EDITORIALS,
Autor*in: , , und

Editorial südostasien 4/2019:
Spiel mir das Lied der Freiheit – Musik als Instrument politischer Bewegungen

Musik als Instrument politischer Bewegungen © KNTL RUUP (CC BY-NC-SA 3.0)

Ausschnitt des Posters der indonesischen Nationalen Koalition (KNTL RUUP) gegen den Musik-Gesetzesentwurf RUU Permusikan © KNTL RUUP (CC BY-NC-SA 3.0)

Seit jeher ist Musik – neben ihrem Unterhaltungswert – ein Mittel zur Kritik an sozialen Normen und politischen Verhältnissen. Musik hilft Menschen sowohl auf persönlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene, zu erkennen, dass sie mit ihrem Dissens gegen Ungerechtigkeiten nicht alleine sind. Das Besondere an Musik ist, dass sie ein Gefühl der Gemeinschaft erzeugen und Gruppierungen helfen kann, sich zu organisieren. Sie kann sowohl innerhalb einer Bewegung als auch nach ‚außen’, in die Öffentlichkeit, kommunizieren und parallel dazu die eigenen Werte und die eigene Identität (musikalisch) untermauern. Dabei wird sie in ganz unterschiedlichen Varianten und Kontexten genutzt. Musik äußert sich mal mit leisen und mal mit lauten Tönen, mal mit direkten Texten und mal mit welchen, wo das Wesentliche zwischen den Zeilen steht.

Auch in den sozialen Bewegungen Südostasiens wird Musik vielfältig für politischen Protest und Widerstand eingesetzt. Soziale und politische Kämpfe, Aufstände gegen Diktaturen sowie die Aktivitäten der Friedens- und Umweltbewegung sind in Südostasien eng mit Musik verflochten. Musiker*innen sind oft auch Aktivist*innen und machen genreübergreifend auf aktuelle Missstände aufmerksam. Dabei positionieren sie sich gegen Menschrechtrechtsverletzungen, Geschichtsrevisionismus oder gesellschaftliche Ungerechtigkeiten wie Armut und Diskriminierung, z.B. in Form von Sexismus. Musikalisch wird Kritik geübt an post-kolonialen Machtverhältnissen und an der Ausbeutung von Mensch und Natur. Musik kann dabei auch therapeutische Wirkung entfalten, wie etwa bei der Aufarbeitung und dem Umgang mit Geschichte und persönlich erlebten Gräueltaten.

Während in den 1970er und 1980er Jahren viele aktivistische Musikgruppen dem Folk oder Rock frönten, begegnen wir heute zunehmend weiteren Musikgenres wie Punk, Reggae oder Hip-Hop. In vielen Fällen haben sich Musikkulturen mit eigenen regional-spezifischen Charakteristika ausgebildet. Auch wenn damalige und heutige musikalische Stile oft meilenweit auseinander liegen, nutzen sie dabei teilweise noch die gleichen Erzähltechniken. Damals wie heute stehen südostasiatische Musiker*innen vor Herausforderungen, wie den Versuchen von staatlicher Seite, Musik zu vereinnahmen und den Schaffensprozess und die Meinungsfreiheit der Künstler*innen immer stärker zu reglementieren. Auch die zunehmende Industrialisierung von Musik bedroht die Unabhängigkeit von Musiker*innen und erschwert es, eigene Werke zu produzieren und zu verbreiten.

Dass Musiker*innen politisch Stellung beziehen, ist keineswegs selbstverständlich. Drohungen, staatliche Repressionen, Entführungen und Ermordungen von Aktivist*innen tragen zu einem Klima der Angst bei. So musste etwa die thailändische Gruppe Faiyen nach dem Militärputsch 2014 zunächst in Laos im Exil leben. Vor einigen Monaten erst konnten die Mitglieder von Fayen nach Frankreich ausreisen, um dort politisches Asyl zu beantragen. Voraus gegangen waren Todesdrohungen und das Verschwinden bzw. die Ermordung von thailändischen Aktivist*innen in Laos.

Diese Ausgabe der südostasien thematisiert musikalischen Protest als politische Kultur in verschiedenen Kontexten und aktivistischen Formen. Dabei vernetzen sich Aktivist*innen oft regional und transnational innerhalb ihrer (Underground)-Community und setzen sich durch die adressierten Akteure Repressionen und Gefahren aus.

Die südostasien zeigt anhand vieler Beispiele, dass Musik als Instrument politischer Bewegungen und Proteste in den südostasiatischen Gesellschaften eine wichtige Rolle spielt. Zu lesen ist das unter anderem in Protestmusik unter Duterte, Philippinen (Monika E. Schoop).

In Revolutionäres Karaoke in Kachin, Myanmar (David Brenner) sehen wir, wie die Kachin Rebellion die Beliebtheit von Karaoke nutzt, um die Identität als Widerständler*innen gegen den Staat auch unter der Zivilbevölkerung zu stärken. Monika Schlicher und Maria Tschanz lassen Musiker*innen aus Timor-Leste zum Einfluss von Protestliedern im Unabhängigkeitskampf und im Umgang mit gegenwärtigen Problemen des Landes zu Wort kommen.

Am Beispiel von Musik im Fadenkreuz von Staat und Industrie, Indonesien (Hikmawan Saefullah) wird deutlich, auf welche Weise von staatlicher und wirtschaftlicher Seite versucht wird, die Musik in Indonesien zu vereinnahmen und die Freiheit der Künstler*innen einzuengen. Auch Eléonore Sok und Monnyreak Ket beschreiben die staatliche Zensur der letzten Jahre – am Beispiel Kambodschas.

Gabriel Ernst zeigt am Beispiel von Thailand, wie Rapmusik und -kultur Teilen der Unterschicht eine Stimme verleiht und die systematische Unterdrückung, Armut und Ungleichheit, unter der sie leiden, offen legt. Auch für andere sozial marginalisierte Gruppen und Subkulturen stellt Musik ein probates Mittel dar, sich Gehör zu verschaffen, wie Mika Reckinnen in seinem Artikel über Pinoy Punks in den Philippinen zeigt.

Die vielfältigen Beiträge beleuchten die unterschiedlichen Facetten und Formen von Musik als Mittel politischer Bewegungen. Deutlich werden auch die neuen Möglichkeiten der Verbreitungen von musikalischen Botschaften, die ‚soziale Medien’ und Smartphones bieten.

All dies und mehr finden Sie/findet Ihr in dieser aktuellen Ausgabe der südostasien. Auch für die kommende Ausgabe zum Klimawandel freuen wir uns über Artikelvorschläge. Hier geht’s zum Call for Paper.

Wir danken an dieser Stelle allen Beteiligten an dieser Ausgabe sehr herzlich! Wir wünschen unseren Leser*innen eine spannende Lektüre und viel Freude beim Rein-Hören in die Vielfalt musikalischer (Protest)Kultur aus Südostasien!

Das Redaktionsteam

 
zur Ausgabe
 

Die Autor:innen

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz


EDITORIALS,
Autor*in: , , und

Editorial südostasien 4/2019:
Spiel mir das Lied der Freiheit – Musik als Instrument politischer Bewegungen

Staatliche Gewalt und Rassismus sind auch in den Staaten Südostasiens allgegenwärtig. Während Staaten vorgeben, mit ihrem Gewaltmonopol die Grundrechte der Bürger*innen zu schützen, stellen sie dieses Gewaltmonopol oft systematisch in den Dienst von Kapital- und Machtinteressen der wirtschaftlichen und politischen Eliten. Die Gewaltenteilung innerhalb des Staats ordnet lediglich die Aufgaben zur Aufrechterhaltung des Status quo zu. Dass Gerichte oder Polizeieinheiten im Zweifel die herrschende Klasse verteidigen, wird in dieser Ausgabe der südostasien äußerst deutlich.

„Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“, brachte es bereits Karl Marx auf den Punkt und betonte zugleich: „Die politische Gewalt im eigentlichen Sinn ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen.“ Somit erleben Arbeiter*innen, Aktivist*innen, Gewerkschafter*innen und weitere zivilgesellschaftliche Akteur*innen staatliche Repression, wenn sie sich gegen die vorherrschenden Ausbeutungs-Zustände wehren. Wer diese Zustände thematisiert und bekämpft, wird auch in Südostasien immer wieder zur Zielscheibe und ist von Kriminalisierung und Gewalt bedroht.

Durch die Sichtbarmachung einer digitalen Mediengesellschaft erscheint rassistische staatliche Gewalt heute oft unmittelbarer und präsenter als zuvor. Dabei handelt es nicht um ein neues Phänomen. Wirft man einen Blick in die Vergangenheit von Südostasien wird schnell klar: Staatliche Gewalt und Rassismus haben System; und dieses ­ist – wie im gesamten Globalen Süden – eng mit der kolonialen Vergangenheit verknüpft (vgl. dazu Ausgabe 3/2021: Kolonialismus in Südostasien). Mit der Verbreitung des kapitalistischen Systems in Südostasien durch den Imperialismus der westlichen Nationen fanden auch seine gewaltsamen Unterdrückungsmechanismen Einzug in die Gesellschaften – und prägen diese bis heute.

Rassismus diente und dient als Herrschaftslegitimation und als Instrument zur Spaltung der unterdrückten Klasse. In Südostasien sind insbesondere indigene Bevölkerungsgruppen und/oder ethnische Minderheiten immer wieder von struktureller Gewalt und Marginalisierung betroffen. Die Nutzung und Kontrolle von Lebensräumen und Rohstoffen durch Staaten und wirtschaftliche Eliten sind Ausdruck der kolonialen Strukturen und kapitalistischen Machtverhältnisse, die die Nationalstaaten bis heute prägen.

In dieser Ausgabe der südostasien beschäftigen wir uns mit den verschiedenen Formen und Ebenen von staatlicher Gewalt und Rassismus in Südostasien. Dabei schauen wir näher auf die Institutionen, Akteure und Strukturen, die das System gestaltet haben und bis heute ihren Einfluss darauf ausüben.

Ein prominentes Beispiel ist die direkte brutale Gewalt von Militär- und Polizeiapparaten, wie etwa im so genannten ‚Krieg gegen die Drogen’ auf den Philippinen. Dazu schildert uns Josh Makalintal in seinem Artikel, wie die Repressionsmethoden der Duterte-Regierung zur Unterdrückung politischen Widerstands genutzt werden und beleuchtet ihre Ursprünge im Polizeiapparat der US-Amerikanischen Besatzung. Im Interview mit Jeremy Kuzmarov erfahren wir mehr zu den durch die USA implementierten Sicherheitsstrukturen in der Region und ihren rassistischen und anti-kommunistischen Ursprüngen.

Jemma Purdey erläutert im Interview, wie sich der in den kolonialen Strukturen verwurzelte Rassismus und die Gewalt gegenüber ethnischen Chines*innen in Indonesien durch die Geschichte des Nationalstaates bis in die Moderne zieht.

Neben brutaler physischer Gewalt existieren auch andere Formen der Gewaltausübung. So sprechen Gerichte ‚Recht’ häufig im Interesse von Regierungen, lokalen Eliten und Unternehmen. Aninna Aeberli gibt uns kritische Einblicke dazu, wie rassistische Narrative gegen ethnische Minderheiten im Bundestaat Sarawak in Malaysia bis heute Landraub legitimieren und die Betroffenen politisch, ökonomisch und sozial massiv unterdrücken.

Trang Vu setzt sich mit den Erfahrungen von Frauen auseinander, die von sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz betroffen sind. Das Beispiel zeigt, wie fehlende staatliche Schutzmechanismen und nicht ausreichende Gesetzgebung systemische Gewalt und Unterdrückung begünstigen können.

Es gibt jedoch eine Antwort auf staatliche Unterdrückung und die heißt: Solidarität und Widerstand. Wie beispielsweise Gewerkschafter*innen sich gegen ausbeuterische Unternehmen mit Streiks zur Wehr setzen, erfahrt ihr von unserer Autorin Trisha Adelia.

Diese und weitere Artikel mit verschiedensten Blickwinkeln auf Rassismus und staatliche Gewalt stellen wir in der in den nächsten drei Monaten fortlaufenden Ausgabe für euch zusammen. Wir wünschen eine erkenntnisreiche Lektüre und weisen zudem auf die danach folgende Ausgabe 1/2022 der südostasien hin. Zum Thema Zeitgenössische Kunst in Südostasien können potenzielle Autor*innen noch Artikel einreichen. Hier geht’s zum Call for Papers.

Das Redaktionsteam

Die Autor:innen

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieser Text erscheint unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz