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Editorial südostasien 2/2020:
Food for thought – Essen und Trinken in Südostasien

südostasien Editorial Ernährungssicherheit

Auf den Philippinen ist Salo-salo die traditionelle Art und Weise, gemeinsam zu essen. Auf Bananenblättern werden Reis und Pako, eine Art Wildfarn, serviert. © Isabell Kittel

Angesichts der aktuellen globalen Pandemie, ausgelöst durch das Virus Sars-CoV-2, hat das Thema Ernährungssicherheit in Deutschland wieder an Beachtung gewonnen. So kam es aufgrund zahlreicher „Angst-Käufe“ von Konserven, Mehl und Hefe zu Engpässen in der Versorgung von Supermärkten. Leere Regalfächer waren das Ergebnis. Beim Einkaufen standen wir gelegentlich vor einer – im globalen Vergleich sehr kleinen – Versorgungslücke.

In Südostasien sind mit 63 Millionen Menschen rund 10 Prozent der Bevölkerung unterernährt, wobei Frauen und Kinder am stärksten betroffen sind. Weltweit leiden immer noch schätzungsweise 821 Millionen Menschen unter chronischem Hunger. Die Lage ist ernst. Deshalb hat sich die internationale Staatengemeinschaft im Rahmen der Agenda 2030 die Beendigung des Hungers (Ziel 2) und die Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser (Ziel 6) bis zum Jahre 2030 zum Ziel gesetzt.

Essen und Trinken stellen für jeden Menschen eine Notwendigkeit für das (Über-)Leben dar. Zugleich ist die Aufnahme von Wasser und Nahrung stark in kulturelle und alltägliche Praxen gebettet. Nahrung ist ein Bereich, in dem Extreme in besonderem Maße aufeinandertreffen. So ist die Verteilung von Mangel- und Unterernährung äußerst ungleich und eng mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit verbunden, z.B. je nach Region, finanziellen Mitteln, Ethnie oder nach sexueller Identität.

Insbesondere in Ländern des Globalen Südens gibt es eine hohe Zahl an Menschen, die an Mangel- und/oder Unterernährung leiden, obwohl gerade in diesen Ländern Lebensmittel produziert und exportiert werden. Ursächlich hierfür sind der Einfluss globaler kapitalistischer Interessen und die Auswirkungen neokolonialer Strukturen, unter deren Folgen in Form von Kriegen und Klimawandel Menschen leiden. Das Menschenrecht auf Nahrung bleibt somit vielen, vor allem marginalisierten Gruppen, verwehrt, obwohl heutige Produktionsmethoden die Möglichkeit bieten, mehr Menschen als je zuvor zu ernähren.

Die Entscheidung, was Menschen essen bzw. was sie nicht essen, wie sie etwas essen und wie sie etwas zubereiten, sind sozial und kulturell geprägt und somit regionalen, religiösen und zeitlichen Einflüssen unterworfen. Essen und Trinken sind als Kulturpraktiken auch entscheidend beim Stiften von Identität.

Ob Essen und Trinken ‚Leib und Seele’ zusammenhält, hängt natürlich von den Inhaltsstoffen ab. Globale Einflüsse und ein im Durchschnitt gewachsenes Einkommen haben einige Gesellschaftsschichten in Südostasien grundlegend in Bezug auf Ernährung verändert. So geht der Zugang zu kalorienreichen Nahrungsmitteln auch mit einer Zunahme an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes einher.

Die kulinarische Vielfalt in der Region ist gewaltig. Bei einer Internetsuche im Zusammenhang mit den Stichworten ‚Essen und Trinken in Südostasien’ stoßen wir mit hoher Wahrscheinlichkeit zuerst auf Ratgeber oder Sammlungen von Rezepten vermeintlich ‚asiatischer’ Gerichte. In dieser Ausgabe der südostasien ist dies jedoch nicht der Fall. Wir haben Artikel gesucht und zusammengestellt, die den Fokus auf politische, soziale, ökologische und ökonomische Aspekte und Rahmenbedingungen von Essen und Trinken legen.

Dr. Sandra Pahr-Hosbach geht in ihrem Text beispielsweise der Frage nach, inwiefern Essen ein Symbol einer multiethnischen Gesellschaft sein kann, aber auch, wie Essgewohnheiten für indische Migrant*innen in Singapur als Identitätsstifter fungieren.

Wie Umweltgerechtigkeit, wirtschaftliches Wachstum, Nahrungssicherheit und landwirtschaftliche Aspekte der indigenen Bevölkerung auf den Philippinen zusammenspielen, erfährt man in Isabell Kittels Artikel.

In ihrem Interview mit Curran Hendry setzt sich Judith Kunze mit Grillenfarmen als Einkommensmöglichkeit für Kleinbäuer*innen in ländlichen Gebieten in Kambodscha auseinander.

Geschlechterrollen spiegeln sich auch im Zugang zu Ressourcen wider. In Kambodscha tragen Frauen hauptsächlich die Verantwortung für Fürsorgearbeit. Werden sie durch Vertreibung und Umsiedlung von ihren Wasserquellen geographisch getrennt, ergibt sich für sie ein Mehraufwand. Dieser Thematik nehmen sich Gertrud Falk und Mathias Pfeifer in ihrem Artikel an.

Der Themenschwerpunkt Essen und Trinken bietet uns die Möglichkeit, einen fundamentalen Aspekt des Lebens kritisch, selbst-reflektiert und sowohl auf Mikro- als auch Makroebene zu beleuchten.

In diesem Sinne wünschen wir unseren Leser*innen eine erkenntnisreiche Lektüre! Die ersten Artikel dieser Ausgabe werden ab Mitte Mai hier auf www.suedostasien.net erscheinen, weitere Beiträge zum Thema ‚Essen und Trinken’ folgen bis Mitte August.

Auch in der darauf folgenden Ausgabe werden uns Fragen der Gerechtigkeit beschäftigen, dann zum Thema ‚Sexualisierte Gewalt und feministische Gegenwehr‘. Wir freuen uns über Artikelangebote. Hier geht´s zum call for papers.

Das Redaktionsteam

zur Ausgabe
 

Die Autor:innen

  • Kathrin Spenna ist Südostasienwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied des philippinenbuero e.V.

  • Dominik Hofzumahaus ist Südostasienwissenschaftler und beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten von Entwicklung, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit.
    Desweiteren arbeitet er in verschiedenen Projekten zu Demokratiebildung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

  • Anna Grimminger studiert an der Universität Duisburg-Essen Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik. Zuvor hat sie an Universität Bonn ihr Bachelorstudium in Politik- und Südostasienwissenschaft mit Fokus Indonesien abgeschlossen. Sie ist Vorstandsmitglied der Stiftung Asienhaus.

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Food for thought – Essen und Trinken in Südostasien

Was passiert, wenn Menschen erzwungen / freiwillig ihre Heimat verlassen und in der oftmals weit entfernten neuen Heimat mit Menschen gleicher Wurzeln eine Gemeinschaft bilden? Wie gestaltet sich das Leben für sie in den sie umgebenden Mehrheitsgesellschaften und wie pflegen sie ihre Wurzeln?

Diaspora – ursprünglich eine Bezeichnung für jüdische Gemeinschaften in anderen Ländern, gewinnt in Zeiten von weltumspannenden Lebensrealitäten an Bedeutung. Auch für die Länder Südostasiens spielen Diasporagruppen sowohl im In- als auch im Ausland eine große Rolle. In Südostasien sind die finanziellen Rücküberweisungen (remittances) mehr als doppelt so hoch wie die offiziellen Entwicklungsgelder des Globalen Nordens (World Economy). Die Devisen prägen das Herkunftsland, unterstützen Familienangehörige und kurbeln die lokale Wirtschaft an. Allerdings schaffen Devisen auch Abhängigkeiten.

Diasporagemeinschaften sind Anlaufstelle für neu zugezogene Menschen und helfen durch bereits geknüpfte Netzwerkstrukturen. Verschiedene Gemeinschaften aus südostasiatischen Ländern finden sich in nahezu jeder Region der Welt. Temporäre Arbeitsmigrant*innen und permanente Migrant*innen werden gleichermaßen in die Diasporagemeinschaft integriert. Ob Bangkok, Berlin, Dubai, Kapstadt, New York, Mexiko-Stadt oder Sydney: Der Einfluss von Südostasiat*innen wächst nicht nur mit ihrer Zahl, sondern vor allem mit ihrer Organisierung und Teilhabe an gesellschaftlichen Strukturen. Auch innerhalb Südostasiens finden sich Diasporagemeinschaften aus der ganzen Welt zusammen.

Diesen Netzwerken und ihren Hintergründen widmen wir uns mit der vierten und letzten Ausgabe der südostasien im Jahr 2020. Einem Jahr, in dem Gemeinschaften durch die globale COVID-19 Krise für viele Belange noch einmal wichtiger geworden und enger zusammengerückt sind. Diese gewachsenen Strukturen werden in den folgenden drei Monaten in unserer Ausgabe näher beleuchtet. Dabei möchten wir sowohl ein Augenmerk auf politische als auch auf kulturelle sowie sozialintegrative Aspekte von Diasporastrukturen legen.

Teil einer Diasporagemeinschaft zu sein, bedeutet oft auch Selbsthilfe untereinander, um in der neuen Umgebung anzukommen. Infolgedessen bilden sich häufig tiefer gehende Strukturen, welche auch ökonomischen, politischen, kulturellen und sozialen Einfluss auf die Heimat nehmen. Gleichzeitig wird versucht, Diaspora-Communities zu instrumentalisieren, wie die Präsidentschaftswahlen in den Philippinen im Jahr 2016 zeigten. Beispiel Thailand: Die fortlaufenden Jugendproteste gegen die Regierung und für einen demokratischen Wandel werden auch von im Ausland lebenden Thailänder*innen weitergetragen und erfahren somit international Unterstützung.

Eine weitere Herausforderung, die sich aus der weltumspannenden Migration ergibt, ist das Fehlen der in der Diaspora lebenden Menschen auf den Arbeitsmärkten Südostasiens, beispielsweise im Gesundheitssektor. Die massenhafte Auswanderung von Fachkräften (Brain Drain) ist mittlerweile für viele Herkunftsländer zum Problem geworden. Arbeitsmigrant*innen wirken dem teilweise entgegen, indem sie im Ausland erworbene Fähigkeiten und Kenntnisse bei ihrer Rückkehr in ihr Heimatland mitbringen (Brain Gain und Brain Circulation).

Trotz oder gerade wegen dieser Erfahrungen gewinnen Diasporagemeinschaften an Einfluss. Projekte der Entwicklungszusammenarbeit adressieren mittlerweile Diasporagruppen und schätzen deren Expertise in kulturellen und politischen Fragen. Darüber hinaus werden Posten in der Lokalpolitik oder Sozialarbeit häufiger mit Menschen aus der Diaspora besetzt, da diese am besten die Perspektive ihrer jeweiligen Gemeinschaft einnehmen können. Dieser Form von Empowerment möchte unsere Ausgabe Ausdruck verleihen, indem sie diverse Stimmen der Diaspora versammelt und unseren Leser*innen näherbringt.

Im Interview mit drei Filipin@s der ersten und zweiten Generation in Österreich nimmt uns Jörg Schwieger mit in ein spannendes Projekt, bei dem es um die eigene Identität innerhalb der Diaspora und in der philippinischen Heimat geht. Unser Redaktionsmitglied Stefanie Zinn interviewte die vietdeutsche Podcasterin Minh Thu Tran zu ihren Vorbildern, ihrer vietdeutschen Community und anti-asiatischem Rassismus in Deutschland. Mit Andi Pratiwi sind wir zu Besuch beim indonesischen Seemansclub in Hamburg. Joan Chun hat für uns Parallelen zwischen anti-asiatischem und anti-Schwarzem Rassismus während der COVID-19 Pandemie in den USA analysiert und berichtet anhand der Cambodian American Literary Arts Association, wie Solidarität zwischen verschiedenen Diaspora-Gemeinschaften aussehen kann. Anas Ansar und Abdu Faisal Md. Khaled machen uns mit der aktiven Rolle von Frauen als transnationale Aktivist*innen in der weltweiten Rohingya-Diaspora bekannt.

Viele Artikel in dieser Ausgabe verdeutlichen, dass in der Diaspora zu leben auch immer bedeutet, Teil einer Minderheit innerhalb der dortigen Mehrheitsgesellschaft zu sein. Dies geht oft mit rassistischen Anfeindungen und Diskriminierungserfahrungen einher. Zu Anfang der COVID-19- Pandemie berichteten viele Menschen aus asiatischen Diasporagruppen darüber, wie sie in ihren europäischen Heimatländern offen angefeindet und mit dem Virus in Verbindung gebracht wurden. Diaspora hat hier auch die Funktion eines geschützten Raums, innerhalb dessen sich Betroffene geborgen fühlen und ihre Erfahrungen teilen können. Diesen und zahlreichen weiteren Facetten der Corona-Krise wird sich übrigens die nächste Ausgabe der südostasien widmen (zum Call for Paper Ausgabe 1/2021), für die noch Beiträge eingesendet werden können.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen unserer Ausgabe 4/2020.

Das Redaktionsteam

Die Autor:innen

  • Kathrin Spenna ist Südostasienwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied des philippinenbuero e.V.

  • Dominik Hofzumahaus ist Südostasienwissenschaftler und beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten von Entwicklung, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit.
    Desweiteren arbeitet er in verschiedenen Projekten zu Demokratiebildung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

  • Anna Grimminger studiert an der Universität Duisburg-Essen Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik. Zuvor hat sie an Universität Bonn ihr Bachelorstudium in Politik- und Südostasienwissenschaft mit Fokus Indonesien abgeschlossen. Sie ist Vorstandsmitglied der Stiftung Asienhaus.

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 2/2020:
Food for thought – Essen und Trinken in Südostasien

Deutschland/Thailand/Philippinen: Die feministische Frauen-Beratungsstelle Ban Ying (= Haus der Frauen) setzt sich in Berlin gegen Ausbeutung und Menschenhandel ein.

Ban Ying kommt aus dem Thailändischen und bedeutet Haus der Frauen. Der Verein Ban Ying wurde 1989 von Sozialarbeiter*innen und Mitarbeiter*innen von Berliner Gesundheitsämtern gegründet. Grund war die zunehmende Zahl an thailändischen Frauen, die dort in die Gesundheitsberatung kamen und von sexueller Ausbeutung betroffen waren. Damals gab es keinen Ort, wo sie vor Verfolgung durch Zuhälter*innen und Schlepper*innen sicher waren. Vor allem Frauen aus Thailand und den Philippinen waren anfangs die Zielgruppe des Vereins. Inzwischen berät Ban Ying Menschen aus wesentlich mehr Ländern.

Mit einer anonymen Zufluchtswohnung sowie einer Beratungs- und Koordinationsstelle setzt sich Ban Ying mit Beratung, Unterbringung, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit gegen Menschenhandel und für Migrant*innen ein, die von Ausbeutung, Gewalt und/oder Menschenhandel betroffen sind. Der Verein berät alle, die sich als Frau identifizieren.

Eine Zielgruppe von Ban Ying sind von Menschenhandel betroffene Frauen. Gibt es Menschenhandel überhaupt in Deutschland?

Ja, es gibt Menschenhandel in Deutschland, in anderen EU-Ländern, auf dem Weg nach Europa und im Herkunftsland. Es gibt immer mehr eine Schnittmenge von Geflüchteten, Asylsuchenden und Betroffenen von Menschenhandel in Deutschland und in anderen EU-Ländern. Unsere Zielgruppen sind speziell die Betroffenen von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen und Arbeitsausbeutung.

Bei der Gründung von Ban Ying lag der Fokus auf der Unterstützung von thailändischen Frauen. Ist Südostasien heute noch euer Arbeitsschwerpunkt?

Ban Ying wurde vor über 30 Jahren als Organisation für thailändische Frauen gegründet, die als Sexarbeiter*innen ausgebeutete wurden oder von Heiratshandel betroffen waren; später auch Hausangestellte. Die zehn ersten Jahre lag der Fokus auf Südostasien und besonders auf Thailand und den Philippinen. Nach der Wende kamen ausgebeutete Frauen aus Osteuropa dazu, in den letzten Jahren mehr und mehr Frauen aus afrikanischen Ländern und dem Nahen Osten. Ein großer Teil unser Klient*innen kommt heute immer noch aus Thailand und den Philippinen. Das zeigt sich auch durch unseren beiden Sprach- und Kulturmittler*innen, die Thai und Philippinisch sprechen.

Was sind die primären Zielgruppen von Ban Ying?

Unser Fokus liegt auf Frauen, die von Menschenhandel im Bereich Sexarbeit betroffen sind, oder die als Hausangestellte oder in andere Arbeitsbereiche wie die Gastronomie oder im Pflegebereich ausgebeutet werden. Wir sind eine Frauenorganisation. Die Arbeitsbereiche sind sehr gegendert. Wenn wir mit Männer die Ausbeutung erfahren, arbeiten würden, hätten wir vermutlich mit anderen Arbeitsbereichen zu tun, wie beispielsweise Bau, Schlachthöfe oder Gastronomie.

Welche Strukturen und Motive stecken hinter Menschenhandel?

Menschenhandel mit dem Ziel der sexuellen und/oder Arbeitsausbeutung geschieht oft im Kontext von Migration. Es gibt unterschiedliche Gründe warum Menschen migrieren. Zum einen sind es wirtschaftliche Gründe, aber auch politische wie Verfolgung. Es gibt einen politischen Rahmen, der Menschenhandel begünstigt. Verschärfte Migrationspolitik trägt dazu bei, dass es Menschenhandel gibt.

Wie kann Menschenhandel bekämpft werden?

Es ist problematisch, dass bei der Bekämpfung von Menschenhandel der Fokus nur auf Täter*innen, deren Bestrafung und Ermittlung, liegt. Es ist natürlich sehr wichtig, dass Täter*innen strafrechtlich verfolgt werden. Sichere Migration nach Europa und bessere Aufenthaltsperspektiven in Europa wären jedoch wirksamer und nachhaltiger, um Menschenhandel zu bekämpfen.

Ban Ying eine politische Organisation. Was sind eure konkreten Forderungen an die Politik?

Aktuell können Betroffene von Menschenhandel einen temporären Aufenthaltstitel bekommen, wenn sie bereit sind in einem Verfahren gegen die Täter*innen auszusagen. Dass der Aufenthaltstitel von der Kooperationsbereitschaft mit den Strafverfolgungsbehörden abhängig ist, ist aus verschiedenen Gründen problematisch.

Zum einen ist das Aufenthaltsrecht auf die Ermittlungen und das eventuell sich anschließende Verfahren begrenzt. Danach gibt es keine Garantie auf einen langfristigen Aufenthalt. Sie können nach einem Verfahren in ihr Heimatland zurückgeschickt werden. Das trägt dazu bei, dass viele Betroffene sich nicht bei der Polizei melden, nicht aussagen wollen oder können. Für die Betroffenen ist es sehr riskant, auszusagen, weil sie sich dadurch auch in die Gefahr begeben, ich ihrem Heimatland der Rache der Täter*innen und deren Netzwerken auszusetzen. Es geht aber auch anders: In Italien ist es möglich einen legalen Aufenthaltstitel zu erhalten, auch wenn Betroffene sich dagegen entscheiden in einem Verfahren auszusagen. Aufenthalt und die Unterstützung für Betroffene sind dort also entkoppelt von der Bereitschaft auszusagen. Wir fordern, dass Betroffene von Menschenhandel unabhängig davon, ob sie aussagen können oder wollen, einen Aufenthalt und Unterstützung in Deutschland bekommen.

Falls der Aufenthaltsstatus weiterhin an die Aussage vor Gericht gekoppelt bleibt, fordern wir zumindest, dass Betroffene, die aussagen, eine langfristige Bleibeperspektive bekommen. Es gibt schon jetzt die Möglichkeit, nach einem Verfahren aus humanitären Gründen einen Aufenthalt zu beantragen. Aber das funktioniert nicht immer.

Außerdem haben Betroffene von Menschenhandel eigentlich ein Recht auf eine Bedenk- und Stabilisierungszeit, um zu überlegen, ob sie überhaupt aussagen wollen oder können. Wir fordern, dass diese Bedenk- und Stabilisierungszeit besser umgesetzt wird.

Euer Ansatz ist die feministische Anti-Menschenhandelsarbeit. Was heißt das?

Wir sind auf der Seite der Betroffenen, wie auch immer sie sich entscheiden. Wir wollen keine herablassende und paternalistische Haltung in der Beratung, indem wir eine Person davon überzeugen, einen bestimmten Weg zu nehmen. In manchen Situationen müssen wir die Entscheidung der Frau akzeptieren. Wir nehmen ihre Entscheidung ernst und versuchen, sie nicht von etwas zu überzeugen.

Menschenhandel betrifft vor allem Frauen und Mädchen. Feministische Anti-Menschenhandelsarbeit bedeutet deshalb auch, dass wir Menschenhandel als Ergebnis von ungerechten und patriarchalischen Strukturen betrachten und bekämpfen in dem wir zusätzlich zu Beratung auch Öffentlichkeits- und Advocacy-Arbeit betreiben.

Kannst du das an konkreten Beispielen erklären?

Es gibt in Deutschland aber auch weltweit Hausangestellte, die unter schlimmen Bedingungen in Diplomatenhaushalten arbeiten. Hausangestellte von Diplomat*innen haben aufgrund der Immunität ihrer Arbeitgeber*innen kein Zugang zum Recht.

Trotzdem gab Situationen in denen Arbeitgeber*innen – wenn sie erfahren, dass ihre Mitarbeiter*innen bei uns in der Beratung sind – sich unter Druck fühlen und neue, fairere Arbeitsbedingungen anbieten. Diese neuen Bedingungen sind zwar besser, aber weiterhin ausbeuterisch. Es gibt Hausangestellte, die sich in dieser Situation trotzdem dafür entscheiden, dort weiter zu arbeiten. Das respektieren wir.

Ein weiteres Beispiel ist Ban Yings Einstellung gegenüber Sexarbeit. Es gibt Klient*innen die nie in der Sexindustrie arbeiten wollten und in Deutschland ausgebeutet wurden. Wir haben aber auch Klient*innen, die in ihren Heimatland Sexarbeiter*innen waren, hier in der Sexindustrie ausgebeutet wurden, gegen ihre Täter*innen in einen Prozess aussagen und weiterhin als selbständige Sexarbeiter*innen tätig sind. Viele Organisationen, die im Bereich Anti-Menschenhandel tätig sind, sind grundsätzlich gegen Sexarbeit. Bei Ban Ying setzen wir uns gegen sexuelle Ausbeutung, aber nicht gegen Sexarbeit ein. Es ist anti-feministisch, zu versuchen die Frauen zu überzeugen, nicht mehr als Sexarbeiter*innen tätig zu sein. Wir respektieren die Entscheidungen unserer Klient*innen und unterstützen sie.

Neben Menschenhandel habt ihr noch weitere Beratungsfelder. Worum geht es da konkret?

Eine weitere Zielgruppe sind Frauen, die nicht von Menschenhandel aber von anderen Formen von Gewalt betroffen sind. Zum Beispiel Frauen die häusliche Gewalt erfahren und deren Aufenthalt von der Ehe zu ihrem deutschen Mann abhängig ist. Wenn es Kinder in der Beziehung gibt, ist das Sorgerecht ein häufiges Thema. Frauen stehen nach der Trennung oft finanziell schlechter als ihre Ex-Männer da und können sich im Sorgerechtsstreit durch die Sprachbarriere nicht gut verteidigen. Wir beobachten, dass Frauen gegenüber ihren deutschen (Ex-)Männern sehr oft das Sorgerecht verlieren.

Gibt es Beispiele in euerer Arbeit, wie sich Migrant*innen zusammenfinden und unterstützen?

Es gibt ein breites Diasporaspektrum in unserer Arbeit. So gibt es Communities die besser vernetzt sind als andere. Die philippinische Community ist zum Beispiel sehr gut vernetzt. Es gibt auch Einzelkämpfer*innen, aber der Großteil unserer Klient*innen kommt durch ‚Mund-zu-Mund-Propaganda’ über ihre Communities zu uns.

Unsere Sprach- und Kulturmittler*innen für Thai und Philippinisch organisieren normalerweise regelmäßige Veranstaltungen mit den Frauen. Zum Teil, um die Frauen über ihre Rechte zu informieren, aber auch zu gemeinsamen Freizeitveranstaltungen, wie zusammen kochen, Museumsbesuche oder Boot fahren auf der Spree. Dadurch entwickelt sich auch eine Community innerhalb unseres Netzwerks. Sie machen das eigentlich einmal im Monat, aber wegen Corona pausiert derzeit das Angebot.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie noch auf eure Arbeit?

Unsere Arbeit wird sehr von der Pandemie erschwert. Wir machen weiterhin Beratungen vor Ort unter Sicherheitsauflagen. Die vor-Ort Beratung mussten wir aber stark beschränken. Wir machen jetzt mehr Online- und Telefon-Beratung. Das ist komplizierter und verlangsamt unsere Arbeit, weil es sehr viele Barrieren gibt. Sprachbarrieren sind größer und auch die Zusammenarbeit mit Behörden ist schwerer geworden. Alles verlangsamt sich.

Und welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Migrant*innen, die ihr beratet?

Viele unserer Klient*innen, insbesondere Sexarbeiter*innen, konnten sehr lange nicht arbeiten. Das hat ihre Situation noch prekärer gemacht als vor der Pandemie.

Bei den diplomatischen Hausangestellten haben wir eine sehr besorgniserregende Beobachtung gemacht. Dieses Jahr sind sehr viel weniger Hausangestellte zu uns gekommen. Wir glauben nicht, dass ihre Arbeitsbedingungen sich verbessert haben, sondern dass die Hausangestellten noch isolierter sind und uns weniger erreichen können.

Portraitserie ME IN THE MIDST OF CHANGING TIMES AND SOCIETIES von Krisanta Caguioa-Mönnich 2019 © Krisanta Caguioa-Mönnich mit Zitaten der portraitierten Frauen:

Die Autor:innen

  • Kathrin Spenna ist Südostasienwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied des philippinenbuero e.V.

  • Dominik Hofzumahaus ist Südostasienwissenschaftler und beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten von Entwicklung, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit.
    Desweiteren arbeitet er in verschiedenen Projekten zu Demokratiebildung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

  • Anna Grimminger studiert an der Universität Duisburg-Essen Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik. Zuvor hat sie an Universität Bonn ihr Bachelorstudium in Politik- und Südostasienwissenschaft mit Fokus Indonesien abgeschlossen. Sie ist Vorstandsmitglied der Stiftung Asienhaus.

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Food for thought – Essen und Trinken in Südostasien

Kambodscha: Der Mekong ist eine Lebensader. Der ungleiche Zugang zu sauberem Wasser wurde während der COVID-19 Pandemie erneut deutlich. Ein Interview mit der Wissenschaftlerin Chanvoitey Horn zum Thema Wasser(un)sicherheit.

Wie steht es derzeit um Wassersicherheit im Mekong-Delta?

Das Mekong-Delta ist durch den Klimawandel, den Betrieb von Staudämmen in den flussaufwärts gelegenen Ländern und durch den vietnamesischen Staudamm im 3S-Becken (Sesan-, Sre Pok- und Sekong-Fluss) gefährdet. In Kambodscha gibt es kein richtiges Wasserkontrollsystem, so dass die Ableitung großer Wassermengen aus den flussaufwärts gelegenen Staudämmen in Kambodscha zu schweren Überschwemmungen führen kann.

Dürre kommt immer wieder vor. In der Provinz Takeo (an der Grenze zu Vietnam) sind jedes Jahr ca. 54.000 ha Reisanbaufläche betroffen, da in Vietnam Wassertore geöffnet werden, die mehr Wasser flussabwärts führen. So kommt es in Kambodscha zu Wasserknappheit für die Landwirtschaft. Das Ackerland ist auch vom Eindringen von Salzwasser betroffen. Wenn der Wasserstand im Bassac-Fluss [der größte Mündungsarm des Mekong, Anm. d. Red.] niedrig ist, fließt das aufsteigende Meerwasser zurück.

Welche Rolle spielt der Mekong im Alltag der Menschen in Kambodscha?

Der Mekong ist für alle Facetten der kambodschanischen Gesellschaft lebenswichtig. In Phnom Penh fließen der Mekong, der Bassac und der Tonle Sap zusammen.

Der Mekong dient als Binnenschifffahrtsweg, über den internationale Transporte von und zur Hauptstadt abgewickelt werden. Außerdem verdienen einige Menschen ihren Lebensunterhalt durch Flusstourismus, bei dem Kreuzfahrten auf dem Mekong Fluss verkehren und durch die Fischereigemeinden führen. Zudem gibt es Fischereidörfer entlang des Flussufers, die auf Geheiß der Stadtverwaltung von Phnom Penh umgesiedelt werden. Bis Juni 2021 wurden rund 1.600 von 1.700 schwimmenden Häusern und anderen Strukturen entlang und auf dem Fluss abgerissen.

Gibt es Unterschiede zwischen städtischen und ländlichen Gebieten?

Während der Regenzeit kann der steigende Wasserstand zu Überschwemmungen in der Stadt führen. In den Provinzen bringt der Mekong fruchtbaren Schlamm für die Felder und den Wildfischfang. Die Landbevölkerung ist stark vom Fluss abhängig, um Nahrung, Trinkwasser und ihren Lebensunterhalt zu sichern. Viele erwirtschaften ihr Einkommen durch Wildfischfang oder Aquakultur. Ebenso trägt der Fluss zu 84 Prozent zur kambodschanischen Reisproduktion bei.

Warum ist die Wassersicherheit in Kambodscha gefährdet?

Der Klimawandel verstärkt die Schwere von extremen Wetterereignissen wie Dürre und Sturzfluten. Es gibt Studien, die die Auswirkungen des Klimawandels modellieren, von der Mekong River Commission [eine zwischenstaatliche Organisation, die mit den Regierungen von Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam zusammenarbeitet, um die gemeinsamen Wasserressourcen und die nachhaltige Entwicklung des Mekong gemeinsam zu verwalten, Anm.d.Red.] und anderen unabhängigen Forschenden. Eines ist klar: Die Kosten türmen sich auf.

Zu den menschlichen Aktivitäten gehören unter anderem der Bau von Staudämmen, Sandabbau oder die Abholzung von Wäldern. Staudämme für Wasserkraftwerke führen zu Wasserknappheit und beeinträchtigen die Wasserqualität. Die Dürre 2019, die große Teile der von Armut betroffenen Provinzen Kambodschas austrocknete, war eine Folge des Klimawandels und der Staudammentwicklung. Der unkontrollierte Sandabbau aus Flussbetten beeinträchtigt die Grundwasserspeicherung. Die Abholzung von Wäldern kann Abflüsse erhöhen und gleichzeitig die Grundwasserneubildung verringern.

Laos, Kambodscha, Thailand und Vietnam haben bereits Staudämme zur Stromerzeugung entlang des Mekong gebaut und planen weitere. Welchen Einfluss haben diese Infrastrukturprojekte auf die Wassersicherheit in Kambodscha?

Überschwemmung und Dürre sind Formen von Wasserunsicherheit. Der Staudammbau würde den jährlichen Überschwemmungszyklus des Tonle Sap Sees verändern, überschwemmten Wald als Lebensraum für Fische verkleinern und die Vegetation im See verringern.

Der Überschwemmungszyklus ist zunehmend unregelmäßig geworden, was sich auf landwirtschaftliche Produktion und Fischerei und damit auf die Lebensgrundlage der Menschen auswirkt. Dieses macht Bäuer*innen und Fischer*innen zu schaffen. So waren bei der Sturzflut 2020 in Kambodscha über 200.000 Menschen betroffen. Häuser und landwirtschaftliche Felder wurden zerstört.

Auch Dammbrüche sind ein Problem. Einige Dammkonstruktionen sind nicht ausreichend standardisiert. Der Dammbruch 2018 in Laos war eine Katastrophe für Laos und Kambodscha. Tausende von Kambodschaner*innen wurden damals vertrieben. Außerdem stellte die laotische Regierung 2019 fest, dass zehn kleinere Dämme, die gebaut wurden, nicht dem gängigen Standard entsprechen.

Die Kosten für die Zukunft sind beängstigend. Der derzeitige Ausbau der Wasserkraft wird die Intensität der Dürre, die Verringerung des Sedimentflusses und die Veränderung der Fischwanderung verstärken.

Wie führen die regelmäßig auftretenden Überschwemmungen zu wirtschaftlichen Einbußen, Sachschäden, Krankheiten und Armut?

Überschwemmungen in Städten führen zu direkten und indirekten finanziellen Verlusten, indem sie Eigentum, Unternehmen und die öffentliche Infrastruktur beschädigen und die Produktivität verringern.

Die städtische arme Bevölkerung, die in informellen Siedlungen lebt, steht aufgrund von niedriger Wohnqualität, unsicheren Grundbesitzverhältnissen und schlecht bezahlten Jobs vor enormen Herausforderungen. Städtische Überschwemmungen verschmutzen das Wasser vor allem in Slums. Das mit Bakterien verseuchte Flutwasser kann bis zu acht Monate im Jahr stehen bleiben. Das kann die Zunahme von Dengue-Fieber, Hautkrankheiten und vielen anderen Krankheiten verursachen. Die Menschen müssen Arztbesuche aus eigener Tasche bezahlen, was sie wiederum in die Armut treibt.

Die Überschwemmungen in der Stadt im vergangenen Jahr haben gezeigt, wie destabilisierend diese Ereignisse auch für die Mittelschicht sein können. Wenn die Urbanisierung in überschwemmungsgefährdeten Gebieten fortschreitet oder sogar zunimmt, werden die Menschen neuen Risiken ausgesetzt. Die Bevölkerung wird in Zukunft einen hohen Preis für Überschwemmungen zahlen.

Welche Rolle spielt Covid-19 beim Zugang zu Wasser?

Als der Impfstoff noch nicht verfügbar war, bestand die wichtigste Maßnahme gegen Covid-19 darin, sich häufig die Hände mit sauberem Wasser zu waschen. Die arme Stadtbevölkerung, die in Bezirken 20 km vom Stadtkern Phnom Penhs entfernt lebt, hat keinen Zugang zu sauberem Wasser. Auch 77 Prozent der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten Kambodschas haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Desinfektionsmittel sind unerschwinglich.

COVID-19 legt also die tiefsitzende Ungleichheit im Zugang zu Wasser in Kambodscha offen. Diejenigen, die im Zentrum von Phnom Penh leben, haben privilegierte Zugänge zu sauberem Wasser und Desinfektionsmitteln, während diese für die Armen in der Stadt und auf dem Land fast unerreichbar sind.

Warum ist Wasser-Governance wichtig für den Mekong?

Wasser-Governance ist aus vielen Gründen wichtig. Erstens verbessert es den Informationsaustausch zwischen den Anrainerstaaten. Zweitens könnten die Länder eine gemeinsame Planung, Bewirtschaftung oder Investition als Ausgangspunkt haben, um die Vorteile von nachhaltiger Entwicklung zu teilen. Drittens fördert es Gerechtigkeit und Effizienz der Wasserverteilung zwischen Ländern. Der Weg zu einem robusten Wasser-Governance-System und Mechanismen zur Beilegung von Streitigkeiten sind eine riesige Herausforderung.

Eine gute Nachricht ist, dass die Mekong River Commission kürzlich eine neue 10-Jahres-Entwicklungsstrategie und einen 5-Jahres-Strategieplan veröffentlicht hat, um einige Herausforderungen anzugehen und den Zustand des Flussbeckens zu verbessern.

Wie wird China im Mekong-Delta wahrgenommen?

Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, welche Rolle China im Mekong spielt. Kritiker*innen Chinas argumentieren, dass die Hilfe und Unterstützung der Lancang-Mekong-Kooperation [ein 2016 gegründetes multilaterales Forum für die Zusammenarbeit zwischen den Anrainerstaaten des Lancang/Mekong. Lancang heißt der chinesische Teil des Mekong; Anm. d. Red.] ein außenpolitisches Instrument ist. China hat die Macht, den Wasserhahn auf- oder zuzudrehen, wodurch die flussabwärts gelegenen Länder gezwungen werden könnten, Pekings Außenpolitik zu folgen. Die gesamte Speicherkapazität von Chinas Megastaudämmen beträgt 47 Milliarden Kubikmeter, was etwa 10 Prozent des gesamten jährlichen Durchflussvolumens des Mekong ausmacht; in der Trockenzeit stammen jedoch etwa 40 Prozent des Wassers im Mekong aus Chinas Abfluss.

Es gibt andere Standpunkte, die argumentieren, dass China bereit ist, sich mit anderen Anrainerstaaten auseinanderzusetzen. Dies erleichtere die Zusammenarbeit und die Diskussion zum Management der Wasserressourcen und nachhaltiger Entwicklung. China hat wenig Interesse, verbindliche Regeln zu entwickeln. Andere Anrainerstaaten haben das auch nicht. Alle Staaten bauen ihre eigenen Wasserkraftdämme. Mindestens 42 Staudämme im 3S-Einzugsgebiet werden aktuell mit wenig regionaler Koordination gebaut.

Ich persönliche denke, dass mehr Engagement von China ein gutes Zeichen ist. Die Länder könnten sich mehr in die Diskussionen einbringen. Es gibt Projekte, an denen sie gemeinsam arbeiten könnten. Um eine nachhaltige Zukunft für den Mekong aufzubauen, sollte kein Land außen vor gelassen werden.

Interview und Übersetzung aus dem Englischen von: Anna Grimminger

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  • Dominik Hofzumahaus ist Südostasienwissenschaftler und beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten von Entwicklung, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit.
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  • Anna Grimminger studiert an der Universität Duisburg-Essen Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik. Zuvor hat sie an Universität Bonn ihr Bachelorstudium in Politik- und Südostasienwissenschaft mit Fokus Indonesien abgeschlossen. Sie ist Vorstandsmitglied der Stiftung Asienhaus.

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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Editorial südostasien 2/2020:
Food for thought – Essen und Trinken in Südostasien

Südostasien ist von seiner beinahe 500-jährigen Kolonialgeschichte geprägt, während der die heutigen Nationalstaaten der Region (in verschiedenem Maße) den politischen und wirtschaftlichen Interessen von Mächten des globalen Nordens unterworfen waren. Auch Jahrzehnte nach Ende des westlichen Kolonialismus in der Region – als letzter Staat erklärte 1984 Brunei seine Unabhängigkeit von Großbritannien – finden sich Spuren dieser Kolonialgeschichte überall in Südostasien, etwa in Sprache, Architektur, Gesetzestexten, Küchen oder Denkmälern.

Darüber hinaus manifestieren sich Hinterlassenschaften des Kolonialismus in der Kontinuität von kolonialen Machtstrukturen (vgl. dazu südostasien Ausgabe 2/2021 zum Thema Hegemonie), beispielsweise in wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen sowie Migrationsströmen und Diaspora-Gemeinschaften zwischen ehemaligen kolonisierenden und kolonisierten Staaten (vgl. dazu südostasien Ausgabe 4/2020 zum Thema Diaspora).

Auch in vielen Ländern des globalen Nordens finden sich zahlreiche Spuren dieser wechselseitig verflochtenen Geschichte – unabhängig davon, ob sie selbst Kolonien beherrschten oder von kolonialen Strukturen profitierten. Nicht immer werden etwa Artefakte in europäischen Museen in diesem Kontext betrachtet. Doch inzwischen findet in vielen Ländern des globalen Nordens eine zunehmend kritische Auseinandersetzung mit der eigenen unterdrückerischen und ausbeuterischen Vergangenheit statt.

Die vorliegende Ausgabe der südostasien befasst sich aus unterschiedlichen Perspektiven und auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen mit Spuren des Kolonialismus in Südostasien und Europa. Thematisiert werden Diskurse zur Erinnerung an die koloniale Vergangenheit ebenso wie zu den Beziehungen zwischen ehemaligen Kolonialmächten und Kolonien.

Die Erinnerung an den Kolonialismus spielt eine wichtige Rolle im postkolonialen Südostasien. Dieses Jahr ist für die Philippinen besonders bedeutend, wo ein 500-jähriges Jubiläum verschiedene Ereignisse in die kollektive Erinnerung bringt, von der Einführung des Christentums über die Rolle des Landes bei der Magellan-Elcano-Weltumsegelung bis hin zum Sieg von Lapulapu in der Schlacht von Mactan gegen die spanischen Invasoren. In ihren Artikeln geben Luis Zuriel Domingo und John Lee Candelaria kritische Einblicke in die Quincentennial Commemorations 2021. Das Gedenken an diese historischen Ereignisse wurde nicht nur dafür kritisiert, dass es alternative und lokalisierte Perspektiven auf die Geschichte der Philippinen ignoriert, sondern auch, weil es von Rodrigo Dutertes verzerrter Geschichtspolitik überschattet wurde.

Oliver Tappe befasst sich in seinem Artikel mit den fragmentierten Diskursen zum französischen Kolonialismus und dem Unabhängigkeitskampf im heutigen Laos, in welchem die Erinnerung fortbesteht, auch wenn die Zeitzeug*innen der Kolonialherrschaft inzwischen verstorben sind. In Gladhys Ellionas Artikel setzt sich die Autorin mit dem 2018 eröffneten Multatuli-Museum in West-Java, Indonesien, auseinander. Das Museum behandelt Leben und Werk des gleichnamigen Autors – ein Pseudonym des niederländischen Kolonialbeamten Douwes Dekker – und die koloniale Ausbeutung, die er in seinem 1860 erschienenen Roman Max Havelaar anprangerte.

Fritz Möller und Simon Barthel führen die Stadtentwicklung Jakartas entlang ethnischer und sozialer Linien auf die Politik der holländischen Kolonialverwaltung zurück. Sie zeigen wie diese historisch gewachsene urbane Segregation von sozialen Klassen und Ethnien derzeit in Gestalt neuer Superblocks für die wachsende Mittelschicht eine Renaissance erlebt.

Im Zuge zivilgesellschaftlicher Kritik und immer wieder auch Rückgabeforderungen aus ehemaligen Kolonien müssen sich ethnologische Museen und Sammlungen im globalen Norden heute zunehmend selbstkritisch mit ihrer eigenen kolonialen Geschichte auseinandersetzen. Sonja Mohr, Annabelle Springer, Caroline Bräuer und Carl Deußen geben aus ihrer kuratorischen Arbeit im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln Einblicke in die Provenienzforschung zu Objekten, die während der Kolonialzeit erworben wurden, und in die Bemühungen, in diesem Zusammenhang eine (selbst-)kritische Ausstellungspraxis zu kreieren. Im Interview mit Stefanie Zinn diskutieren Ashley Thompson und Stephen Murphy über die Rückgabe von geraubten Kulturgütern und über die Frage, was Restitution leisten kann.

Dies sind einige Einblicke in die fortlaufend wachsende Zahl von Artikeln, die Sie/Ihr in den kommenden drei Monaten in dieser Ausgabe zu Kolonialismus und kollektiver Erinnerung hier bei der südostasien lesen können/könnt.

Wir wünschen Ihnen/Euch eine spannende Lektüre und interessante Erkenntnisse. Zudem möchten wir auf die kommende Ausgabe 4/2021 der südostasien zum Thema Rassismus und Polizeigewalt verweisen, für die potenzielle Autor*innen noch Artikel einreichen können. Hier geht’s zum Call for Papers.

Das Redaktionsteam

Die Autor:innen

  • Kathrin Spenna ist Südostasienwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied des philippinenbuero e.V.

  • Dominik Hofzumahaus ist Südostasienwissenschaftler und beschäftigt sich mit verschiedenen Aspekten von Entwicklung, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit.
    Desweiteren arbeitet er in verschiedenen Projekten zu Demokratiebildung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

  • Anna Grimminger studiert an der Universität Duisburg-Essen Internationale Beziehungen und Entwicklungspolitik. Zuvor hat sie an Universität Bonn ihr Bachelorstudium in Politik- und Südostasienwissenschaft mit Fokus Indonesien abgeschlossen. Sie ist Vorstandsmitglied der Stiftung Asienhaus.

  • Jörg Schwieger ist evangelischer Theologe und Germanist. Er war von 1982 bis 1986 Geschäftsführer der Aktionsgruppe Philippinen und von 1987 bis 1991 Geschäftsführer des philippinenbüro e.V. sowie danach langjähriger Mitarbeiter im kirchlichen Entwicklungsdienst mit unterschiedlichen (Leitungs-) Funktionen. Er ist freiberuflicher Berater und ehrenamtlich zu Asien, in der personellen Entwicklungszusammenarbeit und lokal zu Integration und kultureller Teilhabe engagiert.

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