2 | 2024, Foto-Stories, Timor-Leste,
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Artenreiche ‚Kindergärten‘ zwischen Land und Meer

Timor Leste, Mangroven, Klimaschutz

© Miriam Stadler

Timor-Leste: Mangrovenwälder sind existentiell für den Klimaschutz. Im Mangrovenstudienzentrum in Hera kann Mensch das hautnah erfahren. Unser Foto-Essay nimmt euch mit…

Timor Leste, Mangroven, Klimaschutz

Fährt man aus Dili Richtung Osten, gelangt man in das kleine Städtchen Hera, in der Nähe von Ma‘abat. Es liegt am Rand des ersten Mangrovenwaldes in Timor-Leste, der zum Landschaftsschutzgebiet erklärt wurde. Seit sieben Jahren können Besucher*innen des Sentru Estudu Mangrove (auf Deutsch: Mangrovenstudienzentrum) auf einem Holzpfad wandeln, den viele Informationstafeln säumen. Der Weg führt direkt durch den Wald: unten der Mangrovensumpf mit seinen aus dem Schlick ragenden Wurzeln, hoch oben die immergrünen Kronen. © Miriam Stadler

 

Timor Leste, Mangroven, Klimaschutz

Mangrovenwälder finden sich hauptsächlich entlang tropischer und subtropischer Küsten. In Timor-Leste bedecken sie vor allem die Südküste um Suai, und Teile der Nordküste in der Nähe von Hera und Metinaro. Viele Küstenbereiche Osttimors sind zu steinig für Mangrovenwälder, da diese auf lockeren, sandig-matschigen Boden angewiesen sind, um wurzeln zu können. Weil im schlammigen Untergrund jedoch wenig Sauerstoff vorhanden ist, findet die Sauerstoffzufuhr über die aus dem Boden ragenden Wurzeln in Form von Wurzelatmung statt. © Miriam Stadler

 

Timor Leste, Mangroven, Klimaschutz

„Mangrovenwälder sind in sich geschlossene Ökosysteme“, sagt Octávio de Araújo, Berater für Klimawandel und nachhaltige Bewirtschaftung. Er weist auf die durch die Ebbe freigelegten Krebse, Krabben und schillernden Garnelen. „Wenn die Flut kommt, wird das Gebiet zu einem Kindergarten für verschiedenste Arten. Fische, Krabben und sogar Krokodile suchen Schutz für ihre Jungen zwischen den Wurzeln.“ Nicht nur der Schlick ist Heimat vieler Tiere, auch die Wurzeln sind Lebensraum für Algen, Seepocken oder Schnecken. Obwohl Mangrovenwälder nur einen kleinen Teil der Küsten bedecken, so sind sie doch eines der artenreichsten Ökosysteme der Erde. © Miriam Stadler

 

Bäume knarren, Blätter rascheln, Vögel zwitschern, der Sumpf gluckert – der Pfad durch den Wald macht es möglich, Teil des lebendigen Ökosystems zu werden. © Miriam Stadler

 

Die vergleichsweise kühlen Temperaturen im Inneren des Waldes bieten eine willkommene Abwechslung zu dem sonst vorherrschenden schwül-heißen Wetter. © Miriam Stadler

 

Timor Leste, Mangroven, Klimaschutz

Von einer Aussichtsplattform lassen sich große Teile des Mangrovenwaldes überblicken. Auf den ersten Blick erstrecken sich, soweit das Auge reicht, Mangroven entlang der Küste. Octávio erklärt jedoch die unschöne Realität: „Tatsächlich existiert nur noch etwa die Hälfte von dem, was Anfang des 20. Jahrhunderts den Mangrovenwald in Timor-Leste ausgemacht hat. Die Gesamtfläche der Mangroven wird heute vom United Nation Development Programme nur noch auf 1300 Hektar geschätzt.“ © Miriam Stadler

 

Die Gründe der Abholzung sind sehr verschieden. In Indonesien wurde und wird viel gerodet, um Sumpfgebiete in weiße Sandstrände für Touristen zu verwandeln. In Timor-Leste sind Landwirtschaft und Fischerei der ausschlaggebende Faktor für Abholzung. Hinzu kommt, dass Holz als Brennmaterial und Blätter als Medizin genutzt werden. Eine weitere Menschengemachte Bedrohung ist der Klimawandel. Durch den Anstieg des Meeresspiegels werden viele Küstenbereiche länger und stärker überschwemmt als zuvor. Steigt der Wasserspiegel weiter, könnten die Wurzeln der Bäume bald dauerhaft im Wasser stehen. Wurzelatmung wäre nicht mehr möglich, das Ertrinken der Mangroven wäre die Folge. Zusammen mit dem Mangrovenstudienzentrum versucht Octávio das Bewusstsein für die Bedeutung der Mangroven zu schärfen, damit die Wälder in Zukunft stärker geschützt werden. © Miriam Stadler

 

Timor Leste, Mangroven, Klimaschutz

In Metinaro, einem kleinen Dorf östlich von Hera, gibt es, neben einem großen Mangroven-Wald auch eine Aufzuchtstation für junge Mangroven. Mithilfe von Salzwasser-Kanälen werden die Mangroven aufgezogen. Das ist schwierig, da für ein optimales Wachstum Gezeiten imitiert werden müssen. Sobald die kleinen Setzlinge jedoch die ersten überirdischen Atemwurzeln ausgebildet haben können sie sich selbst versorgen und umgesetzt werden. © Miriam Stadler

 

Timor Leste, Mangroven, Klimaschutz

Mangrovenwälder bilden nicht nur ein einzigartiges Ökosystem, sondern stellen einen wichtigen, natürlichen Schutz der Küstengebiete dar. In den komplexen Wurzelsystemen der Bäume verfangen sich im Wasser befindliche Schwebstoffe und bauen somit über die Zeit Sedimentablagerungen auf. Diese schützen vor Gezeiten, Sturmfluten und Tsunamis und verhindern, dass Landmassen abgetragen werden. An der Südküste, um die Gemeinde Suai, besteht ein deutlich höheres Risiko für Tsunamis als an der Nordküste. Ein Wall aus Mangroven könnte das Land und seine Bevölkerung schützen. © Miriam Stadler

 

Timor Leste, Mangroven, Klimaschutz

Im Gegensatz zu terrestrischen Wäldern können Mangrovenwälder drei bis fünf Mal mehr Kohlendioxid binden, was sie zu extrem effizienten Kohlenstoffspeichern macht. „Die durch die Gezeiten eingetragenen, mit organischem Material gemischten Sedimente verfangen sich in den Wurzeln der Mangroven und sinken ab. Unter dem feinkörnigen Sediment werden Abbauprozesse erheblich verlangsamt, wodurch Mangroven das gebundene Kohlendioxid Jahrzehnte oder Jahrhunderte speichern.“, erklärt Octávio. © Miriam Stadler

 

Timor Leste, Mangroven, Klimaschutz

„Mangrovenwälder sind wichtige Lebensräume, die auf natürliche Weise helfen, den Klimawandel zu mindern. Umso wichtiger ist es, sie zu schützen und zu erweitern.“, so Octavio. Immer mehr Initiativen setzen sich für den Schutz der Mangrovenwälder ein. Es werden Projekte für Schulen entwickelt, Seminare im Mangrovenstudienzentrum gehalten, Bücher und Broschüren geschrieben sowie Videos fürs nationale Fernsehen gedreht. © Miriam Stadler

 

Timor Leste, Mangroven, Klimaschutz

Schließlich geht es nicht nur um Küstenschutz in Timor-Leste, sondern um Klimarettung für die ganze Welt. © Miriam Stadler

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  • Nachdem Miriam Stadler 2023 ihr Abitur am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Köln gemacht hatte, war sie von September 2023 bis April 2024 als MISEREOR-Freiwillige in Dili, Timor-Leste, um dort als Assistenzlehrerin Englisch zu unterrichten.

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2 | 2024, Foto-Stories, Timor-Leste,
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Artenreiche ‚Kindergärten‘ zwischen Land und Meer

Liebe Leser:innen,

Plastik ist allgegenwärtig. Es verbirgt sich überall – in Verpackungen, Kleidung, Elektronik, Kosmetik und unzähligen Alltagsgegenständen. Seit Jahrzehnten steigt die weltweite Kunststoffproduktion kontinuierlich – und damit die Menge an Müll, die sie hinterlässt. Der größte Teil davon wird weder recycelt noch sicher entsorgt. Stattdessen landet Plastik auf Deponien, in Böden, in Flüssen und schließlich in den Meeren. Dort zerfällt es über sehr lange Zeiträume in immer kleinere Partikel, ohne jemals vollständig zu verschwinden. Die Folge: Mikroplastik findet sich heute in Fischen, Trinkwasser, Ackerböden, Gletschern – und im menschlichen Körper. Die globale Plastikkrise ist längst keine abstrakte Umweltfrage mehr. Sie ist eine soziale, politische und gesundheitliche Herausforderung von weltweiter Dimension, die uns alle betrifft.

Besonders sichtbar werden die Folgen in Südostasien. Flüsse wie der Mekong, der Pasig oder der Citarum transportieren jedes Jahr enorme Mengen Plastikmüll ins Meer. Taifune, Überschwemmungen und andere Extremwetterereignisse tragen weiteren Müll aus Städten, Deponien und Industriegebieten in die Umwelt. In vielen Regionen fehlt es an funktionierenden Entsorgungs- und Recyclingsystemen. Gleichzeitig steigt der Konsum von Plastikprodukten an – oft in Form von billigem Einwegplastik. Straßenstände, Lieferdienste und Supermärkte verkaufen ihre Ware vielerorts in Verpackungen, die nach kurzer Nutzung zu Abfall werden.

Doch die Ursachen der Krise liegen nicht allein in Südostasien. Einen erheblicher Teil des weltweiten Plastikmülls exportieren Ländern des globalen Nordens. Staaten wie Malaysia, Indonesien, Thailand oder Vietnam wurden in den vergangenen Jahren zu zentralen Zielorten internationaler Müllströme. Was in Europa oder Nordamerika als Recycling deklariert wird, endet nicht selten andernorts auf offenen Müllhalden, in informellen Sortieranlagen oder wird unter gefährlichen Bedingungen verbrannt.

Die ökologischen und gesundheitlichen Folgen tragen vor allem die Menschen, die am wenigsten von der globalen Konsumwirtschaft profitieren. Viele der größten Produzenten von Plastik und Einwegplastik sitzen im globalen Norden: Konzerne wie Nestlé, Coca-Cola, Unilever oder Procter & Gamble prägen von dort aus weltweit Konsum- und Verpackungssysteme. Ihre Produkte sind auch in Südostasien allgegenwärtig – häufig in kleinen Einwegportionen. Diese ‚Sachets‘ sind für viele Menschen erschwinglicher als größere Verpackungen, erzeugen aber enorme Mengen Müll.

Die Plastikkrise ist eng verbunden mit globalen Produktionsketten, wirtschaftlichen Interessen und politischen Entscheidungen. Die Verantwortung darf deshalb nicht allein bei Verbraucher:innen oder Kommunen liegen. Dennoch wird Müll häufig individualisiert: Menschen sollen nachhaltiger konsumieren, ihren Abfall trennen oder auf Plastik verzichten. Diese Maßnahmen sind wichtig, greifen aber zu kurz, wenn Unternehmen immer neue Plastikprodukte produzieren und vermarkten. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Plastikkrise muss deshalb die strukturellen Ursachen in den Blick nehmen: koloniale und neokoloniale Machtverhältnisse, ungleiche Verantwortung sowie die Rolle von Konzernen und Regierungen.

Es lohnt der Blick auf diejenigen, die bereits heute alternative Formen des Umgangs mit Ressourcen praktizieren. In vielen Teilen Südostasiens existieren informelle Recyclingnetzwerke, Reparaturkulturen und gemeinschaftsbasierte Initiativen zur Müllvermeidung. Müllsammler:innen, Straßenhändler:innen oder kleine Recyclingbetriebe leisten oft unsichtbare Arbeit, die ganze Städte am Funktionieren hält. Es entstehen Projekte der Kreislaufwirtschaft, lokale Initiativen zur Müllvermeidung (Zero-Waste) oder Bewegungen gegen Plastikimporte und Umweltverschmutzung.

Auch historische Perspektiven eröffnen wichtige Fragen: Welche Materialien und Verpackungsformen nutzten Menschen regional, bevor Einwegplastik den Alltag dominierte? Welche nachhaltigen Praktiken gibt es oder gab es, bevor koloniale Handelsstrukturen, Industrialisierung und globale Konsummuster sie verdrängten?

Seit 2022 verhandeln die Vereinten Nationen über ein globales und rechtsverbindliches Plastikabkommen. Im Zentrum steht die Frage, wie Plastikproduktion reduziert, Recycling verbessert und Kreislaufwirtschaft aufgebaut werden kann. Auch wenn die bisherigen Verhandlungen konfliktreich verlaufen und wirtschaftliche Interessen ambitionierte Maßnahmen bremsen, zeigen sie doch: Die Plastikkrise ist zu groß geworden, um sie weiter als lokales Entsorgungsproblem zu behandeln.

Vor diesem Hintergrund richtet diese Ausgabe der südostasien den Blick auf Müll, Plastik und Entsorgung in der Region. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, Infrastrukturen und Machtverhältnisse entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Produktion und Konsum über Sammlung und Recycling bis hin zu politischen Aushandlungen und sozialen Kämpfen. Wir möchten die komplexen Verflechtungen der globalen Plastikkrise sichtbar machen. Außerdem zeigen wir Ansätze, die ökologisch tragfähig, sozial gerecht und langfristig wirksam sind. Die hier gesammelten Artikel sehen wir als Beitrag zum weiteren Austausch. Bis Oktober erweitern wir die Artikelserie fortlaufend.

Anica, Lilli, Miriam, Mirjam und Tiffany

Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung bei:

Autor:in

  • Nachdem Miriam Stadler 2023 ihr Abitur am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Köln gemacht hatte, war sie von September 2023 bis April 2024 als MISEREOR-Freiwillige in Dili, Timor-Leste, um dort als Assistenzlehrerin Englisch zu unterrichten.

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