4 | 2021, Vietnam,
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Das Schweigen der Mehrheit

Vietnam, sexuelle Gewalt

Die Angst, sozial stigmatisiert und in eine noch schlimmere Situation zu geraten, trägt zu einer Kultur des Schweigens bei sexuellen Übergriffen bei. © FNF

Vietnam: Das neue Arbeitsgesetz verpflichtet Arbeitgeber*innen, Mechanismen zur Verhinderung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz einzuführen, bleibt dabei aber ungenau. Sexuelle Übergriffe werden trivialisiert, mit staatlichem Schutz ist kaum zu rechnen.

P. Nguyen, eine 27-jährige Projektassistentin in einem Bauunternehmen, wusste sich nicht mehr zu helfen. Ein Kollege, 13 Jahre älter als sie und verheiratet, schrieb ihr regelmäßig nachts eine SMS, obwohl sie ihm gesagt hatte, dass sie sich bei seinen Nachrichten unwohl fühlte. „Eines Tages wird dein Freund deinen Körper satt haben“, hieß es in einer Nachricht. Der Kollege machte heimlich Fotos von ihr bei der Arbeit. Er machte ebenfalls sexistische Witze vor anderen Kollegen. Nguyen, die aus der abgelegenen Provinz Lào Cai im Nordwesten des Landes stammt, hatte damals einen zweimonatigen Arbeitsvertrag auf einer überwiegend von Männern besetzten Baustelle in der Provinz Soc Trang, 230 Kilometer vom Hauptsitz des Unternehmens in Ho-Chi-Minh-Stadt entfernt.

Nach monatelangen unwillkommenen Textnachrichten spitzte sich die Lage zu. An einem späten Nachmittag nach der Arbeit stand Nguyen vor dem Wohnheim und telefonierte. Sie war fassungslos, als ihr Kollege auf sie zukam und seine Hand in die kleine Tasche steckte, die sie um den Hals trug. Seine Hand lag auf ihrer Brust und er versuchte, ihren Schlüssel aus dem Portemonnaie zu ziehen. „Was zum Teufel machen Sie da?“, schrie sie aus vollem Halse. „Ich musste ihn am helllichten Tag anschreien, damit er wusste, dass er sich nicht mit mir anlegen kann“, erzählte sie. „Ich habe ihn gewarnt, dass er sich von mir fernhalten soll.“

Der Vorfall ereignete sich drei Monate nach Inkrafttreten des neuen vietnamesischen Arbeitsgesetzes, das sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz verbietet. Der Mann hat sich nie entschuldigt. „Er schien gar nicht zu merken, dass er mich belästigte“, sagte Nguyen. „Hätte ich mich bei meiner Vorgesetzten beschwert, hätte sie wohl nicht verstanden, was sexuelle Belästigung bedeutet.“ Später fand Nguyen heraus, dass sie nicht die Einzige war, die sich durch das Verhalten des Mannes belästigt fühlte. Erst nach dem Vorfall vertraute eine Kollegin ihr an, dass sie ihrerseits lange Hosen tragen musste, um den lüsternen Blicken des Mannes zu entgehen.

Schwammiges Gesetz gegen sexuelle Belästigung

Vietnam, sexuelle Gewalt

Nahezu tausend Menschen versammelten sich in Đà Nẵng, um an der Veranstaltung von UN Women teilzunehmen, deren Ziel es war, das Ende der geschlechtsspezifischen Gewalt zu fördern. ©UN Women/ Long Duong, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

2019 veröffentlichte die vietnamesische Regierung einen Erlass, der das Arbeitsrecht änderte und zum ersten Mal eine detaillierte Definition von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz enthielt. Das im Januar 2021 in Kraft getretene Gesetz stuft sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz jedoch nicht als Straftatbestand ein. Es sagt auch nicht, welche konkreten Handlungen verboten sind. Der Erlass überlässt es den Arbeitgeber*innen, zu entscheiden, ob ein gemeldetes Fehlverhalten eine sexuelle Belästigung darstellt. Disziplinierung und Bestrafung liegen ebenfalls im Ermessen des Arbeitgebers. Das Gesetz sieht auch keine Strafen für Unternehmen vor, die keine Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung einführen. Eine Kultur des Schweigens über sexuellen Missbrauch und die weit verbreitete Akzeptanz der Annahme, dass Männer Frauen anfassen dürfen, stellen zusätzlich eine große Herausforderung für die Umsetzung des Gesetzes dar.

Die Regierung rühmt sich, die Gleichstellung der Geschlechter in der Verfassung von 1945 verankert zu haben. Sie wurde in wichtigen Dokumenten wie dem Gesetz über Ehe und Familie festgeschrieben. Im Jahr 2006 wurde das Gesetz über die Gleichstellung der Geschlechter erlassen, das jedoch keinen Hinweis auf sexuelle Belästigung enthielt. Der Begriff, als quấy rối tình dục bekannt, wurde erstmalig im vietnamesischen Arbeitsrecht im Arbeitsgesetzbuch von 2012 verwendet. Sexuelle Belästigung wurde zwar am Arbeitsplatz verboten, aber keine klare Definition geliefert. Im Jahr 2015 gaben die Industrie- und Handelskammer Vietnams und der Allgemeine Gewerkschaftsbund Vietnams gemeinsam den Verhaltenskodex für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz heraus.

Vietnamesische #MeToo-Bewegung

2018 unternahm eine junge Praktikantin bei der Zeitung Tuổi trẻ, einem der bekanntesten vietnamesischen Medien, einen Selbstmordversuch. Ihre Kolleg*innen machten dafür die mutmaßliche Vergewaltigung durch ihren leitenden Redakteur verantwortlich. Ihr Selbstmordversuch veranlasste Journalistinnen und andere Frauen dazu, ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Die Offenlegung der vielen unausgesprochenen Missstände wurde als vietnamesische #MeToo-Bewegung bekannt. Die Frauen prangerten an, dass Täter sexueller Belästigung nur selten bestraft wurden.

Obwohl Nguyen bereit war zu kämpfen, wusste sie nicht, an wen sie den Vorfall melden sollte. Die Personalabteilung ihres Unternehmens saß in Ho-Chi-Minh-Stadt und kümmerte sich wenig um die Vorgänge auf den Baustellen. Laut Nguyen ist sie vor allem an der Fertigstellung des Projekts interessiert. Nguyens direkte Vorgesetzte lehnte es ab, sich zu dieser Geschichte zu äußern. Sie sagte nur, dass sie sich ungern in Probleme zwischen Mitarbeiter*innenn einmische und kein Interesse daran habe, jemanden zu entlassen, solange das Projekt noch laufe. „Das Gesetz wird die Einstellung meiner Kolleg*innen und Vorgesetzten nicht ändern können, die entweder glauben, dass ich etwas falsch gemacht habe oder dass es zur Natur des Mannes gehört, Frauen zu ‚necken’“, sagte Nguyen.

Wie andere Opfer sexueller Belästigung gibt sich auch Nguyen manchmal selbst die Schuld. „Von Zeit zu Zeit konnte ich nicht umhin, mich zu fragen, was ich getan hatte, um von den männlichen Kollegen missverstanden zu werden“, sagte sie. „Ich trug nie aufreizende Kleidung und ich habe auch nie mit den Wimpern geklimpert. Warum haben sie mir das angetan?“

Ein Gesetz, das kaum jemand kennt

Sechs Monate nach dem Inkrafttreten des neuen Arbeitsgesetzes haben viele Unternehmen wie auch in Nguyens Fall noch keine Strategien und Mechanismen für den Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz eingeführt. Es gibt noch keine Verfahren, mit deren Hilfe die Opfer Wiedergutmachung verlangen und Informant*innen Beschwerden einreichen können.

M. Hoang, eine 28-jährige Buchhalterin eines Logistikunternehmens in Hanoi, ist sich sicher, dass die Personalabteilung ihres Unternehmens ihre Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung nicht auf dem neuesten Stand gehalten hatte. „Jede Regel, die sich auf das Gehalt bezieht, aktualisieren sie schnell, aber sexuelle Belästigung ist nicht ihre Priorität. Ich bezweifle, dass sie den Begriff verstehen“, sagte sie.

Sie erzählt, dass ein Kollege mittleren Alters, der zufällig auch der Schwager ihrer direkten Vorgesetzten war, ihr nachts SMS Nachrichten schreibe, unerwünschte körperliche Annäherungsversuche mache und sie um Küsse bitte, damit er die ihm zugewiesene Arbeit erledigen könne.

Kultur des Schweigens und der Akzeptanz

Vietnam, sexuelle Gewalt

Screenshot des Chatlogs von Hoang. Der männliche Kollege bat sie um einen Kuss als Gegenleistung für die Erledigung einer Arbeitsaufgabe. © Trang Hong Vu

Das Problem der sexuellen Belästigung ist in der Kultur am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft insgesamt verwurzelt. Was eine sexuelle Handlung ist und was die Grenze überschreitet, wird weder in der Schule gelehrt noch in der Öffentlichkeit diskutiert. Frauen auf sexuelle Weise zu ‚necken’, wird oft als akzeptables Verhalten angesehen. Ein vietnamesisches Sprichwort besagt, dass Blumen dazu da sind, gepflückt zu werden, und Frauen dazu geboren sind, ‚geneckt’ zu werden.

Laut der Vietnam Organization for Gender Equality (VOGE) ist es schwierig, das Gesetz ohne eine unabhängige Stelle umzusetzen, die Unternehmen direkt dabei überwacht, unterstützt und berät, wie sie sexuelle Belästigung verhindern und damit umgehen können. Die vietnamesischen Unternehmen seien im Großen und Ganzen noch weit davon entfernt, das neue Gesetz in die tägliche Praxis umzusetzen, äußerte ein*e VOGE-Vertreter*in in einer E-Mail.

„Ein Haus, das undicht ist, leckt vom Dach her“, sagt Hoang, die sexuelle Belästigung gewöhnt ist und diese inzwischen als institutionelles und nicht nur als individuelles Problem betrachtet. Hoang berichtet, dass der Direktor ihres Unternehmens 2018 eine Frau körperlich belästigte, die daraufhin seinen sexuellen Annäherungsversuchen im Austausch für Gefälligkeiten bei der Arbeit nachgab. Der Ehemann der Frau stellte daraufhin ihre Beziehung online bloß. Trotz des Skandals behielt der Chef der Frau seinen Posten, während sein Opfer gezwungen war, ihren Job zu kündigen.

Sexuelle Belästigung durch Touristen und ausländische Kollegen

Vu, ein Reiseleiter aus der Provinz An Giang, der in Ho-Chi-Minh-Stadt arbeitet, sagt, sexuelle Belästigung sei auch in der Tourismusbranche weit verbreitet. „Ich bin sowohl von Kollegen als auch von Touristen belästigt worden, sowohl online als auch persönlich“, sagt Vu, der sich als schwuler Mann identifiziert. Einige Nachrichten, die er von Kunden erhielt, reichten von „Sind Sie eine Person des dritten Geschlechts?“ bis zu „Wie lang ist Ihr Penis?“. Wie Vu darauf antwortete, hing davon ab, wie aufdringlich die Fragen waren. Vu blockierte die Telefonnummern ernsthafter Belästiger, auch wenn er weiterhin als Reiseleiter für sie arbeitete. Vu sagt, dass Männer unerwünschte Annäherungsversuche im Allgemeinen nicht als Belästigung erachten. Sie seien auch oft nicht bereit, sich selbst als Opfer zu betrachten, fügt er hinzu.

T. Le, Leiterin eines kleinen Unternehmens für Bildungstechnologie in Ho-Chi-Minh-Stadt, erhielt unerwünschte Kommentare und körperliche Annäherungsversuche von ihrem amerikanischen Geschäftspartner, der gleichzeitig Leiter einer renommierten internationalen Schule in Vietnam war. Der Mann war etwa 20 Jahre älter als sie. „Das Gesetz ist nur anwendbar, wenn unerwünschte Handlungen während der Arbeitszeit am Arbeitsplatz stattfinden. In meinem Fall passierte es, als wir beide in einem Café diskutierten, was technisch gesehen nicht der Arbeitsplatz war. Welches Gesetz ist dann auf meiner Seite?“.

Unterstützungsnetzwerk erforderlich

Vietnam, sexuelle Gewalt

UN Women in Vietnam organisierte 2016 in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen eine ‚Busfahrt zu einer sicheren und freundlichen Stadt‘, gefolgt von einem Jugenddialog in Ho-Chi-Minh-Stadt. Ziel der Busfahrt und des Jugenddialogs war es, das Bewusstsein für sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen im öffentlichen Raum zu schärfen. ©UN Women/Hoang Van Nam, Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Nguyen bekam ihren ersten Job in der Provinz Thanh Hoá, etwa 140 Kilometer von Hanoi entfernt. Bald schickte ihr ein Kollege täglich unangemessene Nachrichten und folgte ihr nach Hause, trotz Warnungen von ihrem Freund, der im selben Unternehmen arbeitete. In dem japanischen Unternehmen gab es eine Personalabteilung unter männlicher Leitung, die auch für Diskriminierung zuständig war. Nachdem Nguyen eine förmliche Beschwerde eingereicht hatte, schrieb der Leiter dem Täter eine schriftliche Verwarnung, in der er mit Entlassung drohte, wenn dieser so weitermache.

„Ich hatte das Glück, von Kollegen unterstützt zu werden, die mich drängten, Anzeige zu erstatten und meine Geschichte bezeugten, während Kolleginnen die Belästigung in einem von Männern dominierten Arbeitsumfeld als selbstverständlich hinzunehmen schienen“, sagt Nguyen. Leider warfen ihre Kolleginnen ihr oft vor, überempfindlich zu sein.

Für Hoang ist das Brechen des Schweigens über sexuelle Belästigung ein strategisches Abwägen von Für und Wider. „In Vietnam werden Whistleblower nie unterstützt“, sagt sie. „Warum sollte ich ein solches Risiko eingehen und mich über Vorgesetzte und Führungskräfte beschweren? Unter allen Umständen würden Frauen benachteiligt werden“. Hoangs Freundinnen rieten ihr, sich nicht zu beschweren, da Vergeltungsmaßnahmen unvermeidlich seien. „Ich kann es kaum erwarten, meinen Job hier zu kündigen. Aber ich muss geduldig sein. Während der Pandemie ist es schwieriger, einen Job zu finden“, sagt sie.

Anstatt zu kündigen, beschloss sie, auf sexuell anzügliche Nachrichten ihres Chefs nicht zu reagieren, aber sehr schnell zu antworten, wenn der Inhalt arbeitsbezogen ist. „Selbst wenn ich woanders hingehen möchte, brauche ich ein Empfehlungsschreiben von einem Vorgesetzten. Wie kann ich den Arbeitsplatz wechseln, wenn ich nicht in gutem Einvernehmen bin? Andere Unternehmen werden nicht daran interessiert sein, jemanden einzustellen, die dafür bekannt ist, nicht auf Harmonie am Arbeitsplatz zu achten“, sagt sie.

Für Le bestand die Wahl darin, die Wahrheit zu sagen oder ihr Geschäft zu riskieren. Einen gut vernetzten westlichen Geschäftsmann bloßzustellen, wäre ihrem Geschäft abträglich, meint sie. „Meine Priorität sollte sein, Geschäfte abzuschließen und mir keine Feinde zu machen. Eine Partnerschaft zu ruinieren, würde bedeuten, sich aus einem ganzen Geschäftskreis zu entfernen“, sagt sie.

Um ihre Privatsphäre zu schützen, baten die meisten befragten Personen darum, dass nur ihre Nach- und nicht ihre Vornamen verwendet werden.

Übersetzung aus dem Englischen von: Jörg Schwieger.

Dieser Bericht erschien im englischen Original im September 2021 bei Rappler und wurde für die südostasien redaktionell bearbeitet.

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4 | 2021, Vietnam,
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Das Schweigen der Mehrheit

Vietnam: Ein Unterziel der Sustainable Development Goals (SDG) lautet: Verringerung des Abfalls bis 2030 durch Vermeidung, Verminderung, Verwertung und Wiederverwendung. Informelle Müllsammler*innen sorgen dafür – und werden dennoch diskriminiert.

Täglich von der Morgendämmerung bis weit nach Sonnenuntergang befahren Müllsammler*innen mit ihren Fahrrädern die Straßen von Hanoi. Sie sind auf der Suche nach Materialien, die sie verkaufen können. Unter ihnen ist Lương Thị Hoa, deren wettergegerbtes Gesicht die drei Jahrzehnte zeigt, die sie diesen Job schon macht. Sie sagt, sie habe schon alles gesehen und gehört und sei mit allen möglichen Namen beschimpft worden. Erst kürzlich rief ihr jemand zu: „Đồng nát, verpiss dich von hier!“

Đồng nát bedeutet wörtlich „zerbrochenes Kupfer“, aber heute verstehen die Leute darunter „Plünderung“. Hoa und ihre Kolleg*innen werden oft mit den Namen der Dinge bezeichnet, die sie kaufen und verkaufen: đồng nát, ve chai (Flaschen), sắt nhựa (Eisen und Plastik) – eigentlich alles, was wieder verwendet und weiterverkauft werden kann – und phế liệu (Abfall). Die Beschimpfungen sollen die Abfallsammler*innen herabsetzen. Dabei ist die Arbeit, die sie leisten, entscheidend für das Wohlergehen der Gemeinden, in denen sie tätig sind.

90 Prozent Recycling leisten informelle Arbeiter*innen

Informelle Abfallsammler*innen wie die 50-jährige Hoa sind Vorreiter gegen den Klimawandel. In Ländern, in denen es kein offizielles Recycling-System gibt, sind sie in der Regel für das Sammeln, Sortieren und Recyceln einer beträchtlichen Menge von Müll zuständig. In einem Bericht aus dem Jahr 2021 über die ‚informellen Recycler‘ beschreibt die Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA) Menschen wie Hoa sogar als treibende Kraft auf dem Weg zu einer abfallfreien Welt.

In Vietnam kaufen diese Arbeiter*innen 30 Prozent der Abfälle in den Städten auf. Mehr als 90 Prozent der Recycling-Aktivitäten im Land werden ebenfalls von informellen Arbeiter*innen durchgeführt, vor allem in den so genannten ‚Handwerksdörfern‘, wo Menschen damit ein zusätzliches Einkommen neben ihrer landwirtschaftlichen und handwerklichen Tätigkeit erzielen.

Hoàng Đức Vượng, Vorstandsvorsitzender von Vietcycle, einem in Hanoi ansässigen Unternehmen, das sich mit Kunststoffabfällen befasst und Abfallarbeiter*innen unterstützt, schätzt, dass es in ganz Vietnam etwa zwei bis drei Millionen Abfallarbeiter*innen gibt.

Unerkannter Teil des Kreislaufs

Seit 2009 sind die Müllsammler*innen sichtbarer geworden und haben sich zu Fragen des Klimawandels geäußert. Vietnam ist sogar Mitglied der International Alliance of Waste Pickers geworden, um die Einbindung und Sichtbarkeit dieser Arbeiter*innen in formellen Abfallwirtschaftssystemen zu verbessern. Dennoch, so Hoàng, fangen Klimaprojekte in Vietnam gerade erst an, sie einzubeziehen.

„Es müssen mehr Anstrengungen unternommen werden, um informelle Abfallsammler*innen einzubeziehen“, sagt Hoàng. „Bislang konzentrieren sie sich nur auf die Gewinnung von Wertstoffen für den Verkauf.“

Der Kreislauf des informellen Abfallrecyclings umfasst das Einsammeln und Kategorisieren von Schrott durch Sammler*innen, die das Getrennte an Sammelstellen verkaufen. Diese Zentren wiederum sortieren die Abfälle erneut und transportieren sie zu weiteren Sammelstellen und schließlich zur professionellen Weiterverwertung. Nach Angaben von GAIA führt die Arbeit der informellen Abfallsammler*innen zu Einsparungen im Abfallsektor in Form von geringeren Transport- und Entsorgungskosten, Einnahmen aus dem Verkauf von Wertstoffen und geringeren Sammelkosten.

Trotz ihrer wichtigen Rolle im Abfallwirtschaftssystem werden informelle Abfallsammler*innen oft als arbeitslos oder unterbeschäftigt angesehen. Das mangelnde Verständnis für ihre Arbeit hat auch dazu geführt, dass sie in der Regel diskriminiert und geächtet werden. In Vietnam ist das Bild, das die Bevölkerung von den Müllwerker*innen hat, meist negativ: klebrige Finger, schlecht ausgebildet, minderwertig und schmutzig.

Die meisten Müllsammler*innen sind Frauen

Hoa sagt, dass viele Leute so denken, weil Müllsammler*innen wie sie „nhà quê“, also als vom Lande kommend, aussehen und klingen. Sicher ist, dass viele der städtischen Abfallsammler*innen in Vietnam aus den Nachbarstädten kommen, viele von ihnen sind Frauen. Im vietnamesischen Abfallrecyclingsystem sind 60 Prozent der Arbeiter*innen Frauen, obwohl die Arbeit oft körperlich anstrengend ist. Hoa und ihre Kolleg*innen sagen, dass sie jeweils bis zu 30 Kilogramm auf ihren Fahrrädern befördern und im Durchschnitt 20 Kilometer pro Tag zurücklegen, egal ob es regnet oder die Sonne auf sie herab brennt.

Hoa zufolge sei es besser, wenn nur wenige Männer diese Arbeit übernehmen. Frauen, so Hoa, könnten kleine Demütigungen besser ertragen, während Männer dazu neigten, ein großes Ego zu haben. „Wenn Männer von Fremden gedemütigt werden“, sagt sie, „könnten sie in eine Schlägerei geraten und Ärger mit der Polizei bekommen“.

Der Vietcycle-Vorsitzende Hoàng stellt seinerseits fest, dass die meisten Müllsammlerinnen Frauen aus wirtschaftlich schwachen Familien sind. Er bemerkt: „Wenn die Männer nicht in der Lage sind, ihre Familien zu ernähren, opfern sich die Frauen oft auf und jonglieren mit mehreren Jobs, um über die Runden zu kommen. Das ist sozusagen unsere Tradition.“

Ausgangspunkt Kupferschrott

Laut dem 2021 erschienenen Buch Scavengers and Scavenging in Hanoi: Visibility in the Community von Nguyễn Thái Huyền von der Architekturuniversität Hanoi hat die vietnamesische Müllsammel-Industrie ihre ersten Wurzeln im Dorf Nôm in der Gemeinde Đại Đồng in der nördlichen Provinz Hưng Yên. Die Frauen des Dorfes, das für seine Bronzegießerei bekannt war, mussten Kupferschrott sammeln oder kaufen und ihn an Gießereien verkaufen, um die Ausbildung ihrer Männer zu finanzieren. Bald wurde der Schrottverkauf zu einer beliebten Beschäftigung nicht nur für die Frauen, sondern auch für diejenigen, die kein Interesse mehr an der Arbeit in der Landwirtschaft oder in der Bronzegießerei hatten.

Für einige der heutigen Schrottsammlerinnen in Hanoi waren es die 22. Südostasienspiele, die sie zu einer solchen Tätigkeit trieben. Vietnam war 2003 Gastgeber der Spiele. Zu den Bemühungen der Behörden von Hanoi, die Hauptstadt für das regionale Sportereignis zu säubern, gehörte das Verbot von Straßenverkäufer*innen an mehreren Stellen in der Stadt.

Nguyễn Thị Mây war damals Straßenhändlerin; sie sah ihren Lebensunterhalt praktisch verschwinden. Aber Mây erinnert sich: „Ich hatte keine Zeit, um über meinen Verlust zu weinen. Ich habe einfach sofort angefangen, (als Müllsammlerin) zu arbeiten.“

Trần Thị Tuy machte eine ähnliche Erfahrung. Mit nur kleinem Kapital, einem Paar Handschuhe und einer Maske begann Tuy 2003 in Hanoi mit dem Sammeln von Abfällen, da die Spiele ihren früheren Lebensunterhalt beeinträchtigten. Im Jahr darauf zog sie nach Hồ Chi Minh City, sammelte dort aber weiter Müll.

Mây, Hoa und Tuy haben keine Schulung zu den technischen Aspekten der Abfallsammlung, -sortierung und -verwertung erhalten. Erfahrenere Abfallsammler*innen brachten ihnen bei, wie man weggeworfene Gegenstände von Hand sammelt und kategorisiert. Aber sie müssen noch viel über wieder verwertbare Materialien lernen und lassen sich dazu verleiten, Abfälle ohne wirtschaftlichen Wert zu kaufen.

Einmal kaufte Mây eine Wasserpumpe, weil sie dachte, sie sei aus massivem Kupfer und sie könne sie mit einem schönen Gewinn weiterverkaufen. „Als ich in der Mülldeponie ankam, sagte mir der Besitzer, dass sie aus Aluminium sei, und zahlte mir viel weniger als den Betrag, für den ich sie gekauft hatte. Ich habe einen großen Verlust gemacht,“ erzählt sie. Mây hat jetzt immer einen Magneten dabei, um zu prüfen, ob es sich bei einem Gegenstand um echtes Kupfer oder nur um verkupferte Eisen-Teile handelt.

Arbeitstage von 4 Uhr morgens bis 10 Uhr nachts

Ein typischer Arbeitstag beginnt für Mây um 4 Uhr morgens und endet um 10 Uhr nachts oder wenn sie mit dem Abliefern des letzten Abfallhaufens bei einem Depot fertig ist. Mây hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Abfall um 5 Uhr morgens in der Nähe von Bars und Restaurants einzusammeln, denn dann beginnen diese Lokale oft damit, die Getränkedosen der vorangegangenen Nacht wegzuwerfen. Sie sagt, dass die Zeit zwischen 18 und 19 Uhr ebenfalls eine gute Zeit sei, da Familien zu dieser Zeit ihren Hausmüll wegwürfen.

Mây sucht oft nach vier großen Abfallsorten, die sich gut verkaufen lassen: Papier und Kartons, Plastik, Aluminium und Eisen. Im Durchschnitt verdient sie 5 bis 6 Millionen VND (200 bis 238 Euro) im Monat, was in etwa dem monatlichen Mindestlohn von Angestellten im öffentlichen Dienst in Hanoi entspricht. „Metallschrotterin zu sein ist besser als Straßenverkäuferin“, erklärt Mây. „Ich kann sicher etwas am Tag verdienen. Ich muss nicht den ganzen Weg von meiner Heimatstadt nach Hanoi tragen und dann vielleicht noch verfaulte Früchte zurückschleppen.“

Hoa und Tuy kaufen zwar ausgewählte wieder verwertbare Abfälle, sammeln aber alles, was ihnen kostenlos gegeben wird. Im Allgemeinen wird der Hausmüll nicht an der Quelle getrennt. Die beiden Abfallsammlerinnen sagen, dass es für sie schwer sei, den wirtschaftlichen Wert der weggeworfenen Gegenstände auf den ersten Blick zu bestimmen. Daher nähmen sie einfach alles mit, was sie können. Außerdem wolle sich keine von ihnen lange in einer Gasse oder Nachbarschaft aufhalten, aus Angst, verjagt zu werden. „Manche Leute haben Mitleid mit mir, obwohl ich anbiete, zu kaufen und zu bezahlen“, sagt Hoa. Aber sie betont: „Ich bitte nicht um einen Gefallen“.

Schwankende Preise

Die Preise hängen von der Art des Abfalls und vom Markt ab. Auch das Timing spielt eine Rolle. „Letztes Jahr war ein Kilogramm Karton 4.000 VND (0,16 Euro) wert“, sagt Mây. „Dieses Jahr sind es nur noch 2.000 VND (0,08 Euro). Der Besitzer der Mülldeponie sagte mir, dass China diese Materialien nicht mehr abholt. Mir ist nicht klar, warum.“

Wie Hoa und Tuy stellt auch Mây die Schwankungen der Preise nur selten in Frage. Während in den Großstädten Mülldepots wie Pilze aus dem Boden schießen, sagen die drei Frauen, dass sie ihre Gegenstände nicht einfach an jeden verkaufen könnten. „Ich verkaufe nur an feste Abnehmer*innen zu guten Preisen“, sagt Tuy, obwohl sie unter dem Druck steht, alles, was sie gesammelt hat, bis zum Ende eines jeden Tages zu verkaufen. Ihre Vermieterin erlaubt ihr nicht, Abfälle in ihrem Zimmer zu lagern.

Aus ihrer langjährigen Erfahrung als Müllsammlerinnen können die drei Frauen sagen, dass die Arbeit immer härter werde – vor allem in den letzten drei Jahren. Vor allem Tuy sagt, dass sie ihre Anstrengungen im vergangenen Herbst und Winter verdoppelt habe, um „die COVID-Zeit“ auszugleichen, sowie den Sommer, in dem es zu schwer war, bei sengender Hitze durch die Hauptstadt zu fahren.

Auch aktuell konkurrieren sie nicht nur mit jüngeren Abfallsammler*innen, von denen sie glauben, dass diese sich besser mit elektronischen Wertstoffen auskennen, sondern auch mit weiteren Sammler*innen. Tuy sagt: „Immer mehr Frauen aus meinem Dorf haben die Landwirtschaft aufgegeben und fangen an, in Hanoi Müll zu sammeln.“ Mây schätzt sich jedoch immer noch viel glücklicher als ihren Mann, der in Hanoi als Rikschafahrer arbeitet. „Ich verdiene vielleicht nicht jeden Monat das Gleiche“, sagt sie, „aber ich werde mit diesem Job nie hungern, denn die Leute haben immer etwas zum Wegwerfen.“

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

Der Beitrag ist im Februar in englischer Sprache bei Asia Democracy Chronicles erschienen. Er wurde von der südostasien-Redaktion leicht gekürzt und redaktionell bearbeitet.

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