Estrella Flores-Catarata Rise for the love of rice: FARDECs Fairtrade-Projekt (Teil I) - südostasien

2 | 2018, Philippinen,
Autor*in: Estrella Flores-Catarata

Rise for the love of rice: FARDECs Fairtrade-Projekt (Teil I)

Die Reispflanze – Ursprung des Hauptnahrungsmittels für 107 Mio. Filipin@s © https://www.maxpixel.net/Organic-Rice-Food-2411088

Die Reispflanze – Ursprung des Hauptnahrungsmittels für 107 Mio. Filipin@s © Maxpixel.net

In den Philippinen ist Reis ein politisches Gut. Die große Mehrheit, wenn nicht gar die gesamte Bevölkerung, ernährt sich primär von Reis. Der Reiskonsum liegt bei circa 123 kg Reis pro Kopf pro Jahr. Als relativ stabiles Getreide ist es eines der bedeutendsten landwirtschaftlichen Güter in den Philippinen, wobei es mehr als 4 Millionen Hektar des 12 Millionen Hektar umfassenden landwirtschaftlich nutzbaren Landes einnimmt.

 

Von der Vielfalt zur Einfalt: Die „grüne Revolution“

Bevor die „Grüne Revolution“ in den 1970er Jahren in dem Land Einzug gehalten hat, verfügte der Inselstaat über mehr als 4000 traditionelle Reissorten, welche an das Klima und die Topographie des Landes angepasst waren. Diese Sorten waren sowohl an das Tief- als auch an das Hochland angepasst.

Möglicherweise war die Tatsache, dass das International Rice Research Institute, welches all diese Risesorten studiert und erforscht, in Las Banos, Laguna, angesiedelt worden war, eine der Ursachen, die zu der Implementierung der „Grünen Revolution“ unter dem damaligen Präsidenten Ferdinand Marcos geführt hatte. Die „Grüne Revolution“ bezeichnet die Einführung des „Wunderreis“ und die Heranführung philippinischer Reisbauern an Hochleistungssorten. Dabei wurden Düngemittel und Pestizide intensiv und extensiv genutzt.

Das Land war in der Lage, Reis zu exportieren. Ironischerweise kam es in den Jahren 2008 bis 2010 dazu, dass die Philippinen, ein Agrarstaat und achtgrößter Reisproduzent der Welt, den weltweit höchsten Import an Reis zu verzeichnen hatten. 2,600 Millionen Tonnen Reis wurden aus Ländern wie Thailand, Indien, Vietnam, China und Kambodscha importiert. Zu diesem Zeitpunkt betrug der horrende Preis für einen Kilo Reis mehr als 60 Pesos (~1€, Anm. d. Red.).

Unterbezahlte Bauern und Kartelle im Reishandel

Nach diesem Zwischenfall fielen die Preise zwar ein wenig, stiegen danach aber wieder an. Aktuell kann importierter Reis mit niedriger Qualität für durchschnittlich 40 Pesos das Kilo erworben werden, Reis mit mittlerer Qualität kostet ungefähr 60 Pesos und Reis guter Qualität 85 – 95 Pesos. Diese horrenden Preise für philippinische Konsument*innen sind Folge einer komplexen Situation, angefangen mit dem jahrhundertealten Problem, dass philippinische Bauern über zu wenig Land verfügen und keine Kontrolle über das landwirtschaftlich nutzbare Land haben, bis hin zu der Tatsache, dass die philippinische Regierung es versäumt, sich ihrer Rolle anzunehmen und lokale Agrarproduktion zu stärken, den Preis zu regulieren und die Distribution auf dem Markt zu steuern – alles Aufgaben, die eigentlich der National Food Authority (NFA) zukommen. Das Resultat dabei: unterbezahlte Bauern und Bäuerinnen, wobei die Investition in das Einpflanzen überteuert ist. Dadurch behalten Kartelle die Oberhand im Markt.

In der FARDEC-Reismühle geht es für die Bäuer*innen fair zu. © Kelly Steele, flickr

Dabei ist Bohol das Herzstück der Reisproduktion in den Zentral-Visayas mit 14 Gemeinden, welche Reis anbauen. Einige der Reisbauern und –bäuerinnen sind in der Gruppe Hugpong sa mag mag-uumang Bol-anon (HUMABOL)* organisiert. HUMABOL ist in 20 städtischen Abschnitten der 46 Gemeinden innerhalb der Provinz aktiv. Wie im Rest des Landes gibt es auch auf Bohol eine Firma, die das Monopol innerhalb der Reisproduktion innehat – die Alturas. Wie operiert das Reis-Monopol auf Bohol? Sie legen das Auftragswesen und den Preis ab Hof fest und kontrollieren diese. Aufgrund der vorhandenen Kapitalausstattung, werden die Zwischenhändler bezüglich Auftragswesen und Preisfestlegung wie eine Art Platzhalter angesehen. Der Firma Alturas gehört zudem die größte Reismühle, sie hat die Kontrolle über den Reis-Handel und kontrolliert den Handelsverkehr und das Geschäft mit landwirtschaftlichen Produkten, wie Pestiziden. Man beachte, dass der Anbau von Reis seit der „grünen Revolution“ zunehmend vom Einsatz von Chemikalien beeinflusst wurde. Diese Situation zwingt Landwirte zum Kauf von Pestiziden und Herbiziden, die sich somit für den Erwerb verschulden und sich stärker in eine Abhängigkeit begeben, die ihre prekäre Situation nur verschlimmert.

Diese Situation veranlasste HUMABOL und die landwirtschaftliche Institution FARDEC (Central Visayas Farmers Development Center) dieses Problem gemeinsam zu adressieren. FARDEC stellte den Bäuerinnen und Bauern ihr nachhaltiges Projekt vor, welches mithilfe von HUMABOL durch eine Massenkampagne beworben wurde. Die Kampagne für Nachhaltige Landwirtschaft ist mühsam und bedarf der nachhaltigen Bildung und Ausbildung der Bäuerinnen und Bauern, die die letzten Jahrzehnte an die Verwendung von Chemikalien herangeführt worden sind.  FARDEC führte Studien durch, während HUMABOL eine stark unterstützte Kampagne veröffentlichte, die mittels einer Serie von Mobilisierungsversuchen und eines Dialogs mit der National Food Authority und Alturas einen Anstieg des Hof-Preises forderten. In der Mitte der 2000er Jahre wurde der nationale Hof-Preis von den Monopolen auf 8-10 Pesos pro Kilo gesetzt. HUMABOL forderte einen Anstieg auf 15 Pesos pro Kilo. Die Kampagne hatte dank ihrer starken Vernetzung und Mobilisierungskraft Erfolg und konnte einen Anstieg auf 12 Pesos erwirken, der in der Folge auf 15 Pesos und daraufhin auf 17 Pesos pro Kilo angehoben wurde. Dieser Erfolg führte zu der Entwicklung einer eigenen fairen Reismühle durch HUMABOL und FARDEC.

Eine alternative Reismühle

Das Projekt begann in den Jahren 2007 bis 2008, nachdem mehrere Treffen zwischen FARDEC und HUMABOL in den Gemeinden Trinidad, Ubay, San Miguel und Mabini stattgefunden hatten. In dieser Zeit führten die Gruppen eine Studie zur Realisierbarkeit der vorhandenen Ideen durch und beendete mithilfe von Expert*innen aus dem Umfeld der Entwicklungsarbeit ein Orientierungstraining, das das Management eines sozialen Unternehmens vorstellte. Das übergreifende Management wird primär von FARDEC gesteuert. Die Umsetzung des Projekts begann im Jahre 2009. So wurden ein  300m² großes Lagerhaus und eine Reismühle mithilfe der finanziellen Unterstützung von Brot für die Welt. Das 500m² große Grundstück, auf dem das Lagerhaus gebaut worden ist, wurde von der Trinidad Talibon Integrated Farmers Association (TTIFA) gesponsert. Dieses ist Teil der besetzten Fläche, die der Bohol Cattle Corporation gehört (BCC) – einer Firma, die eng mit dem Marcos-Clan verbandelt ist.

Das allgemeine Ziel des Projektes ist es, eine Steigerung der Einnahmen der Reisbäuerinnen und –bauern in der Provinz. Eine Maßnahme ist dabei beispielsweise der Kauf von Reis zu einem höheren Preis als Alturas bezahlen würde. Zahlt Alturas 19 Pesos pro Kilo, so würde FARDEC dementsprechend 50 Centavos mehr bieten. Zudem wurden 7 Satellitenzentren aufgebaut, zu denen Bäuerinnen und Bauern ihre Ernte ohne großen Aufwand transportieren können, da sie strategisch nah an den Feldern der Landwirte gelegen sind. Von dort aus wird die  Reisernte eingesammelt und zur zentralen Reismühle verfrachtet.

Die Außenstellen werden dabei von einem ausgewählten Mitglied der auf Dorf-Ebene agierenden Bauernorganisation geleitet. Für 40 Kilo vermittelten Reis zahlt FARDEC 20 Pesos, von denen 12 Pesos an diese leitende Person und 8 Pesos an die lokale Organisation gehen. Des Weiteren wird der gemahlene Reis an Akteure weiterverkauft, die sich solidarisch mit dem Projekt zeigen und ein gewisses Maß an Advocacy mitbringen. FARDEC unterstützt Individuen, Schulen, Firmen und Organisationen, die FARDEC-Reis zu einem fairen Preis verkaufen, wobei der Kontext, Entstehung und Auswirkungen des Produkts thematisiert werden. FARDEC-Reis wird als „frisch-geernteter, frisch-gemahlener und mit weniger Chemikalien auskommender Reis“ beworben.

Bio oder nicht Bio?

FARDEC Reis © Kelly Steele, flickr

Nebenbei wurde in das Projekt auch eine Kampagne zu ökologischem Anbau integriert, bei dem Bäuerinnen und Bauern eine Einführung in nachhaltigem Anbau und ökologischer Landwirtschaft bekamen, wobei als Anreiz ein Anstieg des Kaufpreises des Reis‘ um 50 Centavos diente. Das Umschwenken auf eine ökologische Landwirtschaft verlief jedoch angesichts der landwirtschaftlichen Praxis der vergangenen Jahre nicht von heute auf morgen. So wurde beim Anbau versucht, schrittweise weniger Pestizide zu nutzen, da es sonst zu einem dramatischen Ernteeinbruch kommen könnte. Erfahrungen zufolge ist der Wandel zu ökologischer Landwirtschaft ein langwieriger Prozess, der mit Fortbildungen und Überzeugungsarbeit einhergeht, wobei dieser Prozess nicht mit einem Zwang belegt werden darf. Die Bäuerinnen und Bauern müssen von sich aus erkennen, dass ökologischer und nachhaltiger Anbau Vorteile mit sich bringt und konkrete positive Beispiele erleben. Andernfalls benötigt es sehr viel Bildungsarbeit, Erfahrungen, Überredungskunst und Praxis, ehe der Wandel von herkömmlichem zu ökologischem Anbau gelingt.

Der geerntete und gemahlene Reis kann nicht strikt als „bio“ gekennzeichnet werden. Dies liegt insbesondere an den hohen Kosten, die mit dem Prozess einer Zertifizierung einhergehen. Außerdem kann der Zertifizierungsprozess auf Schwierigkeiten treffen, wenn ein Betrieb bereits ökologische Landwirtschaft betreibt, aber die umliegenden Farmen noch nicht vollends Bioanbau betreiben.

Jedenfalls geschieht der Handel von FARDEC-Reis zu einem fairen Preis. Die Bauernorganisationen und individuellen Mitglieder haben durch die Investition in das Auftragswesen ein Verantwortungsgefühl für die Reismühle und das Lagerhaus. Vier Mitarbeitende aus den umliegenden Gebieten kümmern sich täglich um die Mühle und das Lager, ebenso werden die Außenstellen von lokalen Mitarbeitenden geführt und betrieben. Einmal pro Erntesaison fragen die einkaufenden Arbeitskräfte nach einem geschätzten Betrag von FARDEC, den sie für die Reis-Beschaffung einzelner Bäuerinnen und Bauern aus der Umgebung benötigen.

Das ist der erste Teil des Artikels „Rise for the love of rice“ (hier geht’s zu Teil II).

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