2 | 2026

“Auf dem Meeresboden lagen lauter bunte Plastikverpackungen”

„Ship it Back“ Kampagne auf der Rainbow Warrior III in Manila © Mirjam Overhoff

Südostasien/Europa: 2019 machte Greenpeace mit Aktionen weltweit auf die Plastikverschmutzung aufmerksam. Doch die Plastikkrise hält an.

In Manila, in Rotterdam, in Köln und in Basel positionierten Aktivist:innen der Nichtregierungsorganisation (NGO) Greenpeace im März 2019 bunte Plastikmonster. Das Ziel: Auf die weltweite Verschmutzung durch Plastik aufmerksam machen, und zwar auch dort, wo die Profiteur:innen der Plastikkrise sitzen.

Der europäische Teil der internationalen Greenpeace-Kampagne richtete sich deshalb mit der Aktion „Ship it back“ (dt.: Schiff es zurück) an jene Unternehmen, die einen Großteil des Plastikmülls produzieren – beispielsweise Unilever oder Nestlé. In den Philippinen beteiligte sich Greenpeace Philippines mit dem Projekt „Ship The Plastic Monster Back“ (dt.: Schiff das Plastikmonster zurück) an der Aktion. Mit dem Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior III segelten Aktivist:innen durch die Gewässer des Archipels.

Plastikkrise: 2019 und heute

Gut sechs Jahre nach der Greenpeace-Kampagne von 2019 ist die Frage weiter aktuell, wer die Verantwortung für die Plastikkrise trägt. Zahlen und Berichte zeigen: Der Müll ist trotz strengerer Gesetzgebung und Absichtserklärungen von Unternehmen, Einwegplastik zu reduzieren, nicht weniger geworden. Dazu kommt: Wohlhabende Industrienation bürden ihre eigene Müllproblematik über Müllexporte Ländern des Globalen Südens auf.

Manfred Santen vor der Beluga © Mirjam Overhoff

Ab dem 21. November 2026 wird sich auf der politischen Ebene etwas ändern: Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) tritt in Kraft. Damit gelten strengere Regeln für die Recycelfähigkeit von Plastikmaterialien sowie für deren Ein- und Ausfuhr. Die Verordnung gilt zunächst bis zum 21. Mai 2029. Was sie bewirken kann, bleibt abzuwarten. In der südostasien blicken wir anlässlich der neuen EU-Verordnung auf die Aktionen aus dem Jahr 2019 zurück.

Im Interview mit der südostasien berichtete Manfred Santen im Jahr 2019 von den Auslösern, die zur Idee der ‚Plastikmonster ’ führten. Santen ist Chemieexperte bei Greenpeace Deutschland und als Koordinator der Kampagne in Deutschland an der Aktion beteiligt. Es reiste aber selbst auch in die Philippinen und nach Malaysia. Vor Ort unterstütze er Kolleg:innen bei Aktionen gegen die Plastikverschmutzung.

Die Verantwortung der Unternehmen

Bereits im Jahr 2017, also zwei Jahre vor der Müllmonster-Aktion, organisierte Greenpeace Deutschland gemeinsam mit der Umweltorganisation Break free from Plastic – Philippines ein Küstenreinigungs-Projekt auf der Freedom Island vor Manila. Die Aktivist:innen fanden bestätigt, was ohnehin schwer zu übersehen ist: „In der Manila Bay (dt.: Manila-Bucht) ist das globale Plastikproblem extrem sichtbar. Plastikmüll türmt sich besonders an Orten ohne geregelte Müllentsorgung regelrecht auf“, sagte Santen. Die Umweltschützer:innen dokumentierten, welche Markenverpackungen ihnen am häufigsten begegneten: „Wir haben 54.000 Plastiktütchen nach Marken aufgelistet und eine Rangliste erstellt: Die multinationalen Konzerne Nestlé, Unilever und Procter & Gamble (kurz: P&G) lagen auf den ersten Plätzen“, sagte Santen. Weitere europäische, US-amerikanische und philippinische Marken seien zudem vertreten gewesen.

Plastikmonster bei der „Ship it Back“ Kampagne in Köln © Mirjam Overhoff

Die Folgen der Plastikverschmutzung sind verheerend für Mensch und Natur. Insbesondere nicht-recycelbares Plastik belastet die Ökosysteme, denn Plastik verrottet nicht: Laut Expert:innen sind Mikroorganismen nicht in der Lage, Kunststoffe vollständig zu zersetzen, es ist biologisch nicht abbaubar. Die Folge: Mikroplastikpartikel werden kontinuierlich kleiner, verschwinden aber nicht. Lagert das Material auf Deponien, wird es von Wind und Regen im Laufe der Zeit weitergetragen. Expert:innen beobachten, dass sich Kunststoffteile und -partikel weltweit anreichern, etwa an Stränden, in Meeresstrudeln und in Böden. „Wir haben Boden- und Wasserproben aus der Manila Bay entnommen und den reinsten Chemikaliencocktail vorgefunden“, sagte auch Santen.

Zu den Einwegkunststoffprodukten gehören zahlreiche Produkte des Alltags, wie kleine Verpackungsgrößen (Sachets), Wattestäbchen, Einweggeschirr, Strohhalme und Plastiktüten. Verbraucher:innen, die diese Produkte kaufen, haben oft keine andere Alternative. Die Verantwortung sehen Umweltschützer:innen daher bei den produzierenden Unternehmen. „Wir sehen in der Reduzierung von Einwegplastik den dringendsten Handlungsbedarf, der kein Abwarten mehr duldet“, betonte Santen. „Gemeinsam mit Break free from Plastic anderen NGOs wie Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA) oder der Mother Earth Foundation wollten wir aktiv werden“, sagte Santen. Also: „Den großen Plastikmüllproduzent:innen ihren Müll zurückbringen – ship it back“.

Aktionen in den Philippinen und in Europa

In Europa schickten die Umweltschützer:innen ein aus Plastik gebautes Monster auf dem deutschen Greenpeace-Schiff Beluga II den Rhein hoch. „Den Startpunkt an der Mündung zum Meer haben wir bewusst in Rotterdam, an der Unilever-Zentrale, gewählt“, sagte Santen. Die niederländischen Greenpeace-Gruppen organisierten einen Rave mit hunderten Leuten und setzten das Plastikmonster mehrere Tage in Szene. In Köln informierte Greenpeace Deutschland drei Tage mit Musik und Vorträgen über die Kampagne – und natürlich fuhr auch hier das Plastikmonster den Rhein hoch. In Basel fand ein Festival zum Thema Plastik statt. „Vevey am Genfer See war unser Ziel, da dort die Firmenzentrale von Nestlé liegt“, sagt Santen. Die Firmenleitung räumte schließlich ein, dass Recycling allein nicht die Lösung des Problems sein kann. „Aber außer den Absichtserklärungen, in Zukunft die Ware mit weniger Plastik zu verpacken, ist aus der Nestlé-Zentrale keine haltbare Aussage gekommen“, sagte Santen.

„Ship it Back“ Kampagne auf der Rainbow Warrior III © Mirjam Overhoff

„In den Philippinen haben wir uns auf Aktionen mit der Rainbow Warrior III in der Manila Bay und auf die Tour von Manila bis nach Cebu City konzentriert“, sagt Santen. Die Manila Bay veranschauliche, wie gravierend die Folgen der Plastikverschmutzung in den Philippinen sind. Quer durch die Manila Bay fahren mehrmals am Tag riesige Schiffe mit Plastikmüll von einer zur anderen Seite der Bucht, wo die Mülldeponie liegt. Wenn starke Winde über die Bucht hinwegfegen, fliege der Müll direkt ins Meer.

Nicht weit von Manila liegt die Isla-Verde-Passage, eine Meerenge zwischen den Inseln Luzon und Mindoro. Es ist eines der artenreichsten Unterwassergebiete weltweit. „Unser Team hat die Schönheit dieser Unterwasserwelt erkundet und die Plastikverschmutzung unter Wasser dokumentiert“, sagt Santen. „Wir haben die große Artenvielfalt und Korallenriffe bestaunt. Aber wir waren auch frustriert, da unter Wasser kleine bunte Tütchen von Nescafé, Maggie und anderen auf dem Meeresboden lagen und schwammen“, berichtet Santen weiter. Für die Natur und auch für den Tourismus sei die Müllverschmutzung im Meer fatal, denn der Müll bleibe und verschwinde nicht.

Recyclen ist gut, Plastik reduzieren besser

Die Plastikverschmutzung ist ein weltweites Problem. „Global gesehen werden weniger als 10 Prozent des Plastikmülls recycelt“, sagte Experte Santen. Rund 12 Prozent würden verbrannt und deutlich über 70 Prozent landeten auf wilden oder schlecht kontrollierten Deponien, führte der Experte im Interview 2019 aus. Für die Bundesrepublik sahen die Zahlen ähnlich aus: „In Deutschland wird ein Großteil des Plastikmülls in Verbrennungsanlagen verbrannt“, sagte Santen. Die deutsche Recycling-Quote liege bei etwa 25 Prozent. Gut die Hälfte des Plastikmülls werde verbrannt. Das restliche Viertels des Plastikmüll verschwinde auf heimischen Deponien – oder im Export: „Plastikmüll wird nach Südostasien, beispielsweise nach Malaysia, Indonesien oder Thailand exportiert“, sagte Santen.

Laut der NGO Naturschutzbund Deutschland (Nabu e.V.) exportierte Deutschland im Jahr 2025 insgesamt rund 813.000 Tonnen Plastikabfälle. Damit sind über zehn Prozent des insgesamt in Deutschland erzeugten Kunststoffmülls im Ausland gelandet. Knapp 200.000 Tonnen davon gingen nach Malaysia, Indonesien und Vietnam. Offiziell soll der Müll dort recycelt werden – und so fließt das exportierte Plastik statisch sogar in die deutsche Recyclingquote ein. Doch in den Zielländern sind die Recyclingkapazitäten für den zusätzlichen Müll nicht vorhanden und die Kontrollen nicht streng genug. Die Folge: Der Müll verschmutzt die Umwelt vor Ort.

Exportschlager Plastikmüll am Beispiel Malaysia

Greenpeace hat im Jahr 2018 den Report ,The Recycling Myth´ veröffentlicht (siehe Interview mit Greenpeace Malaysia in dieser Ausgabe). Greenpeace-Experten Santen war in Malaysia vor Ort und kannte den Bericht. „Trotzdem war ich überrascht, wie viel deutscher Abfall auf den Mülldeponien lag“, berichtete Santen. Er sei auf einen hohen, unsortierten Müllberg geklettert. „Wir fanden 50 verschnürte Ballen Haushaltsmüll ausschließlich mit deutschen Etiketten“, sagte Santen.

Plastikmüll im Barangay Baseco im Hafengebiet von Manila. Das Gebiet soll Teil der Landgewinnungs-Projekte in der Bucht von Manila sein © Mirjam Overhoff

Greenpeace-Experte Santen beschreibt den Export-Prozess für Malaysia im Interview 2019 : Der deutschen Haushaltsmülls werde zu Ballen gepresst und Richtung Asien verschifft. Da China seit dem Jahr 2018 Müllimporte in die Volksrepublik größtenteils unterbunden hat, gelangt noch mehr deutscher Müll in südostasiatische Länder wie Malaysia, Indonesien und Vietnam. Dort verarbeiten Unternehmen verwertbare Materialen und verkaufen sie weiter. Was nicht verwertbar ist, bleibt und häuft sich auf Müllkippen vor Ort an. Beispielsweise Verpackungen, in denen recycelbare und nicht-recycelbare Kunststoffe verbunden sind: „Ich habe Verpackungen europäischer Unternehmen gesehen, die wegen des dreilagigen Materials und eingesteckter Strohhalme nicht weiterverwertet waren“, sagte Santen.

Das Unternehmen, dessen Verpackung Santen 2017 in Malaysia fand, will laut eigener Webseite, dass bis zum Jahr 2030 im Einklang mit der EU-Direktive „nahezu alle Verpackungen vollständig recycelbar sind“ . Gleichzeitig erweitert das Unternehmen seine Produktpalette und baut neue Produktionsstandorte. Umwelt-Aktivist:innen dürften ein anderes Verständnis von unternehmerischer Umweltverantwortung haben.

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Autor:in

  • Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

Mirjam Overhoff

Mirjam Overhoff ist Sozialwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des philippinenbüro e.V. in Köln. Seit 2013 arbeitet sie intensiv zum Thema Migration und Diaspora rund um die Philippinen. Weitere Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Politik, Stadtentwicklung, Klima und der Umgang mit Müll in den Philippinen.

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