Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Zwischen zwei Welten

Indonesien Herbstkind

Die Vorgeschichte von Herbstkind steht im Erfolgsroman Alle Farben Rot. Laksmi Pamuntjak in Jakarta 2015 © Hendra Pasuhuk

Hier die hippe Kunstszene Berlins samt kosmopolitischem Lebensstil und dort familiäre Wurzeln in Jakarta samt erstarkendem Islamismus. Laksmi Pamuntjaks Protagonistin im Roman „Herbstkind“ pendelt zwischen den beiden Städten und sucht nach Heimat.

Mit der Frankfurter Buchmesse 2015, auf der Indonesien Gastland war, begann eine breitere deutsche Öffentlichkeit Literatur aus Indonesien verstärkt wahrzunehmen. Besonders beeindruckt war das Messepublikum von Laksmi Pamuntjak und ihrem Debütroman Alle Farben Rot, der ein Erfolg auf dem deutschen Buchmarkt wurde. Darin behandelt die Essayistin, Lyrikerin und Schriftstellerin Pamuntjak das dunkelste Kapitel der neueren indonesischen Geschichte: die anti-kommunistischen Massaker von 1965.

Hunderttausende Menschen wurden damals getötet, weitere Hunderttausende ohne Prozess in Straflager verschleppt. Diktator Suharto begründete darauf seine Macht, die sich dreißig Jahre lang hielt, immer legitimiert durch die ‚kommunistische Gefahr’. Aufgearbeitet hat der indonesische Staat die Verbrechen bis heute nicht.

Die Handlung von Alle Farben Rot ist als Vorgeschichte wichtig, um Pamuntjaks zweiten auf Deutsch veröffentlichten Roman Herbstkind verstehen zu können. In Alle Farben Rot erzählt Pamuntjak die Geschichte von Amba. Als junge Frau verliert sie in jenem Herbst 1965 bei einer politischen Veranstaltung und deren Stürmung durch die Polizei ihre große Liebe, Bhisma. Sie wird ihn nie wieder sehen. Dass er verhaftet und auf die Gefängnisinsel Buru verschleppt wurde, erfährt sie erst vierzig Jahre später.

Fast 60jährig und bereits verwitwet, reist sie nach Buru und sucht nach Spuren ihrer Jugendliebe. Pamuntjak hat daraus eine große Erzählung gemacht: sprachgewaltig, poetisch und ein wenig übersinnlich. Der offiziellen Geschichtsschreibung, die die Mörder immer noch verherrlicht und die Opfer brandmarkt, setzt sie Einzelschicksale und individuelles Leid entgegen.

Indonesien Herbstkind

Buchcover Herbstkind © Ullstein Verlag

Die entwurzelte Künstlerin

Herbstkind knüpft an diese Geschichte an. Protagonistin ist nun die Tochter von Amba und Bhisma, Srikandi, genannt Siri. Von ihrem Vater Bhisma und seinem Schicksal als politischer Gefangener erfährt sie erst als Erwachsene. Aufgewachsen ist sie mit einem liebevollen Adoptivvater. Mittlerweile ist Siri fast 50 Jahre alt, eine bekannte Künstlerin. Schon lange ist sie nicht mehr in Jakarta zu Hause, sondern in den angesagten Metropolen der Welt: London, Madrid, New York, Berlin.

Gerade erst ist sie nach Berlin gezogen und vollauf damit beschäftigt, in der hippen Berliner Kunstszene Fuß zu fassen. Ausschweifend erzählt Laksmi Pamuntjak, wie Siri Galerien, Ausstellungen und Empfänge besucht, dort Leute beobachtet und netzwerkt. Das ist teilweise noch recht amüsant. Doch Pamuntjak ergänzt das durch seitenlange essayistische Abhandlungen über diverse Kunstwerke und Künstler. Auf Leser*innen ohne Affinität zur Kunstwelt wirkt das einfach nur ermüdend.

Die Vergangenheit abschütteln – unmöglich

Zurück nach Indonesien zieht es Siri nur selten. Die physische und emotionale Distanz zu Familie und Geburtsland ist groß. Beinahe unüberwindbar scheint die Kluft zu ihrer Mutter, jener Amba aus Alle Farben Rot, die nach dem Verschwinden des Geliebten zwar heiratete, doch nie mehr richtig glücklich wurde.

Siri erinnert sich an das „verlässliche, aber meist nüchterne Interesse“ der Mutter an ihr, an „eine Gleichgültigkeit, die, wie mir erst später klar wurde, von Trauer und Liebeskummer angetrieben war.“

Erst als Siris Adoptivtochter aus ihrer geschiedenen Ehe in Schwierigkeiten gerät, muss sie nach Jakarta zurück und sich der Familiengeschichte stellen. Dort erwartet sie nicht nur die komplizierte Vergangenheit. Sie muss sich auch mit den neuen muslimischen Sittenwächtern auseinandersetzen, die eine Ausstellung ihrer sexuell eher freizügigen Skulpturen verhindern wollen.

Zwei Hälften eines Geistes

Wirklich interessant wird der Roman erst im zweiten Teil. Dann ist nicht mehr Siri die Ich-Erzählerin sondern Dara, ihre beste Freundin aus Schulzeiten und jetzt politische Aktivistin in Jakarta. Dara stammt aus einfachen Verhältnissen, ist aufgewachsen in einem Viertel, in dem sie sich ohne Kopftuch nicht auf die Straße traute.

In Siri sieht sie mittlerweile die „verhätschelte Prinzessin“ aus einer liberal denkenden „bourgeoisen Familie“. „Doch aller Unterschiede zum Trotz“, erinnert sich Dara an ihre Freundschaft, als beide Anfang Zwanzig waren, „waren wir wie zwei Hälften eines Geistes. Zumindest glaubte ich das.“

Freundinnen sind die zwei schon lange nicht mehr. Dara, die bodenständige, politische Kämpferin, ist fest verwurzelt in Jakarta und blickt nun kritisch auf Siri und deren Lebensweise: ihre Heimatlosigkeit, ihre „lächerliche“ Kunst und „gespielte“ gesellschaftliche Sorge. Das ist ein schöner Kunstgriff Pamuntjaks, um auch einen anderen Blick auf Künstlerin und Kunstszene zu bieten.

Nach 14 Jahren begegnen sich beide zum ersten Mal wieder und müssen zusammen Entscheidungen treffen. Dabei arbeitet Siri nicht nur ihr Verhältnis zu Dara auf, sondern auch zu ihrer Mutter und ihrer Vergangenheit. Siri tut sich schwer damit, die zwei Welten zusammenzubringen: ihre Wurzeln in Indonesien und ihr eher europäisches Lebensgefühl als Künstlerin.

Eine zerstückelte Geschichte

Laksmi Pamuntjak reißt in diesem Roman leider zu viele Themen an: die Berliner Kunstszene, die erstarkenden Islamisten in Jakarta und deren Einfluss auf Kunst und Gesellschaft, die Gleichberechtigung der Frauen, das Verhältnis von Adoptiveltern und -kindern, die Geschehnisse von 1965 und ihre Folgen.

Die Geschichte wirkt reichlich zerstückelt, es will kein angenehmer Erzählfluss entstehen, von der erzählerischen Wucht von Alle Farben Rot ganz zu schweigen. Stellenweise funkelt sie aber auf, diese Kraft der Erzählerin, in einzelnen Szenen der Rückblicke, die sich hervorragend lesen und die Leser*innen für kurze Zeit in einen Teil der Geschichte abtauchen lassen.

Die autobiografischen Züge sind in diesem Buch unverkennbar: Die Autorin hat in den vergangenen Jahren immer wieder längere Zeit in Berlin verbracht und wohl etliche Stadtbeschreibungen und Erlebnisse in den ersten Teil des Romans eingearbeitet. Vielleicht ist er sogar teilweise in Berlin entstanden. Vielleicht wurde er – auf Englisch geschrieben – zügig ins Deutsche übersetzt, um dem deutschen Publikum nach dem Erfolg von Alle Farben Rot schnell einen Nachfolger zu präsentieren. Die englische Originalausgabe erschien erst ein Jahr nach der deutschen Übersetzung.

Rezension zu: Laksmi Pamuntjak: Herbstkind. Ullstein, 2018, 496 S., 24 Euro

Autor:in

  • Katja Hanke ist freie Journalistin und Kulturredakteurin der „südostasien“. Seit ihrer ersten Reise nach Südostasien im Jahr 2000 lässt sie die Region nicht mehr los. Ein Jahr lang arbeitete sie für den DAAD in Vietnam und kehrt seither regelmäßig nach Südostasien zurück. Häufig ergeben sich daraus auch journalistische Beiträge.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Zwischen zwei Welten

Indonesien: Indonesische Studierende wurden in Deutschland von der eigenen Regierung überwacht und bedroht. Handelte es sich um Einzelfälle oder systematisches Vorgehen? Wie reagierte die Bundesregierung? Fragen wie diesen geht das lesenswerte Buch „Zwischen Repression und Opposition“ nach.

„Die Bundesregierung sollte nicht dulden, dass auf ihrem Gebiet totalitäre Ansprüche ausländischer Regierungen verwirklicht werden können“, mit diesem Satz endet 1967 ein Artikel in der Freiburger Studentenzeitung, in dem berichtet wird, dass die indonesische Regierung unter Suharto indonesische Studierende in Deutschland überwacht, drangsaliert und bedroht.

Wie genau sahen diese Repressionen aus? Geschahen sie zeitlich und örtlich begrenzt? Wie hat die Bundesregierung reagiert? Wie die deutsche Öffentlichkeit? Und wie gingen die Studierenden damit um? Diese Fragen stellte sich die Lehramtsanwärterin Irina Grimm als sie den Artikel Jahrzehnte später las. Für ihre Abschlussarbeit ging sie auf die Suche nach Antworten. Sie hat Quellen recherchiert, Dokumente zusammengetragen, mit Zeitzeugen gesprochen und alles stringent und sehr gut lesbar aufgeschrieben. Zwischen Repression und Opposition. Indonesische Studierende in der Bundesrepublik (1965-1998) bringt Licht in ein dunkles und bisher unerforschtes Kapitel indonesischer Zeitgeschichte.

In einem ersten Kapitel geht die Autorin kurz auf die politische Situation in Indonesien nach 1945 ein. Zentral sind dabei der Putschversuch von 1965, die darauf folgenden anti-kommunistischen Massaker sowie die Machtergreifung von General Suharto, dessen Politik der Neuen Ordnung eine wirtschaftliche Öffnung des Landes für westliche Unternehmen vorsah. Grimm schreibt dazu: „Suhartos Regentschaft zeichnete vor allem ein straffer anti-kommunistischer Kurs aus, der vom Westen wohlwollend gesehen und gleichzeitig gefördert wurde.“

Westdeutschland als beliebter Studienort

In den Folgejahren zog es viele Studierende aus Indonesien an westdeutsche Universitäten: 905 waren es im Wintersemester 1967/68, in den folgenden zehn Jahren stieg ihre Zahl auf über 3.400 an. Westdeutschland war beliebt unter indonesischen Studierenden, die es ins Ausland zog: Rund 38 Prozent der im Ausland studierenden Indonesier*innen entscheiden sich Ende der 1970er für ein Studium in der BRD. Die meisten traten der Vereinigung Indonesischer Studierender (PPI) bei, die bereits 1956 gegründet worden war. In ihr fand man Anschluss und unterstützte sich in der Fremde. Obwohl die Vereinigung von Anfang an als regierungsnah galt, war die Mitgliedschaft zunächst freiwillig. Nach der Machtergreifung Suhartos wurde sie Pflicht und die PPI in den Folgejahren zum Instrument des staatlichen Anti-Kommunismus.

So mussten die Studierenden Ende 1966 in Deutschland ein patriotisches und anti-kommunistisches Gelöbnis auf den indonesischen Staat ablegen, in dem sie auch versprachen, „diejenigen, die sich gegen die ‚Neue Ordnung‘ stellen, tatkräftig zu verurteilen und zu liquidieren“. Grimm nimmt an, dass diese Aufforderung „auch den Boden der BRD mit einschloss“ und sieht bewiesen, „dass die indonesische Regierung ihre im Ausland studierenden Landsleute zur Verfolgung kommunistischer und oppositioneller Gruppen im Ausland, insbesondere in der Bundesrepublik in den Jahren 1966 und 1967 aufrief“.

Beipflichten, verdächtigen, denunzieren

Aber damit nicht genug. Beaufsichtigt von Mitarbeiter*innen des indonesischen Außenministeriums mussten die Studierenden – wie alle im Ausland lebenden Indonesier*innen – einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. Er diente nicht nur dazu, die Studierenden politisch zu durchleuchten, sie wurden auch aufgefordert, diverse Verdächtigungen zu äußern und Andersdenkende zu denunzieren. In geschlossenen Fragen wurden außerdem eine eindeutige Stellungnahme zu den Geschehnissen von 1965 sowie eine Beurteilung der in diesem Zusammenhang verhängten Todesurteile gegen (vermeintliche) Kommunisten/Putschisten verlangt.

Eine Übersetzung des Fragebogens ist im Anhang des Buches abgedruckt. Beim Lesen der rund 40 Fragen schaudert es einen auch jetzt noch. Nicht auszudenken, in welcher Zwickmühle sich die jungen Menschen damals befanden: sich fügen und in Ruhe studieren oder sich weigern und die Konsequenzen tragen? Diese wurden deutlich angedroht: Wer sich widersetzt, dem wird der Reisepass nur noch kurz oder gar nicht mehr verlängert. Dank derjenigen, die sich weigerten und die Dokumente sofort weitergaben, erfuhr die Öffentlichkeit schnell von den Repressionen. Schon Anfang 1967 druckten die wus nachrichten des World University Service das Gelöbnis samt Fragebogen in deutscher Übersetzung ab. Wenig später berichteten auch der Stern und die Zeit.

Studentische Solidarität und staatliche Gleichgültigkeit

Deutsche Kommilitonen*innen und ihre Medien solidarisierten sich mit den indonesischen Studierenden. Sie forderten die Bundesregierung auf, „die illegalen Handlungen der indonesischen Botschaft“ zu unterbinden. Doch diese verwies auf „die freundschaftlichen Verhältnisse zur Republik Indonesien“ und darauf, dass indonesische Diplomaten bei einer Unterredung im Auswärtigen Amt erklärte hätten, zukünftige Befragungen zu unterlassen. Eine öffentliche Verurteilung gab es nicht. Grimm bezeichnet die Reaktion als „politisches Armutszeugnis“ und nimmt an, „dass die Bundesregierung ihre guten Beziehungen, besonders wirtschaftlicher Art (…) nicht gefährden wollte“. Außerdem – doch das erwähnt die Autorin nicht explizit – war der antikommunistische Kurs, für den Suharto stand und von dem die BRD wirtschaftlich profitierte, zu dieser Zeit ohnehin der herrschende Zeitgeist im Westen.

Politischer Aktivismus entsteht

Im zweiten Teil des Buches berichtet die Autorin, wie in den 1970er Jahren in Deutschland eine Bewegung gegen das Regime Suharto entstand. Ein wichtiger Zeitzeuge ist Pipit Rochijat, der später die NGO Watch Indonesia! gründete. Auf seinen Aussagen und Dokumenten – die Pipit auch selbst unter dem Titel Dokumen Berlin auf Indonesisch veröffentlicht hat – basiert der größte Teil von Grimms Recherche zu diesem Zeitabschnitt. Als politisch unbedarfter Student kam Pipit 1971 nach West-Berlin und wurde sukzessive zum Oppositionellen.

Grimm zeichnet nach, wie sich unter den indonesischen Studierenden in Deutschland der politische Aktivismus formte, Vorreiter waren dabei Studierende der West-Berliner PPI. Ein „erstes Zeichen einer Opposition“ sieht Grimm in der Weigerung einiger, 1977 an der Gedenkfeier zum „Tag des Pancasila-Sieges“ teilzunehmen – einen Feiertag, den Suharto eingeführt hatte, um an die Niederlage der kommunistischen Partei PKI von 1965 zu erinnern. In den Folgejahren gewann der politische Aktivismus der West-Berliner PPI-Mitglieder an Fahrt – vor allem durch verschiedene neu gegründete kritische Zeitschriften, in denen sie als Redakteur*innen tätig waren und „konstant kritisch gegenüber der indonesischen Regierung“.

Die Repressionen seitens der indonesischen Regierung gingen bis zum Ende der Suharto-Zeit auf vielfältige Weise weiter – wie zum Beispiel „ein landesweites Programm der politischen Indoktrination“, das Ende der 1970er Jahre begann und offiziell P4 genannt wurde. Auch die in Deutschland studierenden Indonesier*innen mussten diese zweiwöchigen Seminare besuchen, die der „Niederschlagung der Opposition“ dienten.

Irina Grimm beschreibt die Ereignisse klar nachvollziehbar und so eindrücklich, dass man sogar die Fußnoten mit Interesse liest. Die nehmen – wie es sich für eine ordentliche wissenschaftliche Arbeit gehört – gern auch mal eine halbe Seite ein, tragen aber meist wissenswerte Details zur Geschichte bei. Das alles macht das Buch zu einem spannenden Dokument indonesischer – und zugleich auch deutscher – Zeitgeschichte.

Rezension zu: Irina Grimm. Zwischen Repression und Opposition. Indonesische Studierende in der Bundesrepublik (1965-1998). regiospectra, 2019, 150 Seiten, 19,90 Euro.

Autor:in

  • Katja Hanke ist freie Journalistin und Kulturredakteurin der „südostasien“. Seit ihrer ersten Reise nach Südostasien im Jahr 2000 lässt sie die Region nicht mehr los. Ein Jahr lang arbeitete sie für den DAAD in Vietnam und kehrt seither regelmäßig nach Südostasien zurück. Häufig ergeben sich daraus auch journalistische Beiträge.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Zwischen zwei Welten

Kambodscha: Der Dokumentarfilm „Lotus Sports Club“ erzählt von einer Fußballmannschaft, die offen für LGBTIQ- Spieler*innen ist. Teenager finden so im Sport eine stärkende Gemeinschaft und Selbstvertrauen.

„Der Sport hat mir geholfen, mit meinem Schmerz und meiner Trauer umzugehen und er gibt mir ein Gefühl der Freude und des Glücks“, sagt Leak, 18 Jahre, in der Eröffnungsszene von Lotus Sports Club. Man sieht ihn in Nahaufnahme: ein Junge mit feinen Gesichtszügen, glatter Haut und sanft dreinblickenden Augen. Er spricht langsam und schaut nachdenklich an der Kamera vorbei. Was seinen Schmerz und seine Trauer verursacht, lässt sich erahnen. Leak wurde als Mädchen geboren. Er habe schon mit sechs Jahren gewusst, dass er ein Mann sein wolle, erzählt er.

In Lotus Sports Club erzählen der kambodschanische Regisseur Vanna Hem und sein italienischer Co-Regisseur Tommaso Colognese vom einzigen Fußballteam in Kambodscha, das offen für LGBTIQ-Spieler*innen ist. Fast die Hälfte der 22 Mitglieder dieser U21 Fußballmannschaft der Frauen aus Kompong Chhnang sind queer, lesbisch oder trans*.

Pa Vann – Trainer, Vorbild, Vaterfigur

Trainiert wird das Team von Pa Vann, also Papa Vann. Dieser legt großen Wert darauf, dass die Mannschaft gemischt ist, denn das stärke das Team. „Im Sport kann man nicht allein erfolgreich sein“, sagt er beim Training zu seinen Spieler*innen. „Wir schaffen es nur als Team. Die wichtigsten Techniken bauen auf Zusammenhalt auf.“ Das bedeutet: Nur wenn man sich gegenseitig akzeptiert und unterstützt, ist man als Gruppe stark. Diese Erfahrung sollen die Jugendlichen in der Mannschaft machen.

Auch Pa Vann, Ende 50, wurde als Frau geboren. Er redet nicht viel über Identität und Rollenbilder – zumindest nicht im Film – sondern vermittelt den Jugendlichen Werte wie Disziplin, Teamgeist und Akzeptanz, um sie auf ihr Leben vorzubereiten. Dass gerade die queeren Spieler*innen es in einer Gesellschaft wie der kambodschanischen nicht leicht haben werden, weiß er aus Erfahrung. „Wenn queere Spieler*innen gute Leistungen bringen, dann wird das anerkannt“, sagt er in einer Szene mit Tränen in den Augen. In einer Szene kurz vorher hatte er bei einem Spiel seine Mannschaft lautstark gegen Beschimpfungen und Anfeindungen verteidigt. Pa Vann ist aber nicht immer nur nett sondern auch mal ruppig und macht beim Training auch harte Ansagen.

Seine Rolle im Leben der Jugendlichen ist mehr als die eines Trainers. „Viele queere Spieler*innen kommen zu mir nach Hause, weil sie Probleme haben und ich helfe ihnen, Lösungen zu finden“, sagt er. Drei junge Trans-Männer, darunter auch Leak, wohnen bei ihm. „Ich liebe sie wie meine eigenen Kinder“. Die innige Verbindung, ganz besonders zu Leak, zeigt der Film in anrührenden Bildern.

Kurze Momente der gesellschaftlichen Anerkennung

„Pa“ hat auch eine Partnerin, Sophorn. Die Jugendlichen nennen sie „Ma“. Während sie Pa Vann in einer Szene liebevoll graue Haare vom Kopf zupft, erzählt sie von ihrer Beziehung zu ihm und wie ihre Familie sie verstieß. Dass die eigene Familie oder die der Partnerin diese Beziehungen nicht akzeptieren, darüber sprechen verschiedene Protagonist*innen im Film. Der Sport und die Gemeinschaft federn den Schmerz ab, sorgen für Momente des Glücks. Die Kamera fängt einige davon ein. Sie ist beim ausgelassenen Training auf einem staubigen Platz dabei und auch bei der Qualifikationsrunde auf Nationalebene, wo es um Leistung geht und männliche Zuschauer von der Seitenlinie brüllen: „Pass auf, Mannweib“ oder „Brich der Lesbe die Beine.“ Die Mannschaft schlägt sich gut, belegt den dritten Platz. Eine kurze Szene zeigt einen glücklich-strahlenden Leak im kurzen Moment der gesellschaftlichen Anerkennung auf dem Bronze-Treppchen.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
Video-Link: https://vimeo.com/743532865

Der Film begleitet das Team über mehrere Jahre bis 2019. Sportlicher Höhepunkt sind die Nationalspiele 2016. Das Team fährt zum großen Wettkampf nach Phnom Penh und spielt im neuen Olympiastadion – allerdings vor leeren Rängen und bei strömendem Regen. Wie die Mannschaft dort abschneidet, lässt der Film offen und springt anderthalb Jahre weiter: Leak, mittlerweile zu alt für das Team, arbeitet in einem Mini-Markt in Phnom Penh. Er entdeckt das queere Großstadtleben und geht weiter seinen Weg. Er habe schon lange keinen Kontakt zu Pa Vann gehabt, sagt er, denke aber oft an ihn und die Zeit in der Fußball-Gemeinschaft.

LGBTIQ in Kambodscha – marginalisiert und diskriminiert

Im Sport – und vor allem im Fußball – werden Menschen, die von der heterosexuellen Norm abweichen, oft diskriminiert. Pa Vann und sein Lotus Sports Club zeigen, wie es anders geht. Hier erleben die queeren Jugendlichen im Sport eine unterstützende Gemeinschaft, die sie anerkennt und wertschätzt, so wie sie sind. Daraus schöpfen sie die Kraft, ihren Weg zu gehen.

Obwohl Kambodscha gleichgeschlechtliche Beziehungen nie kriminalisiert hat, ist die gleichgeschlechtliche Ehe illegal. Seit Jahren versuchen LGBTIQ- Organisationen, im Dialog mit der Regierung eine Besserstellung zu erreichen. Zwar reagiert die Regierung freundlich und verspricht viel, hat aber bisher nichts getan. Lesben, Schwule, Bi-, Intersexuelle und Transgender (LGBTIQ) werden in Kambodschas Gesellschaft marginalisiert. Jobs werden ihnen vorenthalten, sie werden im Alltag beschimpft und belacht. Gesprochen wird über das Thema nur wenig.

Regisseur Vanna Hem, der sich als LGBTIQ identifiziert, möchte das ändern und hat schon einige Kurzfilme gemacht. Lotus Sports Club ist sein erster langer Film. Hier hat er die Zeit, ganz unterschiedliche Seiten seiner Protagonist*innen zu zeigen. Dabei wird immer wieder deutlich, wie schwer die Nicht-Anerkennung durch Familie und Gesellschaft für sie ist. Der Film zeigt ihre Traurigkeit und das Leid, das die Ablehnung verursacht hat. Er zeigt aber auch einen ganz normalen Alltag, Spaß beim Sport und die Geborgenheit, die die Gemeinschaft gibt. Alle Fäden laufen letzten Endes bei Pa Vann zusammen. Wie wichtig eine Person wie er als Identifikationsfigur und Unterstützer für die Jugendlichen ist, scheint eine Hauptaussage des Films sein.

Starke und berührende Hauptfiguren

Die persönlichen Geschichten der Protagonist*innen sind so eindringlich und berührend, dass sie die Erzählung über die Kraft des Zusammenhalts im Sport ein wenig verblassen lassen. Es ist sehr beeindruckend, wie offen sie über ihre Erfahrungen, Ängste und Zukunftswünsche sprechen. In diesen Szenen sind die Einstellungen lang und die Kamera ist sehr nah dran. Da es im Film keine zusätzliche Erzählinstanz gibt, die das Gesagte kommentiert, einordnet oder ergänzt, sprechen die Bilder oft für sich. Leise und langsame Szenen wechseln mit solchen, in denen man das Team in ausgelassener Stimmung auf dem Weg zu Wettkämpfen in Pa Vanns VW-Bus sieht oder mit schnellen Fußballszenen, die teilweise mit energetischer Musik unterlegt sind. Was nach dem Film noch lange in Erinnerung bleibt, sind die berührenden persönlichen Geschichten, verstärkt von den subtilen und doch starken Emotionen in den Gesichtern der Jugendlichen.

Rezension zu: Lotus Sports Club, Regie: Vanna Hem, Tommaso Colognese. Kambodscha, Niederlande. 2022. 72 Minuten. (zu sehen auf Festivals und bei Vimeo on demand)

Autor:in

  • Katja Hanke ist freie Journalistin und Kulturredakteurin der „südostasien“. Seit ihrer ersten Reise nach Südostasien im Jahr 2000 lässt sie die Region nicht mehr los. Ein Jahr lang arbeitete sie für den DAAD in Vietnam und kehrt seither regelmäßig nach Südostasien zurück. Häufig ergeben sich daraus auch journalistische Beiträge.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


Indonesien, Rezensionen,
Autor*in:

Zwischen zwei Welten

Deutschland/Südostasien: In 40 Jahren haben viele Menschen die „südostasien“ gemacht – und sie genutzt. Fünf von ihnen kommen hier zu Wort…

Autor:in

  • Katja Hanke ist freie Journalistin und Kulturredakteurin der „südostasien“. Seit ihrer ersten Reise nach Südostasien im Jahr 2000 lässt sie die Region nicht mehr los. Ein Jahr lang arbeitete sie für den DAAD in Vietnam und kehrt seither regelmäßig nach Südostasien zurück. Häufig ergeben sich daraus auch journalistische Beiträge.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz