2 | 2020, Indonesien,
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Jamu – mehr als ‚nur’ traditionelle Medizin

Indonesien Medizin Jamu

Traditionelles Jamu Café in Yogyakarta © Eileen Popp

In Indonesien gehört die Alternativmedizin Jamu zum Alltag. Jamu wird aus Pflanzen hergestellt und hat eine jahrhundertealte Tradition. An seiner Beliebtheit hat auch die Verbreitung der Schulmedizin nichts geändert.

Ein Jamu– Café in Yogyakarta: Hier ist der Ort für das tägliche Jamu- Getränk zweier Einheimischer. Der Ort an dem Mädchen die Bestellung der Familie abholen. Und zugleich der Ort, an dem Touristen die traditionelle indonesische Medizin Jamu erkunden können. Jamu bringt Menschen zusammen. Es ist nicht nur gesundheitsfördernde Nahrung, sondern auch kulturelle Praxis.

Jamu ist ein Teil der indonesischen Identität. Im Gesundheits- und Beauty-Bereich findet es sowohl innere als auch äußere Anwendung. Die zahlreichen Arten von Jamu erstrecken sich von Puder, Pillen und Kapseln bis hin zu Salben, Tinkturen und vor allem Getränken. Insbesondere auf Java stellen Jamu-Getränke einen wichtigen Bestandteil des kulturellen Lebens dar. Dennoch ist diese Art der Medizin im Gegensatz zur traditionellen chinesischen Medizin im Westen weitestgehend unbekannt. Was verbirgt sich hinter Jamu? Wann und wie entwickelte sich die Medizin und welche Rolle spielt sie in der heutigen Zeit?

Indonesien Medizin Jamu

Gängige Zutaten zur Herstellung vom Jamu © Eileen Popp

Indonesien ist mit seinen rund 17.000 Inseln und mehr als 500 Sprachen Heimat für knapp 273 Millionen Menschen (Stand 2020). Die kulturelle Vielfalt des Landes zeigt sich bereits im Nationalmotto ‚Einheit in Vielfalt‘. Jede Region pflegt bis heute intensiv eigene Bräuche und Traditionen. Das traditionell auf Pflanzenbasis hergestellte Jamu ist landesweit bekannt und wohl nahezu jede*r Indonesier*in hat es wenigstens einmal im Leben konsumiert. Meist erfolgt dies in Form eines Suds oder Pulvers, welches aufgebrüht und danach getrunken wird. Die Grundzutaten sind hier meist verschiedene Knollen von Pflanzen, welche zur Familie der Ingwergewächse gehören, aber auch verschiedene in Südostasien vorkommende Gewürze wie zum Beispiel Zimt, Muskat oder auch Nelken.

Der Präsident trinkt täglich Jamu

Schätzungen zufolge konsumieren 50 – 75 Prozent aller Indonesier*innen regelmäßig Jamu– sei es zur Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten. Prominentestes Beispiel und bekennender Jamu-Konsument ist der indonesische Präsident Joko ‚Jokowi‘ Widodo. Dieser zieht nach eigener Aussage traditionelle Medizin der industriell hergestellten vor und trinkt täglich ein Glas Jamu, um sich vor Krankheiten zu schützen und zu stärken. Für sein Rezept verwendet er eine Mischung aus verschiedenen Kurkuma-Arten sowie Ingwer. Diese werden in Scheiben geschnitten oder zerstoßen und mit heißem Wasser aufgekocht. Anschließend wird der so entstehende Sud heiß getrunken. Dies ist nur eine der vielen verschiedenen Arten von Jamu und ihren Anwendungsbereichen, die sich über die Zeit entwickelt haben. Traditionell wurden die verschiedenen Jamu-Rezepte innerhalb der Familie mündlich von Mutter zu Tochter weitergegeben.

Besonderer Popularität erfreut sich Jamu vor allem auf der Insel Java, wo wohl auch der Ursprung dieser Medizin liegt. Erste Belege für die Anwendung von Pflanzen zu medizinischen Zwecken lassen sich bereits in Reliefs des berühmten Borobudur-Tempels aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. finden. Die Abbildungen zeigen die Vermengung von Pflanzen und diversen weiteren Zutaten zu einer Mischung für die weibliche Gesundheit und Schönheit. Des Weiteren werden Massagen abgebildet, welche vor allem in China, Japan und Indien eine weit verbreitete Technik zur Förderung von Heilungsprozessen darstellen. Diese Praktiken verbreiteten sich über die Handelsrouten innerhalb Asiens.

Indonesien Medizin Jamu

Links: Jamu Kunyit Asem wirkt immunsteigernd, entgiftend und wird häufig von Frauen während der Menstruation getrunken, rechts: Jamu Beras Kencur wird zur Stärkung des Immunsystems und gegen Erkältung eingesetzt. © Eileen Popp

Blinder Fleck im Auge der westlichen Alternativmedizin

Trotz der weiten Bekanntheit im asiatischen Raum wurde Jamu in der westlichen Welt erst im 17. Jahrhundert durch den deutschen Botaniker Georgius Everhardus Rumphius in dessen Mammutwerk Herbarium Amboinense dokumentiert (Neubauer, Ian Lloyd (2012): Jamu: Why Isn’t Indonesia’s Ancient System of Herbal Healing Better Known?).

In Indonesien selbst kam der Stein zur Anerkennung von Jamu als Medizin um 1940 ins Rollen. Auslöser hierfür war ein Kongress der indonesischen Ärzt*innenkammer und eine zeitgleich stattfindende Messe über traditionelle indonesische Heilmittel. Gegen Ende des Kongresses wurde ein Antrag zu dem genaueren Untersuchen der traditionellen Medizin und deren Anwendung gestellt.

Während der Zeit der japanischen Besatzung 1942 bis 1945 wurde die traditionelle Medizin durch die japanische Regierung gefördert. Außerdem erfuhr sie eine weitere Steigerung des Bekanntheitsgrads zur Zeit des indonesischen Unabhängigkeitskriegs. Nachdem im August 1945 die indonesische Unabhängigkeit durch Sukarno ausgerufen wurde, waren importierte Medikamente nur schwer zu bekommen. So verschrieben Ärzt*innen ihren Patient*innen traditionelle Heilmittel.

Jamu im indonesischen Alltag

Im heutigen Indonesien sind Jamu– Anwendungen weit bekannt und werden von vielen konsumiert. Doch es scheiden sich die Geister, wenn es um eine Meinung zur traditionellen Medizin geht. Von Abweisung und Unglaubwürdigkeit, über Belächeln bis hin zur festen Überzeugung von der Wirkung, sind alle Meinungen vertreten. Eine exakte Definition, worum es sich bei Jamu eigentlich genau handelt, können selbst Indonesier*innen nicht eindeutig geben. Jede*r kennt es und kann sich etwas darunter vorstellen, doch variieren die verschiedenen Erklärungen ebenso wie auch die verschiedenen Formen und Anwendungen.

Teils werden Jamu als Medizin genutzt, wie zum Beispiel die Sude zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten, teils aber auch als Kosmetik, wie etwa die verschiedenen Pasten und Masken für Haut und Haar. In Java findet die traditionelle Medizin bis heute regelmäßige Anwendung. Kinder und ältere Menschen trinken sie zur Stärkung und zum Schutz vor Krankheiten. Frauen verwenden sie für weichere Haut oder auch glänzendes Haar. Bei Männern sind vor allem die Sorten zur Steigerung der sexuellen Potenz und Libido beliebt. So erfreut sich etwa das Getränk ‚Jamu Laki-Laki‘, was so viel bedeutet wie ‚Medizin des Mannes‘, großer Nachfrage.

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Traditionelle Herstellung von Jamu in Handarbeit © Eileen Popp

Bei vielen Menschen aus dem Westen herrscht jedoch Misstrauen gegenüber der traditionellen Medizin und deren Verwendung. Oftmals betreffen die Bedenken die Hygiene und Wirkungsweise der Produkte. Die Medizin wird meist auf Straßenmärkten oder von den Ibu Jamu gendong, Frauen mit Körben voller Jamu-Flaschen auf dem Rücken, verkauft. Hier gibt es keine ‚Garantie’ für die Hygiene und Qualität der Zutaten sowie deren Verarbeitung. Meist wird Jamu aus größeren Produktionen mit maschineller Fertigung deshalb mehr Vertrauen entgegengebracht als denen der Straßenhändler. Um Bedenken bezüglich der Wirkungsweise zu klären, fördert die indonesische Regierung klinische Studien und Forschungszentren. Vielfach lässt sich die Wirkweise der Medizin nicht genau belegen.

Von Handarbeit zur Fließbandproduktion

Im Laufe der Zeit hat sich das indonesische staatliche Gesundheitssystem viel verändert. Die westliche Schulmedizin gewinnt zunehmend an Popularität. Zugleich beschränkt sich die Herstellung von Jamu nicht mehr nur auf die kleine Produktion in Handarbeit, sondern wandelt sich immer mehr zur industriellen Produktion in modernen Fabriken. Traditionell wurde Jamu zweimal täglich von den Ibu Jamu gendong auf den Straßen verkauft, früh am Morgen, wenn die Bewohner*innen zur Arbeit gehen und am späten Nachmittag, wenn sie wieder auf dem Heimweg sind. Heute trifft man die Verkäufer*innen seltener an.

Auch das Internet und Social Media haben viele Neuerungen mit sich gebracht: so werden heutzutage die verschiedenen Jamu Sorten nicht nur in Drogerien und Supermärkten, sondern auch per Social Media und in Onlineshops beworben, angeboten und vertrieben. Die meisten dieser Shops verschicken ihre Ware nur innerhalb Indonesiens, einige wenige jedoch auch ins Ausland. Wie sich dieser noch junge Trend weiter entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Fest steht jedoch, dass Indonesien seine Traditionen erhalten und fördern will. Seit mehreren Jahren werden auf Java internationale Sommerkurse zum Thema Jamu organisiert und es laufen Bemühungen um die Anerkennung der traditionellen Medizin als UNESCO Weltkulturerbe.

Jamu Beras Kencur: Zur Stärkung des Immunsystems und gegen Erkältung
  • 100 g ungekochten Reis
  • 100 g Kencur (kleiner Galgant)
  • 1 L Wasser
  • 25 g Ingwer
  • 250 g Kokosblütenzucker
  • Eine Prise Salz

Den ungekochten Reis eine Stunde in Wasser einweichen. Währenddessen den Ingwer und Galgant waschen, schälen und in Stücke schneiden. Den Reis abtropfen lassen und in einer Pfanne unter Umrühren ohne Öl goldbraun anbraten. Reis, Ingwer und Galgant zu einer einheitlichen Masse pürieren. Danach erst mit Hilfe von einem Sieb, später mit einem Geschirrtuch abseihen. Zur Flüssigkeit den Kokosblütenzucker und das Salz geben und alles aufkochen lassen. Das Getränk kann sowohl heiß als auch kalt getrunken werden.

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Jamu – mehr als ‚nur’ traditionelle Medizin

Indonesien/Philippinen: Die Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten für Information und Engagement. PetaBencana aus Indonesien und TrashCash aus den Philippinen sind Beispiele für App-basierten Katastrophen- und Umweltschutz.

In Südostasien steigt die Zahl der Internetnutzer*innen durch die zunehmende Verfügbarkeit von erschwinglichen Smartphones und die Expansion mobiler Telekommunikationsdienste enorm an. Von 2018 bis 2021 wuchs die Anzahl der Internetnutzer*innen in Indonesien, Malaysia, den Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam von 350 auf 440 Millionen. Über 90 Prozent davon sind ‚mobile-first‘-Nutzer*innen.

Die wachsende Konnektivität, Crowdsourcing und das aktive Einbinden der Gesellschaft schaffen neue Möglichkeiten im Katastrophen- und Umweltschutz. Zwei Beispiele dafür sind die indonesische webbasierte Plattform PetaBencana und die philippinische App TrashCash. PetaBencana nutzt unter anderem Daten aus sozialen Medien zur Erstellung von Echtzeit-Katastrophenkarten. TrashCash dient der Aufklärung über die Entsorgung von Plastik und schafft zusätzlich Anreize durch Belohnungen.

Herausforderungen im Katastrophenschutz

Als weltweit größter Inselstaat der Welt mit Lage auf dem pazifischen Feuerring ist Indonesien besonders anfällig für Vulkanausbrüche und Erdbeben. Auch extreme Klimaereignisse, wie der steigende Meeresspiegel und daraus resultierende Überflutungen treffen Indonesien besonders hart. Schätzungen zufolge liegen bereits jetzt 40 Prozent der indonesischen Hauptstadt Jakarta unter dem Meeresspiegel und ein weiteres Sinken um bis zu sechs Zentimeter pro Jahr ist prognostiziert.

Durch die Versiegelung der Böden und die stetige Bebauung können die Wassermassen der durchschnittlich 250 Regentage sowie der 13 durch die Stadt fließenden Flüsse nicht vom Boden aufgenommen werden und abfließen. Für die lokalen Behörden stellt dies ein zentrales Problem im Katastrophenschutz dar. Mangelnde Informationen und unkalkulierbare Faktoren erschweren die Planung von Katastropheneinsätzen und Bürger*innen können nicht ausreichend über die aktuell vorherrschende Notlage informiert werden.

Selfies retten Leben

„Hallo, ich bin der Katastrophen-Bot. Um Überschwemmungen in deiner Nähe zu melden, antworte mit #Flut“, so die Antwort auf Indonesisch beziehungsweise Englisch, die Twitter-Nutzer*innen in Indonesien bekommen, wenn sie banjir oder flood tweeten und dabei PetaBencana taggen.

PetaBencana ist eine frei zugängliche Plattform im Internet, welche Echtzeit-Katastrophenkarten basierend auf Berichten aus der Bevölkerung und von Behörden erstellt. Unter dem Motto Selfies save lives setzt PetaBencana in Katastrophensituationen auf die verstärkte Nutzung von sozialen Medien, um aus ‚erster Hand‘ Lageberichte zu sammeln. Das Pilotprojekt der Plattform stammt aus dem Jahr 2013, damals noch unter dem Namen PetaJakarta und nur für die Stadt Jakarta selbst. Sowohl das Pilotprojekt als auch PetaBencana basieren auf der Open-Source-Software CogniCity, welche mithilfe von KI-gestützten Chatbots Daten und Berichte aus der Bevölkerung einholt, filtert, validiert und verarbeitet.

Wie funktioniert das Crowdsourcing von Daten in der Praxis? Nachdem das System einen Tweet mit dem Stichwort banjir (Überschwemmung) und dem Tag @PetaBencana registriert, werden Nutzer*innen mittels Chatbot gebeten, die Meldung zu bestätigen. Anschließend werden Nutzer*innen auf eine Seite weitergeleitet, auf welcher sie Überschwemmungen auf einer Karte markieren, und Fotos mit Geotags und detaillierte Meldungen hoch laden können. Basierend auf den verifizierten Meldungen in Kombination mit Daten von lokalen und staatlichen Stellen wird eine Echtzeit-Katastrophenkarte erstellt. PetaBencana fördert somit die aktive Einbindung der Bevölkerung in den Katastrophenschutz und ermöglicht aktuelle und frei zugängliche Lageberichte für Anwohner*innen, Ersthelfer*innen und Behörden.

Ein Vorbild für ähnliche Dienste in Vietnam, Indien und Australien

PetaBencana ist nicht die erste Initiative, die mithilfe von sozialen Medien Katastrophenhilfe betreibt. Im vergangenen Jahrzehnt wurden diverse digital gestützte humanitäre Initiativen ins Leben gerufen. Jedoch ist PetaBencana die erste online Plattform, die Echtzeit Katastrophen-Karten basierend auf Social Media Daten bereitstellt. Dabei sind nicht nur die Karten selbst, sondern auch die Software frei verfügbar.

Das Projekt findet mittlerweile auch in weiteren indonesischen Großstädten wie Bandung und Surabaya Anwendung und entwickelte sich zudem zum Vorbild für internationale Adaptionen. So startete im September 2020 die Pilotphase für MapaKalamidad als Version für die philippinischen Provinzen Pampanga und Quezo City. Auch in Vietnam, Hong Kong, Indien und Australien werden lokale Adaptionen bereits angewendet oder geplant. Neben Twitter werden in Indonesien mittlerweile auch Meldungen via Facebook Messenger und Telegram unterstützt. Zudem können neben Überschwemmungen auch Erdbeben, Waldbrände, Smog, starke Winde und Vulkanausbrüche gemeldet werden.

Der Erfolg der Plattform wurde in den letzten Jahren auf nationaler und internationaler Ebene mehrfach ausgezeichnet. Die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) berichtete über PetaBencana im Rahmen von innovativen Governance-Praktiken. Die United States Federal Communication Commission und die International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies empfehlen PetaBencana als Vorbild für andere Crowdsourcing-Plattformen für Katastrophensituationen.

Globale Zusammenhänge: Armut, Plastik und Umweltverschmutzung

Im Jahr 2021 stammten etwa 36 Prozent des gesamten Plastiks im Meer aus den Philippinen. Dies entspricht knapp 356.000 Tonnen pro Jahr. Solche großen Plastikmengen werden oft mit übermäßigem Konsum in Verbindung gebracht, aber die Plastikflut in den Philippinen ist auch eine Folge der Armut. Die Verschmutzung bedroht zusätzlich die lokale, von Fischerei und Tourismus abhängige Wirtschaft und bringt eine Verschlechterung der Lebensbedingungen mit sich.

Der internationale Abfallhandel spielt eine große Rolle. Obwohl die aus wohlhabenden Ländern exportierten Abfälle für das Recycling bestimmt sind, wird ein erheblicher Teil deponiert oder verbrannt, da die Empfängerländer meist nicht über die nötige Recycling-Infrastruktur verfügen. Im Falle der Philippinen sorgt das Wegwerfen oder Verbrennen für einen Materialverlust von bis zu 890 Millionen US-Dollar im Jahr. Einkommensstärkere Länder wälzen somit ihre Müllprobleme auf einkommensschwächere Länder ab.

Recycling wird belohnt

In den vergangen Jahren setzten sich verschiedene Organisationen verstärkt ein, um der starken Plastikverschmutzung entgegenzuwirken. Die Ende 2020 gestartete App TrashCash möchte Nutzer*innen durch KI-gestützte Abfallerkennung über die richtige Entsorgung von Plastik aufklären und vergibt für korrektes Recycling Belohnungen.

Die Entwickler*innen von TrashCash machen sich den hohen Anteil an mobilefirst-Nutzer*innen zum Vorteil, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Dabei wird die Kamera des Smartphones genutzt, um Plastikabfälle zu scannen. Mithilfe von KI wird das Plastik anschließend in sechs verschiedene Kategorien an Kunststoffen unterteilt und mit konkreten Beispielen veranschaulicht. Der getrennte Plastikmüll kann anschließend gesäubert zu einer Annahmestation gebracht werden, wofür so genannte Trashpoints gesammelt werden. Diese können bei kooperierenden Organisationen gegen Prämien eingelöst werden, die von Lebensmitteln über Guthaben für mobile Zahlungen bis hin zu Versicherungen reichen.

Obwohl TrashCash primär auf Smartphones ausgelegt ist, können auch Personen ohne Smartphone teilnehmen und vom Recycling profitieren. Dabei wird der getrennte und gesäuberte Müll bei den Annahmestationen abgegeben. Nach Vorlage eines gültigen Ausweises wird ein QR-Code generiert, mit dem ‚analoge Nutzer*innen‘ ebenfalls profitieren können.

Konzept für die Zukunft?

Der Ansatz, den TrashCash im Kampf gegen den Plastikmüll verfolgt, ist so simpel wie effektiv: eine frei verfügbare, unkomplizierte und ganzheitliche Lösung, um die Bevölkerung über Plastikmüll aufzuklären und Anreize zum Recycling zu schaffen. Dabei bringt die App auch Vorteile für lokale Behörden mit sich. So können Echtzeit-Daten der Annahmestationen über gesammelte Plastikmengen zur Umsetzung von effizienten Abfall- und Recyclingplänen beitragen.

Acht Monate nach Veröffentlichung der App hatte TrashCash bereits über 15.000 registrierte Nutzer*innen. Laut eigenen Angaben konnten in dieser Zeit 400 kg Plastik gesammelt werden. 2022 betreibt das Projekt bereits sieben Annahmestellen für Plastik und steht dabei in enger Kooperation mit lokalen Behörden, NGOs und verschiedenen Schulen. Die App wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und gefördert, zum Beispiel als eine der Gewinnerinnen der Ending Plastic Pollution Innovation Challenge (EPPIC) 2021 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen hervor.

Potential und Grenzen der Digitalisierung

Die beiden Beispiele PetaBencana und TrashCash geben einen ersten Eindruck in die Möglichkeiten und das Potential, das die Digitalisierung in Südostasien haben kann, um lokale und globale Probleme anzugehen.

Trotz des bisherigen Erfolges dürfen dabei die Teile der Bevölkerung ohne Zugang zu Smartphones und Internet nicht außer Acht gelassen werden, um eine weitere Marginalisierung zu vermeiden. Digitale Lösungen müssen inklusiv gestaltet werden und dürfen dabei nicht der einzige Kommunikationskanal sein. Betrachtet man beispielsweise den Katastrophenschutz, so stellt PetaBencana eine effiziente Möglichkeit dar, die Bevölkerung zu informieren. Es bedarf jedoch zusätzlicher Informationen von Behörden und Medien, um möglichst viele Menschen zu erreichen und verheerende Folgen zu minimieren. Hybride Lösungen wie beispielsweise die analogen QR-Codes für TrashCash vermögen es, größere Teile der Bevölkerung mit einzubinden.

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Jamu – mehr als ‚nur’ traditionelle Medizin

Vietnam: Nguyễn Tiên Dũng vom Vietnam National Puppetry Theatre berichtet im Interview über das vietnamesische Wasserpuppentheater zwischen Tradition und Moderne.

Das Licht im Saal ist gedimmt, nur die Bühne aus Wasser ist hell erleuchtet. Klänge von Trommeln und Flöten erfüllt den Raum. Drachen tanzen durch wabernden Nebel über das Wasser. Aus ihren Mündern spritzt Wasser. Ein Abend im Vietnam National Puppetry Theatre in Hanoi beginnt.

Die Hauptstadt Vietnams ist reich an Geschichte und Tradition. Eine davon ist das traditionelle Wasserpuppentheater, auch bekannt als múa rôi nước, was so viel bedeutet wie „Puppen, die auf Wasser tanzen“. Historiker*innen zufolge hatte es seinen Ursprung während der Ly-Dynastie (1010-1225) im Delta des Roten Flusses in Nordvietnam.

südostasien: Wie der Name vermuten lässt, spielt Wasser eine besondere Rolle im vietnamesischen Wasserpuppentheater. Wie kam es dazu?

Nguyễn Tiên Dũng: Die Tradition stammt aus einer Zeit, in der ein Großteil der Bevölkerung Vietnams noch Bauern waren. Nach den anstrengenden Reisernten sehnten sich die Menschen nach Unterhaltung. So begann man, die überschwemmten Reisfelder oder manchmal auch Teiche zur Unterhaltung der Dorfbewohner*innen zu nutzen und das Ende der Reisernte zu feiern. Die Puppenspieler standen dabei immer bis zur Hüfte im Wasser und kontrollierten die Puppen aus Holz hinter einem Bambusschirm mithilfe von Stöcken. Die Zuschauer sahen dabei nur die bunten Puppen über das Wasser tanzen.

Das Wasserpuppentheater wurde immer beliebter und schließlich auch am königlichen Hof aufgeführt. Die Puppenspieler entwickelten mit der Zeit neue und kompliziertere Techniken. Das Handwerk wurde dabei schon immer sehr ernst genommen. Die Geheimnisse der Puppenspielkunst wurden meist nur innerhalb der Familie von Generation zu Generation weitergegeben.

Wovon handeln die Geschichten, die im Wasserpuppentheater erzählt werden?

Wir haben verschiedene Geschichten. Viele sind eng mit dem Ursprung des Wasserpuppentheaters verbunden, mit den Dörfern und Feldern Vietnams. Sie erzählen von alltäglichen Aktivitäten wie dem Fangen von Fröschen, der Jagd auf Füchse zum Schutz der Entenküken, der Reisernte und auch von Festen wie Bootsrennen oder Ringkämpfen.

Andere Stücke erzählen unsere alten Mythen und Legenden, die über Generationen weitergegeben wurden und weit bekannt sind. Ein Beispiel ist die Legende Sơn Tinh – Thủy Tinh (Gott der Berge und des Wassers). Sie handelt von den saisonalen Monsunen die Vietnam heimsuchen und dem harten Kampf unserer Vorfahren gegen deren verheerende Folgen.

Unabhängig vom jeweiligen Stück gibt es einen Charakter, der immer wieder auftaucht. Sein Name ist Chú Tễu, also buchstäblich ‚Onkel Comedian‘ oder Joker. Wie es sein Name schon sagt, sorgt er bei den Vorführungen für Lacher. Manchmal ist er Erzähler und führt durch die verschiedenen Szenen der Geschichten, manchmal tritt er aber auch als Kommentator auf.

Seit der Entstehung des Wasserpuppentheaters ist viel Zeit vergangen. Hat sich mit dem Alltag der Bevölkerung auch das Wasserpuppentheater verändert?

Natürlich hat sich seitdem viel getan. Früher war das Wasserpuppentheater vor allem ein Vergnügen des einfachen Volkes in den gefluteten Reisfeldern der Dörfer. Heute spielen wir auf großen Bühnen für ein breites Publikum. Das Theater hat sich in vielen Bereichen stark weiterentwickelt und sich an kulturelle und soziale Veränderungen angepasst. Neben dem traditionellen Programm werden auch modernere oder internationale Stücke gespielt, um auch die jüngeren Generationen anzusprechen. Wir zeigen zum Beispiel verschiedene Märchen von Hans Christian Andersen. Die Kombination aus traditioneller vietnamesischer Kunst und den beliebten Märchen aus Dänemark kommt bei den Zuschauer*innen sehr gut an.

Auch die technologischen Entwicklungen haben uns neue Möglichkeiten für unsere Aufführungen eröffnet. Durch den gezielten Einsatz von modernem Ton- und Lichtequipment können wir die visuelle Darstellung verbessern. Das Theaterstück wird dadurch noch lebendiger. Wichtig ist dabei aber immer, dass trotz aller Innovation bei der Kombination zwischen Tradition und Moderne die Seele des Wasserpuppenspiels erhalten bleibt. Wir sind damit auf einem guten Weg. Das Wasserpuppentheater ist nicht nur in Vietnam beliebt, sondern mittlerweile auch im Ausland als eine einzigartige Kunstform unseres Landes bekannt. Es ist ein Teil unserer kulturellen Identität, die wir fördern und bewahren müssen.

Welche Rolle spielt das Vietnam National Puppetry Theatre beim Erhalt dieser traditionellen Kunstform?

Das Vietnam National Puppetry Theatre ist das größte Zentrum für Puppenspielkunst im Land. Es hat es sich zur Aufgabe gemacht, die traditionelle Kunst nicht nur zu bewahren, sondern auch weiterzuentwickeln. Es wurde 1956 auf Anweisung des damaligen Präsidenten Hô Chí Minh gegründet, der damit Kindern Freude und etwas zum Lachen schenken wollte. Unser Theater besteht aus einem vielfältigen Team aus talentierten Künstler*innen verschiedener Berufe, von Regisseur*innen, Drehbuchautor*innen, über Puppenmacher*innen und -spieler*innen, bis hin zu Ton- und Lichttechniker*innen. Viele von ihnen haben im Ausland studiert oder direkt von traditionellen Wasserpuppenspieler-Truppen aus den Dörfern gelernt. Aktuell gibt es im Vietnam National Puppetry Theatre drei Bühnen, eine für ’normales‘ Theater und zwei für Wasserpuppentheater. Damit schaffen wir nicht nur einen Platz für Künstler*innen, die traditionelle Kunst zu leben, sondern auch, sich auszuprobieren. Ein wanderndes Puppentheater erlaubt uns zudem, Vorstellungen überall in Vietnam, aber auch im Ausland zu geben. So können wir unsere Kultur lebendig halten und ein neues Publikum erreichen, indem wir sie in die Welt tragen.

Welche Regierungs-Maßnahmen unterstützen das Wasserpuppenspiel?

Das Vietnam National Puppetry Theatre wurde nicht nur von Hô Chí Minh gegründet, sondern untersteht auch dem Ministerium für Kultur, Sport. Damit hat die Regierung ein großes Zeichen gesetzt. Das Wasserpuppenspiel ist seitdem offiziell als eine traditionelle Volkskunstform mit hohem Wert für die Nation anerkannt.

Das Wasserpuppenspiel ist eine Kunstform, die nicht nur passende Bühnen, sondern auch eine entsprechende Ausbildung der Mitarbeiter*innen und spezielle Requisiten benötigt. Ohne gute Puppenmacher könnten keine neuen Puppen mehr angefertigt werden. Traditionelle Puppen würden auch nicht richtig gepflegt oder bei Bedarf ausgebessert. Ohne die nötige Förderung und Investitionen könnte diese Kunstform nicht bestehen und die Kultur verschwände. Daher müssen vor allem lokale Behörden und Kulturbeauftragte auf die Bedürfnisse der verschiedenen Puppentheater achten. Außerdem soll die Rolle des damit verbundenen Handwerks gefördert werden, um diese Kunstform weiterhin zu erhalten. Nur so kann das vietnamesische Wasserpuppenspiel weiterhin bestehen und ein großes Publikum erfreuen.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Eileen Kristiansen

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