunwürdigen Bedingungen und der unfassbaren Gewalt eine Entscheidung treffen zu können.

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3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
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Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Nicht immer lässt sich eine medizinische Erklärung für Krankheitsbilder finden. Nicht immer ergeben Geschehnisse rational Sinn. Die folgenden Schilderungen entstammen Erlebnissen der Autorin im Juni 1980 im Süden der Philippinen. Keiner der Namen ist fiktiv.

 

Im ländlich geprägten Midsayap (North Cotabato) saßen wir bei einem Glas Tuba (vergorener Wein der Kokosnusspalme) gerne in abendlicher Runde zusammen und ich lauschte den zum Teil unbeschreiblichen Geschichten, die mir meine Student*innen von übernatürlichen Wesen, wie Aswang (Hexerei), Wak-wak (Geräusche), Manananggal (Geister), … zu berichten wussten. Zu unserem landwirtschaftlichen College gehörte beispielsweise ein von Reisfeldern umgebenes „verwunschenes“ Haus, das einigen Studenten als Wohnheim diente. Zwar hatte auch ich dort eines Nachts mir unerklärliches, rhythmisches Klopfen vernommen. Allerdings war mir nie eine White Lady begegnet, die, wie mir Studenten glaubhaft versicherten, sich in einem langen weißen Gewand und langem Haar regelmäßig von diesem Haus zu den Reisfeldern bewegte und sich dort in Nichts auflöste. Divino wusste sogar zu berichten, die White Lady habe sich zu ihm hingewandt, habe aber kein Gesicht besessen. Auch wenn diese Gruselgeschichten für mich eher unterhaltsamen als glaubwürdigen Wert besaßen, passten sie doch in das ländlich geprägte Alltagsleben. Doch hätte ich Rolies Schilderungen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen? Immer wieder berichtete er, er wache nachts auf und ringe nach Atem, weil ihm eine weibliche Aswang die Kehle zudrücke.

Unerklärliche Krankheitsbilder

Für Rolie empfand ich viel Sympathie, denn er gehörte zu den Studenten, die unter großen Entbehrungen ihr landwirtschaftliches Studium absolvierten und sowohl im Klassenzimmer als auch bei der Feldarbeit gute Leistungen zeigten. Statt sich nach seinem College-Abschluss eine Erwerbstätigkeit zu suchen, entschied er sich zur Rückkehr in sein Dorf, um dort beim Wiederaufbau der Hütten sowie der Urbarmachung der Felder mitzuarbeiten. Rolies Familie zählt zu den Tausenden Maguindanao Muslimen, die Anfang der 1970erJahre aus ihren Dörfern gewaltsam vertrieben wurden und als Internal Refugees (Binnenflüchtlinge) jahrelang ein karges Dasein in einem der Flüchtlingslager in der Provinz Sultan Kudarat fristeten. Ich besuchte Rolie in seinem Heimatort (eine halbe Tagesreise von Midsayap entfernt) und bewunderte seine Einsatzfreudigkeit beim Wiederaufbau seines Dorfes.

Kurze Zeit nach meinem Besuch erhielt ich ein Telegramm: Rolie seriously sick, presently confined in Provincial Hospital in Insulan, unterschrieben vom dortigen Arzt. In Begleitung meiner Maguindanao-sprachigen Bekannten Lanie fuhren wir am darauffolgenden Wochenende nach Insulan. Dort erfuhr ich vom Arzt, der mir das Telegramm geschickt hatte, dass Rolie die Nacht zuvor verstorben und von seiner Familie zurück in sein Dorf gebracht worden war. Der Arzt meinte, er könne mir aus schulmedizinischer Sicht Rolies Krankheitsverlauf nicht erklären. Rolie sei mit Lähmungen in den Beinen ins Krankenhaus eingeliefert worden, die sich rasch im ganzen Körper ausbreiteten. Nach Auskunft der Familie habe Rolie für den Hausbau wohl unbeabsichtigt einen von Geistern bewohnten Balete-Baum gefällt, die diese Lähmungen in seinem Körper verursachten. Da Rolie mehrmals den Wunsch geäußert habe, mit mir zu sprechen, habe mir der Arzt das Telegramm geschickt.

Blut auf dem Leinentuch

Lanie und ich eilten in Rolies Dorf, wo zu meiner Überraschung die Familie bereits auf uns wartete. Nach muslimischem Brauch wurde Rolies Leichnam gewaschen, in ein eng anliegendes weißes Tuch gewickelt und in einer Trage aus zwei Bambusstäben und einem Malong zum Grab getragen. Als Rolies Leichnam aus dem Malong genommen und ins Grab gelegt wurde, bildete sich auf dem weißen Tuch am Nacken des Leichnams ein großer Blutfleck. Mich überkam ein gewaltiger Schock. Lanie jedoch meinte mit ruhiger Stimme: „Das ist ein heiliges Zeichen, Rolie ist im Himmel angenommen.“

Zurück in Midsayap berichtete ich unserem Arzt von diesem Erlebnis und fragte ihn: „Können Tote 24 Stunden nach ihrem Ableben noch Blut verlieren?“ Dr. Salem lachte: „Für westlich orientierte Menschen ist dies sicherlich schwer nachvollziehbar. Wir glauben jedoch fest, dieses Blut ist ein Zeichen, dass dir ein Mensch zu Lebzeiten noch etwas mitteilen wollte, ihn dann aber der Tod davon abgehalten hat.“

Dr. Carlito Salem schilderte mir daraufhin ein ähnliches Erlebnis, das sich am Tag seines 18. Geburtstags zugetragen hatte. Als er etwas auf ein Blatt Papier notierte, tropften aus seinem Zeigefinder, der den Stift hielt, einige Tropfen Blut auf das Papier. Erschrocken rief er seine Mutter. Diese erinnerte ihn an eine Aussage ihres Vaters, den Großvater von Carlito: „Wenn du 18 Jahre alt wirst, werde ich dir ein Geheimnis anvertrauen.“ Der Großvater starb jedoch etwa drei Jahre vor Carlitos 18. Geburtstag. Welches wohl das Geheimnis war? Der Großvater hat es mit ins Grab genommen.

Und Rolie? Sein Verlust war schmerzlich für mich, zählte er zu denjenigen Studenten am Agricultural College, die sich nicht nur durch gute Leistungen, sondern auch durch ihr soziales Engagement ausgezeichnet hatten.

Doch nur wenige Tage nach Rolies Grablegung ereignete sich erneut etwas Merkwürdiges. Divino und Nonoy, die als Studenten in dem verwunschenen Haus in den Reisfeldern hinter dem College wohnten, kamen gegen 19 Uhr atemlos zu meinem Zuhause in Facultyville angelaufen. Völlig verstört berichteten sie, sie hätten beim Abendessen am offenen Fenster sich gegenüber gesessen. Während Nonoy lediglich einen leichten Druck an seiner Schläfe verspürte, schrie Divino auf: Durch das geöffnete Fenster sah er eine abgeschnittene Hand auf Nonoy zukommen, deren ausgestreckter Zeigefinger Nonoy an der Schläfe berührte. Und ich? Ich war weit davon entfernt, dies als bloße Einbildung oder Scharlatanerie abzustempeln.

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3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
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Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Indonesien: Obwohl es orthodox-islamischen Praktiken widerspricht, gibt es javanische Muslim*innen, die sich in Interaktion mit Geisterwesen befinden. Sie werden befriedet, bespendet und – wenn sie ungewollt „zur Untermiete“ wohnen – auch ausgetrieben. Die entsprechenden Rituale spiegeln die synkretistischen Traditionen der Region.

 

Als ich eine Unterkunft im Süden Yogyakartas in Zentraljava suchte, um dort für die Dauer meiner Feldforschung zu wohnen, hatte ich mich für ein Haus entschieden, von dem gesagt wurde, es würden Geister, so genannte dschinn, darin leben. Angeblich hatte der vorherige Mieter sogar Geis-terwesen in dem Haus gesehen. Mich hielten die Spukgeschichten der Dorfbewohner*innen nicht davon ab, mit meiner Familie in das große Haus zu ziehen. Ich habe jedoch dadurch ein Interesse für die dschinn, wie mit ihnen umgegangen wird und eine erhöhte Sensibilität für scheinbar „eigenartige“ Begebenheiten entwickelt.

Wer oder was sind die dschinn?

Es gehört zur islamischen Glaubenslehre, dass Muslim*innen an das Unsichtbare (Arab.: al-ghaib) glauben sollen. Dazu gehört auch der Glaube an Engel und Dschinn (Arab./ Ind.: jin). Viele Muslime*innen glauben, dass dschinn eine Schöpfung Allahs sind. Im Qur’an wird erwähnt, dass Allah die Menschen und dschinn nur erschaffen hat, um Ihn anzubeten (Qur’an 51: 56). Weiter heißt es, dass Menschen aus Tonerde erschaffen wurden, während die dschinn viel früher als die Menschen aus einem sehr heißen Feuer geschaffen worden sind (Qur’an 15: 26-27). Aus diesem Vers wird auch der Glaube abgeleitet, dass die dschinn aufgrund ihres höheren Alters mehr Erfahrung haben und dazu neigen, Menschen in die Irre zu führen oder zu stören. Der Anführer der dschinn ist allgemein als Satan (Ind.: shaytan) bekannt und er hat eine große Schar von dschinn, die nicht Allah anbeten, sondern vielmehr ihm, Satan, folgen und ihm helfen, die Menschen vom Weg Allahs abzubringen. Es gibt sowohl muslimische als auch nicht-muslimische dschinn. Weiterhin gibt es männliche und weibliche dschinn und sie gründen, wie Menschen auch, Familien und haben Kinder. Im Islam sollen theoretisch die Welten der dschinn und der Menschen getrennt sein und eine Interaktion sollte vermieden werden bzw. ist vom Schöpfer nicht erwünscht. Es gibt verschiedene dschinn, deren Namen bekannt sind und die zum Beispiel für Fälle von plötzlichem Kindstod, Zwist zwischen Eheleuten oder Verlust von Wertsachen und Geld verantwortlich gemacht werden. Die letzte Surah des Qur’an (An-Nas) zum Beispiel wird zum Schutz vor den Schlechtigkeiten der Menschen und der dschinn gelesen und die vorletzte Surah (Al-Falaq) zum Schutz vor Zauberei und Magie. Soweit die Theorie.

Im alltäglichen Leben vieler Muslim*innen in Yogyakarta konnte ich jedoch eine durchaus lebhafte Interaktion mit den dschinn feststellen. Unter Muslim*innen in Yogyakarta ist der Glaube an dschinn lebendig und ihre Existenz wird meiner Erfahrung nach nicht angezweifelt. Dabei habe ich fünf verschiedene Arten kennen gelernt, wie mit dschinn umgegangen wird. Das Befrieden der dschinn durch kleine Opfergaben ist eine Möglichkeit, die auch als Teil von Kejawen (Javanischer Mystizismus) bezeichnet wird. Diese Praxis wird hauptsächlich von Muslim*innen praktiziert, die als Abangan (so genannte nominale Muslime; im Gegensatz zu den Santri, den orthodox-praktizierenden Muslimen) gezählt werden können.

Das Bespenden scheint dem Befrieden der dschinn durch kleine Opfergaben ähnlich zu sein. Hier wird jedoch die Intention anders gefasst, um sich dem orthodox-islamischen Rahmen anzupassen. Damit ist gemeint, dass ein Befrieden der dschinn durch Opfergaben abgelehnt und als göttliche Beigesellung (Ind.: syirik; Arab.: shirk) verstanden wird. Bekämpft werden die dschinn vor allem durch Austreibungen, (rukyah auf Indonesisch), mit Hilfe von Wasser und dem Lesen des Qur’an. Diese Form der Austreibung ist besonders populär geworden unter den Muslim*innen, die man den verschiedenen Strömungen des Salafi-Wahhabismus zuordnet.

Die Strategie des Ignorierens bedeutet nicht, dass eine Person nicht an dschinn glaubt, sondern vielmehr, dass sie versucht die Welten zu trennen. Diese Strategie ist vor allem bei den Anhänger*innen der Muhammadiyah, einer indonesischen Massenorganisation des modernistischen Islams, zu finden. Eine fünfte Art des Umgangs ist die Zusammenarbeit und die Nutzung der dschinn und ihrer Kräfte für Zauber und Magie (Ind./ Arab.: sihir).

Befrieden oder bespenden?

Wer aufmerksam durch ein Dorf in der Gegend um Yogyakarta geht, wird teilweise kleine Opfergaben an Wegkreuzungen oder Wasserläufen finden. Diese mit Liebe zum Detail zubereiteten Gaben sind auf einem circa fünf Mal fünf Zentimeter großem Stück eines Bananenblattes dargebracht. Oft findet man auch mehrere kleine Opfergaben auf einer größeren Platte zusammengestellt. Normalerweise finden sich gelber Reis, Kokosraspel, kleine Fleischstückchen, Gemüse und andere Speisen auf dem Blatt. Mitunter kommen Blütenblätter dazu. Die Art und Form kann je nach Ritual und Zweck variieren. Diese Form der Opfergaben ist in viel größerem Ausmaß vor allem auf der mehrheitlich hinduistischen Insel Bali zu finden. In Yogyakarta sind diese Opfergaben meist mit der (hinduistisch geprägten) javanischen Tradition und Mystizismus verbunden und werden von orthodoxen Muslim*innen als synkretistische Rituale bezeichnet, die nichts mit dem Islam zu tun haben. Es wird argumentiert, dass diese Opfergaben gegen das Prinzip des Monotheismus (Arab./ Ind.: tauhid) verstoßen und somit nicht mit dem orthodox-islamischen Glauben kompatibel sind. Da die Welten von dschinn und Menschen getrennt sein sollen und die Menschen einzig und allein Allah anbeten und Allah um Schutz ansuchen sollen, wird eine Befriedung der dschinn in Form von Opfergaben als eine Form der Vielgötterei (Ind./ Arab.: shirk) angesehen. Es wird argumentiert, dass Muslim*innen, die Opfergaben zur Befriedung an die dschinn auf Wegen, an Flussläufen oder in und vor Häusern geben, das Konzept des tauhid nicht vollständig verinnerlicht haben und noch immer vorislamischen Ritualen anhängen.

Mas Herman, Muslim, javanischer Mystiker und Lokalhistoriker, ist da anderer Meinung. Er verteidigt die Muslim*innen, die den dschinn Opfergaben darbringen. Denn, so erklärte er mir in einem Interview, es komme bei der Opfergabe auf die Intention (Ind., aus dem Arab.: niat) an. Er erklärte weiter, dass früher diese Opfergaben durchaus zur Befriedung der dschinn dargebracht wurden, dass jedoch heutzutage die meisten Muslim*innen wüssten, dass dies nach islamischer Lehre nicht erlaubt sei. Die islamische Religion lege jedoch großen Wert auf Spenden und Großzügigkeit, so Herman, und deshalb würden die kleinen Opfergaben als Spende an die dschinn gebracht. Es ist äußerst spannend, dass er das Ritual der Opfergaben versucht, zu „islamisieren“. Denn, wie bereits oben erwähnt, wird diese Art von Opfergaben nach orthodox-islamischer Sicht abgelehnt. Doch für den javanisch-islamischen Kontext in Yogyakarta ist diese Erklärung durchaus nachvollziehbar. Weitere Forschung diesbezüglich wäre notwendig, um die Intention für die Opfergaben der Muslim*innen in Yogyakarta an Wegkreuzungen, Flussläufen oder in Häusern tiefer zu verstehen. Herman versucht javanische Kultur und Islam zu vereinen. Herman möchte ein synkretistisches javanisches Ritual als orthodoxer Muslim praktizieren. Deshalb verändert er seine Intention und versucht es somit mit der islamischen Glaubenslehre zu vereinen. Diese Art der Vereinigung und Synthese javanischer Kultur und Islam hat eine lange Geschichte und geht auf Sultan Agung (1593-1645; regierte 1613-1645) zurück. Sultan Agung versuchte, javanische und islamische Identität harmonisch zu vereinen (Ricklefs 2006).

Bekämpfen der dschinn und Austreibungen

Der Glaube an die Möglichkeit von einem dschinn besessen zu werden (Ind.: kemasukan) ist unter Muslim*innen in Yogyakarta und in anderen Teilen Indonesiens weit verbreitet. „Besessen“ zu sein zeigt sich in außergewöhnlichem, oft negativem Verhalten, und es gibt, so wurde mir durch einen muslimischen Heiler (Ind.: tabib) erklärt, verschiedene Arten von Besessenheit. Besessenheit kann ganz akut vorkommen. Dabei dringt ein dschinn auf einmal in einen Menschen ein und versucht, diesen zu beherrschen. Eine andere Form der Besessenheit besteht längerfristig, wobei der dschinn praktisch „zur Untermiete“ über einen längeren Zeitraum in einem Menschen lebt und Krankheiten und andere Unannehmlichkeiten hervorrufen kann. Die Gründe für kemasukan sind vielfältig. Entweder hat ein dschinn die Grenze zwischen der menschlichen und seiner/ ihrer Welt absichtlich und von sich aus überschritten. Oder sie oder er ist mit dem besessenen Menschen oder dessen Verwandten einen Pakt eingegangen. Oft wird Besessenheit mit einem „schwachen Glauben“ erklärt. Aber auch ein scheinbar banaler Akt wie heißes Wasser in einen Abfluss zu schütten, kann zu Besessenheit führen. Mas Syarif, tabib in Yogyakarta, behandelt mehrere Fälle von kemasukan pro Woche. Nachdem er sich den Krankheitsverlauf seines Patienten oder seiner Patientin angehört hat, entscheidet er, ob eine Austreibung (Ind.: rukyah) von Nutzen sein kann oder ob er andere Be-handlungsmöglichkeiten in Betracht zieht. Meistens ist die Austreibung nur der erste Schritt und Mas Syarif weist seine Patient*innen zusätzlich an, ihre fünfmaligen Gebete einzuhalten, häufiger den Qur’an zu lesen und sich vermehrt der Erinnerung Allahs (Ind.: dzikir) hinzugeben.

Die Art der rukyah, die Mas Syarif vollzieht, folgt, so erklärte er, der Sunnah (der etablierten Praktik) des Propheten Muhammad. Er liest ausschließlich Verse aus dem Qur’an und legt bei männlichen Patienten seine Hand an verschiedene Stellen am Körper des Patienten. Bei Patientinnen benutzt er zusätzlich Wasser. Hier muss die Patientin vollständig, nach den Regeln der islamischen Religion, bedeckt sein, und ein naher männlicher Verwandter, z.B. ihr Mann, Vater oder Bruder, muss während der Behandlung anwesend sein. Das fließende Wasser schüttet Mas Syarif dann mit einer großen Kelle über die Frau während er aus dem Gedächtnis die Verse aus dem Qur’an rezitiert, die laut den Überlieferungen des Propheten Muhammad, besonders für die Austreibung geeignet sein sollen. Teilweise kann es passieren, dass Mas Syarif in einen Dialog mit dem dschinn tritt, von dem die Person besessen ist und fragt woher dieser kommt und warum er in die Person eingedrungen ist. Es kann dann durchaus passieren, dass die besessene Person in eigenartigen Lauten dem tabib antwortet. Der tabib erklärt dem dschinn dann, dass er die Person wieder verlassen muss und dass er Reue zeigen und zurück auf den rechten Weg gehen soll. Manchmal zeige die Antwort während der Austreibung, dass die Person mit einem Zauber belegt worden sei und der dschinn diesen Zauber ausführe. Mittlerweile kann man sogar auf YouTube muslimische Heiler sehen, die vor laufender Kamera eine Austreibung vornehmen.

Manchmal benutzt der tabib zusätzlich Schwarzkümmelöl und träufelt dieses in die Nase seiner Patienten, da, wie er mir erklärte, dschinn eine Abneigung dagegen haben. Wenn ein Patient oder eine Patientin sich nach dem Einträufeln der Tropfen übergeben muss, dann wird dies als handfester Beweis gedeutet, dass ein dschinn in dieser Person wohnt. Bei der Austreibung mit Wasser kann es vorkommen, dass der tabib zusätzlich bidara-Blätter, Blätter der Indischen Jujube oder Filzblättrigen Jujube, benutzt, da diese eine positive Wirkung auf den Austreibungsprozess haben sollen. Fast alle Patient*innen von Mas Syarif erhalten zusätzlich eine Kompilation von überlieferten Bittgebeten des Propheten Muhammad. In dieser Sammlung von Bittgebeten gibt es zum Beispiel eines, das gesprochen werden soll bevor man die Toilette betritt. Es soll vor den weiblichen und männlichen dschinn, die sich in der Toilette befinden, schützen. Bittgebete, die vor dem Essen oder vor dem Schlafen gesprochen werden, gehören ebenfalls dazu. Diese Bittgebete sind unter der Mehrheit der Muslime bekannt. Die Rückbesinnung und das regelmäßige Lesen dieser Bittgebete sollen den Heilungsprozess unterstützen.

Zauberei und Magie

Zauber und Magie sind extrem sensible Themen im Islam und gelten allgemein als haram – kategorisch verboten. Trotz dieses Verbotes gibt es auch Muslim*innen, die mit Hilfe von dschinn Zauberei und Magie praktizieren oder in die Zukunft schauen. Auch im Qur’an werden die dschinn in Verbindung mit Zauberei erwähnt. Sternschnuppen zum Beispiel sollen demnach die dschinn davon abhalten, zu lauschen, was die Engel in den oberen Himmelssphären besprechen. Die Gegend im Süden von Yogyakarta in Küstennähe ist über die Grenzen Yogyakartas hinaus dafür bekannt, dass man dort sihir praktizieren kann bzw. Möglichkeiten finden kann, mit Hilfe von dschinn reich und erfolgreich zu werden. Das Praktizieren von Zauberei wird als Teil der javanischen Mystik (kejawen/kebatinan Tradition) gesehen. Nach Aussage von mehreren meiner Informant*innen sollen Liebeszauber genauso wie Zauberei aufgrund von Eifersucht und Neid angeblich auch von Muslim*innen in Yogyakarta praktiziert werden. Islamisch gesehen, meint Ibu Salehah, Qur’an-Lehrerin und Verkäuferin von traditionellen islamischen Heilmitteln in Yogyakarta, sei das absolut verwerflich und diese Muslim*innen müssten aufrichtige Reue zeigen und Allah um Vergebung bitten für ihre falschen Taten.

Denkschule beeinflusst Heilungsmethoden

Nach islamischer Glaubenslehre sind dschinn für Menschen unsichtbar. Dasselbe gilt für Engel, welche aus Licht geschaffen sind. Interaktion kann aber, wie oben beschrieben, durchaus vorkommen, unabhängig ob gewollt oder ungewollt. Zum Beispiel kann ein Mensch eine spezielle Beziehung zu einem dschinn durch einen Pakt oder Ähnliches aufbauen. Interessant zu erwähnen ist noch, dass verschiedene Gruppen von Muslim*innen die Behandlungsmethode der Austreibung eher bevorzugen als andere. Die spezielle religiöse Ausrichtung und Denkschule eine*r Muslim*in hat Einfluss darauf, welche Heilungsmethode er oder sie bevorzugt und welchen Platz sie oder er dem Glauben an dschinn und Besessenheit einräumt. Es gibt durchaus auch Muslim*innen, die eine psychologische oder psychiatrische Behandlung einer Austreibung vorziehen und versuchen, das Thema rund um dschinn vollständig zu ignorieren. Das Krankheitsbild einer psychologischen Erkrankung kann den Auswirkungen einer Besessenheit sehr ähnlich sein. Anhänger der Muhammadiyah, zum Beispiel, ziehen es vor, Krankheitssymptome als psychologische Erkrankung zu deuten. Während traditionelle Muslim*inne, aber auch Anhänger*innen der verschiedenen Salafi-Wahhabi Ausrichtungen, Erkrankungen häufiger als kemasukan interpretieren.

Als ich meinem Informanten Herman über das traditionelle javanische Holzhaus (Ind.: joglo), um welches unser Mietshaus herum gebaut wurde, erzählte, wollte er uns unbedingt besuchen kommen. Mit großem Staunen schritt er durch das joglo. Bevor er auf sein Moped stieg, um nach Hause zu fahren, sagte er mir mit flüsternder Stimme, dass er einige Gestalten (Ind.: makhluk) in dem joglo gesehen hätte …

 

Zum Weiterlesen:

Ricklefs, M.C. (2006). Mystic Synthesis in Java: A History of Islamization from the Fourteenth to the early Nineteenth Centuries.

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3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
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Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Malaysia: Geisterglaube zieht sich durch die gesamte malaysische Gesellschaft – unabhängig von Klasse und Ethnie. Auf den im Land weit verbreiteten Plantagen kann Geisterglaube beispielsweise den Anbau von Mischkulturen oder das Stehenlassen des „wilden“ Unterholzes verhindern. Trotz anders lautender Lehren der Mehrheitsreligion Islam hält sich der Glaube an Naturgeister hartnäckig.

Während eines Forschungsaufenthalts in Malaysia nutzte ich die (teils schaurige) Gelegenheit meine neuen Bekanntschaften nach Geistern zu fragen. In diesem Zusammenhang erhielt ich den Tipp, nach einer solchen Begegnung meine Füße zu waschen, auch um eventuelle Geisterverfolger abzuschütteln und sich zu reinigen. Manche Menschen glauben mehr daran und manche weniger. Geisterglaube spielte und spielt eine Rolle in der malaysischen Gesellschaft. Es existiert eine Vielzahl an Geschichten, Gerüchten und Vorstellungen. Es gibt zwar kein offizielles Bekenntnis zum Geisterglaube, inoffizielle jedoch zahlreich. Die Existenz einer ausgeprägten Geisterkultur spiegelt sich in den folgenden Gesprächen und Interviews. Meine Gesprächspartner*innen waren verschiedenen Geschlechts und Alters, gehörten zu verschiedenen in Malaysia lebenden Ethnien und sozialen Schichten. Geister beeinflussen offenbar die Gedanken und Ängste der Menschen quer durch die malaysische Gesellschaft. Die folgenden Zitate entstammen Antworten auf die Frage „Glauben Sie an Geister?“, welche ich meinen Interaktionspartner*innen stellte.

„Glauben Sie an Geister?“

Meiner Erfahrung nach dominieren drei Reaktionen auf diese Frage. Die häufigste Reaktion ist die direkte Abwehr, worauf vorsichtig eine Geistergeschichte folgt, worauf wiederum weitere Geschichten folgen bis man in einen wahren Strudel aus Geschichten gesogen wird.

Die zweithäufigste Reaktion war, dass man mich belächelte oder der Geisterglaube in einer Moralgeschichte verpackt wurde.

Die dritte und seltenste Reaktion war die hastige Verabschiedung meiner Person, offensichtlich verbunden mit Angst und dem Bedürfnis, Konfrontation zu vermeiden. Einen Kleinbauern an der Grenze zu Thailand befragte ich nach den verschiedensten Aktivitäten und Verhältnissen auf seiner kleinen Kautschukplantage. Wir verstanden uns gut, aßen die leckere Durianfrucht und ich fragte ihn, ob es hier Geister gebe. Daraufhin wurde ich schneller verabschiedet als ich die Durian schlucken konnte.

Geisterglaube beeinflusst zuweilen Plantagenbewirtschaftung

Mein damaliges Forschungsziel war es, die Wahrnehmung verschiedener Akteur*innen in der Kautschukproduktion zu natürlichen Unterwuchs und Mischkulturanbau in Kautschukplantagen zu identifizieren. Mischkulturanbau bedeutet, dass andere Pflanzenarten in Kautschukplantagen integriert werden, um so die biologische Diversität zu erhöhen und ein nachhaltigeres Anbausystem zu schaffen. Das gleiche Ziel verfolgt der Ansatz mehr Unterwuchs zwischen den Kautschukbäumen zurückzulassen. Weniger schwerwiegend, aber dennoch ernstzunehmend, wird hin und wieder die Angst vor Geistern als Grund dafür angeführt, keine Mischkulturen anzubauen bzw. die Zwischenreihen der Monokulturen in Kautschukplantagen „sauber“ von Unterwuchs zu halten. Der Geist Pontianak wurde beispielsweise mit Bananenbäumen in Verbindung gebracht. Dies sei der Baum an dem „sie“ sich am liebsten aufhielte.

Manche Menschen glauben hingegen auch, dass es möglich ist, sich Geister zu halten, um die eigenen Plantagen vor Diebstahl zu schützen. Dieb*innen können von diesen Geistern umgebracht werden. Manch einer ist deshalb den Gefahren von Diebstahl gegenüber sehr entspannt. Wenn die Leute glauben, dass ein Bauer oder eine Bäuerin einen Geist besitzt so werden sie sich nicht trauen ihn zu bestehlen, so die „beruhigende“ Annahme.

Omnipräsenz von Naturgeistern

Vereinzelt wurde die Verbindung zu Mischkulturanbau beschrieben. Auffallend ist, dass sich vor allem um Bananenbäume zahlreiche Mythen ranken. Ein Beispiel ist die Angst davor, dass jemandem eine Frucht während der Arbeit auf den Kopf fällt und so für dessen plötzlichen Tod sorgt. Bei einem solchen Unfall bleibt es jedoch nicht beim Tod. Der unglücklich Getroffene wird zum selbst zum Geist und ist an den Baum, von dem die Frucht fiel, sein komplettes Geisterleben lang gebunden.

Viele Erzählungen über Geistergeschichten haben ihren Ort in der Wildnis. Spirituelles sei hier besonders stark präsent und spürbar.

Der traditionelle Geisterglaube steht zuweilen im Konflikt mit dem Islam, welcher die größte Religionsgemeinschaft in Malaysia darstellt. Trotzdem ist der Glaube an paranormale Phänomene bei einem Großteil der Bevölkerung präsent. Auf Grund dieses Konfliktes jedoch kommt es zur Distanzierung gegenüber Geistergeschichten. Geisterglaube wird von manchen als Gegenpart zur Religion gesehen. So erklärte ein Kautschukbauer, dass ein starker religiöser Glaube vor Geistern schützt. Speziell jüngere Farmer*innen halten sich stark daran. Man lerne schon in Kindertagen, dass es wichtig ist alles sauber zu halten sowohl sich selbst, als auch die Umgebung und die Plantagen. Dies ist für manche Kleinbäuerinnen und Kleinbauern Teil der Religion und wird auch als religiöse Verpflichtung gesehen. Deshalb wird Geisterglaube nicht immer öffentlich bestätigt und diskutiert.

Verlassene Gebäude, in denen es „spukt“

Geistergeschichten beschränken sich nicht nur auf Kautschukplantagen. Auch verlassene Gebäude und Orte werden aus Angst vor Geistern meist gemieden. Vor den Highland Towers in Kuala Lumpur beispielsweise findet sich häufiger eine „Autotraube“. Die meisten Fahrer schauen sich den Ort aus der Ferne an und bekommen schon bei dem Gedanken daran, das Gelände zu betreten, Gänsehaut. In Gesprächen über alte Kolonialhäuser und verlassene Fabriken wird klar, dass viele Geschichten über „verfluchte“ Gebäude existieren. Man möchte kein Risiko eingehen und hält sich lieber von diesen Orten fern. Es könnte passieren, dass sich Geister an die Fersen des Besuchers heften und ihm nach Hause folgen, um zum Beispiel dessen Kinder zu besetzen.

Schaman*innen, sogenannte Bohmos, würden verfluchte Gebäude besuchen, wo sie in der Erde graben und danach „den Verstand verlieren“ und „im Wahn“ ins Dorf rennen. Bohmos existieren auch heute noch, vor allem in den ländlicheren Regionen. Das Wissen der Bomohs geht jedoch allmählich verloren, da sie keine Nachfolger*innen finden. Mir wurde erklärt, dass Bomohs normalerweise sogar selbst Geister halten. Sie benutzen diese zum Beispiel, um die Gegend vor Diebstahl zu schützen oder Besessenen zu helfen. Weitläufig existieren auch Geschichten über Besessenheit. Während eine Gesprächspartnerin von der schockierenden Besessenheit ihres Sohnes berichtet, erzählt ein anderer von seiner Kindheit in einem Geisterhaus.

Mona Fandey, eine Frau, die 2001 aufgrund eines Mordes zum Tode verurteilt wurde, ist ein bekanntes Beispiel einer Gänsehaut erzeugenden Geschichte eines Bomohs. Ihr wird nachgesagt, schwarze Magie angewendet zu haben, um so Politiker bei Wahlkämpfen zu unterstützen. Im Zuge dieser Aktivitäten zerstückelte sie mit einer Axt den Kopf eines Politikers. Ihre letzten Worte vor der Hinrichtung waren „Ich werde niemals sterben!“, und sie verkündete sie mit einem Lächeln im Gesicht. Das Haus der Mona Fandey steht noch immer in Kuala Lumpur. Hier soll sich angeblich kein einziges Staubkorn absetzen. Es sei, so meinen die Anwohner*innen, verflucht.

Es gibt zigtausend weitere Geistergeschichten und Geisternamen. Alle aufzuzählen würde wohl den Rahmen eines tonnenschweren Buches sprengen. Eine stark ausgeprägte Geisterkultur existiert und beeinflusst viele Menschen in ihrem Tun und Handeln, auch auf Plantagen und im Dschungel, wo die Undurchsichtigkeit die natürliche Angst der Menschen bestärkt. Trotzdem gibt es Unterschiede in der Zuwendung zum Geisterglaube, wenn sie denn besteht, Ein Kautschukbauer verdeutlicht die Situation mit einem bildlichen Vergleich: „Nimm deine Hand. Es ist eine Hand, aber mit unterschiedlichen Fingern. So verhält es sich auch mit der Ausprägung des Geisterglaubens der Malaien.“

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3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
Autor*in:

Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Rezension zu:
Reimar Schefold: Ein bedrohtes Paradies. Meine Jahre bei den Sakkudei in Indonesien. Quintus Verlag, Berlin, 2017, 376 Seiten, 22€

Geister- und Ahnenglaube spielen eine große Rolle im Leben der Sakkudei, einer ethnischen Gruppe, die teilweise heute noch so wie schon seit Jahrhunderten tief im Innern der indonesischen Insel Siberut lebt. In ihrer Lebenswelt hat jeder Baum, jedes Tier eine Seele – und wer das seelische Gleichgewicht stört, indem er etwa Tiere jagt oder Bäume fällt, muss dementsprechende Opfer bringen und die Natur um Entschuldigung bitten. Ansonsten drohen Krankheit und Unglück. Auch die eigene Seele muss immer wieder neu motiviert werden, im dazugehörigen Körper zu bleiben und nicht für immer zu den Ahnen zu wandern: etwa durch Feste oder „Seelenspielzeug“ wie zum Beispiel schöne Schnitzereien.

Der niederländische Anthropologe Reimar Schefold taucht in seinem Buch tief in die Lebenswelt der Sakkudei ein. 1967 reiste er zum ersten Mal auf das Mentawai-Archipel, um die erhaltenen Sprachen und Gemeinschaftsstrukturen der dort lebenden Ethnien zu erforschen. Mühsam erlangte er schrittweise das Vertrauen der Ureinwohner, die vom indonesischen Staat und christlichen Missionaren bedrängt wurden (und werden), ihre traditionelle Lebensweise und animistischen Rituale abzulegen. Der Autor berichtet sehr anschaulich über seine Erfahrungen, ohne dabei jemals überheblich zu wirken. Im Gegenteil: Nicht selten musste er feststellen, wie absurd das „moderne“ Leben erscheint – etwa, wenn er versucht, seine Umzugskisten in einem Einbaum flussaufwärts mitten in den Regenwald zu transportieren. Oder wenn seine Fragen über Zuständigkeiten in der egalitären Stammesgemeinschaft auf völliges Unverständnis stoßen.

Spannend ist, dass Schefold seine jahrzehntealten Tagebuchaufzeichnungen noch einmal reflektieren kann, als er 2009 erneut zu den Sakkudei reist – diesmal mit seiner Frau und seinen zwei halbwüchsigen Kindern, die von den wenigen „Überlebenden“ der alten Gemeinschaft wie die eigene Familie aufgenommen werden. Mit einer gewissen Genugtuung stellt der Autor fest, dass sich seine alten Freunde trotz Bedrohungen und Verlockungen des modernen Lebens die meisten ihrer Traditionen bewahrt haben – genauso wie ihre naturverbundene Lebenseinstellung, die unsere westliche Gesellschaft erst jetzt wiederentdeckt.

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3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
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Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Laos: In der Hauptstadt Vientiane überragt seit 2010 das imposante Standbild von Chao Anuvong die Uferpromenade des Mekong. Im frühen 19. Jahrhundert König von Vientiane, zählt Chao Anuvong heute zu den wichtigsten Heldengestalten der laotischen Geschichte. Zur Einweihung der Statue riefen mehr als 100 Mönche den Geist von Chao Anuvong herbei. Der Geist eines Königs im „sozialistischen“ Laos? Dieser scheinbare Widerspruch im Spannungsfeld von offizieller Erinnerungskultur und ritueller Alltagspraxis verdient nähere Beobachtung.

 

Zunächst spiegelt dieses neue Denkmal den besonderen staatlichen Geschichtsdiskurs wider, der von einem Jahrhunderte langen laotischen Befreiungskampf ausgeht, getragen von historischen Heldengestalten wie eben Chao Anuvong. Die seit der kommunistischen Revolution im Jahre 1975 autoritär regierende Laotische Revolutionäre Volkspartei verknüpft dabei ihre Machtergreifung rhetorisch mit der langen Geschichte laotischer Königreiche und eignet sich damit – durchaus ambivalent – eine buddhistisch-monarchische Symbolik an, wie anhand der neuen Königsstatuen zu beobachten ist. Noch bemerkenswerter ist jedoch, dass die Errichtung der Statue Anuvongs eine facettenreiche religiöse Dynamik nach sich gezogen hat, die vermutlich nicht unbedingt Staatsräson gewesen war.

Anuvong im historischen Kontext

Chao Anuvong ist zweifellos die prominenteste Heldengestalt des so genannten „nationalen Befreiungskampfes“ (kantosu ku sat). Im offiziellen Geschichtsbuch Pavatsat Lao („Geschichte von Laos“; herausgegeben 2001 vom Ministerium für Information und Kultur) ist sein Krieg gegen Bangkok ein wichtiges Kapitel in dieser langen Geschichte des laotischen Kampfes gegen birmanische, siamesische, französische und schließlich amerikanische „Imperialisten“ (ein historischer Krieg aus dem 17. Jahrhundert gegen vietnamesische Invasoren wird hingegen aus Rücksicht auf den „sozialistischen Bruderstaat“ heruntergespielt). Die Verortung der kommunistischen Machtergreifung in diesen historischen Kontext ist ein zentrales Element der Erinnerungs- und Legitimationspolitik der Laotischen Revolutionären Volkspartei (Tappe 2008).

1826 vermochte Anuvong kurzfristig das „Joch“ der siamesischen Oberherrschaft abzuwerfen. Wenige Jahre zuvor noch ein treuer Vasall Bangkoks, attackierte er die siamesischen Truppen im heutigen thailändischen Nordosten und versuchte, die laotischsprachige Bevölkerung nach Vientiane zu bringen. Allerdings wendete sich rasch Anuvongs „Kriegsglück“, was zwei Jahre später schließlich zur vollständigen Verwüstung Vientianes und der Deportation der Bevölkerung jenseits des Mekong führte. Bis heute leben in Nordost-Thailand fünfmal mehr Lao als in Laos. Anuvong selbst wurde mit seiner Familie nach Bangkok gebracht, in einem Käfig zur Schau gestellt und zu Tode gefoltert (Ngaosyvathn und Ngaosyvathn 1998).

Chao Anuvong ist somit eine ambivalente Heldengestalt und steht sowohl für Heroismus und Patriotismus als auch für Selbstüberschätzung und Scheitern. Sein Akt der Auflehnung führte zur Zerstörung der laotischen Hauptstadt und zu einem langen Dornröschenschlaf des Landes. Die Revolution von 1975 wird in diesem Zusammenhang als eine Art historisches Korrektiv interpretiert, als nachgeholte politische Souveränität (1954 entsprechend nur als Scheinunabhängigkeit im Kontext von amerikanischem „Neokolonialismus“). Was bleibt, ist jedoch ein latentes Unterlegenheitsgefühl gegenüber Thailand, ständig von Wirtschaftsdaten und medialen Repräsentationen bestätigt. Der Ho Pha Kaeo, wo Chao Anuvong den berühmten Jadebuddha Pha Kaeo – von den Siamesen einige Jahre zuvor geraubt – wieder unterbringen wollte, steht noch heute emblematisch für die belastete Geschichte der beiden, auch kulturell sehr ähnlichen Nachbarn.

Held in Feldherrenpose

Diese historischen Ambivalenzen – und zweifellos auch finanzielle Aspekte – mögen dazu beigetragen haben, dass 2003 ein Denkmal für Fa Ngum, dem legendären Gründer des ersten laotischen Königreiches Lan Sang im 14. Jahrhundert, Priorität genoss und Anuvongs Standbild erst sieben Jahre später folgte. Die Pläne lagen bereits seit den Neunzigern in der Schublade, damals noch mit einigen interessanten Details: Anuvong sollte auf einem Kriegselefanten sitzend dargestellt werden, begleitet von Säbel schwingenden Soldaten. Angesichts des verbesserten Verhältnisses zum ehemaligen Klassenfeind Thailand und wirtschaftlichen Erwägungen (Thai stellen die Mehrheit der Touristen und Investoren in Laos) wurde dieses martialische Design etwas entschärft (Tappe 2017).

Zwar steht Anuvong in Feldherrenpose auf seinem Sockel, hält in seiner linken Hand ein Schwert und soll laut Vientiane Times (3. November 2010) mit seiner Rechten die Truppen mobilisieren. Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass er eine naga als Gürtel trägt, eine mythologische Schlangengottheit und Symbol für „Frieden und Tugend, Kernphilosophien seiner Regentschaft“ (ibid.). Interessanterweise ähnelt die Statue ausgerechnet den thailändischen Königsstatuen, die im 20. Jahrhundert entstanden sind und viele Banknoten zieren. Die Laotische Revolutionäre Volkspartei hat sich somit nunmehr „Ersatzkönige“ beschafft – den letzten König hatte sie in einem Umerziehungslager dahinsiechen lassen – die sie zur Untermauerung der eigenen politischen Autorität instrumentalisiert.

Anlässlich der Einweihung des Standbildes brachten die Staatsmedien etliche historische Exkurse und Features zum Leben des legendären Königs, in entsprechend revolutionärem Narrativ („Kampf gegen siamesische Feudalisten“). Es spielten aber auch Motive wie Wirtschaft und Religion (z.B. Errichtung des Tempels Wat Sisakhet; Renovierung des Ho Pha Kaeo) eine Rolle – Indiz für Verschiebungen im staatlichen erinnerungspolitischen Diskurs, der seit dem Reformklima der 1990er zunehmend auf Schlagworte wie sozioökonomische Entwicklung (kanpatthana) und Kulturerbe (munmoladok) setzte (Evans 2002). Die Vientiane Times (9. November 2010) hält fest: „Der König wird als großartiger Mann anerkannt, und die Menschen glauben, dass er uns segnen und beschützen wird.“ Hier deutet sich bereits die religiöse Dimension des Denkmals an.

Der Geist in der Statue

2003 war die Errichtung des Denkmals für König Fa Ngum eine mediale Sensation: Ein Revival der Monarchie im offiziell kommunistischen Laos? Schnell bemühten sich laotische Staatsmedien, diesem von westlichen Kommentatoren suggerierten Eindruck zu begegnen. König Fa Ngum sei eine wichtige Heldengestalt und quasi der Urvater des laotischen nationalen Befreiungskampfes gewesen, der mit der Revolution 1975 seine Vollendung gefunden habe. Als Patriot und tapferer Kämpfer an der Seite seines Volkes sei er einer der „guten Feudalisten“ gewesen, ganz im Gegensatz zu den beiden letzten Königen, nach der heutigen laotischen Geschichtsschreibung Marionetten der Imperialisten (Ministerium für Information und Kultur 2000).

Im November 2010 folgte dann die Einweihung der Anuvong-Statue, die schon weitaus weniger überraschend ausfiel – so normal war die Aneignung buddhistisch-monarchischer Symbolik durch die kommunistische Partei inzwischen geworden. Die zweitägige Zeremonie bot dabei alles, was den laotischen Staatsbuddhismus auszeichnet: Stundenlange Sermone von 120 Mönchen, schier endlose Prozessionen der Laien mit 120 silbernen, reich gefüllten Gabenschalen, der damalige Staatspräsident und Altrevolutionär Choummaly Sayavong in traditionellem Ornat, neunmal einen heiligen Gong schlagend, schließlich ein direkt an den Geist des alten Königs adressiertes Ritual.

Die buddhistischen Mönche hatten den Geist Anuvongs mit ihren Gesängen quasi eingeladen, das Standbild als Heimstatt zu akzeptieren und als Schutzpatron der Stadt Vientiane und ihrer Bewohner zu fungieren. Zudem wurde in Analogie zur Einweihung von Buddhastatuen das Ritual der „Augenöffnung“ durchgeführt: Ein Schleier vor dem Antlitz Anuvongs wurde abgenommen, die Statue damit belebt und als religiös wirkmächtige Figur „aktiviert“ (vgl. Ladwig 2015). Während der Zeremonie wurde die Statue ferner über lange weiße Bindfäden mit der als besonders machtvoll erachteten Phabang-Statue verbunden und mit ihrer kosmischen Energie quasi „aufgeladen“ – wobei es keine Rolle zu spielen schien, dass die Phabang-Statue (Namensgeber der alten Königsstadt Luang Prabang) höchstwahrscheinlich eine Replik war. Entscheidend ist hier, wie das Zusammenspiel von buddhistischen und animistischen rituellen Elementen zur „Aktivierung“ dieser neuen Quelle von spiritueller Energie führte – die Statue war nun saksit (nur annäherungsweise mit „magisch“, „heilig“ oder „spirituell machtvoll“ zu übersetzen).

Neben der religiösen Bedeutung war dies zweifellos auch ein wichtiges Ritual kollektiver Selbstvergewisserung und ein Gemeinschaftserlebnis für die Bevölkerung Vientianes. Für die Partei bot sich hier auch erneut die Möglichkeit, nationale Einheit und Kulturpflege zu beschwören, nicht zuletzt um weiterhin ihre politische Autorität zu untermauern.

Anuvong und alltägliche Rituale

Nach dieser umfangreichen Einweihungszeremonie war die Statue von Chao Anuvong also saksit und somit ein spirituelles Kraftfeld. Ähnlich wie bei bedeutenden Buddhastatuen – z.B. der große Buddha im Vat Ong Teu – oder beim „großen Stupa“ That Luang konnten die Laoten nun mit dem Geist Anuvongs unmittelbar über Gebete und Opfergaben in Kontakt treten und um seinen Segen bitten. Heute sieht man jeden Tag Frauen, Männer und Kinder zu Füßen der Statue knien, die kleine Kerzen und Weihrauchstäbchen in einer eigens dafür vorgesehenen Vertiefung im Betonsockel anzünden, manchmal Blumengestecke oder Gold- und Silberbäumchen (aus Metallfolie) ablegen und den König mit gefalteten Händen um Glück und Wohlstand bitten.

Es sind tatsächlich eher weltliche Wünsche, die hier geäußert werden. Ein laotischer Freund erzählte mir, wie er gewöhnlich bei den Statuen von Anuvong und Fa Ngum für Erfolg in seinem volatilen Immobiliengeschäft bat, während seine Mutter eher für Glück in der Lotterie regelmäßig Gaben ablegte. Andere Informanten betonten, dass man sich reinen Herzens vor den König zu begeben habe, worin sich buddhistische Moralvorstellungen widerspiegeln – auch bei diesen eher individualistisch-neoliberal anmutenden religiösen Herangehensweisen. Im Falle der Statue Anuvong wird im Übrigen statt von phi – dem allgemeinen (eher auf „animistische“ Überzeugungen verweisenden) Begriff für Geister aller Art, von Wald- bis Ahnengeistern (s. Baumann/Verstappen in dieser Ausgabe) – von vinya (eher „Seele“ im buddhistischen Sinne) geredet, ein kleines aber wichtiges theologisches Detail: Der Geist Anuvongs als buddhistischer König muss zwangsläufig aus der Masse der phi hervorstechen, was nicht zuletzt auch mit dem hierarchischen Verhältnis von Buddhismus und Animismus im laotischen Modernisierungsdiskurs zusammenhängt.

Wie Patrice Ladwig (2015) zeigt, sind kosmologische Kraftorte wie der That Luang oder die Anuvong-Statue Ursprung von spiritueller Energie, die sich rituell anzapfen lässt, um individuelle oder kollektive Prosperität (chaloen) zu gewährleisten. Es scheint, dass gerade die Unsicherheit und Unübersichtlichkeit der globalisierten, marktwirtschaftlichen Moderne in Laos solche Stätten der unmittelbaren rituellen Interaktion interessant macht. Generationen übergreifend wird um Glück in Spiel, Liebe und Business gebeten – animistisch-buddhistische Traditionen sind also durchaus kompatibel mit dem Kapitalismus, sowie beide mit dem so genannten „Sozialismus laotischer Prägung“.

Derweil ist das sich um die historische Figur Chao Anuvong rankende revolutionäre Narrativ weiterhin präsent, nicht zuletzt an den Verkaufsständen rund um das Denkmal, wo nicht nur Bilder von Anuvong und buddhistischen Ikonen feilgeboten werden, sondern auch Portraits von Marx, Lenin und dem laotischen Politbüro. Auch der in den letzten Jahren zunehmende Trend, Porzellanpferde und -elefanten vor die Statue zu platzieren, erinnert an die geschichtspolitischen Dimensionen des Standbildes. Es handelt sich laut meinen Informanten dabei nämlich um die Reittiere von Anuvongs Armee, die ja ursprünglich ein Teil des Denkmals werden sollte. Übertragen auf die Kraft des Geistes heißt es entsprechend, dass er besonders machtvoll sei, geradezu von einer Geisterarmee unterstützt. Die Funktion Anuvongs als Schutzpatron der Stadt und Agent für allgemeinen Wohlstand unterstreicht dies nur noch.

Chao Anuvong war schon immer ein Teil der laotischen Erinnerungslandschaft, seit 2010 nunmehr auch in physischer Hinsicht. Sein Standbild bildet den Endpunkt einer monumentalen Achse mit dem That Luang und dem „Siegestor“ (patu sai), dem laotischen Triumphbogen. Es nicht zuletzt durch die Lage an der belebten Mekongpromenade – Inbegriff der laotischen Modernisierung – eines der auffälligsten Denkmäler in der laotischen Hauptstadt. Es ist interessant zu sehen, wie dieses Denkmal von der Bevölkerung angenommen und rituell angeeignet wird. Ironie an der Sache: Die kommunistische Regierung hatte es offensichtlich für opportun erachtet, einen alten König für das spirituelle Wohlergehen der Laoten zu aktivieren.

 

Zum Weiterlesen:

  • Evans, Grant (2002): A Short History of Laos. Chiang Mai: Silkworm.
  • Ladwig, Patrice (2015). Worshipping Relics and Animating Statues. Transformations of Buddhist statecraft in contemporary Laos, Modern Asian Studies 49/6: 1875-1902.
    Ministerium für Information und Kultur (2000): Pavatsat Lao [Geschichte von Laos]. Vientiane: National Printing Office.
  • Ngaosyvathn, Mayoury, and Pheuiphanh Ngaosyvathn (1998): Paths to Conflagration: Fifty Years of Diplomacy and Warfare in Laos, Thailand and Vietnam, 1778–1828. Ithaca: Cornell University Southeast Asia Program.
  • Tappe, Oliver (2008): Geschichte, Nationsbildung und Legitimationspolitik in Laos: Untersuchungen zur laotischen nationalen Historiographie und Ikonographie. Münster/Berlin: Lit-Verlag.
  • Tappe, Oliver (2017): „Shaping the National Topography: The Party-State, National Imageries, and Questions of Political Authority.“ In: Changing Lives in Laos: Society, Politics, and Culture in a Post-Socialist State (ed. Vanina Bouté and Vatthana Pholsena), pp. 56-80. Singapore: NUS Press.

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3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
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Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Bram Stokers Dracula prägte das populäre Bild des Vampirs und machte ihn zum prominentesten unheimlichen Wesen der westlichen Moderne. Stokers Einfluss ist zwar außergewöhnlich – aber nicht einmalig: auch der thailändische Comiczeichner Tawee Witsanukorn griff auf regionale Folklore zurück, verschmolz sie mit dem herrschenden Zeitgeist und prägte so nachhaltig die popkulturelle Imagination thailändischer „Hexen“.

 

Wir wollen hier Tawee Witsunakorns Einfluss auf die Vorstellung vor allem eines unheimlichen Wesens in Thailand nachspüren: Phi Krasue. Während der Begriff phi zumeist mit Geist oder Gespenst übersetzt wird, soll unser Beitrag u.a. demonstrieren, dass hier differenziert werden muss. Am Wandel der popkulturellen Imagination Phi Krasues wird sich zeigen, dass es sich hier eher um ein hexenartiges Wesen handelt – welches zunehmend vampirartige Züge trägt.

Die Modernisierung des Geisterhaften in Thailands Popkultur

Dem thailändischen Geisterfilm wird gemeinhin der größte Einfluss auf die Vereinheitlichung des Geisterhaften zugeschrieben. Unsere neuesten Forschungen zeigen jedoch: Es waren Comics und nicht Filme, die den bekanntesten geisterhaften Wesen Thailands ihre heute charakteristischen Züge gaben. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts gaben thailändische Comic-Künstler vielen geisterhaften Wesen konkrete Formen, die dann in Filmen übernommen wurden. Im Laufe der Zeit fanden diese popkulturellen Imaginationen ihren Einzug in die thailändische Alltagswelt und verdrängten die eher schemenhafte und regionalspezifische Vorstellung des Geisterhaften.

Die Geschichte des thailändischen Comics begann bereits im Jahre 1907 und brachte eigene Meister und Trends hervor. Dazu zählen aufwendige und von kunstvoller Poesie begleitete Illustrationen, die in den 1930er Jahren ihren Höhepunkt erlebten und in den 1950er Jahren von einer Mischung aus Comic und Volkstheater, dem so genannten „Cartoon Likay“, abgelöst wurden. Am populärsten waren schließlich die Ein-Baht-Comics, die in den 1970er Jahren monatlich erschienen und eine Auflage von über einer Million erreichten. Geistergeschichten waren in dieser Zeit das beliebteste Comicgenre. Das lag vor allem an den Illustrationen von Hem Vejakorn (1903-1969), einem erfolgreichen Schriftsteller und Zeichner, der das Genre der Geistergeschichte in den frühen 1930er Jahren durch seine illustrierten Kurzgeschichten populär machte. Zwischen 1953-1967 produzierte er unzählige solcher Geistergeschichten. Er war der erste thailändische Künstler, der das Genre „thaiisierte“, indem er es mit Illustrationen versah, die entgegen dem globalen Trend, das Lokale des Geisterhaften betonten.

Tawee Witsanukorn und sein künstlerischer Einfluss auf das Comicgenre sind außerhalb der thailändischen Comicszene weitgehend unbekannt. Geboren als Tawee Yencham im Jahre 1941, entwickelte er seine Leidenschaft für das Zeichnen bereits in der Oberschule. 1960 begann Tawee sein Studium der Malerei an der prestigereichen Poh-Chang Akademie der Künste, wo er ein Student von Hem Vejakorn wurde. 1960 veröffentlichte er sein erstes Geistercomic Mae Nak Phra Khanong, eine Adaptation der wohl berühmtesten thailändischen Geistergeschichte.

Die „Popkulturalisierung“ von Phi Krasue

Da sich die Wissenschaft bisher kaum mit dem Comic als künstlerischem Genre auseinandergesetzt hat und die meisten thailändischen Geistercomics nur in wenigen Exemplaren erhalten sind, wurde die Bedeutung des Comics für die Kulturgeschichte des Geisterhaften in Thailand lange übersehen. Auch Tawees Krasue Sao (Krasue Mädchen, 1968-1973) war lange vergriffen und so wurde in der Wissenschaft bisher der gleichnamige Film aus dem Jahre 1973 (Regie: Naowaratch S.) als Ursprung der aktuellen Imagination dieses Wesens angenommen. Dabei ist Phi Krasue stets eine Frau, die tagsüber ein ganz normales Leben führt. Doch getrieben von einem unstillbaren Hunger, trennt sich im Schlaf der Kopf mit einer Reihe innerer Organe vom Rumpf und schwebt umgeben von einem flackernden Leuchten auf der Suche nach Nahrung davon. Dabei wird eine Vorliebe für Unreines und nicht Essbares betont, wie z.B. mit Krankheit, Tod und Geburt assoziierte Körperflüssigkeiten, Aas oder rohes Fleisch.

Orale Traditionen im ländlichen Thailand betonen dagegen insbesondere die Vorliebe für menschliche Fäkalien, die Phi Krasue von anderen hexenartigen Wesen unterscheidet. Dies ist auch der Grund, warum Phi Krasue in der ethnologischen Literatur lange als Schmutzgeist bezeichnet wurde. In der ländlichen Alltagswelt ist die Verwandlung in ein Phi Krasue Folge eines Tabubruchs. Magische Handlungen sind immer mit Tabus verbunden, orientieren sich meist am buddhistischen Wertekanon und sollen davor schützen, dass magisches Wissen aus niederen Beweggründen eingesetzt wird. Einige sind aber nicht mit den Aufgaben der Frau im ländlichen Alltagsleben Thailands vereinbar und so scheint ein Tabubruch für Frauen, die sich mit Magie beschäftigen, früher oder später unumgänglich. Magie ist im thailändischen Denken eine männliche Domäne, nach dem Frauen nicht über die charakterliche und spirituelle Stärke verfügen, sich unbeschadet dieses Wissen anzueignen. Während die Tatsache, dass es sich bei Phi Krasue immer um Frauen handelt, in der ländlichen Alltagswelt also über einen Tabubruch rationalisiert wird, ist es in filmischen Narrativen meist ein Familienfluch, der in der weiblichen Linie weitergegeben wird.

Ein Vergleich von Film und Comicbuch zeigt, dass Tawees Krasue Sao als Storyboard für den gleichnamigen Film diente, die zeichnerische Darstellung des Wesens und dessen Entstehungsgeschichte also eins zu eins übernommen wurden. Unsere Nachforschungen unter thailändischen Comic-Sammlern ergaben zudem, dass es keine Darstellungen Phi Krasues auf Wandgemälden oder in anderen historischen Quellen gegeben zu haben scheint, so dass es sich beim Comic offenbar um die erste bildliche Darstellung handelt. Im Comic finden sich aber auch etliche andere Wesen der thailändischen Folklore erstmalig in bildlicher Darstellung. Dazu zählt auch Phi Krahang, der als männliches Äquivalent Phi Krasues betrachtet wird. Auch hier scheint Tawees Comic eine Schlüsselrolle gespielt zu haben, was Phi Krahangs Erscheinungsbild nahelegt, das sich augenscheinlich von dem Phi Krasues unterscheidet. Phi Krahang wird gewöhnlich als menschliches Wesen mit Tierschwanz imaginiert, das zwei Worfelkörbe als Flügel nutzt und auf einer Mörserkeule durch die Luft reitet. Im Gegensatz zu Phi Krasue ruft Phi Krahang meist kein unheimliches Gefühl hervor, sondern wird eher mit Schmunzeln betrachtet.

Von 1968 bis 1973 erschien die Geschichte Krasue Sao zunächst zweiwöchentlich und später monatlich im Comic-Magazin Noo Ja und wurde schnell zu einem großen Erfolg. Daraufhin erschien die Geschichte ab 1971 in insgesamt neun Sammelbänden. Diese sowie die späteren Taschenbuchauflagen waren stets schnell vergriffen und erzielten unter Sammlern hohe Preise. 2017 entschloss sich Tawees Tochter aufgrund der anhaltenden Nachfrage, das Geisterepos in einem zweibändigen Sonderband mit insgesamt über 600 Seiten in vierter Auflage neu herauszugeben.

Der thailändische Comicsammler und Freund Tawees, Woravut Ruengsri, gibt im Vorwort zum Comic an, dass Tawee die Geschichte von Phi Krasue als Kind von seinem Vater hörte, der als Soldat im heutigen Kambodscha stationiert war. Dort wurde ein anderer Soldat zum Tode verurteilt, weil er seine Frau umgebracht hatte, deren Leiche kopflos am Tatort aufgefunden wurde. Während des Verhörs gab der Beschuldigte an, dass er seine Frau umbrachte, weil sie ein Krasue war. Er habe gesehen, wie nachts ein Leuchten aus dem Körper seiner schlafenden Frau drang. Vor diesem Hintergrund erschuf Tawee unter Rückgriff auf Elemente der populären Mae Nak-Erzählung seine Geschichte der jugendlichen Phi Krasue, die zusammen mit ihrem Ehemann gegen ihre unheimliche Verwandlung kämpft.

Das Gespenst der toten Großmutter

Wie der gleichnamige Film, erzählt Krasue Sao die Geschichte der jungen Buaklee, die von ihrer Großmutter aufgezogen wird. Diese hinterlässt Buaklee auf dem Totenbett einen Ring unter der Auflage, diesen niemals abzulegen. Außerdem wollte die Großmutter, entgegen der buddhistischen Tradition, nicht verbrannt, sondern beerdigt werden. Buaklee gehorcht, weiß jedoch nicht, dass der Ring aus dem geflochtenen Haar zweier unheimlicher Wesen hergestellt wurde, Phi Tai Hong (phi eines schlechten Todes) und Phi Tai Tang Klom (phi einer Frau, die im Kindbett starb).

Nach dem Verstreichen der hunderttägigen Trauerfrist fängt Buaklee an, sich nachts zu verwandeln, wobei sich ihr Kopf vom Köper löst und umgeben von einem unheimlichen Leuchten auf die Suche nach unreiner Nahrung geht. In Comic und Film ist es der Geist der toten Großmutter, der sich so ernährt. Der Ring stellt eine untrennbare Verbindung zwischen Buaklees Körper und dem Geist ihrer Großmutter her. Der größte Teil der Geschichte handelt davon, wie Buaklee und ihr Mann versuchen, die Verwandlung rückgängig zu machen wobei sie übernatürliche Schwierigkeiten zu bewältigen haben.

Khmer Ursprung?

Große Teile dieser Geschichte finden sich bereits in einer im Jahre 1904 erschienenen Beschreibung hexenartiger Wesen in Siam. Ihr Verfasser, Charles Hardouin, war ein französischer Kolonialbeamter im heutigen Kambodscha. Auch Hardouin berichtet von einem jungen Mann, dessen Frau ein Phi Krasue ist und der alles versucht, sie von diesem Wesen zu befreien. Beide Geschichten weisen also nach Kambodscha als „Ursprungsort“ Phi Krasues. Dennoch kann es sich bei dieser Verortung auch um das Ergebnis eines Stereotyps handeln, das die Khmer mit schwarzer Magie assoziiert und das in Thailand mindestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts existiert.

Da sich das thailändische Königshaus als rechtmäßige Erben der Herrscherdynastie Angkors inszeniert, steht Khmer im öffentlichen Diskurs auch für die thailändische Vergangenheit und dazu gehört das Wissen um schwarze Magie und mächtige Zaubersprüche. Da Phi Krasues Ursprung in magischen Praktiken vermutet wird und Krasue Khmer klingt, liegt es nahe, dessen Ursprung in der Khmer-Kultur zu verorten. Diese Assoziation zwischen Phi Krasue, schwarzer Magie und der Khmer-Kultur Angkors wird in Thailands gegenwärtiger Popkultur explizit betont.

Zur Sichtbarkeit innerer Organe

Hardouins Beschreibung ist auch die erste, die die Sichtbarkeit innerer Organe als Charakteristikum Phi Krasues erwähnt. Damit stellt sie eine Ausnahme dar, da erst nach dem Erscheinen von Tawees Comic und der filmischen Adaptation dies zu einem zentralen Merkmal Phi Krasues in Thailands Popkultur wird. Vorher wird die Sichtbarkeit innerer Organe meist nicht erwähnt, wohingegen das unheimliche Leuchten, das nachts durch die Gegend schwebt, und der Verzehr menschlicher Fäkalien stets im Mittelpunkt der Imagination standen.

Die wahrscheinlich früheste schriftliche Beschreibung Phi Krasues findet sich in Adolf Bastians 1867 erschienenem Buch „Reisen durch Siam“. Hier berichtet der deutsche Universalgelehrte davon, dass sich einige der siamesischen Hexen selber den Kopf abhauen und dann als feurige „Kasü“ aus dem Rumpf hervorschießen, jedoch bei Tag wieder in ihrer menschlichen Gestalt erscheinen. Bastian betont jedoch an keiner Stelle die Sichtbarkeit innerer Organe. Dies soll, mit Ausnahme Hardouins, so bleiben bis in den 1960er Jahren Phya Anuman Rajadhon und dann Tawee die heraushängenden Gedärme wieder zum charakteristischen Merkmal Phi Krasues machen.

Während nach mündlicher Überlieferung das unnatürliche Leuchten sowie der Verzehr menschlicher Fäkalien die Hauptquelle des Unheimlichen sind, übernehmen in der schwarz-weißen Welt des Comics die heraushängenden Gedärme diese Funktion. Das charakteristische farbige Leuchten ist hier nur begrenzt umsetzbar. Auch werden menschliche Fäkalien durch Aas und andere unreine Speisen ersetzt. Die Betonung der Sichtbarkeit des Inneren hat also mit den Spezifika des Mediums Comic zu tun.

Geist, Hexe, weder noch?

Während Bastian Phi Krasue noch eindeutig als „Hexe“ identifiziert, hat sich in der ethnologischen Literatur des 20. Jahrhunderts die Klassifikation als Geist oder Gespenst etabliert, was wohl auf die gängige Übersetzung des Wortes phi zurückgeht, das sich als Präfix vieler unheimlicher Wesen findet (s. Tappe und Kleinod in dieser Ausgabe). Bei der Übersetzung von phi als Geist wird aber übersehen, dass es sich um ein deiktisches Konzept handelt, d.h. dass die exakte Bedeutung vom Kontext abhängt. Phi bezeichnet einen menschlichen Leichnam, findet sich aber auch im Wort „Schmetterling“. Was bei dessen Verwendung jedoch immer mitschwingt, ist Ambiguität, die aus psychoanalytischer Sicht ja der Ursprung des Unheimlichen ist. Dass die Bezeichnungen Geist und Gespenst für Phi Krasue ungeeignet sind, zeigt sich auch daran, dass beide Begriffe im Deutschen ihre Bedeutung über ihre Beziehung zum Tod erhalten, während Phi Krasue ein lebendes Wesen ist. Deshalb bevorzugen wir den Begriff hexenartiges Wesen.

Der Begriff der Hexe ist, genauso wie der des Vampirs, eine Sammelbezeichnung, die ab dem 15. Jh. im Kontext der beginnenden Hexenverfolgung eine verhängnisvolle Rolle zu spielen beginnt. Vorher unterlagen die Bezeichnungen hexenartiger Wesen im deutschen Sprachraum einer großen regionalen Varietät. Das spezifisch Hexenartige Phi Krasues wird vom altnorddeutschen Begriff zûnrite vielleicht noch am besten getroffen: ein auf dem Zaun reitendes Wesen. Hexen sind stets Grenzwesen, deren Erscheinung somit von Ambiguität geprägt ist. Auch Phi Krasue wird meist in Grenzräumen begegnet, die das Dorf vom Feld oder das Feld vom Wald trennen. Diese Räume dienten vor der Einführung der Toilette im thailändischen Alltag der Entsorgung menschlicher Fäkalien, woraus sich das entsprechende Merkmal Phi Krasues erklärt. Ein weiteres Indiz für Phi Krasues Hexenartigkeit ist, dass ihm vornehmlich als durch die Nacht schwebendes Licht begegnet wird: ein Vergleich der ethnologischen Literatur zeigt, dass das nächtliche Leuchten das einzige Charakteristikum ist, das alle hexenartigen Wesen teilen.

Während die Übersetzung als Hexe im Kontext Thailands ungewöhnlich ist, ist sie in Kambodscha die Standardklassifikation für ähnliche Wesen. Obwohl es sich, wie erwähnt, bei Phi Krasue ursprünglich wohl nicht um ein Wesen der siamesischen Folklore handelte, haben Tawees Comics das populäre Bild hexenartiger Wesen so nachhaltig beeinflusst, dass es sich heute auch in Kambodscha findet.

Die „Vampirisierung“ Phi Krasues in der gegenwärtigen Popkultur

Aufgrund seiner Popularität und der eigentümlichen Erscheinung, die Ambiguität signalisiert, eignet sich Phi Krasue, um verschiedensten sozialen Ängsten eine konkrete Form zu geben. In dieser Hinsicht gleicht diese Figur dem Vampir in der westlichen Moderne. Erst kürzlich erschien unter dem Titel Sap Krasue (Der Fluch des Krasue) eine neue Daily Soap, in der eine zunehmende Vampirisierung von „Thailands berühmtester Hexe“ zu beobachten ist.

Die Imagination unheimlicher Wesen verändert sich kontinuierlich. In diesem Sinne sind Geister immer auch Zeitgeister. Sie können zwar Aspekte einer verdrängten Vergangenheit heraufbeschwören, nehmen dennoch stets zeitgemäße Formen an. Die zunehmende Vampirisierung Phi Krasues muss daher im Rahmen der öffentlichen kulturellen Logik Thailands gesehen werden, nach welcher sich am Globalen bzw. Westlichen orientiert wird, genauso wie schwarze Magie und menschliche Fäkalien hier keinen Platz haben.

Die Vampirisierung Phi Krasues geht einher mit einer Betonung des Khmer Ursprungs Phi Krasues: im Film Tamnan Krasue (2002) (Demonic Beauty, Regie: Bin Banluerit) erhält dieses Figur sogar ihren eigenen Khmer-Ursprungsmythos, der jetzt in Sap Krasue aufgegriffen und weitererzählt wird. Wir sehen also, dass sich die popkulturelle Imagination Phi Krasues, genauso wie die des Vampirs, in einem stetigen Wandel befindet. Dennoch hat Tawee Witsanukorns Comic Krasue Sao auf die Vorstellung Phi Krasues im gegenwärtigen Thailand bleibenden Einfluss gehabt.

 

Der Beitrag ist eine zusammenfassende Kurzversion eines gemeinsamen Artikels, an dem beide Verfasser zurzeit arbeiten.

 

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Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Laos gilt als noch relativ unberührter Flecken Erde mit weiten undurchdringlichen Wäldern voll seltener Tiere und lebendigen, nicht zuletzt animistischen Traditionen. Dieses Bild lockt jährlich Millionen von Tourist*innen an. Während der berühmte laotische Dschungel „dank“ der Kapitalisierung von Land mehr und mehr schwindet, gehen bestimmte „Traditionen“ eher unerwartete Koalitionen mit der „Moderne“ ein. Dies zeigt sich besonders gut an einer Geistervorstellung, die Ideen moralischer Reinheit mit tiefem Dschungel verbindet und so auch den gegenwärtigen ökologischen Raubbau in diesem autoritär regierten Land in ein ethisch-kritisches Licht taucht: den Bang Bot.

 

Da animistische Vorstellungen eher Teil alltäglicher (Überlebens-)Praxis sind, als in sich geschlossene „Glaubenssysteme“ mit festen Doktrinen (vgl. Artikel von Guido Sprenger in dieser Ausgabe), herrscht auch hinsichtlich der Bang Bot kaum Einigkeit, da viele lokalspezifische Deutungen existieren. Zudem finden sich Vorstellungen zu den Bang Bot nicht nur in ganz Laos, sondern auch in Thailand und Kambodscha. So beginnt die Uneinigkeit schon bei der korrekten Bezeichnung: für die einen sind es phi („Geister“), für die anderen khon (Menschen, Personen) bang bot.

Wesen zwischen Menschen und Göttern

Nach einer buddhistischen Lesart waren Bang Bot einst thewada (Sanskrit/Pali: deva), d.h. „göttliche“ Wesen. Das Problem der thewada ist, dass sie der Erleuchtung zugleich näher und ferner sind als die Menschen. Sie sind zwar karmisch reiner, können aber nicht wie Menschen nach Erleuchtung streben, da ihre göttliche Existenz zu wenig zu wünschen übrig lässt. Nach Erleuchtung streben können nur Menschen. Daher haben sich die Bang Bot entschieden, auf die Erde herabzusteigen, um wie Menschen zu leben. Da sie nun aber höhere Wesen sind, können sie nicht mit Menschen zusammenleben. Sie leben als übermenschliche „role models“ ein frommes Leben nach den Regeln des Buddhismus, jedoch in Dörfern in dichten, unzugänglichen Wäldern. Zudem existieren sie aufgrund ihrer „Göttlichkeit“ in einer anderen, parallelen Dimension, sodass sie generell für Menschen unsichtbar (was grob mit „bang bot“ übersetzt werden kann) sind und ihre Zeit anders vergeht.

Nun ist es möglich, dass sich diese „unsichtbaren Menschen“ richtigen Menschen zeigen, doch nur solchen mit einem reinen Herzen. Sie können, aufgrund ihrer Existenz in einer anderen Dimension, an mehreren Orten gleichzeitig auftauchen oder sich unglaublich schnell bewegen. Zudem werden Menschen von den Bang Bot auch in ihre Dörfer eingeladen, z.B. zu bestimmten Festen. Wenn diese Besucher dann in ihre menschliche Welt zurückkehren, stellt sich meist heraus, dass anstatt gefühlter Tage Jahre vergangen sind. Ein weiteres zentrales Merkmal der Bang Bot ist, dass sie in Austausch mit den Menschen treten können und dies auch oft tun: beispielsweise reparieren sie Werkzeuge oder Kleidung der Menschen oder verleihen solche Dinge an sie – unter der Bedingung absoluter Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit seitens der Menschen, d.h. der Erwartung, pünktlich zu diesen Transaktionen zu erscheinen und Ausgeborgtes rechtzeitig und in gutem Zustand zurückzugeben.

Bang Bot stellen somit moralische „Übermenschen“ dar, die den Menschen generell wohlgesinnt sind und diesen helfen. Das macht sie zu einer besonderen Art von „Waldgeistern“, welche zumeist ja bösartigen oder hinterlistigen Charakter haben. Und: der menschliche Kontakt mit ihnen kann, je nach Kontext, Quelle moralischer Kritik und Autorität sowie politischer Legitimität sein. Ein sehr früher Verweis auf diese Wesen findet sich bei der Historikerin und Soziologin Vatthana Pholsena mit Bezug auf die Aufstände der „Phu mi bun“ (d.h. der „Männer mit religiösem Verdienst“) gegen die französische Kolonialherrschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der erste Anführer dieser Rebellion, Ong Keo, soll laut Pholsena seine spirituelle Kraft, die ihm den Anspruch auf Führerschaft in dieser Revolte verschafft hat, durch Unterweisung eines „Phi Bang Bot“ erhalten haben. Hier erscheinen die Bang Bot also im historischen Kontext nationaler Befreiung. Heute, mit der zunehmenden Entwaldung des laotischen Hochlandes, nehmen sie jedoch eine neue Bedeutung an: die des moralischen Einwands gegen Umweltzerstörung.

Der Heilige Wald Dong Sa’kee

Wer sich zum Beispiel als Ökotourist*in auf den „Katang Trail“ begibt, bekommt eine ganz eigene, „ethnisch“ gefärbte Version zu hören. Laut einiger Katang in der Provinz Savannakhet entschloss sich der mächtige Schutzgeist der Gegend (phi meuang bzw. phi phroong) dazu, seine Residenz in ein Waldstück zu verlegen, das seitdem als maheesak („heilig“, „mächtig“) gilt: Dong Sa’kee. Aus den umliegenden Dörfern suchte er sich einige Menschen aus, die ihn begleiten sollten – diese wurden so zu Bang Bot. Auch die Katang um Dong Sa’kee berichten vom Tausch von Werkzeugen und Kleidung (z.B. für Hochzeiten) gegen Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.

Nun wird Besucher*innen der Gegend schnell das Ausmaß der Abholzung in und um Dong Sa‘kee klar – nicht zuletzt aufgrund der immensen Nachfrage nach Edelhölzern. Auch Jagd und Handel mit bedrohten Tierarten, wie bestimmten Affenarten, lassen sich hier vermuten, wenn auch nicht belegen. Diese Vorgänge finden nicht nur unter Mithilfe der lokalen Katang statt, sondern sie verstoßen auch gegen bestimmte Tabus in Dong Sa’kee, die das Fällen ausgewachsener Bäume sowie das Töten von Affen bei Todesstrafe durch den mächtigen Waldgeist untersagen. Das mag widersprüchlich klingen, aber oft sind solche Tabus nicht als absolut anzusehen, sondern Gegenstand ritueller Aushandlungen mit dem Waldgeist.

Der Niedergang ökologisch-moralischen Tauschs

Dennoch haben wir es hier mit einem beispiellosen Wandel zu tun, der gleichzeitig auf ökologischer und auf symbolischer Ebene stattfindet: Der letzte Ritualspezialist (chao cham) dieser Dörfer, dem solche Verhandlungen obliegen, ist von diesem Amt zurückgetreten. Der Grund: sein Leben sei zu oft durch den Waldgeist bedroht gewesen, da die anderen Dorfbewohner*innen sich immer weniger an die Regeln hielten. Auch in Bezug auf die Bang Bot Dong Sa’kees kommt der symbolisch-materielle Wandel schlagend zum Ausdruck: der Austausch mit diesen Wesen ist zum Erliegen gekommen, da die Dorfbewohner*innen diesen moralischen Übermenschen gegenüber immer unehrlicher geworden seien. Geliehenes wurde nicht zurückgegeben oder Menschen begannen, den unsichtbaren Helfer*innen bei ihrem Tun hinterher zu schnüffeln. Daher haben die Bang Bot, nach Meinung einiger, Dong Sa’kee verlassen; nach Meinung anderer leben sie noch dort, zeigen sich den Menschen aber nicht mehr.

Wir sehen an diesem Beispiel, wie die Bang Bot zu einer Instanz moralisch-symbolischen Einspruchs gegen zunehmende Umweltzerstörung werden – oder vielleicht besser: zu einem „schlechten Gewissen“ seitens derer, die es sich aufgrund ihrer wirtschaftlich marginalen Situation kaum leisten können, sich an diesem profitablen Raubbau nicht zu beteiligen.

Ikonen „ökologischer Modernisierung“

Während in Dong Sa’kee der ökologische Niedergang mit einem Bedeutungsverlust der Bang Bot einhergeht, erhalten letztere im Kontext des Nachhaltigkeitsdiskurses als Aspekt laotischer wie globaler Entwicklungsideologie überraschend Aufschwung. Dies zeigt sich an einem populären Kurzfilm aus dem Jahr 2017: „ບັງບົດ (ຮັກຂ້າມມິຕິ)“ oder „Bang Bot (Liebe, die die Dimensionen durchbricht)“, der auf Youtube bereits über 900.000 Views hat. Der Film handelt von einem laotischen Touristen, der sich in die „Nam Kat Yorlapa Lodge“ einmietet, um deren ökotouristische Angebote zu nutzen. Auf einer Wanderung durch den Wald verschwindet er und landet in der Dimension und einem Dorf der Bang Bot, wo sich eine Liebesgeschichte entspinnt. Obwohl eine der Bewohnerinnen schon lange aus Liebe auf diesen Besucher gewartet hat (sie war es auch, die ihn dorthin gelockt hatte), kehrt dieser letztlich doch in die Welt der Menschen zurück. Während des Aufenthaltes lernt der Besucher und mit ihm der Zuschauer über die Bang Bot.

Nun handelt es sich bei diesem Film nicht einfach um eine oberflächliche kommerzielle, popkulturelle Produktion, auch wenn laotische Popstars auftreten. Wir haben es hier zudem mit einem Artefakt zu tun, in welchem die Bang Bot in einem Kontext thematisch werden, der uns viel über die gegenwärtige politisch-ideologische, ökonomische und ökologische Lage des Landes verrät. Zunächst stellt diese Produktion einen Imagefilm dar, der die genannte Ökotourismus-Lodge bewirbt. Die Bang Bot werden damit Teil einer neuen, stärker professionalisierten Phase der Tourismusentwicklung in Laos. Und sie werden hier explizit zu „indigenen Ikonen“ des modernen, wenn man will neoliberalen, Naturschutzes. An einer Stelle im Film entwickelt sich folgender Dialog [1] zwischen der „Matrone“ des Geisterdorfes und dem Besucher:

Besucher: Ich mag die Natur hier. Weißt du, in meiner Welt gibt es diesen Reichtum fast nicht mehr.
Bang Bot: Der Mensch hat unendliches Verlangen
Besucher: Zum Glück gibt es Menschen wie den Besitzer von Nam Kat.
Bang Bot: Dass es so ist, bedeutet auch Glück für uns.
Besucher: Aber wieso?
Bang Bot: Der Mensch und Bang Bot, trotz unterschiedlicher Welten, benutzen dieselben Ressourcen.

Ökotourismus als Wohlstandsmerkmal der urbanen Mittelschicht

Worauf sich hier mit „Besitzer von Nam Kat“ bezogen wird, ist der Besitzer der genannten Lodge, der Auftraggeber dieses Films. Mit der materiellen Verbindung, die hier zwischen Menschen und Geistern über die natürlichen Ressourcen hergestellt wird, inszeniert sich dieser somit als Beschützer nicht nur des Waldes, sondern auch dieser moralischen Übermenschen und mithin der laotischen „Tradition“. Insidern zufolge handelt es sich bei dem Besitzer um einen jungen erfolgreichen laotischen Bauunternehmer mit guten Beziehungen zum Regime. Entsprechend ist der Film auch durchzogen von einem recht kruden Mix aus allerlei Ideal- und Stereotypen: das Eingangsschild des Dorfes kündigt beispielsweise den Eintritt in die „Khmu-Hauptstadt“ an (ein Verweis auf die Ethnie, welche näherungsweise als „indigen“ im laotischen Kontext gelten kann), während die Kleidung der Bewohnerinnen ein stilisiertes Ineinander der Kleidungsstile der drei ethnischen Hauptkategorien in Laos darstellt. Dies ist ganz im Sinne des nationalen Diskurses der ethnischen „Einheit-in-Verschiedenheit“. Außerdem scheint der Bezug zu jungen schönen Frauen, der sich in vielen Erzählungen findet, im Film übertrieben und latent sexualisiert, da das Bang Bot-Dorf nur aus jungen Frauen besteht während der Besucher ein gut aussehender junger, urbaner Mann ist. So werden traditionell-laotische Verhaltensweisen zwischen den Geschlechtern im Rahmen des Topos moralischer Reinheit zu Vorschriften für moderne Stadtbewohner*innen.

Zudem erscheinen in diesem Film die Bang Bot zu einem Zeitpunkt, an dem die Laot*innen selbst beginnen Öko- und Ethnotourismus zu betreiben, was bisher kaum zu beobachten gewesen ist. Im Gegenteil konnten bis vor kurzem oft nicht einmal Ökotourismus-Guides (geschweige denn besuchte Dorfbewohner*innen) das Bedürfnis nachvollziehen, Natur und naturnahe Dörfer für viel Geld zu besuchen. Ökologisches Bewusstsein ist eben auch eine Frage des materiellen Wohlstandes und der Film scheint in dieser Hinsicht einen Bewusstseinswandel in Laos anzuzeigen – zumindest bei einer kleinen Gruppe der sich langsam herausbildenden urbanen Mittelschicht. Wir haben es hier also mit einer Repräsentation dieser Geistwesen zu tun, die einerseits die Staatsräson der Kapitalisierung von Land zum Teil kritisiert, um das wiederum auch nicht gerade revolutionäre Ideal des einfachen, naturnahen und frommen Lebens zu proklamieren. Dies wird mit dem Parteidiskurs genauso zusammengebracht wie mit der ökonomischen Entwicklung des Landes, die nun auch Laot*innen mit den nötigen finanziellen Mitteln und den damit einhergehenden habituellen Dispositionen ausstattet, „unberührte Natur“ ästhetisch zu genießen und als moralischen Wert an sich zu verstehen.

Tradition und Moderne in Laos

Die moralische Überlegenheit der Bang Bot legitimierte also bereits antikoloniale Kämpfe, lange vor der ökologischen Frage. Heute ist es nicht zuletzt die Verbindung zwischen ethischer Reinheit und unberührter Natur, die im Kontext des Raubbaus an den Wäldern zunehmend ins Zentrum rückt und sich als „schlechtes Gewissen“ oder Ausdruck „ökologischer Modernität“ äußert. Ob sich diese Vorstellung auch, wie zur Kolonialzeit, zum offenen Widerstand gegen kapitalistische Ausbeutung eignet, bleibt abzuwarten. Am Beispiel der Bang Bot zeigt sich ein allgemeiner Zug animistischer Vorstellungen: aufgrund ihrer Bedeutungsoffenheit und ihres Bezugs zur alltäglichen Lebensrealität sind Geister keine „Reste“ fest gefügter Traditionen, sondern aktive und integrale Bestandteile des sozialen, ökonomischen und ökologischen Wandels in Südostasien.

 

[1] Ich danke Sitthisone Xaysongkham für Hilfe bei der Übersetzung

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3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
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Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Indonesien: Mit Kanonen, so erzählen sich die Menschen in Pontianak, vertrieb einst der erste Sultan der Stadt das Geisterwesen Kuntilanak. Doch man kann nie wissen, ob die gefürchtete Untote nicht doch zurückkehrt. In Filmen und Gruselgeschichten wird sie lebendig gehalten, während die Bäume, in denen sie lebte, durch Menschenhand zerstört werden.

 

Pontianak ist eine geschäftige Provinzstadt. Als regionales Wirtschaftszentrum West-Kalimantans hat sie sich in den letzten Jahren stark verändert: Viele moderne Gebäude am Stadtrand sind entstanden und im Zentrum liefern sich Muslime und Katholiken ein Wettrennen darum, wer das größere Gotteshaus baut. Die Stadt floriert wirtschaftlich, vor allem dank des Palmölbooms, der weite Teile des Hinterlandes bereits in großflächige Monokulturen verwandet hat. Aber am Ufer des Kapuas, dem größten Fluss Indonesiens, geht es noch beschaulich zu. Die Menschen leben an und mit dem Fluss, haben ihre Häuser auf Stelzen in den Fluss gebaut, der träge seine braune Wassermassen in Richtung des nur wenige Kilometer entfernten Flussdeltas schiebt.

Die Stadt liegt abseits der üblichen Touristenrouten. Die Umgebung ist weitestgehend abgeholzt, Tourist*innen finden hier also nicht mehr das Borneo, das sie möglicherweise suchen. Einzig aus der Tatsache, dass die Stadt fast genau auf dem Äquator liegt, ist eine einsame Besucherattraktion entstanden – das Äquator-Monument ein paar Kilometer nördlich des Zentrums. Um mehr Besucher*innen in die Stadt zu locken, sollte nach dem Willen der Provinzregierung eine weitere Attraktion her. Und so erhitze Anfang 2017 eine Kontroverse die Gemüter der Stadt, als der Minister für Sport und Tourismus vorschlug, eine 100 Meter hohe Statue der in ganz Indonesien bekannten Kuntilanak zu errichten.

Kuntilanak ist wohl eine der berüchtigtsten Geistergestalten nicht nur in Indonesien; sie ist auch in anderen Teilen Südostasiens bekannt und gefürchtet. Eine junge Frau, untot, in weißen Kleidern und immer auf der Suche nach Blut und ungeborenen Kindern, die ihr als Nahrung dienen. Manchmal wird sie auch als eine Art Vampir mit langen Zähnen beschrieben. Sie selbst, so wird erzählt, sei bei einer Geburt gestorben, oder, in einer noch grausameren Variante, vergewaltigt und dann, schwanger, von den Tätern umgebracht worden. Nun sinne sie nach Rache und werde besonders Kindern und schwangeren Frauen gefährlich.

Die Stadt und die Bäume der Kuntilanak

Einer meiner Lieblingsorte in Pontianak sind die malaiischen Siedlungen direkt am Fluss. Schmale Holzstege führen zu den Häusern auf Stelzen und zu den Boten der Fischer*innen. Am Fluss sitzen Männer und angeln, Kinder springen in den Fluss und spielen darin. In kleinen Cafés sitzt man auf Brettern und trinkt Kaffee, kann den Blick schweifen lassen über den weiten Fluss und die hohen Türme der Gewitterwolken am Horizont. In den letzten Jahren ist hier an den Ufern des Kapuas eine alte Tradition wieder lebendig geworden: Bunte Holzkanonen werden auf den Fluss gerichtet um an die Gründung der Stadt im Jahre 1771 zu erinnern. Und diese Gründung hat, wie ich in den Gesprächen mit den Menschen am Flusse des Kapuas erfahren habe, zu tun mit dem berühmten Geisterwesen. Sultan Alkadri, ein Adeliger jemenitischer Abstammung, soll die Stadt gegründet haben mit einer kleinen Truppe Gefolgsleute. Zu dieser Zeit war das Mündungsgebiet des Kapuas ein Ort, an dem sich Piraten tummelten, so dass die Wasserstraße, die ins Innere der Insel führte, nur unter großen Gefahren genutzt werden konnte. Als der Sultan und seine Leute den Zusammenfluss von Kapuas und Landak erreichten, an dem sie die neue Stadt gründen wollten, hörten sie des Nachts unheimliche Geräusche, die sie als Laute von Kuntilanak-Geistern identifizierten. Um diese zu vertreiben, zündete der Sultan Kanonen und vertrieb die Kuntilanak damit ins Inselinnere. Es entstand eine muslimische Stadt, die in der Wildnis im Inselinneren ihren Gegenpol fand.

In Malaysia heißt Kuntilanak „Pontianak“, genau wie die Stadt. Manche sagen, dass der erste Teil dieses Namens vom malaiischen po(ho)n ti(nggi) komme, was „hoher Baum“ bedeutet. Anak bedeutet Kind, was auf die Schwangerschaft des Geisterwesens verweist oder darauf, dass der Geist ein Kind der hohen Bäume ist. Denn, so heißt es, die Ufer von Kapuas und Landak war zu jener Zeit von hohen Bäumen bewachsen, in denen Kuntilanak/Pontianak-Geister lebten. Und in der Tat wird dieser Geist sowohl in der Wahrnehmung der Menschen in Pontianak als auch in der allgemeinen indonesischen Populärkultur oft mit Natur, Wildnis und Bäumen in Verbindung gebracht.

Die Vorstellung, dass es Geister gibt, die unter oder in großen Bäumen leben, ist in Südostasien weit verbreitet und auch auf Borneo oft anzutreffen. Während muslimische Malai*innen diesen Geistern oft keine Aufmerksamkeit schenken oder sie, wie im Fall von Kuntilanak, fürchten und Distanz zu ihnen wahren, sind sie für die Dayak, die meist im Inneren der Insel leben, Wesen, mit denen sich die Menschen arrangieren müssen – zumindest für diejenigen Dayak, die weiterhin an animistischen Weltanschauungen festhalten. Wenn ein Dorf gegründet wird oder ein neues Feld angelegt wird, brauchen die Menschen zunächst die Einverständniserklärung der Geisterwesen, die an diesem Ort leben. Wenn nämlich die Bäume gerodet werden, verlieren die Geister ihr Haus. Daher müssen sich diese entweder bereit erklären, umzuziehen, oder die Menschen müssen die Geister in einer Zeremonie an einen anderen Ort bringen. Wenn die Geisterwesen adäquat und respektvoll behandelt werden, machen sie keinen Ärger, sondern können sogar den Menschen dabei helfen ihre Felder frei von Krankheiten zu halten.

Was in der Legende von Kuntilanak berichtet wird, weist große Ähnlichkeiten zu diesen Vorstellungen auf, mit Ausnahme dessen, dass Kuntilanak kein Geist ist, mit dem eine rituelle Kommunikation stattfindet. Kuntilanak ist per se ein bösartiger Geist und muss daher vertrieben werden. Kein Wunder also, dass viele Bewohner*innen der Stadt die Idee einer überdimensionalen Statue des Geistes im Zentrum ihrer Stadt für eine unpassende Idee hielten und die Provinzregierung sich von diesen Plänen mittlerweile distanziert hat.

Ein Weiterlesen ohne Ort?

„Hier sieht man Kuntilanak nie“ erklärte mir eine Frau am Rande des Kapuas. „Der Gebetsruf schreckt sie ab, elektrisches Licht und Geräusche meidet sie.“ Weiter im Inselinneren, da könne man sie noch nachts antreffen. Aber wer wolle das schon? Kuntilanak geistert immer wieder durch die indonesischen Kinos und versorgt die Stadtmenschen in Pontianak, Jakarta und anderen Ecken des Landes mit einer Portion Schauder. Aber Kuntilanaks Haus – die Bäume und die Wildnis – sind auf dem Rückzug. Vielleicht fürchten sich die Menschen um so mehr vor etwas, je weniger sie es kennen? In der Stadt ist kein Platz für den unheimlichen Geist, aber auch das Hinterland beanspruchen die Menschen für Siedlungen und Ölpalmenanbau. Fast könnte man meinen, die Grausamkeit Kuntilanaks sei ein Ausdruck des schlechten Gewissens der Menschen, die ihr keinen Platz mehr zugestehen. Der Urwald Borneos ist im Begriff zu verschwinden und die Aura des Geheimnisvollen und Unheimlichen, der dem Wald für viele Indonesier*innen anhaftet, findet ihren Ausdruck auch im Horror der Geschichten über seine Bewohnerin, die Kuntilanak. So bekannt ist diese Geschichte, dass es mir möglich erscheint, dass die Erinnerung an sie und der Schrecken, der von ihr ausgeht, noch den letzten verbliebenen Urwald Borneos überleben könnten.

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3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
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Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Philippinen: Streng katholisch zu sein und gleichzeitig an übernatürliche Wesen zu glauben stellt für viele Filipin@s keinen Widerspruch dar. Der Glaube an Mythologie ist auf den Philippinen tief verankert und prägt Popkultur, Geschichte und Identität des Landes.

 

In einem Dorf auf der Insel Luzon, im Norden der Philippinen, erzählen sich die Menschen eine Geschichte, die mit einem Hund beginnt. Streunende Hunde waren grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Sie boten den Menschen meist einen vertrauten Anblick, falls ihnen überhaupt jemand Beachtung schenkte. Doch dieser Hund zog alle Aufmerksamkeit an sich. Niemand hatte ihn zuvor gesehen, er war groß, größer als alle anderen Streuner. Er hatte schwarzes Fell, wirkte nicht normal. Die Menschen hatten Angst. Schnell lag der Verdacht im Raum, dass es sich um ein übernatürliches Wesen handeln musste. Ein Gestaltenwandler, oder Aswang, wie es die Filipin@s nennen. Die Menschen fürchteten, dass Schlimmes im Dorf passieren würde. So schlossen sich die mutigsten Männer zusammen, um den Hund zu fangen. Sie wickelten das Biest in ein Netz und sperrten es über Nacht in einen Käfig. Als die Männer am nächsten Morgen nach dem Untier sehen wollten, war es verschwunden. Statt des Hundes saß eine Frau in dem Käfig; mit zerzaustem, schwarzem Haar und blutunterlaufenen Augen.

Teil des Alltags

Geschichten wie diese sind aus dem philippinischen Alltag nicht wegzudenken. Sie gehören quasi zur philippinischen Identität. Von Kindheit an wächst man mit Erzählungen über fabelhafte Kreaturen auf, seien es Baumgeister, Zwerge, weiße Frauen, Riesen, Wesen, die ihre Gestalt verändern können, den Menschen Unglück und Krankheiten bringen oder ihnen schlicht Streiche spielen. Doch es sind mehr als nur Erzählungen. Für viele Menschen sind diese Wesen Realität, oder zumindest können sie ihre Existenz nicht ganz ausschließen. Nicht umsonst geben die Ältesten Kenntnisse über diese Kreaturen an ihre Nachkommen weiter. Nicht umsonst gibt es in scheinbar jedem Familien- und Bekanntenkreis Personen, die von ungewöhnlichen Ereignissen gehört haben wollen. Für ein katholisches Land wie die Philippinen mutet der tiefsitzende Geisterglaube wie ein Widerspruch an. 90 Prozent der Filipin@s sind Christen, mehrheitlich katholischen Glaubens. Doch für philippinische Verhältnisse ist es nicht ungewöhnlich einen eigenen Hausaltar zu besitzen, dekoriert mit Heiligenfiguren und -bildern, und gleichzeitig Knoblauch in die Fenster zu hängen, um böse Geister fernzuhalten.

Komplexe Wesen, vielfältige Geschichten

Längst sind Kreaturen der philippinischen Mythologie auch Teil der Unterhaltungs- und Popkultur. Sie bieten Stoff für zahlreiche Filme, Serien, Fernsehshows, Comics und Kinderbücher. Nicht zu vergessen sei jedoch, dass abseits dieser Mainstream-Folklore je nach Region und ethnischer Gruppe unterschiedliche Traditionen und Erzählungen existieren. Wie komplex das Thema ist zeigt ein Blick auf den Blog „The Aswang Project“, den der kanadische Filmemacher Jordan Clark betreibt. Er versucht den Ursprüngen philippinischer Mythologie nachzugehen und detaillierte Beschreibungen der wichtigsten Geisterwesen zu liefern. Auf seinem Blog listet er etwa 260 mythologische Figuren und deren Herkunft auf, mit dem Hinweis, dass noch Ergänzungen folgen werden. Auf der Suche nach den ersten Überlieferungen zeichnet er verschiedene Einflüsse nach, die lange vor der spanischen Kolonialzeit liegen. So sieht er etwa Parallelen zur Mythologie und Religion Indiens und anderen Ländern Südostasiens, wie Malaysia.

Aus der Fülle an Geschichten ragen dennoch bestimmte Kreaturen besonders heraus, die in allen Regionen der Philippinen bekannt sind. Eine davon der oben genannte Aswang. Auch wenn nicht alle an Geister glauben, lässt die Erwähnung des Namens Aswang die Gesichter vieler Menschen ernst werden, handelt es sich doch um das furchterregendste Wesen auf den Philippinen. Es lebt tagsüber unter den Menschen, um sie nachts heimzusuchen. Seine Gestalt ist genauso vielfältig wie die Erzählungen darüber: ein Gestaltenwandler, der als großer schwarzer Hund, Schwein oder Vogel in Erscheinung tritt, eine Frau mit blutunterlaufenen Augen und langer Zunge, die Jagd auf Schwangere und ihre Föten macht, eine vampirähnliche Gestalt, die sich von Blut ernährt, ein Monster, das seinen Opfern die Eingeweide herausreißt. Ein Wesen, das seinen Oberkörper vom Unterkörper trennt und mit fledermausähnlichen Flügeln seiner Beute hinterherfliegt. Filipin@s ergänzen ihre Erzählungen meist mit Hinweisen zu Erkennungsmerkmalen: Aswangs verhalten sich tagsüber zurückhaltend, meiden den Blickkontakt. Oft sei es eine Frau, sieht man ihr in die Augen erkennt man, dass das eigene Spiegelbild Kopf steht. Abgesehen davon können die Augen blutunterlaufen sein. Auch fehle diesen Menschen das Philtrum, jene Mulde zwischen den Lippen und der Nase. Mindestens so vielfältig wie die Erscheinungsformen sind auch die Abwehrmittel: Knoblauch, Salz, ein Kruzifix, eine Nadel in der Tür, Ingwer, Gewürze, Zwiebeln, Räucherstäbchen, Weihwasser oder Öl in einer Schale, das angeblich zu brodeln beginnt, sollte sich ein dämonisches Wesen nähern. Filipin@s haben gelernt mit der vermeintlichen Gefahr zu leben, sind für alle Fälle gerüstet.

Mittel zur Disziplin

Erklärungen dafür, warum sich die Menschen diese Geschichten erzählen, gibt es viele. Für Eltern hat sie eine praktische erzieherische Funktion. So warnen Eltern ihre Kinder davor, abends das Haus zu verlassen, um nicht Beute eines übernatürlichen Wesens zu werden. Die Kinder lernen Respekt vor großen Hunden zu haben oder vor Fremden, die ins Dorf kommen. Aber sie lernen auch Angst vor Konsequenzen zu haben, wenn sie ihren Eltern nicht folgen: „Wenn du nicht brav bist, kommt ein Aswang.“

In der Vergangenheit disziplinierte der Aswang nicht nur Kinder. Dämonische Kreaturen dienten auch dazu Untertanen zu „erziehen“, etwa zur Zeit der spanischen Kolonialzeit. Die Theorie, der Aswang sei eine Erfindung der spanischen Kolonialherren, mag zwar nicht ganz stimmen. Dass sich Missionare jedoch Mythen über böse Wesen bedienten, um ihre Macht zu festigen, klingt allerdings schlüssig.

Kolonialzeit und Hexenverfolgung

In der vorspanischen Zeit existierten im Glauben der Menschen unterschiedliche Gottheiten und Geister. Es gab Mythen über den Ursprung von Orten, die Entstehung von Tag und Nacht, von Gut und Böse, über Wesen, die u.a. Krankheiten und Missernte herbeiführen konnten. In den Dörfern genossen jene Personen großen Respekt, die Kontakt zu dieser mystischen Welt aufnehmen konnten: die Heiler*innen und Seher*innen, genannt babaylans. Sie galten als Autoritäten in den Dörfern. Zu ihnen kamen die Menschen, um Rat und Medizin zu holen. Oft waren die babaylans Frauen und auch als Geburtshelferinnen tätig. Nachdem der spanische Eroberer Manuel López de Legazpi 1565 die philippinischen Inseln erreicht hatte und erste Kolonialsiedlungen errichten ließ, sollte der damals existierende Geisterglaube ausgelöscht und die Bewohner*nnen dem Katholizismus unterworfen werden. Statt vielen Gottheiten sollte es nur den Einen geben. Alles, was den spanischen Missionaren als „unchristlich“ erschien, schrieben sie dem Teufel zu. In der Doctrina Cristiana (christliche Doktrin), dem ersten gedruckten Buch auf den Philippinen, schrieb der Missionar Juan de Plasencia eine Klassifizierung aller teuflischen Kreaturen nieder. Böse Geister, die im Glauben der Bewohner*nnen bereits existiert hatten, wurden darin dämonisiert. Die Doctrina Cristiana sollte ein Leitfaden für die spanischen Priester und Missionare sein: so enthielt sie Beschreibungen von Hexen, Werwölfen, Vampiren und Dämonen. Oft in der Gestalt von Frauen, was uns zurück zu den traditionellen Heilerinnen (babaylan) führt.

In seiner Dokumentation „The Aswang Phenomenon“ (2011) geht Jordan Clark dem Ursprung und dem Sinn des Aswang nach. Eine Frage, die ihn u.a. beschäftigt ist, warum Frauenfiguren in den Darstellungen von Aswangs überwiegen. Seine Antwort: Dominante Frauen in den philippinischen Dörfern vorspanischer Zeit waren den Kolonialherren und Missionaren ein Dorn im Auge. Es galt lokale Autoritäten zu schwächen. Traditionelle Heilerinnen wurden von den Spaniern daher als Hexen gebrandmarkt, als Aswangs. Die Bewohner*innen wurden unter Druck gesetzt: jede Form von Hexerei musste gemeldet werden, da sonst Strafen drohten. Schlussendlich sollte westliche Medizin lokales Wissen und traditionelle Rituale ersetzen. Eine weitere Möglichkeit, warum die Spanier bestimmte Frauenbilder zu Dämonen erklärten: Widerstand gegen die Kolonisierung wurde in einigen Gebieten, etwa in Capiz, von Frauen angeführt. Auch diese Frauen wurden von den Spaniern bald mit dem Teufel gleichgesetzt, weshalb die Menschen mit der Zeit Angst bekamen und die Anführerinnen mieden. Der Eroberungszug der Spanier ging damit Hand in Hand mit der Christianisierung und dem Aufstieg dämonischer, „unchristlicher“ Wesen.

Politische Propaganda

Mythen spielten auch in der späteren Geschichte eine Rolle als Form politischer Propaganda und gar Kriegsführung. Die US-Amerikaner nutzten beispielsweise den philippinischen Geisterglauben als Teil ihrer psychologischen Kriegsführung gegen Rebellen der Hukbalahap ein. Diese Widerstandsbewegung auf den Philippinen hatte sich gegen die japanische Besatzung während des Zweiten Weltkrieges formiert und kämpfte auch nach Ende des Krieges gegen die nächste Fremdmacht weiter: die Amerikaner. Laut einer Überlieferung soll ein amerikanisches psywar-Kommando auf eine Einheit der Huk-Rebellen angesetzt worden sein. Ihre Strategie lag darin unter den Bewohner*innen der umliegenden Dörfer das Gerücht zu verbreiten es würde sich ein Aswang in der Nähe aufhalten. Kurz darauf ließ man Huk-Rebellen aus dem Hinterhalt ermorden. Eine Tat, welche die Menschen in der Unsicherheit beließ, ob nicht doch ein Aswang dahintergesteckt haben konnte.

Neben solchen Erzählungen, die Filipin@s eher als abergläubisch und leicht beeinflussbar darstellen, gibt es jedoch auch andere Fälle, wie jenen von Teniente Gimo, einem Dorfvorsteher von Dueñas in der Provinz Iloilo. Laut Legende sei das ganze Dorf von Aswangs bewohnt gewesen, die Fremde und Eindringlinge verspeist hätten. Wie viele philippinische Legenden, existiert auch diese in verschiedenen Versionen. Eine besagt, dass Teniente Gimo oder zumindest die Dorfbewohner*innen die Geschichte selbst in Umlauf gebracht hätten, um japanische Soldaten davon abzuhalten ihr Dorf auszubeuten. Historisch ist die Existenz Teniente Gimos jedoch nicht belegt.

Geisterstories transportieren gesellschaftliche Tabus

In den geisterhaften Erzählungen spiegeln sich viele Aspekte des philippinischen Lebens wieder: Mentalität, Gesellschaft, Geschichte, Politik. Hinter jedem Mythos steckt ein Bezug zur Realität, heißt es. Er entlarvt etwas über die Gesellschaft, aus der er kommt. Mythen dienen dazu Dinge zu verbergen, die unausgesprochen bleiben sollen, dunkle Geheimnisse eines Dorfes oder einer Familie, oder Tabus, von denen niemand sprechen will. Allerdings rächt sich dies, wie beispielsweise in den Verfilmungen sichtbar wird. Auffallend sind hierbei die gezeigten Frauenbilder. Vor allem in den vielen Aswang-Horrorfilmen sehen wir oft junge Frauen in der Hauptrolle. Eine prominente Geschichte ist die von Maria Labo:

Eine junge Frau lebt mit ihrem Mann und den beiden gemeinsamen Kindern in Capiz. Aufgrund finanzieller Probleme beschließt Maria als Overseas Filipino Worker (OFW) nach Dubai zu gehen. Als sie zurückkehrt, verhält sie sich seltsam und scheint wie verwandelt. Nun kommt es zum grausamen Teil der Geschichte: Maria tötet ihre Kinder und setzt sie ihrem Mann als Mahlzeit vor. Als dieser dahinterkommt, schlägt er Maria mit einer Machete ins Gesicht. So wird sie zu Maria Labo, denn labo bedeutet so viel wie „aufschlitze“. Maria flieht. Seither erzählen sich die Menschen die Geschichte einer Frau mit einer langen Narbe im Gesicht, die Dörfer heimsucht und Jagd auf Kinder macht. Maria Labo wurde zur urban legend. Sie wurde weitererzählt und ergänzt, unterschiedliche Versionen und Interpretationen kamen in Umlauf. Ihr „Fall“, wenn man so will, wurde sogar in Fernsehshows diskutiert, auch wenn es nie Beweise für ein tatsächliches Verbrechen dieser Art gab. 2015 kam ein Spielfilm heraus. Interessant an Maria Labo: Sie stellt eine moderne Version der Aswang-Legende dar. Denn der Umstand, dass sie als OFW ins Ausland geht, spiegelt die typische Lebensrealität vieler philippinischer Familien wieder. In der Originalversion der Legende ist Marias Arbeitgeber ein Vampir, der zwar gut zu ihr ist, sie aber mit seinem Blut infiziert und so zum Monster macht. In der Filmversion hingegen wird Maria von Unbekannten vergewaltigt. Eine Interpretation, die möglicherweise auf die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen von OFWs aufmerksam machen soll. In beiden Versionen wird Maria krank und kehrt deshalb auf die Philippinen zurück.

In einem anderen Film haben wir die Geschichte einer Frau, die nach mehreren Fehlgeburten ihren seelischen Schmerz nicht mehr erträgt und als Aswang Jagd auf schwangere Frauen und ihre ungeborenen Föten macht. In einer weiteren Version sehen wir eine junge Frau, schwanger aber unverheiratet. Ein Tabu. Dennoch weigert sie sich abzutreiben. Stattdessen beschließt sie das Baby nach der Geburt zur Adoption frei zu geben und geht mit einem fremden Ehepaar einen Vertrag ein. Schon bald stellt sich heraus, dass die (weiblichen) Familienmitglieder des zukünftigen Adoptivvaters Aswangs sind und es auf das ungeborene Baby abgesehen haben.

Auffallend ist, dass wir in den Erzählungen über Aswangs Frauen sehen, die den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen. So sehen wir Maria Labo statt Maria Clara. Maria Clara, eine Figur, die der philippinische Nationalheld José Rizal in seinem berühmtem Roman Noli Me Tangere als weibliches Ideal darstellte: sittsam, schön, bescheiden und mit einer reinen Seele. Demgegenüber stehen Frauen, die sich erfolglos gegen gesellschaftliche Restriktionen wehren und damit die Moral gefährden. Ihr seelischer Schmerz wird zu groß, sie verlieren den Verstand, werden von Dämonen besessen. Sie brechen Tabus durch ungewollte, uneheliche Schwangerschaften, Abtreibungen, Fehlgeburten. Die Konsequenzen müssen sie selbst tragen, während sie von der Gesellschaft einerseits verfolgt, andererseits gefürchtet werden. Als Dämonen personifizieren sie alles Böse in der Gesellschaft und werden so zum Sündenbock.

Nicht zuletzt sind Wesen wie der Aswang ein Erklärungsversuch für schreckliche Ereignisse. Seien es ungeklärte Mordfälle, Krankheiten, Fehlgeburten oder Unglück in der Familie. Schlussendlich gehören übernatürliche Wesen jedoch einfach zur philippinischen Kultur. „Sie sind in der DNA jedes Filipinos“, sagte Comic-Künstler Kajo Baldisimo einst in einem Interview. Der Aberglaube sei eines der wenigen Dinge, von denen man sagen könne: Das ist echt „pinoy“.

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3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
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Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Indonesien: Die Hamburger Künstlerin Katharina Duve hat im Rahmen eines Künstlerresidenz-Programms des Goethe-Instituts drei Monate in der indonesischen Stadt Yogyakarta verbracht: Von September bis November 2018 arbeitete sie gemeinsam mit der indonesischen Künstlerin Sakinah Alatas im Cemeti Institute for Art and Society. Zum Abschluss präsentierte sie ihre Recherchen zum Thema Geisterglauben in Java sowie die Ergebnisse ihres Workshops mit dem Titel „(Im)possible Identities – or how can we learn from ghosts?“

Christina Schott wollte von ihr wissen, was sie von ihrer Suche nach der Identität der Geister gelernt hat.

 

Was hat Dich an einer Residenz in Indonesien gereizt?

Ich wollte mal raus, brauchte einen Perspektivwechsel. Da bin ich auf der Webseite des Goethe-Instituts über dieses Programm gestolpert: Es verbindet Kunst und Gesellschaft, die Voraussetzungen passten genau auf mich und die Rahmenbedingungen waren toll. Ich hatte vorher noch nie eine Künstlerresidenz im Ausland, aber hier hatte ich das Gefühl: Da möchte ich gern hin.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, Dich ausgerechnet mit Geisterglauben zu beschäftigen?

Die Idee entstand schon in Hamburg. Zu den Hauptthemen meiner Arbeiten gehören Identität, soziale und individuelle Körper, Körper in der Öffentlichkeit sowie popkulturelle Phänomene. Ich arbeite viel mit Masken, Kostümen und Collagen und benutze dazu unterschiedliche Materialien, die viele Assoziationen hervorrufen können. Ich war neugierig auf die Materialien, die ich in Indonesien finden würde, und wollte über deren Beschaffenheit gern das System der Geister erforschen, die in Masken und Performances oft dargestellt werden. Dass Geister hier immer noch so wichtig und präsent sind, dass sie quasi zum täglichen Leben gehören, war mir vorher überhaupt nicht bewusst.

Wie hat Dein Residenzteam auf den Themenvorschlag reagiert?

Sie haben versucht mich dafür zu sensibilisieren, dass man bei dem Thema schnell in Orientalismus abdriften kann und das Irrationale verklärt – also in einem exotischen Blick verharrt auf etwas, das hier normal ist. Diese Auseinandersetzung war nicht immer leicht für mich, im Nachhinein aber sehr wichtig. Ich musste meine eigene Perspektive überprüfen: eine Art „Unlearning“ von festgelegten Vorstellungen. Dabei habe ich auch gemerkt, dass schnell die Gefahr besteht, Menschen in ihrem Glauben auszustellen.

Wie bist du Deine Recherche dann angegangen?

Am Anfang habe ich vor allem mit vielen unterschiedlichen Leute gesprochen – auch um zu lernen, welche Begriffe hier überhaupt angemessen sind. Mittlerweile benutze ich zum Beispiel den Begriff Animismus nicht mehr, weil er viele unterschiedliche Glaubenssysteme verallgemeinert. Am Ende bin ich dann wieder bei den Geistern gelandet: Das Thema hat – nicht nur in Indonesien – viel mit Identität, Gesellschaft und auch Öffentlichkeit zu tun.

Inwiefern sind Geister relevant für das gesellschaftliche Selbstverständnis?

Geister beziehungsweise Geschichten über Geister folgen eigenen Regeln. Sie sind unberechenbar, freie Radikale – sie stören oft die Alltagsroutine und auch die Kontinuität eines Systems, so dass es unkalkulierbar wird. Das ist zum Beispiel interessant im Zusammenhang der Kapitalismuskritik. Mit meinem Thema „(Im)possible Identities“ wollte ich versuchen, diesen Kampf auf Menschen zu übertragen: Wie können wir alle ein bisschen mehr Geist werden? Also nicht so fixiert sein auf eine Identität, weniger reguliert leben.

Wie hast Du diese Idee in ein Kunstprojekt umgesetzt?

Zunächst einmal brauchte ich mehr Leute, um meine These zu erforschen – also habe ich einen Workshop organisiert. Jeder Teilnehmer hat ein Objekt mitgebracht, das in Verbindung mit einem Geist steht. Entweder hatten sie damit selbst eine Erfahrung gemacht oder jemand, den sie kennen. Jeder hat von seinen Gedanken dazu erzählt, daraus habe ich später ein Video produziert. Außerdem haben wir Fotogramme von den Objekten erstellt: Jeder hat versucht, Schatten seiner Geisteridentität auf Fotopapier zu legen, das anschließend belichtet wurde. Das war natürlich nicht sehr ernst, eher lustvoll: sich zu überlegen, ob ein Geist freundlich oder bösartig ist, weiblich oder männlich, hat er vielleicht sogar Superkräfte? Im Grunde untergräbt man die freie Imagination von Geistern, indem man sie fixieren will. Stattdessen lernt man dabei viel über sich selbst.

Haben sich die Workshop-Teilnehmer alle gleichermaßen auf das Geisterthema eingelassen?

Bemerkenswert war, dass die Indonesier alle völlig normal über ihre Geistererfahrungen gesprochen haben, während die ausländischen Teilnehmer sich für diese Dimension jenseits des Rationalismus erst öffnen mussten. In Europa tun wir unerklärliche Phänomene als Träume ab. Ich fand es schön, dass diese Phänomene hier einfach so sein dürfen, wie sie die Menschen erleben – ohne nach rationalen Erklärungen zu suchen.

Welche Lehre hast du daraus gezogen?

Wie man in die Welt hineinguckt, so schaut es aus ihr heraus: Wenn ich freundlich schaue, schaut es auch freundlich zurück. Während meiner Recherche bin ich auf alte indonesische Horrorfilme gestoßen, die in der Suharto-Ära so populär waren. Sie sind geprägt von unheimlichen Frauenfiguren – stellten also genau das Gegenteil des idealen Frauenbilds jener Zeit dar und zeugen von viel unterdrückter Sexualität. Die Lehre dieser Filme ist: Sieht Dich das Monster erst, dann greift es auch an. Koexistenz ist nicht möglich. Wenn wir jedoch Geister nicht als etwas betrachten, was uns Angst macht, dann haben sie auch keinen Grund uns zu bedrohen. Das Andere, das Fremde ist da – und wir leben besser, wenn wir diese Tatsache akzeptieren. Nur so ist Koexistenz möglich und letztendlich auch Toleranz: Das gilt für die Geister genauso wie für das menschliche Miteinander.

In welcher Form hast Du Deine eigenen Erfahrungen umgesetzt?

Erst wollte ich einen humorvollen Kurz-Horrorfilm produzieren, aber das ließ sich zeitbedingt nicht realisieren. Also habe ich Assemblagen zusammengestellt, quasi Collagen aus dreidimensionalen Gegenständen – alles Dinge, die ich entweder im Haushalt, auf Märkten oder auf der Straße gefunden habe. Daraus sind „Sinneinheiten“ entstanden, die meine Erfahrungen hier widerspiegeln.

Wirst Du nach Deiner Rückkehr in Deutschland weiter an diesem Thema arbeiten?

Ich würde gern meine Werke auch dort zeigen. Da ich nicht alle Gegenstände aus den Assemblagen mitnehmen konnte, habe ich sie abfotografiert. Die Objekte, die ich mitnehmen kann, werde ich neu anordnen. Außerdem habe ich viel Videomaterial, unter anderem von traditionellen Ritualen, aber auch von Haus und Garten, von öffentlichen Orten – daraus möchte ich gern eine Filmcollage montieren. Allerdings wird sich meine Rolle ändern: In Deutschland werde ich nun auf einmal zur Expertin, die dem Publikum etwas über Geister erzählt. Ich war eigentlich schon immer offen für das Gefühl, dass da „mehr“ ist – aber habe mich gar nicht getraut, das zu sagen. Daher war es wichtig für mich, das Geisterthema auf das menschliche und gesellschaftliche Leben zu übertragen. Der Einfluss auf mein eigenes Ego ließ sich natürlich nicht ganz raushalten, der Alltag in Yogyakarta ist sehr spirituell, religiös geprägt. Aber dadurch ist meine Angst vor dem unsichtbaren „Anderen“ viel kleiner geworden.

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3 | 2018, Myanmar, Rezensionen,
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Auf der Suche nach Geschichten für die Zukunft, auf der Suche nach Geschichten der Vergangenheit

Kambodscha: Geister nehmen vielfältige Rollen in der kambodschanischen Gesellschaft ein. Durch die Körper von so genannten Geistmedien können Personen mit diesen Geistern in Kontakt treten. Die Bevölkerung nutzt diese Praxis, um magische Unterstützung für jede erdenkliche Alltagslage zu erbitten. Auch auf politischer Ebene werden Geister u.a. in Zeremonien zur Legitimation politischer Ämter und als Mittel zur militärischen Verteidigung gegenüber Nachbarländern angerufen.

Geister sind in Kambodscha allgegenwärtig. Während meines einjährigen Forschungsaufenthaltes von 2012 bis 2013 sah ich mich mit wilden Waldgeistern wie arak, aber auch mit als gefährlich definierten weiblichen Geistern wie beisaat und aab, Hindugöttern, die als schützende Patronen verehrt werden und Totengeistern (pret oder khmaoch) [1] konfrontiert. Die populärsten kambodschanischen Geister sind jedoch die neak ta, die als Ortsgeister einer bestimmten Region des Landes zugeordnet werden. Sie stellen oft verstorbene Helden dar, die sich als gefeierte Verteidiger der Gemeinschaft der Khmer verdient gemacht haben. Die Lebzeiten einiger dieser Helden werden in die kriegerische Zeit zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert datiert. Andere wurden auch als Gründer von Dörfern definiert, welche die wilden und bösen Kräfte des Waldes gezähmt hätten.

Geister als soziale Individuen

Geister in Kambodscha sind weit mehr als bloße Symbole. Sie werden als soziale Individuen verstanden, welche die Fähigkeit haben mit der menschlichen Welt aktiv in Austausch treten zu können. Opfergaben richten sich primär an die neak ta um Segnungen und/oder magische Unterstützung zu erbitten. Konkret manifestiert sich die Existenz der Geister für die Menschen in Träumen und Visionen, durch ihnen zugeschriebene Naturphänomenen wie dem Beginn der Regenzeit, und natürlich indem sie Menschen (freiwillig oder unfreiwillig) besetzen.

Ein menschliches Geistmedium (kru boramey) ermöglicht es Individuen in direkten Kontakt mit einem Geist zu treten. Die meisten kru boramey, die ich traf, waren entweder von einem bestimmten neak ta besessen oder wurden indirekt von diesem beraten. Während meiner Feldforschung traf ich Medien und deren Klienten aller sozialen Schichten und Hintergründe, auch Mitglieder der politischen und ökonomischen Elite des Landes. Sie alle interagierten mit Geistern, um Rat zu erfahren, Prophezeiungen zu empfangen, geheilt zu werden oder magische Kräfte zu erlangen.

Die spirituelle Legitimation politischer Macht

Im politischen Diskurs Kambodschas nutzten Anführer seit langem schon Geister zur Legitimation ihrer Position. Da die historische Beanspruchung des kambodschanischen Territoriums unauflösbar mit dem königlichen Anspruch auf Macht zusammenhing [2], fokussierte sich der aktuelle Premierminister Hun Sen darauf, diesen Anspruch innerhalb seines eigenen, bescheideneren Hintergrunds neu zu interpretieren. Seitdem er 1985 Premierminister wurde, arbeitet Hun Sen konsequent daran, seine politische Rolle zu legitimieren, indem er sich selbst als logischen Nachfolger der kambodschanischen königlichen Herrschaft darstellt [3]. Nachdem er im Jahr 1997 den königlichen Vize-Premierminister, Prinz Ranariddh, mit einem coup d’état aus dem Amt verdrängt hatte, reklamierte Hun Sen für sich die Wiedergeburt des Machthabers Sdech Kan zu sein, der im 16. Jahrhundert als Thronräuber bekannt war. Im Laufe der Geschichte verurteilten die neu etablierten Könige den Umsturz der Monarchie durch Sdech Kan. Hun Sen hingegen schreibt ihm die Rolle des Freiheitskämpfers zu, welcher der Welt den Klassenkampf und die Demokratie brachte [4].

Der Premierminister und einige seiner einflussreichen Unterstützer unterstreichen in diesem Zuge zunehmend Hun Sens spirituelle Legitimation als ‚rechtmäßiger‘ Anführer, indem sie verschiedene Verbindungen zu Sdech Kan konstruieren. Beispielsweise fand ein Team staatlich finanzierter Forscher den Heimatort von Sdech Kan in der gleichen Provinz, aus der auch Hun Sen kommt. Es geht so weit, dass Mitglieder der nationalen Elite es als Mittel nutzen Sdech Kan öffentlichkeitswirksam zu ehren – durch die Finanzierung von Statuen, Filme und anderen öffentlichen Handlungen – nicht nur um Hun Sen zu würdigen, sondern auch um ihre Beziehung zu ihm zu stärken [5].

Einen Vorfall bei der Beerdigung von Norodom Sihanouk (Kambodschas letztem machtvollem König) im Jahr 2012 macht die übergeordnete Bedeutung der spirituellen Legitimation in Hun Sens Machterhalt besonders deutlich. Nach der Zeremonie sagte er Journalisten, dass verschiedene Mitglieder der Königsfamilie es nicht vermochten eine Kerze neben dem Körper des toten Königs anzuzünden, während es ihm gelungen sei. Der Premierminister interpretierte dies als spirituelle Bestätigung, er sei von dem royalen Geist König Sihanouks auserwählt worden der rechtmäßige Anführer des Landes zu sein.

Diese Auslegung nicht-royal legitimierter Macht wird von der strategischen Schwächung der Royal Party FUNCINPEC [6] begleitet, welche in den letzten drei Wahlen (2003, 2008 und 2013) keinen einzigen Sitz gewonnen hat. Sam Rainsy, ehemaliger Spitzenkandidat der FUNCINPEC, forderte die Deutungsmuster des Premierministers heraus, indem er den Schutzgeist neak ta kleang moeung für die ihm zugeschriebene Rolle, im 16. Jahrhundert die Monarchie neu etabliert zu haben, pries, da dieser sein Leben opferte, um den Thronräuber zu beseitigen“. Zwar wird Sam Rainsy nicht müde seinen rationalen Anspruch an Politik zu unterstreichen, dennoch erkennt er die Notwendigkeit an, den spirituellen Hintergrund eines potentiellen Anführers zu erfüllen.

Für Hun Sen jedoch scheinen sich die spirituell-geprägten Bemühungen der Machtlegitimation auszuzahlen. Viele Geistmedien erzählten mir der Premierminister könne auch durch einen spirituellen Angriff nicht abgesetzt werden, da er selbst viel spirituelle Macht besäße, wodurch sie jegliche Möglichkeit des Umsturzes durch ihre Praxis ausschlossen.

Diskurse magischer Überlegenheit

Die nationale Identität der Khmer konstituiert sich aus einem komplexen, diskursiven Setting. Ein wesentlicher Deutungsstrang ist die besondere Verbundenheit zur glorreichen Angkor-Zeit, in der Tempel wie Prasat Angkor Wat und Prasat Bayon erbaut wurden. Diese religiösen Heiligtümer werden als nationale Symbole angesehen, die nicht nur das „Khmer Kulturerbe“ stellvertretend für die frühere Architektur und Handwerkskunst veranschaulichen, sondern auch als die physische Manifestierung der magischen Kraft, welche Könige und ihre Brahmanen (baku) bei der Erbauung geholfen hätten. Beeinflusst von kolonialen Narrativen beschreiben Nachbarn wie Thailand oder Vietnam das Land als „rückwärtsgewandt“ und „abergläubisch“. In Kambodscha selbst hat eine zunehmende Anzahl von Geistmedien diese Zuschreibung adaptiert und positioniert ihr tradiertes Wissen in historischer Kontinuität mit der (vorgestellten) Angkor-Zeit.

Diese Verbundenheit zu einer als magisch konstruierten Vergangenheit, in der die Khmer dank spiritueller Vormachtstellung ein Großreich aufgebaut hätten, stellt ein mit Genugtuung reproduziertes Überlegenheitsnarrativ gegenüber den angesprochenen Nachbarländern dar.

Heute wird dieser Diskurs in einer Vielzahl beliebter Erzählungen wiederbelebt: Bienen und Schlangen bissen nur fremde Soldaten, Geister schwächten eindringende Truppen oder machten sie krank, und die kambodschanischen Soldaten und ihre (veralteten) Waffen stärker. Die nahe der Grenze zu Thailand stationierten Soldaten sind dafür bekannt, regelmäßig Geistmedien aufzusuchen und bei ihnen Schutzrituale in Anspruch zu nehmen. Für sie erklären diese Erzählungen, weswegen die gut ausgestatteten thailändischen Truppen mit ihren modernen Waffen bisher nicht einfach in Kambodscha einfallen und die umkämpften Tempel Prasat Ta Moen und Prasat Preah Vihear an sich reißen konnten.

Politiker wie Premierminister Hun Sen gehen noch weiter und beleben durch verschiedene politische Handlungen den Diskurs der magischen Überlegenheit als Bestandteil der nationalen Khmer Identität zusätzlich.

Ritual für Frieden oder spirituelle Überlegenheit?

Am 1. August 2008, kurz nachdem die UNESCO den Tempel Prasat Preah Vihear zum Weltkulturerbe erklärte, führte Bun Rany, die Frau von Premier Hun Sen und Vorsitzende des Roten Kreuzes in Kambodscha, direkt vor dem Tempel ein krung palii Ritual durch. Der Tempel befindet sich an der unmittelbaren Grenze zu Thailand und beide Länder beanspruchen die Zugehörigkeit der Anlage zu ihrem jeweiligen nationalen Territorium. Bereits während des Bewerbungsprozesses gab es politische und militärische Spannungen zwischen den beiden Ländern, welche nach der Erklärung zum Weltkulturerbe und dem von der Frau Hun Sens vollzogenen Zeremonie eskalierten.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass das Ritual krung palii im ländlichen Raum durchgeführt wird, um die Geister der dortigen Erde und des Ortes (neak ta) zu ehren. [7] Für lokale Beobachter war der Unterschied zwischen dem normalen krung palii und dem vom Bun Rany durchgeführten jedoch deutlich: Der 1. August 2008 war ein unheilvoller Tag, da eine partielle Sonnenfinsternis – eine Quelle von Unglück – erwartet wurde. Außerdem könnte die Abhaltung eines krung palii direkt neben einem umkämpften Tempel mit hunderten anwesenden Soldaten leicht als eine Form magischer Verteidigung oder sogar eines Angriffs verstanden werden. Als Vorbereitung darauf forderten die nationalistisch getriebenen thailändischen Medien ihre Anhänger auf, gegen den spirituellen Angriff der „Khmer Zauberer“ zu beten, und ihre gelben T-Shirts – die Farbe des damaligen thailändischen Königs Bhumibol Adulyadej – zu tragen, „um den kambodschanischen Fluch zu durchbrechen“.

Dass Bun Rany der Durchführung einer spirituellen Attacke beschuldigt wird sollte nicht verwundern – die spirituellen Praktiken der Khmer werden in der thailändischen Vorstellung allgemein als eine maliziöse, schwarze Magie angesehen [8]. Indem Bun Rany das Ritual abhielt, bestärkte sie diese Zuschreibung, ohne andere, ungefährliche Erklärungen auszuschließen. Diese Mehrdeutigkeit des Rituals wurde vom kambodschanischen Tourismusminister Thong Khon verdeutlicht, indem er betonte, dass es eine Chance sei „die Seelen unserer Vorfahren anzubeten um Frieden zur erbitten“, um gleichzeitig bedeutungsvoll hinzuzufügen: „aber wir beten auch für den Erfolg der Verteidigung unseres Territoriums“ [9]. In den nachfolgenden Wochen kam es immer wieder zu Zusammenstößen der militärischen Truppen beider Länder. In diesem Zuge untermauerten kambodschanische Vertreter die friedvolle Interpretation des Rituals, während die Soldaten beider Seiten es als eine Form magischer Verteidigung und sogar eines Angriffs wahr nahmen.

Ein privates Ritual zur magischen Verteidigung

Im Rahmen meiner Forschung wohnte ich einem großen Geister-Ritual in Poipet, nahe der thailändisch-kambodschanischen Grenze, bei. Es war die Nacht vor dem angekündigten larn neak, einem Ritual zur Lobpreisung der neak ta, im Haus eines Grenzpolizisten und seiner Frau. Das Ehepaar, beides einflussreiche Geistmedien in der Region, zählt hochrangige Polizisten und Militärvertreter zu seinen Klienten. An diesem Abend versammelten sich mehrere Geistmedien um einen großen Geisterschrein (beysei) im ersten Stock des Hauses und bereiteten die bevorstehende Zeremonie vor. Einige Gäste waren bereits eingeschlafen, als um 23 Uhr der Vizeminister einer kambodschanischen Provinz, ein gerade erst in die Position beförderter Militärbeamter, zur Versammlung der Geistmedien stieß [10]. Ungeduldig forderte er ein, zum Geist neak ta kleang moeung zu sprechen, dem bereits erwähnten neak ta, der sein Leben zum Schutz des Landes geopfert hatte. Das Medium, eine Frau mittleren Alters, wirkte eingeschüchtert von der Forderung des neak thom (wörtlich: „große Person“, Mitglied der Elite). Alle Geistmedien, die noch wach waren, versammelten sich um den Schrein und baten den Geist eindringlich, im Körper der Frau zu erscheinen. Der Geist kam dieser Einladung für ungefähr 30 Minuten nicht nach. Als er schließlich in den Körper des Mediums eintrat, verblieb er still. Augenscheinlich nicht damit vertraut, dass seiner Forderung nicht nachgekommen wird, veränderte sich die Gemütslage des Vizeministers von einem Moment auf den anderen. Zunächst versuchte er, den Geist mit Charme zu überzeugen, dann mit Wut, dann mit unterwürfigem Betteln und zuletzt mit der Versprechung einer großen Geldsumme im Austausch für seine Hilfe. Um den Geist von der Dringlichkeit der Sache zu überzeugen, flehte der Politiker: „Die thailändischen Truppen planen im nächsten Monat einen schwerwiegenden Angriff auf unser Land. Neak ta, bitte, sie haben moderne Waffen. Neak ta, bitte, hilf uns unser Land zu verteidigen!“

Da der Geist sich auch innerhalb der nächsten Stunde weigerte zu sprechen, fragten die anderen Medien ihre eigenen Geister nach einer Erklärung. Gegen ein Uhr nachts konnte einer dieser Geister berichten, dass neak ta kleang moeung eine spezielle Art „antiker Musik“ (pleeng boran) zur Kontaktaufnahme brauche; nur mit den Klängen dieser Musik würde er mit dem Vizeminister der Provinz sprechen. Der neak thom rief sofort seine Mitarbeiter an und wies sie an herauszufinden was für eine Art Musik dies sei. Um den Geist zu zufrieden zu stellen, versprach er ihm weitere larn neak ta Zeremonien zu finanzieren und verschiedene Arten von Musik auszuprobieren.

Er sollte sein Versprechen halten. In den folgenden drei Monaten wohnte ich drei weiteren larn neak ta Ritualen in diesem Haus bei, eine ungewöhnliche Häufigkeit für ein sonst jährlich stattfindendes Ereignis. Ich sah, wie der Politiker sich an verschiedenen Teilen des Rituals beteiligte, was beispielsweise beinhaltete, das Gastgeberpaar in einer Sänfte um den bey si herum zu tragen. Außerdem spendete er in einem verdienstreichen Ritual den bedürftigen Menschen der Umgebung Reis.

Nach insgesamt vier Zeremonien und nachdem der Vizeminister einiges an Geld und Zeit investiert hatte, schien der Geist (der weiterhin nicht sprach) zufrieden gestellt, denn auf der letzten Zeremonie verkündeten die Geistmedien stolz, dass sie einen neuen Ausbruch von Gewalt zwischen Kambodscha und Thailand mit ihren magischen Ritualen verhindert hätten.

Spirited politics – mehr als nur Symbolpolitik

Diese Beispiele der „spirited politics“ [11] in Kambodscha untermalen, dass Geistern in diesem Land alles andere als eine bloß vage oder symbolische Bedeutung zukommt. Stattdessen verhandeln Mitglieder der politischen Elite sowie gewöhnliche Bürger politische Prozesse jeglicher Art mit Geistern und begründen ihre Entscheidungen mit der Reaktion des jeweiligen Geistes.

Die hier genannten Beispiele der öffentlichen Debatten über die politische Legitimation des Premierministers, dem Narrativ der magischen Überlegenheit gegenüber den Nachbarländern oder der spirituellen Verteidigung der Landes verdeutlichen die angenommene Wirkung von Geistern.

Übersetzung aus dem Englischen von: Tamara Bülow

 

Quellenverweise:

  • [1] Es gibt nicht so viele Geister der Toten, wie man erwarten könnte, wenn man das Konzept der „rastlosen“ Geister der Toten (bspw. in Vietnam, siehe Kwon 2008) und die circa 1.7 Millionen Opfer der Khmer Rouge Ära (zwischen 1975 und 1979) miteinander kombiniert. Diese Geister gelten nach der Lehre des kambodschanischen Theravada-Buddhismus – anders als in Vietnam – bereits als wiedergeboren.
  • [2] Thompson, A. 2004. The Suffering of the Kings. Substitute Bodies, Healing, and Justice in Cambodia. In: J. A. Marston and E. Guthrie (eds.): History, Buddhism, and New Religious Movements in Cambodia. Honolulu: University of Hawai’i Press, pp. 91–112.
  • [3] Es gibt deutliche Parallelen zu den Anführern des burmesischen Militärs (siehe Schober, J. 2005. Buddhist Visions of Moral Authority and Modernity in Burma. In: M. Skidmore (eds.): Burma at the Turn of the 21st Century. Honolulu: University of Hawaii Press, pp. 113–132 sowie Min, Z. 2001. The Power of Hpoun. Sogar im kommunistischen Laos beansprucht die herrschende Lao People’s Revolution Party der legitime Nachfolger ausgewählter ‚patriotischer‘ Könige der Vergangenheit zu sein, obwohl sie den letzten König von Laos, Sisavang Vatthana, in einem Umerziehungslager haben sterben lassen (siehe Evans, G. 2009. The Last Century of Lao Royalty: A Documentary History. Chiang Mai: Silkworm sowie Tappe, O. 2013. Facets and Facets of the kantosou kou xat – The Lao ‘National Liberation Struggle’ in State Commemoration and Historiography. Asian Studies Review 37.
  • [4] Norén-Nilsson, A. 2013. Performance as (Re)Incarnation: The Sdech Kân Narrative. In: J. Southeast Asian stud. 44 (01): 4–23.
  • [5] Für Hintergrundinformationen zu Statuen von Sdech Kan, die ähnliche Gesichtszüge wie Hun Sen haben, siehe Norén-Nilsson (2013). Um mehr über die Produktion des teuersten, je in Kambodscha produzierten Films zu sehen, der von Ly Yong Phat, einem Tycoon aus Hun Sens Zirkel der Privilegierten, finanziert wurde, siehe: Phnom Phen Post vom 09.01.2016
  • [6] Front Uni National pour un Cambodge Indépendant, Neutre, Pacifique, et Coopératif.
  • [7] Es gibt mindestens drei sich überlappende Konzepte der Geister der Erde, wie preah thorani (oder neang kongheng), krong bali, und preah phum (siehe Guthrie 2004; Leclère 1898).
  • [8] Baumann, B. 2015. The Khmer Witch Project. Demonizing the Khmer by Khmerizing a Demon. In: DORISEA Working Paper 19/2015 sowie Pasuk, P. and C. Baker. 2008. The Spirits, the Stars, and Thai Politics. Lecture, Siam Society. Bangkok, 02.12.2008
  • [9] Auf Khmer erschienen in Rasmei Kampuchea Newspaper (រស្មីកម្ពុជា) am 01.08.2008
  • [10] Zum (von mir zugesicherten) Schutz seiner Identität werden nicht mehr Informationen gegeben.
  • [11] Lauser, A. and K. Endres (eds.). 2011. Engaging the Spirit World. Popular Beliefs and Practices in Modern Southeast Asia. New York: Berghahn Books sowie Willford, A. C. and George, K. M. (eds.). 2005. Spirited Politics. Religion and Public Life in Contemporary Southeast Asia. Cornell University. Ithaca, N.Y.: Southeast Asia Program (Studies on Southeast Asia, 38)

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