2 | 2019, Thailand,
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Plastikverbot – eine praktikable Lösung für alle?

Ecobricks aus Plastikmüll und Wasserflaschen © Chaiyuth Lothuwachai

Ecobricks aus Plastikmüll und Wasserflaschen © Chaiyuth Lothuwachai

Thailand: Die ‚Plastikkultur’ ist eine omnipräsente Lebensweise. Nach und nach geschieht ein Wandel hin zu nachhaltigeren Ansätzen. Aber werden alle Thailänder*innen daran teilhaben können?

 

Kurz bevor sich Chaiyuth Lothuwachai auf den Weg macht, prüft er, ob er auch genügend vorbereitete Lunchboxen in seinem Fahrradkorb hat. In diese wird er später das Mittagessen für sich und seine Familie füllen. Chaiyuth will nicht noch mehr Plastikabfälle auf dem Planeten erzeugen: „Ich bin sicher, dass mein Lebensstil zu 100 Prozent plastikfrei wäre, wenn ich es besser planen könnte.“ Chaiyuth ist Spezialist im Digital Marketing Department der Börse von Thailand und Web-Administrator von Bike in the City. Deswegen hat Chaiyuth, der mit dem Fahrrad pendelt, immer saubere Lunchboxen und Tragetaschen in seinem Fahrradkorb, bereit dazu, Lebensmittel einzukaufen oder an Garküchen gekochte Gerichte mitzunehmen. Doch manchmal hat er keine andere Wahl als Einweg-Plastik zu akzeptieren. Zum Beispiel bereits verpackte Produkte im Supermarktregal oder wenn in einem Restaurant ein Getränk mit Strohhalm serviert wird. Es mag sich trivial anhören, aber man stelle sich eine Stadt mit 8.2 Millionen Einwohnern vor, in der auswärts zu essen und Essen zum Mitnehmen zur Kultur gehört, aber Abfalltrennung noch keine gängige Praxis ist.

Kampf gegen das schlechte Gewissen

Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, verwendet Chaiyuth seine Plastikverpackungen ein paar Mal wieder, bevor er die Taschen schließlich in eine Plastikflasche packt, wodurch sie zu so genannten Ökoziegeln werden. Ökoziegel werden zum Bau von Gebäuden verwendet, wie die Bücherei in einer Schule in Kanchanaburi, einer Stadt 130 km westlich von Bangkok.

Chaiyuth Lothuwachai vermeidet Plastikmüll, indem er wiederverwertbare Lunchboxen mit zur Arbeit nimmt © Chaiyuth Lothuwachai

Chaiyuth Lothuwachai vermeidet Plastikmüll, indem er wiederverwertbare Lunchboxen mit zur Arbeit nimmt © Chaiyuth Lothuwachai

Chaiyuth steht für den neuesten Trend in Thailand, bei dem mehr und mehr Menschen sich ihres unnötig hohen Konsums von Einmal-Plastikverpackungen bewusst werden. Die Leute kehren zum alten Lebensstil von vor den 1970er Jahren zurück und versuchen, die Verwendung von Einweg-Plastiktüten, Tassen, Lebensmittelboxen und anderen Plastikutensilien zu vermeiden.
Obwohl viele zustimmen, hinterfragen manche, ob dieser Trend nur eine Praxis der privilegierten Klasse ist. Haben Menschen im weniger privilegierten Spektrum die gleichen Möglichkeiten, mitzumachen? Ist ein Plastikverbot die richtige Lösung für alle? In der Vergangenheit wurden Kochzutaten und die meisten gekochten Lebensmittel oder Snacks auf den Märkten in Bananenblätter oder Altpapier (oft Zeitungspapier), gewickelt und jede/r Einkäufer*in brachte einen eigenen Rattan-Korb zum morgendlichen Einkauf mit.

Erst vor ein paar Jahrzehnten wurden Bananenblätter und Papiertüten allmählich durch Plastiktüten ersetzt. Sie wurden, vor allem für den Einkauf am Morgen, von Hausfrauen als eine hygienischere und bequemere Möglichkeit erachtet. Ehe man sich versah, wurde Plastik zum unverzichtbaren Bestandteil des Alltags und verdrängte die Verpackungen aus natürlichen Rohstoffen. Bilder von ‚modernen’ Hausfrauen, die verpackte Lebensmittel aus den Supermarktregalen nahmen, sahen hygienischer aus und wurden zunehmend erstrebenswert. Rohe Lebensmittel, wie Fisch oder Schweinefleisch, frisch vom Markt, wurden separat und praktisch in Plastiktüten verpackt, ebenso take-away-Essen, Snacks und Eisgetränke aus Automaten und von Händlern am Straßenrand. Papier- und Plastikbecher, Wegwerf-Lunchboxen mit Plastikbesteck wurden zu bequemen Begleitern im Alltag, ohne die wir nicht mehr leben können. Heute verwenden Thais etwa 45 Milliarden Plastiktüten pro Jahr.

Aktuell gelangen über 9 Millionen Tonnen Kunststoff jährlich in die Ozeane auf der ganzen Welt. Thailand gehört mit China, Indonesien, den Philippinen und Vietnam zu den fünf Ländern, die zusammen für 60 Prozent der weltweiten Plastikabfälle verantwortlich sind. Thailands Plastikkonsum wuchs in den 1970er Jahren als die erdölchemische Industrie zu florieren begann. Thailands petrochemischer Sektor ist der zweitgrößte in Südostasien und rangiert weltweit auf dem 16. Platz. Laut dem Plastic Industry Club – einer gemeinnützige Organisation des öffentlichen und privaten Sektors, unter der Zuständigkeit der Vereinigungen der thailändischen Industrie und Akademikern zur Identifizierung nachhaltigerer Lösungen für den Plastikkonsum im Land – kommt Kunststoff in jeder Branche, vom Automobilsektor bis hin zur Verpackungsindustrie, in Thailand im Einsatz. Weniger diskutiert wird über die Industrien zur Herstellung von Gebrauchsgütern, wie der Automobilindustrie und dem Elektronikbereich, da die Güter hier eine längere Lebensdauer haben und es weniger Sorgen um den Verwertungsprozess gibt. Kurzlebige Plastikprodukte hingegen, wie Becher, Strohhalme und Taschen sind problematischer. Insgesamt ist die Verpackungsindustrie der Sektor mit dem höchsten Plastikeinsatz.

Trend der urbanen Mittelklasse

Arunee Srisuk, eine Frau Ende 40, sagt über Plastik: „Es unterstützt unseren schnellen Lebensstil, verbessert unsere Mobilität und steigert die Lebensmittelhygiene.“ Sie erinnert sich noch daran, wie ihr Leben nach der Einführung der Kunststofftechnologie bequemer wurde. Als Kind musste sie auf einmal kein Wasser mehr in einer schweren Glasflasche herumtragen. Arunee weist darauf hin, dass Kunststoff in den letzten Jahrzehnten für die Thais zu einer effizienten und hygienischen Lösung bei Lebensmitteln und beim Kochen geworden sei. Durch den gewandelten Lebensstil und die täglichen Pendlerwege der Menschen, die länger und häufiger wurden, wurde leichtes und vermeintlich bequem zu entsorgendes Plastik unabdingbar für den Alltag. Arunee gibt zu, dass sie bei spontanen Einkäufen zu Einweg-Plastiktüten greift.

Arunee, die vor 20 Jahren in der Schweiz studiert hat, meint der aktuelle Trend, Einweg-Plastik abzulehnen, sei eine Praxis der privilegierten Klasse in Bangkok: „Es ist ein Lebensstil der Idealisten, der Reichen“, sagt sie. Es sei fast ein Ritual innerhalb der Mittelschicht geworden mit zusätzlichen Stofftaschen, persönlichen Utensilien und Bambusstrohhalmen herumzulaufen. In den sozialen Medien zu teilen wie umweltfreundlich man geworden sei, indem man traditionelle Tiffin-Stapel-Träger zur Arbeit mitbringt, werde zum neuesten Trend.

Diese Menschen, so Arunee, sind vor allem aus der städtischen Mittelklasse, die entweder in Bangkok entlang der Stadtbahnlinien wohnt, oder mit dem Auto fährt. Diejenigen, die im Niedriglohn- oder Mindestlohnsektor arbeiten (zwischen 308-325 Baht/Tag, 8-9 Euro/Tag) und die auf unzuverlässige Transportmittel, wie öffentliche Busse, angewiesen sind, würden dem neuen Anti-Plastiktrend nicht folgen können. „Sie haben keine zusätzliche Zeit zu verlieren oder den Luxus, um all die Boxen oder Verpackungen, groß genug für ihren Einkauf von ganzen Hühnern oder Fischen und ein paar Bündeln Gemüse, vorzubereiten“, sagt Arunee.

Kaew Jaichum, eine Haushälterin in ihren 60ern, bestätigt diese Situation. Sie war eine der wenigen Haushälterinnen, die kostenlose, wieder verwendbare Lunchboxen und Becher erhalten haben, aber sich weigerten diese zu benutzen. „Ich kann mich nicht bemühen, mehr Zeug in meiner Tasche zu tragen, obwohl ich weiß, dass wir ermutigt werden keine Einweg-Plastiktüten zu verwenden“, gibt Kaew zu, während sie ihr Hemd, das sie an diesem Tag beim Reinigen von Häusern getragen hat, in eine Einweg-Tasche packt. Für sie ist diese Tüte immer noch notwendig, um das schmutzige Hemd von anderen persönlichen Gegenständen und Lebensmitteln in ihrer Tasche zu trennen. Von ihrer günstigen Wohnung in einem Randgebiet von Bangkok, etwa 30 Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt, nimmt Kaew in der Regel drei Busverbindungen zur Arbeit und verbringt rund fünf Stunden täglich in dem oft überfüllten Bus.

Yolo Plastikmüll Workshop: Untersetzer aus recyceltem Plastik © Sirinya Wattana

Yolo Plastikmüll Workshop: Untersetzer aus recyceltem Plastik © Sirinya Wattanasukchai

Fehlende Alternativen

Endverbraucher dazu zu ermutigen Plastiktüten abzulehnen, ohne eine angemessene Alternative zu bieten, könnte die falsche Strategie sein, sagt Getthip Hannarong, Gründer von und Partnerschaftsmanager bei Yolo Zero Waste Your Life – einem Start-up, das versucht, Menschen dabei zu helfen, durch Recycling und Wiederverwendung ein abfallfreies Leben zu leben. Anstatt den Menschen immer wieder zu sagen keine Plastiktüten zu verwenden, sagt Getthip, sollte die Regierung Einweg-Plastik sofort verbieten und gleichzeitig eine neue Option einführen, die umweltfreundlicher und langlebiger ist als die existierenden Wegwerf-Taschen und Boxen. „Man kann nicht einfach etwas verbieten ohne den Menschen eine alternative Option zur Verfügung zu stellen“, sagte Getthip. Wenn alle Einweg-Plastiktüten jetzt verboten würden, wäre es nicht für jeden möglich, Lunchboxen zu nutzen, um eine Mahlzeit zum Mitnehmen zu kaufen. Für die Essensverkäufer aber wäre es möglich, bessere Optionen zu nutzen, um ihr take-away-Essen zu verpacken, wenn diese von der Regierung zur Verfügung gestellt würden. Derzeit würden die Verbraucher aufgefordert ihren Plastikkonsum zu reduzieren und ihre eigene Mehrwegbehälter und -utensilien mitzubringen. Jedoch hätten weder die Regierung noch die Wirtschaft umweltfreundlichere Optionen angeboten, so Getthip.

Thailand ist sich seines unnötig hohen Anteils an Einweg-Plastikabfällen bewusst, der laut dem Ministerium für Meeres- und Küstenressourcen jedes Jahr über 300 Todesfälle seltener Meerestiere verursacht. Die Regierung hat das jedoch nur langsam zum Handeln veranlasst. Während eine Gruppe von Verbrauchern schon vor fast einem Jahrzehnt angefangen hat, Einweg-Plastik abzulehnen, hat sich das Kabinett erst im April 2019 auf den Fahrplan 2018-2030 für Abfallmanagement geeinigt. Eingebracht wurde die Initiative vom Ministerium für natürliche Ressourcen und Umwelt. Der Fahrplan soll einerseits die Reduzierung von Einweg-Kunstoff fördern und zum anderen dazu beitragen umweltfreundlichere Alternativen zu finden.

Yolo Plastikmüll Workshop: Bunte Flaschendeckel aus Plastik werden nach Farben sortiert, um sie zu recyceln © Sirinya Wattana

Yolo Plastikmüll Workshop: Bunte Flaschendeckel aus Plastik werden nach Farben sortiert, um sie zu recyceln © Sirinya Wattanasukchai

In der Zwischenzeit, besonders nachdem im Mai 2018 im Magen eines toten Grindwals 80 Plastiktüten gefunden wurden, hat das Ministerium mehrere Kampagnen gestartet und private Nutzer aufgefordert den Einsatz von Plastik zu reduzieren. Supermarktketten haben, im Rahmen ihrer Corporate Social Responsibility (CSR)- Projekte, angefangen, ihre Kunden mit Hilfe zusätzlicher Mitglieder-Treuepunkte dazu aufzufordern, ihre eigenen Einkaufstaschen mitzubringen. Eine der erfolgreichsten Kampagnen einer Lebensmittel-geschäftskette war das Versprechen, für jede Plastiktüte, die in einer ihrer Filialen von Konsument*innen abgelehnt wurde, 0,2 Baht an ein lokales Krankenhaus zu spenden. Bereits innerhalb weniger Monate ermöglichte die Kampagne es dem Unternehmen, im Januar 2019 die ersten 25 Millionen Baht zu spenden.

Acht Monate nach der Einführung der staatlichen Anti-Einwegplastik-Kampagne in verschiedenen Formaten, war eine Reduktion von 1,5 Milliarden Plastiktüten, circa 2.6 Tonnen, erreicht. Bis Ende dieses Jahres plant das Ministerium ein Verbot von Kunststoffverschlüssen, OXO-abbaubaren Kunststoffen und Mikroperlen. Bis 2022 sollen vier weitere Materialen, dünne Einweg-Plastiktüten, Styroporbehälter, Einwegstrohhalme und dünne Einweg-Plastikbecher, verboten sein.

Paradorn Chulajata, Vorsitzende des Plastic Industry Club, bekräftigt, dass Verbote nicht immer die Lösung seien. Dennoch wären die Reduzierung der Plastiknutzung und die Erschließung von länger nutzbaren Optionen als Ersatz für Wegwerf-Produkte richtige Schritte hin zu einer nachhaltigeren Nutzung von Kunststoff. Eine der Missionen des Plastic Industry Club ist es dabei zu helfen die Nutzung von Einweg-Plastik zu reduzieren und gleichzeitig die Menschen über Abfalltrennung aufzuklären, damit mehr Plastikmüll in das Recyclingsystem zurückgeführt wird.
Laut Paradorn sind von den 4 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen, die jedes Jahr in Thailand produziert werden, 1,9 Millionen Tonnen Einweg-Kunststoffe wie Strohhalme und Tüten. Nur etwa 400.000 Tonnen davon werden recycelt. 1,5 Millionen Tonnen werden auf Mülldeponien entsorgt. Von dem Müll, der außerhalb des Abfallmanagementsystems verbleibt, landen geschätzte 10.000 bis 30.000 Tonnen im Meer. Plastikmüll in den Recyclingprozess zu integrieren sei der einzige Weg, dies verhindern, so Paradorn.

Yolo Plastikmüll Workshop: Die Flaschendeckel werden in kleine Stückchen gehackt, um sie für die Weiterverarbeitung vorzubereiten © Sirinya Wattana

Yolo Plastikmüll Workshop: Die Flaschendeckel werden in kleine Stückchen gehackt, um sie für die Weiterverarbeitung vorzubereiten © Sirinya Wattanasukchai

Genau das ist es, was Getthip und ihr Start-Up versuchen zu erreichen: Der Kunststoffabfall soll in das Recyclingsystem zurück wandern, indem alle Arten von gebrauchtem Plastik wiederverwertet und manche in Designprodukte verwandelt werden. In vielen Ländern, darunter auch in Deutschland, darf eine Trinkflasche eine bestimmte Menge an recyceltem Kunststoff enthalten. Die Tatsache, dass recyceltes Plastik in Lebensmittelverpackungen, wie beispielsweise in Wasserflaschen, in Thailand nicht verwendet werden darf, führt dazu, dass Unmengen von Plastikmüll in etwas umgewandelt werden, was wir nicht unbedingt brauchen, wie Kunststoff-Eimer oder -Becken. So werden Berge von gebrauchten Sodaflaschen, mit bestimmten Farbschemata, zu etwas anderem recycelt, anstatt daraus wieder Sodaflaschen der gleichen Marke herzustellen.

Paradorn befürwortet die Wiederverwertung von Plastikflaschen. Sie sagt, der Plastic Industry Club habe versucht, die Regierung zu überzeugen, dass gebrauchte Wasserflaschen mit Hilfe fortschrittlicher Technologie zu neuen Flaschen in Lebensmittelqualität recycelt werden können. Paradorn meint, nicht Plastik sei das Problem, sondern der Über-Konsum. Es wäre besser, wenn die Verbraucher*innen versuchen würden, ihren Plastikkonsum zu reduzieren und gleichzeitig eine umweltfreundlichere Option angeboten bekämen.

Arunee und Chaiyuth stimmen zu, dass das Verbot von Plastik ein Thema für alle sein sollte, nicht nur für die Mittelschicht. Chaiyuth, der selbst erst seit ein paar Jahren wirklich ernsthaft versucht, ein Leben frei von Wegwerf-Plastik zu führen, versteht zwar auch die Rahmenbedingungen der Pendler*innen, wie Kaew. Dennoch wünscht er sich, jeder Mensch würde zumindest versuchen, die tägliche Nutzung von Kunststoff so weit wie möglich zu reduzieren.

Übersetzung aus dem Englischen von: Martin Lassak und Tamara Bülow.

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2 | 2019, Thailand,
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Plastikverbot – eine praktikable Lösung für alle?

Thailand: Seit den 1990er Jahren verbreiten sich Convenience Stores in rasantem Tempo und verändern das Konsumverhalten in dem Land. Was bei den Einen für einen modernen praktischen Lifestyle steht, ist für die Anderen ein weiterer Schritt in die Prekarisierung.

Nachdem sie ihren Korb geleert hat, nimmt die Frau in Angestelltenuniform eine tragbare Registrierkasse heraus, um eine Quittung für ihren Kunden auszustellen. Sobald die späte Essenslieferung erledigt ist, kehrt die uniformierte Frau an ihren Arbeitsplatz zurück.

Die Frau in Uniform arbeitet nicht für ein Restaurant oder einen Lieferservice, sondern für einen Convenience-Store im Herzen der Stadt Bangkok. Nach Eingang einer Bestellung über die App des Geschäfts holt das Personal die ausgewählten Gerichte, wärmt sie in der Mikrowelle auf, verpackt sie und liefert sie in ein Haus, das etwa 200 Meter von ihrem Geschäft entfernt liegt.

Das Versprechen vom einfachen Leben

„Das ist sehr bequem. Ich brauche keinen Fuß aus meinem Haus zu setzen“, sagt eine Kundin, Mitte 70, die hinter der Tür ihres zentral gelegenen Hauses steht und anonym bleiben möchte. Im Umkreis von 100 m befinden sich mindestens ein Lebensmittelgeschäft, zwei Cafés und zwei weitere 7-Eleven-Verkaufsstellen.

Die Frau gehört zu den Millionen, die den jüngsten urbanen Lebensstil genießen. Abgesehen von den Essensläden am Straßenrand, die über die ganze Stadt verstreut sind, können die Städter*innen einfach zu Fuß zu einem Convenience-Store gehen, der an jeder Ecke auftaucht, um ein zum Verzehr fertiges Essen und Getränk zu bekommen.

Wer in Bangkok und anderen thailändischen Städten einen Convenience-Store betritt, findet als Kund*in fast alles, was man sich vorstellen kann. Von Fertiggerichten bis zu frisch gebrühten Getränken oder von Snacks bis zu frischen Zutaten zum Kochen, von Körperpflegeprodukten bis zu Basismedikamenten. Viele Convenience-Stores bieten auch eine Essecke an. Auch Dienstleistungen wie Kreditkarten- oder Rechnungsbezahlung, Postdienste oder Fotokopien sind in vielen Filialen zu finden.

Das Leben ist scheinbar viel einfacher geworden: Fast alle oben genannten Artikel können mit wenigen Klicks über das Smartphone an die Haustür geliefert werden. Diese Art bequemen Lebensstils ist nach dem Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie üblicher geworden, da die Thailänder*innen dazu ermutigt wurden, von zu Hause aus zu arbeiten und nur für notwendige Strecken herauszugehen. Immer mehr Menschen haben sich zunehmend auf Essenslieferungen verlassen, und zwar durch Lieferserviceunternehmen, Restaurants und Convenience-Stores.

Convenience Stores so weit das Auge reicht

Die Convenience-Store-Kultur ist für Thailand nichts Neues. 7-Eleven war die erste Convenience-Store-Kette, die 1990 in dem Land ankam. Die Kette startete langsam und feierte 1998 ihre tausendste Filiale. Als sich die Menschen an einen neuen Lebensstil zu gewöhnen begannen, wuchs die Kette drastisch und hatte 2002 die zweitausendste Filiale und 2009 dann die fünftausendste. Im Jahr 2017 wurde die Zahl der Filialen verdoppelt. Derzeit verfügt die Kette landesweit über 10.268 Filialen, von denen sich 4.556 in Bangkok und in Randgebieten befinden. Das Unternehmen rühmt sich, dass täglich rund 11,8 Millionen Kund*innen seine Filialen besuchen.

Laut Stock Exchange of Thailand (SET) ist der Nettogewinn von CP All Plc, dem Betreiber von 7-Eleven, von 16,67 Milliarden Baht (ca. 416,7 Millionen Euro) im Jahr 2016 auf 19,9 Milliarden Baht (ca. 517,5 Millionen Euro) im Jahr 2017, 20,92 Milliarden Baht (ca. 544 Millionen Euro) im Jahr 2018 und 22,34 Milliarden Baht (ca. 670 Millionen Euro) im vergangenen Jahr gestiegen. Der Nettogewinn des ersten Quartals 2020 erreichte bereits 5,6 Milliarden Baht (ca. 153 Millionen Euro).

Eine weitere Marke, Family Mart, hat landesweit 1.040 Verkaufsstellen. Bis Mitte 2009 gab es landesweit 123 Filialen von Lawson 108 Convenience-Stores, die an Gebäude, Bahnhöfe und Tankstellen angeschlossen sind. Die Marke erwartete zu expandieren und bis Ende letzten Jahres 150 Filialen zu erreichen.

Während Lawson 108 für seinen verzehrfertigen Oden (japanischer Fischkucheneintopf) und andere japanische Lebensmittel bekannt ist, ist Family Mart für seinen frisch gebrühten Kaffee und Tee und 7-Eleven für seine große Auswahl an praktischen Artikeln des täglichen Bedarfs von Lebensmitteln bis hin zu Snacks und anderen Dienstleistungen bekannt.

Vor allem allein stehende Menschen nutzen das Angebot

Betrachtet man das Wachstum der Convenience-Stores in Thailand, so ist das Rund-um-die-Uhr-Geschäft, das veraltete Mom-and-Pop-Shops (Tante-Emma-Läden) ersetzt hat, zweifellos zu einem unverzichtbaren Lebensstil geworden.

„Wenn es ein 7-Eleven-Schild gibt, weiß ich, dass ich nicht verhungern werde“, sagt eine 39-jährige Büroangestellte, die es vorzog, nur Tai genannt zu werden. Als hingebungsvolle Kundin kauft Tai normalerweise alles, von Fertiggerichten bis zu Snacks und von Desserts bis zu Kochzutaten in einer Verkaufsstelle im Erdgeschoss ihrer Wohnung.

„Wenn mir nicht einfällt, was ich essen soll, gehe ich einfach in den Laden. Sie sind sehr kreativ, wenn es um Präsentation, Abwechslung und Portionierung geht“, sagt Tai, deren Mahlzeiten oft von der vielfältigen Präsentation der Convenience-Stores inspiriert sind, die für städtische Menschen, die oft allein leben, konzipiert sind.

Tai wählt manchmal ein Set mit gegrilltem Schweinefleisch und Klebreis in Vakuumverpackung zum Frühstück, eine Packung Mango-Scheiben mit Dip oder eine gegrillte Banane als Snack am Nachmittag. Alle oben genannten Produkte könnte man leicht auf der Straße finden, aber viele von ihnen werden in einer größeren Portion verkauft oder sind noch nicht fertig zum Verzehr. Die Produkte und Erzeugnisse in diesen Convenience-Stores sind gut verpackt, hygienischer und für eine Portion gemacht.

Dank der kleinen Portion, die für eine Person bestimmt ist, kann der Preis pro Einheit von Produkten in einem Convenience-Store höher sein. Aber die auf der Straße angebotenen Produkte werden oft in einer großen Portion angeboten, die ein oder zwei Personen nicht verzehren können. Eines der beliebtesten Produkte im Convenience-Store ist die Banane. Auf dem traditionellen Markt muss man eine Hand voll Bananen kaufen, die man kaum verzehren kann. Aber in Convenience Stores kann man einfach eine Banane für den täglichen Verzehr mitnehmen, ohne zu Hause einen ganzen Haufen lagern zu müssen.

„Alles ist für eine Person bestimmt, das ist perfekt für eine Single wie mich“, sagt Tai, die bereit ist, mehr zu bezahlen, damit sie am Ende nicht für den Teil bezahlt, den sie nicht aufessen kann.

Entfremdung von Nahrungsmitteln

Wie Millionen von Stadtbewohner*innen in Bangkok verbringt Tai viele Stunden bis spät abends bei der Arbeit. Aber sie hat mehr Glück als andere, die am Stadtrand wohnen und täglich zwei bis vier Stunden zwischen Wohnung und Arbeitsplatz pendeln müssen. Lange Arbeitszeiten im Büro und im Verkehr führen dazu, dass die Einwohner*innen Bangkoks nicht kochen können und meist auf Fertiggerichte angewiesen sind, die je nach Budget und Vorliebe entweder von einer/m Straßenverkäufer*in oder einem Convenience Store kommen.

In der Vergangenheit kauften die Menschen auf Märkten frische Waren ein. Sie lernten die Jahreszeiten der Lebensmittel kennen, wenn sie sorgfältig Gemüse von den Haufen auswählten. Sie kauften frischen Fisch, der nicht als Filet verpackt war, oder Teile von Schweinen oder Rindern, die nicht gewürfelt oder in Scheiben geschnitten waren.

Tai gehört zur jüngeren Generation, die in der Stadt aufwächst und am liebsten in einem klimatisierten Markt einkauft, wo die rohen Zutaten zum Kochen für ein oder zwei Personen abgepackt werden – Gemüse wird sauber verpackt, Fleisch fein geschnitten oder Fisch filetiert. Wie die Mehrheit der Stadtbewohner*innen kennt sie die Jahreszeiten der Produkte nicht oder weiß nicht, wie sich Dürre oder Überschwemmung auf die Produkte und andere Lebensmittel auswirken würde. Abgesehen von ihrer Lieblingsfrucht, der Durian, die um den April herum erhältlich ist, gibt Tai zu, dass die Jahreszeiten der Produkte oder der Meeresfrüchte außerhalb ihres Wissens liegen.

Nanthawat Rawangnam, ein anderer Stammgast, hat einen ähnlichen Lebensstil. Der 24-Jährige, der seit seiner College-Zeit fast jeden Tag Lebensmittel, Snacks und Desserts im 7-Eleven Convenience-Store kauft, sagt: „Ich mag es nicht, in einer langen Schlange und in der heißen Sonne auf das Mittagessen zu warten. Ich bin sicher, dass [die verpackten Tiefkühlprodukte] hygienischer sind als die aus dem [frisch gekochten] Straßenverkaufswagen“.

Menschen mit niedrigem Einkommen sind die Verlierer

Es braucht jedoch mehr als nur die Hitze Bangkoks, die unzureichende Hygiene der Garküchen und die zweckentfremdete Nutzung des öffentlichen Raums durch die Street-Food-Verkäufer*innen. Das Verbot von Street Food ist ein weiterer Faktor, der dem Convenience Store zum Wachstum verholfen hat. Seit 2015 hat die Stadtverwaltung von Bangkok (BMA – Bangkok City Hall) 508 Verkaufsstellen für Street Food in der gesamten Hauptstadt verboten. Mit Unterstützung des National Council of Peace and Order (NCPO) – der 2014 an die Macht gekommenen Regierung der Putschisten – begann die BMA 2015 mit dem Verbot von Street Food, um den öffentlichen Raum von ‚illegalen Straßenverkäufen’ zurückzuerobern und um ein ‚ordentlicheres und saubereres’ Erscheinungsbild zu erreichen. Als Grund für das Verbot wurde später die Verbesserung der Lebensmittelhygiene angegeben.

Von außen betrachtet schien die Maßnahme der Öffentlichkeit zu nützen. Tatsächlich aber schadete sie den Menschen vor Ort, vor allem Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die sich ein Essen in Kaufhäusern oder Restaurants nicht leisten können. Die Behörden hätten Vorschriften einführen können, um die Nutzung des öffentlichen Raums zu begrenzen und die Lebensmittelhygiene bei Straßenverkäufer*innen zu verbessern. Es war jedoch weniger kompliziert, ein generelles Verbot von allem Street Food durchzusetzen und nur zwei Orte – Chinatown und die Khaosan Road – in den Touristengebieten übrig zu lassen, was den Einheimischen tatsächlich sehr geschadet hat.

Es ist unbestreitbar, dass sich nach dem generellen Verbot von Street Food eine große Zahl von Städter*innen Convenience-Stores zuwendete, mit ihren Angeboten von Fertiggerichten, vom Mittag- oder Abendessen in der Mikrowelle über Desserts und Gebäck bis hin zu frisch gebrühtem Kaffee.

Thee M. arbeitete früher in der Gegend von Ploenchit, einem der Geschäftsbezirke der Stadt. Der Büroangestellte, Mitte 40, erzählt davon, wie einfach es war, Frühstück oder einen Nachmittagssnack von einem/r der Straßenverkäufer*innen vor seinem Bürogebäude zu bekommen.Doch da es im Herzen der Stadt schwieriger geworden ist, auf der Straße etwas zu essen zu finden, werden Leute wie Thee wegen des sich ändernden urbanen Lebensstils bald ihre Vorliebe aufgeben müssen. „Das pauschale Verbot hat mir keine andere Wahl gelassen, als Essen in einem dieser Convenience-Stores zu kaufen“, sagt Thee.

Übersetzung aus dem Englischen von: Dominik Hofzumahaus

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