1 | 2022, Malaysia,
Autor*in:

Malaysias „Vision 2020“: Über den Traum und die Wirklichkeit – Teil I

Malaysia, Kunst, Vision 2020, documenta

Ein Abbild der Wawasan 2020, der nationalen Identitätsstrategie, die in Malaysia große Popularität besitzt. © Liew Kung-Yu

Malaysia: Der Kunstkritiker Lee Weng-Choy führt ein Gespräch mit den Künstlern Liew Kung-Yu und Ray Langenbach über zeitgenössische Kunst in Malaysia. Im ersten Teil des geht es um Nationalismen und die Praxis kreativen Protests gegen Politiker*innen.

Lee Weng-Choy (LWC): Für die südostasien spreche ich mit den in Malaysia lebenden Künstlern Liew Kung-Yu und Ray Langenbach. Liew Kung-Yu ist bekannt für seine humorvolle Art, mit der er heikle Themen wie Nationalismus und nationale Identität anspricht. Er engagiert sich für die Erhaltung des malaysischen Kulturerbes sowie für lokale und regionale Gemeinschaftsprojekte. Zu seinen bisherigen Ausstellungen zählen: die Gwangju Biennale; 1st Asia Pacific Triennial of Contemporary Art, Queensland Art Gallery; Temu Seni Multi Media Nur Gora Rupa, Taman Budaya Surakata, Indonesien; Malaysia Art Now, National Art Gallery, Malaysia; die Wanderausstellung Cities on the Move; Art in Southeast Asia: Blicke in die Zukunft, Museum für zeitgenössische Kunst, Tokio, und Hiroshima City Museum of Contemporary Art; und Asiatopia, Bangkok.

Ray Langenbach ist Professor für kreative Künste an der Universiti Tunku Abdul Rahman in Kuala Lumpur und war Professor für Live Art und Performance Studies an der Universität der Künste in Helsinki. Er kreiert konzeptionelle Performances, plant Versammlungen und schreibt über Kulturtheorie, Performance, Propaganda und queere Kulturen. Seine Arbeiten wurden in Ausstellungen und Performance-Events im asiatisch-pazifischen Raum, in Europa und den Vereinigten Staaten vorgestellt. Sein Videoarchiv südostasiatischer Performances befindet sich im Asia Art Archive, Hongkong, im International Institute for Social History, Amsterdam, und in mehreren Museen. Zudem ist sein Werk lumbung auf der diesjährigen documenta 15 zu sehen.

Malaysia, Kunst, Vision 2020, documenta

Liew Kung-Yu beim inmitten der Inszenierung seines Werkes in seinem eigenen Studio in Penang im Jahr 1992 © Ray Langenbach

Im Laufe der Jahre haben Ray und Kung-Yu bei einer Reihe von Projekten zusammengearbeitet, unter anderem als Co-Kuratoren eines Festivals für Performance-Kunst, Satu Kali (2006). Demnächst eröffnet eine Zwei-Personen-Ausstellung Appointment & Assignment mit mir als Kurator, deren Konzept sich auch darauf bezieht, dass Ray vor mehr als dreißig Jahren Kung-Yus Mentor war.

Kung-Yu, meine ersten Fragen richten sich an Dich. Malaysia hat eine komplizierte Identitätspolitik. Die malaiische Bevölkerungsmehrheit wurde während der Kolonialzeit benachteiligt, aber seit der Unabhängigkeit ist die Politik darauf ausgerichtet, sie gegenüber den chinesischen und indischen Minderheiten zu privilegieren. Während der ersten Amtszeit von Dr. Mahathir Mohamad als Premierminister gab es Kritik an seinem Regierungsstil, insbesondere an der Unterdrückung der bürgerlichen Freiheiten, der Korruption und der Ausnutzung von Identitätspolitik. Andererseits hat er das Versprechen auf wirtschaftliche Entwicklung eingelöst. Eine seiner Kampagnen zur Stärkung der nationalen Identität war Wawasan 2020, die Vision 2020. Wie denkst du über diese Kampagne und was hat Dich dazu inspiriert, Kunstwerke darüber zu schaffen?

Malaysias Identitätenpolitik und Wawasan 2020

Liew Kung-Yu (LKY): Wawasan 2020 wurde von Mahathir eingeführt, als er 1991 den sechsten Malaysia-Plan vorlegte. Es handelte sich dabei um das hochgesteckte Ziel, Malaysia bis zum Jahr 2020 zu einer entwickelten, autarken und industrialisierten Nation zu machen. Diese Vision wurde zum Mantra seiner Regierung und war während seiner gesamten Regierungszeit allgegenwärtig, von den Medien über öffentliche Veranstaltungen bis hin zu Souvenirs und Sammelbildern. Während die Ziele der Vision 2020 ambitioniert waren, ist ihr Ergebnis fragwürdig, denn sie war von Korruption und Kontroversen gekennzeichnet, während ihre Kritiker*innen und Gegner*innen zum Schweigen gebracht wurden. Oberflächlich betrachtet präsentierte sich dieses Projekt wie die glorreiche Fassade einer sich entwickelnden Nation, die sich jedoch als hohl erweisen könnte. Es beschäftigte eine ganze Generation von Malaysier*innen veränderte unwiderruflich, was es bedeutet, „Malaysier*in“ zu sein.

Malaysia, Kunst, Vision 2020, documenta

Kreative Freiräume schaffen: Zum Beispiel mit den Werken der dreizehnteiligen Reihe Wadah Untuk Pemimpin, ausgestellt in der Nationalen Kunstgalerie im Jahr 2004. © Liew Kung-Yu

LWC: Kung-Yu, Deine erste Arbeit zu Wawasan 2020 stammt aus dem Jahr 1993. Im Jahr 2020 schufst Du ein weiteres Werk, das in einer Gruppenausstellung Wawasan 2020: Townhall, präsentiert von A+ Works of Art im Tun Perak Co-Op, Kuala Lumpur, gezeigt wurde. Während des gesamten Jahres 2020 wurde nicht viel über Wawasan gesprochen, da wir uns auf die Pandemie konzentrierten. Aber diese Ausstellung wäre nicht zustande gekommen, wenn Du die Organisatoren nicht dazu angeregt hättest. Warum war es Dir wichtig, an diesen Traum von Mahathir zu erinnern?

LKY: Das erste Werk heißt Bersatu Menuju Wawasan (1993), und im Laufe der Jahre habe ich mehrere ähnliche Werke geschaffen, wie Pasti Boleh/Sure Can One (1996) und Cemerlang, Gemilang, Terbilang (2007). Barisan Menuju Wawasan (2020) ist bemerkenswert, da es das Finale dieser Serie darstellt und fast 30 Jahre nach dem ersten Werk entstanden ist. In diesem Werk, wie auch in allen vorangegangenen, geht es um meine Beobachtungen des aktuellen Zustands Malaysias und des Rakyat (des Volkes), das durch die jüngsten politischen Unruhen und die COVID-Pandemie in wirtschaftliche und soziale Ängste gestürzt wurde. Das Werk zeigt uns den Traum und die Wirklichkeit, indem es die Errungenschaften und die gescheiterten Projekte der Vision 2020 gegenüberstellt. Ich fand, dass dies ein passender Abschluss für die Vision 2020 ist – ein Denkmal für ihre Geschichte und ihr Vermächtnis, das uns zeigt, wo der Traum begann und wie er letztendlich endete.

„Wir müssen unsere kreativen Freiheiten ausschöpfen“

LWC: Diese Arbeiten zeigen, wie Du Dich mit sozialen oder politischen Themen auseinandersetzt. Anstatt direkte oder plumpe Kritik zu üben, setzt Du oft Humor und Spielfreude ein, um machtlegitimierende Faktoren zu beleuchten. Wie gehst Du an sensible Themen heran?

LKY: Die Realität in diesem Land ist, dass Minderheiten einfach keine Chance haben, sich gegen die Mächtigen durchzusetzen. Als Künstler*innen müssen wir unsere kreativen Freiheiten voll ausschöpfen, um wichtige Themen respektvoll anzusprechen und sie so zu präsentieren, dass man sich Gehör verschaffen kann, ohne auf die schwarze Liste gesetzt oder zensiert zu werden. Nach einem Besuch der Galeri Perdana auf der Insel Langkawi wurde ich zum Beispiel zu einer Serie von 13 Werken mit dem Titel Wadah Untuk Pemimpin inspiriert, die 2004 in der Nationalen Kunstgalerie ausgestellt wurden. Eines der Werke zeigte ein glitzerndes Bild von Dr. M. (Mahathir), das über einem sich drehenden Raumschiff mit Discolichtern und einer rauchenden Fontäne prangte. Das Werk wurde vor der Eröffnung fast abgehängt, weil einige in der Galerie der Meinung waren, es würde den Premierminister lächerlich machen, während andere es als Verherrlichung interpretierten. Schließlich durfte es doch ausgestellt werden, aber die VIPs, die die Ausstellung eröffneten, wurden nicht in den Bereich geführt, in dem sich meine Installation befand. Jahre später wurde eines der Werke der Serie in der Galeri Perdana ausgestellt, eine ironische Rückkehr an den Ort, an dem alles begonnen hatte.

Übersetzung aus dem englischen von: Simon Kaack

Zum 2. Teil des Gesprächs geht es hier.

Der Originaltext auf englisch ist hier abrufbar. The original version is available here.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2022, Malaysia,
Autor*in:

Malaysias „Vision 2020“: Über den Traum und die Wirklichkeit – Teil I

Südostasien: Der Kunstkritiker Lee Weng-Choy führt ein Gespräch mit den Künstlern Liew Kung-Yu und Ray Langenbach über zeitgenössische Kunst in Malaysia. Im zweiten Teil des Gespräches erzählt Ray Langenbach über die Praxis des Dokumentarfilmens und die unausgesprochene Komplexität von kulturell bedingten Ästhetik-Vorstellungen.

LWC: Ray, Du bist US-Amerikaner, der seit den späten 1980er Jahren in Malaysia und Singapur Kunst lehrt und praktiziert, und in Deiner Arbeit hast du die eigene Identität als schwuler weißer Amerikaner in Asien immer wieder problematisiert. Im vierten Band der bahnbrechenden Buchreihe Narratives in Malaysian Art hast Du Dich mit dem Problem der Ausgrenzung in den vorherrschenden Diskursen über moderne und zeitgenössische Kunst in Malaysia befasst. In Deinen Arbeiten geht es häufig um solche Themen. Wie sieht Deine künstlerische Praxis als Dokumentarfilmer aus?

Ray Langenbach (RL): Vielleicht habe ich naiverweise gedacht, dass die Archivierung und Historisierung von Ereignissen in Südostasien und die Aktionen von Kunstkolleg*innen die Imperialismen meiner Nation irgendwie kompensieren würden. „Wer ist dieser hässliche Amerikaner mit der Kamera?!“ Ich bin mir bewusst, dass meine Präsenz historisch durch ein postkoloniales Skript definiert ist, das von ethnografischen, anthropologischen, soziologischen und militärischen Sichtweisen geprägt ist. Solche Fragen beeinflussen die Art und Weise, wie ich die Leistungen anderer wahrnehme und wie meine Dokumentation von anderen in der Region gesehen wird.

Mein Videoarchiv besteht nun seit dreiunddreißig Jahren, seit 1989. Im Jahr nach meiner Ankunft in Penang kam eine Dokumentarfilmerin, Dawn Wiedeman, mit der ich in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte, zu Besuch und verkaufte mir ihren Canon Hi-8 Camcorder. Das war der Beginn meines ernsthaften Filmprozesses. Nachdem ich 1993 nach Singapur zog, wurde diese Kamera durch eine kleinere und kompaktere Sony Digital Tape Cam ersetzt, die es mir ermöglichte, immer eine Kamera bei mir zu haben. Diese wurde dann einige Jahre später durch eine noch kleinere DV-Cam ersetzt, die auf SD-Karte aufzeichnet.

Als jemand, der nicht nur performt, sondern auch regelmäßig die Performance-Kunst anderer dokumentiert, musste ich mich mit den kulturellen Auswirkungen dessen befassen, was gespeichert und was eliminiert wird. Aber auch mit der Art und Weise auseinandersetzen, in der die dokumentierte Performance und die Performance des Dokumentierens miteinander verbunden sind, sich überschneiden und zusammenlaufen. Jede Stunde, die ich mit dem Aufnehmen und Bearbeiten verbringe, zwingt mich dazu, darüber nachzudenken, was es bedeutet, dies zu tun. Dabei geht es nicht nur um die instrumentelle Frage, wie man Ereignisse am besten dokumentiert, sondern auch um epistemologische Fragen: Was kennzeichnet die Leistung der Dokumentation? Wie wird die Erinnerung durch die Technologie ‚gerahmt‘? Wie wird Geschichte durch technologische Erinnerung konstruiert? Was für eine Art von ‚Wesen‘ ist es, das wir im Rahmen finden oder das den Überschuss ausmacht, der nicht gerahmt werden kann?

Feinheiten und Zwischentöne, Performance-Kunst zu dokumentieren

LWC: Wie Du bereits an anderer Stelle angemerkt hast, widmen Bibliotheken und Museen der Archivierung und Sammlung von Dokumenten der Performance-Kunst, insbesondere aus der Region, inzwischen eine Menge Ressourcen. Während sich die Performance-Kunst in Südostasien, wie ihre Pendants anderswo auch, einst bewusst gegen den Mainstream wehrte, scheint sie nun größtenteils froh zu sein, institutionell angekommen zu sein. Kannst Du mehr über ihren Dokumentationsprozess sagen?

RL: Wenn ich ein Performance-Festival aufnehme, wird die Entscheidung, wann ich die Kamera einschalte, von meiner ästhetischen Veranlagung und meiner ‚Lesart‘ der kulturellen Codes, die im Spiel sind, beeinflusst. Ob ich als Dokumentarist die aufgezeichnete Sprache verstehe oder nicht, ist nicht wichtig. Ich bin mir bewusst, dass es viele Codes gibt, die für mich unzugänglich sind, von lokalen Konventionen bis hin zu Ritualen, die die Reaktion des Publikums bestimmen, die Wahl des Ortes, die Organisation des Raums und so weiter.

Aber ich versuche nicht, im Bereich der Ästhetik konsequent egalitär zu sein. Ich setze meine ästhetischen Urteile ein, um mich gegen den despotischen Wunsch zu wehren, alles für die Geschichte festzuhalten – die technokratische Tendenz, eine perfekte Darstellung zu produzieren, eine Karte im Maßstab 1:1. Ich möchte diese Dialektik zwischen ästhetischem Nihilismus und dokumentarischem Starrsinn offenlegen. Ästhetische Urteile, kulturelle Vorannahmen und epistemische Hegemonien haben schon immer einen tiefgreifenden, aber weitgehend unsichtbaren Einfluss darauf gehabt, woran wir uns erinnern. In diesem Fall können sie bestimmen, wann ich die Kamera an- und ausschalte. Wenn ich eine Aufführung für einen ‚dummen Mist‘ halte, um es hart auszudrücken, kann es gut sein, dass ich die Kamera ausschalte. Schließlich ist es eine Sache, Zeit mit einer schlechten Aufführung zu verschwenden – aber Videoband und Geld verschwenden? Es ist klar, dass die Bewertung eines Werks viel mit den kulturell bedingten Vorstellungen von Ästhetik zu tun hat. Dies ist eine weitgehend unausgesprochene Komplexität in allen Formen der kulturellen Dokumentation. Wenn es sich um eine soziale oder alltägliche Leistung handelt, die dokumentiert wird, können diese Entscheidungen sogar noch komplexer sein und die Art von ‚dicker Beschreibung‘ der Anthropologie erfordern.

Apropos Kontextualisierung: Wie lassen sich die Lücken am besten schließen? Denn in einer Dokumentation fehlen immer Informationen. Was geschah außerhalb des Bildes und außerhalb der Kamera? Die Theoretikerin Heike Roms hat im Rahmen eines Oral-History-Projekts mit dem Titel What’s Welsh for Performance eine sehr produktive Technik entwickelt, bei der lokale Performance-Künstler*innen im öffentlichen Raum interviewt wurden. Wie ich ihre Methode verstehe, wurden diese Interviews mit den Diskussionen und sogar Korrekturen aufgezeichnet, die von den Zuschauer*innen, von denen einige an den Veranstaltungen teilgenommen hatten, ausgelöst wurden. Eine solche Methodik oder die Technik des Generationenfilms von Pekka Kantonen könnte ebenfalls dazu beitragen, Lücken in der Erinnerung an die Ereignisse zu schließen.

Übersetzung aus dem Englischen von: Simon Kaack

Zum 1. Teil des Gesprächs geht es hier.

Der Originaltext auf englisch ist hier abrufbar. The original version is available here.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz