1 | 2025, Foto-Stories, Vietnam,
Autor*in:

Bewegtes Bewegen

Vietnam: Spurensuche, ein Fahrrad, ein Notizbuch. Die Zartsinnigkeit des Zufälligen.

1981 kam meine Mutter als 15jährige mit Cap Anamur nach Deutschland. Das Leben in Südvietnam war nach dem Fall Saigons aussichtslos. Meine Mutter war 30 Jahre alt, als sie das erste Mal wieder ihre Heimat besuchte. Im Sommer 2025 – 50 Jahre nach Kriegsende – wird meine Mutter wieder nach Vietnam reisen.

2008 reise ich das erste Mal nach Vietnam. Ich bin beinahe 30…

2018 reise ich ein zweites Mal nach Vietnam, mit meinem Fahrrad und einem Notizbuch…

Be·we·gung
/Bewégung/

Substantiv, feminin [die]

Eine zeitliche Änderung des Zustandes / Bewegung für Fortschritt und Wandel

be·wegt
/bewégt/

Adjektiv

Befindlichkeit des Zustandes / Ereignisreich durch Fortschritt und Wandel

 

Der Dutt akkurat und tiefsitzend, eine Frisur, die die Eleganz des traditionellen Kleidungsstücks Áo dài potenzieren soll. Währenddessen symbolisiert diese Trageform der Haare bei der La Ha Minderheit im Nordwestens Vietnams das Unverheiratet sein. Das weiße Hemd, der schwarze Blazer, beides tadellos sitzend, Moderne. Tänzerisch elegant bewegt sie sich leise, das Gewusel um sie herum beirrt sie nicht. Sie nimmt Bestellungen auf, sie kontrolliert die Fahrscheine, sie ist hier und überall. Sie ist die einzige Frau im Team. Während der alte Zug ruckelt, werden die männlichen Kollegen betrunkener. Sie wollen ihre Kollegin verhökern. Am nächsten Morgen gibt es Wurst am Stiel. [irgendwo Richtung Da Nang]

Das Herz, das alte Stadtviertel, sagen sie, chaotisch, sei es. In der neuen Hauptstadt, die so ist, geordnet? Wortlos hält der Busfahrer eine Plastiktüte entgegen, die für gewöhnlich für Obst verwendet wird, sie ist für Schuhe. Sein Bus ist sein Zuhause und zuhause werden keine Schuhe getragen. [Hanoi]

Gerade eben hell geworden, ist die Luft in ihrer Annehmlichkeit für wenige Momente perfekt. Lautsprecher, Marschmusik, Gymnastikbänder in kommunistischem Rot. Sie tragen đôbộ – vietnamesische Zweiteiler [keine Pyjamas], beim Frühsport mit dem Onkel. [Hà Giang]

Zwischen einzelnen Dörfern, im vermeintlichen Nirgendwo, wo es dicht besiedelt ist. Die letzte Ruhestätte, in Frieden – statt ruhen – weilen Mensch und Müll. Die Passage der farbenfrohen Geister. [kurz vor Nam Phước]

Begegnung am Straßenrand. Einladung nach Hause. Ihr Sohn fahre gern Rad, sagt die spontane Gastgeberin, und sie esse gerne Eier, obwohl sie sie ängstigen, sie seien aus China, sie fälschten sie und „Big Brother is killing them“ – them, die Kinder, die Frauen, die entführt werden um den Kinderlosen als Gebärmaschinen zu dienen. Sie serviert Ca Phe mit Ei. [Kon Tum]

Ein ‚Ausruhhaus‘ Nhà Nghỉ / Auf dem Bildschirm kommunistisches Musikfernsehen. Stundenweise Liebeshotel. Wenn es hält, können wir heiraten? Draußen im Zelt trifft K-Pop auf Techno und Karaoke. Das Brautpaar vor lauter Beats nicht sehen [Lăng Cô]

Aufmerksam durchblickt er jede Ecke, jede Veränderung in den Räumen. Räumt jede dieser Auffälligkeiten beiseite. Alles glänzt. Die Handgriffe choreographiert, der Meister des Hauses. Außerhalb dieses Inneren befindet sich Lack an den Füßen, auf den Zehen, als Kunstlederschuh. Sie spucken ihre Essensreste auf den Boden als hätten sie Lack geschluckt, schnippen. Em ơi. [Huê]

Lautes Gebelle, die Schnauzen durch die Gitter gepresst, der Lastwagenanhänger steht in der Sonne. Der Fahrer macht Pause, das Schloss aus Stahl, hier stehen Stahlfabriken, hier stehen chinesische Schriftzeichen. Es gibt Fast Food und eine Mall. Es heißt, sie halten das Unglück fern. Sie werden von der Delikatesse zu Fast Food. Fünf Millionen Hunde werden jährlich verzehrt. [Đường Hô Chí Minh]

© für Fotos und Video: Du Pham, alle Rechte vorbehalten.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Foto-Stories, Vietnam,
Autor*in:

Bewegtes Bewegen

Vietnam: Das konfuzianisch geprägte Männer-Bild wird durch Idolkultur und Chick Lit im Mainstream besänftigt und neu geformt.

In Vietnam ist das Männerbild weiterhin sehr konfuzianisch geprägt: Die Lehre des chinesischen Philosophen steht für traditionelle Tugenden, getrennte Geschlechterrollen und die Unterordnung der Frau unter den Mann. Letzterer wird als autoritär und Stabilisator für Familie und Gesellschaft betrachtet.

Die vietnamesische Gesellschaft ist jung (der Altersdurchschnitt von 33,4 Jahren wird jedoch durch eine geringe Geburtenrate wieder ansteigen). Zudem leidet sie unter einem Männerüberschuss. Laut einer Statistik von UN Women von 2023 fehlt es vor allem im Alter der 20- bis 39-jährigen an Frauen. Daraus könnte ein höherer Status für Frauen resultieren, doch das Gegenteil ist der Fall: Zwangsverheiratung, sexuelle Ausbeutung, Menschenhandel sind nur einige der fatalen Folgen, denen Frauen noch mehr ausgesetzt sind.

Eine (noch) junge Bevölkerung erhöht die Chancen, gesamtgesellschaftlich ein Umdenken anzuregen und Bestehendes neu zu bewerten. Für eine Generation, in der Individualismus und Selbstverwirklichung zunehmend wichtig ist, ist Identität in einer globalisierten Gesellschaft ein substanzielles Gut. Der daraus entwachsene Ich-Zentrismus sollte entsprechend kritisch mit einbezogen werden. Dennoch: Popkultur kann ein Hilfsmittel sein, um eine breite Masse zu erreichen.

Gegensätzlich zur Hochkultur – in der die Rezipierenden häufig zwar aufgeschlossener, aber auch elitärer sind – kann sich die Popkultur in ihrer Dynamik schnell an gesellschaftliche Entwicklungen anpassen, sie anhand von Massenmedien vermitteln und somit zu einer offenen und gleichberechtigteren Gesellschaft beitragen. Ist ein Nischenprodukt erst einmal im Mainstream angekommen, geht damit auch Normalität und Zugänglichkeit einher.

Fließende Identitäten

Ein moderner Vokuhila, die Lippen schmollend und glossy, die Augen blau geschminkt. Während sich die Person im tief ausgeschnittenen, zartem Hemd und hoch geschnittener Hose mit Blumendekor auf einem blauen Plüschteppich räkelt, schaut sie in einen glitzernden Spiegel.

„Du, deine Wimpern sind nicht feucht, verbirgst so viel Schmerz in einem Herzen voller Kratzer. Du kannst nicht fallen, trotz vieler schlafloser Nächte, dein Körper ausgemergelt ist, die Tage zu schnell zu vergehen scheinen. Zu viele Worte lassen mich nicht an mich selbst glauben, aber machen mich stark, weil ich denke, ich kann mich selbst retten.“

Diese Zeilen zum dazugehörigen Musikvideo „đôi mi chẳng ướt“ veröffentlicht Pháp Kiêu am 14. November 2025 auf Youtube. Der Musiker ist einer der prominentesten Vertreter einer neuen, sanften Maskulinität in Vietnams Pop- beziehungsweise Idolkultur. 2023 nimmt Pháp Kiêu als erste offen LGBTIQ+ Person am Rap-Viet-Wettbewerb teil und sorgt im ansonsten sehr breitbeinigen Genre für offene Münder. In genderfluider und modebewusster Erscheinung überzeugen die Hooks und Flows. Die Jury – nicht weniger modebewusst, jedoch eher Genre-konform in Sweat-Zweiteiler und lässigen venglish (vietnamesisch-englisch) – bewundert die „Confidence“, stellt einen Vergleich zu Taylor Swift auf oder findet es einfach nur „fancy fancy fancy“.

Was in den Rückmeldungen fehlt, ist die Fähigkeit Pháp Kiêus, sich in den Texten sehr zerbrechlich zu zeigen und Selbstzweifel zu benennen.

Die Idolkultur ist vor allem in Asien, genauer Japan, seit den 1960ern ein Phänomen, in dem Personen – ob nun real oder fiktiv – eifernd verehrt werden. Die südkoreanische Variante macht daraus eine globale Erscheinung und wird mit der chinesischen für Vietnam zum Vorbild. Der vietnamesisch-deutsche Künstler (S)trong Trọng Hiếu etwa gewinnt 2015 den Vietnam-Idol-Wettbewerb und ist der erste vietnamesische und auch der erste asiatische Künstler überhaupt, der 2023 beim Finale des deutschen Vorentscheids für den Eurovision Song Contest antritt.

Seine am 24. September 2025 erschienene Single zeigt Trọng Hiêu ähnlich weichgezeichnet wie Pháp Kiêu, auch sein Hemd ist hell und weit geöffnet. „Es eignet sich auch sehr gut als Musik für Hochzeiten und Heiratsanträge“, ein solcher Community-Kommentar zeigt, wofür Idolkultur ebenfalls steht, nämlich Kommerzialisierung.

Es ist unverkennbar ein aktueller Trend in der vietnamesischen Medienlandschaft. Die Frage ist, ob die neue, sanfte Maskulinität eine tatsächliche Abkehr des bis dato geprägten Bildes eines Mannes ist, nämlich stark, nicht von Gefühlen geleitet, sich nicht für Mode interessierend? Oder ist es wie mit den verschiedenen Wellen des Feminismus – letztlich zweckentfremdet als nützliches Marketinginstrument? Erinnert sei an die Boyband-Zeit aus den 1990ern: künstlich zusammengestellte Jungs, die künstlich zusammengestellte Musik machten. Neben sehr viel Liebe, gab es auch sehr viel Hohn. Aber sie waren auch Auslöser für ein neues Männerbild. Einen ähnlichen Einfluss hat (S)Trong jetzt in Vietnam, wie eine im Dezember 2025 erschienene Doku zeigt: Als ‚deutscher Hotboy‘ wird sein Anderssein beim vietnamesischen Publikum positiv-exotisch betrachtet. Ein weiblicher Fan bezeichnet es in einer Interviewsequenz so: Er sei so europäisch und sogleich auch so vietnamesisch.

Das Private ist politisch

Im Westen würde diese Frage eine andere Komplexität und Kritik beinhalten. Doch auch wenn Vietnam bereits 1992 das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen aus der Verfassung gestrichen und das erste asiatische Land war, welches das Verbot homosexueller Beziehungen aufgehoben hat, hat es bis zum 2. August 2025 gedauert, bis das vietnamesische Gesundheitsministerium erklärt, dass „Homosexualität keine Krankheit ist, nicht ‚geheilt‘ werden kann und nicht ‚geheilt‘ werden muss“ und damit Mediziner:innen aufforderte, Diskriminierung in der Versorgung zu beenden.

Sexualität gehört in Vietnam in den privaten Raum. Pháp Kiều und andere Künstler:innen, die mit feminin gelesenen Merkmalen spielen, spielen erst einmal nur oberflächlich mit den Attributen. In den Musik-Shows „Anh trai say hi“ (Er sagt Hi) oder „Anh trai vượt ngàn chông gai“ (Er überwand tausende Hindernisse) treten jeweils 30 Männer singend gegeneinander an.

Während einige Künstler geschlechtsgetreu in schweren Lederjacken und Dollar-Ketten auftreten, Frau und Kind als Requisiten auf der Bühne platzieren und sich in einer Rede bei der Gattin fürs Kochen bedanken, bedienen sich andere Protagonisten anderer Ästhetik: Sie tragen dramatisches Make-up, Verzierungen wie Rüschen, Organza-Stoffe und – sie gestikulieren zart.

Der Erfolg gibt ihnen recht

Beide Konzert-Shows zeigen aus Sicht von Bui Hoai Son, Mitglied des Bildungs- und Kulturausschusses der Nationalversammlung, den Stolz auf die von Vietnames:innen geschaffenen Kulturprodukte. Weiter stellt er resümierend am 22. November 2025 im Gespräch mit dem Magazin Lao Động fest, dass es sich „um gut durchdachte Programme mit einer Geschichte, künstlerischem Anspruch und einer humanen Botschaft handelt, welche die Herzen des Publikums berühren und die Überzeugung wecken werden, dass Vietnam aus eigener Kraft kulturelle Phänomene von internationaler Bedeutung schaffen kann.“

Nach dem Erfolg der ersten Ausgabe von „Anh trai say hi“ brachte die Ankündigung für 2025 einige Kontroversen: Die biologisch weiblich geborene Künstler:in Vũ Cát Tường bekennt sich öffentlich als lesbisch, heiratet und nimmt bei „Anh trai say hi“ teil. Auf die Frage, wie das Publikum Vũ Cát Tường ansprechen solle, lautete die Antwort: „Es spielt keine Rolle, ob es anh (männliche Anrede) oder chị (weibliche Anrede) ist, denn es hat keinen Einfluss darauf, wer ich wirklich bin. Mich Anh zu nennen macht mich nicht männlicher. Ich fühle mich wohl mit beiden Varianten.“

Es sind diese humanen Botschaften, die öffentlich geäußert werden und die inhumanen Fragen etwas entgegnen können, zum Beispiel dieser: „Wie kann Vietnam die Übernahme globaler kultureller Trends in Einklang [mit der vietnamesischen, traditionellen] bringen und gleichzeitig seine eigene Identität bewahren? Künstler und Unterhaltungsunternehmen müssen raffinierte, kultursensible Wege finden, Individualität auszudrücken, ohne das inländische Publikum zu entfremden oder zu schockieren.“ (ein anonymer Autor bei VietNamNet).

Wie Bridget Jones doch noch feministisch wird

Der asiatische Mann wird in der westlichen Kulturlandschaft gern entweder als Nerd oder Kampfkünstler stigmatisiert. Klischeehafte geschlechtsspezifische Darstellungen sind auch in der Chick Lit keine Seltenheit. Während Chick Lit immer noch als anspruchslos gestempelt wird, kann sie ein feministisches Unterhaltungsformat sein.

In dem Aufsatz „From Dream Man to Hào Hoa: Masculinity in the Vietnamese Translation of Popular Fiction“ von Văn Trào Nguyên und Tuan Nhat Nguyen (erschienen im Band „Translating Words, Transferring Wisdom, Traversing Worlds“, Mimi Yang, September 2025) erörtern die Autorinnen, wie das Männlichkeitsbild durch Übersetzungen verändert werden kann und wie Übersetzungen zur Entwicklung des literarischen und kulturellen Systems beitragen können, indem sie unbekannte Diskurse importieren, die lokale Normen und Weltanschauungen beeinflussen können.

Chick Lit hat seinen Ursprung in den 1990ern im anglo-amerikanischen Raum. Bekannt sind etwa „Bridget Jones’s Diary“ oder auch die „Sex and the City“-Bücher von Candace Bushnell. Die Geschichten begleiten die Protagonistinnen in ihren 20er bis 40er Jahren zwischen Karriere, Traumpartnerschaft(en) und sonstigen Herausforderungen. Sie gelten als leicht und seicht und stehen in der Kritik, ein zu traditionelles Frauen- und Männerbild zu zeichnen.

Auch hier muss differenziert betrachtet werden. Was im anglo-amerikanischen Raum kritisiert wird, kann im südostasiatischen sehr weltverschiebend sein. Denn während es in der klassischen Chick Lit primär um die eigene Identität geht, lautet der Anspruch an vietnamesische Frauen nach wie vor, vorrangig das Wohl von Familie und Gemeinschaft im Blick zu haben.

Da es also kaum vietnamesische Chick Lit gibt, wächst das Aufkommen der übersetzten Unterhaltungsliteratur. Chick Lit kann nach Ansicht der Autorinnen des bereits genannten Aufsatzes einen starken Kontrast zu herkömmlichen vietnamesischen Darstellungen von Männern bilden und männliche Charaktere darstellen, die emotional ausdrucksstark sind und die Autonomie der Frauen unterstützen. Das bedeute, dass durch Wortwahl des übersetzten Textes die Darstellung von Männlichkeit subtil umgestaltet werden kann, so, dass sie dem vietnamesischen Publikum vertraut wirkt – und doch kulturelle Verhandlungen anstoßen kann, indem Geschlechternormen abgeschwächt, neu formuliert oder gar bekämpft werden.

Es zeigt, dass ein Trend in der Popkultur helfen kann, Identitäten frei und öffentlich zu leben, sie nicht in vorgefertigte Rollenbilder zu meißeln, sondern zu verflüssigen. Es zeigt, dass der Mann sanft sein darf.

Oder um es mit den Worten von Bui Hoai Son zu sagen: „Kultur hat, wenn sie mit Leidenschaft und Professionalität gepflegt wird, die Kraft, Menschen zu vereinen, zu inspirieren und Werte zu schaffen, die weit über unsere Vorstellungskraft hinausgehen.“

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


1 | 2025, Foto-Stories, Vietnam,
Autor*in:

Bewegtes Bewegen

Vietnam: Der preisgekrönte Dokumentarfilm „Hair, Paper, Water…“ begleitet eine Rục-Frau und würdigt eine aussterbende Kultur und Sprache.

Wenn ich Cao Thị Hậu sprechen höre, entsteht in mir eine unbekannte Zusammenballung aus Vertrautheit und Neugierde. Ihre Sprache scheint vertraut, doch es ist nicht ihr gesprochenes Wort, es ist ihr Klang.

Mit diesem Klang beginnt der Dokumentarfilm „Hair, Paper, Water…“ (Tóc, Giấy và Nước…) Poetisch und rhythmisch benennt Cao Thị Hậu „Nacht, Feuer, Wasser“. Die Übersetzungen ins vietnamesische und englische werden eingeblendet und auch, dass sie Rục spricht. Das Flackern der Flammen, das Geräusch von Tropfen in einer Felshöhle, das Zirpen der Vögel und das Summen der Fliegen werden als ‚Hors d’oeuvre‘ serviert. Der Dokumentarfilm „Hair, Paper, Water…“ feierte beim 78. Filmfestival von Locarno am 14. August 2025 Premiere und gewann den Goldenen Leoparden – Filmmakers of the Present.

„Rục bedeutet Wasser, das durch Felsen und Höhlen sickert.“

Cao Thị Hậu ist eine Rục-Frau und spricht die Sprache, die nur noch wenige hundert Menschen beherrschen. Die Rục sind eine Gruppe des Chut-Volkes. Sie leben im Bezirk Minh Hóa in der Provinz Quảng Trị im nördlichen Zentralvietnam.

Die Farbe Grün

Dort bewegt sich die Protagonistin immer inmitten von Grün – wenn sie ihr dichtes schwarzes Haar in eleganten Handbewegungen bündelt, barfuß Holz auf dem Rücken transportiert, ihre offene Wunde am Knöchel mit Kräutern versorgt. Hier ist Cao Thị Hậu autark und weisungsfrei.

Wenn sie jedoch mitten in Saigon steht – hupende Motorräder und bohrende Baustellen um sie herum – wirkt sie anonym und abwesend. In einer Szene in Saigon sitzt sie lässig am Wasser und raucht, umgeben von Häusern „voller Löcher“, die den Himmel berühren. Dann stellt sie diese großartige Frage: „Was ist das für ein Ort?“ In ihrer Wahrnehmung ist das Leben in einer Höhle solider.

Während die Kaiserstadt Huế und auch die trockene Hạ Long-Bucht in Ninh Bình populäre Reiseziele sind, steht das restliche Zentralvietnam im Hintergrund. Dies geschieht zwar zu Unrecht, kommt jedoch der bisher weitgehend unberührten Landschaft zugute.

„Hair, Paper, Water…“ wurde mit einer Vintage Bolex-Kamera aufgezeichnet. Die verwackelten und gekörnten 16mm Aufnahmen geben den feucht-grünen immerzu nebeligen Berglandschaften etwas Mystisches. Nicolas Graux‘ Kinematographie würdigt seine Hauptdarstellerin, ohne sie zu erheben. Der belgische Filmemacher hat gemeinsam mit dem vietnamesischen Regisseur Minh Quý Trương, der zuletzt durch „Viêt and Nam“ internationale Bekanntheit erlangte, drei Jahre lang Momentaufnahmen aus dem Alltag von Cao Thị Hậu gesammelt. Bei beiden ist die lyrische Handschrift natürlich und ungeniert. Minh Quý Trương hat bereits für seinen 2019 erschienenen Dokumentarfilm Nhà Cây (Das Baumhaus) mit indigenen Gemeinschaften wie den Kor, Hmong und den Rục – so auch mit Cao Thị Hậu zusammengearbeitet.

Cao Thị Hậu ist Uroma. Ihre Enkelin lebt in der Stadt, die immerzu von hängender Wäsche verziert ist. Sie hat ein Kind bekommen. Im Laufe des Films erfahren wir, dass sie sie nicht nur mit ihrer Anwesenheit unterstützt, sondern auch finanziell. Denn das Geld, das die Enkelin und ihr Mann in der Fabrik verdienen, reicht nicht. Das spärlich eingerichtete Zuhause mit dem gefliesten Boden wirkt kühl und farblos. Das Baby mit vollem Haar schreit lautlos. Ein Mädchen auf dem Fahrrad kreuzt immer wieder das Bild. Während sie hintereinander auf kleinen Plastikhockern sitzen, kämmt Cao Thị Hậu ihrer Enkelin liebevoll das Haar.

Gegensätzliche Integration

Zurück an dem Ort, der für Cao Thị Hậu zuhause ist. Sie erzählt von einer (geträumten) Unterhaltung mit ihrer Mutter, die sie nach Hause zurückruft, es warten Arbeit und andere Enkel. Ein Junge erscheint, er hat schief geschnittenes Haar – trotz Besuch im Salon – und fehlende Vorderzähne. Er strahlt Leichtigkeit aus. Er ist der einzige männliche Nachkomme. Cao Thị Hậu ermutigt ihn, die Schule nicht zu versäumen, lesen und schreiben zu lernen, damit er alle Möglichkeiten habe. Er malt daraufhin ein Haus und lernt in der Schule englisch. Draußen vor der Klasse stehen die Schuhe der Kinder, während sie drinnen in Jacken sitzen.

Es sind diese vermeintlich kleinen Schnipsel, die den im 4:3-Format-Film so behutsam machen. Der Clash, der immer wieder willkürlich erscheint, aber wesentlich ist. Land und Stadt, nackte Füße kombiniert mit bunten Einwegregencapes bei der Holzarbeit für die Papierproduktion, das Perlen-Jade-Armband während die Ärmel ihres karierten Hemdes ausgefranst sind und sie sanft mit den Händen durchs Wasser gleitet. Nichts scheint zueinander zu passen, doch fügt es sich zu einer selbstverständlichen Gegenwart.

Denn diese offensichtlichen charakteristischen Unterschiede sind nicht essenziell für die Erzählung. Beinahe beiläufig wird gefilmt, dass die Bücher, die der Enkel liest, in vietnamesischer Sprache sind. Dass er, wie viele bilinguale Kinder, Gefahr läuft, die Mutterzunge zu verlieren. Die Bedrohung einer aussterbenden Sprache wird real. Einer Sprache, die es geschrieben kaum gibt.

Höhlenleben

1959 ‚fand‘ ein Grenzsoldat in Cà Xèng Menschen, die in wasserdurchlässigen Höhlen lebten und die er beschrieb als Menschen, die „mit der Wendigkeit wilder Tiere Klippen und Bäume erklimmen“. Fernab der Zivilisation lebend, ohne Schulen und Kliniken, sich durch Jagen und Sammeln selbst versorgend, habe das zurückgezogene und autonome Leben der Rục Rätselraten ausgelöst, so Đinh Thanh Dự (der sich auf die Kultur ethnischer Minderheiten in Quang Binh spezialisiert hat) und Võ Xuân Trang (Autor von „Die Rục in Vietnam“, 1998). In ihrem viel zitierten Aufsatz über „Das Leben des geheimnisvollsten Stammes der Welt in Vietnam“ wird geschildert, wie die Rục-Gemeinschaft „überzeugt“ wird, „sich im Tal niederzulassen und sich in der Gemeinde Kim Phú anzusiedeln“.

2013 wurden die Rục auf die Liste der zehn am wenigsten bekannten indigenen Völker aufgenommen. 2022 wurden in insgesamt 144 Haushalten 580 Angehörige der Rục gezählt. Trotz der Umsiedlung und der damit einhergehenden Veränderungen im wirtschaftlichen und soziokulturellen Leben, leben die Rục weiterhin im Glauben an die Beseeltheit aller Dinge. So zeigen Untersuchungen der Forschungsarbeit „Kultureller Wandel der Rục im Bezirk Minh Hóa, Provinz Quảng Bình, Vietnam“, dass die Rục sich sukzessive an Industrialisierung und Modernisierung anpassen, ohne dabei ihre kulturellen Werte zu verlieren.

Cao Thị Hậu wurde in einer Höhle geboren. Durch sie lernen wir im Film Pflanzen und ihre Heilkraft kennen, weswegen den Rục immer wieder etwas Magisches nachgesagt wird. Trotz der zurückhaltenden und andeutenden Dokumentation haben die Bilder etwas sehr Vertrautes und Intimes: wenn jede Pore ihrer Haut sichtbar wird, wenn sie voller Überzeugung wie ein Tiger brüllt. Sie ist hemmungsfrei, während sie in ihrer Erscheinung radikal nüchtern agiert. Manche erzählte Anekdoten sind erschütternd, wie die ihrer Geburt. Manche sind fast komisch, wie die des Haarverkaufs für Fischsauce. Oder auch, wenn sie eigenwillig ihren Enkel aus dem Nichts heraus fragt, wen er bei einer Trennung seiner Eltern bevorzugen würde.

Der Film fügt Haar, Papier und Wasser zu etwas Elementaren zusammen. Die Haare signalisieren immer wieder Zuneigung. Das Papier symbolisiert ihren Lebensunterhalt und auch die Zukunft des Enkels, der auf diesem schreibt und lernt. Und da ist das Wasser, von dem sie immer umgeben zu sein scheint. Verschwenderisch schön sind dabei die vielen Grünnuancen mit den lila-blau Pigmenten ihrer Kleidung, sei es das karierte Kopftuch oder das geblümte Áo bà ba (traditionelles Oberteil, welches als Großmutters Hemd übersetzt wird).

Cao Thị Hậu ist mit ihrem Enkel und einem Mann auf einem kleinen Boot unterwegs zu einer der Höhlen. Sie machen zusammen Rast und essen Maisbrot. Er klettert im Gestein herum. Sie lächelt. In einer späteren Szene in der sie nur noch zweit sind, liegen sie im Boot, sie krault ihm den Kopf. Sie spricht Rục, er spricht es nach.

Rezension zu „Hair, Paper, Water…“ (Tóc, Giấy và Nước… ), Nicolas Graux und Trương Minh Quý, 2025, 71 Minuten, Lights On Film

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz