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Globaler Müll, regionale Folgen – Die Plastikkrise in Südostasien

Plastikmüll, Editorial, Philippinen

© Lilli Breininger, alle Rechte vorbehalten

Liebe Leser:innen,

Plastik ist allgegenwärtig. Es verbirgt sich überall – in Verpackungen, Kleidung, Elektronik, Kosmetik und unzähligen Alltagsgegenständen. Seit Jahrzehnten steigt die weltweite Kunststoffproduktion kontinuierlich – und damit die Menge an Müll, die sie hinterlässt. Der größte Teil davon wird weder recycelt noch sicher entsorgt. Stattdessen landet Plastik auf Deponien, in Böden, in Flüssen und schließlich in den Meeren. Dort zerfällt es über sehr lange Zeiträume in immer kleinere Partikel, ohne jemals vollständig zu verschwinden. Die Folge: Mikroplastik findet sich heute in Fischen, Trinkwasser, Ackerböden, Gletschern – und im menschlichen Körper. Die globale Plastikkrise ist längst keine abstrakte Umweltfrage mehr. Sie ist eine soziale, politische und gesundheitliche Herausforderung von weltweiter Dimension, die uns alle betrifft.

Besonders sichtbar werden die Folgen in Südostasien. Flüsse wie der Mekong, der Pasig oder der Citarum transportieren jedes Jahr enorme Mengen Plastikmüll ins Meer. Taifune, Überschwemmungen und andere Extremwetterereignisse tragen weiteren Müll aus Städten, Deponien und Industriegebieten in die Umwelt. In vielen Regionen fehlt es an funktionierenden Entsorgungs- und Recyclingsystemen. Gleichzeitig steigt der Konsum von Plastikprodukten an – oft in Form von billigem Einwegplastik. Straßenstände, Lieferdienste und Supermärkte verkaufen ihre Ware vielerorts in Verpackungen, die nach kurzer Nutzung zu Abfall werden.

Doch die Ursachen der Krise liegen nicht allein in Südostasien. Ein erheblicher Teil des weltweiten Plastikmülls exportieren Ländern des globalen Nordens. Staaten wie Malaysia, Indonesien, Thailand oder Vietnam wurden in den vergangenen Jahren zu zentralen Zielorten internationaler Müllströme. Was in Europa oder Nordamerika als Recycling deklariert wird, endet nicht selten andernorts auf offenen Müllhalden, in informellen Sortieranlagen oder wird unter gefährlichen Bedingungen verbrannt.

Die ökologischen und gesundheitlichen Folgen tragen vor allem die Menschen, die am wenigsten von der globalen Konsumwirtschaft profitieren. Viele der größten Produzenten von Plastik und Einwegplastik sitzen im globalen Norden: Konzerne wie Nestlé, Coca-Cola, Unilever oder Procter & Gamble prägen von dort aus weltweit Konsum- und Verpackungssysteme. Ihre Produkte sind auch in Südostasien allgegenwärtig – häufig in kleinen Einwegportionen. Diese ‚Sachets‘ sind für viele Menschen erschwinglicher als größere Verpackungen, erzeugen aber enorme Mengen Müll.

Die Plastikkrise ist eng verbunden mit globalen Produktionsketten, wirtschaftlichen Interessen und politischen Entscheidungen. Die Verantwortung darf deshalb nicht allein bei Verbraucher:innen oder Kommunen liegen. Dennoch wird Müll häufig individualisiert: Menschen sollen nachhaltiger konsumieren, ihren Abfall trennen oder auf Plastik verzichten. Diese Maßnahmen sind wichtig, greifen aber zu kurz, wenn Unternehmen immer neue Plastikprodukte produzieren und vermarkten. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Plastikkrise muss deshalb die strukturellen Ursachen in den Blick nehmen: koloniale und neokoloniale Machtverhältnisse, ungleiche Verantwortung sowie die Rolle von Konzernen und Regierungen.

Es lohnt der Blick auf diejenigen, die bereits heute alternative Formen des Umgangs mit Ressourcen praktizieren. In vielen Teilen Südostasiens existieren informelle Recyclingnetzwerke, Reparaturkulturen und gemeinschaftsbasierte Initiativen zur Müllvermeidung. Müllsammler:innen, Straßenhändler:innen oder kleine Recyclingbetriebe leisten oft unsichtbare Arbeit, die ganze Städte am Funktionieren hält. Es entstehen Projekte der Kreislaufwirtschaft, lokale Initiativen zur Müllvermeidung (Zero-Waste) oder Bewegungen gegen Plastikimporte und Umweltverschmutzung.

Auch historische Perspektiven eröffnen wichtige Fragen: Welche Materialien und Verpackungsformen nutzten Menschen regional, bevor Einwegplastik den Alltag dominierte? Welche nachhaltigen Praktiken gibt es oder gab es, bevor koloniale Handelsstrukturen, Industrialisierung und globale Konsummuster sie verdrängten?

Seit 2022 verhandeln die Vereinten Nationen über ein globales und rechtsverbindliches Plastikabkommen. Im Zentrum steht die Frage, wie Plastikproduktion reduziert, Recycling verbessert und Kreislaufwirtschaft aufgebaut werden kann. Auch wenn die bisherigen Verhandlungen konfliktreich verlaufen und wirtschaftliche Interessen ambitionierte Maßnahmen bremsen, zeigen sie doch: Die Plastikkrise ist zu groß geworden, um sie weiter als lokales Entsorgungsproblem zu behandeln.

Vor diesem Hintergrund richtet diese Ausgabe der südostasien den Blick auf Müll, Plastik und Entsorgung in der Region. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, Infrastrukturen und Machtverhältnisse entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Produktion und Konsum über Sammlung und Recycling bis hin zu politischen Aushandlungen und sozialen Kämpfen. Wir möchten die komplexen Verflechtungen der globalen Plastikkrise sichtbar machen. Außerdem zeigen wir Ansätze, die ökologisch tragfähig, sozial gerecht und langfristig wirksam sind. Die hier gesammelten Artikel sehen wir als Beitrag zum weiteren Austausch. Bis zum Oktober erweitern wir die Artikelserie fortlaufend.

Anica, Lilli, Miriam, Mirjam und Tiffany

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Die Autor:innen

  • Anica Peters studiert Politikwissenschaft und Sociocultural Anthropology an der Universität Heidelberg. Ihr Schwerpunkt liegt in den Internationalen Beziehungen sowie der Vergleichenden Analyse politischer Systeme, mit besonderem Fokus auf die Philippinen. Thematisch beschäftigt sie sich mit Fragen der Demokratisierung, innerstaatlicher Konflikte, Diaspora und Heritage, nachhaltiger Entwicklung sowie der Auseinandersetzung mit Rassismus in Deutschland.

  • Die Autorin ist Ethnologin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V.

  • Nachdem Miriam Stadler 2023 ihr Abitur am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Köln gemacht hatte, war sie von September 2023 und bis April 2024 als MISEREOR-Freiwillige in Dili, Timor-Leste, um dort als Assistenzlehrerin Englisch zu unterrichten.

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

  • Tiffany Joy Schlaug ist deutsch-philippinischer Herkunft und Masterstudentin im Fach Geografie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Sie engagiert sich sowohl im Studium als auch darüber hinaus vielfältig mit Themen wie Antirassismus, dekoloniale Perspektiven, Klima und Umweltgerechtigkeit. Im Jahr 2024 unterstützte sie Greenpeace Philippinen bei ihrer Kampagne gegen Einwegkunststoffe wie Sachets und schrieb ihre Abschlussarbeit zu diesem Thema.

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