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Editorial südostasien 1/2019: Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken

Arbeiterinnen protestieren gegen die Schließung ihrer Fabrik in West-Java, Indonesien, Januar 2019 © GSBI Sukabumi

Arbeiterinnen protestieren gegen die Schließung ihrer Fabrik in West-Java, Indonesien, Januar 2019 © GSBI Sukabumi

Eine vor kurzem veröffentlichte Studie des Asia Monitor Resource Centre (2017) nannte Asien den „Kontinent der Arbeit“ – eine Charakterisierung, die insbesondere auch auf Südostasien zutrifft. Die erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung der Region beruht auf der Expansion der Kapitalbeziehungen und der fortdauernden Proletarisierung ihrer Bevölkerung. Allerdings bleibt die „Arbeiter*innen-Seite“ des „Wirtschaftswunders“ in Südostasien gewöhnlich verborgen. Abgesehen von der gelegentlichen Erwähnung größerer Streikbewegungen wird die Arbeiter*innenschaft als Klasse und kollektiver Akteur in politischen Analysen der Region nicht berücksichtigt. Dies trifft auch auf politische Aktivist*innen und eine Zivilgesellschaft zu, die seit einigen Jahrzehnten „Klasse“ als analytische Kategorie und kollektive Kämpfe der arbeitenden Klasse als strategisches Element heruntergespielt haben.

Diese Ausgabe der südostasien soll dazu beitragen, diesen Zustand zu berichtigen; einerseits durch die Darstellung von Lebenswirklichkeiten und Kämpfen der arbeitenden Klasse, andererseits durch die Betonung ihrer Bedeutung für den sozialen und politischen Wandel in Südostasien. Wir verstehen dabei die arbeitende Klasse und die Arbeiter*innenbewegung in breitem Sinn, d.h. als Lohnarbeitende in der Industrie, im Dienstleistungsbereich und in der Landwirtschaft. Es geht also um Arbeiter*innen und Angestellte in formaler wie informeller Beschäftigung und um ihre tagtäglichen („unorganisierten“) Kämpfe, die Gewerkschaftsbewegung sowie damit verbundene zivilgesellschaftliche Organisationen und politische Parteien.

Südostasien liegt bekanntlich zwischen China und Indien und diese geographische Lage hat auch die kulturelle, politische und wirtschaftliche Geschichte der Region geprägt. Auch mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen von Arbeiter*innenbewegungen liegt Südostasien zwischen den beiden Giganten. In Indien ist eine legale Organisierung in Gewerkschaften und Parteien weitgehend möglich. Gleichzeitig sind sehr viele Arbeiter*innen im riesigen informellen Sektor beschäftigt. Trotzdem fanden hier 2018 und 2019 die größten Generalstreiks der Geschichte gegen die repressive Arbeitsmarktpolitik der Modi-Regierung statt. In China hingegen gibt es kaum eine Möglichkeit, neben den offiziellen Staatsgewerkschaften offen zu organisieren. So verlagern sich Proteste in den Untergrund, u.a. in Wellen von wilden Streiks, an denen sich in den letzten Jahren Millionen von Arbeiter*innen – häufig auch Binnenmigrant*innen – beteiligt haben.

Auch Südostasien hat in den letzten Jahren große Streikbewegungen gesehen: der Streik der Textilarbeiterinnen 2013/14 in Kambodscha, die militanten Generalstreiks 2011 und 2013 in der Industrieregion JABOTABEK in Indonesien, oder die Welle von wilden Streiks 2006-2011 in Vietnam. Auch in Südostasien müssen sich Arbeiter*innenbewegungen den Herausforderungen des informellen Sektors und der prekären Beschäftigung stellen. Auch hier stellen die besonderen Schwierigkeiten, denen Migrant*innen ausgesetzt sind, Gewerkschaften vor neue Probleme. Und auch hier – in Südostasien – ist die Organisierung im Untergrund oftmals die einzige Möglichkeit, auf zunehmende Repression zu antworten.

Ein Rätsel und auch eine große Schwäche über die ganze Region hinweg ist das Fehlen einer politischen Formierung der Arbeiter*innenbewegung über ökonomische Forderungen und gewerkschaftliche oder ähnliche Organisationsformen hinaus. Dies kontrastiert deutlich mit der Geschichte der anti-kolonialen Bewegungen, bei der die Arbeiter*innenbewegung oft eine wichtige Rolle spielte. Dies drückte sich u.a. in der Entstehung politisch einflussreicher, kommunistischer Parteien aus. Es änderte sich spätestens in der post-kolonialen Phase, als neue Eliten sich daran machten, starke Nationalstaaten zu bilden. Entweder wurden die kommunistischen Parteien unterdrückt/physisch ausgelöscht wie in Indonesien, Malaysia oder Thailand. Oder sie wandelten sich in nationalistisch-kapitalistische Parteien um, die ihre eigene arbeitende Klasse ausbeuteten und unterdrückten wie in Kambodscha und Vietnam – von Sonderentwicklungen wie in den Philippinen abgesehen. Von diesen Niederlagen haben sich die Arbeiter*innenbewegungen vor allem politisch noch immer nicht erholt.

Spätestens in den großen Demokratiebewegungen Ende des letzten Jahrhunderts gingen wieder Hunderttausende von Arbeiter*innen auf die Straße und konnten Diktaturen stürzen und neue Freiheiten in der betrieblichen und gewerkschaftlichen Organisierung erkämpfen. Doch sind daraus keine starken neuen politischen Organisationen entstanden, sondern allenfalls erste Ansätze dazu. Stattdessen wird die politische Arena nach wie vor von Parteien dominiert, die den Staatseliten, Konglomeraten oder einflussreichen Familienclans gehören. Führende Labour-Aktivist*innen verbünden sich dann oftmals mit der einen oder anderen Fraktion dieser Eliten – oft mit neuen autoritären Führern wie Duterte in den Philippinen, den Monarchisten in Thailand oder Prabowo in Indonesien – mit verheerenden Konsequenzen.

Was in dieser Ausgabe der südostasien aber auch deutlich wird, ist die Vielzahl und Vielfalt der Kämpfe von Arbeiter*innen in der ganzen Region. Allein die große Anzahl von Artikeln und Autor*innen – darunter auch viele Labour-Aktivist*innen aus Südostasien – ist ein Indiz für die Allgegenwärtigkeit von Kämpfen der arbeitenden Klasse. Diese Kämpfe sind widersprüchlich und müssen sich mit Prekarisierung, Repression und politischer Strategie auseinandersetzen. Das Proletariat marschiert nicht einfach von Sieg zu Sieg. Aber es entsteht eine Art „neue Klassenpolitik“ und in diesen vielen alltäglichen Auseinandersetzungen und durch viele – kleine und große – Erfolge sowie Niederlagen wachsen neue Arbeiter*innenbewegungen in der Region heran. Watch this space!

Wir danken allen an dieser Ausgabe Beteiligten sehr herzlich! Auch für die kommende Ausgabe zum Thema Plastik & Plastikmüll freuen wir uns über Artikelvorschläge. Hier geht´s zum call for paper (Download: deutsch/englisch/indonesisch).

Oliver Pye, Nantawat Chatuthai, Michaela Doutch, Andrea Höing, Fahmi Panimbang und Jörg Schwieger.

 
zur Ausgabe
 

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Die Autor:innen

  • Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Nantawat Chatuthai promoviert über thailändische Politik am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Michaela Doutch promoviert über die kambodschanische Arbeiter*innenbewegung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Andrea Höing ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn und Mitglied der AG Ressourcen und des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus.

  • Fahmi Panimbang ist Aktivist in Indonesien und Herausgeber vom Buch Resistance on the Continent of Labour: Strategies and Initiatives of Labour Organizing in Asia, AMRC, 2017. Er koordinierte ein regionales Forschungsprojekt zur Unterstützung des Kampfes von Samsung Arbeiter*innen und veröffentlichte die Studie (Labour Rights in High Tech Electronics: Case Studies of Workers’ Struggles in Samsung Electronics and its Asian Suppliers. AMRC, 2013).

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 1/2019: Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken

Südostasien: Zum Tag der Arbeit am 1. Mai sind die Menschen in vielen Ländern Südostasiens auf die Straßen gegangen. Die diesjährigen Proteste waren vor allem getragen von linkeren Gewerkschaften und Parteien. Aktivist*innen aus unserem Netzwerk waren vor Ort und gewähren anhand von Bildern, die sie direkt über Whatsapp verschickt haben, interessante Einblicke in die Akteure und Themen der Arbeiter*innenbewegungen in Südostasien.

 

Die 1. Mai-Proteste sind in Südostasien in diesem Jahr recht klein ausgefallen: Hunderte von Teilnehmer*innen oder höchstens Tausende. Noch 2013 – im Kontext des Generalstreiks gegen Prekarisierung – demonstrierten über hunderttausend Menschen in Jakarta am Tag der Arbeit. Auch in Kambodscha und Thailand gab es noch vor einigen Jahren Demonstrationen mit Tausenden und Zehntausenden von Arbeiter*innen. Ohne größere Kämpfe und auf Grund der zunehmenden Repression sind die May-Day-Proteste dieses Jahr eher von linkeren Gewerkschaften und Parteien getragen. Die Bilder zeigen trotzdem interessante Einblicke in die Akteure und Themen der Arbeiter*innenbewegungen in Südostasien. Sie sind am 1. Mai von Aktivist*innen aus unserem Netzwerk direkt mit Whatsapp verschickt worden. Darunter leidet manchmal die Pixelzahl, aber sie macht deutlich, dass eine globalisierte Kommunikation innerhalb der Arbeiter*innenbewegung heute schnell möglich ist.

Thailand

Die 1. Mai-Demonstration 2019 wurde wieder in Kooperation mit dem Militärregime veranstaltet. Sie fand nur wenige Tage vor der Krönung des neuen Königs statt. Deshalb sollten alle Thais, auch die Arbeiter*innen am 1. Mai, gelb tragen. Interessanterweise wird die Demonstration dadurch farblich eine Mischung aus gelb und rot – weil die Forderungen für höhere Löhne und Mindestlöhne, für soziale Absicherung und Gesundheitsversicherung meist auf roten Plakaten und Transparenten vorgetragen werden. Darunter mischten sich aber auch Junta-kritische Positionen, z.B. von der Textilarbeitergewerkschaft und vom Labour Congress of Thailand. Diese durften mitdemonstrieren, wurden aber am Ende nicht in das Stadion gelassen, wo Militärdiktator Prayuth seine Rede hielt. Dazu meint die Arbeiteraktivistin Patchanee Kumnak, die uns die Bilder geschickt hat: „Wir wollen seine Rede sowieso nicht hören.“

Kambodscha

In der Hauptstadt Phnom Penh fanden die zwei größten Veranstaltungen zum 133. internationalen Tag der Arbeit statt. Hier kamen mehrere hundert Teilnehmer*innen zu 1. Mai-Demonstrationen zusammen.

Geschätzt 500 Menschen versammelten sich im (neuen) Freedom Park. Hier wurden jedoch ausschließlich Kundgebungen abgehalten, da Protestmärsche durch die Stadt – wie bereits in den Jahren zuvor – nicht erlaubt waren. Zu groß scheint nach wie vor die Angst vor größeren Protestmärschen durch die Stadt und zu stark scheinen noch die Erinnerungen an den letzten großen Generalstreik der Textilarbeiter*innen im Jahr 2013/2014 zu sein.

Mehrere Hundert Menschen schlossen sich auch der Parallelveranstaltung am Rat für Entwicklung in Kambodscha (The Council for the Development in Cambodia, CDC) an. Ein geplanter, längerer Protestmarsch zur Volksversammlung konnte auch hier nicht durchgeführt werden. Nur ein kleiner, kurzer Protestzug um den Tempel Wat Phnom wurde hingenommen und war für dieses Jahr schon Zugeständnis genug – natürlich nur in Anwesenheit von Sicherheitskräften.

Insgesamt nahmen jedoch weit weniger Menschen an den 1. Mai-Demonstrationen in Phnom Penh teil als erwartet. So waren es auch insgesamt weniger Teilnehmer*innen als in den Jahren zuvor. Laut unseren Kontakten vor Ort war ein zentraler Grund, dass viele Textilarbeiter*innen, die den Großteil der Arbeiter*innenklasse in Kambodscha ausmachen, trotz des Feiertages arbeiten gingen, um die damit verbundenen und oftmals vom Arbeitgeber versprochenen höheren Ausgleichszahlungen (Boni) erhalten zu können. Auf die Boni sind viele Arbeiter*innen angewiesen, um überhaupt ihre Ausgaben zum (Über-) Leben decken zu können (vgl. den Artikel von Patrick Lee in dieser Ausgabe).

Malaysia

Nur um die 500 Menschen folgten 2019 in Kuala Lumpur dem Ruf des May-Day-Komittees, das aus verschiedenen Organisationen wie der Socialist Party of Malaysia (PSM) und Einzelpersonen zusammengesetzt ist. Die Erklärung des 1. Mai hatte 20 Forderungen, u.a. die Erhöhung des Mindestlohns, das Ende von Diskrimminierungen, Rechte für Arbeitsmigrant*innen und ein Ende der Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen.

Myanmar

Die 1. Mai-Proteste sind dieses Jahr in Myanmar klein ausgefallen. Stattdessen versammelten sich Arbeiter*innen aus den Industriezonen zu größeren Versammlungen, um sich auszutauschen und den Tag politisch zu feiern.

Indonesien

Die 1. Mai-Demonstrationen in Indonesien 2019 wurden hauptsächlich von den progressiveren, linken Gewerkschaftsföderationen veranstaltet. Die in der Neuen Ordnung (Zeit der Suharto-Diktatur) gegründete SPSI und die eher sozialdemokratische SBSI haben, statt zu demonstrieren, vorwiegend zusammen mit der Regierung und Unternehmerverbänden Versammlungen und verschiedene Freizeitaktivitäten wie Marathons oder Kochwettbewerbe organisiert. KSPI, in der die Metallgewerkschaft stark ist, hat den rechtsnationalen Präsidentschaftskandidat Prabowo zu seiner Versammlung eingeladen. Bei den Protesten in Jakarta nahmen verschiedene linkere Gewerkschaften – aber auch lokale Gruppen der Mainstream-Gewerkschaften – an Versuchen teil, zum Palast des Präsidenten vorzudringen, der aber durch einen Großaufgebot der Polizei abgesperrt war. Auch die entlassenen Freeport-Arbeiter waren dabei (vgl. Artikel von Tri Puspital und Andrea Höing in dieser Ausgabe). In vielen anderen Städten wie z.B. Makassar gab es Demonstrationen. In Bandung kam es zu Auseinandersetzungen bei denen 600 Menschen verhaftet wurden.

Philippinen

Landesweit beteiligten sich laut Angaben von gewerkschaftlicher Seite und Presseberichten zufolge 50.000 Filipin@s an den Mai- Kundgebungen in den größeren Städten des Landes – unter anderem in Bacolod, Cebu, Calamba, Davao und Manila. Allein aus der Hauptstadt Manila wurde von 30.000 Kundgebungsteilnehmer*innen berichtet.

Zentrale Forderungen auf Bannern, Plakaten und in Reden waren die Erhöhung des gesetzlichen Mindeslohns von derzeit 537 Peso pro Tag auf 750 Peso pro Tag landesweit (also 12,90 Euro statt bisher 9,25 Euro pro Arbeitstag) sowie die überfällige Verabschiedung eines seit 12 Monaten anhängigen Gesetzes zur Eindämmung und drastischen Beschränkung von Kontraktarbeitsverhältnissen und Leiharbeit.

Fotos vom 1. Mai 2019 erreichten die Redaktion aus Manila und Bacolod.

 

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Die Autor:innen

  • Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Nantawat Chatuthai promoviert über thailändische Politik am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Michaela Doutch promoviert über die kambodschanische Arbeiter*innenbewegung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Andrea Höing ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn und Mitglied der AG Ressourcen und des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus.

  • Fahmi Panimbang ist Aktivist in Indonesien und Herausgeber vom Buch Resistance on the Continent of Labour: Strategies and Initiatives of Labour Organizing in Asia, AMRC, 2017. Er koordinierte ein regionales Forschungsprojekt zur Unterstützung des Kampfes von Samsung Arbeiter*innen und veröffentlichte die Studie (Labour Rights in High Tech Electronics: Case Studies of Workers’ Struggles in Samsung Electronics and its Asian Suppliers. AMRC, 2013).

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 1/2019: Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken

Indonesien: Der Palmölboom passiert nicht nur einfach, er wird gemacht. Das Zusammenspiel von Staat und Kapitalinteressen analysiert das Buch „Der Palmölboom in Indonesien“. Seine These: Ausgerechnet die Dezentralisierung nach dem Rücktritt Suhartos hat die Verbreitung von Palmöl begünstigt

Wer sich mit Essen und Südostasien auseinandersetzt, kommt am Thema Palmöl nicht vorbei. Durch die Politisierung dieses Öls weiß jetzt fast jede*r, dass es in unzähligen Lebensmitteln verarbeitet ist und zum Beispiel für die Produktion von Fertiggerichten wie Eis, Pizza oder Kuchen eine dominante Stellung eingenommen hat. Trotz der großen Aufmerksamkeit, die Palmöl aufgrund der damit assoziierten Zerstörung der Regenwälder in Indonesien genießt, gibt es nur wenige deutschsprachige Bücher, die sich genauer mit dieser Industrie auseinandersetzen. Der Palmölboom in Indonesien von Alina Brad füllt daher eine Lücke.

Der Untertitel des Buchs beschreibt zutreffend seinen Fokus: die politische Ökonomie einer umkämpften Ressource. Brad analysiert den Palmölboom im Kontext der historischen und politisch-ökonomischen Entwicklung Indonesiens: als Folge sowohl der langen Herrschaft Suhartos als auch der Dezentralisierung nach seinem Rücktritt 1998. Damit stellt sie den Entwicklungsdiskurs des Mainstreams in Frage, der den Boom als Ergebnis der biologischen Eigenschaften der Ölpalme (‚ertragreich’) und einer globalen Nachfrage (‚bestimmt das Angebot’) erzählt. In diesem Buch wird deutlich: der Palmölboom ist ein politisches Projekt, das machtpolitisch eng mit Militär, Kapital und Staat in Indonesien zusammenhängt.

Machtstrukturen bestimmen den Umgang mit der Natur

Die Autorin kommt aus der regulationstheoretischen Schule von Uli Brand, Christoph Görg und Marcus Wissen, die mit der Theorie der „gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ arbeiten. Diese geht von einem dialektischen Vermittlungszusammenhang zwischen Gesellschaft und Natur aus, der maßgeblich von gesellschaftlichen und ökonomischen Machtstrukturen bestimmt wird. Staatliche Regulation findet als Ergebnis von Auseinandersetzungen zwischen gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen statt, die sich in verschiedenen Institutionen verdichten.

Aus dieser Perspektive zeigt Brad die Entstehung der Palmölindustrie in der Zeit der Neuen Ordnung [Suharto-Diktatur 1965 – 1998]. Große Konglomerate, die unter Suharto mächtig geworden sind, dominieren den Palmölsektor bis heute. Hinzu kommen große malaysische Unternehmen wie Wilmar, sowie eine rege Beteiligung ausländischer Banken und internationaler Finanzinstitutionen wie der Weltbank. Mit der Schaffung eines globalen Marktes für Agrotreibstoffe entstand eine regelrechte Goldgräberstimmung, die die Expansion vorantrieb. So führte der Rücktritt Suhartos 1998 nicht zum Ende sondern zur Intensivierung des ‚extraktivistischen Entwicklungsmodels’.

Verflechtungen von Staat und Kapital

Der Boom findet nicht einfach statt, sondern er wird gemacht. An verschiedenen Stellen im Buch wird deutlich, dass die Kräfteverhältnisse im Staatsapparat zugunsten des Kapitals ausfallen. Ob bei der gezielten Zurückdrängung des traditionell verwendeten Kokosöls (vgl. Artikel Die Kokospalme – eine aussterbende Art? auf suedostasien.net) oder beim staatlich subventionierten Ausbau der Agrotreibstoffindustrie – Palmöl wird als Entwicklungsmodell gefördert. Besonderes Augenmerk legt das Buch aber auf diese Verflechtungen zwischen Staat und Kapitalinteressen bei der Gestaltung der territorialen Expansion der Industrie. Brad verwendet hier den Begriff der „Territorialisierung“ und meint damit die räumlichen Strategien, die von staatlichen Institutionen entwickelt werden, um Naturressourcen und Menschen zu kontrollieren und zu regulieren. Wenn also mehr Plantagen angelegt werden, dann ist das nicht nur eine Vergrößerung von Fläche, sondern diese Plantagen werden mit Hilfe von Eigentums- und Zugangsrechten, Landgesetzen, Raumplanungen und Umweltverordnungen durchgesetzt.

Die palmölverknüpfte Territorialisierung hat dabei zwei Momente, die in Zusammenspiel zu einer spezifischen, räumlichen Ausprägung der „Verdichtung von Kräfteverhältnissen“ führen. Zum einen kontrolliert der Staat seit der holländischen Kolonialzeit zentral die Land- und vor allem Waldressourcen. Auch heute noch hat der Staat das Sagen über 70% des Grund und Bodens in Indonesien. Zum anderen kam es im Zuge von reformasi [politische ‚Öffnung’ nach Ende der Diktaturzeit] zu einer Dezentralisierung der Lizenzvergabe an die bupati, die Vorsteher der jeweiligen Regierungsbezirke, was diese nutzten, um lukrative Deals mit Palmölunternehmen einzugehen. Eine Stärke des Buches ist die genaue Analyse der landrelevanten Gesetze sowie der Widersprüche zwischen verschiedenen Verwaltungsinstitutionen und -einheiten.

Fallbeispiel: Batin Sembilan in Jambi

Als Fallbeispiel für diese Territorialisierung dient die ethnische Gruppe der Batin Sembilan in Jambi auf Sumatra. Während der Suharto-Zeit hat ein Plantagenunternehmen des Militärs das traditionelle Land [Adat-Land] dieser indigenen Gruppe für die Palmölproduktion enteignet. Zwar konnten die Batin Sembilan nach 1998 die Rückgabe ihres Territoriums fordern. Doch mit der Liberalisierung des Sektors übernahm der transnationale Konzern Wilmar die Plantage und nutzte seinen Einfluss auf die lokale Regierung auf der Landkreis-Ebene, um die Gruppe zu spalten. Der Konflikt eskalierte, als die paramilitärische BRIMOB eingesetzt wurde, um Bauern aus dem Gebiet zu vertreiben. Danach verkaufte Wilmar die Plantage erneut, um sein Image beim Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) des WWF nicht zu gefährden. Die Landnahme wird nun von anderen – nicht zertifizierten – Firmen weiterbetrieben.

Eine gute Einführung auf wissenschaftlichem Niveau

Zusammen mit dem Buch Umkämpfte Natur: Politische Ökologie der Palmöl- und Agrarstreibstoffproduktion in Südostasien von Melanie Pichler ist Der Palmölboom in Indonesien eine der besten deutschsprachigen Einführungen zum Thema Palmöl. Das Buch ist das Ergebnis einer Doktorarbeit, die auf Forschung in Indonesien, vor allem in Jambi, beruht. Das Niveau ist entsprechend hoch. Wer eine anspruchsvolle und sozialkritische Analyse bekommen möchte, ist hier genau richtig. Dazu kommt, dass das Buch als open source- Veröffentlichung zum Herunterladen bereitsteht, auch kapitelweise.

Wer sich für eine theoretische Diskussion von Natur und Raum interessiert, dem sei Kapitel 2 besonders empfohlen. Wer die geschichtliche und rechtliche Entwicklung der Landgesetzgebung nachlesen möchte, kann Kapitel 3 dazu nehmen. Sonst kann man aber auch direkt das Kapitel zur Politischen Ökologie des indonesischen Palmölbooms herunterladen, das die Verflechtung zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung bei der Territorialisierung der Palmölproduktion analysiert.

Rezension zu: Alina Brad. Der Palmölboom in Indonesien. transcript Verlag, 2019, 206 Seiten.

Zum Weiterlesen:

Die Autor:innen

  • Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Nantawat Chatuthai promoviert über thailändische Politik am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Michaela Doutch promoviert über die kambodschanische Arbeiter*innenbewegung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Andrea Höing ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn und Mitglied der AG Ressourcen und des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus.

  • Fahmi Panimbang ist Aktivist in Indonesien und Herausgeber vom Buch Resistance on the Continent of Labour: Strategies and Initiatives of Labour Organizing in Asia, AMRC, 2017. Er koordinierte ein regionales Forschungsprojekt zur Unterstützung des Kampfes von Samsung Arbeiter*innen und veröffentlichte die Studie (Labour Rights in High Tech Electronics: Case Studies of Workers’ Struggles in Samsung Electronics and its Asian Suppliers. AMRC, 2013).

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 1/2019: Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken

Diese Schwerpunktausgabe zum Thema sexualisierte Gewalt in Südostasien wurde durch die #MeToo Bewegung inspiriert – eine Bewegung, in der nicht Gewalt gegen Frauen, sondern der Widerstand dagegen in den Vordergrund rückt. Wir freuen uns daher besonders, dass der Launch der Ausgabe mit einer Reihe von Interviews mit Feminist*innen aus Südostasien beginnt, die sich in sehr unterschiedlicher Weise für die Aufarbeitung und für ein Ende von sexualisierter Gewalt einsetzen. In den nächsten drei Monaten werden diesen ersten Artikeln noch zahlreiche weitere folgen.

Schätzungsweise jede dritte Frau in Indonesien hat sexuelle Gewalt oder Belästigung erfahren, ähnliches gilt für andere Länder Südostasiens. Meist sind die Täter bekannt – es sind Ehemänner und Männer aus dem Freundeskreis und der Verwandtschaft. Oft fängt das Problem damit an, dass es keine gleichberechtigte und offene Kommunikation über Sexualität in der Partnerschaft gibt, wie Wiphaphan Wongsawang von thaiconsent in dieser Ausgabe erläutert. Diese Gewalt im Alltag ist eingebettet in patriarchale ökonomische und politische Strukturen – wie dem Militär – die dominante Männlichkeit strukturell fördern und Männern die Macht über andere geben. Sie wird flankiert von einer organisierten, sexuellen Ausbeutung von Frauen durch Menschenhandel und in der Prostitutionsindustrie.

Bis in die jüngste Gegenwart hinein waren Frauen in Südostasien immer wieder in großem Ausmaß kriegsbedingter sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Eine feministische Frauenrechtsorganisation, die seit vielen Jahren zum Thema sexualisierte Gewalt in Kriegen und Konflikten und ihren Folgen arbeitet und sich solidarisch für Überlebende engagiert, ist medica mondiale. Über Karin Griese, Leiterin des Bereichs Trauma-Arbeit, ist die Expertise von medica mondiale in diese Schwerpunktausgabe eingeflossen.

Gesellschaftlich verankerte, sexistische und rassistische Gewalt gegen Frauen spitzt sich im Konfliktkontext drastisch zu, was nachhaltige Folgen mit sich bringt. So wurden viele der heute sichtbaren Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen gefördert durch die unfassbaren Formen von Gewalt in den vielen Kriegen und Diktaturen, die die Region über Jahrzehnte geprägt haben. Die japanische Besetzung während des Zweiten Weltkriegs, der amerikanische Krieg in Vietnam, die Massenmorde in Indonesien 1965, die Terrorherrschaft der Khmer Rouge in Kambodscha, der jahrzehntelange Bürgerkrieg in Myanmar und viele weitere Kriege und Gewaltregime. In all diesen Konflikten wurde sexualisierte Gewalt gegen Frauen – und zum Teil auch gegen Männer – als Kriegsmittel systematisch eingesetzt, sexuelle Ausbeutung und Vergewaltigungen gefördert oder toleriert.

Wie in vielen anderen Ländern wird die sexualisierte Gewalt in diesen Kriegen und Terrorherrschaften meistens verschwiegen oder tabuisiert. Überlebende und ihre oft unter Gewalt gezeugten Kinder wurden stigmatisiert und sozial ausgegrenzt. Ähnliches war im Kontext des Zweiten Weltkriegs in den deutsch besetzten Gebieten und auch in Deutschland selbst zu beobachten, wo Überlebende sexualisierter Gewalt durch die Wehrmacht, SA und SS und Truppen der Alliierten jahrzehntelang nicht darüber sprechen konnten, was ihnen widerfahren ist. Darauf weist medica mondiale in ihrer aktuellen Kampagne „Niemals nur Geschichte“ anlässlich 75 Jahren Kriegsende in Europa und Asien hin.

Viele der Interviews und Artikel in dieser Ausgabe zeugen davon, dass es mittlerweile Frauen und Bewegungen gibt, in fast jedem Land Südostasiens, die das Tabu brechen und aktiv werden, um Gerechtigkeit einzufordern. Gerade in Indonesien haben sich viele Überlebende zusammengetan, um offen über die Vergewaltigungen und Gräueltaten des Suhartoregimes zu sprechen. In Kambodscha arbeitet Sotheary YIM mit vielen anderen daran, die Zwangsehen und -vergewaltigungen unter den Khmer Rouge, die Hunderttausende betrafen, aufzuarbeiten. In Osttimor verbinden Aktivistinnen die Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt des Krieges und der indonesischen Besatzung mit dem Kampf gegen häusliche Gewalt heute.

Vieles ist noch nicht aufgearbeitet, und bleibt unausgesprochen. Die psychischen und auch Existenz bedrohenden ökonomischen Folgen der zurückliegenden Kriegsverbrechen an Frauen und Mädchen reichen bis in die heutige Generation. Sie prägen unter anderem über die Normalisierung von Gewalt in Beziehungen und die Kultur der Straflosigkeit das heutige Leben von Frauen in Südostasien. Bisher wurde nahezu ausnahmslos keiner der Verantwortlichen für die Vergewaltigungen in den Kriegen und in den Militärdiktaturen zur Rechenschaft gezogen. Viele Männer werden als Helden der Unabhängigkeitsbewegungen geachtet – aber bisher hat keine Frau eine nennenswerte gesellschaftliche Anerkennung des ihr widerfahrenen Unrechts bekommen oder eine Entschädigung erhalten. Und, wie das Beispiel der Rohingya Frauen zeigt, wird heute immer noch sexualisierte Gewalt systematisch als Kriegsmittel eingesetzt und wird die heutige Generation von Neuem traumatisieren.

Dagegen entstehen heute interessante und hoffnungsvolle Allianzen. Die, alten‘ Frauen stehen auf und brechen das Schweigen. Sie begegnen dabei jungen Frauen, die im Zeitalter der sozialen Medien gegen sexualisierte Gewalt und Gender-Stereotypisierungen rebellieren. Auch Männer werden einbezogen, die ihr eigenes Verhalten im Kontext einer hegemonialen Männlichkeit hinterfragen. Doch es gibt noch sehr viel zu tun.

Wir wünschen unseren Leser*innen eine erkenntnisreiche Lektüre! Last but not least sei hier noch auf die Ausgabe 4/2020 der südostasien zum Thema „Diaspora – Community beyond border“ verwiesen, für die potenzielle Autor*innen noch Artikel einreichen können. Hier geht´s zum call for papers.

Das Redaktionsteam

Die Autor:innen

  • Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Nantawat Chatuthai promoviert über thailändische Politik am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Michaela Doutch promoviert über die kambodschanische Arbeiter*innenbewegung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Andrea Höing ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn und Mitglied der AG Ressourcen und des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus.

  • Fahmi Panimbang ist Aktivist in Indonesien und Herausgeber vom Buch Resistance on the Continent of Labour: Strategies and Initiatives of Labour Organizing in Asia, AMRC, 2017. Er koordinierte ein regionales Forschungsprojekt zur Unterstützung des Kampfes von Samsung Arbeiter*innen und veröffentlichte die Studie (Labour Rights in High Tech Electronics: Case Studies of Workers’ Struggles in Samsung Electronics and its Asian Suppliers. AMRC, 2013).

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 1/2019: Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken

Mit der Online-Medienplattform thaiconsent veröffentlichte Wiphaphan Wongsawang #MeToo Geschichten in Thailand, noch bevor es #MeToo gab. Eine neue Generation von Feminist*innen behauptet sich auch gegen die Dominanz männlicher Aktivisten in der Demokratiebewegung.

Wiphaphan, vielen Dank, dass Du dir Zeit für uns genommen hast. Kannst du uns etwas über thaiconsent erzählen?

thaiconsent ist eine Online-Medienplattform, die auf kreative Weise über Sex spricht. Wir konzentrieren uns also nicht nur auf Belästigung oder Nötigung, sondern sprechen auch auf eine sinnvolle, kritische Weise über Sex. In der thailändischen Gesellschaft spricht man meistens nur auf eine performative oder pornografische Weise über Sex, deshalb wollten wir anfangen, anders darüber zu sprechen. Seit Beginn des Projekts haben wir 49.000 Anhänger*innen gewonnen, wir haben 400 Geschichten veröffentlicht, und 90 Personen haben auf verschiedene Weise an dem Projekt mitgearbeitet. Menschen können ihre Geschichte in ein Google-Forum schreiben und etwas dazu malen, und wir veröffentlichen sie anonym.

Zuerst verwendete ich die Begriffe fairer und unfairer Sex, weil Einwilligung (consent) in Thailand als Begriff nicht sehr bekannt war. Ich habe mit thaiconsent begonnen, weil es mir und auch sieben meiner Freundinnen an der gleichen Fakultät an der Universität passiert ist. Als ich 22 Jahre alt war, wurde mir klar, dass dies ein strukturelles Problem ist und dass wir etwas dagegen unternehmen müssen.

Menschen sind oft unsicher, ob es sich um eine Vergewaltigung handelt, wenn es keine Penetration gibt, und verstehen oft nicht, warum sie sich so verhalten, warum sie es nicht zurückweisen oder schreien. Auch sind viele Betroffene nach der Tat verunsichert und trauen sich nicht, Unterstützung zu suchen. Deshalb haben wir begonnen, die Geschichten zu sammeln, um zu zeigen, dass es sich nicht um ein individuelles Problem handelt, sondern dass es recht häufig vorkommt.

Wir begannen mit einem Blog im Jahr 2015. Aber er war ziemlich konventionell und fand nicht viel Aufmerksamkeit. Dann fragte mich eine Freundin, ob ich das Projekt weiterführen wolle, und als wir unseren Abschluss gemacht hatten, richteten wir 2017 eine Facebook-Seite ein und begannen, Geschichten zu sammeln. Wir arbeiteten mit vielen Künstler*innen zusammen, machten eine Ausstellung, wurden von UN Women eingeladen, erhielten einige Mittel aus dem Fonds für junge Feministinnen FRIDA und verkauften auch Handwerk, um uns zu finanzieren. Wir planen nun, uns als NGO registrieren zu lassen. Im Moment sind wir auf Facebook, auf Twitter und auf Instagram aktiv, und für nächstes Jahr haben wir vor, einen Youtube-Account zu starten.

Wie würdest Du die von Frauen auf der Website geteilten Erfahrungen verallgemeinern?

Es gibt verschiedene Arten von Geschichten. Die eine ist, dass es junge Mädchen waren, die nichts über Sex wussten und ausgenutzt wurden. Sie merken erst später, was ihnen angetan wurde. Das ist die erste Art. Der zweite Typ ist, dass sie in einer Beziehung sind und er/sie unsicher ist, ob sie dies tun wollen oder nicht. Der Partner zwingt oder drängt sie, es zu tun. Die dritte Erfahrung – die sehr selten ist – ist, dass sie von jemandem missbraucht werden, den sie nicht kennen. Viele Geschichten handeln von Beziehungen zu einem Partner, einem Freund oder einem Kollegen. Verallgemeinernd kann man also sagen, dass ein großer Teil der Übergriffe in der verschwommenen Grenze zwischen Ja und Nein stattfindet.

Wie hängt sexuelle Gewalt gegen Frauen mit Macht und Hierarchie in der thailändischen Gesellschaft zusammen?

In Thailand haben wir ein Problem mit ’arai go dai’ – ‚alles geht’. Menschen können nicht direkt Ablehnung ausdrücken und versuchen, freundlich zu der anderen Person zu sein, auch zu dem Vergewaltiger. Besonders wenn es jemand ist, den sie kennen – sie wollen die Beziehung retten. Anstatt Gerechtigkeit für den Einzelnen herzustellen, versucht die thailändische Gesellschaft, die Beziehungen so zu erhalten, wie sie sind. Die Vergewaltiger wissen, dass die Opfer nichts sagen werden, weil sie auf die Beziehungen zu anderen Menschen angewiesen sind. Eine kollektive Gesellschaft schafft viele Möglichkeiten für Vergewaltigungen.

Wir leben in einer Kultur, die Gewalt gegen Machtlose akzeptiert. Die Menschen gewöhnen sich daran, das zu sehen und helfen Menschen in Schwierigkeiten nicht. Das hängt mit dem Militär und der militaristischen Gesellschaft zusammen. Es beginnt in der Schule, wo man nicht trainiert wird, Nein zu sagen. Frau ist einem patriarchalischen System unterworfen, das einen lehrt, sich selbst die Schuld zu geben, wenn man sich nicht an die gesellschaftlichen Normen hält. Deine Gefühle sind nicht gültig, wenn sie nicht von der Gesellschaft für dich bestätigt werden. Vergewaltigung steht in direktem Zusammenhang mit Macht. Es geht nicht nur um sexuelle Begierde, sondern sie vergewaltigen, um das Opfer zu beherrschen, sie fühlen sich dadurch großartig.

Eine patriarchalische und hierarchische Gesellschaft strukturiert die Kommunikation. Das kann man in Seifenopern sehen, in denen Vergewaltigung ein häufiges Thema ist, aber wo sie als eine Möglichkeit für einen Mann dargestellt wird, die Meinung einer Frau zu ändern, als etwas, das in einer Machtgesellschaft akzeptabel ist.

Du hast thaiconsentals Studentin initiiert. Glaubst du, dass es ein spezifisches Problem mit Missbrauch und sexueller Belästigung an Universitäten gibt?

Ja. Es beginnt mit Schikanieren und mit den hierarchischen Beziehungen unter den Studierenden. Es ist nicht wie in der westlichen Welt, wo Studierende als gleichwertig betrachtet werden. In Thailand gibt es eine Hierarchie, die von dem Jahrgang abhängt, in dem man sich befindet. Die älteren Studenten gelten als Phi (ein Ausdruck des Respekts für jemanden, der in der sozialen Rangordnung höher steht). Außerdem gibt es eine weit verbreitete Vergewaltigungskultur bei Studentenpartys. Dies wird von den Universitätsbehörden geduldet, und es gibt keinen klaren Beschwerdemechanismus.

Zum Beispiel wurde eine Freundin von mir von einem Kommilitonen beim Baden gefilmt. Als sie sich bei ihrem Professor beschwerte, sagte die Universität ihr, dass sie keine Verantwortung übernehme, da dies außerhalb des Campus geschehen sei, und dass sie die Zukunft des Studenten nicht gefährden dürfe, da er kurz vor seinem Abschluss stehe. Es ist also auch eine Frage der Verantwortlichkeit. Die Behörden wollen keine Verantwortung übernehmen und verschließen die Augen vor Missbrauch.

Gibt es eine neue feministische Bewegung in Thailand? Welches sind die Themen und Debatten?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben auch in der alten Generation Feministinnen, aber sie wurden nicht anerkannt. Damals wurde die Aktivistenbewegung von Männern geführt. Wenn man damals seine Meinung veröffentlichen wollte, musste man einen guten Draht zum Verleger oder Redakteur oder zu jemandem aus der Nachrichtenbranche haben. Diese wurde von Männern geführt. Es war also für Frauen schwierig, in diesem Bereich aufzutreten. Aber jetzt, dank des Internets, können wir posten, was wir wollen, wir können twittern, was wir wollen.

Jetzt haben wir die Bewegung namens #femtweet – eine Kombination aus weiblich und tweet. Sie setzt sich aus jungen Frauen zusammen, die ihre Erfahrungen und ihre Wut auf die patriarchalische Kultur twittern. Sie werden von Antifeministinnen auf der linken und rechten Seite bedroht. Diese beschweren sich darüber, wie wir kommunizieren und fragen, warum wir nicht höflich twittern können. Aber unsere jungen Frauen sind wütend. Ich kann sie so sehr verstehen.

Wenn man als Mädchen in Thailand geboren wird, hat man von klein auf so viele Einschränkungen. Man darf nicht alleine ausgehen, man steht unter großem Druck und hat keine Kontrolle darüber, wie frau sich kleidet, wie frau denkt. Und oft wird ihre Meinung von Ihrer Familie nicht geschätzt. So viele Frauen denken, dass hier etwas nicht stimmt. Und wenn sie sich gefunden haben, merken sie, dass sie nicht allein sind. Es ist nicht nur ihre Familie, die schlecht ist, sondern warum sind all diese Familien so? Sie sagen also ihre Meinung.

Bei den letzten Protesten hatten wir junge Frauen, die mit Lippenstift #femtweet auf ihre Hemden schrieben, um zu zeigen, dass Feminist*innen nicht nur im Internet sind, sondern auch auf der Straße protestieren. Das liegt daran, dass sie sich viel Kritik ausgesetzt sahen, dass Feministinnen nur Frauen sind, die im Internet sprechen, was immer sie wollen, und dass dies für die Bewegung nicht nützlich ist.

Kannst Du uns mehr über die Frage des Feminismus innerhalb der pro-demokratischen Bewegung erzählen?

Früher hat man die weiblichen und transsexuellen Aktivisten in den pro-demokratischen Bewegungen völlig ignoriert. Seit der Generation von Somsak Jeamteerasakul kennen viele Menschen Somsak Jeam, aber sie kennen nicht Junya Yimprasert, die die Lasershow in der Villa des Königs in Deutschland installiert hat. Beide haben eine radikale Tat vollbracht, aber viel weniger Menschen erkennen Junya an. Jetzt, in dieser Generation, werden sich viele Menschen an Rangsiman Rome als mutigen Aktivisten erinnern, aber keiner von ihnen wird sich an Chonthicha Kate Jangrew erinnern, keiner wird sich an Aum Neko erinnern, obwohl sie zur selben Zeit und am selben Ort aktiv waren.

Jetzt wird es besser. Wenn ich sehe, dass die Proteste eher im Hongkong-Stil oder im Flashmob-Stil organisiert sind, d.h. nicht aus dem Netzwerk der Aktivisten, sondern von Einzelpersonen kommen, können wir sehen, dass es mehr Raum für nicht-männliche Aktivisten gibt. Allerdings erhalten sie von den Medien nicht viel Anerkennung. Ich glaube, wir haben ein Problem mit den Medien, sie messen den nicht-männlichen Aktivisten keine Bedeutung bei. Auch wenn viele Frauen auf der Bühne Reden halten, vor allem bei den aktuellen Protesten, konzentrieren sich die Medien immer auf dieselben männlichen Aktivisten. Feminist*innen setzen sich nun also mit den Medien auseinander. Denn wenn wir kämpfen oder ein Thema ansprechen und von den Medien ignoriert werden, dann ist das ein echtes Problem.

Feminist*innen werden immer von der extremen Rechten angegriffen, das ist klar. Aber in Thailand werden wir auch von der linken und der liberalen Seite angegriffen. Die extreme Rechte greift direkt an, mit Worten wie Schlampe oder Hure. Aber die Linke benutzt Humor, um die Feministinnen zu verspotten. Einige auf der linken Seite argumentieren, der Feminismus schränke ihre Meinungsfreiheit ein. Was, jetzt darf ich nicht einmal mehr einen Witz über Frauen machen? Sie haben das Gefühl, von der feministischen Bewegung zensiert zu werden. Und viele lehnen den Feminismus auch deshalb ab, weil sie der Meinung sind, dass wir in Thailand bereits eine Gleichstellung der Geschlechter haben. In der pro-demokratischen Bewegung fehlt es den Menschen an Bildung in Fragen der Ungleichheit und sie sind zu eng auf das Thema Meinungsfreiheit fokussiert. Sie sind geschlechtsblind. So viele Aktivist*innen fühlen sich unsicher, wenn sie mit männlichen Aktivisten zusammenarbeiten. Zum Beispiel ist eine befreundete Aktivistin von mir im Netzwerk der pro-demokratischen Aktivis*tinnen aktiv, aber immer wenn es ein Treffen oder eine Aktivität gibt, sind es die Frauen, die das Essen vorbereiten, den Abwasch erledigen usw. Es gibt also innerhalb der pro-demokratischen Bewegung ein mangelndes Bewusstsein für die Gleichstellung der Geschlechter. Und das wollen wir nicht mehr akzeptieren.

Ist die feministische Bewegung ein wichtiger Teil der neuen Proteste, die jetzt gegen das Militärregime entstehen?

Ja, viele der Protestierenden sind Frauen. In der Vergangenheit hat niemand die Rolle der Frauen in den Protesten anerkannt. Männliche Aktivisten würden sagen: „Wenn ich Euch im Kampf für Frauenrechte helfe, helft ihr mir, für die Demokratie zu kämpfen? Aber wir antworteten mit den Worten: „Warum glaubst du, dass wir nicht für die Demokratie kämpfen? Du hast uns einfach nicht wahrgenommen“. Unsere Rolle ist also bereits wichtig. Aber die Frage ist, ob Frauen und LGBT-Aktivist*innen für ihren Beitrag anerkannt werden. Und werden sie ihren Platz innerhalb der Bewegung beanspruchen? Ich denke, dass sich eine wichtige Veränderung vollzieht, da die pro-demokratische Bewegung von vielen Menschen ‚von unten’ geführt wird. Nicht nur von einigen wenigen männlichen Aktivistenführern, sondern von den wirklichen Menschen, die aus Menschen mit Unterschieden bestehen, nicht nur von einem Helden.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Oliver Pye

Die Autor:innen

  • Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Nantawat Chatuthai promoviert über thailändische Politik am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Michaela Doutch promoviert über die kambodschanische Arbeiter*innenbewegung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Andrea Höing ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn und Mitglied der AG Ressourcen und des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus.

  • Fahmi Panimbang ist Aktivist in Indonesien und Herausgeber vom Buch Resistance on the Continent of Labour: Strategies and Initiatives of Labour Organizing in Asia, AMRC, 2017. Er koordinierte ein regionales Forschungsprojekt zur Unterstützung des Kampfes von Samsung Arbeiter*innen und veröffentlichte die Studie (Labour Rights in High Tech Electronics: Case Studies of Workers’ Struggles in Samsung Electronics and its Asian Suppliers. AMRC, 2013).

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 1/2019: Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken

Vietnam: Vergewaltigung war für Frauen im Vietnamkrieg allgegenwärtig. Gina Marie Weaver geht in ihrem Buch ‚Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War‘ der Frage nach, warum sexualisierte Kriegsgewalt systematisch verschwiegen wird.

Vergewaltigung war im Vietnamkrieg so weit verbreitet, dass es in den Worten eines Soldaten Standard Operating Procedure – völlig normal – war. Vor allem in Südvietnam wurden Frauen und Mädchen sehr oft Opfer von Vergewaltigungen. Dies lag daran, dass der Krieg hier systematisch gegen die Zivilbevölkerung geführt worden ist. In den so genannten Search and Destroy– Einsätzen sollten amerikanische GIs in den Dörfern Kämpfer*innen des Vietcong aufstöbern – der Erfolg wurde mit dem berüchtigten body count gezählt. Je mehr Leichen – oft wurden die Ohren als Beweismittel abgeschnitten und mitgenommen – desto besser. Und weil die GIs nicht erkennen konnten, ob jemand ein*e Widerstandskämpfer*in war oder nicht, haben sie auch viele Zivilist*innen ermordet.

Sexualisierte Gewalt fand in diesem Kontext statt, entweder als ‚opportunistische Vergewaltigung’ (Soldaten taten es, weil sie dafür nicht belangt wurden) oder zur systematischen Terrorisierung der Bevölkerung. In ihrem Buch Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War unterscheidet Gina Marie Weaver zwischen der Vergewaltigung, der sexualisierten Folterung von Gefangenen und der Mordvergewaltigung. Bei der Folterung ging es darum, Informationen über die Verstecke und Personen des Vietcong herauszubekommen. Frauen waren hier viel häufiger Opfer sexualisierter Gewaltfantasien als Männer. Bei den Mordvergewaltigungen wurden Frauen und Mädchen, die man bei ‚Säuberungsaktionen’ umbrachte, vorher massenvergewaltigt.

Heldentum und Aufopferung

Weaver diskutiert zuerst die Zeugnisse von Frauen, die im Vietnamkrieg vergewaltigt wurden. In ihrem Buch Then the Americans Came zum Beispiel hat Martha Hess die mündlichen Erzählungen von Frauen aus Interviews zusammengefasst, die die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt bezeugen. Auch in den Berichten zu Kriegstribunalen und Ähnlichem wird Gewalt gegen Frauen thematisiert. Sexualisierte Gewalt kommt außerdem in einigen der bedeutendsten literarischen Werke über den Krieg vor. Bao Ninhs The Sorrow of War (1991) wird um die Massenvergewaltigung der Kämpferin Hoa strukturiert. Duong Thu Hongs Novel without a Name (1995) beginnt mit einer Szene, die die verwesenden Opfer einer Massenvergewaltigung beschreibt. Le Ly Hayslips When Heaven and Earth Changed Places ist die biographische Aufarbeitung einer Vietcong-Kämpferin, die als vermeintliche Verräterin zuerst von Vietcong-Kollegen vergewaltigt wird, und dann eine ganze Reihe von Gewalterfahrungen seitens amerikanischer Soldaten überlebt und als Survivor irgendwann in die USA flüchtet.

Trotzdem sei die sexualisierte Gewalt des ‚Amerikanischen Krieges’ in Vietnam nicht wirklich aufgearbeitet worden, so Weaver. Dafür nennt sie mehrere Gründe. Erstens führe Traumatisierung dazu, dass viele Opfer nicht darüber sprechen wollten oder könnten. Zweitens widerspreche die Aufarbeitung des Leidens dem Bild der vietnamesischen Regierung, die den Krieg als heldenhaften, heroischen Sieg darstellen wolle. Vergewaltigung werde so als Aufopferung für die nationale Sache verstanden, Frauen sollen als Heldinnen vorkommen. 1.5 Millionen Frauen haben in der nordvietnamesischen Armee gekämpft, 70-80 Prozent der freiwilligen ‚Stoßtrupps’ die am Ho Chi Minh-Pfad eingesetzt wurden, waren junge Frauen. Drittens betreibe die Regierung heute eine Normalisierung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu den USA. Eine Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt durch die Amerikaner oder gar die Verurteilung der Täter oder eine Wiedergutmachung stünde diesem Ziel im Wege.

Erste Aufarbeitung in den USA

Im Kapitel Naming Themselves geht Weaver auf die Selbstzeugnisse von amerikanischen Soldaten ein. Es waren vor allem die Antikriegsbewegung, die Frauenbewegung in den USA und die Vietnam Veterans Against the War (VVAW), die eine kritische Auseinandersetzung mit den Gräueltaten der US-Armee mitsamt der sexualisierten Kriegsgewalt schon während des Krieges vorangebracht hätten. Die Gräueltaten des Massakers von My Lai sind aufgrund von Aussagen kritischer Soldaten ans Licht gekommen: Bei dem Massaker wurden mindestens 20 Frauen und Kinder vergewaltigt, bevor man sie ermordet hat. Die Meldung eines anderen während des Krieges bekannt gewordenen Vorfalls, bei dem eine Patrouille ein junges Mädchen entführt hat, um sie zu vergewaltigen und dann zu ermorden, führte zu der Verurteilung der beteiligten Soldaten. Ihre Strafen wurden nachträglich erheblich abgemildert.

Über dieses wichtige Whistleblowing hinaus haben die aktivistischen Soldaten das Verhältnis zwischen Rassismus, Klassengesellschaft und toxischer Männlichkeit hergestellt und in Frage gestellt. Diese Analyse ist eine der stärksten des Buches. Soldaten reflektierten in der berühmten Winter Soldier Investigation von 1971 ihre Opferrolle und Mittäterschaft im Krieg und entwickelten dafür einen intersektionalen Ansatz.

Die US-Kriegsmaschinerie hatte schon im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg rassistische Stereotypen über Japaner und Asiaten verwendet und setzte diese im Vietnamkrieg fort, um den Gegner zu entmenschlichen und so besser töten zu können. Die Verrohung in der Ausbildung der Soldaten, in der Frauen als zu erniedrigende Objekte porträtiert wurden, bereitete die Soldaten darauf vor, die Frauen des Feindes zu verachten. Sie griff dabei aber auch auf ein vor allem in der Arbeiterklasse verankertes Genderverständnis zurück, bei dem der Mann hart, stark und vor allem nicht verweichlicht und weiblich sein durfte. Auf dieser Grundlage stellten sie nicht nur den Krieg sondern auch den Kapitalismus in Frage.

Hollywoods Revisionismus

Genau diese kritische Haltung sei für die militärische Schlagkraft des US-Imperialismus zum Problem geworden. Laut Weaver dienten Hollywoods Vietnamfilme vor allem dazu, die Täterschaft der amerikanischen Soldaten zu leugnen. Dies laufe hauptsächlich über die Darstellung der Soldaten als Opfer, Opfer der traumatischen Erfahrungen im Krieg aber auch Opfer der ‚Weicheier’ zu Hause, also der Aktivisten der Antikriegsbewegung und vor allem der Feministinnen. Der Vietnamkrieg wird als ‚amerikanische Erfahrung’ dargestellt. Die Menschen in Vietnam und insbesondere die vielen Opfer von sexueller Gewalt werden ausgeklammert: Rambo als tragischer Held war kein Vergewaltiger.

In anderen Hollywoodfilmen sei Vergewaltigung ein wichtiges Element, das die männlichen Tötungsfantasien gegen den Feind pornographisch und mit rassistischen Untertönen untermauere. Klassische Frauenrollen seien die geldgierigen und abgekochten Prostituierten auf der einen und die fanatischen ‚Sniperfrauen’ auf der anderen Seite. Beide dienten als Projektion für eine toxische Männlichkeit, die eine grausame amerikanische Intervention nachträglich rechtfertigen sollte.

Kein Buch hat mich in letzter Zeit so aufgewühlt wie dieses. Es zeigt, wie wichtig die Einbeziehung der Erfahrung der sexualisierten Gewalt für die Analyse des Vietnamkrieges ist. Gleichzeitig bleibt es vor allem eine amerikanische Erzählung. Weitere Forschungen in Vietnam selbst wären jetzt wichtig, um die Perspektive weiter zu dekolonialisieren.

Rezension zu: Gina Marie Weaver. Ideologies of Forgetting. Rape in the Vietnam War. SUNY Press. 2010. 198 Seiten.

Die Autor:innen

  • Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Nantawat Chatuthai promoviert über thailändische Politik am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Michaela Doutch promoviert über die kambodschanische Arbeiter*innenbewegung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Andrea Höing ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn und Mitglied der AG Ressourcen und des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus.

  • Fahmi Panimbang ist Aktivist in Indonesien und Herausgeber vom Buch Resistance on the Continent of Labour: Strategies and Initiatives of Labour Organizing in Asia, AMRC, 2017. Er koordinierte ein regionales Forschungsprojekt zur Unterstützung des Kampfes von Samsung Arbeiter*innen und veröffentlichte die Studie (Labour Rights in High Tech Electronics: Case Studies of Workers’ Struggles in Samsung Electronics and its Asian Suppliers. AMRC, 2013).

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 1/2019: Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken

Als die südostasien-Redaktion im Mai 2020 gemeinsam über die Themen für die kommenden Ausgaben entschied, geschah dies mitten in der ‚ersten Welle der Pandemie’. Inzwischen wissen wir, dass wir dieses Kapitel ein Jahr später immer noch nicht schließen können. In Europa und Südostasien breitet sich der Erreger in unterschiedlichem Ausmaß und mit neuen Mutationen weiter aus.

In dieser südostasien-Ausgabe beleuchten wir die aktuelleren und vielschichtigen Erfahrungen von Menschen in Südostasien mit der Pandemie. Unsere Autor*innen berichten aus der Region und geben Aufschluss über die Auswirkungen der Pandemie auf Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft und Umwelt. Die Artikel decken auch tiefer gehende Strukturen der Ungerechtigkeiten und Missstände auf, die durch die Pandemie erneut hervorgetreten sind.

Die Ausgabe ergänzt somit auch die Sammlung zivilgesellschaftlicher Länderperspektiven in Bezug auf COVID-19, die die Stiftung Asienhaus und das philippinenbüro zusammengetragen haben, sowie die im Herbst 2020 erschienene Broschüre Corona in Asien – Menschenrechtsverletzungen und soziale Ungleichheit im Schatten der Pandemie-Bekämpfung.

‚The new normal‘ – Umgang mit Unsicherheit und Unabwägbarkeit

Wie gehen Menschen – in ihrem täglichen Wirken und gegenüber ihren Mitmenschen – mit dieser allumfassenden neuen Realität um? Wie auch anderorts auf der Welt schürt und offenbart COVID-19 in Singapur Vorbehalte gegenüber als nicht ansässig gelesenen Menschen, wie Yasmine Wong in ihrem Artikel untersucht. Dagegen finden viele Menschen für sich und ihre Nahestehenden kreative und vielschichtige Formen der Bewältigung. Dies erörtern Kristina Großmann und Nicole Weydmann anhand der Rolle der traditionellen Medizin jamu für Indonesier*innen. In Kambodscha finden Menschen Hoffnung und innere Stärke durch das Aufstellen von Ting Mong, eine Art Schutzpatron*innen für Häuser. Die Wirkung dieser Figuren entfaltet sich dabei oft parallel zum Warten auf Impfung und/oder andere Wirkstoffe gegen die Krankheit, wie Paul Christensen erklärt.

Effektiv, aber nicht unproblematisch

Ein Blick über den Tellerrand, insbesondere nach Südostasien, ist sinnvoll und kann uns bereichern. Im Gegensatz zu Deutschland, das nur halbherzig auf die Pandemie reagierte und inzwischen über zwei Millionen Infektionen und über 60.000 Tote zu beklagen hat, haben die meisten Länder Südostasiens frühzeitig und entschlossen gehandelt. Wie Julia Holz analysiert, konnte Vietnam mit einem kurzen aber umfassenden Lockdown und einer systematischen Track&Trace Strategie die Zahl der Infektionen auf knapp 2.000 und die Zahl der Toten auf 35 begrenzen. Thailand hat schon im März 2020 den Flugverkehr eingestellt und danach eine Quarantäne für alle Einreisenden vorgeschrieben. Das Land hat heute nur einen Zehntel der Infektionszahlen von Deutschland pro Hunderttausend Einwohner und nur 79 Tote. Schlussfolgerungen aus dem bisherigen Erfolg der Pandemiebekämpfung in der Region werden von Oliver Pye und Tanja Matheis diskutiert.

Problematisch ist aber, dass die meisten Regierungen die Pandemie nutzen, um ihre autoritäre Kontrolle über die Gesellschaft auszuweiten. Der jüngste Militärputsch in Myanmar sollte in diesem Kontext analysiert werden, wie auch die zunehmende Gewalt des Duterte-Regimes in den Philippinen. Auch Singapurs Strategie war mit geschlossenen Grenzen, strikter Quarantänepflicht, rigorosem Lockdown und Contact-Tracing sehr erfolgreich. Allerdings untergruben Datenschutzlücken das Vertrauen der singapurischen Bevölkerung in die Maßnahmen, wie Julia Holz in ihrem zweiten Artikel erörtert. Das Militärregime in Thailand versuchte, Covid-19 zu nutzen, um die Opposition zu unterdrücken. Dr. Supat Hasuwannakit erklärt, wie die Zivilgesellschaft auf die Herausforderungen der Pandemie reagierte und es trotzdem zur Entstehung einer neuen Demokratiebewegung kommen konnte.

Wirtschaftlicher Einbruch und soziale Folgen

Die Pandemie und ihre Folgen treffen vor allem diejenigen, die ohnehin bereits in einer schwierigen Situation waren. Ganze Wirtschaftssektoren, wie die Tourismusbranche, sind zusammengebrochen. Internationale Unternehmen brachen Verträge in Lieferketten und Regierungen schlossen Grenzen. Folglich sahen sich Arbeitnehmer*innen, vor allem in Abwesenheit von zielgerichteten Hilfsmaßnahmen, mit Arbeitsplatzverlust, Einkommensausfällen und Reisebeschränkungen konfrontiert. Auf der Seite der Unternehmer berichtet Inthy Deuansavanh im Gespräch mit Michael Kleinod von den Schwierigkeiten in der laotischen Tourismus-Branche. In mehreren Beiträgen kristallisiert sich ein zentrales Thema heraus: in Ermangelung eines sozialen Sicherungsnetzes ist die Orientierung hin zu Subsistenzwirtschaft und familiären Netzwerken ein altbewährtes Mittel der Absicherung in diesen unsicheren Zeiten.

Das Besondere an dieser Ausgabe ist, dass ihre Autor*innen Facetten eines Zustands auffangen, der weiter andauert und uns alle, wenn auch in unterschiedlichen Ausmaßen, mehr oder weniger direkt betrifft. So ändert sich der Verlauf der Pandemie immer noch ständig, genauso wie die Reaktionen von Menschen, Regierungen, und Organisationen. Die Ausgabe trägt wesentlich dazu bei, die vielen Facetten einer weltumspannenden akuten Pandemie zu dokumentieren und (be-)greifbarer zu machen.

Wir wünschen interessante Erkenntnisse beim Lesen unserer Ausgabe 1/2021, und hoffen, dass das neue Jahr hoffnungsvolle Perspektiven hervorbringt.

Das Redaktionsteam

Die Autor:innen

  • Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Nantawat Chatuthai promoviert über thailändische Politik am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Michaela Doutch promoviert über die kambodschanische Arbeiter*innenbewegung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Andrea Höing ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn und Mitglied der AG Ressourcen und des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus.

  • Fahmi Panimbang ist Aktivist in Indonesien und Herausgeber vom Buch Resistance on the Continent of Labour: Strategies and Initiatives of Labour Organizing in Asia, AMRC, 2017. Er koordinierte ein regionales Forschungsprojekt zur Unterstützung des Kampfes von Samsung Arbeiter*innen und veröffentlichte die Studie (Labour Rights in High Tech Electronics: Case Studies of Workers’ Struggles in Samsung Electronics and its Asian Suppliers. AMRC, 2013).

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 1/2019: Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken

Europa/Asien – Die Covid-19-Pandemie verursacht eine globale gesundheitliche, soziale und ökonomische Krise und zugleich enorme Konfusion und Ratlosigkeit. Das Buch „Corona, Krise, Kapital“ von Verena Kreilinger, Winfried Wolf und Christian Zeller ist lesenswert. Denn es verbindet eine solide Analyse der Pandemie mit einer klaren Perspektive, wie eine solidarische Antwort darauf aussehen könnte.

Die Politik der Bundesregierung angesichts der Pandemie ist eine Bankrotterklärung. Hier ist das Buch Corona, Krise, Kapital unmissverständlich. Nach einem Jahr währenden ‚Jojo-Lockdown’ ist dieser Bankrott offensichtlich geworden. Die Große Koalition hat nicht nur fast drei Millionen Infizierte, viele davon mit Langzeitfolgen, und über 75,000 Tote in Deutschland zu verantworten, sondern auch immense soziale und psychische Schäden, die durch ihre halbherzige Politik angerichtet werden. Die These des Buches, die die Autor*innen systematisch nachweisen, ist, dass die deutsche Regierung (und natürlich auch viele andere in Europa und der restlichen Welt) die Profit- und Akkumulationsinteressen des Kapitals über die Gesundheit und das soziale Wohlergehen der Bevölkerung stellen.

Um es kurz zu sagen: man kann eine Pandemie nicht wirksam eindämmen, wenn Kontaktbeschränkungen auf individualisiertes Verhalten in der Freizeit fokussiert werden, aber jeden Tag Millionen von Menschen in Fabriken, Supermärkten und Großraumbüros arbeiten müssen. Von Anfang an hat diese Regierung daher nicht das Ziel verfolgt, den Virus auszulöschen, sondern nur die Ausbreitung zu verlangsamen („flatten the curve“), damit deutsche Unternehmen weiterproduzieren können.

Der Provinzialismus des Westens

SARS, MERS-CoV, Ebola – es gab in den letzten Jahren etliche Virenseuchen, die Warnsignale abgegeben haben. 2012 gab die Bundesregierung die vom Robert-Koch-Institut mitverfasste Studie Pandemie durch Virus Modi-SARS in Auftrag. Die Analyse, wenn man sie im Vergleich zur heutigen Pandemie lese, sei „im hohen Maß wirklichkeitsnah“, nur mit dem Unterschied, dass der angenommene Virus tödlicher sei. Im Planspiel sterben 7.5 Millionen Menschen. Man hatte daher genug Zeit, sich auf diese Pandemie vorzubereiten, doch „alle Warnungen wurden in den Wind geschlagen“. Stattdessen seien seit der Studie „120 Kliniken geschlossen und mehr als 10,000 Krankenbetten abgebaut“ worden, wird in Corona, Krise, Kapital festgestellt.

Die Autor*innen schreiben, dass man „eine Epidemie des 21. Jahrhunderts“ am besten mit „Maßnahmen des 19. Jahrhunderts bekämpft“. Laut WHO müsse man „die Kontaktpersonen ausfindig machen, alle Kontakte nachvollziehen“, um sie dann zu isolieren. Genau dies hat die chinesische Regierung nach dem Ausbruch in Wuhan getan. Die Stadt und die Provinz wurden abgeschottet, keiner durfte rein oder raus. Alle Menschen mussten zu Hause bleiben, auch die Büros und Fabriken wurden geschlossen, der individuelle Autoverkehr und öffentliche Verkehrsmittel eingestellt. Es halfen auch viele Freiwillige mit, um die Menschen systematisch zu testen. Mit Hilfe von zehntausenden von Ärzten und Helferteams wurden überall „Quarantäneeinrichtungen in Messehallen, Sportstätten“ und Krankenhäusern eingerichtet, um auch „Kontakte der Infizierten aufzuspüren und unter Quarantäne zu stellen und somit die Übertragungsketten einzudämmen“. Mit Erfolg. Nach wenigen Monaten war der Virus in China praktisch ausgestorben, das Leben geht schon längst ‚normal‘ weiter.

Kaum auszumalen, wenn China den Virus so hätte grassieren lassen, wie Europa. Allerdings wird im Buch auch die Intransparenz und Informationspolitik der chinesischen Regierung kritisiert: anstatt sofort die WHO zu informieren und Flüge aus der Region zu unterbinden, habe man zunächst geschwiegen, um die Exportgeschäfte nicht zu gefährden. Damit seien wertvolle Tage und Wochen verloren gegangen. Dass man aber trotzdem entschlossen auf die Gefahr reagieren konnte, zeigt Südostasien, das zum Beispiel Auslandsflüge schnell unterband. Der Westen hingegen blieb in neoliberalen Dogmen verhaftet. Ein solches rigoroses Eingreifen wie im ‚autoritären Asien‘ wäre mit ‚unserer freiheitlichen‘ Ordnung nicht zu machen, so eine häufig gehörte Argumentation.

Eine neoliberal gemachte Katastrophe

Eine Stärke des Buches ist seine globale und ganzheitliche Perspektive. Die Pandemie ist in seiner Analyse ein Resultat der kapitalistischen, globalisierten Produktionsweise einerseits. Andererseits verstärkt sie die enormen sozialen Ungleichheiten und Verwerfungen des Neoliberalismus. Covid-19 wird zugleich als Ergebnis und Beschleuniger einer dreifachen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise analysiert.

Die Autor*innen verorten die Ursachen dieser sowie vieler vorangegangener und künftig auf uns zurollender Pandemien in der Zerstörung der Natur im Kapitalismus. Erstens werde durch die Zerstörung von Habitaten, zum Beispiel durch Entwaldung, eine künstliche Nähe zwischen Wildtieren und Menschen hergestellt, die zur Übertragung und Mutation von Viren führen könne. Zweitens schaffe die Massentierhaltung ideale Bedingungen für die Ausbreitung und Mutation von Viren. Und drittens werde durch die globalisierten Warenketten und Freihandelsdogmen eine große Zahl von Verbindungen geschaffen, die zur schnellen Ausbreitung einer Pandemie führen könne. Dies alles trifft in besonderer Weise auf Südostasien zu, wo sich Plantagenwirtschaft und Bergbau in die Wälder hineinfressen, und Landschaften schaffen, die ideal für die Ausbreitung von Stechmücken (mitsamt Virenmutationen) sind.

Ein ganzes Kapitel des Buches ist der Wirtschaftskrise gewidmet, die die größte seit 1929 werden dürfte. Kapitalvernichtung und Einbrüche im Bruttosozialprodukt führten vielerorts zu Massenverarmung, während mal wieder Rettungspakete für die großen Konzerne geschnürt würden. Auch die sozialen Folgen der Pandemie, die als „Brennglas der Ungleichheit“ bezeichnet wird, werden breit diskutiert. Betroffen sind vor allem die Armen, die prekär Beschäftigten, die Migrant*innen und Geflüchteten, die nicht nur ohne Auskommen und soziale Absicherung dastünden, sondern auch häufiger infiziert würden und stürben. Die „nationalen Egoismen“ der EU-Staaten führten auch dazu, dass der Virus sich global weiter ausbreiten werde, mit verheerenden künftigen Folgen für Millionen von Menschen in den Slums und Großstädten des globalen Südens. Auch hier ist die Relevanz für Südostasien mit den urbanen Megaräumen wie Manila oder JABODETABEK (Großraum Jakarta) offensichtlich.

Das Unvermögen der Regierung gekoppelt mit der kalten Verwertungslogik des Kapitals wird in der Pandemie auf besondere Weise im Gesundheitssektor sichtbar. Die Autor*innen sprechen von der „Durchrationalisierung des Krankenhaussektors zur Fabrik“. Der „radikale Abbau der Krankenhauskapazitäten“, Pflegenotstand und Kostensenkung durch die schlechte Bezahlung von migrantischem Pflegepersonal, zum Beispiel aus den Philippinen, hätten dazu geführt, dass die Situation für Beschäftigte im Gesundheitsdienst schon vor der Pandemie unerträglich gewesen sei. Die Blockadehaltung der EU bezüglich der Freigabe der Patente auf Covid-19-Impfstoffe nehme den unnötigen Tod von Hunderttausenden Menschen vor allem im Globalen Süden in Kauf.

Solidarisch aus der Krise

Angesichts des Bankrotts der Bundesregierung und vieler anderer Länder sei es unerklärlich und unverzeihlich, dass die Linke und die Gewerkschaftsbewegung weitgehend passiv blieben und den Moment verpasst hätten, „mit einer eigenständigen und solidarischen Forderungsperspektive zur Eindämmung der Pandemie in die politische Auseinandersetzung einzugreifen“. Zwar würden vereinzelte Forderungen nach Patentfreigabe oder nach einer besseren sozialen Abfederung der Krise gestellt, es gebe aber kein radikal anderes Vorgehen insgesamt, kritisieren die Autor*innen. Und dass, obwohl die Pandemie gerade die Arbeiter*innenklasse am stärksten treffe und als Ausdruck einer umfassenden Krise des Kapitalismus zu verstehen sei. Dies schaffe den Raum für Stimmen der Faschisten und so genannten Querdenker.

Umso wichtiger ist es, dass das Buch eine klare „solidarische und ökologische Perspektive zur Eindämmung der Pandemie“ aufzeigt. Diese baut auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse der wichtigsten Epidemiolog*innen auf, die eine „konsequente Eindämmung“ des Virus fordern. In der „ersten Säule“ der „solidarischen Anwendung“ dieser Strategie wird genau erörtert, wie dies sozial- und geschlechtergerecht, inklusiv für Migrant*innen und unter Verteidigung unserer demokratischen Rechte passieren kann. In der „zweiten Säule“ wird genauso detailliert der Ausbau und die schrittweise „gesellschaftliche Aneignung des Gesundheitswesens“ beschrieben. Dazu kommt die Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums (Säule 3) und die „lokale bis globale Solidarität“ (Säule 4), die auch die Freigabe der Patente und eine koordinierte, transnationale Pandemiebekämpfung mit einschließt.

Corona, Krise, Kapital ist ein rundum empfehlenswertes Buch – nicht nur als Lektüre sondern auch als Handlungsaufforderung. Ganz besonders sei es der Fridays for Future-Bewegung ans Herz gelegt. Denn es zeigt sehr gut, wie ein solidarischer Lockdown, der die Wirtschaft mit einschließt, als Schritt zum umfassenden sozial-ökologischen Umbau unserer Gesellschaft dienen könnte. Erst solidarischer Corona-Lockdown, dann solidarischer Klima-Lockdown!

Rezension zu: Verena Kreilinger, Winfried Wolf und Christian Zeller. Corona, Krise, Kapital. Plädoyer für eine solidarische Alternative in den Zeiten der Pandemie. PapyRossa. 2020. 277 Seiten.

Die Autor:innen

  • Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Nantawat Chatuthai promoviert über thailändische Politik am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Michaela Doutch promoviert über die kambodschanische Arbeiter*innenbewegung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Andrea Höing ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn und Mitglied der AG Ressourcen und des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus.

  • Fahmi Panimbang ist Aktivist in Indonesien und Herausgeber vom Buch Resistance on the Continent of Labour: Strategies and Initiatives of Labour Organizing in Asia, AMRC, 2017. Er koordinierte ein regionales Forschungsprojekt zur Unterstützung des Kampfes von Samsung Arbeiter*innen und veröffentlichte die Studie (Labour Rights in High Tech Electronics: Case Studies of Workers’ Struggles in Samsung Electronics and its Asian Suppliers. AMRC, 2013).

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 1/2019: Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken

Europa/Südostasien – Auf der Suche nach Strategien zur Verringerung der Covid-19-Ansteckungszahlen wird oft Neuseeland als Erfolgsmodel genannt. Was könnten wir aus den in Südostasien gemachten Erfahrungen lernen?

Wir können viele Lehren aus Südostasien ziehen, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Die Länder der Region haben sehr unterschiedlich auf die Pandemie reagiert. Singapur, Thailand, Kambodscha und vor allem Vietnam haben die Ausweitung des Virus so gut wie aufgehalten. Anders sieht es bei Indonesien, Malaysia und den Philippinen aus.

Auch wenn die Zahlen auf Grund verschiedener Faktoren nicht immer eins-zu-eins übertragbar sind (so wird in Deutschland mehr als in Indonesien oder den Philippinen, aber weniger als in Singapur getestet), fällt auf, dass wir es nicht mit Gratwanderungen, sondern mit Größenordnungen zu tun haben (siehe Tabelle 1). Deutschland hat drei Mal so viele Infizierte und vier Mal so viele Tote wie die Philippinen, das Land, das in Südostasien am schlimmsten getroffen ist. Die Todesfälle in Vietnam und Singapur liegen bei 30. Eine Erklärung für diese Diskrepanz ist, dass die Länder Südostasiens, auch auf Grund der früheren Erfahrung mit SARS, recht zügig reagiert und zum Beispiel den Flugverkehr eingestellt haben. Auch das Tragen von Masken war im Vergleich zu Deutschland schnell selbstverständlich. Insgesamt haben die Länder schneller mit rigoroseren ‚Lockdowns’ reagiert.

Tabelle 1: Fallzahlen und Positivrate, geordnet nach Infektionen pro Millionen Einwohner*innen, Stand: 23.04.2021

Land Infektionen pro Millionen Einwohner Infektionen gesamt Infektionen in den letzten 24h Positivrate in Prozent Anzahl der Toten
Weltweit 18.884 147.292.930 664.608 3.138.627
Deutschland 39.148 3.276.871 23.710 12,40 [18.04.2021] 82.280
Malaysia 12.683 395.718 2.776 3,80 [23.04.2021] 1.477
Singapur 10.879 61.051 45 0,10 [19.04.2021] 30
Philippinen 9.594 1.006.428 8.905 19,00 [23.04.2021] 17.031
Indonesien 6.146 1.647.138 5.944 11,80 [23.04.2021] 45.116
Myanmar 2.674 142.722 10 2,10 [20.02.2021] 3.207
Timor-Leste 1.298 1.739 82 [keine Daten] 4
Thailand 829 57.508 2.048 3,50 [23.04.2021] 178
Kambodscha 659 10.555 580 [Keine Daten] 82
Brunei 520 223 0 [Keine Daten] 3
Laos 64 436 113 [Keine Daten] 0
Vietnam 30 2.846 3 0,10 [15.10.2020] 35

Quellen: CSIS, Johns Hopkins University und Gesundheitsministerien Südostasiens; Positivrate: Anteil an COVID-19 Tests, die positiv ausfallen. Testdaten von Hasell, J., Mathieu, E., Beltekian, D. et al. A cross-country database of COVID-19 testing. Sci Data 7, 345 (2020)

Aber, wie wir sehen werden, ist ‚Lockdown‘ nicht gleichzusetzen mit effektiver Pandemiebekämpfung. Auch gilt nicht, ‚je härter desto besser‘. Vielmehr – und das ist in Tabelle 3 genauer differenziert – sind in Südostasien verschiedene Kombinationen von Eindämmungsmaßnahmen und gesundheitspolitischen Strategien festzustellen.

Pandemiebekämpfung durch ‚Containment‘: Vietnam zeigt, wie es gemacht wird

Dass eine zügig und konsequent umgesetzte Strategie mit einer Kombination aus Maßnahmen höchst erfolgreich sein kann, zeigt das Beispiel von Vietnam. Nach heutigem Stand [April 2021] verzeichnete Vietnam niemals mehr als 110 neue Infektionen pro Tag, bei einer Einwohner*innenzahl von 97,3 Millionen. Die Grenzschließung zu China erfolgte bereits am 1. Februar 2020. Es folgten Maßnahmen zur effektiven Rückverfolgung von Kontakten, zum Beispiel mit einer ab März 2020 landesweit eingesetzten Tracing-App. Dabei scheint besonders die Kombination aus konsequentem Aufspüren von Infizierten, gezielter Isolation und Abriegelung von ganzen Distrikten ausschlaggebend für den Erfolg gewesen zu sein.

Als sich das Virus Ende Januar 2021 an fünf Orten im Norden Vietnams erneut stark ausbreitete, sagten viele Ortschaften ihre Feierlichkeiten zum Lunar New Year (Tet) ab. Zudem überprüften zusätzliche Checkpoints die Reiserouten und Herkunft der Menschen, die für das Fest zu Verwandten in andere Städte und Ortschaften einreisen wollten. Anfang Februar verstärkten vietnamesische Fluglinien und Flughäfen ihre Vorsichtsmaßnahmen noch entschiedener. Dabei war das Land zu diesem Zeitpunkt schon für längere Zeit praktisch hermetisch abgeriegelt gewesen. Selbst für vietnamesische Staatsbürger*innen war es lange Zeit schwierig, in ihr Heimatland zu reisen. Heute sehen Expert*innen die strikten Reisebeschränkungen gemeinsam mit der Quarantäne-Regelung und Kontaktverfolgung als ausschlaggebend für den Erfolg Vietnams. Denn die erneut aufflammenden Fälle Anfang Februar ebbten innerhalb eines Monats wieder ab.

Ähnlich wie Vietnam ergriffen Thailand und Kambodscha früh strikte Maßnahmen, insbesondere Einreisebeschränkungen und das Screening von Einreisenden. In Thailand wurden internationale und nationale Flüge ausgesetzt. Neben der Schließung vieler Einrichtungen erfolgte eine unverzügliche Isolierung von infizierten Menschen und deren Kontaktverfolgung. Nachdem die lokale Übertragung Ende April 2020 unter Kontrolle war, wurden die Gesundheitsmaßnahmen strukturiert gelockert. Bis Dezember 2020 blieb es in Thailand bei wenigen Fällen pro Tag. Kambodscha blieb sogar bis Mitte Februar 2021 weitgehend unberührt, kämpft allerdings seit Anfang März 2021 mit einem Anstieg an Infektionen.

Autoritär ist nicht gleich erfolgreich

Häufig wird der Erfolg der genannten Länder auch den autoritären Strukturen zugeschrieben. Eine solche Schlussfolgerung greift zu kurz. Das Beispiel der Philippinen ist bezeichnend. Die ergriffenen Maßnahmen können oberflächlich als ‚harter Lockdown’ bewertet werden, wurden aber nicht mit einer koordinierten Test-and-Trace-Strategie kombiniert. Stattdessen wurde eine Taskforce eingerichtet, deren Ziel es ist, Menschen aufzuspüren und zu drangsalieren, die gegen die Regeln verstoßen. Die Ausgangssperre gilt sogar für Kinder. Außerdem sorgte sie weitläufig für kritische Liefer- und Versorgungsengpässe. Es herrscht ein Regime der Angst, bei dem zwischen März und September 2020 mehr als 100.000 Menschen wegen fadenscheiniger Verstöße gegen Pandemie-Maßnahmen verhaftet wurden.

Im Vergleich zu anderen südostasiatischen Ländern sind die Zahlen in den Philippinen dennoch hoch, mit einer aktuell hohen Positivrate (Tabelle 1). Auch das Beispiel Myanmars zeigt, wie ein Fokus auf willkürliche Bestrafung und Internierung (selbst bei kleinen Verstößen gegen die Maßnahmen) eine Pandemie nicht aufhalten kann. Der Putsch und die vielen Morde an protestierenden Menschen zeigen auch, dass Repression etwas anderes ist als eine koordinierte Pandemiebekämpfung.

Indonesien – das Kapital nutzt die Pandemie

Indonesien zeigt sehr gut, dass ‚Lockdown‘ alleine keine Strategie gegen den Virus ist. Die Regierung hat dort im April 2020 mit sogenannten „großräumigen sozialen Einschränkungen“ (Pembatasan Sosial Berskala Besar, PSBB) scheinbar ‚durchgegriffen‘. Die Maßnahmen zielten wie in Deutschland auf den Privatbereich ab. Auch die Produktion wurde teilweise, aber nicht systematisch unterbrochen. Etliche Bereiche wurden als ‚essentiell‘ definiert, andere durften mit halber Belegschaft weiterbetrieben werden.

Tabelle 2: Ausgewählte Regierungsmaßnahmen zur Pandemiebekämpfung, Kategorisierung gemäß CSIS und OxCGRT

Fokus der Maßnahmen Beispiele für Maßnahmen Erläuterung
Eindämmung und Schließungen („containment and closure policies“) Nach außen

  • Grenzschließungen
  • Einschränkungen bei der Einreise
Einschränkungen bei der Einreise können z.B. durch Testpflichten oder Quarantäne-Zwang entstehen. Einschränkungen sind meist strenger für Nicht-Staatsbürger*innen.
Nach innen:

  • Einschränkungen der Bewegungsfreiheit
  • Schließungen von Bildungseinrichtungen
  • Schließungen von Arbeitsstätten
  • Verbot von Menschenansammlungen
‚Lockdown‘ bezeichnet eine Kombination von Maßnahmen, die ein Herunterfahren des öffentlichen Lebens mit sich bringen. Die Ausgestaltung eines Lockdowns variiert stark im internationalen Vergleich und auf subnationaler Ebene. Um die Ausbreitung in Regionen mit hohen Fallzahlen einzudämmen, setzen Regierungen geographisch begrenzte Lockdowns um.
Maßnahmen des Gesundheitssystems
(„health system policies“)
  • Teststrategie
  • Kontaktverfolgung
  • Quarantäne
  • Impfpolitik
Neben der Behandlung der mit COVID-19 Erkrankten liegt der Fokus hier vor allem auf Maßnahmen zur Rückverfolgung, zum Testen, zur Isolation von Infizierten und zur Verteilung von Impfstoffen.
Wirtschaftliche Maßnahmen („economic policies“)
  • Einkommenshilfen für Haushalte und Einzelpersonen
  • Notfall-Kredite
  • Rettungspakete für Unternehmen
Der Fokus der Kategorie liegt hier auf Maßnahmen, die Haushalte und Unternehmen direkt betreffen. Finanz- und Steuerpolitik als Antwort auf die Pandemie geht über diesen Artikel hinaus.

Quellen: Center for Strategic and International Studies CSIS, Oxford Covid-19 Government Response Tracker OxCGRT 2021

Vor allem aber sind die Lockdown-Maßnahmen nicht mit einer systematischen Nachverfolgung und Quarantäne-Strategie verknüpft worden (Tabelle 2 zeigt eine Aufschlüsselung möglicher Maßnahmen). Statt, wie in Vietnam, jeden Fall konsequent nachzuverfolgen, wurde auf allgemeine Einschränkungen gesetzt. Die Chance, die Ausbreitung der Pandemie von Java auf die anderen Inseln zu unterbinden, wurde vertan. Erst ein Monat nach den ersten Fällen wurde die Einreise nach Indonesien unterbunden. Die Verbreitung des Virus wurde deshalb nur verlangsamt, nicht aber eingedämmt oder gestoppt.

Die Zeichen häufen sich, dass aus einer ‚Flatten-the-Curve‘ Strategie eine Herdenimmunität werden könnte – d.h. die unkontrollierte Ausbreitung des Virus. Dafür sprechen die hohe Positivrate, die zum Teil über 20 Prozent lag und die geringe Anzahl von Tests, die auf eine sehr schnelle Ausbreitung hindeuten. Deutlich wird dies auch in der zunehmenden Fokussierung auf Impfstoffe, um die Herdenimmunität schneller zu erreichen.

Weil der Druck für eine Lockerung wächst, die Infektionszahlen aber steigen, kommt es – ähnlich wie in Deutschland – zu einem Dauerlockdown im Jo-Jo-Verfahren. Die sozialen Folgen sind verheerend. In manchen Sektoren, wie im Tourismusbereich, haben bis zu 80 Prozent ihre Arbeit verloren oder sind seit einem Jahr ‚beurlaubt‘. Durch die dauerhaften Einschränkungen der Bewegungsfreiheit ist der informelle Sektor schwer betroffen. Die Millionen von Arbeiter*innen, die nicht von daheim aus arbeiten können, müssen trotzdem in die Fabriken – Palmöl wird selbstverständlich weiter exportiert – und stecken sich dort weiter an. Die Schließung der Schulen stellt auf Dauer eine enorme Belastung dar, die einmal mehr vor allem von Frauen getragen wird.

Im Schatten der Pandemie geht das Kapital in die Offensive. Große Hilfspakete werden für die Großunternehmen geschnürt, während die Unterstützung für den informellen Sektor oder für die Arbeitslosen unzureichend ist. Auf Druck der Wirtschaft wurde im Oktober das Omnibusgesetz im Parlament durchgepeitscht – der größte Angriff auf Arbeits- und Umweltstandards seit dem Sturz Suhartos 1998. Das bedeutet, dass Arbeiter*innen in der Pandemie nicht mehr, sondern weniger Schutz und soziale Absicherung bekommen. Im Jahr 2020 ruhte die Abholzung der Regenwälder nicht – fast eine Million Hektar wurden von Plantagen- und Bergbauunternehmen gerodet. Damit werden die Ursachen von neuen Zoonosen verschärft.

Solidarisch aus der Krise?

Während in Vietnam und Thailand die erfolgreiche Eindämmung auch auf Grund einer aktiven Unterstützung der Zivilgesellschaft zu erklären ist, sind in anderen Ländern solidarische Ansätze von unten entstanden, um das Überleben der Armen und Ausgegrenzten in der Pandemie sicherzustellen. Diese sind umso wichtiger, weil das Vorgehen gegen die Pandemie in der Region eher repressiv als solidarisch ist.

Dies sieht man vor allem daran, wie in der Krise mit Arbeitsmigrant*innen umgegangen wird. Durch ihre prekäre Lage sind diese von der Wirtschaftskrise am schwersten betroffen. Zudem stranden sie durch Grenzschließungen im Niemandsland: es wird schwierig und teuer, nach Hause zurückzukehren. Gleichzeitig erhalten sie im ‚Gastland‘ keine Unterstützung, weil sie keine Staatsbürger*innen und/oder offiziell nicht registriert sind.

Die unsolidarische Covid-19-Politik ist besonders in den beiden reichsten Ländern der Region, Malaysia und Singapur, auffällig. Singapur hat die Pandemie nach einer ersten Welle seit September 2020 sehr gut im Griff, was auf einer konsequenten Strategie mit Tests, Nachverfolgung und Quarantäne zurückzuführen ist. Allerdings wird die Tracing-App auch von der Polizei zur Überwachung der Bevölkerung verwendet. In den engen Wohnbaracken der Arbeitsmigrant*innen war aber eine Selbstisolierung kaum möglich, so dass sich der Virus hier, ähnlich wie in der deutschen Fleischindustrie, ausbreiten konnte. Anstatt die schlechten Arbeits- und Wohnbedingungen der vielen und wichtigen Arbeitsmigrant*innen zu thematisieren, wurden sie von vielen die Menschen, und mit rassistischen Argumenten, zu Sündenböcken gemacht.

Malaysia kombiniert hingegen eine wirtschaftsfreundliche Lockdown-Politik mit einer staatlich orchestrierten Kampagne gegen Migrant*innen. Schätzungsweise arbeiten um die vier Millionen Arbeiter*innen aus Bangladesch, Indien, Nepal, Indonesien und den Philippinen ohne legalen Status im Land. Als ‚illegal‘ tituliert, werden diese nun für die Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht. Sie werden von der Polizei in Razzien festgenommen und in Deportationslager gesperrt, wo der Virus sich ungehindert ausweiten kann.

Was Deutschland von Südostasien lernen könnte

Insgesamt waren einige Länder Südostasiens besser vorbereitet und haben schneller und konsequenter auf die Pandemie reagiert. Viele Maßnahmen, die dort zum Einsatz kamen, wurden in Deutschland nicht genutzt. So bilden die Flughäfen ‚Flaschenhälse‘, in denen eine konsequente Test-and-Trace-Strategie mit bereits vorhandenen Strukturen leicht umgesetzt hätte werden können.

Tabelle 3: Strategien zur Bekämpfung der Pandemie mit unterschiedlichen Zielen

Länderstrategien Erklärung Einteilung der Länder
Ziel ‚Herdenimmunität‘ Die Bewegung der Menschen wird kaum oder gar nicht eingeschränkt. Es wird bewusst darauf gesetzt, dass Menschen sich anstecken und durch eine Infektion Immunität entwickeln. Die Ausbreitung des Virus ist unkontrolliert. Zunehmend Indonesien und Philippinen.
Herdenimmunität war hier nicht von Beginn an die Strategie. Es läuft aufgrund des Kontrollverlusts aber darauf hinaus.
Ziel ‚Ausrottung‘ – #ZeroCovid Durch zügige und konsequente Maßnahmen wird die lokale Ausrottung des Virus angestrebt. Dabei wird eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit mit weiträumigen Schließungen und/oder Abriegelungen sowie einer konsequenten Test-and-Trace-Strategie kombiniert. Auch der wirtschaftliche Bereich wird heruntergefahren. Vietnam, Kambodscha, Thailand, Singapur
Ziel ‚Einhegung‘ – ‚Kurve flach halten‘ Es werden Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie ergriffen, allerdings nicht konsequent und meist zeitlich verzögert. Der Schwerpunkt liegt eher darauf, große Teile der Wirtschaft am Laufen zu halten. Ein Anstieg der Neuinfektionen wird bis zu einem gewissen Punkt in Kauf genommen. Indonesien, Philippinen, Malaysia
Die Bewertung erfolgt aufgrund der Tatsache, dass die Wirtschaft weitgehend weiter lief und zu harten Maßnahmen keine koordinierte Test-and-Trace-Strategie angewendet wurde.

Quelle: eigene Konzeption der Autor*innen

Südostasien zeigt aber auch, dass ‚harte Lockdowns‘ nicht die Lösung sind. In Indonesien und den Philippinen gerät die Pandemie zunehmend außer Kontrolle. Vielmehr brauchen wir ‚kluge Lockdowns‘, die auch die Wirtschaft mit einschließen, und die mit einer konsequenten Teststrategie, Kontaktverfolgung und Quarantäne-Regelung verknüpft werden. Wie in Vietnam zu sehen ist, bleiben dann auch die schlimmsten sozialen und psychischen Folgen eines Dauer-Lockdowns aus.

Die Länder, die in Südostasien erfolgreich waren, haben die Bevölkerung und die Zivilgesellschaft miteinbezogen. Die Handlungsbereitschaft für die Gemeinschaft war dann groß, wenn die Strategie sinnvoll und erfolgreich war. In Deutschland hingegen sinkt die Bereitschaft, Maßnahmen mit zu tragen, je länger der Lockdown dauert. Dies liegt auch daran, dass Menschen und Institutionen zu wenig aktiv einbezogen werden, und dass die Verantwortung, die zusätzliche Arbeit (wie Schule) und die sozialen Folgen individualisiert in den Privatbereich verlagert werden. Südostasien zeigt, dass die Pandemie nur gemeinsam und mit einer konsequenten Gesamtstrategie besiegt werden kann.

Die Autor:innen

  • Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Nantawat Chatuthai promoviert über thailändische Politik am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Michaela Doutch promoviert über die kambodschanische Arbeiter*innenbewegung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Andrea Höing ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn und Mitglied der AG Ressourcen und des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus.

  • Fahmi Panimbang ist Aktivist in Indonesien und Herausgeber vom Buch Resistance on the Continent of Labour: Strategies and Initiatives of Labour Organizing in Asia, AMRC, 2017. Er koordinierte ein regionales Forschungsprojekt zur Unterstützung des Kampfes von Samsung Arbeiter*innen und veröffentlichte die Studie (Labour Rights in High Tech Electronics: Case Studies of Workers’ Struggles in Samsung Electronics and its Asian Suppliers. AMRC, 2013).

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 1/2019: Arbeiter*innenbewegung(en) neu entdecken

Südostasien: Das Buch „The Political Economy of Southeast Asia“ analysiert die ökonomische Entwicklung Südostasiens im Kontext ihrer gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen. Es setzt damit neue Maßstäbe.

Südostasien gibt den Wirtschaftswissenschaften und Entwicklungstheorien ein Rätsel auf. Als wirtschaftlich erfolgreiche und aufstrebende Region wird sie als Bestätigung der Modernisierungstheorie und als Widerlegung der Dependenztheorie betrachtet. Gleichwohl haben sich die soziale Kluft zwischen Arm und Reich sowie die Naturzerstörung nicht ‚wegmodernisiert‘. Die fehlende Demokratisierung und die Dominanz autoritärer Regime widersprechen wichtigen Annahmen der Modernisierungstheoretiker.

Der alternative Ansatz der Murdoch School

Antworten gibt das Buch The Political Economy of Southeast Asia: Politics and Uneven Development under Hyperglobalisation, herausgegeben und geschrieben von renommierten Südostasienexpertinnen, die mit dem Asia Research Centre der Murdoch University in Australien assoziiert sind. Gleichzeitig stellen die Autor*innen auch neue, kritische Fragen zum ‚Rätsel Südostasien’. Das Buch ist die vierte und komplett neu konzipierte Auflage eines Buches zur Politischen Ökonomie der Region, das bisher von Garry Rodan, Kevin Hewison und Richard Robison herausgegeben worden war. Es steht damit in einer Buchtradition, die seit den 1980er Jahren aus meiner Sicht die beste Analyse der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Südostasiens überhaupt ist.

Im Mainstreamdiskurs der Weltbank und der bürgerlichen Entwicklungstheorien, der von Max Weber sowie vom Historischen und Neo-Institutionalismus geprägt ist, geht man davon aus, dass die ökonomische Entwicklung eines Staates wesentlich davon abhängt, ob ein funktionierender und rationaler Staat mit einer relativ autonomen und modernen Bürokratie und einer institutionalisierten Arbeitsteilung vorherrscht oder nicht. Die erfolgreiche ökonomische Entwicklung in Südostasien wird demnach vor allem in der Herausbildung von so genannten ‚developmental states‘, also Entwicklungsstaaten, gesehen. Diese hätten zum Wohle der nationalen Entwicklung die Marktwirtschaft aktiv gefördert aber auch reguliert. Erfolgreiche Entwicklung ist diesen Ansätzen zufolge ein Ergebnis richtiger Wirtschaftspolitik im nationalen Maßstab, die unter anderem durch eine korrekte Kombination aus Importsubstitution, exportorientierter Industrialisierung und dem Anlocken von Auslandsinvestitionen herbeigeführt würde. Singapurs Entwicklung wird als Ergebnis einer ‚klugen‘ Wirtschaftspolitik angepriesen, die sich andere Länder Südostasiens zum Vorbild nehmen sollten.

Die Murdoch School, die diesem Buch zu Grunde liegt, lehnt beide Ansätze ab. Sie seien zu technokratisch und zu stark im nationalstaatlichen Rahmen verhaftet. Stattdessen fängt sie mit der Grundprämisse der politischen Ökonomie an, nämlich der, dass die Wirtschaft kein unabhängiges Untersystem, sondern von Klassen- und Machtverhältnissen durchdrungen ist. Wirtschaftspolitik ist demnach kein Ergebnis einer rational denkenden Bürokratie (oder dem Fehlen dieser), sondern das Ergebnis von sozialen Konflikten und von Kräfteverhältnissen zwischen Klassen, die sich politisch niederschlagen. Entwicklung könne zudem nicht nationalstaatlich erklärt werden, sondern nur im Kontext einer sich verändernden Arbeitsteilung der Weltwirtschaft. Genau hier liegt die Verbindung zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe, den Hegemonialinteressen.

Koloniale Erinnerung ist in Strukturen festgeschrieben

Laos sei, so die Autor*innen, nicht deswegen weniger entwickelt als Singapur, weil der Inselstaat eine klügere Regierung oder bessere Institutionen habe, sondern weil Singapur eine andere Kolonialgeschichte habe und eine andere Rolle in der Arbeitsteilung der Globalisierung einnehme als Laos. Die politische Ökonomie Südostasiens sei Jahrhunderte lang von „Handel, Kolonialismus und Kapitalismus“ geprägt gewesen. Der Kolonialismus habe eine ausgeblutete Region hinterlassen, die sehr lange einen Werttransfer in die Metropolen habe stemmen müssen. Die jungen Nationalstaaten hätten nach einer Entwicklungsstrategie gesucht, allerdings unter extrem schwierigen Bedingungen und in von Kriegen zerstörten Ländern.

Sehr bald sei die Kolonialgeschichte zudem in den Kalten Krieg übergegangen, der in Südostasien besonders heiß gewesen sei. Wirtschaft, Krieg und Geopolitik seien also nicht zu trennen, sei es die Entwicklung der Schwerindustrie durch sowjetische Hilfe in Vietnam, der Zusammenhang zwischen den amerikanische Militärbasen und -‚hilfen‘ und der wirtschaftlichen Entwicklung in den befreundeten ASEAN Staaten, sei es die Unterstützung Pol Pots durch China und die USA.

Für die jüngere (und nicht mehr ganz so junge) Entwicklung seien hingegen Impulse aus Ostasien entscheidend. Die so erfolgreiche Integration Südostasiens in die Globalisierung mittels exportorientierter Industrialisierung habe maßgeblich mit dem Outsourcing von Produktion durch Japan zusammengehangen. Heute verändere sich Südostasiens Rolle erneut – durch die Produktionsverlagerung nach China, durch die beschleunigte Ausweitung von Finanz- und Handelsströmen und die „Hyperglobalisierung“ durch globale Produktionsketten.

Klassenkämpfe als Teil der politischen Ökonomie

Südostasiens politische Ökonomie ist also weit mehr als nur eine Funktion postkolonialer Dependenzen oder weltwirtschaftlicher Beziehungen. Die Stärke dieses Buches besteht darin, dass es politische Ökonomie in Verbindung mit den Klassenformationen und den sozialen und politischen Konflikten in den Gesellschaften selbst analysiert. In Südostasien herrschen mächtige Allianzen aus global tätigen Konglomeraten, historisch gewachsenen bürokratischen Staatsapparaten und gewaltigen Militärs. Sie haben die Entwicklung der Region in ihrem Sinne vorangetrieben und dafür blutigsten Klassenkampf betrieben.

Diese politischen Entwicklungen werden im Buch in verschiedenen Kapiteln behandelt, manchmal bezogen auf einzelne Länder, meist aber eingebettet in soziale und ökonomische Zusammenhänge. Es geht zum Beispiel um die post-sozialistische Transformation in Vietnam, Myanmar, Laos und Kambodscha und die „Staat-Partei-Business-Allianzen“, um den Aufstieg und Fall der Linken, um die vergleichende Analyse neuer Populisten, um die Internationalisierung des Kapitals aus der Region und um die Einschätzung von ASEAN. In diesen ganzen Auseinandersetzungen treten die herrschenden Klassen Südostasiens nicht als Opfer (einer ungerechten Weltordnung) sondern als Täter in Erscheinung.

Erweiterte Politische Ökonomie

Im Gegensatz zu den vorherigen Ausgaben bespricht diese Neuauflage nicht mehr ein Land pro Kapitel sondern arbeitet vergleichend und entlang thematischer Stränge, die in Blöcken organisiert sind. Neben den bisher erwähnten Kapiteln aus den Teilen des Buches zur Politischen Ökonomie und wirtschaftlichen Entwicklung widmet sich das Buch zwei weiteren großen Bereichen: „Kapital, Staat und Gesellschaft“ mit vier Kapiteln und „Kapital, Staat und Natur“ mit drei Kapiteln. In diesen Teilen werden die Konflikte und das Thema gesellschaftliche Entwicklung um Akteure aus der Arbeiter*innenklasse, Bauernschaft und aus der Zivilgesellschaft erweitert.

Spannend sind vor allem die Kapitel, die Frauen, Migrant*innen und die städtischen Armen in den Mittelpunkt rücken. Südostasiens Entwicklung ist stark gegendert, was in der Feminisierung der (Fabrik-)Arbeit und in der Krise der Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft sowie in der Krise des Wohlfahrtsstaats zum Ausdruck kommt (Kapitel 9). Interessant sind auch die Verschiebungen in der politischen Ökonomie der Entwicklungszusammenarbeit, bei der die Dominanz der ehemaligen Kolonialländer dem wachsenden Einfluss Chinas weichen muss (Kapitel 12). Die letzten drei Kapitel beziehen die Natur mit ein und behandeln den Extraktivismus (Kapitel 13), Landwirtschaft und die Landfrage (Kapitel 14) sowie die Klimakrise (Kapitel 15). Sie sind allesamt auch als für sich allein stehende Überblicke zu empfehlen.

Dieses Buch setzt neue Maßstäbe in der vergleichenden Analyse der Entwicklungsdynamiken Südostasiens und kann zu Recht als ein neues Standardwerk zum Thema betrachtet werden. Ich kann es ohne Wenn und Aber empfehlen.

Rezension zu: Toby Carroll, Shahar Hameiri und Lee Jones. The Political Economy of Southeast Asia. Politics and Uneven Development under Hyperglobalisation. Palgrave MacMillan. 2020. 412 Seiten.

Die Autor:innen

  • Oliver Pye ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Südostasienwissenschaften am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Nantawat Chatuthai promoviert über thailändische Politik am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Michaela Doutch promoviert über die kambodschanische Arbeiter*innenbewegung am Institut für Orient- und Asienwissenschaften in Bonn.

  • Andrea Höing ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Orient-und Asienwissenschaften an der Universität Bonn und Mitglied der AG Ressourcen und des Kuratoriums der Stiftung Asienhaus.

  • Fahmi Panimbang ist Aktivist in Indonesien und Herausgeber vom Buch Resistance on the Continent of Labour: Strategies and Initiatives of Labour Organizing in Asia, AMRC, 2017. Er koordinierte ein regionales Forschungsprojekt zur Unterstützung des Kampfes von Samsung Arbeiter*innen und veröffentlichte die Studie (Labour Rights in High Tech Electronics: Case Studies of Workers’ Struggles in Samsung Electronics and its Asian Suppliers. AMRC, 2013).

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz